Hermann Kesten
(* 28. Januar 1900 in Podwołoczyska, Königreich Galizien, Österreich-Ungarn; † 3. Mai 1996 in Basel, Schweiz)
Haiffa
Als ich das Heilige Land betrat,
Zog ich meine Schuhe nicht aus.
Gott ist überall zuhaus,
Sogar in Bayern und im Banat.
Die Esel des Heiligen Landes
Zeigen himmlische Geduld.
Die Juden sind schuld. Und die Araber sind schuld.
Sie zerreißen die Fetzen desselben Gewandes.
(1950)
Aus: Versensporn 34. Hermann Kesten. Jena: Edition Poesie schmeckt gut, 2018, S. 19
Stefan George
(* 12. Juli 1868 in Büdesheim, heute Stadtteil von Bingen am Rhein; † 4. Dezember 1933 in Locarno)
Wenn ich heut nicht deinen leib berühre
Wird der faden meiner seele reissen
Wie zu sehr gespannte sehne.
Liebe zeichen seien trauerflöre
Mir der leidet seit ich dir gehöre.
Richte ob mir solche qual gebühre ·
Kühlung sprenge mir dem fieberheissen
Der ich wankend draussen lehne.
Max Herrmann-Neiße
(* 23. Mai 1886 in Neiße, Schlesien; † 8. April 1941 in London)
Letzter Notschrei
Alle Dinge tun
meinem Kopfe weh:
Klappern am Buffet
und des Ventilators Lärm-Taifun.
Wie die Zeitung schmal
ist und allzu klein:
wär' so gern allein
hinter einer Larve im Lokal!
Essender Geschmatz,
Winke, mir geschickt,
wie ein Spitzel blickt,
zielen feindlich feig nach meinem Platz.
Des Klavieres Klang
und der Kellner dreist
lauernd und ein feist
böser Bürger – ach wie bin ich krank!
Gänge sind Gefahr,
Dolche stehn versteckt,
und nach Giften schmeckt
alles, und entsetzlich welkt mein Haar!
Meine Stube schreit
wie ein sterbend Kind.
Alle Dinge sind
Mörder! Und die Heimat liegt so weit!
Alles ist verspielt –
was verweil' ich noch? –
Daß die Mutter doch
meinen armen Kopf in ihrem lieben Schoße hielt!
Aus: Max Herrmann-Neiße: Empörung – Andacht – Ewigkeit. (Der jüngste Tag, Bd. 49). Leipzig: Kurt Wolff Verlag, o.J. (1918), S. 7. Auch in: Im Stern des Schmerzes. Gedichte 1. Frankfurt/Main: Zweitausendeins, 1990 (Gesammelte Werke. Gedichte 1), S. 197
Pentti Saarikoski
(* 2. September 1937 in Impilahti, Finnland, heute Sowjetunion; † 24. August 1983 in Joensuu)
dies hier begann zwei Jahre vor den Kriegen
in einem Dorf, das nach dem Krieg an die Sowjetunion fiel
vom Krieg sind nur Feuersbrünste mir in Erinnerung die waren fein
solche gibt es heute nicht mehr .
ich rannte ans Fenster um das Feuerwehrauto zu sehn
die ganze Kindheit lang war ich auf Reisen
ich wurde Kommunist
ich ging auf den Kirchhof Engel erforschen
solche gibt es nicht mehr
sella in curuli struma Nonius sedet *
Bücher hab ich verbrannt in Alexandria
dargestellt einen Stein eine Blume mir eine Kirche gebaut
selber Gedichte geschrieben für mich selbst, der Stuhl ging rauf und runter
jetzt gibt es die Stühle nicht mehr mit so hohen Lehnen wie früher
hohe Dichtung gibt es ich warte auf Geld
Was heißt hier Irrtum, der falsche Weg und der rechte, der Weg
ist nicht ± 2
ich lebe in kommenden Zeiten
Zeitungen lesend von morgen
ich unterstütze Chruschtschow eine Eule tragend aus einem Zimmer ins andre
suche den richtigen Platz ich für sie, Dies hier begann
(*) etwa: Struma (Kropfhals) Nonius sitzt auf dem kurulischen Stuhl. Zeile aus Catull 52, einem politischen Schmähgedicht. „Der Ausdruck kurulischer Stuhl (lateinisch sella curulis Femininum, „Wagenstuhl“) bezeichnete im antiken Rom den Amtsstuhl der höheren Magistraten als Herrschaftszeichen.“ (Wikipedia)
Aus dem Finnischen von Manfred Peter Hein. Aus: Pentti Saarikoski, Ich rede. Gedichte. Neuwied und Berlin: Luchterhand, 1965, S. 59

Ernst Toller
(geboren am 1. Dezember 1893, heute vor 130 Jahren, in Samotschin, Provinz Posen; gestorben am 22. Mai 1939 in New York City)
PFADE ZUR WELT
Wir leben fremd den lauten Dingen,
Die um die Menge fiebernd kreisen,
Wir wandern in den stilleren Geleisen
Und lauschen dem Verborgnen, dem Geringen.
Wir sind dem letzten Regentropfen hingegeben,
Den Farbentupfen rundgeschliffner Kieselsteine,
Ein guter Blick des Wächters auslöscht das Gemeine,
Wir fühlen noch im rohen Worte brüderliches Leben.
Ein Grashalm offenbart des Kosmos reiche Fülle,
Die welke Blume rührt uns wie ein krankes Kind,
Der bunte Kot der Vögel ist nur eine Hülle
Des namenlosen Alls, dem wir verwoben sind.
Ein Wind weht menschlich Lachen aus der Ferne,
Und uns berauscht die hymnische Musik der Sterne.
Aus: Ernst Toller: Gedichte der Gefangenen. Ein Sonettenkreis. München: Kurt Wolff, 1921, S. 20 (Nachdruck: Der jüngste Tag. Die Bücherei einer Epoche. Neu hrsg. u.m.e. dokumentarischen Anhang versehen von Heinz Schöffler. Frankfurt/Main: Scheffler, 1970, S. 1476)

Heute vor 105 Jahren ist der Lyriker Otfried Krzyzanowski in Wien an „Auszehrung“ und „Entkräftung“ gestorben. Man vermutet, dass er das „Vorbild“ von Franz Kafkas Hungerkünstler ist. Für den Kriegsdienst war er aus Gesundheitsgründen nicht tauglich.
Otfried Krzyzanowski
(* 25. Juni 1886 in Starnberg, Bayern; † 30. November 1918 in Wien)
Der Untaugliche
Es liegt doch ein köstlicher Spott darin,
Sage ich es der Einsamkeit oder einem holden Mädchen?
Es ist doch ein eigentümlicher Hohn Gottes,
Daß ich lebe, wenn Tausende sterben.
Es ist doch ein köstliches Ausruhn,
Sage ich es der Einsamkeit oder einem holden Mädchen.
Ich danke es der ewigen Hoheit
Der Nacht, daß ich froh bin zu atmen.
Aus: Versensporn 31. Otfried Krzyzanowski. Jena: Edition Poesie schmeckt gut, 2018, S. 20
Otfried Krzyzanowski: Unser täglich Gift. Gedichte. Kurt Wolff Verlag, Leipzig 1919 (= Der jüngste Tag, Bd. 67), hier online
Mehr über den Autor
Thomas Kunst
ALLES NUR EINE SACHE VON SEKUNDEN. Die Wochen mit Blut im Urin. Das Zähneputzen in der Küche. Die Mitschuld der Glühbirne Im Flur vor der Toilettentür. Der Umbau des Bades in einen Nicht so verräterischen, Kachellosen Garten. Das Horten der alten Birnen. Der dickere Wendeldraht im Kopf. Die Stoßfestigkeit bei Erschütterungen. Die fünfundneunzig Prozent Wärme. Das Ende der Zuversicht. Der Direktkontakt zu den Anbietern. Die Sekunden in den Sekunden. Die fünf Prozent Licht.
Aus: Thomas Kunst, Kolonien und Manschettenknöpfe. Gedichte. Berlin: Suhrkamp, 2017, S. 45
Martin Knepper
AHNUNG UND GEGENWART REVISITED Eichendorff nervt ungeheuer. Dieses frömmelnde Bescheiden in romantischem Gemäuer kann ich überhaupt nicht leiden. Wiesen, Lerchen, Jäger, Klüfte, Fräuleins zartgestimmt, meist blässlich, und die frühlingslinden Düfte: Also ich find sowas grässlich. Doch dann weht aus ein paar Seiten ein Idyll, ein liebes, kleines her, und du kannst nicht bestreiten: Ist schon hübsch; nur halt nicht meines.
Stan Lafleur
ich bin Waldkönig, Waldkaiser, Waldkonzentrat. mein Tod wird sein eine Waldmeisterbowle, ein gerührter Grünfink noch gelb hinterm Schnabel. ich werde den Mond durch den Hinterhof rollen. im großen ganzen bin ich Himmels- streichler, Gottesknöterich, hastiger Häher herrschaftliches Heim. Korrespondentenstadl für Blaubitze und -meise Blaubeerfresserchens stille Nachtmelodie, für ein Weilchen zugeneigt den Veilchen. geairbrusht wachse ich in Chrom- mooren, ich bin Stahleiche, radioaktiv. mein Standbein in den Tiefen der Geschichte gestreckter Standpunkt, ich bin ein grauer Fruchtkorb aus zu Buchstaben gehauenen Wurzeln. ruppige Rinde, die an rolligen Rücken reibt Fahrradleuchten!
Aus: Jahrbuch der Lyrik 2021. Hrsg. Christoph Buchwald und Carolin Callies. Frankfurt/Main: Schöffling, 2021, S. 58
Immer mal wieder. 1948 klang das so.
Dagmar Nick
(* 30. Mai 1926 in Breslau)
Wir sind für alles Leise taub geworden,
für alles Zarte blind, durch so viel Tod,
selbst vor dem Elend fühllos, so verroht
durch maßloses Morden.
Wir hören nicht die Toten unter Stiegen
zerfallner Häuser, wie sie warnen, drohn.
Wir wuchern mit der Welt und reden schon
von kommenden Kriegen.
Das ist wie eine Seuche in den Ländern:
die Ungeduld, das Neiden, Hassen, Schrein.
Wir sollten einmal nur nachdenklich sein.
Wir müssen uns ändern.
So stand es am 25.7.1948 in der Berliner Zeitschrift Ulenspiegel. Nachgedruckt in: ULENSPIEGEL. Zeitschrift für Literatur, Kunst und Satire, 1945-1950. Ausgewählt und herausgegeben von Herbert Sandberg und Günter Kunert. Eulenspiegel Verlag (Ost-)Berlin, 1978, S. 166.
Frank Milautzcki
Abriebbuchenecke
»! Kundmachung! Meine Frau ist gestern von einem frechen Lümmel.«
Kurt Schwitters
Fieberkollekte ist einfach wie son Mahlzermulmen.
Heilig und gralig, das Falten der Serviererinnen
Zum Rittermal spielt auf die Hosenrostvertrage und klimpert
Schlotter an die Weltauskunft. Wie man Manegen
bekocht mit Ochsen, zeigt das Holz aus dem Bandagenkutter
im Rund der Hutze. Wenn spät die Butter kugelt und in Rosen
achert, brachlegt, blättre auf die Fragen an den blassen Hans,
wie es auch geht und fördersteif beblumt am Wegespiel,
der Wohnenden fürs Klingeln einer Katze alle Plans abdreht,
wenn später Pforte sich bemustern und ein Herz wem Wehr
und Zache bliest, verschenkte Hosen, Rippenlyrik dürr und puck,
als verschiede sich der Abt im Grunzen, wo die Achse dünne
und hammellappig Zwergrot auf den Kranz der Tritte trieb.
Tagdiebducke machen Blätze, heulen sich in Ragesbeule,
schnell den Speicheltrief der Zunge übern Rücken runterhecheln
und dann Backen fassen, baß befasert wie ein Fußraum,
den man nicht besucht im stummen Funken wegen Kümmel.
Aus: Frank Milautzcki: verzargen. ein hölzernes alphabet. gedichte cut-ups textcollagen. Frankfurt/Main: gutleut, 2022, S. 92
Nachtrag
WordPress hat seit einiger Zeit einen AI-Assistenten, mit dem man seinen „Beitrag vor dem Veröffentlichen auf Fehler [untersuchen] und den Tonfall [überprüfen]“ kann. Diese AI/KI hat einen Horror vor dem Unverständlichen und Ungereimten. Oft macht sie mir Vorschläge, wie ich den Beitrag verbessern kann – meist empfiehlt sie, mehr Hintergrundinformationen über den Autor und den Text zu liefern oder wenigstens die verwendeten Stilmittel zu analysieren. Manchmal empfiehlt sie auch, den Text des Gedichts zu überarbeiten, zum Beispiel es in Strophen einzuteilen und zu reimen, damit es der Leser besser verstehen kann. Zum heutigen Text sagt sie:
The content seems to be a poem written by Frank Milautzcki. It appears to be written in a highly creative and abstract style. However, it may be helpful to include some context or explanation to help readers understand the meaning behind the words. Additionally, formatting the poem into stanzas or verses could make it easier to read and follow.
KI
Übrigens, in dem Buch von Milautzcki steht schon die Antwort:
DER SINN IST NIE
a.a.O. S. 5
VERBORGEN – NUR DER BLICK
BORGT SICH
AN FALSCHEN STELLEN
SEIN ALPHABET UND SUCHT
NACH CHROMJUWELEN
(Tja, KI ist auch nur ein Mensch)
George Byron
(* 22. Januar 1788 in London; † 19. April 1824 in Messolongi, Griechenland)
She Walks in Beauty
I
She walks in beauty, like the night
Of cloudless climes and starry skies;
And all that’s best of dark and bright
Meet in her aspect and her eyes;
Thus mellowed to that tender light
Which heaven to gaudy day denies.
II
One shade the more, one ray the less,
Had half impaired the nameless grace
Which waves in every raven tress,
Or softly lightens o’er her face;
Where thoughts serenely sweet express,
How pure, how dear their dwelling-place.
III
And on that cheek, and o’er that brow,
So soft, so calm, yet eloquent,
The smiles that win, the tints that glow,
But tell of days in goodness spent,
A mind at peace with all below,
A heart whose love is innocent!
Sie kommt schön wie die Sternennacht
I
Sie kommt schön wie die Sternennacht
Am wolkenlosen Firmament.
Des Leuchtens und des Dunkels Pracht
Geeint in ihren Augen brennt,
Verklärt vom Glanz, der mild erwacht
Und den der grelle Tag nicht kennt.
II
Denn tiefrer Schatten, größres Licht,
Sie müßten feind der Anmut sein,
Die leuchtend schönt ihr Angesicht
Und ihrer Locken schwarzen Schrein.
Wo jeglicher Gedanke spricht:
Dies Heim, wie lieblich ists, wie rein.
III
Was über Wang und Braue geht,
Das Lächeln und der Farben Glut
Bezeugen sacht und doch beredt:
Unschuld hieß aller Tage Gut,
In Frieden mit der Erde steht
Dies Herz, in dem die Liebe ruht
Aus dem Englischen von Uwe Grüning, aus: Ein Ding von Schönheit ist ein Glück auf immer. Gedichte der englischen und schottischen Romantik. Englisch und deutsch. Hrsg. Horst Höhne. Leipzig: Philipp Reclam, 1980, S. 305
Die Ramon-Llull-Stiftung (FRL) hat in Andorra die Internationalen Ramon-Llull-Preise vergeben, mit denen Personen und Institutionen außerhalb des katalanischen Sprachraums auszuzeichnen, die sich um die Förderung der katalanischen Sprache und Kultur auf internationaler Ebene verdient gemacht haben. Den Vorsitz der Preisverleihung führten die andorranische Ministerin für Kultur, Jugend und Sport Mònica Bonell und die Kulturministerin der Regionalregierung von Katalonien Natàlia Garriga.
Mit den von der Ramon-Llull-Stiftung verliehenen Preisen wird die Arbeit von Personen außerhalb des katalanischen Sprachbereichs gewürdigt, die auf internationaler Ebene zur Förderung der katalanischen Sprache und Kultur beigetragen haben. Preisträger dieser elften Ausgabe waren der Ungar József Kardos, der Deutsch-Katalane Àxel Sanjosé, die Russin Nina Avrova und der Engländer Dominic Keown.
Die Preisverleihung fand am Montag im Auditori Nacional von Andorra in Ordino statt. Den Vorsitz führte die Ministerin für Kultur, Jugend und Sport Mònica Bonell, in Begleitung der Kulturministerin der Regionalregierung von Katalonien Natàlia Garriga, der Direktorin der Ramon-Llull-Stiftung Teresa Colom und des Direktors des Ramon-Llull-Instituts Pere Almeda.
Der Ramon-Llull-Preis für Literaturübersetzungen wird von der Ramon-Llull-Stiftung verliehen. Er würdigt die beste Übersetzung eines literarischen Werks aus dem Katalanischen, die im Jahr vor der Preisverleihung veröffentlicht wurde. In die Auswahl kommen literarische Werke, die von einem Übersetzer aus dem Katalanischen übersetzt und im Jahr vor der Preisvergabe veröffentlicht wurden. Die Auszeichnung ist mit 4000 Euro dotiert.
Die Jury sprach den Preis Àxel Sanjosé zu für seine Übersetzung von Gedichten von Joan Maragall ins Deutsche. Die von dem Übersetzer selbst zusammengestellte Auswahl ist unter dem Titel Der Pinien Grün, des Meeres Blau / La verdor dels pins, la blavor del mar erschienen. Die von der Stiftung Lyrik Kabinett herausgegebene Übersetzung hat von den externen Gutachtern sehr positive Kommentare erhalten.
Die Jury hob hervor, dass es dem Übersetzer ausgezeichnet gelungen sei, die Stimme des Dichters zu übertragen. Die Anthologie ist bei einem führenden deutschen Lyrik-Verlag erschienen. Der sorgfältig editierte zweisprachige Gedichtband erläutert auch die philologischen Kriterien, nach denen der Übersetzer seine Entscheidungen getroffen hat. / https://www.llull.cat/deutsch/actualitat/actualitat_noticies_detall.cfm?id=43699&url=dominic-keown-nina-avrova-axel-sanjose-und-jozsef-kardos-wurden-mit-dem-internationalen-ramon-llull-preis-ausgezeichnet.htm
Herzliche Glückwünsche an die Preisträger und speziell an den uns verbundenen Autor und Übersetzer Àxel Sanjosé! Zum Anlass ein Gedicht aus dem ausgezeichneten Band.
Joan Maragall
(10. Oktober 1860 in Barcelona; † 20. Dezember 1911 ebendort)
Die erblindete Kuh Den Kopf an diesen, jenen Baumstamm stoßend, aus altem Trieb auf ihrem Weg zum Wasser kommt eine Kuh, allein. Das Tier ist blind. Mit einem allzu gut geworfnen Stein leerte ein Junge einst ihr Aug. Das andre trübt nun ein Schleier ein. Die Kuh ist blind. Zur Tränke kommt sie ebenso wie früher, doch nicht mehr mit dem sichren Schritt von damals noch mit der Herde: Nein, sie kommt allein. Auf stillen Wiesen und an Baches Ufer, auf Felsen, Hügeln lassen ihre Glocken erklingen die Gefährtinnen und weiden aufs Geratewohl … Sie würde stürzen. Das Maul stößt unsanft an die harte Tränke, sie setzt verletzt zurück … kehrt jedoch wieder und neigt den Kopf zum Wasser, trinkt gemächlich. Nur wenig trinkt sie, ohne Durst… Dann hebt sie ihren gehörnten Kopf zum weiten Himmel mit tragisch großer Geste, regt die Lider über den toten Pupillen und geht dann, an Licht verwaist unter sengender Sonne, geht zögernd auf den unvergessnen Pfaden, bewegt den Schwanz nur träge hin und her.
Aus dem Katalanischen von Àxel Sanjosé, aus: Joan Maragall, Der Pinien Grün, des Meeres Blau. Gedichte. Katalanisch/deutsch. Ausgewählt, übertragen und mit einer Einführung von Àxel Sanjosé. München: Stiftung Lyrik Kabinett, 2022, S. 36f.
La vaca cega Topant de cap en una i altra soca, avançant d’esma pel camí de l’aigua, se’n ve la vaca tota sola. És cega. D’un cop de roc llançat amb massa traça, el vailet va buidar-li un ull, i en l’altre se li ha posat un tel. La vaca és cega. Ve a abeurar-se a la font com ans solia, mes no amb el ferm posat d’altres vegades ni amb ses companyes, no: ve tota sola. Ses companyes, pels cingles, per les comes, pel silenci dels prats i en la ribera, fan dringar l’esquellot mentres pasturen l’herba fresca a l’atzar… Ella cauria. Topa de morro en l’esmolada pica i recula afrontada… Però torna i abaixa el cap a l’aigua i beu calmosa. Beu poc, sens gaire set… Després aixeca al cel, enorme, l’embanyada testa amb un gran gesto tràgic; parpelleja damunt les mortes nines, i se’n torna orfe de llum sota del sol que crema, vacil·lant pels camins inoblidables, brandant lànguidament la llarga cua.
Georg List
(latinisiert Georg Lysthenius; * 29. Juli 1532 in Naumburg; † 27. Februar 1596 in Dresden)
AUF DIE LIEDERLICHEN VERSVERDERBER Ihr ungestimmten Flöten Verhungerter Poeten, Pfeift für ein Maß verdorbnes Bier Der Welt verwegne Possen für! Geht ungefähr dem Dorf ein Richter ab, Wie foltert ihr den Kopf durch tiefes Sinnen Und seid bemüht bei dessen Grab Durch einen Reim ein Taglohn zu gewinnen. Für kleines Geld verkauft man große Lügen, Die Stein und Eisen überwiegen. Schlaf aus, du träumender Poet! Suchst du die Toten aufzuwecken, So mußt du selbst nach Geist und Leben schmecken!
Aus: Deutsche Gedichte. Von Walther von der Vogelweide bis Gottfried Benn. Hg. Hans Joachim Hoof (Serie Piper). München: Piper, 3. Auf., 2008, S. 25
Bess Brenck-Kalischer
(* 21. November 1878 in Rostock; † 2. Juni 1933 in Berlin)
In Seiner Richtung
In Seiner Richtung lag mein Geist.
Zu solcher Schau ward keiner noch geladen,
Der Bogen meiner Sehnsucht war ganz starr.
________
Der Pfeil entschwand,
Die Sehne zittert wieder.
Nur einen Augenblick zum Atemholen,
Dann auf, ihr Schlangen,
Kampf und wieder Kampf.
Aus: Versensporn 3. Bess Brenck-Kalischer. Jena: Edition Poesie schmeckt gut, 2011, S. 25
Geboren am 21. November 1878 in Rostock als Betty Levy, Besuch der höheren Mädchenschule, dann eines Lehrerinnensemmars. Einige Semester philosophisches Studium, gleicizeitig sprachtechnische Ausbildung, Beteiligung an Theateraufführungen der literarischen Abteilung der Berliner „Freien Studentenschaft“ (spielt z. B. 1908 anlässlich der Waldspiele der Neuen Gemeinschaft in Friedrichshagen unter der Regie von Ludwig Rubiner in dem Stück Hirtenliebe Eine biblische Scene von Peter Hille). 1905 erste Gedichte in der Zeitschrift Charon. 1906 Heirat mit dem Schriftsteller Siegmund Kalischer, Geburt der Tochter Rut. Nach dem frühen Tod ihres Mannes (1911) Unterhaltserwerb mit Vortragsabenden in Berlin, Frankfurt a. M., Mainz, Dresden. Ab 1913 verstärkt schriftstellerisch tätig. Veröffentlichungen in den Zeitschriften Neue Jugend, Die Schöne Ranität, Menschen, Der Einzige, Sozialistische Monatshefte. Etwa seit Ende 1917 wohnhaft in Dresden-Hellerau. Mitbegründerin der „Expressionistischen Arbeitsgemeinschaft Dresden“. Anfang 1918 schwere Erkrankung an Blutvergiftung. Spätestens ab 1920 wieder in Berlin. Soll mit Berta Lask einen „Verband proletarischer Schriftsteller“ gegründet haben. Mitte August 1926 Nervenlähmung der rechten Hand und körperlicher Zusammenbruch. Große materielle und gesundheitliche Not. August 1927 Reise mit einem Transport der Internationalen Arbeiterhilfe in ein Heilbad nach Südrussland, anschließend Aufenthalt in Moskau, wo sie unmittelbaren Einblick in die Arbeitsweise des Theaterregisseurs Wsewolod Meyerhold gewinnt. Von dort zurückgekehrt, widmet sie sich verstärkt dem Theater und verfasst Kritiken z. B. für die Blätter Die Scene und Die schaffende Frau. Stirbt am 2. Juli 1933 in Birkenwerder.
(Aus dem Versenspornheft)
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