85. Richard Anders verstorben

Ich erhielt die traurige Mitteilung, daß der Schriftsteller Richard Anders in der Nacht von Sa. 23. auf So. 24.6. in Berlin, im Wenckebach-Klinikum, im Alter von 84 Jahren wahrscheinlich an Herzversagen verstorben ist.

Genau am Sonnabend vor 14 Jahren erhielt er in Greifswald den ersten Wolfgang-Koeppen-Preis, damals noch nicht von der Hansestadt Greifswald, sondern vom damaligen Falladaverein mit Unterstützung einer privaten Baufirma vergeben. Er freute sich sehr, im Alter von 70 Jahren eine Anerkennung für jahrzehntelanges Wirken im Verborgenen zu erfahren. Ein paar Jahre später schrieb er mir, ihm sei noch eine Freude widerfahren: die Akademie der Künste verlieh ihm den F.-C-Weiskopf-Preis. Zwei späte Ehrungen.

Ich mochte ihn und sein Werk sehr und freue mich, durch diesen Preis in Kontakt mit diesem liebenswürdigen Menschen gekommen zu sein, der phantastische Sammlungen von Büchern, Kunstwerken und allem möglichen aufgehäuft hatte. Von vielen wertvollen Kunstwerken mußte er sich trennen, um Geld für die Miete aufzubringen.

Richard Anders bekam es als sehr junger Mensch mit Krieg und Flucht zu tun. Auf der Flucht wäre er beinah von eifrigen Hütern der schon zusammengebrochenen Ordnung erschossen worden. Nach dem Krieg sollte er den Schulabschluß nachholen, aber die Bekanntschaft mit dem Surrealismus kam ihm dazwischen. 1950 Kriegsteilnehmer-Abitur. 1953 bis 1959 studierte  er Germanistik und Geographie in Hamburg und Münster. Erste Veröffentlichungen in der Zeitschrift „Zwischen den Kriegen“.  Begegnung mit Hans Henny Jahnn. 1960 halbjähriger Aufenthalt in Griechenland. Deutschlehrer am Athener Universitätsklub. 1962-1964 Deutschlektor an der Universität Zagreb. Dort lernte er den kroatischen Surrealisten Radovan Ivsic kennen. Durch seine Vermittlung traf er André Breton in Paris und durfte als „Sympathisant“  an Sitzungen der Gruppe der Surrealisten teilnehmen.  Bis 1968 Dokumentationsjournalist (Spiegel, Die Welt). Seit 1970 ist er freier Autor. 1964 Heirat mit Rajna Jordanovic, 1983 verwitwet, ein Sohn. Im Alter erlebte er, daß junge Künstler, Autoren und Vermittler jenseits des Mainstream auf ihn aufmerksam wurden.

Ein paar Splitter aus Wiecker Bote Nr. 22-26, 1998.

Eine eigene Poetik besitze ich nicht.  Doch bin ich wie jeder Lyriker meiner Generation durch die „Schule der klassischen Moderne“ gegangen, ohne mich in ihr einzurichten.  Vom Surrealismus interessierten mich weniger die Assoziationsketten des psychischen Automatismus als die rätselhaften, kaum briefmarkengroßen Traumbilder, die beispielsweise der Maler Edgar Ende wie durch ein umgekehrtes Fernrohr sah. „Geheimnis und Melancholie einer Straße“ stand unter der Schwarzweiß-Reproduktion eines Bildes von de Chirico, die mir kurz nach dem Krieg in die Hände fiel.  Gleich wußte ich: So wie dieses Bild gemalt ist, möchte ich schreiben, und von dem so Geschriebenen sollte die gleiche magische Wirkung ausgehen!  Heute sind es die bedrohlichen Topografien eines Edward Hopper oder Alex Colville, wo ich Anverwandtes entdecke. In der zeitgenössischen Lyrik vermisse ich diese Alltägliches in Überwirklichkeit verwandelnde Perspektivik weitgehend.  Und wie versuche ich mich ihr anzunähern?  Aus der Flut der Bilder, wie sie Kindheitserinnerungen oder die Gegenwart einer Stadt wie Berlin hervorbringen, wähle ich einzelne heraus und isoliere sie, indem ich sie der Stille und der Bewegungslosigkeit aussetze in der Hoffnung, ihr allzu scheues Geheimnis zum Bleiben zu bewegen.

1985

***

Niemand war zum Fest eingeladen als der Seiltänzer, der Neger und der Bankdirektor. Die Türen öffneten sich von alleine. Kerzen schwebten ihnen voran in den Speisesaal. Als sie genug gegessen und getrunken hatten, spielte eine Musik auf. Der Zirkusdirektor nahm den Neger beim Arm, während der Seiltänzer sich langsam auszuziehen begann. In diesem Augenblick erlosch das Licht. „Ich muß zum Amt“, sagte der Bankdirektor und rückte die verrutschte Krawatte zurecht. „Die Zirkusvorstellung kann jeden Augenblick beginnen“, sagte der Seiltänzer und prüfte seine Schuhe. „Ach“, sagte der Neger, „ich wollte heute mein Weib besuchen und probierte vor dem Spiegel ein verschmitztes Lächeln.“ Als draußen der Henker jeden einzeln zum Block führte, fand man es, wie gewohnt, ganz selbstverständlich.

1949/1950

***

Vor die Tür des Ichs treten kann nur, wer ohne Spiegelung, das heißt Reflektion auskommt.

Neunziger Jahre

Geschlechtsverkehr, aber die Geschlechtsteile sind morsche Äste und hohle Baumstümpfe.

1997

Versuch, ein Schreibverfahren nachzuzeichnen

Zuerst schreibe ich ziel- und planlos ohne vorgegebenes Thema. Ich überlasse mich dem Diktat des rimbaudschen »Anderen«: écriture automatique. Doch weder begnüge ich mich mit dem so empfangenen Text, noch suche ich aus ihm lediglich solche Einfälle heraus, die vor der Vernunft bestehen. Letzteres würde ich tun, wenn ich meine Vernunft nicht dazu erzogen hätte, mit der wortgewordenen Unvernunft ebenso verständnisvoll umzugehen wie ein Antipsychiater mit den manifesten Symptomen des Wahnsinns. Wie dieser sich die Geheimsprache seiner Patienten aneignen und sie auch praktizieren muß, um mit ihnen kommunizieren zu können (der rationale Diskurs käme dem irrationalen Gestus nicht bei), ist mir aufgegeben, in spielerischem Umgang mit meinem störrisch unsinnigen Text zu dem vorzudringen, was ich mir zu sagen habe. Dieser spielerische Umgang sieht wie Zerstörung aus. Doch sind es keine ästhetischen oder logischen Bedenken, die mich in meiner krausen Niederschrift herumstreichen, Umstellungen und Einfügungen vornehmen lassen, sondern neue Einfälle, die von dem Bilderreichtum semantisch divergierender Sätze und Satzteile ausgelöst werden. So schieben sich immer neue Texte ineinander, bis ich an einen Punkt komme, wo ich mein Verfahren umkehre in Richtung auf Einschränkung, Struktur, Form. Und plötzlich klärt sich in meinem Kopf wie auf einer Guckkastenbühne ein einziges szenisches Bild, das sich jedoch im Text, gebrochen durch Abstraktionen, Reflexionen, gleich wieder verflüchtigen soll, damit es nicht zu fixen Bedeutungen erstarrt. Erst indem das Bild ins paradox Bildlose abstürzt, wird es evident, also zum Denkbild.

***

Irgendwann – weiß der Kuckuck vor wieviel Jahren – träumte ich, am Morgen auf meinem Nachttisch ein kleines graues Buch zu finden. Ich blätterte darin. Es war die erste Sammlung meiner Gedichte. Sie waren von mir, aber ich hatte sie nie geschrieben. In einem anderen Traum ging ich in dem Gedichtband umher wie in einem Haus: Jede Seite ein neues Zimmer, das eine Überraschung für mich bereithielt. Zwei Glücksträume. Seither langweilt es mich, eindeutig über das zu schreiben, was ich schon weiß. Lieber lasse ich mich von meinen Sätzen dorthin führen, wo Bedeutungen noch nicht fixiert sind und wo meine vermessende Absicht ihre Fähnchen noch nicht eingesteckt hat. Dem Traum folgen usque ad finem? Seine Unerreichbarkeit raubt mir den Schlaf. Er gleicht dem Schiff auf dem Abziehbild, welches das Kind wie durch Nebel sieht. Nach dem Durchreiben in aller Pracht auf dem Papier erscheinend, ist es bereits fortgesegelt.

1988

EMPFEHLUNGSSCHREIBEN

Richard Anders kam nach schweren Schicksalsschlägen (er stammt aus Ortelsburg, war zuletzt noch in russischer Kriegsgefangenschaft, fand seine Mutter als Flüchtling in Melle wieder, der Vater war auf der Flucht umgekommen, sein jüngerer Bruder fand sich nach vielen Monaten bei Freunden wieder) im Oktober 1945 zu uns, weil vor dem Kriege ein älterer gefallener Bruder bei uns gewesen war. Der Junge ist begabt und besonders literarisch außerordentlich interessiert, auch belesen, hat sich selbst schon schriftstellerisch versucht und bereits vor zwei Jahren recht beachtliche Fähigkeiten entwickelt. Später ist er dann ganz in das Fahrwasser der modernen Surrealisten gekommen, verschlingt alle nur irgend erreichbaren modernen Schriftsteller und kam in einen Zustand, der ihn zu jeder sachlichen soliden Arbeit unfähig machte. So konnte er im vergangenen Jahr zur Reifeprüfung nicht zugelassen werden. Da er auch gesundheitlich nicht ganz auf der Höhe war, ist er inzwischen ein Vierteljahr zu Hause gewesen und durch Nachhilfeunterricht gefördert worden. Der Erfolg dieser Nachhilfe ist deutlich spürbar, doch sind seine Leistungen in den Sprachen immer noch nicht voll genügend. Da der Junge ernst gerichtet ist und innerlich viel arbeitet, möchte man ihm schon wünschen, daß er zum Erfolg kommt. Bei sachlicher nüchterner Arbeit sollte das möglich sein, wenn er sich auf die geringere Zahl der Fächer eines Kriegsteilnehmer-Lehrganges konzentrieren kann.

1948 (Von der Stiftung Deutsche Landeserziehungsheime, Hermann-Lietz-Schule, Anerkannte Stiftische Oberschule für Jungen, Oberstufe. Spiekeoog/Nordsee, 18.9.1948)


84. Europe calling – Ezra Pound speaking

Europe calling – Ezra Pound speaking

Der Dichter auf der Brunnenburg

Ein Hörstück von Ulrike Janssen und Norbert Wehr

Mit Marcel Beyer, Ezra Pound, Mary de Rachewiltz, Siegfried de Rachewiltz sowie Bewohnern von Dorf Tirol

Erstausstrahlung: WDR 3, 1. Juli 2012, 15:05 Uhr

 

83. Eine lyrische Weltuntergangsexkursion in Dub

Basierend auf dem Poem Muspilli Spezial von Bert Papenfuß, einer sehr spezifischen Anwendung des Muspilli-Textes aus dem 9.Jahrhundert auf heutige Verhältnisse, und dessen diversen Vertonungen, erschienen als Beilage des zonic #13,5 (ebendort auch nachzulesen).

Hier inklusive eines exklusiven Textes von RQM, inspiriert vom Muspilli, aufgenommen am Rande von Al-Haca Produktionen in Ückeritz auf Usedom.

„Muspilli – Jah War – Jihad
Siemens-Martin Doom Dub

Der Grund geht unter
Die Gruft wird munter

Muspilli – Jah War – Jihad
Siemens-Martin Doom Dub

Die kalte Hand winkt ab
und sinkt zurück ins Grab“

82. Poetischer Untergrund

Paschtunische Fundamentalisten hassen schöne Wörter und verfolgen Schriftsteller. Aber der poetische Untergrund gibt nicht auf. Wie Frauen in Afghanistan ihr Leben riskieren, um Gedichte zu schreiben: Eine Reportage von Eliza Griswold, Die Welt

Meena lebt in Gereshk, einer Stadt mit 50.000 Einwohnern in Helmand, der größten der 34 afghanischen Provinzen. Helmand kämpft mit dem Fluch, einer der weltgrößten Opiumproduzenten und zugleich eine Hochburg der Aufständischen zu sein. Vor vier Jahren wurde Meena von ihrem Vater aus der Schule genommen, nachdem Bewaffnete eine ihrer Klassenkameradinnen entführt hatten. Jetzt bleibt sie zu Hause, kocht, putzt und bringt sich selbst heimlich das Gedichteschreiben bei. Gedichte sind die einzige Art von Bildung, zu der sie Zugang hat. Persönliche Begegnungen außerhalb der Familie kennt sie nicht.

„Vor meinen Brüdern kann ich keine Gedichte aufsagen“, erklärt sie. Liebesgedichte wären in deren Augen der Beweis für eine verbotene Beziehung, für die Meena geschlagen oder sogar getötet werden könnte. „Ich bin die neue Rahila“, sagt sie. „Nimm meine Stimme auf, damit wenigstens etwas von mir bleibt, wenn man mich tötet.“

81. Musiker sind die besseren Dichter geworden

1980 erscheint eine erste Sammlung englischer Punk-Songtexte mit deutschen Übersetzungen, I Hate The Universe, herausgegeben von Sylvia James *3), darunter Killing An Arab von Cure, eine Aufarbeitung von Albert Camus’ Der Fremde. Camus, so scheint es, liegt mit seinen Sätzen von der zärtlichen Gleichgültigkeit der Welt hochaktuell in den jungen achtziger Jahren.

Zu den Hauptausfuhrgütern von Graz gehören hochwertige Schriftsteller. Wirkungsvollster Exportanreiz ist die Grazer Autorenversammlung, zu deren jährlichen Litertursymposien sich die feuilletonangebende deutschsprachige Gegenwartsliteratur einfindet. Die Literatur, die im Versammlungsblatt manuskripte *4) (und nicht nur dort) das Wort hat, erscheint zunehmend als eine ausgewogene Mischung von vorgezogenem Altersschwachsinn – die für Weisheit genommen wird –, angestrengter Humorlosigkeit und versponnen in sich kreisenden Sprachbespiegelungen.

(…)

Ich lese Gedichte von Patti Smith, Der siebente Himmel. Sie stehen wie geflüsterte Schreie ohne Musik auf dem Papier, und nur manchmal klingt es laut auf, … es gibt niemanden, es ist sinnlos, weiter zu suchen, du bist es, du bist es ...

(…)

Auch in den Gedichten des Hamburgers Kiev Stingl, Flacker in der Pfote *6), findet er sich: der Tonfall, der angeht. Umgangston, aber nicht umgänglich, nicht naturalistisch ›dem Volks aufs Maul geschaut‹, sondern eine schrille, alltägliche Künstlichkeit. Und rabiat, direkt. Pornonichts, und Gimmie some Volt, Mista Arbeiter. Auch Stingls Texte verlangen geradezu nach Musik. Sie lösen Bewegung aus; aber zu einem Buch kann man nicht tanzen. Wir wollen etwas, das losgeht, das auch fetzt, das reinhaut. Die Gegenwartsliteratur ist langweilig, kriege ich rundherum zu hören. Wenn ich im Ratinger Hof, der Düsseldorfer Neue Deutsche Welle-Brutstätte, schreie: »Literatur!«, rennen mehr Leute weg, als wenn ich »Polizei!« schreie. Vielen Jungen erscheint das Erlebnis Literatur heute als ›falsche Bewegung‹, und die zum Lesen erforderliche Beruhigung und monologische Gefaßtheit hat den Beigeschmack freiwilliger Lahmarschigkeit.

(…)

Gegenüber vielen, was Musiker nun texten, erscheint das meiste an mit poetischen Verfahren gewonnener Gemessenheit, alle profunde Schwebe und Widersprüchen, alle subtile und detailscharfe Wesensdurchdringung und sehnsuchtsbestärkende Zukunftsmächtigkeit oder kritisch gewichtete Enthüllung als Euphemismus und Erektion wohlgestalteter Unerfülltheit. Es scheint, als schlüge die Literatur sich mit ihrer eigenen Gesetztheit k.o.

(…)

Man könnte noch Anmerkungen machen zu einer neuen Grammatik des Widerstandes, die sich in vielen der Texte abzeichnet. Sie hat viel zu tun mit dem blitzlichtenden und widerhakenschlauen Charakter von Slogans und ›Rabiatements‹. Aber ich will den Germanisten nicht den Eisschrank ausräumen. Wenn ich Hundert Mann und ein Befehl in der Fassung von ZK höre – klingt wie Freddy Quinn mit Außenbordmotor – oder Palais Schaumburg, Ich glaub ich bin ein Telefon / romantisches kleines Telefon / Ich glaub ich bin ein Blumenhalter / romantischer kleiner Blumenhalter … (Holger Hiller, Telefon), dann kommt ganz anderes auf als Bedarf nach Wissenschaftlichkeit.

Ich komme Ende 1980 zu dem Schluß: Die Musiker sind die besseren Dichter geworden. (…)

Was meine Identität als Schriftsteller angeht, halte ich mich inzwischen an die Warnschilder in der Straßenbahn: bitte denken Sie an die Möglichkeit einer Notbremsung, benutzen Sie daher die Haltegriffe. Trotzdem bin ich besessen von der Idee, Mein eigenes in der Poesie zu finden. Seine Ruhe sollte Manneskraft sein, und seine Einfachheit ein Gegensatz zu der Gespreiztheit und zu dem Verfalle, dem unsere Dichtkunst zugeht. (Adalbert Stifter) Wer heute noch starke Lyrik machen will, möchte sich doch zuvor eine der Scheiben aus dem hier behandelten Zeitraum auflegen und sich anschließend eine abschneiden.

/ Peter Glaser, Kulturnotizen

80. M-Z (Theo Breuer über Friederike Mayröcker)

… Me­moirenMen­schenMetamor­pho­sen, Mnemosyne, Mo­nolo­gen (und hätte ich dieses mein Schrei­ben nicht), Morphemen, Musik (also aus allem beziehe ich meine Spra­che, Material aus verschiedenen Quel­len, Bild, Ge­spräche, Musik, über­haupt die Musik, überhaupt habe ich der Mu­sik immer unrecht ge­tan, sie immer ins Un­recht gesetzt oder wie soll ich sagen, vermut­lich habe ich die Musik immer nur für meine literarischen Vor­haben ausgebeu­tet, mein Ver­hält­nis zur Musik st immer para­sitär gewesen, über­haupt mein Verhältnis zur Welt, zu den Menschen, also die wankendsten Funda­mente einer Gedankenwelt .. mit vielen Federn und Feder­kielen und wie es mich in halluzi­natori­sche Stimmungen versetzt hat ..)· über­schwemmt von Namen, No­ten und Notizen · über­schwemmt von Okeanos, Orakeln, Origina­len, Orten · über­schwemmt von Phanta­sie-Passa­gen, Pflanzen (die im leichten Wind schwanken­den Dol­den des Schier­lings), Po­sitionen · über­schwemmt von Quas­tenlärmQuellen, Quint­es­senzen (»Quer durch den Schlaf / die Buch­staben­spur / einer Sprache die / du nicht verstehst« · W. G. Sebald) · über­schwemmt von Räumen, Re­den, Reisen, (was werde ich mir dort­hin alles mitnehmen wenn es ans Ende geht), Reflexen, Re­flexionen · über­schwemmt von Sät­zen, Sil­ben, Sounds, »Spiralen« (Der­rida), »spitzennoten ausm äther« (Su­sanne Eules), Split­tern, Stachel­halm­wäldern, Steinen (be­trachtete die wäh­rend des Spazierenge­hens auf­gelese­nen Steine in meiner Hand), Stim­mun­gen · über­schwemmt von Täto­wie­rungen, Täuschungen, Tau­tropfen, Toden (Am 2. Februar 2012 schneit die Nachricht vom Tod Wisława Szymborskas – »Mir ist die Lächerlich­keit, Gedichte zu schreiben, lieber / als die Lä­cherlich­keit, keine zu schrei­ben« – ins Haus, drau­ßen Temperaturen um minus 13°C, hier unten verei­sen die Schei­ben. Wenn ich über den Tod schreibe, ist das eine positive Be­schäftigung. Ich kann mich dann mit der Sprache gegen ihn sträuben. Es ist eine Me­tamor­phose der Angst vor dem Tod. Aber nur für die Zeit, in der ich schreibe. Die Angst kommt immer wie­der), To­huwa­bohu, Topogra­phienTränenTräumen· über­schwemmt von Umlau­ten und Urlau­ten (»Wir baun die Welt aus den Unendlich­kei­ten« · Jakob van Hoddis) · über­schwemmt von Ver­gisz­meinnicht (sehr viele Wörter kommen mir abhanden), Vermutun­gen, Verzwei­gun­gen,Vögel­chen (ihr Ge­sang tröstet mich / diese ra­sende Poesie, etwas zwitschert beim Tippen), Verben (»Zukunft, / merk dir’s, / gibt es manchmal / nur in den Verben« · Matthias Gö­ritz), Verwunderungen, Verzweiflungen, Vo­ka­beln, Voka­len, Vor­spiege­lungen, »irrsinnigen Vor­stellun­gen« (Marcel Beyer) · über­schwemmt von Wahr­neh­mun­gen, warmen Wörtern (»nach wel­chem wort geht die welt zu ende«, fragt Wolfgang Hilbig), »Wasser­schrift / Welle um Welle« (Marie T. Mar­tin), Wieder­holungen be­stimm­ter Wörter, Wir­beln, Wol­ken (»die Wol­ken hetzen« · Ingrid Fichtner), Wortschätzen (»wortlos ins stru­delnde Wasser« · Martin Jankowski), Wünschen (du brauchst einen Baum du brauchst ein Haus / keines für dich allein nur einen Winkel ein Dach / zu sitzen zu denken zu schla­fen zu träumen / zu schreiben zu schwei­gen zu se­hen den Freund / die Gestirne das Gras die Blume den Him­mel), Wun­dern, Weh- und Wut­geheul · (…)

/ Theo Breuer: Überschwemmt, die Lust am Taumel • Im atmenden Alphabet für Friederike Mayröcker, Kuno (1/5)

79. American Life in Poetry: Column 378

BY TED KOOSER, U.S. POET LAUREATE
An exchange of stories is frequently one of the first steps toward a friendship. Here’s the recollection of one of those exchanges, by Dorianne Laux, who lives and teaches in North Carolina.

Family Stories 

I had a boyfriend who told me stories about his family,
how an argument once ended when his father
seized a lit birthday cake in both hands
and hurled it out a second-story window. That,
I thought, was what a normal family was like: anger
sent out across the sill, landing like a gift
to decorate the sidewalk below. In mine
it was fists and direct hits to the solar plexus,
and nobody ever forgave anyone. But I believed
the people in his stories really loved one another,
even when they yelled and shoved their feet
through cabinet doors, or held a chair like a bottle
of cheap champagne, christening the wall,
rungs exploding from their holes.
I said it sounded harmless, the pomp and fury
of the passionate. He said it was a curse
being born Italian and Catholic and when he
looked from that window what he saw was the moment
rudely crushed. But all I could see was a gorgeous
three-layer cake gliding like a battered ship
down the sidewalk, the smoking candles broken, sunk
deep in the icing, a few still burning.

American Life in Poetry is made possible by The Poetry Foundation (www.poetryfoundation.org), publisher of Poetry magazine. It is also supported by the Department of English at the University of Nebraska-Lincoln. Poem copyright ©2000 by Dorianne Laux, whose most recent book of poems is The Book of Men, W.W. Norton & Co., 2011. Poem reprinted from Smoke, BOA Editions, Ltd., 2000, by permission of Dorianne Laux and the publisher. Introduction copyright © 2012 by The Poetry Foundation. The introduction’s author, Ted Kooser, served as United States Poet Laureate Consultant in Poetry to the Library of Congress from 2004-2006. We do not accept unsolicited manuscripts.

78. Mollnitziade

Unter dem Namen Martin Mollnitz veröffentlichten die Zeitung Freitag und die Greifswalder Wasser-Prawda vor einigen Wochen ein Pamphlet angeblich über die junge Lyrik, die saft- und kraftlose Selbstbespiegelung sei im Unterschied zu den kraftvollen Versen des Herrn Mollnitz.

Der sprach zwar nicht wirklich von der jungen Lyrik der Gegenwart, er zitierte weder kook-, lux-, roughbooks noch Frank, Poetenladen, Fixpoetry, Schöffling, Rugerup, Distillery und wie die in der Szene klangvollen Namen heißen, sondern nur lokale Literaturblogs und einzig den Namen Thomas Kunst, der in einer Fassung des Pamphlets als „Multipreisträger“ vorgestellt wurde. Aber kann man von der Redaktion des geschätzten Freitag verlangen, daß sie den Unterschied bemerken? Offensichtlich nicht.

Von Mollnitz hieß es, er hätte eine DDR-Jugend mit ersten erfolgreichen Publikationen. Die Wasser-Prawda veröffentlichte ein paar Gedichte. Die Gedichte verwiesen auf eine Sprache, wie sie in den 80er Jahren in Leipzig und anderswo außerhalb der Undergroundszene gepflegt wurde, ich nenne sie mal FDJ-Fraktion der sächsischen Dichterschule. Da ich mich in den damaligen Szenen recht gut auskenne, war mir sofort klar, daß es sich entweder um eine Mystifikation oder ein Pseudonym handeln muß.

Inzwischen kenne ich den wirklichen Namen von Herrn Mollnitz. Vor einigen Tagen schickte er mir innerhalb weniger als 20 Stunden eMails mit 3 verschiedenen Namen: erst als Johannes Erichson (unter diesem Namen als angeblich Berliner Lehrer erbat er von mir Informationen über Herrn Mollnitz, dessen kraftvolle Gedichte er an seinen Schülern erfolgreich erprobt habe), dann als Mollnitz selber und schließlich als Heino Bosselmann. Letzterer Name ist der einzige, den ich aus meinem Archiv kenne – ein 1964 geborener Lyriker dieses Namens veröffentlichte u.a. ein paar Texte in der FDJ-Zeitschrift Temperamente.

Heute veröffentlicht der Freitag einen Remix der Debatte von neulich, der zwar diese kritisch werten will, sie in Wirklichkeit aber nur prolongiert. Ein unwürdiger Anlaß für fortgesetzte Pseudodebatte.

Zumindest mit seinem richtigen Namen soll man ihn künftig ansprechen. (Allerdings wird man bemerken, daß er unter diesem richtigen oder soll man sagen Klar-Namen außer paar frühen Veröffentlichungen weder Lyrik noch Aufsätze über Lyrik publiziert, sondern ausschließlich politische rechtspopulistische Kommentare an Orten, mit denen der Freitag gemeinhin nix am Hut hat.)

P.S. Daß es sich um ein Pseudonym handelt, konnte man am 5.6. in der Lyrikzeitung lesen.

77. Anschein von Literarizität

Harsch das Urteil des Rezensenten über den dritten Band von Matthias Göritz:

Leider muss man konstatieren: Anstatt das Potenzial seiner Werkzeuge auszunutzen, fasern die Gedichte in labberiges Pathos aus, verfallen in einen rhythmisch unglücklichen Stop-and-Go-Modus oder hüllen noch die belanglosesten Gedanken in den Anschein von Literarizität. Sei es die zyklische Schilderung eines Krankenhausaufenthaltes, eine als Sonettenkranz gebaute Roadmovie-Romanze oder seien es tagebuchartige  Notate: Weder inhaltlich noch sprachlich kann »Tools« wirklich begeistern. Wenn im Peter-Lustig-Parlando eine kleine Geschichte der Tulpe im eurasischen Kulturkreis in Verse gebrochen wird, kommt dabei mit Ausnahme einiger etymologischer Nebenbemerkungen wenig herum. Was hängen bleibt sind eher gruselige Kalauer und Momente klebrigen Kitsches. Wird die Dichterin Emily Dickinson mit den Worten »Du, / eine Frau,/ in die man sich / wieder verliest« apostrophiert, ist das ein ziemlich müder Kalauer und kein erfrischendes Wortspiel, das die Möglichkeiten der Sprache nachvollzieht. Auch Verse wie »Tränen hinterlassen keine Spur, / Ähnlich ist es mit dir« haben weniger poetischen als Poesiealbencharakter. / Kristoffer Cornils, junge Welt 13.6.

Matthias Göritz: Tools. Gedichte. Berlin Verlag, Berlin 2012. 112 S., 19,90 Euro

76. Seltsame Sucht, sich aufzurichten

Mitgerissen in einem assoziativen Strom von Berührungen, Düften und stillen Augenblicken staunt der Leser über den Bauchladen voller Merkwürdigkeiten, den die Autorin Anne Dorn ihm anpreist. Sie hat viel zu erzählen. „Und aus solchem Reichtum, / den ich mit mir herumschleppe, / erwächst mir große Unruhe“. „Ungefragt“ überbringt sie Sehnsüchte: „Ich erinner Euch an Eure große Lust, / zu leben.“ Unstillbar ist ihr „Hunger nach Schönem, / diese seltsame Sucht, sich aufzurichten, / zu warten und zu empfangen mit offenen Augen“.

Ausgangspunkt ihrer Beobachtungen ist fast immer das Licht, „das Vielerlei / aus nichts als Licht!“ Von ihm kommt sie meist zu den Geräuschen. Mit hingetupften Wörtern initiiert sich der Regen als Staccato. Es gurgelt und gluckst in Regenrinne und Fallrohr, bis schließlich der Himmel aufreißt und die Sonne wieder scheint. Das Dampfen und die Gerüche nach dem warmen Sommerregen werden greifbar. …

Warum Anne Dorn erst jetzt eine Sammlung ihrer Gedichte vorlegt, bleibt ein Rätsel. Zwar veröffentlichte sie bereits Romane und schrieb Hörspiele, aber das lyrische Werk blieb über Jahrzehnte – um in Dorns Sprache zu bleiben – „unter der Wiese“. Nur das auserlesene Publikum literarischer Fachzeitschriften kam in den Genuss der Lektüre einzelner poetischer Kostproben. Dass man Anne Dorn, die 1925 geboren wurde, nun als 86jährige Debütantin bezeichnen kann, wird sie sicherlich freuen. Viel wichtiger ist aber, dass ihre wertvolle Sammlung jetzt nicht mehr verloren gehen kann und zwischen zwei (hässlichen) Buchdeckeln gerettet zum Kauf bereit steht.

Doch Vorsicht: „Jeden, der glaubt, mich genau zu verstehen, / und der mich entdeckt, gerade jetzt, / muß ich sofort erschießen!“. Lächelnd kann das Buch geschlossen werden – mit der Gewissheit, dass es nicht im Regal verstauben wird, denn es enthält einfach zu viele Momente, die es wert sind, immer wieder aufgerufen und nachgelesen zu werden. / Thorsten Schulte, literaturkritik.de

Anne Dorn: Wetterleuchten. Gedichte.
Poetenladen, Leipzig 2011.
79 Seiten, 16,80 EUR.
ISBN-13: 9783940691309

75. Friedenspreis des Deutschen Buchhandels für Liao Yiwu

Doch nun bekommt er wieder die große Bühne, die größte, die der deutsche Kulturbetrieb zu bieten hat: Liao Yiwu erhält den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels 2012. Der Autor sei ein „unbeirrbarer Chronist“, der Zeugnis ablege „für die Verstoßenen des modernen China“, begründete der Börsenverein des Deutschen Buchhandels seine Entscheidung. „Liao Yiwu setzt in seinen Büchern und Gedichten den Menschen am Rande der chinesischen Gesellschaft ein aufrüttelndes literarisches Denkmal.“ …

In den 1980ern gehörte er zu einer Generation junger Dichter, die in Literaturzeitschriften den Ton der Nach-Mao-Ära angaben. Mehr als zwanzig Auszeichnungen erhielt Liao damals. Doch mit dem Massaker auf dem Platz des Himmlischen Friedens am 4. Juni 1989 änderte sich alles. / Bernhard Bartsch, FR

74. Abiperlen

Getwitterte Abiperlen aus Frankreich 2012:

„Sprechen wir von Rimbauds Werk. Rimbaud hat viele Teile… Rimbaud 1 Rimbaud 2 Rimbaud 3…“

„Wie Bonaparte konnte Jules Cäsar mehrere Briefe gleichzeitig diktieren, das nennt man Diktator.“

/ e-orientations

73. Unterwegs

Valeri Scherstjanoi

Auf dem Weg zum Scribentismus. Experimentelle Texte und Gesten. 1982-1989

Ausstellung (Teil1) 30. Juni – 28. Juli 2012

Vernissage: Samstag, 30. Juni 2012, 18-22 Uhr

Rumpsti Pumsti (Musik) Weserstr. 165, Berlin 12045

Die Ausstellung ist der erste Teil einer Ausstellungsreihe, die sich Scherstjanoi’s visuellen Texten und grafischer Poesie widmet.

Anlässlich der Ausstellung erscheint die Schallplatte ‚Zaum´ – Заумь 1981-1989‘ (Tochnit Aleph, Berlin) mit einer Auswahl von raren und bisher unveröffentlichten lautpoetischen Stücken in einer Auflage von 80 nummerierten und signierten Exemplaren.

Der Künstler wird anwesend sein und ab 19 Uhr die Ausstellung vorstellen und einige seiner frühen Arbeiten lesen und performen.

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72. 3 lyrische Ichs

Am Donnerstag, den 28. 6., ist es soweit: München hat eine neue Lesereihe, die sich ausschließlich neuer Lyrik widmet. Drei Mal im Jahr laden Walter Fabian Schmid und Tristan Marquardt drei Lyriker/innen aus dem gesamten deutschsprachigen Raum ein, die erst einen oder noch keinen Band veröffentlicht haben. Die Angst vorm Neuen fürchten lehren – das ist das Credo.

Den Anfang machen Sascha Kokot, Max Czollek und Markus Hallinger.

28. 6., 20 Uhr | Kulturzentrum Einstein, Einsteinstr. 42 | U 4/5 Max-Weber-Platz | Eintritt: 5 / 3

Am 1. 11. geht es dann weiter mit Martina Hefter, Daniela Seel und Andrea Heuser.

71. Dem Libanon

Georg Kulka | Dem Libanon

 

Dem Libanon, dem jüngst im Flügelkleide schwärmenden,
Wuchs heut der Regen bleicher aus der Stirne.
Knatternd, als man die Seide zerbrach.
O du hellhöriger höllhärener Morgen!
Der Tag blieb dir im Munde stecken.
Aber die Wolken poltern sich stauend.
Niemand ist beiläufig – wo Regen das Hirn perforiert,
Erschlagene Blutkörner aufpickt. 

Georg Kulka: Werke. Hg. Gerhard Sauder. München: edition text + kritik 1987 (Frühe Texte der Moderne), S. 36. Zuerst in: Die Aktion Jg. 8 Nr. 5/6, 9.2. 1918