13. Grand Prix in der Metro

Die Pariser Verkehrsgesellschaft RATP hat die Sieger ihres diesjährigen Lyrikwettbewerbs benannt. 100 Finalisten waren zu einer Veranstaltung am 26.6. geladen. [Offenbar machte es sich die Jury leicht:] den Grand Prix erhielt der älteste Teilnehmer, der 93jährige Sam MOUCHVOZ aus Nizza und der Grand Prix Enfant ging an die Jüngste, die 11jährige Zoé GUILLEMAIN. Die Texte der 10 Besten werden in Metro und Bussen zu sehen sein. / L’Express 2.7.

Hier die Siegertexte

Am leichtesten verständlich dieser (patience heißt Geduld, „Wieviele Einwohner hat China?“, der Rest sind Zahlen):

La patience

Combien d’habitants en Chine?
Un,
deux,
trois,
quatre,
cinq,
six…

Benjamin Terral

29 ans, Hérault

12. Neu bei roughbooks

Roughbooks kündigt zwei Neuerscheinungen an:

Mütze #1, die neue literarische Zeitschrift (die „Zwischen den Zeilen“ nach fast 20 Jahren ablösen wird),
mit Beiträgen von Pierre Guyotat (Holger Fock), William Faulkner (Günter Plessow), Tim Turnbull (Dagmara Kraus), Werner Hamacher und Simone Kornappel. 52 Seiten, 5 Euro / 7 Franken (plus 1 Euro/Franken für den Versand).
Bestellungen über das Bestellformular: http://www.roughradio.com/muetzebestellen.html

Und neu bei den roughbooks:

roughbook022: Chris Bezzel, isolde und tristan,
http://www.roughbooks.ch/chris_bezzel/isolde_und_tristan.html

Nicht minder reif und frisch ist roughbook021: Bruno Steiger, Der Trick mit dem Sprung aus dem Stuhl,
http://www.roughbooks.ch/bruno_steiger/der_trick_mit_dem_sprung_aus_dem_stuhl.html

Nur noch wenige Exemplare gibt es von roughbook020: Wolfgang Schlenker, doktor zeit,
http://www.roughbooks.ch/wolfgang_schlenker/doktor_zeit.html

Fast schon ein Klassiker ist roughbook019: Bertram Reinecke, Sleutel voor de hoogduitsche Spraakkunst,
http://www.roughbooks.ch/bertram_reinecke/sleutel_voor_de_hoogduitsche_spraakkunst.html

Das ist, was 2012 bisher an roughbooks brachte. Im Sommer bereitet sich der Herbst vor.
Mit einer Fortsetzungsbestellung, http://www.roughradio.com/abo.html, haben Sie das neuste roughbook immer automatisch im Briefkasten.
Und wenn Sie diesen newsletter abbestellen wollen, reicht ein „Bitte keine newsletter mehr“ als Antwort auf diese mail.

11. Unverständlichkeit

Diesem Widerspruch antwortet von eh und je der Vorwurf, das moderne Gedicht sei „unverständlich“. An ihm ist bemerkenswert, daß er nicht spezifisch, im Hinblick auf den einen oder anderen Text, sondern stets pauschal erhoben wird. Das legt den Verdacht nahe, daß er nicht in wirklichen Leseerfahrungen, sondern im Ressentiment gründet. Wäre es anders, so müßte es sich herumgesprochen haben, daß Verständlichkeit oder Unverständlichkeit etwas ganz anderes bedeuten, je nachdem, ob von einem Gedicht von Brecht, von Apollinaire oder von Pound die Rede ist. Jeder dieser Autoren stellt seine Leser vor andere Schwierigkeiten. Der Vorwurf, sie seien allesamt unverständlich, meint etwas ganz anderes. Er spricht aus und kaschiert zugleich die Tatsache, daß Poesie, wie Kultur überhaupt, in der bisherigen Geschichte immer nur Sache der wenigen, der happy few, gewesen ist. Darin drückt sich aus, worauf unsere Gesellschaft beruht. Der Vorwurf, sie seien unverständlich, macht die Poeten zu Sündenböcken für die Entfremdung, so als läge es nur an ihnen, sie über Nacht zu beheben. Zwar verfügen wir heute über die technischen Mittel, Kultur allgemein zugänglich zu machen. Die Industrie, die sie handhabt, reproduziert jedoch die gesellschaftlichen Widersprüche, die das verhindern; ja sie verschärft sie, indem sie der materiellen Ausbeutung die geistige verbindet.

/ Aus: Hans Magnus Enzensberger, Vorwort [in späteren Ausgaben Nachwort] der Anthologie „Museum der modernen Poesie„, Frankfurt/ Main: Suhrkamp 1960. (Ausschnitt in der Ausgabe von 1980 und öfter (Suhrkamp Taschenbuch) in Band 2, S. 777)

Mehr

10. Wovon spricht sie?

Es hat viel Platz in diesem Gedicht, die Mittelpartie ist von grosszügiger Weite, als halte sie den Platz für etwas frei, was noch fehlt. Das erste Wort lässt durchblicken, wofür der Raum vorgesehen ist; es geht um die Vergangenheit, genauer um die Erinnerung an ein gemeinsam erlebtes «damals». Das vertraute Du, das angesprochen wird, scheint nicht auf Anhieb zu verstehen, worauf die redende Stimme hinaus will. Diese sieht sich genötigt zu insistieren: «damals hatten wir doch / du weißt». Wovon spricht sie? / Wochengedicht #13: Lisa Elsässer, Rudolf Bußmann, Tages Woche

9. Literaturbetriebstheorien

„Der Literaturbetrieb. Texte – Märkte – Medien. Eine Einführung“ von Steffen Richter bespricht David Christopher Assmann. Richter stelle der Einführung in den Literaturbetrieb zunächst eine Einführung in verschiedene Literaturbetriebstheorien voran. Der Rezensent stellt dazu fest:

„Unabhängig von der Frage, ob dies möglich oder wünschenswert wäre, steht eine kohärente Theorie des Literaturbetriebs denn auch noch aus“

und fährt fort:

„Einleitend betont Richter, dass es seiner Einführung insbesondere um die Bedeutung der Digitalisierung für den Literaturbetrieb geht (vgl. S. 13). Hätten die vorliegenden Einführungen in den Literaturbetrieb (Plachta, Neuhaus) diesen wichtigen Aspekt eher vernachlässigt, wolle er das Verhältnis zwischen Betrieb und Medien stärker betonen. Dies gelingt anhand von Abschnitten über den Zusammenhang von Internet und Literatur sowie zu Veränderungen durch E-Book und Google. Beobachtet Richter dabei nicht zuletzt ‚massive‘ und ‚unübersehbare‘ ‚Verwerfungen, die das literarische Feld durch die Digitalisierung erfährt‘ (S. 124), sympathisiert der Band indes durchaus mit eben jenem Phänomen, das er an anderer Stelle selbst thematisiert. Denn die Rede vom Betrieb ist scheinbar unvermeidlich mit der Betriebskrise verbunden: Die Krise der Literaturkritik, des Verlagswesens, einzelner Professionen (etwa der des Lektors) sowie der Literatur insgesamt, die von Medialisierung, Ökonomisierung, Eventisierung oder eben Digitalisierung bedroht sei, sind nur einige Ausläufer dieses immer wieder neu entfachten kulturkritischen Diskurses … An anderer Stelle, wenn auch eher kursorisch, so doch aber scharfsinnig und völlig zu Recht, weist Richter denn auch darauf hin, dass sich der Literaturbetrieb der Gegenwart durch eine gesteigerte Selbstreflexivität auszeichnet, die sich zum einen in diversen literaturkritischen Debatten zeigt – nicht zuletzt zur vermeintlichen oder tatsächlichen Krise des Betriebs und der Literatur – und sich zum anderen in sogenannter Literaturbetriebsliteratur äußert. Das Krisengerede gerät zum Gegenstand der Literatur und wird dort als Katalysator für literarische Reflexionen über das Verhältnis zwischen Literatur und Betrieb genutzt.“ WLA

8. Die der Staat lohnt und schützt

Ein Wort von Gottfried Benn zu den diversen Debatten:

(…) meine Damen und Herren und alle Jugend, die antritt, in Laboratorien und Instituten, die Binde von Sais zu lüften, ich will Mißtrauen säen in Ihre Herzen gegen Ihrer Lehrer Wort und Werk, Verachtung gegen das Geschwätz vollbärtiger Fünfziger, deren Wort der Staat lohnt und schützt (…)

Aus: Das moderne Ich, Berlin 1920 (1.-3. Aufl. 1920), in: Gottfried Benn: Essays und Reden. In der Fassung der Erstdrucke. S. Fischer 1989, S. 29.

7. Kunstvolle Verstörung

Das „Muxmäuschen“ von Simone Kornappel, mit „x“ geschrieben, ist ein vi­suel­les Poem in der Tradi­tion der expe­rimen­tellen Lyrik, ein Gedicht in Spi­ralen­form, das die Tra­dition der Bil­denden Kunst und der Ikono­graphie in der poeti­schen Form des Gedichts, wie auch in seinem sprach­lichen Mate­rial auf­ruft. Es gehört zu den schönen Para­doxien dieses Textes, dass es erstmal einigen Lärm ver­ursacht, bevor es am Ende zu dem un­eitlen Wort „still“ findet.

Wenn sich das „muxmäuschen“ auf dem äußeren Ring der Spirale in Bewe­gung setzt, kommt es gleich zu voka­bulären Kol­lisionen. Der vor­sätz­lich herbei­geführ­te Zusam­men­prall gegen­sätz­licher Bild­berei­che und Sprach­felder, vor allem die Kon­fron­tation von bio­logi­schem Körper und Kunst-Körper gehört zu den primä­ren Text­strategien Simone Kornappels.

muxmäuschen das abhusten von früh­renaissance meint auswurf oder tussis in pastell to /tenderize your tongue bei botticelli & leck­muschel wie tzunge an batterie gegebenen-//falls …“ Simone Kornappel sorgt für Ver­störung, für kunst­voll her­gestellte Dissonanz, für das Unter­brechung jenes beruhi­genden Wohl­lauts, den wir von konven­tionel­ler Lyrik ken­nen. Ihre Gedichte ver­feinern jene ag­gres­sive „Montage­kunst“, die einst Gott­fried Benn als „Stil der Zukunft“ quali­fiziert hat. / Michael Braun, Der gelbe Akrobat – Neue Folge 19, Poetenladen

6. Total bekloppt

In der Süddeutschen Zeitung vom 23.6. schreibt Felix Stephan über

gleich zwei grundlegende Missverständnisse …, von denen die Urheberrechtsdebatte in Deutschland immer noch begleitet wird. Erstens gibt es beim Urheberrecht weder ein ‚Sie‘ noch ein ‚Wir‘, sondern lediglich eine Gesellschaft, die vor dem Hintergrund neuer technologischer Bedingungen neue Formen des wirtschaftlichen Zusammenlebens finden muss. Und zweitens geht die Vorstellung fehl, dass die Verleger bei der anstehenden Neuausrichtung ihrer Geschäftsmodelle auf die Expertise der digitalen Pioniere, wie sie sich im Milieu des CCC und der Piratenpartei tummeln, verzichten könnten. …

Die wichtigsten Entscheidungsträger der deutschen Buchwirtschaft suchen ihr Heil indes noch immer in fatalistischer Kriegsrhetorik. In der Eröffnungsrede erklärte etwa der Vorsteher des Börsenvereins Gottfried Honnefelder, dass er es nach den Unterschriftensammlungen der ‚Tatort‘-Autoren und der ‚Urheber‘ begrüße, ‚dass die Fronten jetzt klar sind‘. Der Hanser-Verleger Michael Krüger unterstellte den Piraten eine ‚unheilige Verachtung der Kunst‘, attestierte der Gegenwart insgesamt eine ‚Raserei ohne Zentrum, ohne Ziel, ohne Utopie‘, erblickte außer dem ‚Triumph der Entsinnlichung‘ noch die ‚Enteignung der stolzen Gemeinschaft der Ichs‘ und erkannte im iPad eine der ‚Zerstreuungen des Netzteufels‘. Und die wunderbare Schriftstellerin Sibylle Lewitscharoff setzte sich für die Praxis ein, vierzehnjährige Kinderzimmer-Downloader anwaltlich abzumahnen. Außerdem befand sie, dass in unserer Welt ausschließlich dasjenige wertgeschätzt werde, was Geld koste. Lewitscharoff apodiktisch: ‚Ich hasse kostenlos.‘

Ob man kommende Lesergenerationen allerdings gewinnt, indem man ihnen ‚Schwarmdummheit‘ (der Vorsitzende des Schriftstellerverbandes Imre Török) und eine ‚Aufmerksamkeitsdefizitskultur‘ (Michael Krüger) attestiert, darf bezweifelt werden. Solange die deutsche Kulturelite auf diese Weise mit dem jungen Lesepublikum umgeht, wird sich die Piratenpartei um neue Wähler nicht sorgen müssen. /

Und noch drei schöne Sätze aus dem Artikel:

Und während woanders neue Einnahmequellen erschlossen werden, verweisen deutsche Verleger trübsinnig auf Zeiten, in denen es das alles noch nicht gab, und zitieren Hölderlin. …

Die deutschen Verleger müssten sich weniger vor der Zukunft fürchten, wenn sie aufhörten, ihre potenziellen Kunden mit Bezichtigungen und Klagen zu überziehen, und stattdessen auf ihre Bedürfnisse eingingen. …

Als Gunter Dueck kürzlich bei einem Vortrag auf die ‚Haptik des Buches‘ zu sprechen kam, meldete sich ein Sechzehnjähriger im Publikum und berichtete vom Haptischsten, das er sich überhaupt vorstellen könne: dem iPad 2.

5. Symbolisch verliehen, real widersetzt

Die Preistrophäe war aus Schokolade und der Scheck von 15000 Euro war nicht dabei. Die Verleihung des Arabischen Romanpreises an den algerischen Schriftsteller Boualem Sansal, den letztjährigen Träger des deutschen Friedenspreises, in den Räumen des Pariser Verlagshauses Gallimard war ein rein symbolischer Akt. Die 2008 geschaffene, von den arabischen Botschaften in Paris gestiftete und am Institut du Monde Arabe vergebene Auszeichnung war in diesem Frühjahr dem Algerier Sansal zuerkannt worden für seinen jüngsten Roman ‚Rue Darwin‘, der im September bei Merlin auf Deutsch erscheinen wird. Ziel des Preises ist die ‚Festigung des Kulturdialogs‘ mithilfe von literarisch hochwertigen Werken aus der arabischen Welt. …

Die für Anfang Juni vorgesehene Verleihung des Prix du roman arabe an Sansal wurde von den Stiftern aber kurzfristig abgesagt. Offiziell war von diversen Spannungen die Rede. In Wirklichkeit hing es damit zusammen, dass Sansal inzwischen im Mai als Gast am Internationalen Schriftstellerfestival in Jerusalem teilgenommen hatte. Die Hamas kritisierte diesen Israel-Besuch als eine Legitimierung der Besetzung Palästinas und als einen Affront gegen das palästinensische Volk. Die Pariser Preisstifter ließen sich in die Polemik hineinziehen und widerriefen die Wahl. Sie wiesen die Preisjury an, sich neu zu versammeln.

Die Jury, der unter dem Vorsitz von Hélène Carrère d’Encausse von der Académie Française unter anderen die Schriftsteller Tahar Ben Jelloun, Vénus Khoury-Ghata, Paule Constant, Danièle Sallenave oder der Intellektuelle und palästinensische Unesco-Botschafter Elias Sanbar angehören, widersetzte sich aber dieser Anweisung. / Süddeutsche Zeitung 23.6.

4. Poesie von „da draußen“

Als ich las, dass Miron Białoszewski kein polnischer Gegen­warts­dichter ist, dessen „jungen“ Tonfall ich zuletzt in der EDIT 57 kennen­lernte, war ich nicht wenig über­rascht. Und ich war regelrecht fas­sungs­los, als ich las, dass Białoszewski a) dieser Tage seinen 90. Geburts­tag feiern würde b) im so­zialis­ti­schen Polen gedichtet hat c) schon tot ist. Und wieder einmal beschleicht mich das Gefühl, dass wir viel zu wenig wissen, von der Dichtung „da draußen“ außerhalb Deutsch­lands, was schon gemacht wurde, von dem wir keinen poeti­schen Schimmer haben, so sehr wir uns auch bemühen. Da sind die ambitio­nierten Über­setzungs­vorhaben oft nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Und Miron Białoszewski ist dabei, soviel sei schon gesagt, eine sehr lohnens­werte Entdeckung. …

Miron Białoszewskis Gedichte sind Texte, die durch ihre lapidare Form extrem scharf werden, ganz als ob sie nur genau so sein können, wie sie sind. Und dennoch bringen sie winzige Details, auf die sonst niemand achtet, über­lebens­groß zur Sprache – ein Loch in der Wand, ein Schlüssel bekommt riesige Auf­merk­samkeit; Alltags­gegen­stände werden zu Projek­tions­flächen psychischer Vorgänge. DIE BALLADE VOM HERUNTERGEHEN ZUM LADEN beschreibt mit grotes­kem Witz, wie jemand treppab, / stellt euch vor, / treppab aus seiner Wohnung in einen Laden geht, und was hörte ich? … was hörte ich? Geraschel von Beuteln und Menschen­gerede. // Und wirklich, ich bin wirklich / zurück­gekommen. Auch alltägliche Begeben­heiten, in die der Zufall hinein­kichert, werden geradezu valentinesk umgekehrt; das hat bei­ßenden Humor. Es wirkt alles erlebt und „nicht aus sno­bis­ti­schem Schaum gemacht, sondern viel­mehr aus redli­chem Schwarz­brot“, schreibt Jan Błoński. Und Tadeusz Sobolewski: „Białoszewski beschreibt die Welt … ein bisschen wie ein Ankömm­ling aus dem All, der sich zum ersten Mal die Erde ansieht“. / Armin Steigenberger, Poetenladen

Miron Białoszewski
Wir Seesterne
Gedichte, polnisch und deutsch
120 Seiten
Reinecke & Voß 2012

3. Ungarns Freigeist

Ungarns Ministerpräsident spräche (könnten sie lesen) auch deutschen Rechten aus der Seele: „Wir sind von Geburt an stolz darauf, zur Gemeinschaft der Ungarn zu gehören.“ (Hier)*

Auch Ungarn hat seine Probleme mit Freigeistern und nationalistischen [also offenbar schlechten, M.G.] Lyrikern:

Der für „Kultur und nationales Kulturerbe“ zuständige Staatssekretär, de facto Kulturminister, Géza Szőcs, ist am Mittwoch „auf eigenen Wunsch“ zurückgetreten, Premier Orbán „akzeptierte das Rücktrittsgesuch“, so die offizielle Verlautbarung, und bat Szőcs zukünftig als kultureller Chefberater des Regierungschefs tätig zu bleiben, womit Orbán sein informelles Schattenkabinett weiter vergrößert. Szőcs zog selbstredend eine positive Bilanz seiner zweijährigen Tätigkeit, „viel wurde erreicht“, vor allem die kulturelle Präsentation seines Landes während der EU-Ratspräsidentschaft und in „der Phase der brutalen Angriffe“ gegen Ungarn, hätten positiven Effekt (Trianon-Teppich, Pálinka-Automat für EU-Parlamentarier?) für das Land gemacht, so Szőcs in seiner Rücktrittserklärung.

Szőcs spielt sich in seiner vor Selbstzufriedenheit geradezu triefenden Abtrittserklärung zum Freiheitskämpfer für die Bedrängten auf. Er hätte sich für den Erhalt der vom Abriss bedrohten Attila József Statue eingesetzt ebenso wie er „beschuldigte Philosophen“ in Schutz genommen habe (siehe Budais Philosophenhatz). Er habe dargestellt, dass die literarische Tätigkeit des István Csurka (ein kürzlich verstorbener Naziführer) von seiner dramatischen [sic] zu trennen sei, wie er auch würdigt, dass Siebenbürgen (Szőcs` Heimat) einmal eine namhafte Rolle im Werk von Tamás Gáspár Miklós (kommunistischer Philosoph und Autor) gespielt hat. Er habe nicht den Direktor des Nationaltheaters ausgetauscht (ein schwuler Linker, heftigst befehdet von der Rechten), als dies gefordert wurde, er sehe aber auch im Werk von József Nyirö (antisemitischer Politiker der 40er aus Siebenbürgen, Blut-und-Boden-Schriftsteller, dessen neulich geplante Urnenüberführung zu heftigem Streit mit Rumänien führte) nicht die Spur von „hasserfüllten oder inhumanen Worten“. In diesem Sinne sei er ein Freidenker gewesen und geblieben. / Pester Lloyd

Die Zeitung erklärt:

Szőcs` Ablösung stand mit dem Antritt von Zoltán Balog als neuem Minister für „Human Ressources“ (Bildung, Gesundheit, Soziales, Kultur, Sport, Jugend) eigentlich fest. Dieser will sich nach und nach eine eigene Mannschaft bilden, nächste auf der Streichliste ist Bildungsstaatssekretärin Hoffmann (vermutlich geht sie im Herbst, wenn das Bildungspaket durchgepeitscht wurde). Szőcs, ein Lyriker aus Siebenbürgen, der sich als Radio Free Europe- Aktivist und Dissident in Rumänien einen Namen machte, dessen Führungsstil wir aber aus erster Hand als nachtragend, rechthaberisch und kleingeistig erleben durften, war zwar auf Linie, aber vor allem administrativ vollkommen überfordert. Bereits im Januar 2011 schmiss sein Stellvertreter, Márton Kálnoki-Gyöngyössy, entnervt hin. Szőcs ist mit der Orbán-Familie, besonders Frau Orbán, gut befreundet, was die Berufung zum „Cheberater“ erklären hilft.

*) Hinweis für Deutsche: bevor Sie das Zitat gebrauchen, sollten Sie das zu Ändernde ändern, sonst wirds leicht komisch ;-)!

Die österreichische Presse fragte den Ministerpräsidenten zur Affäre um den ungarischen Dichter und Nazi-Politiker József Nyirö, der im Exil in Franco-Spanien starb und dessen „sterbliche Überreste“, wie man so sagt, jüngst in ungaro-rumänischer Erde bestattet werden sollten:

Unlängst wurden die sterblichen Überreste des ungarischen Dichters Jozsef Nyirö in einer sehr umstrittenen Aktion nach Rumänien gebracht, um dort bestattet zu werden. Er war ein Mitglied des nationalsozialistischen Pfeilkreuzler-Parlaments in der Szalasi-Ära. Und Ihr Parteifreund, Parlamentspräsident Laszlo Köver machte sich auf die Reise, um Nyirö umzubetten. Rumäniens Premier erwägt, Köver deshalb zur persona non grata zu erklären. Warum diese Provokationen?

Warum müssen Pietätsfragen mit politischen Fragen verwechselt werden? Wenn man jemanden beerdigen möchte, dann wird er beerdigt. Es ist für mich verwunderlich, dass das in Rumänien eine politische Frage ist.

Natürlich ist das ein hochsymbolischer politischer Akt, wenn Ungarns Parlamentspräsident eine solche Umbettung unterstützt.

Da widerspreche ich heftig. Vor Kurzem fand eine kleine Gedächtnisfeier für den kommunistischen Diktator Janos Kadar statt. Ich war natürlich nicht dort, aber es war ein Akt der Pietät, die Feier nicht zu untersagen. Die Argumentation bringt uns in Richtung homo sovieticus. Ich lehne jeden Diskurs ab, der das Privatleben von Menschen überpolitisieren will.

2. Geheimbündlerische Lyrik

Kann man patriotische Lyrik verbieten? Leider ist ein geeigneter Passus im Strafgesetzbuch 1964 weggefallen, lese ich. Der schöne Passus hieß:

Die Theilnahme an einer Verbindung, deren Dasein, Verfassung oder Zweck vor der Staatsregierung geheim gehalten werden soll, oder in welcher gegen unbekannte Obere Gehorsam oder gegen bekannte Obere unbedingter Gehorsam versprochen wird, ist an den Mitgliedern mit Gefängniß bis zu sechs Monaten, an den Stiftern und Vorstehern der Verbindung mit Gefängniß von einem Monat bis zu einem Jahre zu bestrafen.

Die Verbindung zur Lyrik? Erstens liest es sich recht beseelt, und zweitens wurde es früh gegen Anhänger eines Lyrikers angewandt:

Seit das Deutsche Reich 1871 das später sogenannte „Reichsland Elsass-Lothringen“ annektiert hatte, forderten französische Nationalisten Revanche. Unter ihnen der Schriftsteller Paul Déroulède (1846-1914), dessen literarisches Schaffen – wie beim Jugoslawen Radovan Karadžić – aus Lyrik von zweifelhafter Qualität bestand. 1882 gründete er die „Ligue des Patriotes“, die nationalistische, antisemitische und antiparlamentarische Positionen vertrat. Zu den Zielen des Verbands zählte, Elsass-Lothringen heim nach Frankreich zu holen. Die Ligue mischte in der französischen Politik kräftig mit und hätte wohl auch einen Putschversuch gegen die republikanische Regierung unternommen,  wäre der dazu auserkorene General Georges Ernest Boulanger ein weniger depressiver Charakter gewesen.

Nationalistische Propaganda lässt sich schwerlich in stiller Anonymität betreiben. Gleichwohl verurteilte das Reichsgericht (RG) am 13./18. Juni 1887 (Az. C.3/87) Angehörige der „Patriotenliga“ wegen Vorbereitung eines hochverräterischen Unternehmens sowie wegen Geheimbündelei.

/ Legal Tribune Online

Ich suche einen Text des besagten Monsieur Deroulède und finde erst einmal Wikipedia, wo im Französischen viele Bilder winken, wenn auch kein Gedicht. Immerhin erfahre ich, daß er zweimal ein Duell überlebte. 1892 schoß er sich mit Georges Clemenceau (den er der Korruption im Panamaskandal beschuldigte). Vor 300 Zuschauern und 2 Gendarmen schossen sie aus 25 m Entfernung 6 Kugeln ab – keine traf.

Und 1904 duellierte er sich wegen der Jungfrau Jeanne d’Arc mit Jean Jaurès. Von 2 Kugeln traf ebenfalls keine. (Von dem mit Clemenceau bei Wiki ein Bild).

Hier eins seiner Soldatenlieder, Le clairon, übersetzt von Google:

Die Luft ist sauber, die Straße ist breit,
Das Signalhorn ertönt die Ladung,
Die Zuaven singen,
Und dort oben auf dem Hügel
Im Wald oberhalb,
Sie beobachten sie warten

Das Signalhorn ist ein mutiger alt,
Und wenn der Kampf ist ernst,
Es ist ein harter Begleiter;
Er hat viele einen Kampf gesehen
Und trägt mehr als eine Stufe,
Von den Füßen nach vorne.

Er ist es, führt die Partei
Seine Trompete nie stolz
Hat mehr Gewicht gewinnt;
Und sein Atem der Flamme,
Hoffnung kommt auf die Seele,
Courage trifft den Kern.

Einer klettert, einer kurzen, gelangt man
Und das Schießen ist scharf,
Und andere sind geschickte
Als schließlich der Schrei fließt:
„Durch die Zusammenarbeit! Am Bajonett!“
Und wie wir das Holz zu gelangen.

Bei der ersten Entladung,
Das Signalhorn ertönt die Ladung
Fell, schlug ohne Rückgriff;
Aber, mit großer Anstrengung,
Führend im Kampf sowieso,
Die Bugle noch klingelt.

Und doch fließt das Blut,
Aber seine Hand, die es liefert,
Suspend für einen Moment Tod,
Und seine verzweifelte Note
Ausfällen der Nahkampf,
Das Signalhorn ertönt alten Encor.

Es ist da, auf dem Rasen lag,
Verachtend, hervorragende verletzt,
Alle Hoffnung und alle Hilfe;
Und auf seiner Lippe blutig,
Keeping seinen feurigen Trompete,
Es klingelt, klingelt es immer.

Dann in den Wald hinein gedrückt wird,
Seeing die Ladung ins Leben gerufen
Zuaven und springen,
Dann stoppt das Signalhorn,
Seine letzte Aufgabe erledigt ist,
Er beendet seinen Tod.

1. Keine Reaktion

„Keine Reaktion auf das WWW“: an dieser Formel erkennt man sie ja. Heute Herr di Lorenzo.

In der Osterausgabe 2010 der Wochenzeitung „Die Zeit“ erschien erstmals die neue Seite „Die Zeit der Leser“. Es handelt sich hierbei um eine Seite, die ausschließlich aus Einsendungen der Leser besteht. Neben Texten gibt es auch Comics, Fotos, Gedichte, Kritzeleien oder „Grüße für einen anderen ,Zeit“-Leser“.

Das war keine Reaktion auf den Mitmachjournalismus des Internets, so der Herausgeber di Lorenzo. Er hatte „schon sehr lange die Idee, dass wir etwas Wertvolles verpassen, wenn wir die Einsendungen der Leser nicht nutzen“. Der Erfolg war durchschlagend: Es wurde zur meistgelesenen Seite der ganzen Ausgabe.

109. Robert Sabatier gestorben

Mit dem Bestseller Les allumettes suédoises (Die schwedischen Zündhölzer) veränderte sich sein Leben. Er wurde in der ganzen Welt übersetzt. Über Nacht verwandelte er sich in einen Medienstar. Er war aktiv am Widerstand gegen die Deutschen beteiligt. Nach dem Krieg gründete er die Zeitschrift La Cassette, in der  Paul Eluard, Alain Borne, René-Guy Cadou, Frédéric-Jacques Temple, Maurice Fombeure, Hervé Bazin und andere Dichter publizierten. Die Poesie blieb die große Leidenschaft seines Lebens. 1969 erhielt er den Großen Preis der Académie française für sein Gesamtwerk.

Er starb im Alter von 88 Jahren. / Jean-Claude Lamy, Le Figaro 28.6.

108. veden torah bibel koran

»zu den quellen ein intereligiöses sprechen hören und singen. veden torah bibel koran«

am 7. Juli 2012 10-14 Uhr

Galerie Peter Hermann

»Beamte des Himmels« und andere religiöse Gesänge

Darunter:

11.20 Uhr Hans Thill „Beamte des Himmels. Unfertige Angeologie nach Agamben“

Hans Thill

Die Heilige Herrschaft

1.

Sie tragen das Haar wie ein Rumi.
Mittlere Länge wo nicht lockig bis über
die Kehle. Sie wurden als Ibn Arabi
mit Klingen gestählt, spezialisiert
auf Nacken (die Freiheit der Nacken)

2.

der Schmutz der Welt lässt auch sie
nicht ganz kalt. Vor Rätseln reagieren
sie als Hirten oder Schwein aus
der Erde

3

männlich bis zur Nase und darüber von
horribler Intelligenz. Ein Wurm
kommt ihnen aus dem Mund, sobald
sie ihren Zorn verschweigen. Sie sind
nervös, schlafen dann doch

(…)

Galerie Peter Herrmann Potsdamer Straße 98 A 10785 Berlin 2. Hinterhof