Auf eine Latrine

Francesc Vicent Garcia (Rector de Vallfogona)

(*22. Januar 1579 in Saragossa; † 2. September 1623 in Vallfogona de Riucorb)

Auf eine Latrine, die der Autor im Garten seiner Pfarrei errichten ließ


In des dritten Philipps Herrschaft
übers Reich, das er erhöht,
ward dies Scheißhaus hier erbaut,
und der Papst war Paul der Fünfte.
Eigens ward so schweres Werk
neben dem Garten errichtet,
so dass, wer Papier entbehret,
leicht zum Rettich greifen kann.
Seine Zunge halte fern
von dessen kunstvoller Linie,
wer missgünstig möchte eifern,
denn verschissen kommt sie raus.
Möge er auch nicht mit Hochmut
richten, was er nicht versteht,
und bevor er Urteil spricht,
soll er selber es erst kosten.
Tunlichst wird die Nachbarschaft
solchen Fehler nicht begehen –
wär das Werk ein hohes, hehres,
müssten dieses hier sie schlucken.
Achte du, bedachter Kacker,
der du diesen Ort betrittst:
Ist die Ladung allzu groß,
wirst du wohl den Boden küssen.
Monumente hohen Rangs
scheinen uns die Mausoleen,
Kolosseen und Kolosse –
Mahnmale der Eitelkeit.
Hier gedenken tausend Ärsche
donnernd des Lepanto-Siegs
und des Sturms auf La Goulette
auf vollkommne Art und Weise.
Erstmals wurde ein Gericht
an dem Orte abgehalten,
als ein Nachfahre von Bauter
eines Sonntags dorthin schiss.
Aufgeteilt sind alle Plätze:
Diesen nimmt der Pfarrer ein,
dort Messdiener, Tante dann,
Gäste einfach, wo sie möchten.
Bartomeu Monreal fecit,
Recke der Architektur,
fürchtet doch der härt’ste Fels
seinen Hammer mitsamt Hebel.

Aus dem Katalanischen von Àxel Sanjosé

A una latrina que féu l’autor en l’hort de sa rectoria


La monarquia regint
Felip ters, que la millora,
se féu esta cagadora,
essent papa Paulo quint.
Adredes obra tan grave
se edificà prop de un hort
perquè qui paper no port
se puga valer de un rave.
En sa traça artificiosa
no pose lo maliciós
la llengua amb zel envejós;
perquè la traurà merdosa.
Ni ab supèrbia presumesca,
lo que no entén judicar;
i ans que ho vinga a condemnar,
tot primer ho asaboresca.
Los veïns advertiran
no cometre tan gran falta,
que si fou obra més alta,
tota aquesta se beuran.
I tu cagador prudent
que en aquest lloc entraràs,
si molt pesat aniràs
menjar-te has lo paviment. 
Si per obres soberanes
són tinguts los mausoleus
Colosos y Coliseus,
memòria de coses vanes:
ací mil culs retronant
faran memòria perfeta
de l’assalt de la goleta
i victòria de llepant.
Fonc [Fou?] el tribunal primer,
que en est lloc se celebrà;
un diumenge que hi cagà
un descendent de Bauter.
Dividits los llocs estan:
est lo rector se apropia,
per ordre l’escolà i la tia;
les hostes on gustaran.
Fecit Bartomeu Monreal
un Cid en arquitectura,
de qui la roca més dura
tem lo martell i parpal.

(Quelle des katalanischen Textes: poesia.cat; deutsch erstmals hier)

Denise Levertov 100

Denise Levertov 

(* 24. Oktober 1923 in Ilford, Essex, England; † 20. Dezember 1997 in Seattle, USA)

Illustrious Ancestors

The Rav
of Northern White Russia declined, 
in his youth, to learn the 
language of birds, because
the extraneous did not interest him; nevertheless 
when he grew old it was found 
he understood them anyway, having 
listened well, and as it is said, «prayed
              with the bench and the floor.» He used
what was at hand—as did
Angel Jones of Mold, whose meditations 
were sewn into coats and britches.
              Well, I would like to make,
thinking some line still taut between me and them, 
poems direct as what the birds said, 
hard as a floor, sound as a bench, 
mysterious as the silence when the tailor 
would pause with his needle in the air.
Erlauchte Ahnen

Der Raw
aus dem Norden Weißrußlands weigerte sich, 
in seiner Jugend, die Sprache der 
Vögel zu lernen, weil 
das Fremde ihn nicht interessierte; trotzdem, 
als er alt wurde, bemerkte man, 
daß er sie irgendwie verstand, er hatte 
gut zugehört und, wie man sagte, «gebetet
               mit der Diele und mit der Bank.» Er nutzte,
was zur Hand war – wie es 
Angel Jones of Mold tat, dessen Andachten 
in Mäntel und Hosen genäht waren.
               Nun, ich möchte, da ich denke, 
irgendein Band ist noch zwischen ihnen und mir gespannt, 
Gedichte so direkt machen wie das, was die Vögel sagten, 
hart wie eine Diele, fest wie eine Bank, 
geheimnisvoll wie die Stille, wenn der Schneider 
mit der Nadel in der Luft innehält.

Aus dem Englischen von Jürgen Brôcan, aus: Zwischen den Zeilen. Zeitschrift für Gedichte und ihre Poetik. Hrsg. Urs Engeler. Oktober 2000, S. 148f.

Raw (Rav, Rab) ist ein hebräischer Ehrentitel für jüdische Gelehrte, verwandt mit dem Wort Rabbi. Denise Levertovs Vater stammte aus Weißrussland (Belarus):

"Paul Philip Levertoff stammte aus einer chassidischen (orthodox jüdischen) Familie. Nach seinem Abschluss an der renommierten Jeschiwa von Waloschyn konvertierte er 1895 zum Christentum. Er studierte in Russland und Deutschland Theologie und wurde 1912 Dozent am Institutum Judaicum Delitzschianum in Leipzig. Er war mit der Waliserin Beatrice Levertoff, Tochter eines methodistischen Pfarrers, verheiratet, war während des Ersten Weltkriegs als feindlicher Ausländer in Leipzig interniert und übersiedelte 1918 nach England, wo er für die anglikanische Kirche in der Judenmission wirkte. Er übersetzte die anglikanische Liturgie ins Hebräische. Levertoff engagierte sich in den 1930er Jahren gegen die faschistische Politik Italiens und die Politik in Deutschland und Spanien." https://de.wikipedia.org/wiki/Paul_Philip_Levertoff

Im Kerker

Joseph E. Drexel 

(* 6. Juni 1896 in München; † 13. April 1976 in Nürnberg)

IM KERKER

Ich lebe nicht. Ich esse, schlafe, trinke.
Ich blättre blind in einem Buch. Ich schreibe
sinnlose Worte in die Luft. Ich treibe
Dahin, gewärtig, daß ich ganz versinke.

Ich bin von allen Ufern losgerissen.
Gleich einem Baum, gleich einem toten Tiere 
Trägt mich der Tage trübe Flut. Ich spüre
Nicht Lust, noch Leid, noch fühle ich Gewissen.

Ich starre lang in meine leeren Hände.
Ich denke nichts, ich höre nichts, ich schaue 
Leblosen Auges nur die kahle, graue,
Dumpfe Verzweiflung der verhaßten Wände.

Und ab und auf die ruhelosen, matten, 
Und auf und ab die Schritte, ungemessen.
Ich weiß nicht wer ich war, ich bin vergessen. 
Ich lebe nicht. Ich bin nur noch ein Schatten.

1939 in Untersuchungshaft im Gefängnis Berlin-Moabit geschrieben. Aus: Michael Moll/Barbara Weiler (Hrsg.): Lyrik gegen das Vergessen. Gedichte aus Konzentrationslagern. Marburg: Schüren, 1991, S. 28.

Besser verheiratet als vernonnt

Altkatalanisch, anonym (14. Jahrhundert)

Llassa, mais m’hagra valgut
que fos maridada, 
o cortès amic hagut
que can sui monjada. 

Monjada fui a mon dan: 
pecat gran
han fait, segons mon albir; 
mas cells qui mesa m’hi han, 
en mal an
los meta Déus, e els aïr. 
Car si io ho hagués sabut, 
—mas fui un poc fada—
qui em donàs tot Montagut
no hic fóra entrada.
Ich Arme, besser wär’s gewesen,
verheiratet zu werden
oder am Hofe Freund zu haben
als jetzt vernonnt zu sein.

Vernonnt wurd ich, mir sehr zum Leid,
sehr große Sünd
begingen sie, wie es mir scheint,
doch die, die mich hier reingebracht –
in schlimme Zeit
bringe sie Gott und zürne ihnen.
Denn hätte ich’s vorher gewusst
– ich war da etwas dumm –,
gäb man mir auch ganz Montagut
ich wär dort nie hinein.

Aus dem Altkatalanischen von Àxel Sanjosé

Der katalanische Text aus: Antologia general de la poesia catalana. Hrsg. v. J. M. Castellet u. J. Molas. 10. Aufl.. Barcelona: Edicions 62, 2000; deutsche Fassung erstmals hier.

Fremd in der Lyrik

Lukas Palamar

Gattungen

Fremd in der Lyrik, kenne ich
kein anderes Leben als dieses,
dessen Eindrücke auf mich einprasseln
wie ein Graupelschauer im Winter.

Fremd im Drama, muss ich
Gegensätze einen, Widersprüche binden,
um ein Teil dessen zu sein,
womit ich nichts zu tun haben will.

Fremd in der Epik, bin ich ein Junge,
der wie ein Wasserfall plappert,
dessen Mutter ihn darauf anspricht,
der für immer verstummt.

Fremd in jeder Gattung, habe ich
das Leben auswendig gelernt,
fehlt nur noch der Tod, und
meine Sammlung ist komplett.

Aus: Abwärts! Nr. 49, Oktober 2023, S. 19

Für Bert

Kristin Schulz

jede menge. für bert

             „stehaufmännchen, stehaufmännchen, 
             wo hast du deine beine"

jede menge 
schnippchen geschlagen
& ausgetrieben
der schippe den tod der kippe die hast 
den sätzen den schluss dem fehler die last 
& eingebläut
dem tresen das fest 
letzte stunde nächste runde 
einberufen ausgestoßen

im gestrüpp
den worten den rest gegeben 
silben & silber verjubelt 
sämtlichen wiedergängern 
ins fäustchen gespuckt 
aus voller kehle 
die segel gebläht die kegel 
vertäut im wind –
gegen die fallen (der fälle)

alle samen im fluss & die ufer 
abwegig genug 
zu betreten & 
wieder & weiter 
aufgestanden immer 
ausgestanden nimmer 
ruinos porös komatös
ab- & auf-
gelöstes flöz

in der parkklinik weißensee 
eine amsel gegen morgen zu 
wusste es besser als wir –

wohin wenden 
die wunden 
sich schicht 
um schicht
tiefer (nach dem 
verlust) –
dissonanz 
in reinform 
der reimform

Aus: Abwärts! Nr. 49, Oktober 2023, S. 2

Die Welt wird in Kapitel aufgeteilt

Ataol Behramoğlu

(* 13. April 1942 in Istanbul) 

Wenn ich sterbe sterb ich gegen Abend

Wenn ich sterbe sterb ich gegen Abend 
Pechschwarzer Schnee fällt auf die Stadt 
Mein Herz verdeckt alle Wege 
Zwischen meinen Fingern 
Sehe ich: die Nacht ist gekommen

Wenn ich sterbe sterb ich gegen Abend 
Die Kinder gehen ins Kino 
Mein Gesicht in einer Blume vergraben 
Mir ist fast zum Weinen zumute 
Dahinten fährt ein Zug vorbei

Wenn ich sterbe sterb ich gegen Abend 
Ich möchte meinen Kopf nehmen und losgehen 
An einem Abend betret ich eine Stadt 
Zwischen Aprikosenbäumen hindurch 
Geh ich schau aufs Meer 
Und seh mir ein Theaterstück an

Wenn ich sterbe sterb ich gegen Abend 
In der Ferne zieht eine Wolke vorüber 
Eine düstere Kindheitswolke 
Ein surrealistischer Maler 
Beginnt die Welt zu verändern 
Vogelstimmen, Schreie 
Des Meeres und der Felder 
Farben fließen ineinander

Ich bringe dir ein Gedicht 
Die Wörter sprudeln aus meinem Traum 
Die Welt wird in Kapitel aufgeteilt 
In einem ist der Sonntagmorgen 
In einem das Himmelsgewölbe 
In einem das welke Laub 
In einem ein Mensch 
Für jedes Ding beginnt alles von Neuem

Aus dem Türkischen von Erika Glassen, aus: Kultgedichte Kült Şiirleri. Herausgegeben von Erika Glassen und Turgay Fişekçi. Vorwort von Erika Glassen. Zürich: Unionsverlag, 2008, S. 84ff

Ben ölürsem akşamüstü ölürüm

Ben ölürsem akşamüstü ölürüm 
Şehre simsiyah bir kar yağar 
Yollar kalbimle örtülür 
Parmaklarımın arasından 
Gecenin geldiğini görürüm

Ben ölürsem akşamüstü ölürüm 
Çocuklar sinemaya gider 
Yüzümü bir çiçeğe gömüp 
Ağlamak gibi isterim 
Derinden bir tren geçer

Ben ölürsem akşamüstü ölürüm 
Alıp başımı gitmek isterim 
Bir akşam bir kente girerim 
Kayısı ağaçları arasından 
Gidip denize bakarım 
Bir tiyatro seyrederim

Ben ölürsen akşamüstü ölürüm 
Uzaktan bir bulut geçer 
Karanlık bir çocukluk bulutu 
Gerçeküstücü bir ressam 
Dünyayı değiştirmeye başlar 
Kuş sesleri, haykırışlar 
Denizin ve kırların 
Rengi birbirine karışır

Sana bir şiir getiririm 
Sözler rüyamdan fışkırır 
Dünya bölümlere ayrılır 
Birinde bir pazar sabahı 
Birinde bir gökyüzü 
Birinde sararmış yapraklar 
Birinde bir adam 
Her şeye yeniden başlar

Nachtgeister

Gertrudis Gómez de Avellaneda

(* 23. März 1814 in Camagüey [vormals Santa María del Puerto del Príncipe], Kuba; † 1. Februar 1873 in Madrid)



Die Rache

Anrufung der Nachtgeister

Ihr stummen Söhne der düsteren Nacht!
Ihr Geister, die ihr das Entsetzen liebt,
die ihr verborgenen Racheplan nährt,
und frevelhafte Liebe unterstützt!

Ihr Wesen, schweigend in tückischer Lauer,
die ihr den Hass beschützt und den Verrat,
die ihr vertreibt das bekümmerte Zögern
der lauen Angst und dummen Mitgefühls;

die ihr in finsteren, einsamen Wäldern,
dem Räuber überreicht den flinken Dolch 
und rasch erstickt das vergebliche Wimmern,
des Opfers, das dem Todesstoß erlag!

Ihr Untertanen des Frevels, ihr Diener des Fehltritts, 
Herbei! Herbei! Fliegt los! Fliegt los!
Ersehnten Jubels schlug endlich die Stunde,
es öffnete die Ewigkeit ihr Tor.

Verlasst die Höhlen des billigen Rausches
wo ihr nur schäbige Gedanken weckt,
und sanft lasst schlafen die unschuldge Jungfrau,
verstört sie nicht mit eurem düstren Bild,

bedrängt die Nachtwache nicht des Asketen,
gebt finster nicht der frevelhaften Gattin 
den Traum ein, dass in ein brodelndes Blutmeer
das eheliche Lager sich verwandelt;

führt nicht vor Augen unredlichen Richtern
der ungesühnten Opfer düstre Schar;
noch feistem Wuch’rer das todbleiche Elend,
das schrecklich fluchend ihn verdammt.

Würdig’res Ziel und besondre Genüsse
bereit ich euch, ihr Geister ohne Licht!
Momente sind’s ganz nach eurem Verlangen,
die diese Nacht in ihrem Mantel birgt.

Ihr Thron erhebt sich von Ebenholz glänzend,
die Winde schlafen ihr zu Füßen ein, 
ihr Frieden, tief wie der Frieden des Sarges,
ist Abgrund: kalt und gänzlich ohne Laut.

Die Sterne seht, wie ihr Reich sie verlassen,
den Mond, wie er sein Himmelbett verdeckt,
der blaue Schleier des höchsten Gewölbes,
um treu euch Schutz zu geben, schwarz sich färbt.

Das Echo schläft in den halbhohlen Heimen;
im Schatten schläft der leichte Zephir sanft ...
Mein Hass nur wacht und betrachtet verwundert
die Friedlichkeit, ihm völlig unbekannt.

Kein Murmeln wird in der grabgleichen Stille
enthüllen können das Geheimnis, schwarz ... 
Nur euch, ihr Geister des großen Mysteriums
beglückwünscht jetzt die stumme Stimme schon.

Kommt her! Kommt her, denn mit Groll überladen 
spür’ diese Stirn ich, die ihr glühen seht,
die Lorbeer sucht, der mit Tränen benetzt ist,
damit ihr herbes Leiden sanfter wird!

Kommt her! Kommt her, ihr unzähmbaren Geister!
Erfüllt mit Grauen, Trauer diesen Ort! ...
Kommt her, bewegt mit Bedacht eure Schwingen, 
entflammt damit noch mehr mein Herz, kommt her!

Kommt her! Kommt her! Vom barbarischen Feinde
erhoff ich bald zu trinken reichlich Galle ...
Nie wachen mehr meine schlaflosen Lider,
wenn seine ihm mein grimmes Toben zudrückt.

Gebt meinen Lippen, die gierig sich regen,
sein dampfend Blut ohn Unterlass – los, eilt!
Mag es verschlingen, in Sturzbächen trinken
mein nie gestillter, inniglicher Durst!

Lasst meine Zähne mit knirschendem Knacken
sein untreu Herz in tausend Stücke spalten,
ich schlafe dann wie auf prächtigem Brautbett
auf seiner Haut, die warm noch ist und blutig.

Wenn ich so liebliche Bilder beschreibe,
spür ich mein Herz vor Wonne lauter schlagen ...
Geister des Grauens, nicht zaghaft erweist euch
und bringt vergeblich nicht mein Blut in Wallung! 

Wenn aus den dürren, den einsamen Feldern
ein überreiches Fest ihr wollt gewinnen,
gebt mir, so gebt, seine wehrlosen Glieder, 
daran soll sich mein Hunger endlich stillen.

Ihr Untertanen des Frevels, ihr Diener des Fehltritts, 
Herbei! Herbei! Fliegt los! Fliegt los!
Ersehnten Jubels schlug endlich die Stunde,
es öffnete die Ewigkeit ihr Tor.

Aus dem Spanischen von Àxel Sanjosé

La venganza

Invocación a los espíritus de la noche

¡Callados hijos de la noche lóbrega!
¡Espíritus amantes del pavor,
que la venganza alimentáis recóndita,
y esfuerzo dais al criminal amor!

¡Númenes mudos de asechanzas pérfidas,
protectores del odio y la traición, 
que disipáis vacilaciones tétricas
de flojo miedo y necia compasión;

los que en las selvas solitarias, lúgubres,
dais al bandido el rápido puñal
y los gemidos sofocáis inútiles
del que a su golpe sucumbió mortal!

¡Ministros del error, del crimen súbditos!
¡Atender! ¡Atender! ¡Volad! ¡Volad!
Que ya la hora sonó de ansiado júbilo,
y sus puertas abrió la eternidad.

Dejad los antros de la inmunda crápula,
do prodigáis mezquina inspiración;
y el blando sueño de la virgen cándida
no perturbéis con lóbrega visión,

ni atormentéis vigilias del ascético;
ni adustos con la esposa criminal,
la hagáis soñar que se convierte en piélago
de hirviente sangre el tálamo nupcial;

ni a inicuos jueces la inultas víctimas
reproduzcáis en lúgubre escuadrón;
ni al vil logrero la indigencia lívida,
lanzando en él terrible maldición.

  ¡Más digno fin, placeres más insólitos
hoy os preparo, espíritus sin luz!
Momentos son a vuestras ansias prósperos
los que esta noche envuelve en su capuz.

Su torno se alza esplendoroso de ébano
y los vientos se duermen a sus pies
y su honda paz, como la paz del féretro,
profunda, fría y sin sonido es.

Ved las estrellas de su imperio prófugas;
ved cual cubre la luna su dosel, 
y el manto azul de la celeste bóveda
negro se vuelve, en protegeros fiel.


El eco duerme en sus asilos cóncavos;
duerme en la sombra el céfiro fugaz...
Mi odio tan solo vela, y mira atónito
la para él desconocida paz.

Ningún rumor en el silencio fúnebre
el negro arcano revelar podrá...
¡Solo a vosotros, del misterio númenes,
la muda voz os felicita ya!

¡Venid! ¡Venid, que de rencores grávida
siento esta frente que miráis arder,
y un lauro pide que refresquen lágrimas
para templar su acerbo padecer!

¡Venid! ¡Venid, espíritus indómitos!
¡De horror y duelo este recinto henchid!...
Venid, las alas sacudiendo próvidos,
a enardecer mi corazón, ¡venid!

¡Venid! ¡Venid! Del enemigo bárbaro
beber anhelo la abundante hiel...
¡No más insomnes velarán mis párpados
si a él se los cierra mi furor cruel!

¡Dadle a mis labios, que se agitan ávidos,
sangre humeante sin cesar, corred!
¡Trague, devore sus raudales rápidos,
jamás saciada mi ferviente sed!

¡Hagan mis dientes con crujidos ásperos
pedazos mil su corazón infiel,
y dormiré, cual en suntuoso tálamo,
en su caliente, ensangrentada piel!

Al retratar tan plácidas imágenes,
siento de gozo el corazón latir...
¡Espíritus de horror, no pusilánimes
dejéis mi sangre inútilmente hervir!

Si de estos campos solitarios, áridos,
queréis tener magnífico festín,
dadme sus miembros, dádmelos escuálidos,
y en ellos mi hambre se apaciente al fin.

¡Ministros del error, del crimen súbditos!
¡Atended! ¡Atended! ¡Volad! ¡Volad!
¡Que ya la hora sonó de ansiado júbilo,
y sus puertas abrió la eternidad!

Aus: Spanische und hispanoamerikanische Lyrik. Bd. 2: Von Luis de Góngora bis Rosalía de Castro. Hrsg. v. Martin von Koppenfels und Johanna Schumm. München: C.H. Beck, 2022, S. 420ff.

Manche Vögel sind Späher

Christine Busta 

(* 23. April 1915 in Wien; † 3. Dezember 1987 ebenda)

Die Botschaft

Manche Vögel sind Späher:
Sie hocken auf Wipfeln und Graten
oder im Dickicht, gesanglos. 
Unvertraut sind die Nester 
ihrer Herkunft, die Flüge 
unerreichbar, und jäh trifft 
mitten ins Herz ihr Schrei.

Manche Worte sind lautlos, 
aber immer äugt etwas
her nach dir aus der Stille.
Eingesehn sind die Wege, 
alle. Geh nur! Schon witterst
du den bergenden Herdrauch. 
Doch am Rande der Dörfer 
holt es für immer dich ein.

Aus:

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Deutsche Gedichte von 1900 bis zur Gegenwart. Herausgegeben von Fritz Pratz. Zweite erweiterte Neuausgabe. Frankfurt/Main: Fischer, 1987, S. 55.

Sieh da, der Sommer – ein weiterer Sommer – ist tot

Màrius Torres

(* 30. August 1910 in Lleida; † 29. Dezember 1942 in Sant Quirze Safaja)

Schüsse von Jägern schrecken den hellen Nachmittag auf!
Sieh da, der Sommer – ein weiterer Sommer – ist tot.
Leinen und Lavendel blühten; noch rosa ist das Heidekraut,
die Ulmen färbten sich schon gelb nach Nord.

Und gestern Nacht, da stieg gleich einem jungen Traum
des Jahres erster Frost, ganz blau, herab,
und wieder frisch, wie knetbar weicher Ton,
lebt auf mein Wesen, zusammengekauert im Bett.

Wie wiederholt doch jedes Jahr dieselben Wunder!
Heut wird der Himmel höher sein und flüchtiger,
ein Luftzug, des vielen grünen Schauspiels müde,
streut dann ein leichtes Gold aus, glücklich, tätig,

und die so oft geles’nen Bücher, die altvertrauten,
sie sind dann prall und voll wie gute Muskatellertrauben,
die wir am Abend essen, die in uns Hoffnung wecken,
als wären weder Welt noch Menschen ein Jahr älter.

(1940)

Aus dem Katalanischen von Àxel Sanjosé, aus: Màrius Torres, Poesies / Gedichte, katalanisch/deutsch. Aachen: Rimbaud, 2019, S. 83

Dispars de caçadors sobtant la tarda clara!
Heus ací que l’estiu —un altre estiu— és mort.
Floriren lli i espígol; el bruc és rosa encara,
han groguejat els oms de cara al nord.

I aquesta nit, igual que un somni jove,
el primer fred de l’any, tot blau, ha descendit
i fresc, altra vegada com una gresa tova,
el meu ésser s’aviva, ben arraulit al llit.

Com cada any repeteix iguals miracles!
Avui el cel serà més alt, més voladís,
un aire, fatigat de tan verds espectacles,
escamparà un or tènue, activament feliç,

i els llibres tan llegits, la vella confiança,
seran tersos i plens com els bons moscatells
que mengem cap el tard i ens omplen d’esperança
com si ni el món ni els homes fossin un any més vells.

Ebd. S. 82

Nur weil sie halt geboren sind

Alfred Kerr 

(* 25. Dezember 1867 in Breslau; † 12. Oktober 1948 in Hamburg)

DAS SCHLIMMSTE

Die Juden haben unbestritten 
Von allen Verfolgten das Schlimmste gelitten:
Nicht weil sie politisch verschworen sind —
Nur weil sie halt geboren sind.

(1936)

Aus: AN DEN WIND GESCHRIEBEN. Lyrik der Freiheit. Gedichte der Jahre 1933-1945. Berlin: Agora, 1982 (4. Aufl.), S. 65.

dass man die gorgo nie wird streicheln können

Anne Martin

poetologie eines bevorstehenden unglücks
 
das geräusch wenn man glascontainer leert
alle farben zusammen kippt
 
als wäre am ende egal
wie die dinge geordnet lagen
 
sich distinktes
scherben von gewürzgurken, hustensaft und wein
 
als dröhnendes geröll entlädt
schädeltektonik zum wanken bringt
 
hinter der stirn zwischen den ohren
alles über mir zusammenbricht
 
die altersflecken der buschwindröschen
dass man die gorgo nie wird streicheln können
 
nicht zu sehen was dein schlaf dir träumt
nicht wissen wie seelen überwintern
 
laubhaufen, fotoalben oder dendriden
wie ich satt werden soll
 

seit du nicht mehr isst
so laut der wind das wasser und das nichts

Erscheint in Kürze beim Verlag parasitenpresse

Anne Martin: sollbruchstellen. Gedichte, 86 S., 12,- € (in Vorbereitung für Herbst 2023)

Lärmstadt

Gerrit Engelke 

(* 21. Oktober 1890 in Hannover; † 13. Oktober 1918 in Etaples bei Cambrai, Frankreich, gefallen heute vor 105 Jahren, wenige Wochen vor Ende der Kampfhandlungen)

DIE STADT LEBT

Um die Großstadt sinkt die Welt in Schlaf.
Felder gilben, Wälder ächzen überall.
Wie Blätter fallen draußen alle Tage, 
Vom Zeitwind weggeweht.

Die Stadt weiß nichts vom bunten Aufschrei der Natur, 
Vom letzten aufgepeitschten Blätterwirbel, 
Die Stadt hört nicht von Berg und Stoppelflur 
Den trauergroßen, herben Schlafgesang.

Ob Ebene und Wald in welkes Sterben fallen, 
Ob draußen tost Vergänglichkeit, 
Im Stadtberg brüllen Straßen, Hämmer hallen:
Die Lärmstadt dampft in Unrast ohne Zeit.

Zuerst erschienen 1923. Aus: Gerrit Engelke, Rhythmus des neuen Europa. Das Gesamtwerk. Mit einer Einführung herausgegeben von Hermann Blome. Hannover: Postskriptum, 1979, S. 53

Ich 1983

Gisbert Amm

Jungkommunist ich 1983

Ich wusste alles besser als die Alten.
Die Welt war wissenschaftlich klar und aufgeteilt. 
Hätten wir erst die storren Äste abgebeilt, 
würd uns am blanken Stamm der Zukunft nichts mehr halten.

So dachte ich in glatten Fahnenstangen.
Das weitverzweigte Leben war mir eng.
Das Dasein hatte hart zu sein und streng. 
So würden wir ins Reich der Freiheit langen.

Ich wollte nur druckreife Sätze sprechen, 
trank keinen Alkohol und hatte keine Frau, 
und wusste nichts von Stalins Großverbrechen.

Naiv war ich, mit einem Drahtverhau 
im Kopf und einem Großhirn wie ein Rechen. 
Gefahr den Freunden und erbärmlich schlau.

Aus: Gisbert Amm, Semper. Gedichte. Wien: edition fabrik.transit, 2023, S. 14

Dann schöne Welt Ade

Heute vor 65 Jahren starb der süddeutsche Heimatdichter (ja, ja!) Johannes R. Becher. Zum Anlass die erste Strophe seines Gedichts „Traumtod“ in der ersten Fassung.

Johannes R. Becher 

(* 22. Mai 1891 in München; † 11. Oktober 1958 in Ost-Berlin)

Die letzten Nächte sollte man verbringen 
Wo voll der Mond scheint und an einem See, 
Am schönsten wäre es in Überlingen 
Am Bodensee
Und wenn die Vögel singen 
Schon drei Uhr früh 
Dann schöne Welt Ade.

Aus: Johannes R. Becher, Gedichte 1949-1958. Berlin und Weimar: Aufbau, 1973 (Gesammelte Werke Bd. 6), S. 623