Er war ein aufstrebender Lyriker, verkehrte in höchsten Künstlerkreisen – und zerbrach noch vor der Veröffentlichung seines ersten Gedichtbandes am Leben. Ernst Goll stürzte sich am 13. Juli 1912, gerade einmal 25-jährig, aus einem Fenster der Grazer Universität. „Wir haben wahrscheinlich an ihm einen bedeutenden Dichter verloren, ohne ihn zu besitzen“ schrieb Peter Rosegger, der Zeus im Literatenhimmel der damaligen Steiermark, zwei Monate später in einem Nachruf.
Golls engster Freund, der Murecker Autor Julius Franz Schütz, brachte noch im selben Jahr den Großteil seiner Gedichte unter dem bezeichnenden Titel „Im bitteren Menschenland“ heraus. Der im Berliner Fleischel Verlag erschienene Band verkaufte sich offenbar recht gut und zumindest bis zum Zweiten Weltkrieg hatten Golls Texte nicht nur in der Steiermark einen Fixplatz in so mancher lyrischer Hausapotheke. …
Nicht, ohne vorher die romantischsten und melancholischsten seiner Gedichte auszusortieren, bemächtigte sich 20 Jahre nach seinem Tod die nationalsozialistische Propaganda des Goll’schen Werkes. Er landete in der Schublade der die Fahne deutscher Kultur hochhaltenden Grenzland-Dichter. Während andere, ideologisch tatsächlich gefärbte steirische Dichter wie Ottokar Kernstock und Hans Kloepfer sich auch noch in der Nachkriegszeit großer Beliebtheit erfreuten, geriet Golls Dichtung weitgehend in Vergessenheit.
Erst mit dem Erscheinen einer zweisprachigen Ausgabe von „Im bitteren Menschenland/V trpki dezeli cloveka“ im Jahr 1997 in der Übersetzung von Vinko Oslak begann die Wiederentdeckung. / Salzburger Nachrichten
In der Nacht zum 17. Juli 1987 wurde der Schriftsteller Jörg Fauser auf der Stadtautobahn bei München von einem LKW überfahren und starb. Es war sein 43. Geburtstag. Die genauen Umstände sind bis heute nicht geklärt. Fauser gehörte zu den herausragendsten Autoren der deutschen Nachkriegsliteratur. Seit der Alexander Verlag in Berlin vor knapp zehn Jahren mit der Herausgabe von Fausers Gesamtwerk begann, wird der Schriftsteller nach und nach wieder entdeckt. Anlässlich seines 25. Todestages zeigt das Lichtblick Kino in Berlin noch bis zum 18.7. Christoph Rüters Dokumentation „Rohstoff – Der Schriftsteller Jörg Fauser“ (2006) sowie Hans-Christof Stenzels „C’est la vie Rrose“ (1976) – eine experimentelle Hommage an Marcel Duchamp, für die Fauser allabendlich während der Dreharbeiten die Dialoge schrieb.
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1984 war Fauser für den Bachmann-Preis nominiert, in der Jury saßen unter anderem Marcel Reich-Ranicki und Walter Jens. Sie stampften ihn in Grund und Boden, sie tobten über seine „schlechte Literatur“, verlachten ihn – während Fauser in sich hinein lachte, während das selbsternannte deutsche Literaturestablishment sich selbst demontierte. Es war der Tag, an dem man hätte aufhören müssen, diese traurigen Figuren ernstzunehmen./ Gerrit Wustmann, cineastentreff
Mein erster Text war eine Kontrafaktur von einem Gedicht des rumänischen Nationaldichters Mihai Eminescu. Ich hatte erstmals Rumänisch-Unterricht in der Schule und wollte meine Lehrerin beeindrucken. Wahrscheinlich war er es, bei dem ich früh ein wichtiges Prinzip begriff, dass es bei einem Gedicht auf die Sprachmelodie ankommt. Ich habe Eminescu auf der Lautebene imitiert. Für mich waren Rhythmus, Pausen, Synkopen, Kontrapunkte die eigentliche, strukturelle Ebene. Auf den Inhalt kam es mir nicht an; es war, glaube ich, ein romantisches, revolutionäres Liebesgedicht. Doch über das Melos habe ich begriffen, wie so ein Gedicht funktioniert – auch, oder gerade, über das Rumänische, das im Vergleich zum Deutschen eine ganz andere Klangtiefe, eine andere Grundmelodie hat. Später habe ich Heinrich Heines Gedichte in der Bibliothek meiner Mutter entdeckt – und mit ihm auch die Musik der deutschen Sprache. / Klaus Hensel im Gespräch mit faustkultur.de
Siehe auch klaushensel 2.0
Sie schreibt Gedichte über gynäkologische Situationen – ein Gynäkologe hat das Gedicht tatsächlich an der Decke seiner Praxis postiert, wo die Frauen während der Inspektion hinblicken. Eines ihrer kürzesten Gedichte mit dem Titel Landleben lautet: „Vater, Mutter, Rind“. Das ist stellenweise gar nicht so weit von Jandl oder der natürlich wieder ganz anders gearteten Vaterlyrik weg, die Nora Gomringer bei der Lesung im ausverkauften Hölderlinturm zur Hälfte ihren eigenen Texten beigesellt – auch wenn der Papa gar nicht dabei ist. Wunderbar konkretpoetische Schwiezerdütsch-Miniaturen vom alten Herrn sind darunter. Alter Herr – Eugen Gomringer ist Jahrgang 1925, da darf man so was schon mal sagen. / Peter Ertle, Schwäbisches Tagblatt
Vortragsgespräch mit Klaus Briegleb
– Fr 13.07.2012 – ACC, 20:00 Uhr –
»Unbestritten ist Heines Literatur ›die eines Aufbegehrens gegen Überkommenes‹ ist kritischer Widerspruch gegen ›die bestehende Ordnung.‹ Insofern dieser Widerspruch der universal-revolutionären Ordnung Vollendung des mit 1789 begonnenen Umsturzes gewidmet ist und Heines Schriften daher unter dem Titel ›Revolutionsliteratur‹ subsumiert werden können, lassen sie sich in mancher Hinsicht als ›Wörterbuch der Revolution‹ untersuchen.« [Jutta Nickel]
Ihr beider Liederabend war nicht nur gesanglich und pianistisch ein Ereignis. Er war auch eine entdeckerische Tat. Denn wer hat die „Liebeslieder des Hafis“ oder gar das posthum erschienene Lied „Das Grab des Hafis“, die der hellhörige polnische Großmeister Karol Szymanowski aus Bethges Nachdichtungen schöpfte, je (so) gehört?
Oder hat auch nur eines der raffiniert abgetönten „Poèmes chinois“ von Albert Roussel, der – als ehemaliger Leutnant der französischen Marine Fernost-erfahren – in dem moralfesten Lied „Réponse d’une épouse sage“ (Antwort einer weisen Gattin) gar eine Hindu-Skala nutzt? Wer hätte – last not least – überhaupt nur von den „Songs from the Chinese Poets“ eines Granville Bantock gehört: eines Zeitgenossen von Edward Elgar, dessen Chinoiserien mir ein bisschen zu kunstgewerblich klingen?
Trotz aller Entdeckungsfreuden: Johannes Brahms‘ klaviergetragene Liedkunst ist und bleibt das Sonnengeflecht – hier in Gestalt der Lieder und Gesänge op. 32 nach Platen und Daumer, der sich auch an Hafis versuchte. / Lutz Lesle, Die Welt
„Klein, schwarz, untersetzt, unruhig, mit dunklen stechenden Augen, ausladende Gesten, kleine Füße und kleine Hände“. So beginnt das Gedicht „Picasso“, in dem Max Jacob, der Künstlerfreund und zeitweilige Zimmergenosse Pablo Picassos, 1935 nicht nur das Aussehen sondern auch das Naturell Picassos ausführlich beschreibt. / kunstmarkt.de
Die Ausstellung „Ichundichundich – Picasso im Fotoporträt“ läuft vom 13. Juli bis zum 21. Oktober. Das Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg hat dienstags bis sonntags von 11 bis 18 Uhr, donnerstags zusätzlich bis 21 Uhr geöffnet. Der Eintritt beträgt 8 Euro, ermäßigt 5 Euro; für Kinder und Jugendliche unter 18 Jahre ist er frei. Der Katalog ist im Hatje Cantz Verlag erschienen und kostet 34 Euro.
„Immer werd ich schreiben, süß und herb, / immer werd ich schreiben, bis ich sterb.“ Diese Verse stammen von einem der bedeutendsten österreichischen Exillyriker, nämlich von Theodor Kramer. Und er schrieb tatsächlich mit einer Leidenschaft und Intensität, die seinesgleichen sucht. Nach 61 Lebensjahren waren es weit über 10.000 Gedichte.
Sein Nachlass, der diese Gedichte und nahezu ebenso viele Briefe umfasst, gelangte nun durch eine großzügige Schenkung von Erwin Chvojka an die Österreichische Nationalbibliothek, wo er im Literaturarchiv archiviert und bearbeitet wird. / bücher.at
Der Meister der politischen Elegie zeigt sich hier in seiner ganzen Vielfältigkeit: Schwermütig-hintergründige Reisezyklen sind in dieser Compilation ebenso enthalten wie lakonische Gedichte, die sich unmittelbar aus urbanen Alltagsrealität speisen. Schulz’ Blick ist dabei niemals denunziatorisch, sondern immer empathisch. Ohne propagandistische Anflüge macht diese Lyrik auch gerade heute wieder die aktuellen Verwerfungen dingfest, die aus der allzu leichtfertigen Preisgabe gesellschaftlicher Errungenschaften für die Einzelnen resultiert. / Matthias Hagedorn, KuNo
copymetrien
copymetrie eines von hand
behauenen steins
ein-stein
zeit-alter
wird bezichtigt
da hat der wachturm gestanden
das haben wir nicht gewollt
schuld als kopie
unerfüllbaren wunsches
die kopiergesellschaft
steht kopf,
sich kopieren zu lassen
auch dieses gedicht
ist die kopie eines eigenen
copyright
Gino Hahnemann: Exogene Zerrinnerung. Texte Fotos. Berlin: Gerhard Wolf Januspress 1994, S. 5.
Gino Hahnemann, 1946 Jena – 2006 Berlin
Mehr: Literaturport
Natürlich ist Jan Kuhlbrodt absolut im Recht, wenn er Aloysius Bertrands Gaspard de la Nuit als unermessliche Entdeckung feiert (poetenladen.de 21.4.2012). Denn der Wert dieser Sammlung von Prosagedichten wurde über 150 Jahre massiv unterschätzt. 1842 und somit ein Jahr nach dem Tod des Autors erstmals erschienen, gilt Bertrands Werk heute als ein Schlüsseltext der Moderne in Frankreich. Ohne ihn wären Charles Baudelaires Les fleurs du Mal nicht denkbar gewesen und auch André Breton würdigt Bertrand im Manifest des Surrealismus von 1924 als „surréaliste dans le passé“, als Surrealist in der Vergangenheit. Als Leser des 21. Jahrhunderts muss man sich deshalb fragen, wie ein solcher Autor, ein solcher Text derartig in Vergessenheit geraten oder gar ignoriert werden konnte.
Bertrands Gaspard de la Nuit lässt sich wohl am besten als Werk des Übergangs begreifen. Es bildet ein Scharnier zwischen Romantik und Moderne, Lyrik und Prosa, bildender Kunst und Literatur. Aus dem 19. Jahrhundert heraus geschrieben, bilden die 54 Gedichte eine Zeitreise in das 14. und 15. Jahrhundert. / Mario Osterland, Poetenladen
Aloysius Bertrand
Gaspard de la Nuit
Phantasien in der Manier Callots und Rembrandts.
Aus dem Französischen übertragen von Jürgen Buchmann mit einem Nachwort des Übersetzers. Verlag Reinecke & Voß, Leipzig 2012
Zum Verlag
Kaum ein Wiener hat nicht schon einmal einen Zettel mit seinen Zeilen in den Händen gehalten: Für die einen ist Helmut Seethaler, der Zetteldichter, ein Genie – für andere ein Störenfried. Auf seiner alten Schreibmaschine verfasst er „Poesie zum Pflücken“ angeheftet an Brückengeländern, Bäumen und Gebäuden. / tagesschau.de – Die Nachrichten der ARD am 11. Juli 2012
Alexander Gumz im Interview mit dem Magazin Chased:
Für mich persönlich waren ausserdem während des Heranwachsens für das eigene Schreiben zum Beispiel Patti Smith, Bob Dylan, Leonhard Cohen, Nick Cave, Radiohead oder Tom Waits von den Texten her enorm wichtig. Dabei ging es nicht nur um die Texte der Songss, sondern auch um alles andere: den Habitus, die Geschichten, die Fotos, die Konzerten… Sie waren für mein Schreiben genauso wichtig wie viele Lyriker.
Wie schreibst du?
Früher habe ich viel per Hand geschrieben, unterwegs, in der U-Bahn, bei Lesungen, und habe die Zeilen dann irgendwann abgetippt. Inzwischen schreibe ich meist direkt am Rechner, und das auch meistens zu Hause, und auch eher punktuell.
Welche anderen Lyriker schätzt du?
Ich komme wohl aus der Ecke klassische Moderne. Das Buch „Die Struktur der modernen Lyrik“ von Hugo Friedrich war früher so etwas wie meine Bibel (lacht). Sehr wichtig ist mir immer noch die Lyrik von Lorca, Ungaretti, Montale, von Hölderlin oder Paul Celan, auch Peter Huchel oder der frühe Brecht, um nur einige Namen zu nennen.
Dann kam irgendwann Rolf Dieter Brinkmann – und auf einmal krachte mit ihm der ganz andere, schnoddrige, von Leuten wie Frank O’Hara oder William Burroughs in den 60ern mit inspirierte Beat-Generation-Ton in mein Lesen und auch in mein Schreiben.
Dabei wollte ich das erstmal gar nicht, ich war ja eigentlich eher Celan und so (lacht)…
Ein anderes Datum, der 10. Juli, betrifft den heutigen 80. Geburtstag des Autors, der, seiner eigenen Haltung entsprechend, nüchtern heruntergespielt werden könnte – leider ist das genau die Haltung, mit der die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung ihm nach wie vor den Büchner-Preis vorenthält und die nun seinen Stammverlag Suhrkamp veranlasst haben mag, sein Prosawerk nicht etwa gesammelt vorzulegen, sondern nur in einem «Durchgang», der auf knapp 300 Seiten dokumentiert, «Wie es weiterging». Da tröstet es wenig, dass Becker selbst diese Kostproben auswählen und kommentieren durfte, die dem Rang seiner literarischen Arbeit keineswegs gerecht werden und weder so recht für alte noch für neue Leser taugen.
Seine neuen Gedichte gab er einem anderen Verlag, sie sind, mit ausgesucht schönen Collagen seiner Frau Rango Bohne, in der Stiftung Lyrik-Kabinett bei Hanser erschienen. In ihnen kann man lange lesen, ohne Scheu vor Wiederholung, und weil darin so oft vom Sommerregen die Rede ist, kommen sie gerade zur rechten Zeit: «Die Pappeln flirren im schwindenden Licht, und man / spürt den Abschied von etwas, das noch nicht da ist.» / Norbert Hummelt, NZZ
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