In der Süddeutschen Zeitung vom 23.6. schreibt Felix Stephan über
gleich zwei grundlegende Missverständnisse …, von denen die Urheberrechtsdebatte in Deutschland immer noch begleitet wird. Erstens gibt es beim Urheberrecht weder ein ‚Sie‘ noch ein ‚Wir‘, sondern lediglich eine Gesellschaft, die vor dem Hintergrund neuer technologischer Bedingungen neue Formen des wirtschaftlichen Zusammenlebens finden muss. Und zweitens geht die Vorstellung fehl, dass die Verleger bei der anstehenden Neuausrichtung ihrer Geschäftsmodelle auf die Expertise der digitalen Pioniere, wie sie sich im Milieu des CCC und der Piratenpartei tummeln, verzichten könnten. …
Die wichtigsten Entscheidungsträger der deutschen Buchwirtschaft suchen ihr Heil indes noch immer in fatalistischer Kriegsrhetorik. In der Eröffnungsrede erklärte etwa der Vorsteher des Börsenvereins Gottfried Honnefelder, dass er es nach den Unterschriftensammlungen der ‚Tatort‘-Autoren und der ‚Urheber‘ begrüße, ‚dass die Fronten jetzt klar sind‘. Der Hanser-Verleger Michael Krüger unterstellte den Piraten eine ‚unheilige Verachtung der Kunst‘, attestierte der Gegenwart insgesamt eine ‚Raserei ohne Zentrum, ohne Ziel, ohne Utopie‘, erblickte außer dem ‚Triumph der Entsinnlichung‘ noch die ‚Enteignung der stolzen Gemeinschaft der Ichs‘ und erkannte im iPad eine der ‚Zerstreuungen des Netzteufels‘. Und die wunderbare Schriftstellerin Sibylle Lewitscharoff setzte sich für die Praxis ein, vierzehnjährige Kinderzimmer-Downloader anwaltlich abzumahnen. Außerdem befand sie, dass in unserer Welt ausschließlich dasjenige wertgeschätzt werde, was Geld koste. Lewitscharoff apodiktisch: ‚Ich hasse kostenlos.‘
Ob man kommende Lesergenerationen allerdings gewinnt, indem man ihnen ‚Schwarmdummheit‘ (der Vorsitzende des Schriftstellerverbandes Imre Török) und eine ‚Aufmerksamkeitsdefizitskultur‘ (Michael Krüger) attestiert, darf bezweifelt werden. Solange die deutsche Kulturelite auf diese Weise mit dem jungen Lesepublikum umgeht, wird sich die Piratenpartei um neue Wähler nicht sorgen müssen. /
Und noch drei schöne Sätze aus dem Artikel:
Und während woanders neue Einnahmequellen erschlossen werden, verweisen deutsche Verleger trübsinnig auf Zeiten, in denen es das alles noch nicht gab, und zitieren Hölderlin. …
Die deutschen Verleger müssten sich weniger vor der Zukunft fürchten, wenn sie aufhörten, ihre potenziellen Kunden mit Bezichtigungen und Klagen zu überziehen, und stattdessen auf ihre Bedürfnisse eingingen. …
Als Gunter Dueck kürzlich bei einem Vortrag auf die ‚Haptik des Buches‘ zu sprechen kam, meldete sich ein Sechzehnjähriger im Publikum und berichtete vom Haptischsten, das er sich überhaupt vorstellen könne: dem iPad 2.
Als ich las, dass Miron Białoszewski kein polnischer Gegenwartsdichter ist, dessen „jungen“ Tonfall ich zuletzt in der EDIT 57 kennenlernte, war ich nicht wenig überrascht. Und ich war regelrecht fassungslos, als ich las, dass Białoszewski a) dieser Tage seinen 90. Geburtstag feiern würde b) im sozialistischen Polen gedichtet hat c) schon tot ist. Und wieder einmal beschleicht mich das Gefühl, dass wir viel zu wenig wissen, von der Dichtung „da draußen“ außerhalb Deutschlands, was schon gemacht wurde, von dem wir keinen poetischen Schimmer haben, so sehr wir uns auch bemühen. Da sind die ambitionierten Übersetzungsvorhaben oft nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Und Miron Białoszewski ist dabei, soviel sei schon gesagt, eine sehr lohnenswerte Entdeckung. …
Miron Białoszewskis Gedichte sind Texte, die durch ihre lapidare Form extrem scharf werden, ganz als ob sie nur genau so sein können, wie sie sind. Und dennoch bringen sie winzige Details, auf die sonst niemand achtet, überlebensgroß zur Sprache – ein Loch in der Wand, ein Schlüssel bekommt riesige Aufmerksamkeit; Alltagsgegenstände werden zu Projektionsflächen psychischer Vorgänge. DIE BALLADE VOM HERUNTERGEHEN ZUM LADEN beschreibt mit groteskem Witz, wie jemand treppab, / stellt euch vor, / treppab aus seiner Wohnung in einen Laden geht, und was hörte ich? … was hörte ich? Geraschel von Beuteln und Menschengerede. // Und wirklich, ich bin wirklich / zurückgekommen. Auch alltägliche Begebenheiten, in die der Zufall hineinkichert, werden geradezu valentinesk umgekehrt; das hat beißenden Humor. Es wirkt alles erlebt und „nicht aus snobistischem Schaum gemacht, sondern vielmehr aus redlichem Schwarzbrot“, schreibt Jan Błoński. Und Tadeusz Sobolewski: „Białoszewski beschreibt die Welt … ein bisschen wie ein Ankömmling aus dem All, der sich zum ersten Mal die Erde ansieht“. / Armin Steigenberger, Poetenladen
Miron Białoszewski
Wir Seesterne
Gedichte, polnisch und deutsch
120 Seiten
Reinecke & Voß 2012
Ungarns Ministerpräsident spräche (könnten sie lesen) auch deutschen Rechten aus der Seele: „Wir sind von Geburt an stolz darauf, zur Gemeinschaft der Ungarn zu gehören.“ (Hier)*
Auch Ungarn hat seine Probleme mit Freigeistern und nationalistischen [also offenbar schlechten, M.G.] Lyrikern:
Der für „Kultur und nationales Kulturerbe“ zuständige Staatssekretär, de facto Kulturminister, Géza Szőcs, ist am Mittwoch „auf eigenen Wunsch“ zurückgetreten, Premier Orbán „akzeptierte das Rücktrittsgesuch“, so die offizielle Verlautbarung, und bat Szőcs zukünftig als kultureller Chefberater des Regierungschefs tätig zu bleiben, womit Orbán sein informelles Schattenkabinett weiter vergrößert. Szőcs zog selbstredend eine positive Bilanz seiner zweijährigen Tätigkeit, „viel wurde erreicht“, vor allem die kulturelle Präsentation seines Landes während der EU-Ratspräsidentschaft und in „der Phase der brutalen Angriffe“ gegen Ungarn, hätten positiven Effekt (Trianon-Teppich, Pálinka-Automat für EU-Parlamentarier?) für das Land gemacht, so Szőcs in seiner Rücktrittserklärung.
Szőcs spielt sich in seiner vor Selbstzufriedenheit geradezu triefenden Abtrittserklärung zum Freiheitskämpfer für die Bedrängten auf. Er hätte sich für den Erhalt der vom Abriss bedrohten Attila József Statue eingesetzt ebenso wie er „beschuldigte Philosophen“ in Schutz genommen habe (siehe Budais Philosophenhatz). Er habe dargestellt, dass die literarische Tätigkeit des István Csurka (ein kürzlich verstorbener Naziführer) von seiner dramatischen [sic] zu trennen sei, wie er auch würdigt, dass Siebenbürgen (Szőcs` Heimat) einmal eine namhafte Rolle im Werk von Tamás Gáspár Miklós (kommunistischer Philosoph und Autor) gespielt hat. Er habe nicht den Direktor des Nationaltheaters ausgetauscht (ein schwuler Linker, heftigst befehdet von der Rechten), als dies gefordert wurde, er sehe aber auch im Werk von József Nyirö (antisemitischer Politiker der 40er aus Siebenbürgen, Blut-und-Boden-Schriftsteller, dessen neulich geplante Urnenüberführung zu heftigem Streit mit Rumänien führte) nicht die Spur von „hasserfüllten oder inhumanen Worten“. In diesem Sinne sei er ein Freidenker gewesen und geblieben. / Pester Lloyd
Die Zeitung erklärt:
Szőcs` Ablösung stand mit dem Antritt von Zoltán Balog als neuem Minister für „Human Ressources“ (Bildung, Gesundheit, Soziales, Kultur, Sport, Jugend) eigentlich fest. Dieser will sich nach und nach eine eigene Mannschaft bilden, nächste auf der Streichliste ist Bildungsstaatssekretärin Hoffmann (vermutlich geht sie im Herbst, wenn das Bildungspaket durchgepeitscht wurde). Szőcs, ein Lyriker aus Siebenbürgen, der sich als Radio Free Europe- Aktivist und Dissident in Rumänien einen Namen machte, dessen Führungsstil wir aber aus erster Hand als nachtragend, rechthaberisch und kleingeistig erleben durften, war zwar auf Linie, aber vor allem administrativ vollkommen überfordert. Bereits im Januar 2011 schmiss sein Stellvertreter, Márton Kálnoki-Gyöngyössy, entnervt hin. Szőcs ist mit der Orbán-Familie, besonders Frau Orbán, gut befreundet, was die Berufung zum „Cheberater“ erklären hilft.
*) Hinweis für Deutsche: bevor Sie das Zitat gebrauchen, sollten Sie das zu Ändernde ändern, sonst wirds leicht komisch ;-)!
Die österreichische Presse fragte den Ministerpräsidenten zur Affäre um den ungarischen Dichter und Nazi-Politiker József Nyirö, der im Exil in Franco-Spanien starb und dessen „sterbliche Überreste“, wie man so sagt, jüngst in ungaro-rumänischer Erde bestattet werden sollten:
Unlängst wurden die sterblichen Überreste des ungarischen Dichters Jozsef Nyirö in einer sehr umstrittenen Aktion nach Rumänien gebracht, um dort bestattet zu werden. Er war ein Mitglied des nationalsozialistischen Pfeilkreuzler-Parlaments in der Szalasi-Ära. Und Ihr Parteifreund, Parlamentspräsident Laszlo Köver machte sich auf die Reise, um Nyirö umzubetten. Rumäniens Premier erwägt, Köver deshalb zur persona non grata zu erklären. Warum diese Provokationen?
Warum müssen Pietätsfragen mit politischen Fragen verwechselt werden? Wenn man jemanden beerdigen möchte, dann wird er beerdigt. Es ist für mich verwunderlich, dass das in Rumänien eine politische Frage ist.
Natürlich ist das ein hochsymbolischer politischer Akt, wenn Ungarns Parlamentspräsident eine solche Umbettung unterstützt.
Da widerspreche ich heftig. Vor Kurzem fand eine kleine Gedächtnisfeier für den kommunistischen Diktator Janos Kadar statt. Ich war natürlich nicht dort, aber es war ein Akt der Pietät, die Feier nicht zu untersagen. Die Argumentation bringt uns in Richtung homo sovieticus. Ich lehne jeden Diskurs ab, der das Privatleben von Menschen überpolitisieren will.
Kann man patriotische Lyrik verbieten? Leider ist ein geeigneter Passus im Strafgesetzbuch 1964 weggefallen, lese ich. Der schöne Passus hieß:
Die Theilnahme an einer Verbindung, deren Dasein, Verfassung oder Zweck vor der Staatsregierung geheim gehalten werden soll, oder in welcher gegen unbekannte Obere Gehorsam oder gegen bekannte Obere unbedingter Gehorsam versprochen wird, ist an den Mitgliedern mit Gefängniß bis zu sechs Monaten, an den Stiftern und Vorstehern der Verbindung mit Gefängniß von einem Monat bis zu einem Jahre zu bestrafen.
Die Verbindung zur Lyrik? Erstens liest es sich recht beseelt, und zweitens wurde es früh gegen Anhänger eines Lyrikers angewandt:
Seit das Deutsche Reich 1871 das später sogenannte „Reichsland Elsass-Lothringen“ annektiert hatte, forderten französische Nationalisten Revanche. Unter ihnen der Schriftsteller Paul Déroulède (1846-1914), dessen literarisches Schaffen – wie beim Jugoslawen Radovan Karadžić – aus Lyrik von zweifelhafter Qualität bestand. 1882 gründete er die „Ligue des Patriotes“, die nationalistische, antisemitische und antiparlamentarische Positionen vertrat. Zu den Zielen des Verbands zählte, Elsass-Lothringen heim nach Frankreich zu holen. Die Ligue mischte in der französischen Politik kräftig mit und hätte wohl auch einen Putschversuch gegen die republikanische Regierung unternommen, wäre der dazu auserkorene General Georges Ernest Boulanger ein weniger depressiver Charakter gewesen.
Nationalistische Propaganda lässt sich schwerlich in stiller Anonymität betreiben. Gleichwohl verurteilte das Reichsgericht (RG) am 13./18. Juni 1887 (Az. C.3/87) Angehörige der „Patriotenliga“ wegen Vorbereitung eines hochverräterischen Unternehmens sowie wegen Geheimbündelei.
Ich suche einen Text des besagten Monsieur Deroulède und finde erst einmal Wikipedia, wo im Französischen viele Bilder winken, wenn auch kein Gedicht. Immerhin erfahre ich, daß er zweimal ein Duell überlebte. 1892 schoß er sich mit Georges Clemenceau (den er der Korruption im Panamaskandal beschuldigte). Vor 300 Zuschauern und 2 Gendarmen schossen sie aus 25 m Entfernung 6 Kugeln ab – keine traf.
Und 1904 duellierte er sich wegen der Jungfrau Jeanne d’Arc mit Jean Jaurès. Von 2 Kugeln traf ebenfalls keine. (Von dem mit Clemenceau bei Wiki ein Bild).
Hier eins seiner Soldatenlieder, Le clairon, übersetzt von Google:
Die Luft ist sauber, die Straße ist breit,
Das Signalhorn ertönt die Ladung,
Die Zuaven singen,
Und dort oben auf dem Hügel
Im Wald oberhalb,
Sie beobachten sie warten
Das Signalhorn ist ein mutiger alt,
Und wenn der Kampf ist ernst,
Es ist ein harter Begleiter;
Er hat viele einen Kampf gesehen
Und trägt mehr als eine Stufe,
Von den Füßen nach vorne.
Er ist es, führt die Partei
Seine Trompete nie stolz
Hat mehr Gewicht gewinnt;
Und sein Atem der Flamme,
Hoffnung kommt auf die Seele,
Courage trifft den Kern.
Einer klettert, einer kurzen, gelangt man
Und das Schießen ist scharf,
Und andere sind geschickte
Als schließlich der Schrei fließt:
„Durch die Zusammenarbeit! Am Bajonett!“
Und wie wir das Holz zu gelangen.
Bei der ersten Entladung,
Das Signalhorn ertönt die Ladung
Fell, schlug ohne Rückgriff;
Aber, mit großer Anstrengung,
Führend im Kampf sowieso,
Die Bugle noch klingelt.
Und doch fließt das Blut,
Aber seine Hand, die es liefert,
Suspend für einen Moment Tod,
Und seine verzweifelte Note
Ausfällen der Nahkampf,
Das Signalhorn ertönt alten Encor.
Es ist da, auf dem Rasen lag,
Verachtend, hervorragende verletzt,
Alle Hoffnung und alle Hilfe;
Und auf seiner Lippe blutig,
Keeping seinen feurigen Trompete,
Es klingelt, klingelt es immer.
Dann in den Wald hinein gedrückt wird,
Seeing die Ladung ins Leben gerufen
Zuaven und springen,
Dann stoppt das Signalhorn,
Seine letzte Aufgabe erledigt ist,
Er beendet seinen Tod.
„Keine Reaktion auf das WWW“: an dieser Formel erkennt man sie ja. Heute Herr di Lorenzo.
In der Osterausgabe 2010 der Wochenzeitung „Die Zeit“ erschien erstmals die neue Seite „Die Zeit der Leser“. Es handelt sich hierbei um eine Seite, die ausschließlich aus Einsendungen der Leser besteht. Neben Texten gibt es auch Comics, Fotos, Gedichte, Kritzeleien oder „Grüße für einen anderen ,Zeit“-Leser“.
Das war keine Reaktion auf den Mitmachjournalismus des Internets, so der Herausgeber di Lorenzo. Er hatte „schon sehr lange die Idee, dass wir etwas Wertvolles verpassen, wenn wir die Einsendungen der Leser nicht nutzen“. Der Erfolg war durchschlagend: Es wurde zur meistgelesenen Seite der ganzen Ausgabe.
Mit dem Bestseller Les allumettes suédoises (Die schwedischen Zündhölzer) veränderte sich sein Leben. Er wurde in der ganzen Welt übersetzt. Über Nacht verwandelte er sich in einen Medienstar. Er war aktiv am Widerstand gegen die Deutschen beteiligt. Nach dem Krieg gründete er die Zeitschrift La Cassette, in der Paul Eluard, Alain Borne, René-Guy Cadou, Frédéric-Jacques Temple, Maurice Fombeure, Hervé Bazin und andere Dichter publizierten. Die Poesie blieb die große Leidenschaft seines Lebens. 1969 erhielt er den Großen Preis der Académie française für sein Gesamtwerk.
Er starb im Alter von 88 Jahren. / Jean-Claude Lamy, Le Figaro 28.6.
»zu den quellen ein intereligiöses sprechen hören und singen. veden torah bibel koran«
am 7. Juli 2012 10-14 Uhr
Galerie Peter Hermann
»Beamte des Himmels« und andere religiöse Gesänge
Darunter:
11.20 Uhr Hans Thill „Beamte des Himmels. Unfertige Angeologie nach Agamben“
Hans Thill
Die Heilige Herrschaft
1.
Sie tragen das Haar wie ein Rumi.
Mittlere Länge wo nicht lockig bis über
die Kehle. Sie wurden als Ibn Arabi
mit Klingen gestählt, spezialisiert
auf Nacken (die Freiheit der Nacken)
2.
der Schmutz der Welt lässt auch sie
nicht ganz kalt. Vor Rätseln reagieren
sie als Hirten oder Schwein aus
der Erde
3
männlich bis zur Nase und darüber von
horribler Intelligenz. Ein Wurm
kommt ihnen aus dem Mund, sobald
sie ihren Zorn verschweigen. Sie sind
nervös, schlafen dann doch
(…)
Galerie Peter Herrmann Potsdamer Straße 98 A 10785 Berlin 2. Hinterhof
Beide – Mauritz wie Wenzel – sind für Jürgen Nendza typische Beispiele für die starke hiesige Lyrikszene. Bei Literaturzeitschriften, spezialisierten Internet-Foren und einschlägigen Wettbewerben habe man das Talent erkannt. Schade findet er, dass Lyrik sonst oft wenig Aufmerksamkeit bekommt. «Es fehlt an der Wahrnehmung in der breiten Öffentlichkeit.» Auch hier ist die Frage nach dem Warum nicht schnell zu beantworten. Die großen Verlage schraubten ihr Lyrik-Programm stetig zurück, berichten Mauritz und die anderen. In den Feuilletons würde die Gattung nur selten rezensiert. Aber auch anderswo müsse mehr Lust auf Lyrik geweckt werden. Etwa in den Schulen. Dort setzte Nendza bereits mehrere Literatur-Projekte um. Andere Möglichkeiten, Lyrik wieder ins Bewusstsein der Menschen zu bringen, seien Veranstaltungen und eine entsprechende Berichterstattung. «Der Aachener Lyrik-Gipfel war so eine Veranstaltung. Da waren etwa Silke Scheuermann und Michael Lentz hier», erinnert sich Wenzel. Auch Lentz zählt zu den erfolgreichen Poeten der Region. Der gebürtige Dürener erhält im November den Walter-Hasenclever-Literaturpreis.
Das Literaturhaus Frankfurt startet ein Bildungsprojekt: das KOLLEG SCHÖNE AUSSICHT. Es ist für Lehrerinnen und Lehrer aller Fächer und Klassen aus Frankfurt und Umgebung. Die Zukunft einer Gesellschaft sind ihre Kinder. Die Zukunftsbildung dieser Kinder aber liegt in den Händen unserer Lehrerinnen und Lehrer. Und keine Zukunft kann sich bilden ohne Gegenwartsbewusstsein. Das Literaturhaus steht für die Beschäftigung mit unserer Gegenwart, aus literarischer Sicht, in Diskussionen, Gesprächen und Lesungen, vor allem aber durch das direkte Aufeinandertreffen mit den Künstlern, Kreativen und Wissenschaftlern unserer Zeit.
Das KOLLEG SCHÖNE AUSSICHT bietet Austausch auf Augenhöhe, vernetzt Kultur und Schule und setzt in der schulübergreifenden Gemeinschaft des KOLLEGs kreative Impulse: außerhalb des Lehrerzimmers, abseits der Lehrpläne, fernab von Zeitdruck und unabhängig von Stundenplänen. Das KOLLEG SCHÖNE AUSSICHT zeigt einen neuen Weg. Es geht nicht um Abos für Lehrer und Schulklassen. Es geht um den Wissensbedarf, um die Interessen und Bedürfnisse von Lehrerinnen und Lehrern. Das KOLLEG SCHÖNE AUSSICHT fördert Austausch und Freiräume, es schafft und eröffnet Ideenlandschaften und Sinninseln. In exklusiv und auf Wunsch arrangierten Begegnungen und Gesprächen werden Lehrerinnen und Lehrer mit Kunstschaffenden oder Institutionen zusammengebracht. Sie erhalten Einblicke, die nicht buchbar sind. Individualveranstaltungen und Bildungsangebote, Treffen mit Verlagen und Autoren, Übersetzern und Lektoren, Cutterinnen und Filmemachern stehen ebenso in Aussicht wie der monatliche Jour-Fixe. Das KOLLEG in den Räumen des Literaturhauses ist für die Lehrerinnen und Lehrer das Forum zum Mitreden, Gestalten und Diskutieren und dient als Plattform für Vorschläge und Anregungen, Gedanken und Entwürfe, Perspektiven und Standpunkte.
Unser Programm für Lehrer:
30.06. / 17 h
Gartenlesung in Franfkurt-Eschersheim mit Christian Lux und Simone Kornappel – nur nach Anmeldung
Von der geistigen Revolte des Surrealismus ging bei uns nie eine Gefahr aus. Spielerische Verfahren gab es immer, auch in der deutschsprachigen Lyrik, doch sobald es um Existenzielles geht, wird es ernst. Im Surrealismus dagegen fängt, wenn es existenziell wird, das Spiel erst an. Es besteht darin, sich in einen Zustand höchster Empfänglichkeit zu versetzen, eine Art Schöpfungstaumel, in dem die Wörter wie geladene Teilchen aufeinanderstoßen und überraschende neue Verbindungen eingehen.
Wie wohl kein anderer Schriftsteller hierzulande hatte sich der in Berlin lebende Lyriker Richard Anders diesem suggestiven Selbstbefreiungsprogramm verschrieben, mit kurzen Seitensprüngen zu anderen lyrischen Ausdrucksformen.
Der gebürtige Ostpreuße aus Ortelsburg kam zum Surrealismus wie noch jeder echte Surrealist: auf dem Pilgerpfad nach Paris. Es war Liebe, ja Treue auf den ersten Blick, als er in den sechziger Jahren André Breton vorgestellt wurde und an den abendlichen Treffen der Gruppe teilnehmen durfte. …
Seit Ende der sechziger Jahre hatte Richard Anders, der gelegentlich Lyrik aus dem Englischen und Französischen übersetzte, Gedichte und Prosa, Aphorismen und essayistische Studien veröffentlicht, etwa den Erzählungsband „Hörig“ mit Collagen des Autors (1997) und „Die Pendeluhren haben Ausgangssperre“ (1998). Besonders in den Jahren nach der Wende stieß er mit seinen Texten in Ost-Berliner Avantgarde-Kreisen auf größere Resonanz. 1998 erhielt Richard Anders den Wolfgang-Koeppen-Preis, 2007 den F.-C.-Weiskopf-Preis.
Anders hat in früheren Jahren viele bemerkenswerte Begegnungen gemacht, etwa mit Hans Henny Jahnn, dem damaligen „Finisten“ Peter Rühmkorf und – in Paris – mit Henry Miller, mit dem er lange Gespräche führte. Die Arbeit an seinen Tagebüchern, die ihn in den letzten Jahren beschäftigte, konnte er noch beenden. / Gabriele Killert, Tagesspiegel
Der amerikanische Lyriker Jeff Tagami starb in Santa Cruz im Alter von 57 Jahren. Er wurde 1954 in Watsonville als Kind philippinischer Einwanderer geboren. 1995 erschien er in der Dokumentation „The US of Poetry“ mit dem Gedicht “Song of Pajaro”, das einen Tag im Leben der Bauern im Pajarotal beschreibt. Prägend für sein Werk wurde die Geschichte des 22jährigen Filipino Fermin Tobera, der 1930 bei viertägigen Rassenunruhen ermordet wurde. Sein Tod wurde ihm zum Symbol für alles, was in den Beziehungen zwischen „Kaukasiern“ (Weißen) und Filipinos schief lief. Sie kamen und glaubten an Amerika, auch wenn ihre Träume zerschmettert wurden. Seine Gedichte holten die Asienamerikaner aus dem Schatten. / Kimberly White, Santa Cruz Sentinel 27.6.
Unbekannte Dokumente zu Leben und Werk des katholischen Autors Reinhold Schneider hat die Badische Landesbibliothek Karlsruhe für die Forschung erschlossen. Der Nachlass der 1994 gestorbenen Freiburger Schneider-Vertrauten Maria van Look enthalte bislang unveröffentlichte Manuskripte, darunter Gedichte, Briefe und Fotografien. Eine Bestandsübersicht ist seit Donnerstag online. / Badische Zeitung
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