Nichts das dir gehört

Eduard Escoffet

(Geboren 1979, katalanischer Lyriker und Performancekünstler)

der bahnhof

es gibt nichts, das dir gehört. 
es gibt weder licht noch gibt es dunkelheit. 
es gibt weder eingrenzung noch schwerkraft. 
es gibt nichts außerhalb deiner wahrnehmung. 
es gibt weder himmelszelt noch ein schlichtes plasma. 
es gibt niemand, der die richtige information hat. 
es gibt niemand, der so viele stunden zu verlieren hat. 
es gibt kein isoliertes teilchen, das so viele theorie-artikel begründen kann. 
es gibt keinen tanz, der dich überlebt.
es gibt keine verlorenen oder abhanden gekommene stunden. 
es gibt keine verfügbaren plätze.
es gibt keine zu zahlenden rechnungen, nur lästige leute.
es gibt keine bestimmten artikel für so viel wirklichkeit – dies derart
                                                  nicht-existierende ding.
es gibt keine gleiche wiederholung, es gibt keinen blick, der dem widersteht. 
es gibt kein licht und es gibt keine dunkelheit. 
es gibt nichts außerhalb deiner enttäuschung 
es gibt kein außen und kein danach.
es gibt nichts, das dich denken lässt, dass das hier nicht weitergeht.
es gibt auch keine auswege.
es gibt nicht den ausdruck auch nicht.
es gibt niemand, der bereit ist, dir zu sagen, dass das licht, falls es das
                  gibt, nicht stinkt, aber trotzdem ebenfalls verwest.
es gibt keine kehre des gedichts, die einen wechsel der landschaft ankündigt. 
es gibt nicht eine kraft, die dich anschiebt. 
es gibt nicht eine stimme, die aus dir herauskommt. 
es gibt nicht einen satz, der so sehr dein und so bestimmt ist, dass er
                                             schatten gibt und licht.
es gibt nicht viel mehr als einen rollstuhl.
es gibt niemand hier, der gemerkt hätte, dass robert watt schweine zählt am
                                                        ende dieses verses.
es gibt niemand, der bereit wäre, dir zu sagen, dass jetzt noch eine kehre kommt. 
es gibt niemand, der daran gedacht hat.
es gibt keine handlungsweise und es gibt keinen handel. 
es gibt weder haus noch wege.
es gibt nicht einmal zufall; bestenfalls, großzügig ausgelegt, atem. 
es gibt keine gewissheit darüber, was die luft spürt, wenn sie unser fleisch
                             durchdringt.
es gibt keine traurige seele, die sagen kann, ohne sich vom wirklichen zu
                             entfernen.
es gibt nichts, das dir gehört
und es gibt nichts, das den nächsten bahnhof ankündigt. 
es gibt nichts. auch keinen bahnhof. auch nicht das, was – jetzt gerade –
                             in deinem kopf schwebt.
l'estacio

no hi ha res que et pertanyi.
no hi ha llum ni hi ha foscor. 
no hi ha contenció ni gravetat.
no hi ha res fora de la teva percepció.
no hi ha ni volta celeste o un simple plasma. 
no hi ha ningú que tingui la informació correcta.
no hi ha ningú amb tantes hores per perdre.
no hi ha cap partícula segregada que pugui sostenir tants articles teòrics.
no hi ha cap dansa que et sobrevisqui.
no hi ha hores perdudes o extraviades.
no hi ha places disponibles.
no hi ha rebuts per pagar, només gent pesada.
no hi ha articles determinats per a tanta realitat — allò tan inexistent.
no hi ha cap repetició igual, no hi ha mirada que s'hi resisteixi.
no hi ha llum ni hi ha foscor.
no hi ha res fora de la teva decepció.
no hi ha cap fora ni cap després.
no hi ha res que et faci pensar que això no continuarà.
no hi ha tampoc escapatòria.
no hi ha la paraula tampoc.
no hi ha ningú disposat a dir-te que la llum, si n'hi ha, no put però tanmateix
                                           es descompon, també.
no hi ha cap revolt del poema que anunciï un canvi de paisatge.
no hi ha una força que t'empeny.
no hi ha una veu que surt de tu.
no hi ha una frase tan teva i tan ferma que fa ombra i fa llum.
no hi ha gaire més que una cadira de rodes.
no hi ha ningú, aquí, que s'hagi adonat que robert watt compta marrans 
                                           al final d'aquest vers.
no hi ha ningú disposat a dir-te que ara ve un altre revolt.
no hi ha ningú que hi hagi pensat. 
no hi ha gerència i no hi ha agència.
no hi ha casa ni camins.
no hi ha ni atzar; potser alè, a tot estirar.
no hi ha cap constància del que sent l'aire quan ens travessa la carn. 
no hi ha cap ànima trista que pugui dir sense allunyar-se del real.
no hi ha res que et pertanyi 
i no hi ha res que anunciï la pròxima estació.
no hi ha res. ni estació. ni això que sura —ara mateix— en el teu cap.

Aus dem Katalanischen von Àxel Sanjosé. Aus: Park. Zeitschrift für neue Literatur. Heft 75, November 2023, S. 78-81 (aus einem Abschnitt: Gegenwartslyrik aus Katalonien).

Nicht im Gedicht!

Thomas Luthardt

(* 15. August 1950 in Potsdam)

Mitteldeutsches Lektoratsgespräch

Ein Gedicht, erfahre ich, 
Ist der Ort nicht, Samen zu verspritzen, 
Zu sprechen von harten Dingen ...
Die nimmt man(n) nicht in den Mund, 
Geschweige einen Vers!
Wir, heulen die Getroffenen, 
Waschen unsere Scham in Unschuld!
Wer dem, der hellsten Verses 
Feiert seine reine Geilheit 
Ein Gramm Papier gewährt, 
Soll das Geschlecht vertrocknen –
Das walte der Verlag

Aus: Poesiealbum 378. Thomas Luthardt. Auswahl von Axel Schock. Wilhelmshorst: Märkischer Verlag, 2023, S. 15

Klagen für die Gefallenen

Jehuda Amichai 

(hebräisch יְהוּדָה עַמִּיחַי Jəhūdah ʿAmmīchaj; * 3. Mai 1924 in Würzburg; † 22. September 2000 in Jerusalem; eigentlich Ludwig Pfeuffer, 1946 Namensänderung zu Amichai, hebr. „Mein Volk lebt“)

Sieben Klagen für die Gefallenen

4

Ich stieß auf ein altes Zoologiebuch, 
Brehm, Band II, Vögel:
In süßer Sprache eine Beschreibung vom Leben der Stare,
    Drosseln und Schwalben.
Mit Fehlern, aber mit viel Liebe, stand in alten gotischen
    Lettern:
»Unsere gefiederten Freunde« wandern von uns in wärmere
    Länder. Nest,
gesprenkeltes Ei, dünnes Federkleid, Nachtigall, 
Storch, »Boten des Frühlings«, Rotkehlchen.

Erscheinungsjahr: 1913, Deutschland, 
am Vorabend des Krieges, der Vorabend meiner Kriege war.
Mein guter Freund, der in meinen Armen starb, 
in seinem Blut, am Strand von Ashdod im Juni 1948.

O mein Freund,
Rotkehlchen.
5

Dicky wurde getroffen 
wie der Wasserturm von Jad Mordechai.
Getroffen. Ein Loch im Bauch. Alles 
kam herausgeflossen.

Aber er blieb so stehen 
in der Landschaft meines Erinnerns, 
wie der Wasserturm von Jad Mordechai.

Er fiel nicht weit von hier, 
ein bisschen nördlich von Chuleikat.

Aus: Jehuda Amichai: Gedichte. Hrsg. u. aus dem Hebräischen übersetzt von Hans D. Amadé Esperer. Würzburg: Königshausen & Neumann, 2018, S. 53f

Wie bin ich vorgespannt

Albert Ehrenstein 

(* 23. Dezember 1886 in Ottakring, Österreich-Ungarn; † 8. April 1950 in New York) 

Leid

Wie bin ich vorgespannt 
den Kohlenwagen meiner Trauer! 
Widrig wie eine Spinne 
bekriecht mich die Zeit. 
Fällt mein Haar, 
ergraut mein Haupt zum Feld, 
darüber der letzte 
Schnitter sichelt. 
Schlaf umdunkelt mein Gebein. 
Im Traum schon starb ich, 
Gras schoß aus meinem Schädel, 
aus schwarzer Erde war mein Kopf.

Aus: Versensporn 55. Albert Ehrenstein. Jena: Edition Poesie schmeckt gut, 2023, S. 8.

Der Wille zum Gedicht

Papenfußserie #7. Nach tiské (1991) erschien mit nunft ein zweites (und letztes) Buch von Bert Papenfuß beim Göttinger Steidl-Verlag. Es sind eigentlich zwei Bücher: Während auf etwa 70 Seiten Gedichte und Zeichnungen aufeinander folgen, stehen am unteren Rand in gedrängtem Layout weitere 26 römisch nummerierte Texte, die nur teilweise von Papenfuß sind. Text I zum Beispiel beginnt flott daktylisch so: „Hurtig ihr Lendiger, hurtig ihr Brüder / die ihr viel Jahre in eurem Geflieder / habt viel Gallen und manches Gefahr / emsig durchstromt bey Paßgehender Schaar.“ Es ist ein Gedicht von Wenzel Scherffer von 1657, gemischt „Teutsch“ mit „Feld- oder Rotwälsch“.

Das „eigentliche“ Buch besteht aus drei Zyklen, noxe, pathognosis und nunft. Hier ein kurzes Gedicht aus dem mittleren Zyklus.

Bert Papenfuß

(* 11. Januar 1956 in Stavenhagen; † 26. August 2023] in Berlin) 

DER WILLE ZUM GEDICHT bricht 
sich bahn, 
              kollege kommt gleich
zu den waffen

ergossend ersah ich 
zartsächlichkeit im tümeleitaumel

sexlichkeit ist eine zier

         ich schreibe so laut ich kann 
     aber es ist dunkel
& mich labt angst

Aus: Bert Papenfuß-Gorek, NUNFT. FKK / IM. endart . novemberklub. Göttingen: Steidl, 1992, S. 29

Dem Buch liegt eine CD bei mit den 26 Neben- oder Untertexten, gesungen vom „Novemberklub (Musikalischer Arm der LAF)“.

Andre werden jeden Tag gedruckt

Theodor Kramer 

(* 1. Januar 1897 in Niederhollabrunn, Österreich-Ungarn; † 3. April 1958 in Wien)

Andre

Mählich wird's im kahlen Zimmer trüber, 
und in meinen Knochen nagt der Fraß; 
andre gehen draußen rasch vorüber, 
andre liegen im betauten Gras.

Wüst im Spiegel bin ich anzuschauen 
und die Winkel schneiden scharf sich ein; 
andre scherzen im Café mit Frauen, 
andre trinken ihren Stutzen Wein.

Sparsam füg ich in beschwingte Zeilen, 
was durch mich bis an mein Ende zuckt; 
andre können lang im Wort verweilen, 
andre werden jeden Tag gedruckt.

Aus: Theodor Kramer, Gesammelte Gedichte, Bd. 3. Hrsg. Erwin Chvojka. Wien: Europa Verlag, 1987, S. 518

Wahrheit, Lüge

Luis Cernuda

(* 21. September 1902 in Sevilla; † 5. November 1963, heute vor 60 Jahren, in Mexiko-City)

Laßt mich einsam

Eine Wahrheit ist aschenfarben, 
Die andere Wahrheit planetenfarben, 
Alle Wahrheiten aber, vom Erd- zum Himmelsgrund, 
Haben ohne Wahrheitsfarbe keinen Wahrheitswert, 
Wahrheit, die nicht weiß, wie der Mensch dazu neigt, sich 
             zu verwirklichen im Schnee.

Was die Lüge angeht, so genügt es zu sagen „Ich liebe", 
Und schon sprießt zwischen den Steinen 
Ihre Blume auf, die anstelle der Blätter Küsse leuchten läßt, 
Dornen anstelle von Dornen.

Wahrheit, Lüge, 
Zwei Lippen, blau, 
Die eine spricht, die andere spricht, 
Nie aber geben Wahrheit und Lüge ihr gewundenes 
             Geheimnis preis;
Wahrheit wie Lügen
Sind Vögel, die fortziehn, wenn die Augen sterben.

Aus dem Spanischen von Erich Arendt (einige Nachdichtungen entstanden mit Hilfe von Katja Hayek-Arendt), aus: Luis Cernuda, Das Wirkliche und das Verlangen. Gedichte. Leipzig: Reclam, 1978, S. 45

Dejadme solo

Una verdad es color de ceniza, 
Otra verdad es color de planeta:
Mas todas las verdades, desde el suelo hasta el suelo, 
No valen la verdad sin color de verdades,
La verdad ignorante de cómo el hombre suele encarnarse
            en la nieve.

En cuanto a la mentira, basta decirle «quiero»
Para que brote entre las piedras
Su flor, que en vez de hojas luce besos,
Espinas en lugar de espinas.

La verdad, la mentira, 
Como labios azules, 
Una dice, otra dice;
Pero nunca pronuncian verdades o mentiras su secreto torcido;
Verdades o mentiras
Son pájaros que emigran cuando los ojos mueren.

Ebd. S. 44

die ganze Welt in süßen Kuchen

Jehuda Amichai 

(hebräisch יְהוּדָה עַמִּיחַי)

(* 3. Mai 1924 in Würzburg; † 22. September 2000 in Jerusalem)

Meine Mutter buk mir die ganze Welt

Meine Mutter buk mir die ganze Welt 
in süßen Kuchen.
Meine Geliebte füllte mein Fenster 
mit Sternrosinen.
Und die Sehnsucht ist in mir eingeschlossen 
wie Luftblasen in einem Brotlaib.
Außen bin ich glatt und still und braun.
Die Welt liebt mich.
Doch mein Haar ist traurig wie das Schilf 
in einem ausgetrockneten Sumpf –
alle seltenen, schön gefiederten Vögel 
fliehen vor mir.

Aus dem Hebräischen von Lydia Böhmer und Paulus Böhmer, aus: Im Grunde wäre ich lieber Gedicht. Drei Jahrzehnte Poesie. Hrsg. Michael Krüger und Holger Pils. München: Hanser. Lyrik Kabinett. 2019, S. 115

Es muß nicht stimmen

Kornelia Koepsell

ES MUSS NICHT STIMMEN

Es muß nicht stimmen, daß die festliche Fülle verging, 
es muß nicht stimmen, daß niemand 
die Wolkenschrift liest.

Es muß nicht stimmen, daß der Vogel die Flügel nicht hob.
Es muß nicht stimmen, daß die Tiefe 
des Himmels alles verschlingt.

Es muß nicht stimmen, daß nichts mehr stimmt.
Daß die Unwirtlichkeit nie wieder 
eine Wunderquelle hervorbringt.

Aus: Sinn und Form 6/2023, S. 766

Bleistift im Mund

Adam Zagajewski 

(* 21. Juni 1945 in Lemberg/Lwiw, Ukrainische SSR; † 21. März 2021 in Krakau) 

Bleistift

Die Engel haben keine Zeit mehr für uns; 
sie arbeiten jetzt für künftige Generationen – 
über Schulhefte gebeugt, 
schreiben und radieren sie, korrigieren 
die komplizierten Muster 
des nahenden Glücks, 
im Mund haben sie 
einen dicken gelben Bleistift – 
wie Kinder in der ersten Stunde, 
unter den Augen der Lehrerin, 
die sanft lächelt.

Aus dem Polnischen von Karl Dedecius, aus: Poesiealbum 377. Adam Zagajewski. Wilhelmshorst: Märkischer Verlag, 2023, S. 31

Nachtmünzen

Wind, der nicht aufhört
                    Für Gábor Hajnal

Wieder schaufelt er Sterne, 
Nachtmünzen, für die keiner ein Brot gibt, 
Sterntaler, die wir schuldig bleiben.

Augensterne, unzählig erstarrte, 
herzzerreißende Judensterne ...
Und die Finsternis hat's nicht begriffen.

Aus: Poesiealbum 380. Christine Busta. Auswahl Jürgen Israel. Wilhelmshorst: Märkischer Verlag, 2023, S. 13

Worte

Zahava Khalfa

Geboren 1974 in Alma in Nordisrael, lebt in Berlin

WORTE

Du schaffst es nicht immer, deine Lippen zusammenzuhalten.
Um sie mit Zunge und Zähnen festzuhalten.
Manchmal, ohne dass du es bemerkst, entschlüpft dir
                           ein Wort.
Wie ein schwarzer Eisenblock fliegt es im Bogen.
Und bombardiert.
Dann beißt du dir auf die Lippen.
Die Zähne halten die Reste fest.
Und in den Augen siehst du die Ruinen.
Von den Worten.

Ins Deutsche übertragen von Adrian Kasnitz, aus: Was es bedeuten soll. Neue hebräische Dichtung in Deutschland. Hrsg. u. aus dem Hebräischen übersetzt von Gundula Schiffer und Adrian Kasnitz. Köln: Parasitenpresse, 2019, S. 53

Auschwitz

AUSCHWITZ


Fressen unsre Leichen Raben? Müssen wir vernichtet sein?
Sag, wo werd ich einst begraben –
Herr, ich will nur Freiheit haben, Und der Heimat Sonnenschein.

Ruth Klüger

(geboren am 30. Oktober 1931 in Wien; gestorben am 5. Oktober 2020 in Irvine, Kalifornien)

Ruth Klüger schrieb dieses Gedicht 1944, mit 13 Jahren, im Konzentrationslager Auschwitz.

Aus: Michael Moll/Barbara Weiler (Hrsg.): Lyrik gegen das Vergessen. Gedichte aus Konzentrationslagern. Marburg: Schüren, 1991, S. 131

balladesk

Stefan Schmitzer

Aus: ballade vom trendscout

1
darum geht es, nichtwahr, anschluss 
finden, das wort zischt, schmeckt 
wie auf diesen gelagen der wein, also anschluss

also der leib das territorium die sehn 
sucht rape me my friend also so zwischen blick 
und welt und da geht es drum an die diskurse sich 
anzuschließen die sounds und die mode-
klitzekleinigkeiten damit man was mitkriegt nicht starr 
wird im schädel nicht altert potenz

         ***

wäre auch so n wort also 
anschluss der körper als ein surrogat 
für ein sudetenland oder so eine ostmark für den 
war dog im hinterkopf dieser traumfigur also 
an die wand projiziert vorgestern nacht
da lagen wir

in einem ganz anderen krieg die fronten 
zu begradigen einander näherzubringen also
dieses ganze vokabular der vereinzelung 
und so einsam sind wir denn doch nicht stehen alle 
jeder für sich an einem der fenster 
und schauen runter oder

         ***

gehen rauf aufs dach so 
treppenhaus fünfzehnstöckig flachdach tiefliegende wolken 
wer warst du damals nochmal wer war ich also 
schaust runter zigarette barbourjacket sonnenbrille hast einen
                                   überblick
und sagst das auch überblickst und fügst aber hinzu selbst das
                                   hier pose

Aus: Stefan Schmitzer, zwei primitive balladen. Berlin: SuKuLTuR, 2010, S. 3f

Der Dichter in Verse gekleidet

Christian Morgenstern 

(* 6. Mai 1871 in München; † 31. März 1914 in Untermais, Tirol, Österreich-Ungarn)

DER DICHTER

Ein lang Gewand streng wallender Terzinen, 
des blauer Saum die Erde fast berührte,
umfloß den Dichter, wie er mir erschienen.

Die edlen Füße staken in Sonetten, 
indes das Band, das ihm die Stirne schnürte,
aus Epigrammen war, gleich goldnen Bienen,
die sich im Mondschein aneinanderketten.

So schritt er sanft und schürzte sein Ghasel,
gelassen, gleich dem stolzen Beduinen.
Ich barg mein Haupt am Rhythmus der Terzinen ... 
Fern graste der Gewöhnlichkeit Kamel.

Aus: Christian Morgenstern, Werke und Briefe. Kommentierte Ausgabe. Band II. Humoristische Lyrik. Herausgegeben von Maurice Cureau. Stuttgart: Urachhaus, 1990, S. 395.