Francesc Vicent Garcia (Rector de Vallfogona)
(*22. Januar 1579 in Saragossa; † 2. September 1623 in Vallfogona de Riucorb)
Auf eine Latrine, die der Autor im Garten seiner Pfarrei errichten ließ In des dritten Philipps Herrschaft übers Reich, das er erhöht, ward dies Scheißhaus hier erbaut, und der Papst war Paul der Fünfte. Eigens ward so schweres Werk neben dem Garten errichtet, so dass, wer Papier entbehret, leicht zum Rettich greifen kann. Seine Zunge halte fern von dessen kunstvoller Linie, wer missgünstig möchte eifern, denn verschissen kommt sie raus. Möge er auch nicht mit Hochmut richten, was er nicht versteht, und bevor er Urteil spricht, soll er selber es erst kosten. Tunlichst wird die Nachbarschaft solchen Fehler nicht begehen – wär das Werk ein hohes, hehres, müssten dieses hier sie schlucken. Achte du, bedachter Kacker, der du diesen Ort betrittst: Ist die Ladung allzu groß, wirst du wohl den Boden küssen. Monumente hohen Rangs scheinen uns die Mausoleen, Kolosseen und Kolosse – Mahnmale der Eitelkeit. Hier gedenken tausend Ärsche donnernd des Lepanto-Siegs und des Sturms auf La Goulette auf vollkommne Art und Weise. Erstmals wurde ein Gericht an dem Orte abgehalten, als ein Nachfahre von Bauter eines Sonntags dorthin schiss. Aufgeteilt sind alle Plätze: Diesen nimmt der Pfarrer ein, dort Messdiener, Tante dann, Gäste einfach, wo sie möchten. Bartomeu Monreal fecit, Recke der Architektur, fürchtet doch der härt’ste Fels seinen Hammer mitsamt Hebel.
Aus dem Katalanischen von Àxel Sanjosé
A una latrina que féu l’autor en l’hort de sa rectoria La monarquia regint Felip ters, que la millora, se féu esta cagadora, essent papa Paulo quint. Adredes obra tan grave se edificà prop de un hort perquè qui paper no port se puga valer de un rave. En sa traça artificiosa no pose lo maliciós la llengua amb zel envejós; perquè la traurà merdosa. Ni ab supèrbia presumesca, lo que no entén judicar; i ans que ho vinga a condemnar, tot primer ho asaboresca. Los veïns advertiran no cometre tan gran falta, que si fou obra més alta, tota aquesta se beuran. I tu cagador prudent que en aquest lloc entraràs, si molt pesat aniràs menjar-te has lo paviment. Si per obres soberanes són tinguts los mausoleus Colosos y Coliseus, memòria de coses vanes: ací mil culs retronant faran memòria perfeta de l’assalt de la goleta i victòria de llepant. Fonc [Fou?] el tribunal primer, que en est lloc se celebrà; un diumenge que hi cagà un descendent de Bauter. Dividits los llocs estan: est lo rector se apropia, per ordre l’escolà i la tia; les hostes on gustaran. Fecit Bartomeu Monreal un Cid en arquitectura, de qui la roca més dura tem lo martell i parpal.
(Quelle des katalanischen Textes: poesia.cat; deutsch erstmals hier)
Denise Levertov
(* 24. Oktober 1923 in Ilford, Essex, England; † 20. Dezember 1997 in Seattle, USA)
Illustrious Ancestors
The Rav
of Northern White Russia declined,
in his youth, to learn the
language of birds, because
the extraneous did not interest him; nevertheless
when he grew old it was found
he understood them anyway, having
listened well, and as it is said, «prayed
with the bench and the floor.» He used
what was at hand—as did
Angel Jones of Mold, whose meditations
were sewn into coats and britches.
Well, I would like to make,
thinking some line still taut between me and them,
poems direct as what the birds said,
hard as a floor, sound as a bench,
mysterious as the silence when the tailor
would pause with his needle in the air.
Erlauchte Ahnen
Der Raw
aus dem Norden Weißrußlands weigerte sich,
in seiner Jugend, die Sprache der
Vögel zu lernen, weil
das Fremde ihn nicht interessierte; trotzdem,
als er alt wurde, bemerkte man,
daß er sie irgendwie verstand, er hatte
gut zugehört und, wie man sagte, «gebetet
mit der Diele und mit der Bank.» Er nutzte,
was zur Hand war – wie es
Angel Jones of Mold tat, dessen Andachten
in Mäntel und Hosen genäht waren.
Nun, ich möchte, da ich denke,
irgendein Band ist noch zwischen ihnen und mir gespannt,
Gedichte so direkt machen wie das, was die Vögel sagten,
hart wie eine Diele, fest wie eine Bank,
geheimnisvoll wie die Stille, wenn der Schneider
mit der Nadel in der Luft innehält.
Aus dem Englischen von Jürgen Brôcan, aus: Zwischen den Zeilen. Zeitschrift für Gedichte und ihre Poetik. Hrsg. Urs Engeler. Oktober 2000, S. 148f.
Raw (Rav, Rab) ist ein hebräischer Ehrentitel für jüdische Gelehrte, verwandt mit dem Wort Rabbi. Denise Levertovs Vater stammte aus Weißrussland (Belarus):
"Paul Philip Levertoff stammte aus einer chassidischen (orthodox jüdischen) Familie. Nach seinem Abschluss an der renommierten Jeschiwa von Waloschyn konvertierte er 1895 zum Christentum. Er studierte in Russland und Deutschland Theologie und wurde 1912 Dozent am Institutum Judaicum Delitzschianum in Leipzig. Er war mit der Waliserin Beatrice Levertoff, Tochter eines methodistischen Pfarrers, verheiratet, war während des Ersten Weltkriegs als feindlicher Ausländer in Leipzig interniert und übersiedelte 1918 nach England, wo er für die anglikanische Kirche in der Judenmission wirkte. Er übersetzte die anglikanische Liturgie ins Hebräische. Levertoff engagierte sich in den 1930er Jahren gegen die faschistische Politik Italiens und die Politik in Deutschland und Spanien." https://de.wikipedia.org/wiki/Paul_Philip_Levertoff
Joseph E. Drexel
(* 6. Juni 1896 in München; † 13. April 1976 in Nürnberg)
IM KERKER Ich lebe nicht. Ich esse, schlafe, trinke. Ich blättre blind in einem Buch. Ich schreibe sinnlose Worte in die Luft. Ich treibe Dahin, gewärtig, daß ich ganz versinke. Ich bin von allen Ufern losgerissen. Gleich einem Baum, gleich einem toten Tiere Trägt mich der Tage trübe Flut. Ich spüre Nicht Lust, noch Leid, noch fühle ich Gewissen. Ich starre lang in meine leeren Hände. Ich denke nichts, ich höre nichts, ich schaue Leblosen Auges nur die kahle, graue, Dumpfe Verzweiflung der verhaßten Wände. Und ab und auf die ruhelosen, matten, Und auf und ab die Schritte, ungemessen. Ich weiß nicht wer ich war, ich bin vergessen. Ich lebe nicht. Ich bin nur noch ein Schatten.
1939 in Untersuchungshaft im Gefängnis Berlin-Moabit geschrieben. Aus: Michael Moll/Barbara Weiler (Hrsg.): Lyrik gegen das Vergessen. Gedichte aus Konzentrationslagern. Marburg: Schüren, 1991, S. 28.
Altkatalanisch, anonym (14. Jahrhundert)
Llassa, mais m’hagra valgut que fos maridada, o cortès amic hagut que can sui monjada. Monjada fui a mon dan: pecat gran han fait, segons mon albir; mas cells qui mesa m’hi han, en mal an los meta Déus, e els aïr. Car si io ho hagués sabut, —mas fui un poc fada— qui em donàs tot Montagut no hic fóra entrada.
Ich Arme, besser wär’s gewesen, verheiratet zu werden oder am Hofe Freund zu haben als jetzt vernonnt zu sein. Vernonnt wurd ich, mir sehr zum Leid, sehr große Sünd begingen sie, wie es mir scheint, doch die, die mich hier reingebracht – in schlimme Zeit bringe sie Gott und zürne ihnen. Denn hätte ich’s vorher gewusst – ich war da etwas dumm –, gäb man mir auch ganz Montagut ich wär dort nie hinein.
Aus dem Altkatalanischen von Àxel Sanjosé
Der katalanische Text aus: Antologia general de la poesia catalana. Hrsg. v. J. M. Castellet u. J. Molas. 10. Aufl.. Barcelona: Edicions 62, 2000; deutsche Fassung erstmals hier.
Lukas Palamar
Gattungen Fremd in der Lyrik, kenne ich kein anderes Leben als dieses, dessen Eindrücke auf mich einprasseln wie ein Graupelschauer im Winter. Fremd im Drama, muss ich Gegensätze einen, Widersprüche binden, um ein Teil dessen zu sein, womit ich nichts zu tun haben will. Fremd in der Epik, bin ich ein Junge, der wie ein Wasserfall plappert, dessen Mutter ihn darauf anspricht, der für immer verstummt. Fremd in jeder Gattung, habe ich das Leben auswendig gelernt, fehlt nur noch der Tod, und meine Sammlung ist komplett.
Aus: Abwärts! Nr. 49, Oktober 2023, S. 19
Kristin Schulz
jede menge. für bert
„stehaufmännchen, stehaufmännchen,
wo hast du deine beine"
jede menge
schnippchen geschlagen
& ausgetrieben
der schippe den tod der kippe die hast
den sätzen den schluss dem fehler die last
& eingebläut
dem tresen das fest
letzte stunde nächste runde
einberufen ausgestoßen
im gestrüpp
den worten den rest gegeben
silben & silber verjubelt
sämtlichen wiedergängern
ins fäustchen gespuckt
aus voller kehle
die segel gebläht die kegel
vertäut im wind –
gegen die fallen (der fälle)
alle samen im fluss & die ufer
abwegig genug
zu betreten &
wieder & weiter
aufgestanden immer
ausgestanden nimmer
ruinos porös komatös
ab- & auf-
gelöstes flöz
in der parkklinik weißensee
eine amsel gegen morgen zu
wusste es besser als wir –
wohin wenden
die wunden
sich schicht
um schicht
tiefer (nach dem
verlust) –
dissonanz
in reinform
der reimform
Aus: Abwärts! Nr. 49, Oktober 2023, S. 2
Ataol Behramoğlu
(* 13. April 1942 in Istanbul)
Wenn ich sterbe sterb ich gegen Abend Wenn ich sterbe sterb ich gegen Abend Pechschwarzer Schnee fällt auf die Stadt Mein Herz verdeckt alle Wege Zwischen meinen Fingern Sehe ich: die Nacht ist gekommen Wenn ich sterbe sterb ich gegen Abend Die Kinder gehen ins Kino Mein Gesicht in einer Blume vergraben Mir ist fast zum Weinen zumute Dahinten fährt ein Zug vorbei Wenn ich sterbe sterb ich gegen Abend Ich möchte meinen Kopf nehmen und losgehen An einem Abend betret ich eine Stadt Zwischen Aprikosenbäumen hindurch Geh ich schau aufs Meer Und seh mir ein Theaterstück an Wenn ich sterbe sterb ich gegen Abend In der Ferne zieht eine Wolke vorüber Eine düstere Kindheitswolke Ein surrealistischer Maler Beginnt die Welt zu verändern Vogelstimmen, Schreie Des Meeres und der Felder Farben fließen ineinander Ich bringe dir ein Gedicht Die Wörter sprudeln aus meinem Traum Die Welt wird in Kapitel aufgeteilt In einem ist der Sonntagmorgen In einem das Himmelsgewölbe In einem das welke Laub In einem ein Mensch Für jedes Ding beginnt alles von Neuem
Aus dem Türkischen von Erika Glassen, aus: Kultgedichte Kült Şiirleri. Herausgegeben von Erika Glassen und Turgay Fişekçi. Vorwort von Erika Glassen. Zürich: Unionsverlag, 2008, S. 84ff
Ben ölürsem akşamüstü ölürüm Ben ölürsem akşamüstü ölürüm Şehre simsiyah bir kar yağar Yollar kalbimle örtülür Parmaklarımın arasından Gecenin geldiğini görürüm Ben ölürsem akşamüstü ölürüm Çocuklar sinemaya gider Yüzümü bir çiçeğe gömüp Ağlamak gibi isterim Derinden bir tren geçer Ben ölürsem akşamüstü ölürüm Alıp başımı gitmek isterim Bir akşam bir kente girerim Kayısı ağaçları arasından Gidip denize bakarım Bir tiyatro seyrederim Ben ölürsen akşamüstü ölürüm Uzaktan bir bulut geçer Karanlık bir çocukluk bulutu Gerçeküstücü bir ressam Dünyayı değiştirmeye başlar Kuş sesleri, haykırışlar Denizin ve kırların Rengi birbirine karışır Sana bir şiir getiririm Sözler rüyamdan fışkırır Dünya bölümlere ayrılır Birinde bir pazar sabahı Birinde bir gökyüzü Birinde sararmış yapraklar Birinde bir adam Her şeye yeniden başlar
Gertrudis Gómez de Avellaneda
(* 23. März 1814 in Camagüey [vormals Santa María del Puerto del Príncipe], Kuba; † 1. Februar 1873 in Madrid)
Die Rache Anrufung der Nachtgeister Ihr stummen Söhne der düsteren Nacht! Ihr Geister, die ihr das Entsetzen liebt, die ihr verborgenen Racheplan nährt, und frevelhafte Liebe unterstützt! Ihr Wesen, schweigend in tückischer Lauer, die ihr den Hass beschützt und den Verrat, die ihr vertreibt das bekümmerte Zögern der lauen Angst und dummen Mitgefühls; die ihr in finsteren, einsamen Wäldern, dem Räuber überreicht den flinken Dolch und rasch erstickt das vergebliche Wimmern, des Opfers, das dem Todesstoß erlag! Ihr Untertanen des Frevels, ihr Diener des Fehltritts, Herbei! Herbei! Fliegt los! Fliegt los! Ersehnten Jubels schlug endlich die Stunde, es öffnete die Ewigkeit ihr Tor. Verlasst die Höhlen des billigen Rausches wo ihr nur schäbige Gedanken weckt, und sanft lasst schlafen die unschuldge Jungfrau, verstört sie nicht mit eurem düstren Bild, bedrängt die Nachtwache nicht des Asketen, gebt finster nicht der frevelhaften Gattin den Traum ein, dass in ein brodelndes Blutmeer das eheliche Lager sich verwandelt; führt nicht vor Augen unredlichen Richtern der ungesühnten Opfer düstre Schar; noch feistem Wuch’rer das todbleiche Elend, das schrecklich fluchend ihn verdammt. Würdig’res Ziel und besondre Genüsse bereit ich euch, ihr Geister ohne Licht! Momente sind’s ganz nach eurem Verlangen, die diese Nacht in ihrem Mantel birgt. Ihr Thron erhebt sich von Ebenholz glänzend, die Winde schlafen ihr zu Füßen ein, ihr Frieden, tief wie der Frieden des Sarges, ist Abgrund: kalt und gänzlich ohne Laut. Die Sterne seht, wie ihr Reich sie verlassen, den Mond, wie er sein Himmelbett verdeckt, der blaue Schleier des höchsten Gewölbes, um treu euch Schutz zu geben, schwarz sich färbt. Das Echo schläft in den halbhohlen Heimen; im Schatten schläft der leichte Zephir sanft ... Mein Hass nur wacht und betrachtet verwundert die Friedlichkeit, ihm völlig unbekannt. Kein Murmeln wird in der grabgleichen Stille enthüllen können das Geheimnis, schwarz ... Nur euch, ihr Geister des großen Mysteriums beglückwünscht jetzt die stumme Stimme schon. Kommt her! Kommt her, denn mit Groll überladen spür’ diese Stirn ich, die ihr glühen seht, die Lorbeer sucht, der mit Tränen benetzt ist, damit ihr herbes Leiden sanfter wird! Kommt her! Kommt her, ihr unzähmbaren Geister! Erfüllt mit Grauen, Trauer diesen Ort! ... Kommt her, bewegt mit Bedacht eure Schwingen, entflammt damit noch mehr mein Herz, kommt her! Kommt her! Kommt her! Vom barbarischen Feinde erhoff ich bald zu trinken reichlich Galle ... Nie wachen mehr meine schlaflosen Lider, wenn seine ihm mein grimmes Toben zudrückt. Gebt meinen Lippen, die gierig sich regen, sein dampfend Blut ohn Unterlass – los, eilt! Mag es verschlingen, in Sturzbächen trinken mein nie gestillter, inniglicher Durst! Lasst meine Zähne mit knirschendem Knacken sein untreu Herz in tausend Stücke spalten, ich schlafe dann wie auf prächtigem Brautbett auf seiner Haut, die warm noch ist und blutig. Wenn ich so liebliche Bilder beschreibe, spür ich mein Herz vor Wonne lauter schlagen ... Geister des Grauens, nicht zaghaft erweist euch und bringt vergeblich nicht mein Blut in Wallung! Wenn aus den dürren, den einsamen Feldern ein überreiches Fest ihr wollt gewinnen, gebt mir, so gebt, seine wehrlosen Glieder, daran soll sich mein Hunger endlich stillen. Ihr Untertanen des Frevels, ihr Diener des Fehltritts, Herbei! Herbei! Fliegt los! Fliegt los! Ersehnten Jubels schlug endlich die Stunde, es öffnete die Ewigkeit ihr Tor.
Aus dem Spanischen von Àxel Sanjosé
La venganza Invocación a los espíritus de la noche ¡Callados hijos de la noche lóbrega! ¡Espíritus amantes del pavor, que la venganza alimentáis recóndita, y esfuerzo dais al criminal amor! ¡Númenes mudos de asechanzas pérfidas, protectores del odio y la traición, que disipáis vacilaciones tétricas de flojo miedo y necia compasión; los que en las selvas solitarias, lúgubres, dais al bandido el rápido puñal y los gemidos sofocáis inútiles del que a su golpe sucumbió mortal! ¡Ministros del error, del crimen súbditos! ¡Atender! ¡Atender! ¡Volad! ¡Volad! Que ya la hora sonó de ansiado júbilo, y sus puertas abrió la eternidad. Dejad los antros de la inmunda crápula, do prodigáis mezquina inspiración; y el blando sueño de la virgen cándida no perturbéis con lóbrega visión, ni atormentéis vigilias del ascético; ni adustos con la esposa criminal, la hagáis soñar que se convierte en piélago de hirviente sangre el tálamo nupcial; ni a inicuos jueces la inultas víctimas reproduzcáis en lúgubre escuadrón; ni al vil logrero la indigencia lívida, lanzando en él terrible maldición. ¡Más digno fin, placeres más insólitos hoy os preparo, espíritus sin luz! Momentos son a vuestras ansias prósperos los que esta noche envuelve en su capuz. Su torno se alza esplendoroso de ébano y los vientos se duermen a sus pies y su honda paz, como la paz del féretro, profunda, fría y sin sonido es. Ved las estrellas de su imperio prófugas; ved cual cubre la luna su dosel, y el manto azul de la celeste bóveda negro se vuelve, en protegeros fiel. El eco duerme en sus asilos cóncavos; duerme en la sombra el céfiro fugaz... Mi odio tan solo vela, y mira atónito la para él desconocida paz. Ningún rumor en el silencio fúnebre el negro arcano revelar podrá... ¡Solo a vosotros, del misterio númenes, la muda voz os felicita ya! ¡Venid! ¡Venid, que de rencores grávida siento esta frente que miráis arder, y un lauro pide que refresquen lágrimas para templar su acerbo padecer! ¡Venid! ¡Venid, espíritus indómitos! ¡De horror y duelo este recinto henchid!... Venid, las alas sacudiendo próvidos, a enardecer mi corazón, ¡venid! ¡Venid! ¡Venid! Del enemigo bárbaro beber anhelo la abundante hiel... ¡No más insomnes velarán mis párpados si a él se los cierra mi furor cruel! ¡Dadle a mis labios, que se agitan ávidos, sangre humeante sin cesar, corred! ¡Trague, devore sus raudales rápidos, jamás saciada mi ferviente sed! ¡Hagan mis dientes con crujidos ásperos pedazos mil su corazón infiel, y dormiré, cual en suntuoso tálamo, en su caliente, ensangrentada piel! Al retratar tan plácidas imágenes, siento de gozo el corazón latir... ¡Espíritus de horror, no pusilánimes dejéis mi sangre inútilmente hervir! Si de estos campos solitarios, áridos, queréis tener magnífico festín, dadme sus miembros, dádmelos escuálidos, y en ellos mi hambre se apaciente al fin. ¡Ministros del error, del crimen súbditos! ¡Atended! ¡Atended! ¡Volad! ¡Volad! ¡Que ya la hora sonó de ansiado júbilo, y sus puertas abrió la eternidad!
Aus: Spanische und hispanoamerikanische Lyrik. Bd. 2: Von Luis de Góngora bis Rosalía de Castro. Hrsg. v. Martin von Koppenfels und Johanna Schumm. München: C.H. Beck, 2022, S. 420ff.
Christine Busta
(* 23. April 1915 in Wien; † 3. Dezember 1987 ebenda)
Die Botschaft Manche Vögel sind Späher: Sie hocken auf Wipfeln und Graten oder im Dickicht, gesanglos. Unvertraut sind die Nester ihrer Herkunft, die Flüge unerreichbar, und jäh trifft mitten ins Herz ihr Schrei. Manche Worte sind lautlos, aber immer äugt etwas her nach dir aus der Stille. Eingesehn sind die Wege, alle. Geh nur! Schon witterst du den bergenden Herdrauch. Doch am Rande der Dörfer holt es für immer dich ein.
Aus:
Deutsche Gedichte von 1900 bis zur Gegenwart. Herausgegeben von Fritz Pratz. Zweite erweiterte Neuausgabe. Frankfurt/Main: Fischer, 1987, S. 55.
Màrius Torres
(* 30. August 1910 in Lleida; † 29. Dezember 1942 in Sant Quirze Safaja)
Schüsse von Jägern schrecken den hellen Nachmittag auf! Sieh da, der Sommer – ein weiterer Sommer – ist tot. Leinen und Lavendel blühten; noch rosa ist das Heidekraut, die Ulmen färbten sich schon gelb nach Nord. Und gestern Nacht, da stieg gleich einem jungen Traum des Jahres erster Frost, ganz blau, herab, und wieder frisch, wie knetbar weicher Ton, lebt auf mein Wesen, zusammengekauert im Bett. Wie wiederholt doch jedes Jahr dieselben Wunder! Heut wird der Himmel höher sein und flüchtiger, ein Luftzug, des vielen grünen Schauspiels müde, streut dann ein leichtes Gold aus, glücklich, tätig, und die so oft geles’nen Bücher, die altvertrauten, sie sind dann prall und voll wie gute Muskatellertrauben, die wir am Abend essen, die in uns Hoffnung wecken, als wären weder Welt noch Menschen ein Jahr älter. (1940)
Aus dem Katalanischen von Àxel Sanjosé, aus: Màrius Torres, Poesies / Gedichte, katalanisch/deutsch. Aachen: Rimbaud, 2019, S. 83
Dispars de caçadors sobtant la tarda clara! Heus ací que l’estiu —un altre estiu— és mort. Floriren lli i espígol; el bruc és rosa encara, han groguejat els oms de cara al nord. I aquesta nit, igual que un somni jove, el primer fred de l’any, tot blau, ha descendit i fresc, altra vegada com una gresa tova, el meu ésser s’aviva, ben arraulit al llit. Com cada any repeteix iguals miracles! Avui el cel serà més alt, més voladís, un aire, fatigat de tan verds espectacles, escamparà un or tènue, activament feliç, i els llibres tan llegits, la vella confiança, seran tersos i plens com els bons moscatells que mengem cap el tard i ens omplen d’esperança com si ni el món ni els homes fossin un any més vells.
Ebd. S. 82
Alfred Kerr
(* 25. Dezember 1867 in Breslau; † 12. Oktober 1948 in Hamburg)
DAS SCHLIMMSTE Die Juden haben unbestritten Von allen Verfolgten das Schlimmste gelitten: Nicht weil sie politisch verschworen sind — Nur weil sie halt geboren sind. (1936)
Aus: AN DEN WIND GESCHRIEBEN. Lyrik der Freiheit. Gedichte der Jahre 1933-1945. Berlin: Agora, 1982 (4. Aufl.), S. 65.
Anne Martin
poetologie eines bevorstehenden unglücks das geräusch wenn man glascontainer leert alle farben zusammen kippt als wäre am ende egal wie die dinge geordnet lagen sich distinktes scherben von gewürzgurken, hustensaft und wein als dröhnendes geröll entlädt schädeltektonik zum wanken bringt hinter der stirn zwischen den ohren alles über mir zusammenbricht die altersflecken der buschwindröschen dass man die gorgo nie wird streicheln können nicht zu sehen was dein schlaf dir träumt nicht wissen wie seelen überwintern laubhaufen, fotoalben oder dendriden wie ich satt werden soll seit du nicht mehr isst so laut der wind das wasser und das nichts
Erscheint in Kürze beim Verlag parasitenpresse
Anne Martin: sollbruchstellen. Gedichte, 86 S., 12,- € (in Vorbereitung für Herbst 2023)
Gerrit Engelke
(* 21. Oktober 1890 in Hannover; † 13. Oktober 1918 in Etaples bei Cambrai, Frankreich, gefallen heute vor 105 Jahren, wenige Wochen vor Ende der Kampfhandlungen)
DIE STADT LEBT Um die Großstadt sinkt die Welt in Schlaf. Felder gilben, Wälder ächzen überall. Wie Blätter fallen draußen alle Tage, Vom Zeitwind weggeweht. Die Stadt weiß nichts vom bunten Aufschrei der Natur, Vom letzten aufgepeitschten Blätterwirbel, Die Stadt hört nicht von Berg und Stoppelflur Den trauergroßen, herben Schlafgesang. Ob Ebene und Wald in welkes Sterben fallen, Ob draußen tost Vergänglichkeit, Im Stadtberg brüllen Straßen, Hämmer hallen: Die Lärmstadt dampft in Unrast ohne Zeit.
Zuerst erschienen 1923. Aus: Gerrit Engelke, Rhythmus des neuen Europa. Das Gesamtwerk. Mit einer Einführung herausgegeben von Hermann Blome. Hannover: Postskriptum, 1979, S. 53
Gisbert Amm
Jungkommunist ich 1983 Ich wusste alles besser als die Alten. Die Welt war wissenschaftlich klar und aufgeteilt. Hätten wir erst die storren Äste abgebeilt, würd uns am blanken Stamm der Zukunft nichts mehr halten. So dachte ich in glatten Fahnenstangen. Das weitverzweigte Leben war mir eng. Das Dasein hatte hart zu sein und streng. So würden wir ins Reich der Freiheit langen. Ich wollte nur druckreife Sätze sprechen, trank keinen Alkohol und hatte keine Frau, und wusste nichts von Stalins Großverbrechen. Naiv war ich, mit einem Drahtverhau im Kopf und einem Großhirn wie ein Rechen. Gefahr den Freunden und erbärmlich schlau.
Aus: Gisbert Amm, Semper. Gedichte. Wien: edition fabrik.transit, 2023, S. 14
Heute vor 65 Jahren starb der süddeutsche Heimatdichter (ja, ja!) Johannes R. Becher. Zum Anlass die erste Strophe seines Gedichts „Traumtod“ in der ersten Fassung.
Johannes R. Becher
(* 22. Mai 1891 in München; † 11. Oktober 1958 in Ost-Berlin)
Die letzten Nächte sollte man verbringen Wo voll der Mond scheint und an einem See, Am schönsten wäre es in Überlingen Am Bodensee Und wenn die Vögel singen Schon drei Uhr früh Dann schöne Welt Ade.
Aus: Johannes R. Becher, Gedichte 1949-1958. Berlin und Weimar: Aufbau, 1973 (Gesammelte Werke Bd. 6), S. 623
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