89. Rimbaud

It’s the birthday of the poet Arthur Rimbaud (books by this author), born in Charleville, France (1854). He began writing letters to the poet Paul Verlaine, whose work he admired, and Verlaine invited him to stay at his house. When he arrived, Rimbaud had his first masterpiece in his pocket, a poem called „The Drunken Boat“ (1871), describing the journey of an empty boat as it wanders the ocean and eventually breaks apart.

Rimbaud didn’t get along with Verlaine’s family or his friends. He had a habit of taking off his clothes and shouting obscenities in public, and that tended to put people off. But everyone agreed that his poetry was the work of a genius and Verlaine fell in love with him. The two had a scandalously open affair that shocked the rest of the Paris literary scene. But they had a bitter break-up, and the relationship ended when Verlaine tried to murder Rimbaud with a pistol, shooting him in the arm.

Verlaine went to prison and Rimbaud went back to his mother, and he wrote one of his last books, A Season in Hell (1873). Rimbaud had been 16 when he started publishing his poetry, and he was 19 when he gave up on poetry and took off to wander around the world, winding up in Africa, where he became an arms dealer. He kept writing letters to his family, but he never wrote another poem, and never gave any hint that he missed writing them.

Rimbaud, who said: „I turned silences and nights into words. What was unutterable, I wrote down. I made the whirling world stand still.“ / The writer’s almanac

88. Jugendwerk

Das Gesamtwerk von Tomas Tranströmer, dem wortkargen Nobelpreisträger von 2011, umfasst rund 300 Seiten, mehr nicht. Seit seinem – im Tennis würde man sagen – trockenen und präzisen Aufschlag von 1954 unter dem Titel «17 Gedichte» baut er ein Werk, bei dem Lakonie und emotionale Intensität Hand in Hand gehen. Seine skeptische Maxime «Reduziere» scheint immer die perfekte Balance zu finden zu seiner Hingabe an das Rauschen des Sehens und Hörens. Zwischen den beiden zu kalibrieren – das ist sein Lied: ein federnder Rhythmus, eine in Grau geschlagene Kantilene, aus der plötzlich Farben sprühen, wie wenn hinter dem Laub ein Specht aufblitzt.

Wie er zu dieser Kunst kam, kann man nun an seinen von Jonas Ellerström herausgegebenen Jugendgedichten ablesen, ein Lokaltermin, der uns einen genauen Einblick in die Entstehung seiner Lyrik gewährt. (…)

Bis dahin hatte Tranströmer Wissenschafter werden wollen und eine erstaunlich lückenlose Sammlung der Insekten von Runmarö angelegt. Dieser Insel, auf der er sich oft mit seinem Grossvater aufhielt, widmete er das epische Langgedicht «Ostseen» und machte sie so zum Mittelpunkt seines Werkes./ Hans Jürgen Balmes, NZZ

Tomas Tranströmer: Ungdomsdikter / Jugendgedichte. Mit einem Aufsatz von Jonas Ellerström und Arbeiten auf Papier von Peter Frie. Übersetzt von Hanns Grössel. – Fredrik Sjöberg: Tomas Tranströmers Insektensammlung von der Insel Runmarö. Mit Arbeiten auf Papier von Peter Frie. Übersetzt von Klaus-Jürgen Liedtke. Beides: Kleinheinrich, Münster 2011. Nur gemeinsam erhältlich: € 50.–.

87. Freiraum

Als Angelika Janz im Rheinland in den 70er Jahren erste Schritte in die Literatur- und Kunstszene unternahm, lehrte in Düsseldorf Joseph Beuys, in der Kunst wurden nicht die Schlachten des 19. Jahrhunderts geschlagen, sondern zwischen Pop Art und Fluxus wurde im Zukunftslabor gearbeitet – an den Hochschulen, in den Werkstätten und auf der Straße. In Zeitschriften wie Sprache im technischen Zeitalter wurde nicht (wie heute) Kanon verwaltet, sondern Zukunft gesucht. Serendipity hieß ein Schlagwort damaliger Debatten – Angelika Janz beteiligte sich mit einem Statement und sah ihre Fragmenttexte als ein mögliches Verfahren in diesem Rahmen.

Im Jahre 1993 konstatierte Michael Glasmeier in einem Text über ihre Fragmenttexte den Abbruch des Experiments: „was ich von der Literatur erwarte – Experiment, längeres Gedankenspiel, Zeitgenossenschaft, Grenzgängertum –, scheint sich in ein merkwürdiges statisches Gejammer, in eine weinerliche, selbstbezogene Enge verkrochen zu haben“. Und in diesem Kontext sah er in ihren Fragmenttexten den Beleg, dass trotz des „langsamen Verglühens der Konkreten und Visuellen Poesie Ende der 70er und der konservativen Haltung von Feuilleton und Literaturwissenschaft“ ein Freiraum für Experimente fortbestehe.

(…)

„Avantgardistische“ oder „experimentelle“ Kunst wird oft als schwer verständlich empfunden. Selbst in den meist im Internet geführten Debatten junger Autoren geistert das Gespenst einer „unverständlichen“, akademischen Kunst herum. Dieser Zustand hat mehr als eine Ursache – man müsste nach dem Deutsch- und Kunstunterricht ebenso fragen wie nach Paradigmenwechseln in den Theoriedebatten der letzten Jahrzehnte sowie nach sozialen Bedingungen der arbeitsteiligen Gesellschaft. Leicht zu zeigen wäre aber, dass ihm auch ein fundamentales Missverständnis zugrunde liegt, das in den Institutionen (Schule, Wissenschaft und Medien) weitergetragen wird. Wesentliche Teile der Avantgarde des 20. Jahrhunderts waren von dem Bestreben getragen, Kunst und Lebenswelt zusammenzuführen. Namentlich der konkreten und visuellen Poesie eignet ein eminent demokratischer Grundzug. Einer der Gründe, warum sich dort entwickelte Verfahren in der Werbung verbreitet haben. Wenn man in der Schule lernen würde, den eigenen Sinnen zu trauen, anstatt krampfhaft nach einer in der Tiefe verborgenen Bedeutung zu suchen, wäre viel gewonnen.

(…)

Die heute modisch gewordene Schreibung mancher Worte mit Großbuchstaben in der Mitte, wie beim taz-„I“ in AutorInnen oder wie eben beim ZuFall ist technisch gesehen eine Verfremdung, die uns das automatisch Gewordene und daher nicht mehr Wahrnehmbare in den Worten wahrnehmen lässt. Das Wort FragMentalität (so der Titel einer Notiz) überlagert die Bedeutung des Wortes Fragment mit den Worten „Frage“ und „Mentalität“. So findet mitten im Wort eine Diskussion statt. Solchen Worten begegnet man im vorliegenden Buch öfter. „Deutschwund“ kann man verschieden lesen. Ist das “Deutsch-wund“, also wund am Deutschsein? Oder vielleicht „Deut-Schwund“: entzieht sich uns die Bedeutung? Anders als oft in der Schule gilt hier immer: beides zugleich. Nicht Einfalt, sondern Vielfalt führt weiter.

Dabei fällt auch auf, dass diese Schreibweise (diese SchreibWeise) ebenfalls Fragmentcharakter hat. Das Wort zerfällt in zwei oder mehr Fragmente verschiedener Herkunft, die zusammentreffen und eventuell neue Sinnmöglichkeiten eröffnen.

Aus dieser Mehrfachlesbarkeit erklärt sich auch, warum Angelika Janz die Grenzen zwischen Fremd- und Eigentext bewahrt. Man könnte ja den so entstandenen Text abschreiben – vielfach könnte man das Ergebnis nicht von ihren „richtigen“ Gedichten unterscheiden. Die Wunde im Textkörper erinnert an die Disparatheit der Elemente, die diesen Text formten, und erschwert eine allzu glatte und eindimensionale Lesart. An ihre Stelle tritt „der Deutung Vielraum“ (vgl. „Den Sinn, den Stoff, die Worte“ in diesem Band).

Michael Gratz, aus der Einleitung zu:

120 Seiten, €11,95
Hier bestellen

Die Autorin

Angelika Janz, Jahrgang 1952, studierte Germanistik, Kunstgeschichte und Philosophie in Essen und Bochum. Seit 1979 arbeitet sie als Künstlerin – neben grafischen Arbeiten auch Aktionen im öffentlichen Raum und (Spoken-Words-)Performances –, Kunst- und Museumspädagogin – von 1988 bis 2010 freie Mitarbeiterin am Museum Folkwang (Essen) – und Schriftstellerin – von Lyrik, Hörspiele über Prosa bis hin zur experimentellen Literatur. Mit ihrem Umzug in das vorpommersche Aschersleben Anfang der 90er Jahre engagiert sie sich auch sozial – u.a. mit Schreib- und Hörspielwerkstätten für Kinder und Jugendliche sowie der KinderAkademie im ländlichen Raum. Von 1997 bis 2003 organisierte sie Kulturfestivals in dieser Region (Polnische Woche in Mecklenburg-Vorpommern, Tanztendenzen, Nordischer Klang) und war Mitinitiatorin des Koeppenhauses in Greifswald.

Für ihre Arbeiten wurde sie mehrfach ausgezeichnet: neben dem Ersten Preis für experimentelle Literatur der Stadt Düsseldorf erhielt sie u.a. Arbeitsstipendien der Länder Nordrhein-Westfalen und Mecklenburg-Vorpommern sowie des Deutschen Literaturfonds und des Deutschen Kunstfonds, außerdem wurde sie 2008 mit dem Deutschen Lokalen Nachhaltigkeitspreis der Deutschen Umwelthilfe und der Grünen Liga ausgezeichnet.

Einzelveröffentlichungen

  • Der Inbegriff. [Erzählungen]. Krefeld: Sassafras, 1979.
  • Aus der isolierten Wildnisszene. Mit Uwe Meier-Weitmar. [Fragmenttexte, Prosa und Bilder]. Berlin: Künstlerhaus Bethanien, 1986.
  • Selbander. Mit Uwe Meier-Weitmar. [Fragmenttexte, Prosa und Bilder]. Mit zwei nachgestellten Alexandrinern von Ludwig Harig. Zürich : Edition Howeg, 1989.
  • Corridor. [Fragmenttexte]. Köln: Scherrer und Schmidt, 1991. (= Edition Lenz, Bd. 3).
  • Ein interessantes Frühstück, das im Trend zu liegen gehen lernt. Fragmenttexte 1979 – 1994 von Deut zu Deutung. Hrsg. Karl Riha und Siegfried J. Schmidt. (Reihe experimentelle texte Nr. 43). Universität Siegen, 1994.
  • Schräge Intention. Gedichte. [Mit einem Vorwort des Herausgebers und einer Einleitung der Autorin]. Hrsg. Franzobel. Wien: edition ch, 1995.
  • orten vernähte alphabetien. Texte. [Textauswahl: Silke Peters]. Greifswald: Wiecker Bote, 2002.
  • Du hast den Schlüssel. Ein Kalender für eine bessere Welt. [Arbeiten von Schülern des Friedrich-Ludwig-Jahn-Gymnasiums Greifswald mit einem Vorwort von Angelika Janz]. Stralsund: Mückenschwein 2007.

Kataloge

  • Monika Brandmeier, Marga Dehnen, Angelika Janz, Susanne Windelen. Galerie Schüppenhauer, Köln, 1988.
  • Galerie im Grugapark 9.6.-7.7.1991. Museum Folkwang Essen, Essen 1991.

86. Ein Wagnis

Aus: Angelika Janz: tEXt bILd. Ausgewählte Werke 1: Visuelle Arbeiten und Essays. Greifswald: freiraum-verlag 2012. 120 Seiten, € 11,95. Hier bestellen

85. Israel-Gedichte

Gespräch im Jugendamt: „Ach so, Lyrikerin? … Muss ich ihren Namen denn kennen?“ – „Nein, müssen schon gar nicht – ich schreib ja auch keine „Israel“-Gedichte.“

84. Dreimal Dickinson

Emily Dickinson

386

Answer July –
Where is the Bee –
Where is the Blush –
Where is the Hay?

Ah, said July –
Where is the Seed –
Where is the Bud –
Where is the May –
Answer Thee – Me – 

Nay – said the May –
Show me the Snow –
Show me the Bells –
Show me the Jay!

Quibbled the Jay –
Where be the Maize –
Where be the Haze –
Where be the Bur?
Here – said the Year –

 

*

Antworte mir –
Wo ist der Duft –
Wo ist der Tanz –
Wo ist die Gruft? 

Ach geh doch her –
Wo ist der Star –
Wo ist das Moor –
Wo ist die Luft –
Antworte selbst!

Nein, sagt ich ihm –
Zeig mir den Zweig –
Zeig mir den See –
Zeig mir den Gauch!

Geifert der Gauch –
Wo bleibt der Wurm –
Wo bleibt der Stern –
Wo bleibt die Nuß?
Hier – sprach der Herr –

 

Phonetisch

Ahnsherr schuf Leid –
Wer ist debil –
Wer ist verblaßt –
Wer ists, hehe? 

Hase schuf Leid –
Wer ist gesiebt –
Wer ist gebaut –
Wer ist gemein –
Ahnsherr ´s ihm lieh –

Nee setze Mäh –
Schon mieses No –
Schon mieses Belln –
Schon miesen Schnee!

Quirlte der Schnee –
Wer biete Mais –
Wer biete heiß –
Wer biete Bier?
Hier – setze Gier

Zwei Umsetzungsversuche von Michael Gratz

83. 16. Leipziger literarischer Herbst

An unterschiedlichen Orten Leipzigs werden Lesungen, Diskussionen, Verlagsvorstellungen und andere Literaturveranstaltungen zu erleben sein.

Gemeinsam mit dem Börsenverein des Deutschen Buchhandels e.V. wird das Festival mit dem Träger des diesjährigen Friedenspreises des Deutschen Buchhandels, dem chinesischen Schriftsteller Liao Yiwu eröffnet, welcher laut Begründung des Stiftungsrates des Börsenvereins „sprachmächtig und unerschrocken gegen die politische Unterdrückung aufbegehrt und den Entrechteten seines Landes eine weithin hörbare Stimme verleiht.“

Innerhalb des Festivals wird der Übersetzerpreis „Tiefgang“ des Vereins DIE FÄHRE e.V. verliehen.

Am Sonnabendnachmittag, den 20. 10. präsentieren 14 Verlage zum „Fest der Verlage“ im Oberkeller der Moritzbastei von 14 bis 18 Uhr ihre Neuerscheinungen. Ab 14.30 Uhr gibt es auf der Bühne moderierte Gespräche mit den Verlegern, Autorenlesungen und Live-Musik. / Mehr

Mit

Katharina Bendixen  · Volker Ebersbach Roland Erb · Rosemarie Fret · Ralph Grüneberger · Andreas Heidtmann · Jörn Hühnerbein · Jayne-Ann Igel · Dagmara Kraus · Jan Kuhlbrodt · Alain Lance · Clemens Meyer · Mario Osterland · Marion Poschmann · Kerstin Preiwuß · Jörg Schieke · Kathrin Schmidt · Julia Schoch · Johanna Schwedes · Lutz Seiler · Volly Tanner · Liao Yiwu u.v.a.

U.a.

Die eigene Rede des andern…
Mit Kathrin Schmidt und Marion Poschmann, Lutz Seiler und Jörg Schieke
Freitag 19.10. 19.30 Uhr

POET Leseparty
Clemens Meyer, vorgestellt von Mario Osterland. Jayne-Ann Igel, vorgestellt von Jan Kuhlbrodt. Katharina Bendixen, vorgestellt von Johanna Hemkentokrax
Freitag 19.10. 20.00 Uhr

Wir Seesterne
Gedichte von Miron Białoszewski
Polnisches Institut
Buchpremiere mit der Lyrikerin und Übersetzerin Dagmara Kraus (Leipzig), dem Slawisten, Übersetzer und Freund des Autors, Henk Proeme sowie mit bekannten Nachdichtern.
Dienstag 23.10. 19:00 Uhr

82. Poetic Encounters

Zum zweiten Mal treffen beim Zebra Poetry Film Festival Filmemacher aus dem Ausland auf Dichter aus Berlin. “Poetic Encounters” nennt sich der ungewöhnliche Filmworkshop, der dieses Jahr ganz im “Fokus Polen” steht. Wiola Sowa, Maciek Majewski und Lukasz Twarkowski verfilmen Gedichte von Nico Bleutge, Norbert Hummelt und Christian Filips. / Berliner Filmfestivals

81. Jene Gang

»Jene Gang (…) die ungehemmt selbst Mord nicht scheut«, wird wohl der Mossad sein. Vielleicht auch die israelische Regierung oder die Weisen von Zion. In jedem Fall nicht ordinäre Killer, sondern Massenmörder: »(…) der atomare Tod in Bomben – ungezählt«. Da ist er wieder, der Topos aus Grass’ Frühjahrspoem »Was gesagt werden muss«: Die Juden als Bedrohung des Weltfriedens und der ganzen Menschheit.

(…)

Lyrischer Judenhass war schon von besserer Qualität. T. S. Eliot, auch er Antisemit und Nobelpreisträger, hat es in seinem Poem »Burbank with a Baedeker: Bleistein with a Cigar« vorgeführt. Dort heißt es in der sechsten Strophe: »The rats are underneath the piles. The jew is underneath the lot.« Welch’ eindringliche Metaphorik und sprachlich elegante Reduktion. Widerwärtiger Dreck, gewiss, aber von meisterlichem Stil. Wenn wir uns schon beleidigen lassen müssen, dann doch bitte von einem Könner. Grass aber bringt den literarischen Antisemitismus in Verruf. / Michael Wuliger, Jüdische Allgemeine

80. Ich verstehe jeden Satz

Tobias Haberl sprach mit Friederike Mayröcker, Süddeutsche Zeitung Magazin:

Sie werden im Dezember 88 Jahre alt. Fällt Ihnen das Leben schwerer als noch vor zehn Jahren?
Ja, mit 77 war ich noch ziemlich frisch. Im Moment habe ich eine Arthrose an den Füßen. Ich kann nicht mehr rasch gehen. Dicke Bücher schaffe ich auch nicht mehr. Ich bin langsam geworden. Gott sei Dank nicht beim Denken und Schreiben. Ich arbeite jeden Morgen, bis ich spüre, dass ich aufhören muss, weil der Blutdruck auf 200 ist.
»Körperruine«, »Monster im Spiegel« – kommt alles in Ihren Texten vor. So nehme ich mich nun mal wahr und es gefällt mir nicht. Trotzdem bin ich nur äußerlich das alte Weib, das durch die Straßen humpelt, innerlich bin ich immer noch das 17-jährige Mädchen, das in Deinzendorf barfuß über die Wiese läuft. Ich glaube, ich habe eine Kinderseele. Kann man das so sagen?

(…)

Aber Sie zählen zu den ganz großen Autoren des 20. und 21. Jahrhunderts, 2004 wurden Sie als Favoritin für den Literatur-Nobelpreis gehandelt.
Aber meine Bücher hatten immer kleine Auflagen. Ein paar Tausend pro Buch vielleicht. Genau weiß ich es nicht. Die großen Herren bei Suhrkamp nehmen mich nicht so wahr, der Enzensberger kennt mich, glaube ich, gar nicht. Und gelebt habe ich vor allem von den Preisgeldern. Ich habe viele Preise bekommen.

Ist es nicht kränkend, wenn man als hochgelobte Schriftstellerin seinen Lebensunterhalt nicht mit dem Schreiben bestreiten kann?
Ich habe es immer hingenommen. Viele andere Autoren können vom Schreiben leben, auch mittelmäßige. Die Leute sagen, mein Werk sei schwierig, ich frage mich, was sie meinen, ich verstehe jeden Satz.

 

79. Rechthabenmüssen

In einem scheint sich die Literaturkritik sicher: Die jüngsten Gedichte von Günter Grass seien literarisch auf geradezu abenteuerliche Weise missraten. Das heißt: Entweder hat sich das über Jahrzehnte immer hochgelobte lyrische Werk des Dichters zuletzt rapide verschlechtert, oder aber die Literaturkritik hat sich ziemlich verspätet von einer schweren Verirrung befreit. (..)

Die politischen Botschaften sind bei Grass so überaus klar wie in der engagierten Lyrik des 19. Jahrhunderts – mit dem Unterschied, dass in dieser die niederen und profanen Themen des Politischen zumeist mit dem hohen Ton der Klassiker und Romantiker oder dem rustikalen Volkslied kombiniert wurden. (…)

Manchmal schleicht sich in diese unmissverständliche Sprache dann doch noch ein Bild, das über das konkret Bezeichnete hinausreicht. Dann, wenn Grass etwa darüber räsoniert, »was Freude bringt«. Die Kastanien, die man in der Hand hält oder der »Frühtau, / der im August / das Netzwerk der Spinnen versilbert«. Dann ist er vom »Reizklima des Rechthabenmüssens« (Martin Walser) so weit entfernt wie in seinen noch heute unbedingt lesenswerten Gedichtbänden Die Vorzüge der Windhühner (1956), Gleisdreieck (1960) oder auch Letzte Tänze (2003). / Adam Soboczynski, Die Zeit 42

78. Schmackeduzie

Lasker-Schüler, Frau Else. (Eigentl. Walden.) Halensee. Geb. Elberfeld 11.2. 76.

Steif steht im Teich die Schmackeduzie,
Es dehnt und sehnt sich Fräulein Luzie.

Das hat Else Lasker-Schüler gedichtet. Manchmal dichtet sie auch nach Hofmannsthal, manchmal nach Rilke…, es klingen tausend Klänge von ihr her… und in dem schönen Liede mit der Schmackeduzie auch ein eigener. Sie ist die Anempfinderin in unbegrenzten Möglichkeiten.

Styx, G. 02; Das Peter-Hille-Buch 06; Die Nächte Tino von Bagdads, Nn. 07; Die Wupper, Sch. 08; Meine Wunder, G. 11; Gesichte, Essays 11.

/ Max Geißler, Führer durch die deutsche Literatur des 20. Jahrhunderts. Weimar: Alexander Duncker Verlag, 1913, S. 316.

Geißler hat 1913! auf 754 Seiten mehr als 2000 lebende Autoren lexikalisch vorgestellt und jeden dieser Dichter auch bewertet. Manches kommt einem grotesk verzeichnet vor, aber man bedenke, was man vor 99 Jahren davon wissen konnte. Die meisten teils herben Verrisse werden nicht völlig willkürlich sein. So verreißt er: „Gelegenheitsdichter, der lokale Ereignisse oder auch dier Sage seiner Heimat in gefällige Verse bringt. Die haben keinen größeren Fehler, als daß sie allen Ernstes für Dichtung gelten wollen.“ (Martin Primbs). „Dichtungen und Reimereien. Der Reimereien sind mehr.“ (Karl Streibel). „Eng wie die thüringische Heimat waren auch die Grenzen seiner Kunst.“ (Johann Heinrich Löffler). „Hübsches poetisches Talent, das 1909 mit einer Sammlung Gedichte an die Öffentlichkeit trat. Anmutige Gedanken und Gefühle in gefälliger Form; Eigenart scheint zu fehlen.“ (Hertha Federmann).

„Scheint“! Ich vermute, daß jeder, auch der (jeder denke sich einen!) beste Kritiker, der heute 2000 lebende Schriftsteller, auch wenn sie gerade erst ein Bändchen veröffentlicht haben, so mit ein oder zwei Sätzen charakterisieren wollte, erstens jämmerlich scheitern und zweitens vom Publikum (je nach Lagerzugehörigkeit jeder wegen anderer wirklicher oder vermeintlicher Fehlurteile) gesteinigt werden würde*. Aber die meisten, die er kritisiert, kennen wir heute nicht mal dem Namen nach. Und bei Lasker-Schüler hat er sich auch nicht schlecht geschlagen, alles in allem. Ein unentbehrliches Nachschlagewerk!

*) Eher würde keiner Lust haben, so viele Bücher zu lesen. „Das soll ich ausforschen?“

77. Moderne radikale Lyrik

Die Lesung der eigenwillig-selbstbewussten Dichterin geriet zum Desaster und spaltete das vor Staunen starre Publikum. Es zeigte sich irritiert und reagierte mit Hohn und Gelächter. Etliche Besucher verließen sogar empört den Saal. Andere waren jedoch fasziniert von der ungewöhnlichen Performance und klatschten demonstrativ Beifall. Die Lasker-Schüler, von der Presse als “Vertreterin der modernen radikalen Lyrik” angekündigt, reagierte verärgert und appellierte an das Publikum: “Ich bitte um Ruhe, ich lese hier das Allerfeinste vor. So geht das nicht weiter, ich bin das anders gewöhnt.” / njuuz

76. Gerocktes Inferno

Mary Jo Bang, die für ihren jüngsten Band —Elegy— 2007 den National Book Critics Circle Award erhielt, gibt eine superzeitgenössische („über-contemporary“) postmoderne Übersetzung Dantes. Und, OMG (um eine Wendung zu benutzen, die sie darin hätte benutzen können aber nicht hat), Bang rockt und rollt das Gedicht herum bis es ihr eigenes wird; es ist faszinierend, manchmal schön und auch ein wenig bizarr.

Bang integriert moderne Bezüge aus Populärkultur (eine South-Park-Figur), Technologie (Smart card), Wetterphänomene (El Niño) und Alltagssprache (“Fighting our way up the ladder…”) und flicht Anspielungen auf John Coltrane, Fleetwood Mac, Joseph Cornell und den Wizard of Oz ein, ebenso Zitate von Eliot, Plath, Berryman und Browning.

Bangs elegante Worte erinnern uns daran, daß diese jahrhundertealte Geschichte noch immer wahr klingt: “What can hurt me here? What should I fear? / What beast can do me in that doesn’t live within? / One shouldn’t fear what isn’t.” * / Jim Carmin, Philadelphia Review of Books

‘INFERNO’
By Dante Alighieri
Translated by Mary Jo Bang
Drawings by Henrik Drescher
Published by Graywolf, 341 pages, $35

Morgen an der Harvard-Universität:

Wednesday, October 17, 6:00pm

OMNIGLOT SEMINAR: EXPERIMENTS AT THE BORDERS OF POETRY & TRANSLATION

Mary Jo Bang & Jennifer Scappettone

Mary Jo Bang (author of Elegy and the recent variations on Dante’s Inferno) and Jennifer Scappettone (translator of the award-winning Locomotrix: Selected Poetry and Prose of Amelia Rosselli and author of From Dame Quickly) explore the ways that their translation projects intersect with and enlarge their own poetics. The event will include readings and interactive discussions with the audience.

Woodberry Poetry Room, Lamont Library, Room 330.

Auf Deutsch:

Mary Jo Bang: Eskapaden
Ausgewählte Gedichte. Zweisprachig. Übersetzt von Barbara Thimm. Mit Illustrationen von Matt Kindt
luxbooks 2011

*) Die Stelle, vermutlich 2. Gesang 88-90? (hab die Übersetzung Mary Jo Bangs nicht zur Hand). Da spricht Beatrice zu Dantes Begleiter Vergil. In der Übersetzung Karl Wittes:

Furcht hegen soll man nur vor solchen Dingen,
die Schaden uns zu tun die Macht besitzen;
vor andren nicht, weil nichts an ihnen furchtbar.

In der neuen Prosaübersetzung von Hartmut Köhler:

Fürchten soll man sich nur vor solchen Dingen, die einem Schaden bringen können; vor anderen, die einen grundlos ängstigen, aber nicht.

Und bei Rudolf Borchardt:

Fürchten ist solche ding alleine schicklich,
die uns zu übele taugeten gereichen:
die andern nicht, denn sie sind unerschricklich.

75. Grass 85

An Bescheidenheit leidet er nicht:

Eine offizielle Feier zu seinem 85. Geburtstag hatte sich Günter Grass verbeten. Stattdessen hatte er sich gewünscht, dass sein Werk und dessen Präsentation angemessen gewürdigt werden solle. Dieser Wunsch ist ihm erfüllt worden. Zwei Tage vor seinem Geburtstag am 16. Oktober ist am Sonntagabend in Lübeck das neu gestaltete Günter-Grass-Haus offiziell eröffnet worden. (…)

Eva Menasse erneuert dagegen ihre Kritik an Grass´ israelkritischem Gedicht „Was gesagt werden muss“. „Ich halte das Gedicht für eine Torheit“, sagte sie. Grass konterte: „Ja, es war eine Torheit, das so auszusprechen. Aber es war eine notwendige Torheit.“… / Focus