70. Poesie aus Lateinamerika

Der Mexikaner José Emilio Pacheco macht sich in „Sirenendämmerung“ Gedanken über Wissen und Nichtwissen, Wirklichkeit und Fantasie. Reichlich mysteriös ist das neunseitige Gedicht „Der Tiger im Haus“ von Pachecos Landsmann Eduardo Lizalde, auf das auch der Titel des Sammelbandes zurückgeht.

Als „Antipoet“ kommt der exzentrische Chilene Nicanor Parra daher. Er misstraut den Wörtern und ihrer Fähigkeit, etwas zu bezeichnen und fordert in „Umbenennungen“ die Dichter dazu auf, die Namen aller Dinge zu ändern, auch den Namen Gottes. In „What is poetry?“ definiert er sein Verständnis von Poesie: „alles was man sagt ist Poesie/alles was man schreibt ist Prosa/alles was sich bewegt ist Poesie/was stillsteht ist Prosa.“

„In allen Ländern Lateinamerikas haben die Dichter eine besondere Stellung. Sie werden geliebt und rezitiert“, sagte Strausfeld bei der Vorstellung ihres Buches in Berlin. …

Ein Anschlussband mit jüngeren Dichtern ist nicht ausgeschlossen…

/  Die Erben Nerudas – neuere lateinamerikanische Poesie – weiter lesen auf FOCUS Online

Michi Strausfeld (Hg.): Dunkle Tiger – Lateinamerikanische Lyrik, S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main, 373 Seiten, 24,99 Euro, ISBN 978-3-10-074444-9

69. Replik

Von  Felix Philipp Ingold

Ein merkwürdiges Phänomen sind jene Kommentare Ingolds, die so vernichtend wirken, als wollten sie einem die Lust zum Weiterlesen austreiben. Man versteht nicht, wie ein Herausgeber, von dem man doch meinen sollte, er empfehle seine Ausgabe, sich derart selber ein Bein stellen kann. (Birgit Veit in „Neue Zürcher Zeitung“, 2012-06-06)

 

Was man bei der Lektüre meiner Lyrikanthologie Als Gruss zu lesen „meinen sollte“ (also erwarten dürfte), legt die Rezensentin in ihrer kritischen Besprechung wortreich und mit merklicher Irritation dar. Indigniert wirft sie mir vor, einige der ins Buch aufgenommenen Autoren schlecht zu machen und damit nicht nur ihren weithin anerkannten Rang herabzumindern, sondern auch dem Grundprinzip anthologischer Auslese zu widersprechen.

Dass eben dies mein erklärtes Ziel ist, entgeht ihr, obwohl ich im Vorwort deutlich mache, dass meine „Blütenlese“ ausser Orchideen auch mindere Gewächse und sogar Unkraut berücksichtigt, weil erst all dies zusammengenommen die literarische Kultur einer Epoche oder einer Nation ausmache. Auch verkennt die Rezensentin, dass es innerhalb meines Konzepts kein Kritiktabu geben kann; dass also von einem starken Autor (etwa Wiktor Sosnora), einer starken Autorin (etwa Jelena Schwarz) durchaus gesagt werden darf, dass es in deren Gesamtwerk – wie übrigens bei jedem Dichter ‒ auch schwächere und beiläufige Texte gibt.

Es ist schon dreist (oder ist es bloss unbedarft?), von mir eben das zu erwarten, sogar zu fordern, was ich explizit nicht zu liefern beabsichtige. Meine Anthologie ist gerade kein weiterer Beitrag zur Kanonisierung „schöner“, „bedeutender“, „wunderbarer“ Gedichte oder „herausragender“, wenn nicht „genialer“ Autoren. Als repräsentativ kann sich die Sammlung nur deshalb empfehlen, weil sie neben Meisterwerken auch Gelegenheitsgedichte – gelungene und weniger gelungene – berücksichtigt; weil sie ausser lyrischen Spitzenprodukten auch mittelmässige Ware zugänglich macht: die gängige Durchschnittsqualität prägt den Epochenstil (wie übrigens oft auch den Personalstil der Autoren) weit mehr als vereinzelte dichterische Höchstleistungen.

Lew Tolstoj war’s doch, der einst das Elend aller Kanonisierung – auch seiner eigenen! ‒ beklagte und davor warnte, grosse Namen und kanonisierte Werke bloss aufgrund ihrer literarhistorischen Einstufung der Kritik zu entziehen. Nicht alles – eigentlich doch das Wenigste – von dem, was als „klassisch“ und somit als vorbildlich gilt, vermag auf Dauer, bei unvoreingenommener Lektüre, seinen angeblichen Rang zu bewahren, so wie auch keineswegs jene andern Autoren vergessen werden sollten, die vom Kanon ausgeschlossen blieben und in der Literaturgeschichte dementsprechend marginalisiert wurden. Unter den Aussenseitern gibt es – meine Anthologie ist ein Beleg dafür ‒ „Genies“, die mit noch unerkannten „Meisterwerken“ manches von dem übertreffen, was weiterhin als „ewiger Vorrat“ europäischer Dichtung gehortet wird.

Felix Philipp Ingold, „Als Gruss zu lesen“. Russische Lyrik von 2000 bis 1800. Russisch/Deutsch. Dörlemann Verlag, Zürich 2012, 532 S.

68. Poetik-Kolleg mit Gerhard Falkner

Erlanger Poetik-Kolleg 2012 mit Gerhard Falkner. Am 20.6. u.a. über „Gegensprechstadt“, am 18.7. über die dann druckfrisch vorliegenden „Pergamon Poems“.

  • 20.6., 19.30 h, Kino im e-werk, Fuchsenwiese 1, 91054 Erlangen
  • 18.7., 19.00 h, Akademie der bildenden Künste, Bingstraße 60, 90489 Nürnberg

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67. Unterbrochenes Gedicht

In dem von ihr herausgegebenen Buch „Unterbrochenes Gedicht“ stellt die Literaturwissenschaftlerin Tamar Lewinsky ein vergessenes Kapitel der Holocaustliteratur vor: die jiddisch-sprachige Literatur osteuropäisch-jüdischer Displaced Persons, die diese in den unmittelbaren Nachkriegsjahren verfassten, während sie im besetzten Deutschland auf eine Ausreise nach Palästina oder die USA hofften. Die in diesem Buch erstmals ins Deutsche übertragenen Gedichte und Prosastücke zählen zu den frühesten Versuchen jüdischer Überlebender, sich der erlittenen Katastrophe literarisch zu nähern.

Der Churbn, wie der Holocaust auf Jiddisch genannt wird, umfasste für die Verfasser nicht nur den nationalsozialistischen Genozid, sondern auch unterschiedliche Kriegserfahrungen, die traumatische Begegnung mit der Zerstörung und den Verlust von Familie und Heimat. Darüber hinaus zeugen die Texte von der unmittelbaren und schmerzlichen Begegnung zwischen Tätern und Opfern in der Nachkriegszeit auf deutschem Gebiet. Sie dokumentieren damit auch die Neu-Anfänge der deutsch-jüdischen Beziehungsgeschichte.

Am Mittwoch, 20. Juni um 19 Uhr liest Tamar Lewinsky im Festsaal der Synagoge (Halderstraße 6-8) aus ihrem Buch. Die Lesung ergänzt die aktuelle Wechselausstellung des Jüdischen Kulturmuseums „GEHEN? oder BLEIBEN!“, die sich mit dem Neuanfang jüdischen Lebens im Augsburg der Nachkriegszeit beschäftigt. / Die Augsburger Zeitung

Tamar Lewinsky (Hrsg.)
Unterbrochenes Gedicht
Jiddische Literatur in Deutschland 1944-1950 (Studien zur Jüdischen Geschichte und Kultur in Bayern, Bd. 7)
2011. IX, 168 S., gebunden
ISBN 978-3-486-70588-1
€ 24,80

66. NE TA PLANETA. 2, deutsch-russische Lesung

Wann: 17.6. – 19:00 Uhr

Wo: Atelier Wolfgang Heyder

Fidicinstraße 40
10965 Berlin
» Lageplan

Veranstalter: Theater Thikwa

Atelier Wolfgang Heyder, F40-Kunsthöfe

Lyriklesungen Folge 5 Atelier Wolfgang Heyder Im Rahmen der offenen Ateliers hinter blauen türen ? folge 17 Neue russische Lyrik aus Berlin. Lesung auf Russisch und Deutsch Die Gruppe Запад наперёд – KdW – Kehrseite des Westens: Dmitri Dragilew, Sergej Sturz, Ilya Ryvkin und Alexander Filyuta, Elena (Ilina) Rajeshvari Moderation: Elena Ilina und Wolfgang Heyder

Не та планета. 2 Новая русская поэзия в Берлине. Группа Запад наперёд – KdW Дмитрий Драгилёв, Сергей Штурц, Илья Рывкин а также Александр Филюта и Елена (Ильина) Раджешвари Модераторы: Елена Ильина и Вольфганг Хейдер

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65. tohuwabohu

Es ist wieder soweit: „jazz me, if you can!“
das tohuwabohu 2012 im Schloss Lüntenbeck!
vom 22. bis zum 24. Juni 2012 treffen sich
die Generationen der Jandl-Musik in Wuppertal.

Ernst Jandl würde sagen: Ein tohuwabohu kann etwas Schlechtes sein, ein tohuwabohu kann auch etwas Gutes sein. Und als ein tohuwabohu erscheint unter manchem Blickwinkel Jandls Leben. Seine literarisches Werk spiegelt dieses Durcheinander, das der Dichter mal als Bereicherung, jedoch oft auch als Bedrohung seines Seelenfriedens wahrnahm, zweifach wider: Erstens ist auch bei Jandl das innere Getrieben-Sein der Hauptmotor für eine künstlerische Produktion, die 17 Gedichtbände und zahlreiche ‚freistehende’ prosaische, dramatische, lyrische und wie-auch-immer-zu-nennende Texte umfasst. Zweitens ist das Werk ungewöhnlich bunt: Jandl ist nicht nur ein Konkreter, nicht nur ein Sound-Poet, weder nur visueller Dichter, noch ausschließlich Tiefsinn-Schürfer. Man reduziere ihn nicht auf Wortspiele oder hermetische Dichtung! Jandl ist das alles. Und deshalb nie langweilig.

Der vitalste Aspekt an Jandl ist nicht erst nach seinem Tod die Jandl-Musik: Musik zu, mit und nach Jandl. Der Wiener Wortwinder ist mit Sicherheit der zeitgenössische deutschsprachige Dichter, der am häufigsten von Musikern vertont oder auf andere Weise künstlerisch bearbeitet worden ist und immer noch wird. Denn trifft sein Werk auf weitere Spielernaturen, so ergibt sich fast zwangsläufig eine künstlerische Melange die es in sich hat. Und wie bei Milch und Wiener Kaffee ergibt sich auch bei Musik und Wiener Lyrik eine heiße und spannende Mischung! Bis heute sind, mit und ohne Ernst Jandls Beteiligung, nahezu vierhundert Jandl-Musik-Stücke entstanden.

Der im letzten Jahr verstorbene Dietmar Mues, der viele Jahre mit seinem Freund und Kollegen Dieter Glawischnig in furiosen Konzerten die Gedichte Jandls gesprochen hat, bezeichnete seinen Kontakt mit Jandls Werk als Landung auf dem „Planeten Jandl“. Denn hat man erst einmal einen Fuß auf dieses Rund (oder ist es eckig?) gesetzt, gibt es kein Zurück mehr, stattdessen aber viel zu entdecken: Jedes einzelne Gedicht wieder ein tohuwabohu, hier ist nichts glatt außer der hohen Stirn des Dichters! Es kracht und stampft, es irritiert und brüskiert, es schweigt und harrt der Interpretation. Achtung, da läuft ein Gedicht! (oder fliegt es?) Man sah auch schon Leute lachen.

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64. Russische Lyrik

Nach der Werkausgabe des russischen Nobelpreisträgers Iwan Bunin legt der Dörlemann-Verlag eine Anthologie russischer Gedichte vor: «<Als Gruss zu lesen>. Russische Lyrik von 2000 bis 1800». Herausgeber ist der renommierte Slawist, Übersetzer, Autor und Literaturkritiker Felix Philipp Ingold, der auch die Übersetzungen angefertigt hat. Die Ausgabe ist zweisprachig, enthält ein kurzes Vorwort und einen ausführlichen Kommentar des Herausgebers zu den Autoren und Gedichten sowie ein kurzes, kundiges Nachwort des berühmten Slawisten Roman Jakobson (1896 bis 1982) mit einem Überblick über die Geschichte der russischen Poesie. …

In seinem Vorwort grenzt sich Ingold klar von den bisherigen Anthologien russischer Lyrik ab: Was er nicht will, ist «eine prachtvolle Monotonie, wo Meisterwerk sich an Meisterwerk reiht». Dies habe in den Anthologien der Vergangenheit zu einem «immergleichen Fundus an Meister-, also Ausnahmetexten» geführt. Demgegenüber will Ingold eine Auswahl bieten, die den Formbestand, die thematische Breite, die intertextuellen Bezüge und die Evolution der russischen Lyrik vorführt, ein hoher Anspruch, zumal jeder Autor bei ihm mit nur einem einzigen Gedicht vertreten ist. …

Ausserdem legt Ingold Wert darauf, gegen die grossen Namen anzuschreiben: so etwa gegen den Nobelpreisträger Joseph Brodsky, den er für überschätzt hält. Aber nicht immer zeugt das ausgewählte Textbeispiel von den Fähigkeiten derjenigen, die der Herausgeber in seinem Kommentar den Koryphäen entgegenhält, so etwa das Eingangsgedicht von Boris Ryshij. Wirkliche Entdeckungen dieser Anthologie sind Bella Achmadulina und Gawriil Batenkow. / Birgit Veit, NZZ

Felix Philipp Ingold: «Als Gruss zu lesen». Russische Lyrik von 2000 bis 1800. Dörlemann-Verlag, Zürich 2012. 536 S., Fr 45.50.

63. Vom Wissen

Das längst Gefundene wird wieder verscharrt; wie bemühte sich Tycho, die Kometen zu regelmäßigen Körpern zu machen, wofür sie Seneca längst anerkannt.

Goethe: Maximen und Reflexionen

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62. Das eigene Sprechen

Bei Faustkultur ein ausführliches Gespräch übers Gedichteschreiben mit Marcus Roloff, Auszug:

Beim Produzieren wird man allerdings selber schon gesteuert. Man wird gesteuert durch die Geschichte der Poesie. Man weiß, was überhaupt nicht geht. Man sortiert ja schon. Das andere aber, was dabei eine Rolle spielt, ist, dass man auch immer einen Fokus hat, der sich auf etwas richtet, was einen von anderen, die Gedichte schreiben, unterscheidet.

Ja, das ist das sogenannte Eigene. Das ist das eigene Sprechen, das man sich im Laufe der Jahre erarbeiten muss, das man der Stimme der Anderen entgegenhält. Das fällt einem nicht zu, glaube ich. Das ist eine Sache, die einem dann irgendwann bewusst wird: dass es geht, dass es funktioniert. Wenn das eine oder andere eintritt, wie auch immer, merkt der Lyriker, aha, es funktioniert. Es funktioniert, was ich hier versuche. Ich habe ein Gedicht – auch wenn es nur eins ist –, das so stehen bleiben kann! Diese Erfahrung macht einem irgendwie Mut und freut einen. Und gleichzeitig ist es so, dass das jedes Mal neu erarbeitet werden muss. Es ist nicht so, dass es los geht und man es einfach aufschreibt. Klar, man muss losschreiben, einfach möglichst die ganze Zeit schreiben, das ist ganz wichtig, aber das heißt noch lange nicht, dass man da gute Gedichte aufschreibt. – Also gedanklich ist mir der Ansatz, ständig in einem Steinbruch zu wühlen, näher als das dreimal im Jahr einmalige Behauchtwerden: Aus vielem, was man notizen- und entwurfsartig geschrieben hat, etwas zu machen, also das Material selber herstellen oder das, was man geschrieben hat als Material betrachten, – und dann einen Tag später, Tage, Wochen, manchmal Jahre später gucken, was ist das? Hat das Sinn im Sinne von: Kann man daraus überhaupt etwas machen? Mir ging es ja lange Zeit speziell um meine Ost-Herkunft. Und wenn man mal schaut, wie die Gedichte in der Entwurfsfassung zum Teil aussehen, – da wurde mir recht schnell klar, das war mitunter sehr schwach zu Anfang. Es gab da eine Stimmung, die im Gedicht eingefangen wurde, der – für mich sehr wichtige – Erinnerungsmodus, der Vergangenem hinterherstöbert, das entscheidende Einstiegszenario; und dann musste ich das aber auffüllen mit wirklich Konkretem. Und das Konkrete war am Anfang manchmal äußerst schwach. Es war vielleicht ein Bild oder eine spezielle Erinnerung: Klassenraum, Häkel- oder Gartenarbeit, Jugendzeit, Gerüche, – ich weiß noch, wie die Klassenzimmer rochen in der DDR. Und da musste ich eben versuchen, dafür konkretere Bilder zu finden, die dann auch stichhaltig sind. Und da habe ich dieses Harte-Schnitte-Verfahren für mich entdeckt, das Überblenden historischer Schichten. Das heißt, Bild an Bild, zackzackzack, relativ hart, relativ knapp – sowieso. Das war für mich wichtig zu sehen, dass das gelingen kann, schlaglichtartig ein Gedicht aufzubauen: Dinge, die miteinander zu tun haben, die Erinnerung ist grundsätzlich da an etwas mehr. Das aber muss man herausschälen, da muss man gucken, was ist das genau? Es kann nicht sein, dass das irgendwie im Vagen bleibt. Das muss schon aus dem Ungefähren rausgezogen werden ins Klare und Deutliche. Ich bin durchaus ein Verfechter von Klar und Deutlich. Gleichzeitig ist mir dieses Präzisionsargument aber auch zu nackt. Sprache sollte präzise sein, ja. Anders geht es ja gar nicht, das ist kaum mehr, als eine Klappentext-Kategorie. Also ich meine, diese Kategorie ist selbst nicht präzise.

Suchst Du sprechende Bilder?

Bilder, die so stark sind, dass sie über das, was man selber erlebt hat, irgendwie hinausgehen; dass das greifbar wird auch für den Leser. Sie sollten dann so tragfähig sein, dass ich als Leser das, was da speziell steht, auch wenn ich es nicht kenne, verstehe – also Namen zum Beispiel, Ortsnamen, das sind natürlich für mich auch nur Platzhalter und gleichzeitig für mich höchst wichtig, weil sie etwas Bekannt-Unbekanntes transportieren. Bei mir reicht oft schon, wenn ich mir vorstelle: „Mecklenburger Dorf“, das ich kenne, durch das ich gefahren bin oder das ich besser kenne durch Verwandtschaft usw. Das ist dann für mich schon so ein Bedeutungsträger, dass sich daraus langsam ein Gedicht ergeben kann, wenn man’s richtig anstellt. Also Namen, Ortsnamen, Eigennamen, die sollte man auch sparsam verwenden, aber ich tu’s gerne, denn konkreter geht’s gar nicht. Ein Name ist das Gegenteil von abstrakt. Und wenn jemand den Namen nicht kennt und mit dem Ort nichts anfangen kann, dann ist es meines Erachtens nicht schlimm, wenn das im Ganzen was ergibt, wenn das so ein eigener Sprachkontext ist, der so dasteht, – auch wenn er etwas verschlossen ist. Ich mag zum Beispiel das Spätwerk von Peter Huchel sehr gerne. Das ist extrem verschlossen. Das ist kodifiziert. Von Celan reden wir jetzt gar nicht. Das ist eine ganz eigene Nuss. Aber es geht in der Gegenwart wohl auch gar nicht mehr darum, auf eine klassische Weise verständlich zu sein, so dass alles von allen nachvollzogen werden kann. Es geht vielleicht eher darum, das eigene Sprechen so weit zu treiben, dass es für den Leser in einem produktiven Sinn rätselhaft bleiben kann.

Marcus Roloff Text und Audio

61. Arabische Apokalypse

Etel Adnan, die in der documenta-Halle mit ihren farbintensiven Bildern vertreten ist, verschmilzt in ihren Texten die Massaker und die Gewaltspirale im arabischen Raum mit fast kontemplativer Naturerfahrung und Traumgebilden. Eine „steinhafte Hitze“ entsteht und wir wollen ausatmen, auf den Stühlen zappeln, die Ärmel hochkrempeln, uns abkühlen und müssen doch weiter staunen. Die „Arabische Apokalypse“ ist kein bloßer Stoff, sie ist gegenwärtig. / Daniela Riess, Hessische/ Niedersächsische Allgemeine

60. Kritiker (Schwitters)

Kritiker

Tran 27

Kritiker sind eine besondere Art Menschen. Zum Kritiker muß man geboren sein. Mit ganz außergewöhnlichem Schaafsinn findet der geborene Kritiker das heraus, worauf es nicht ankommt. Er sieht nie den Fehler des zu kritisierenden Kunstwerks oder des Künstlers, sondern sein eigenes Fehlen, sichtbar gemacht durch das Kunstwerk. Der Kritiker erkennt durch angeborenen Schaaafsinn gewissermaßen seinen eigenen Fehler durch das Kunstwerk. Das ist die Tragik aller Kritiker, sie sehen Fehler, statt Kunst. Kunst sehen heißt für den Kritiker die Fehler am Kunstwerk rot anstreichen und eine Zensur darunter schreiben. Kritiker sind den mit Recht so beliebten Oberlehrern ähnlich. Allerdings braucht der Kritiker kein Examen zu machen, zum Kritiker ist man eben geboren. Der Kritiker ist ein Geschenk des Himmels an die Menschheit. Mit Oberlehrerin gesäugt nährt er sich von Kunstfehlern zum Segen der Schaaaafzucht. Sich sägen bringt Regen. Zwischendurch trinkt der Kritiker dann noch ein Gläschen rote Tinte. Jeder Kritiker hat einen Regenschirm, in den er wieder gewissermaßen hineingeheiratet hat. Denn sich sägen bringt Regen zum Segen der Schaaaaafzucht. Das besagte Oberlehrerin aber ist ein dicker, sirupartiger Saft, hergestellt aus Absonderungen der Galle von wirklichen geheimen Oberlehrern und dem Magensaft verblödeter Schaaaaaafe. Besagte Schaaaaaaafe brauchen kein Examen gemacht zu haben, wie der Kritiker. Den Regenschirm benutzt der Kritiker, um ihn verkehrt aufzudrehen. Kritiker brauchen ihre Regenschirme in der Kunstausstellung nicht abzugeben. Der Regenschirm aber muß ein Examen machen. Nur löcherige Regenschirme werden zur Kunstkritik zugelassen. Je mehr Löcher, desto mehr Regen, je mehr Regen, desto mehr Sägen, je mehr Sägen, desto mehr Kritik. Um auf das Schaf zurückzukommen: Kritiker sind eine besondere Art Menschen. Zum Kritiker muß man geboren sein. Kritiker sind schafgeboren, schafgesäugt mit Oberlehrerin und schlaftrunken von dem Kunstwerk. Der Unterschied zwischen Künstler und Kritiker ist der: „Der Künstler schafft, während der Kritiker schaaft.“

(Kurt Schwitters 1922)

 

  • Kurt Schwitters, Das literarische Werk, Bd. 5: Manifeste und kritische Prosa. Hg. Friedhelm Lach. Köln: DuMont 1981 (1997), S.- 117. Zuerst in: Kurt Merz Schwitters: Elementar. Die Blume Annas. Die neue Anna Blume. Berlin: Verlag Der Sturm 1922.

59. Mehrsprachige Gedichte

Als Angehörige einer bestimmten europäischen Generation sieht sich Zwetelina Damjanova: „Die extrem schnellen Wanderflüsse von Menschen haben eine neue, mehrsprachige Generation hervorgebracht, die vorher so nicht da war.“ Um ihre eigene Mehrsprachigkeit und die „eines ganzen Teils der europäischen Gesellschaft“ gehe es in ihrem neuen Gedichtband. Was im Inneren vorgehe, die Beziehung zu den Sprachen, wird dort artikuliert.

Es sind drei mal drei mal drei – insgesamt 27 – Gedichte aus jeweils drei Strophen zu jeweils drei Verszeilen. Jede Strophe ist in einer anderen Sprache verfasst: Bulgarisch, Spanisch, Deutsch. Mit diesen Sprachen ist Damjanova aufgewachsen. Ihre Eltern sind gebürtige Bulgaren, ihre Mutter spricht auch fließend Spanisch, weil sie von klein auf in Kuba gelebt hat. Jede Strophe hat einen eigenen Klang, eine Übersetzung ist dabei. / Stefan Beig, Wiener Zeitung

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58. Ausschreibung für Lyrikerinnen und Lyriker in und aus Mecklenburg-Vorpommern

Das Literaturhaus Rostock plant eine neue Reihe für Lyrikerinnen und Lyriker des Landes Mecklenburg-Vorpommern. Ziel ist es, den Autorinnen und Autoren eine Plattform zu bieten, eigene Gedichte der Öffentlichkeit zu präsentieren sowie den Austausch untereinander anzuregen. Der Lese- und Gesprächsabend soll zeigen, was Lyrik alles kann und wozu diese spannende, aber oftmals nur am Rand wahrgenommene Gattung fähig ist.

Es können sich insgesamt drei Lyrikerinnen und Lyriker, die in M-V leben oder aus M-V stammen, für das Podium qualifizieren, indem sie bis zum 1. September 2012 Gedichte (Lesezeit max. 15 Minuten) zum Thema „Lyrische Landschaften“ (Sprache als Landschaft, Vergangenheit als Landschaft etc.) einsenden. Die ausgewählten Lyrikerinnen und Lyriker werden eingeladen, am Freitag, 26. Oktober 2012, ihre Gedichte im Literaturhaus Rostock dem Publikum vorzustellen.

Die aus Anklam stammende Lyrikerin Judith Zander, deren Gedichte bereits überregionale Anerkennung erlangt haben, wird den Abend mitgestalten. Ihre ersten literarischen Erfolge feierte sie außerhalb ihrer Heimat. Auch diese Problematik wird an diesem Abend Thema sein. Der Lyriker Ron Winkler wird durch den Abend führen und die Veranstaltung moderieren.

Einsendeschluss: 01. September 2012

Texte per Mail oder Post an:

programmleitung (at) literaturhaus-rostock(dot)de

Literaturhaus Rostock
im Peter-Weiss-Haus
Doberaner Str. 21
18057 Rostock

57. Kalenderblatt

Sein Leben war kurz und unglücklich, aber die Wirkung seiner Gedichte und Essays hält bis heute an. Vor 175 Jahren ist er im Alter von 39 Jahren gestorben.

Lieb war mir stets hier der verlassne Hügel
und diese Hecke, die vom fernsten Umkreis
so viel vor meinem Blick verborgen hält.
Doch hinter ihr – wenn ich so sitze, schaue,
endlose Weiten formt sich dort mein Denken,
ein Schweigen, wie es Menschen nicht vermögen,
und tiefste Ruhe; da beschleicht die Seele
ein leises Graun.

So beginnt eines der berühmtesten Gedichte der italienischen Literaturgeschichte: L’infinito, Das Unendliche von Giacomo Leopardi, entstanden 1819. Ein in sich selbst versunkenes Ich lässt den Blick über die Landschaft schweifen, aus der alles Göttliche längst gewichen ist. / Maike Albath, DLR

56. Für Schnillern etc.!

Arno Holz

Für Schnillern etc.!

Immer noch laufen sie uns in die Quer,
Faust, Hamlet, Hiob und Ahasver.

Aber ich finde, nachgerade
Wird die Gesellschaft ein wenig fade.

Zu viel Schminke, zu viel Theater,
Zu viel Klimbim und zu viel Kater.

Da lob ich mir Reuter und Wilhelm Busch.
Für Schnillern etc. ein ander Mal Tusch!