Wieviele Namen fallen dem Leser ein? Eine in Kürze erscheinende englische Anthologie versammelt eine beeindruckende Liste von Lyrikern des 20. und beginnenden 21. Jahrhunderts – nicht nur im Umfang, sondern auch im Gewicht der Namen aus den vier Hauptsprachen des Landes. Darunter sind:
Blaise Cendrars, Hugo Ball, Jacques Chessex, Hans Arp, Gerhard Meier, Philippe Jaccottet, Adelheid Duvanel, Arno Camenisch, Giorgio and Giovanni Orelli, Urs Allemann, Claire Genoux, Robert Walser, Maurice Chappaz, Fabio Pusterla, Regina Ullmann, Eugen Gomringer, Rainer Brambach, Kurt Marti, Silja Walter, Erika Burkart, Klaus Merz, Armin Senser, Felix Philipp Ingold und Raphael Urweider. „Die ideale Einführung in eine unterschätzte und eigenständige Kraft in der Weltliteratur, die an den Wurzeln vieler der einflußreichsten literarischen Bewegungen steht, seien es traditionelle oder experimentelle“, schreibt der Verlag.
MODERN AND CONTEMPORARY SWISS POETRY. An Anthology. Edited by Luzius Keller
(Collection Swiss Literature Series)
Übersetzungen und vom Autor oder der Autorin in Originalsprache gesprochen.
Sie finden auf lyrikline.org 7520 Gedichte von 822 Dichtern aus 57 Sprachen und über 10.250 Übersetzungen in 55 Sprachen!
2012 hinzugekommene Stimmen:
Kyriakos Charalambidis (Griechisch)
am 29. August 2012
Daniel Falb (Deutsch)
Christian Steinbacher (Deutsch)
Judith Zander (Deutsch)
am 13. August 2012
Bert Papenfuß (Deutsch)
am 06. Juli 2012
Rajko Djurić (Romani)
am 28. Juni 2012
Linda Maria Baros (Französisch)
Dorothée Volut (Französisch)
am 23. Mai 2012
Dmitrij Golynko (Russisch)
Jazra Khaleed (Griechisch)
am 26. April 2012
Garouss Abdolmalakian (Farsi)
Baktash Abtin (Farsi)
Behzad Khajat (Farsi)
Mansour Momeni (Farsi)
am 24. April 2012
Édith Azam (Französisch)
Arno Calleja (Französisch)
Albane Gellé (Französisch)
Pascal Poyet (Französisch)
am 23. April 2012
Sam Hamill (Englisch)
am 11. April 2012
Ali Babatschahi (Farsi)
Luis Chaves (Spanisch)
Christian Filips (Deutsch)
Martín Gambarotta (Spanisch)
Fiston Mwanza Mujilla (Französisch)
Arseni Rovinski (Russisch)
Vital Ryzhkou (Belarussisch)
Maya Sarishvili (Georgisch)
am 21. März 2012
Andre Rudolph (Deutsch)
Tom Schulz (Deutsch)
Uljana Wolf (Deutsch)
am 01. März 2012
Carles Duarte (Katalanisch)
Màrius Sampere (Katalanisch)
Enric Sòria (Katalanisch)
am 23. Februar 2012
Ákos Györffy (Ungarisch)
Attila Jász (Ungarisch)
am 10. Februar 2012
Dorta Jagić (Kroatisch)
Miroslav Kirin (Kroatisch)
Miloš Đurđević (Kroatisch)
am 12. Januar 2012
Es muss für ihn ein besonderer Schock gewesen sein. Tomas Venclova, Amerikaner nicht ganz aus eigener Wahl – die Sowjetunion hatte ihn ausgebürgert -, dieser Wanderer aus der Alten Welt feierte an jenem 11. September wie jedes Jahr Geburtstag. (…)
Einige Zeit später, zu Silvester, saß der Dichter, wie er erzählt, bei Freunden in New York im Restaurant „Russian Samovar“. Seine Gedanken wanderten zurück zum Zweiten Weltkrieg – auch er ein Septemberkind. Audens Gedicht „1. September 1939“ kam ihm in den Sinn. Auch Auden hatte damals hier gesessen, in der Fifty-second Street. Venclova griff zur Feder und schrieb das Gedicht „Anno Domini 2002“. Eine fatalistische, wohl auch kulturkritische Reflexion über den Beginn einer neuen Zeitrechnung, über die Freiheitsstatue, „die Dame aus einer längst verlorenen Partie“, über die Rückkehr der Menschheit in einen Zustand des Krieges, der ja „ursprünglicher“ sei als der Friede. Auch über den jungen Mann, der irgendwo in Armut in seinem Zelt schläft und von einem großen Fliegerangriff träumt. „Wir haben ihn dazu gemacht“, heißt es weiter, „jetzt beginnen wir dafür zu zahlen“. Wir, unsere Zivilisation des Hochmuts. / Gerhard Gnauck, Die Welt
„Ein Gewehr und einen Dolch in der Hand, so ziehe ich in die Schlacht, ich bin ein afghanischer Mujahedin … „
So heißt es in einem Taliban-Gedicht, veröffentlicht in einem Buch, das in diesem Jahr in London erschienen ist. Das Gedicht eines Taliban-Kämpfers – er sagt da:
„Vielleicht werde ich hundert Mal für meine Heimat sterben
Ich habe meine Religion, ich habe meinen Glauben, und das Recht des heiligen Koran,
Jeder, der mich falsch anschaut, wird für immer verloren sein.
Ich bin ein afghanischer Mudschaheddin.
Afghanistan-Wissenschaftler Felix Kühn hat dieses Gedicht zusammen mit etwa 200 anderen in dem Buch „Poetry of the Taliban“ veröffentlicht, er hat in lange Zeit in Kandahar im Süden Afghanistans gelebt.
/ DLR
Im Mittelalter verstand man unter einem „Bestiarium“ eine Dichtung, die typisch menschlichen Eigenschaften und Schwächen im Bild der Tiere einen Spiegel vorhält. Diese Form barg ein derart vielsagendes Potential, daß sie in der Neuzeit von Guillaume Apollinaire, Franz Blei, Jorge Luis Borges und anderen aufgegriffen und weiterentwickelt wurde. Der erste Gedichtband des Amerikaners Jeffrey Yang ist ein solches Bestiarium für das noch junge 21. Jahrhundert. Und was für eines! (…)
In einem seiner berühmtesten Gedichte hatte D.H. Lawrence ausgerufen: „Man sagt, das Meer ist kalt, aber das Meer beherbergt das heißeste und wildeste und dringlichste Blut von allen.“ Wen treffen wir also? Dinoflagellaten, Foraminiferen, Mormyriden und Glassalmler. Doch das Aquarium ist eine Metapher für den Planeten, der durch den Raum schwimmt, darum begegnen wir nicht zuletzt dem italienischen Guerillakämpfer Giuseppe Garibaldi und dem Dichter Kenneth Rexroth. Oder den USA, „ein Fisch mit einem Kreislaufsystem aus schwarzem Gold“. Oder „Google, ein Bewusstseinsmeer. / Das Meer wird kleiner, dehnt es sich aus. / Wie Oz: das klügste Wesen, / das nichts weiß.“ So steht alles zueinander in Verbindung, ein Ökosystem menschlichen Wissens, das letztlich nur zu der Erkenntnis führt, daß die Dinge auch ohne uns d— und vielleicht besser — existieren, jedenfalls dem abschließenden Zitat von Sir Thomas Browne zufolge: Alles also in Verbindung, verknüpft, verkettet, von Horizont zu Horizont: Philosophie (östliche und westliche), Naturwissenschaft, Religion, Geschichte, Kunst, Literatur, Politik.
Zuweilen fühlt man sich ein wenig an Ezra Pounds „Cantos“ erinnert, nur kondensierter und im Kleinformat. Nichts ist jedoch epigonal, im Gegenteil, der Band ist erfrischend in der Abwesenheit emotionalen Geplänkels und leblos wirkender Artistik, ein dynamisches Debut, wie es auch in den Vereinigten Staaten selten geschieht. / Jürgen Brôcan, fixpoetry
Jeffrey Yang: Ein Aquarium. Aus dem Englischen übersetzt von Beatrice Faßbender. Gedichte. Englische Broschur, 96 Seiten, 19.00 Euro, ISBN: 978-3-937834-57-3. Berenberg Verlag, Berlin 2012.
Die griechischen Götter und Giganten waren die Superhelden der Antike. Wie ein monumentaler 3D-Comic erzählt der berühmte Pergamonfries ihre Geschichten. In Marmor gebannte Energie. Diese nimmt Gerhard Falkner mit Verve auf und bringt Bewegung ins Gedicht. Defragmentierung der alten Platten. Pulsierende Reappropriation statt Antikenkitsch. Superhelden revisited. »Alles ist Impuls.«
Hier eine Leseprobe (übrigens auch von wohl allen früheren Kookbooks-Bänden)
Dienstag, 11. September 2012, 19:30 Uhr, Eintritt 5 Euro/ Erm. 4 Euro
Lettrétage, Berlin-Kreuzberg
Angriff der schwierigen Gedichte
Lesung mit Charles Bernstein, Norbert Lange, Tobias Amslinger, Dennis Büscher-Ulbrich und Mathias Traxler
Nach einem ersten Einblick in die Übersetzerwerkstatt im Februar setzt das Team Bernstein (bestehend aus Tobias Amslinger, Norbert Lange, Léonce W. Lupette und Mathias Traxler) seine Erkundung der Gedichte des amerikanischen Lyrikers und Poetologen Charles Bernstein im September fort. Verstärkung erhält das Team diesmal von Dennis Büscher-Ulbrich, der einige poetologische Texte von Bernstein übersetzt hat. Zusammen mit den Gedichten werden wir sie am lebenden Subjekt testen können, denn Charles Bernstein ist diesmal mit Fragen und Antworten persönlich mit von der Partie.
Charles Bernstein, geboren 1950 in New York, wird der literarischen Avantgardebewegung, der sogenannten Language Poetry, zugeordnet. Bernsteins Arbeiten werden häufig durch ihre innovative Sprache als postmodern bezeichnet. Er selbst beschreibt seine Dichtung als Spiel zwischen den Genres und Formgattungen. Bis dato veröffentlichte er mehr als 16 eigenständige Gedichtbände und drei Bücher mit Aufsätzen und Reden. Bernstein lehrte an verschiedenen Universitäten, wie der Columbia, der Brown University und in Princeton. Heute lehrt er an der University of Pennsylvania.
Danach muss man sich den kleinen Innsbrucker Traklpark, den der Autor – angezogen durch den Namen des verehrten Dichters – mit 21 Jahren für sich „entdeckte“ und dann wiederholt aufsuchte, als eine besonders dürftige Grünanlage vorstellen, ausgestattet mit einer Marmorplatte und einem eingraviertem Zweizeiler eben von Trakl, mit einem verwaisten Spielplatz und leeren Bänken, dazu umbraust von brandendem Verkehr. Alles andere also als eine Idylle, sondern ein geradezu himmelschreiender Kontrast zwischen den beiden Namensbestandteilen.
Dem Autor ist das natürlich bewusst, und der Widerspruch zwischen Trakls „radikalem Lebendigkeitsanspruch“ und dem mehr als dürftigen Park, der seinen Namen trägt, hat er immer wieder als besondere Herausforderung empfunden, denn ihm war dort stets „gleichzeitig zum Lachen und Weinen“ zumute. „Manchmal glaube ich, in gewisser Weise sind auch Gedichte parkähnliche Inseln inmitten der Sprachen des Alltags und der auf sie einstürzenden Diskurse“, resümiert Bonné seine Erfahrungen mit dem eigentümlichen Park, von dem aus Spuren in seine eigenen Texte hineinführen, wenngleich er an Ort und Stelle nie ein Gedicht geschrieben hat, wie er angibt. / Peter Engel, fixpoetry
Mirko Bonné: Traklpark. Gedichte, 105 Seiten, 18,95 €, ISBN 978-3-89561-405-7, Schöffling & Co., Frankfurt/M. 2012
Kramer hinterließ einige der eindringlichsten Gedichte, die sich mit Faschismus, Flucht und Heimatlosigkeit befassten. Allein sein „Andre, die das Land so sehr nicht liebten“ ist ein Dokument sondergleichen.
In diesem Buch aber finden sich seine Liebesgedichte versammelt. Es wurde für diese Ausgabe um einige Texte, die neu entdeckt wurden, und um ein sehr gutes Nachwort von Daniela Strigl Rucksack und rosige Betten ergänzt.
Theodor Kramer ist kein Dichter für feine Leute, er ist ein Straßensänger, ein Musikant der Peripherie … so Strigl. / Jan Kuhlbrodt, fixpoetry
Theodor Kramer: Laß still bei dir mich liegen Liebesgedichte.
ISBN 978-3-552-05358-8 € 15,90 Zsolnay Verlag Wien 2005
2. Auflage 2012
Poetry Parnassus war ein Mammuttreffen von 204 Dichtern aus allen olympischen Nationen. Von Nikaragua bis zur Mongolei, von Samoa bis Sengal, Makedonien bis Malediven – nenne ein Land und der Dichter taucht auf. Es war als hätte Prosperos Zauberstab eine Insel der Poesie herbeigezaubert. (…)
Nur Großbritannien konnte solch eine Eroberung vollziehen. Es schien, als hätten die Briten einen imperialen Feldzug unternommen, um die Welt noch einmal zu erobern. Aber diesmal mit Demut, Mitgefühl und Poesie. / von YUYUTSU RD SHARMA, der Nepal vertrat, Himalayan Times
Am Tag der Poesie auf dem Theaterplatz in Basel hauchen Schriftsteller, Rapper, Slam-Poeten, Lyriker und Dozenten der schwindenden Kunst der Poesie neues Leben ein, meint Cédric Russo, Tages Woche. Na, werden sie das schaffen? Die Veranstaltung ist höchst löblich, aber wenn es an einer Veranstaltung läge, über Wohl und Wehe der Lyrik zu entscheiden, wär es sowieso zu spät.
Aber in Wirklichkeit wird das meiste nur gesagt, weil man einen Aufhänger braucht oder eine Brücke zwischen zwei Teilen eines Artikels. Gäbe es kein Feuilleton, gäbe es alles das nicht – kein Schwinden der Lyrik, keine Krise des Romans, keinen Berlin- oder Wende-Roman, keine Fräuleinwunder, Götterlieblinge und keine hermetischen Gedichte. Oder jedenfalls 98 Prozent davon nicht. Ach wär das schön.
„Ich könnte ja auch ein anerkannter deutscher Lyriker jetzt werden, mit meiner Naturlyrik und meiner uralten schlesischen Bauernahnenreihe, aber ich brächte es nicht über mich, auch nur stillschweigend mich fördern zu lassen von einem System, das für mich das wahrhaft teuflischste ist“, schrieb der Dichter Max Herrmann im August 1933 aus Scheveningen an einen Freund in Deutschland. Herrmann, der am 23. Mai 1886 als Sohn eines Gastwirtes geboren wurde und sich aus Verbundenheit mit seiner Heimatstadt gern Herrmann-Neiße nannte, bezahlte diese Entschlossenheit zunächst mit weher Beklommenheit, dann mit nagender Einsamkeit, schließlich mit dem frühen Tod und der nahezu umfassenden Auslöschung seines Werkes im Gedächtnis der Deutschen – West wie Ost. (…) Als Max Herrmann-Neiße am 8. April 1941 in London mit nur 54 Jahren starb, da glaubten viele Vertriebene, seine Verse würden noch lange gelesen werden, denn mit ihm – so Heinrich Mann – habe ein Dichter „dermaßen zauberisch gesungen, dass es nachklingen wird, wer weiß bis wann“. / Jacques Schuster, Die Welt
Max Herrmann-Neiße/Leni Herrmann: Liebesgemeinschaft in der Fremde. Gedichte/Aufzeichnungen. Hg. von Christoph Haacke. Arco, Wuppertal. 142 S., 16 €.
Max Herrmann-Neiße: Briefe. Hg. von Klaus Völker und Michael Prinz.Verbrecher Verlag, Berlin, 2 Bde. 1100 S., je 42 €.
Im anschließenden Gespräch mit der Radiojournalistin Silke Behl wird deutlich, wie befreiend die Produktion dieser Gedichte für Herta Müller sein muss. Sie setzt das Gesicht einer schnurrenden Katze auf, als sie erzählt, wie sehr sie das Ausschneiden und die Mechanik des Hin- und Herschiebens auf dem Tisch genießt. Schneiderin wollte sie einmal werden, sagt sie. „Die Wörter sind da!“, ruft sie. Und dann: „Es läuft wie von selbst!“ Und wieder muss man lachen.
Und doch. Viele dieser Gedichte von Herta Müller sind nicht nur komisch. Immer wieder sind sie auch Vorläufer oder Nachläufer, wie sie sagt, ihrer großen Themen. Dann handeln sie manchmal eben auch von ihrer Verfolgung durch das Regime Ceauescus, bevor sie von Rumänien nach Deutschland kam – oder vom Suff des Vaters, der bei der Waffen-SS gewesen war.
Der Unterschied zu ihrer Prosa: Im Normalfall pflegt Herta Müller Misstrauen gegenüber der Sprache, die so leicht vor den Karren der Macht zu spannen ist. Sie müht sich, die faden Worte in andere Kontexte zu stellen, ihnen neues Leben einzuhauchen. In ihren Gedichtcollagen gelingt all das vergleichsweise unangestrengt. In Herta Müllers eigenen Worten: „Nicht selten kroch im Gebrauch aus dem dunklen Rock der kleinen Wörter eine blöde abgedrehte Laus mit einer Flöte heraus.“ / Susanne Messmer, taz
Donnerstag, 20.09.2012 | 19.30 Uhr
Staatstheater Karlsruhe
Kleines Haus
Im Rahmen der 29. Baden-Württembergischen Literaturtage 2012 zwischen dem 20. und 30. September 2012 in Karlsruhe:
Jaap Blonk: die „Ursonate“ von Kurt Schwitters
Jaap Blonk, Komponist, Performer und Dichter, entwickelte spezielle dadaistische Lautpoesie-Performances. Bekannt wurde er u. a. durch die Rezitation der „Ursonate“ (1922-32) von Kurt Schwitters. Blonks Interpretation der „Ursonate“ gilt als eine der besten.
Kurt Schwitters entwarf die grafische Gestaltung für die Karlsruher Dammerstock-Siedlung.
Das Programm
Neueste Kommentare