Joan Maragall
(* 10. Oktober 1860 in Barcelona; † 20. Dezember 1911 ebenda)
DAS MEER HAT heute achtundzwanzig Farben und alles ist bewegt, Himmel und Wasser; der Himmel glänzend blau; der Wind, wild rasend, zerfasert oben alle Wolken, jagt sie, lässt Fahnen hier und reines Weiß dort flattern, verbiegt, zerzaust die Bäume ohne Gnade; von überall her ruft's und lärmt's und leuchtet's: Getöse und Gewühl, dass einem Angst wird.
Aus dem Katalanischen von Àxel Sanjosé, aus: Joan Maragall, Der Pinien Grün, des Meeres Blau. Gedichte. Katalanisch/deutsch. Ausgewählt, übertragen und mit einer Einführung von Àxel Sanjosé. München: Stiftung Lyrik Kabinett, 2022, S. 127
AVUI EL MAR té vint-i-vuit colors i tot està revolt, el cel i l'aigua; el cel brillant i blau; el vent furiós hi escotona els núvols i els empaita, fa voleiar banderes i blancors, retorç i esbulla els arbres amb gran sanya; tot són crits i sorolls i lluentors amb un fresseig i un bellugueig que espanta.
Léopold Sédar Senghor
(* 9. Oktober 1906 in Joal, Senegal; † 20. Dezember 2001 in Verson, Frankreich)
New York (für Jazzorchester: Trompetensolo) I New York! Zuerst war ich verwirrt von deiner Schönheit, von den großen goldenen Mädchen mit langen Beinen. So schüchtern zuerst vor deinen Augen aus blauem Metall, deinem Lächeln aus Reif So schüchtern. Und die Angst tief in den Wolkenkratzerschluchten Schlug die Käuzchenaugen auf zur verfinsterten Sonne. Schweflig dein Licht, bleifarben die Schäfte deren Köpfe den Himmel bestürmen, Die Wolkenkratzer die den Zyklonen trotzen mit stählernen Muskeln und ihrer glattgeschliffenen Steinhaut. Doch vierzehn Tage auf dem kahlen Pflaster Manhattans – Am Ende der dritten Woche springt wie ein Jaguar dich das Fieber an – Vierzehn Tage ohne Brunnen und Weide und alle Vögel der Lüfte Fallen tot herab zu der Asche auf den Terrassen. Kein Lachen blühenden Kindes, dessen Hand meine frische Hand faßt. Keine Mutterbrust – aber Nylonbeine, Beine und Brüste ohne Gerüche und Schweiß. Kein zartes Wort denn es fehlt an Lippen, nur künstliche Herzen mit harter Münze bezahlt Und nirgends ein Buch der Weisheit. Der Malerpalette entblühen Korallen- kristalle. Nächte der Schlaflosigkeit o Nächte Manhattans! Von Irrlichtern durchzuckt und Hupen heulen die Leere der Stunden aus. Und dunkle Wasser spülen all die hygienische Liebe davon wie angeschwollene Flüsse Kinderleichen.
III New York! Ich sage dir: New York laß schwarzes Blut zufließen deinem Blut Daß es die Stahlgelenke dir mit Lebensöl entroste Daß deinen Brücken es den Schwung von Kruppen schenke und die Biegsamkeit der Lianen. Da kommen die uralten Zeiten zurück, die wiedergefundene Einheit, Ver- söhnung von Löwe, Stier und Baum, Der Gedanke der Tat verknüpft, das Ohr dem Herzen, das Zeichen dem Sinn. Da rauschen deine Flüsse von moschusduftenden Krokodilen und wunder- äugigen Lamantinen*. Und die Sirenen braucht man nicht zu erfinden. Doch es genügt schon die Augen dem April-Regenbogen zu öffnen Und die Ohren, vor allem die Ohren Gott der aus einem Saxophonlachen Himmel und Erde erschuf an sechs Tagen Und am siebenten Tage schlief er den großen Schlaf des Negers.
Aus: Léopold Sédar Senghor: Botschaft und Anruf. Sämtliche Gedichte. Frz. u. dt. Hrsg. u. übersetzt von Janheinz Jahn. München: Hanser, 1963, S. 105
*) Lamantin: robbenartig gebaute Tiergattung aus der Ordnung der Wale und der Unterordnung der Sirenen. Mit fast nacktem Fischleib, bläulich-grauer Haut, wenigen borstigen Haaren, stärker beborsteter Oberlippe und vier kleinen Blattnägeln an den Zehen der Brustflossen. Im afrikanischen Mythos trinken die Lamantine (oder Seekühe) noch immer an der Quelle, wie einst, als sie noch Vierfüßler oder Menschen waren. (Ebd.)
A New-York (pour un orchestre de jazz: solo de trompette) I New-York! D'abord l'ai été confondu par ta beauté, ces grandes filles d'or aux jambes longues. Si timide d'abord devant tes yeux de métal bleu, ton sourire de givre Si timide. Et l'angoisse au fond des rues à gratteciel Levant des yeux de chouette parmi l'éclipse du soleil. Sulfureuse ta lumière et les fûts livides, dont les têtes foudroient le ciel Les gratte-ciel qui défient les cyclones sur leurs muscles d'acier et leur peau patinée de pierres. Mais quinze jours sur les trottoirs chauves de Manhattan – C'est au bout de la troisième semaine que vous saisit la fièvre en un bond de jaguar Quinze jours sans un puits ni pâturage, tous les oiseaux de l'air Tombant soudain et morts sous les hautes cendres des terrasses. Pas un rite d'enfant en fleur, sa main dans ma main fraîche Pas un sein maternel, des jambes de nylon. Des jambes et des seins sans sueur ni odeur. Pas un mot tendre en l'absence de lèvres, rien que des cœurs artificiels payés en monnaie forte Et pas un livre où lire la sagesse. La palette du peintre fleurit des cristaux de corail. Nuits d'insomnie ô nuits de Manhattan! si agitées de feux follets, tandis que les klaxons hurlent des heures vides Et que les eaux obscures charrient des amours hygiéniques, tels des fleuves en crue des cadavres d'enfants.
IlI New-York! je dis New-York, laisse affluer le sang noir dans ton sang Qu'il dérouille tes articulations d'acier, comme une huile de vie Qu'il donne à tes ponts la courbe des croupes et la souplesse des lianes. Voici revenir les temps très anciens, l'unité retrouvée la réconciliation du Lion du Taureau et de l'Arbre L'idée liée à l'acte l'oreille au cour le signe au sens. Voilà tes fleuves bruissants de caimans musqués et de lamantins aux yeux de mirages. Et nul besoin d'inventer les Sirènes. Mais il suffit d'ouvrir les yeux à l'arc-en-ciel d'Avril Et les oreilles, surtout les oreilles à Dieu qui d'un rire de saxophone créa le ciel et la terre en six jours. Et le septième jour, il dormit du grand sommeil nègre.
Als Dichter begründete Léopold Sédar Senghor zusammen mit Aimé Césaire und anderen das Konzept der „Négritude“, laut Verlagswerbung „der politischen und geistigen Einigkeitsbewegung aller Afrikaner, die Sartre als »eine liebevolle Einstellung zur Welt« definiert. »Négritude«, wie Senghor und Césaire sie begreifen, ist der Versuch, die Werte afrikanischer Kultur zusammenzufassen und dem Schwarzen Afrika Selbstvertrauen und Selbstbewußtsein zurückzugeben.“
Orhan Veli Kanık
(* 13. April 1914 in Istanbul; † 14. November 1950 ebenda)
Geschwänztes Gedicht. WIR PASSEN nicht zusammen, verschieden sind unsere Wege. Du Fleischerskatze und ich Straßenkatze. Dein Futter im verzinnten Napf, Meins in des Löwen Rachen. Du träumst von Liebe, und von Knochen ich. Aber dein Los ist auch nicht grad leicht, lieber Bruder! Leicht ist's ja doch nicht, Den lieben langen Tag nur mit dem Schwanz zu wedeln!
Antwort der Fleischerskatze an die Straßenkatze. DU SPRICHST von Hungrigsein. Das heißt, du bist Kommunist. Das heißt, du bist's, der alle Häuser ansteckt – Du, die in Istanbul Du, die in Ankara ... Was bist du doch für'n Schwein, du!
Deutsch von Annemarie Schimmel, aus: Aus dem goldenen Becher. Türkische Gedichte aus sieben Jahrhunderten. Köln: Önel-Verlag, 1993, S. 204f
Papenfußserie #6. 1992 erschien erstmals ein Band von Papenfuß in Gerhard Wolfs neuem Verlag janus press (in Zusammenarbeit mit BasisDruck Berlin). Sein Titel war LED SAUDAUS, er enthielt die zwei Zyklen notdichtung (1988) und karrendichtung (1990). Ein Klappentext des Verlegers spricht von „german graffitis in einer unerwarteten Zeit-Dichtung, wie man sie bisher nicht kannte“.
Notdichtung wird in einem Untertitel „eine weitere säule des gesangs“ genannt – der junge Dichter zeichnet sich selbstbewusst-selbstironisch eine historische Dimension. Weiter enthält die Titelseite des Zyklus ein Mottogedicht und eine Unterzeile, die quasi poetischen Standort und Zeit benennt: „ation-aganda-aranyakas, samain 1988“. Die Wörter kannte man aus früheren Veröffentlichungen oder würde sie später wiederfinden. Hier ein Gedicht aus „notdichtung“.
Bert Papenfuß
(* 11. Januar 1956 in Stavenhagen; † 26. August 2023] in Berlin)
die verscheißerung von gesamteuropa unter der last einer kinderschar der machenschaften der scharfmache einer sexualität in expertenhänden sich aufplusternder superstrukturen allzu hinlänglicher hangschultern kleiner diebe von körpersäften von toteis, von totmannknopf & eines so weiter, das rädert mit hilfe jedoch unserer freunde lockstoffe, fängigster lebendköder blinkendsten zuckens, das sprießt des uns über gebühren gebührenden des selbsterlesenen selbsterlegten des schnees, des schauers & des grauens all der senge, die wir beziehen mögen & des letzten, was uns übrigbleibt denn es muß uns doch gelingen kernbrennstäben, glut & brut blühendem kriege, feuer & blut sturen strukturen mit vollem spaß einen garaus zu garantieren der jedem dachdecker droht eine ruhe einzurühren, die umhaut & eine sinngebung herbeizusinnen aus dem vollen – in die vollen
Aus: Bert Papenfuß, LED SAUDAUS notdichtung. karrendichtung. Berlin: janus press, 1991, S. 26
Horst Bingel
(* 6. Oktober 1933 in Korbach; † 14. April 2008 in Frankfurt am Main)
Schwanengesang Das Leben, die Dichter, das Ende stets in Bronze, der Traum vom Kuß der Haselnuß, eine Girlande im Wind, das Leben, die Dichter, ewig, und doch, der letzte Kuß, das Denkmal, ein Taubenklo.
Aus: Versnetze. Das große Buch der neuen deutschen Lyrik. Herausgegeben von Axel Kutsch. Verlag Ralf Liebe, Weilerswist 2008, S. 241
Der saarländische Lyriker Johannes Kühn starb am 3. Oktober im Alter von 89 Jahren. Hier ein Gedicht aus seinem Band „Ganz ungetröstet bin ich nicht“ von 2007.
DORFVERÄNDERUNG Wiedersehn mit dem alten Freund halt ich, der kann erzählen wie ein Brunnen, doch ich täusch mich, denn er klagt, als sei ich zu beschuldigen, fragt, wo die alten Kirschbäume hingekommen sind, und der alte Landweg mit braven Kieselsteinchen wurde schwarz aus Teer. Der verrohrte Bach schickt kein Murmeln mehr. Vögel sind ausgewandert, Gärten eingeebnet zu einem Platz für parkende Wagen. Ja, was hat er denn, so sieht es heut aus! Firmen mit vielen Arbeitern wirkten hier. Meint er, daß diese Flur, die verschwand, mir gehört, mir unterstanden hat? Ich bin kein Bürgermeister, ich ging durchs Dorf wohl früher auch beseligt hin. Stehn ließ ich den Freund. Unschuldig bin ich. Lang schon trag ich den Hut des Verlachten.
Aus: Johannes Kühn, Ganz ungetröstet bin ich nicht. Gedichte. Hrsg. Irmgard und Benno Rech. München: Hanser, 2007, S. 57.
Peter Wawerzinek
Testament Ich möchte keinen Menschen kennen der mir ein Grab schaufelt. Ich will dass der Totengräber auf Magma trifft. Ich möchte nicht dass eine Frau nach meinem Abgang mein Bett macht. Ihren Pinscher hineinlebt. Im Alter möchte ich keine Anerkennung. Niemanden an meinem Grab sehen. Ich will keine Ehrenloge. Keinen Platz neben besseren Toten. Jahre in einem Hemd immer eine Jeans woher der Mantel stammt vergessen. Rotkohl und Stampfkartoffeln. An Jubeltagen laute Gesänge und Zähneknirschen. Wie Nebel so dick das Gebrüll der Lautsprecher. Wer hörte die alte Frau im Hausflur Böses reden. Der Glanz ihrer Haare. Erinnerte an Rauch.
Aus: Peter Wawerzinek: Die letzte Buchung. Gedichte. Hrsg. Urs Engeler und Christian Filips. Magdeburg, Berlin u. Schupfart, September 2023, S. 64
Papenfußserie #5. Noch ein Buch aus dem Jahr 1990.
Bert Papenfuß
(* 11. Januar 1956 in Stavenhagen; † 26. August 2023] in Berlin)
w i s s e n & m a c h t ich weiß daß du weißt daß ich weiß daß du nicht weißt & zwar weder ein noch aus – ach, mach dir nichts draus du weißt daß ich weiß daß du weißt daß ich nicht weiß & zwar weder ein noch aus – das macht mir nichts aus weißt du »was weiß ich« daß wir wissen daß wir nicht wissen & zwar weder ein noch aus – wie man's macht, macht man's
Aus: Vorwärts im Zorn. Mit Grafiken von Strawalde. Berlin: Aufbau Verlag 1990, S. 53
Sabahettin Kudret Aksal
(* 25. April 1920 Istanbul, † 19. April 1993)
Der Gast. ES SCHELLTE Herein kam der Kirschbaum.
Aus dem Türkischen von Annemarie Schimmel, aus: Aus dem goldenen Becher. Türkische Gedichte aus sieben Jahrhunderten. Köln:Önel, 1993, S. 216
AI sagt dazu:
„The poem is short and concise. The use of imagery with the arrival of the cherry tree creates a vivid and intriguing scene. The translation by Annemarie Schimmel maintains the essence of the original Turkish poem. Well done!“
Konrad Bayer
(* 17. Dezember 1932 in Wien; † 10. Oktober 1964 ebenda)
marie dein liebster wartet schon marie dein liebster wartet schon mit einer stange von beton in seiner guten sanften hand im haar trägt er ein seidenband er schlägt den prügel dir ums ohr da spritzt das blut gar hell empor dein neuer hut er ging entzwei ihm war das alles einerlei warum geht er so eilends fort warum spricht er kein einzig wort was hat den knaben so bewegt dass er dich einfach niederschlägt er war so still er war so zart sein kinn war weich und unbehaart wer hätte das von ihm gedacht marie er hat dich umgebracht hat grausam dir und ohne grund zerschlagen deinen rosenmund nun liegst du hier und kannst nicht fort die strasse ist ein schlimmer ort zu sterben denn es schickt sich nicht dass man im freien augen bricht warum ist diese welt so schlecht warum war er so ungerecht
Aus: Konrad Bayer, Sämtliche Werke. Hrsg. Gerhard Rühm. Überarb. Neuausgabe 1996. Wien: ÖBV–Kledtt-Cotta, 1996, S. 95
Dschalāl ad-Dīn Muhammad Rūmī – kurz Rumi genannt
(geboren am 30. September 1207 in Balch, heute in Afghanistan, oder Wachsch bei Qurghonteppa, heute in Tadschikistan; gestorben am 17. Dezember 1273 in Konya, Türkei)
Aus dem Masnawī
Ein Dichter trug dem Schah einst ein Gedicht vor,
auf Würden, Rang und Ehrenkleider hoffend.
Der edle Schah ließ tausend goldne Münzen
ihm geben und 'ne Fülle an Geschenken.
Da sagte der Wesir: »Das ist zu wenig.
Gib ihm zehntausend, dann geh er getrost!
Bezeugt ein Dichter Geist, dann sind zehntausend
von dir, du Meer der Fülle, doch sehr wenig!«
(...)
Nach ein paar Jahren steckte dieser Dichter
in Not, es fehlte ihm das täglich Brot.
Er sprach: » Wenn Armut kommt und Mangel, sucht man
am besten dort, wo man's bereits versucht hat.
Am Hof, der mir so große Gunst gewährte,
trag ich erneut nun mein Ersuchen vor.«
(...) Der Dichter kam des Wegs,
verschuldet und enorm des Golds bedürftig.
Er brachte das Gedicht dem Schah und hoffte
auf solche Gaben wie im Jahr zuvor,
ein liebliches Gedicht voll echter Perlen,
verfasst in Hoffnung auf die frühre Gunst.
Der König ließ ihm tausend Dinar geben,
denn das war die Gewohnheit dieses Schahs.
Doch diesmal war der wohlgesonnene Wesir
vom Diesseits glorreich abgereist;
an seiner statt amtierte nun ein neuer,
der äußerst gnadenlos und geizig war.
Der sprach: »Oh Schah, wir haben hohe Kosten,
für einen Dichter ziemt sich dies Geschenk nicht.
Mit einem Vierzigstel davon kann ich
den Dichter glücklich und zufrieden machen.«
Aus dem Persischen von Otto Höschle, aus: Rūmī, Masnawī. Gesamtausgabe in zwei Bänden. 2. Band, Xanten: Chalice, 2021, V. 1156-1213
Heute vor 50 Jahren starb der Dichter W. H. Auden. Hier aus seinem Gedicht zum Gedenken an den irischen Dichter W. B. Yeats (deutsche Fassung von Ernst Jandl).
Wystan Hugh Auden
(* 21. Februar 1907 in York; † 29. September 1973 in Wien)
In Memory of W. B. Yeats (D. Jan. 1939) 2 You were silly like us; your gift survived it all: The parish of rich women, physical decay, Yourself. Mad Ireland hurt you into poetry. Now Ireland has her madness and her weather still, For poetry makes nothing happen: it survives In the valley of its making where executives Would never want to tamper, flows on south From ranches of isolation and the busy griefs, Raw towns that we believe and die in; it survives, A way of happening, a mouth.
Du warst albern wie wir; deine Gabe überdauerte alles: Die Gemeinde reicher Frauen, körperlichen Verfall, Dich selbst. Narr Irland quälte dich zur Dichtung. Irlands Narrheit und Wetter bestehen weiter, Denn Dichtung bewirkt nichts: sie überdauert Im Tal ihrer Erzeugung, wo die Exekutive Ihre Finger einzieht, fließt nach Süden weiter Von Gehöften der Isolation und des emsigen Kummers, Rauhen Dörfern, wo wir glauben und sterben; sie überdauert, Eine Art Zufall, einen Mund.
Aus: Poesie der Welt. England. Auswahl Walter Schmiele. Frankfurt/Main, Berlin, Wien: Ullstein, 1985, S. 302f
Sophie Reyer
: Weißt du noch wir Hand in Hand als wir beim Drachensteigen in den Landschaften unserer Kindheiten damals keiner geht über dieselbe Wiese zurück
Aus: Meine unverletzlichen Blätter
Cyrus Atabay (* 6. September 1929 in Teheran; † 26. Januar 1996 in München) war ein Neffe des Schahs von Persien, der in Deutschland und der Schweiz ausgebildet wurde, seine Muttersprache verlernte und ein deutscher Dichter wurde.
Ab 1952 studierte Atabay Germanistik in München. Seit Anfang der 1960er Jahre lebte er abwechselnd in Teheran und London, wo er 1978 – als Neffe von Schah Mohammad Reza Pahlavi durch die Islamische Revolution staatenlos geworden – Asyl erhielt. Die deutschen Behörden lehnten es ab, Atabay ein Visum auszustellen. In London pflegte Atabay eine Freundschaft mit Elias Canetti. Erst 1983 konnte Atabay nach München zurückkommen.
https://de.wikipedia.org/wiki/Cyrus_Atabay
Schach Die Türme fielen in Feindes Hand, meine Bauern habe ich verloren, weise mich nicht aus deinem Land: ich bringe dir die Gaben eines Mohren. Zum Henker mit den Königinnen, die schmieden nur Ränke und Lug, ohne Mann und Roß stehe ich vor deinen Zinnen, ein armer König–: du bist am Zug.
Aus: Cyrus Atabay, Gedichte. Frankfurt/Main und Leipzig: Insel, 1991, S. 33
Franz Daniel Pastorius oder Francis Daniel Pastorius war ein deutscher Dichter in Nordamerika, der einzige deutschsprachige Barockdichter jener Breiten. Eigentlich ein mehrsprachiger Dichter, der Deutsch, Englisch und Niederländisch schrieb, oft gemischt und mit lateinischen Zitaten durchsetzt.
Die Allgemeine Deutsche Biographie (Band 25 / 1887) schreibt über ihn:
Pastorius: Franz Daniel P. wurde am 26. September 1651 zu Sommerhausen im bairischen Unterfranken geboren, machte seine Studien in Straßburg, Basel und Jena und wanderte 1683 als Bevollmächtigter der Frankfurter Gesellschaft nach Amerika aus. Hier gründete er die erste deutsche Ansiedelung in Germantown, die jetzt einen Theil von Philadelphia bildet, und entwickelte hier als Richter, Bürgermeister und Lehrer bis zu seinem am 27. September 1719 erfolgten Tode eine außerordentliche Thätigkeit. Daneben war er litterarisch äußerst fruchtbar; seine Schriften sind nicht alle erhalten, doch lassen sich 43 Werke, meist gemeinnützigen Inhalts, Reisebeschreibungen etc. nachweisen. Als Dichter machte er sich bekannt durch seine „Deliciae hortenses. Eine Sammlung deutscher epigrammatischer Gedichte“ (1710).
Franz Brümmer.
Hier eins seiner englischen Gedichte, das auf Diskussionen in sozialen Netzwerken deutscher Dichter im 21. Jahrhundert immer noch passt.
John Samuel and Henry Pastorius. Concerning the next foregoing Leaves, which contain some of my rhytmical Fancies I would not have you spend any time in the Imitating thereof. For as to Poesie I give you the same Council, Ovidius Naso had given to him by his Father: Saepe Pater dixit—Studium quid inutile tentas? Moeonides nullas ipse reliquit Opes.* From Poëtry Poverty in all ages arose, Therefore my Children content you with Prose, Or at least, Let Meeter-making not be your Profession, but Recreation, Not only because Poëts seldom die rich, but also because that he is twice an Ass that is a Riming one; and that I never knew none, who was not a Lover of strong Liquor. Poëtae Potum, amant & sua Pocla Camoenae, Faecundi Calices quem „non fecere disertum? Horat. &c. Evacuare Scyphos nostri potuere Parentes, Possumus & nostros evacuare Scyphos.** &c &c. And if these Sheets should happen to fall into any other mans hand, I say no more but Read Reader, read judiciously, Shun implicit Credulity; Prove first and then approve the good, Judge not of things not understood. Job 34:3; 1 Thess. 5:2[1].“
Übersetzung von DeepL (von mir nur wenig korrigiert):
* ) “Vater sagte oft: welche unnützen Studien treibst du? Selbst Moeonides [Spitzname Homers] hat keine Reichtümer hinterlassen.“
**) Die Dichter lieben das Getränk und die Musen ihre Pokale, denn wen haben die Pokale noch nicht beredt gemacht? Horaz &c. (…)
Was die nächsten vorstehenden Blätter betrifft, die einige meiner
rhythmischen Phantasien enthalten, möchte ich nicht, dass Ihr Zeit damit verbringt,
dieselben nachzuahmen. Denn was die Poesie betrifft, gebe ich Euch
denselben Rat, den Ovidius Naso von seinem Vater erhalten hatte:
Saepe Pater dixit-Studium quid inutile tentas?
Moeonides nullas ipse reliquit Opes.*
Aus der Poesie ist die Armut zu allen Zeiten entstanden,
Drum, meine Kinder, begnügt euch mit Prosa,
Oder lasst wenigstens die Dichterei nicht zu eurem Beruf, sondern zu eurem Zeitvertreib werden,
Nicht nur, weil Dichter selten reich sterben, sondern auch, weil derjenige
doppelt Esel ist, der sich reimt; und dass ich nie einen gekannt
der nicht ein Liebhaber des starken Branntweins war.
Poëtae Potum, amant & sua Pocla Camoenae, Faecundi Calices quem
"non fecere disertum? Horat. &c.
Evacuare Scyphos nostri potuere Parentes, Possumus & nostros
evacuare Scyphos.* &c &c.
Und wenn diese Blätter zufällig in die Hand eines anderen Menschen fallen sollten,
so sage ich nichts weiter als
Lies, Leser, lies mit Verstand,
Meide unbedingte Leichtgläubigkeit;
Prüfe erst und billige dann das Gute,
Richtet nicht über Dinge, die ihr nicht versteht.
Hiob 34:3; 1 Thess. 5:2[1]."
Übersetzt mit www.DeepL.com/Translator (kostenlose Version)
Aus: The Francis Daniel Pastorius Reader. Writings by an Early American Polymath. Patrick Erben, Alfred Brophy, Margo Lambert. Pennsylvania State University Press 2020
Neueste Kommentare