47. Jackson Poetry Prize 2013

Der seit 2006 jährlich vergebene Jackson Poetry Prize ehrt „einen amerikanischen Dichter von außerordentlichem Talent, der breitere Anerkennung verdient“. Die Preissumme beträgt $50,000. Der Preis 2013 geht an Arthur Sze. Juroren waren die Dichter Reginald Gibbons, Natasha Trethewey und C. D. Wright. 

Unten der Originaltext ihrer Begründung.

Die bisherigen Gewinner:

2012 – Henri Cole
Judges: Louise Glück, Marilyn Hacker, and James Tate

2011 – James Richardson
Judges: Mark Doty, Rita Dove, and Gerald Stern

2010 – Harryette Mullen
Judges: Fanny Howe, Ted Kooser, and C.K. Williams

2009 – Linda Gregg
Judges: Brenda Hillman, Edward Hirsch, and Charles Simic

2008 – Tony Hoagland
Judges: Philip Levine, Robert Pinsky, and Ellen Bryant Voigt

2007 – Elizabeth Alexander
Judges: Lucille Clifton, Stephen Dunn, and Jane Hirshfield

„Everything can happen in the teeming space of a stanza by Arthur Sze; almost everything does. The profane and the glorious are never far apart; more often than not they are contained in the same couplet. And the extraordinary invariably manifests itself in the ordinary or as he writes, “Revelation never comes as a fern uncoiling/a frond in mist; it comes when I trip on a root,/slap a mosquito on my arm.” Sze specializes in the serial or linked poem. He specializes in irresoluble contradictions and the simultaneity of their circumstance. He is deft with improbable metamorphoses. He is undeterred from the uninflected actual, “When//Robin’s coworkers were terminated, she left/ her communications job to groom horses.” Little escapes his attention, be it a particular mushroom camouflaged in the forest floor or light lifting off the length of a power line while a sous-chef slices ginger and scallions. All that is teeming is specific and nothing is unrelated. His “mind aligns such slivers.” Sze is hyper-awake to a chance that a petal may tip the balance of life; to the fact that “we cannot act if we are asleep.” Through eight collections of poetry, translations of Chinese poetry and the recently edited Chinese Writers on Writing, Arthur Sze has proven to be one of our most patient, painstaking, and prepared observers. The impression of land and sky on mind and mind on the mess we tend to make of things is seldom brought to such an exquisite degree of awareness. In exacting language, Sze has brought his gleaming perceptions and looming concerns to a rare quality of order.”

Read the 2013 press release.

46. Some beauty hurts

Gretchen Primack’s Poetry Month Pick, April 11, 2013

Gerard Manley Hopkins (1844-1889)

Moonrise

I awoke in the Midsummer not-to-call night, ‚ in the white and the walk of the morning:
The moon, dwindled and thinned to the fringe ‚ of a finger-nail held to the candle,
Or paring of paradisaïcal fruit, ‚ lovely in waning but lustreless,
Stepped from the stool, drew back from the barrow, ‚ of dark Maenefa the mountain;
A cusp still clasped him, a fluke yet fanged him, ‚ entangled him, not quit utterly.
This was the prized, the desirable sight, ‚ unsought, presented so easily,
Parted me leaf and leaf, divided me, ‚ eyelid and eyelid of slumber.

Note: ‘Moonrise. June 19, 1876.’ H. Note at foot shows intention to rewrite with one stress more in the second half of each line, and the first is thus rewritten ‘in the white of the dusk, in the walk of the morning’. 

Hier deutsch von Hans Arnfrid Astel

Gretchen Primack Comments:
Some beauty hurts. A concerto so gorgeous it makes you wince, for instance; an oil painting that presses your stomach down. “Don’t cry, it’s only music,” starts Liesl Mueller’s poem “Joy.” Trying to name the ache of beauty, she writes,

…It’s about
two seemingly parallel lines
suddenly coming together
inside us, in some place
that is still wilderness.

Gerard Manley Hopkins’ music is the most beautiful I’ve ever heard in poetry. He is the master of sound (though Plath sits at his right hand). And the pleasure is so deep that it leaves me a little creased where, as Mueller would say, those parallel lines suddenly come together.

45. Arno Holz hat Recht gehabt

Arno Holz hat Recht gehabt. So fanden er und seine Schüler den Ton für das neue Zeitalter von Industrie, Technik, Geschäftigkeit. Mancher Text liest sich wie eine Glosse auf die neue Welt der Angestellten und zur Karriere Verdammten. Viele Texte aber beschäftigen sich auch mit Liebe, Verlust, den verstörenden Erfahrungen mit Partnerschaften, mit Armut, Krankheit, Flucht und dem Bewusstwerden der Vergänglichkeit. Etliche Themen tauchen in den Sammlungen immer wieder auf, erzählen davon, wie sich die Männer intensiv mit den von Holz gesetzten oder selbst ausgewählten Themen beschäftigten.

Natürlich irritiert der Buchtitel, der auf den von Stolzenberg flapsig gewählten Namen für das Schreibprojekt „Regiment Sassenbach“ zurückgeht – Sassenbach nach dem gemeinsamen Verlag, in dem die Gedichtbände erschienen. Und befehlen ließen sich die eigentlich erwachsenen Männer von Holz auch nichts – im Gegenteil: Sie waren begeistert und arbeiteten intensiv in der Dachwerkstatt. Sie fühlten sich nicht – wie später die Adepten von Stefan George – als „Jünger“. So wenig wie sich Holz als Prophet betrachtete.

Und dass sie von der völlig das Eigentliche verfehlenden Kritik zutiefst verletzt waren, zeigt eigentlich das Verstummen der Gruppe. Die Zeit der literarischen Revolutionen in Deutschland war noch nicht gekommen. In einem ausführlichen Essay geht Wohlleben auf die Entstehung der Gedichtbände und die Folgen ein. Auch auf die bis in jüngere Zeit fortdauernde seltsame Verachtung deutscher Literaturpäpste für die ungebundene Form. Was auch die Fortschreibungen der über 100 Jahre alten Etikettierungen der fünf hier gewürdigten Dichter betrifft. Einer schreibt vom anderen ab, Naserümpfen wird zu Kopistenstolz.

Dabei gehören viele dieser scheinbar so schmucklosen Texte zum Dichtesten und Schönsten, was seit anno 1870 in Deutschland an Lyrik geschrieben wurde. Manches würde durchaus auch in Schulbücher gehören, wenn Kinder ein Gefühl dafür bekommen sollen, was ein Gedicht sein kann. Es geht dabei nicht um die Form. Es geht immer um Inhalt und die verdichtete, ins Erkennbare geschärfte Sprache. / Ralf Julke, Leipziger Internet-Zeitung

Antreten zum Dichten
Robert Wohlleben, Reinecke & Voß  2013, 13,00 Euro

44. Kollektivautor

Erst aus Übereinstimmungen und Differenzen des Miteinanderschreibens sei eine Art Poetik als «emerging quality» des Grand-Piano-Experimentes entstanden, so erinnert sich Tom Mandel. Ähnliches schwebt einem selbstbewussten jungen Berliner Kollektiv vor, der Lyrikergruppe G13. Im Herbst 2012 ist nach vierjährigem Bestehen der sich gegenseitig mentorierenden Gruppe die erste gemeinsame Anthologie entstanden («40% Paradies», luxbooks). Bei allen unterschiedlichen Begabungen der jeweils einzeln ihre Texte unterzeichnenden Autoren schreibt darin doch auch ein rhythmus- und formverliebter Kollektivautor mit. Vielleicht wird man sogar anders lesen müssen, um die postbabylonischen Texturen dieses sprachlichen Miteinanders zu erfassen.

Aber auch wenn die italienischen Wu Mings für sich beanspruchen, gleich ein neues literarisches Genre, das New Italian Epic, geprägt zu haben, ist gemeinschaftliches Schreiben, das über reines Collagieren hinausgehen will, sicher kein Garant für schnellen Erfolg. Bei allem technischen Rückenwind bleibt es eine grosse Herausforderung, den Reibungsverlust des Miteinanders zum Synergieeffekt umzupolen. Im Tanz wurde allerdings ein ähnliches Verfahren unter dem Namen Kontaktimprovisation einst im Nu zur weitverbreiteten Methode. Vielleicht also dauert es gar nicht mehr lang bis zu Berkéwicz-Krüger, Kehlmann-Kermani, Hoppe-Setz. / Astrid Kaminski, NZZ 10.4.

43. Vergils Signatur

Angesichts der Tatsache, dass die «Aeneis» während mehr als zweitausend Jahren gelesen, kommentiert und interpretiert wurde, erscheint die Vorstellung einer völlig neuen Entdeckung in diesem klassischen Text auf den ersten Blick wenig wahrscheinlich. Genau eine solche will aber der Tessiner Philologe Cristiano Castelletti gemacht haben, der sich im Rahmen eines Forschungsprojekts mit der epischen Dichtung der augusteischen Zeit beschäftigt. In einer kürzlich in der Fachzeitschrift «Museum Helveticum» veröffentlichten Studie zeigt er, wie sich in den ersten vier Zeilen des Epos die Signatur des Dichters in Form eines Akrostichons identifizieren lässt – das heisst als Figur, in der die ersten und (in diesem Fall) die letzten Buchstaben mehrerer Verszeilen ein Wort, einen Namen oder einen Satz ergeben:

«Arma virumque cano, Troiae qui primus ab oris / Italiam fato profugus Laviniaque venit / litora, multum ille et terris iactatus et alto / vi superum saevae memorem Iunonis ob iram [. . .]»

(Die deutsche Übersetzung von Johannes Götte lautet: «Waffentat künde ich und den Mann, der als erster von Troja, / schicksalsgesandt, auf der Flucht nach Italien kam und Laviniums / Küsten, viel über Lande geworfen und wogendes Meer durch / Göttergewalt, verfolgt vom Groll der grimmigen Juno [. . .]»)

Das Akrostichon enthüllt sich, wenn die ersten und die letzten Buchstaben der vier Verse in jeweils abwechselnder Richtung gelesen werden: «a stilo m[aronis] v[ergili] – «aus dem stilus (Griffel) des Vergil Maro».

(…)

Vergil wählte für seine Verfasserangabe eine vom griechischen Dichter Aratos von Soloi geprägte Form des Akrostichons. Es handelt sich um eine archaische Form der Figurendichtung, die der Thematik der «Aeneis», dem Gedicht über die mythischen Ursprünge des Römischen Reiches, entspricht. Der «stilus», mit dem Vergil die «Aeneis» gemäss seiner Signatur verfasste, ist nicht nur ein Schreibinstrument, das Furchen in die Wachstafel ritzt, sondern auch eine Waffe. Er kündigt eines der zentralen Motive der «Aeneis» an, die kriegerischen Auseinandersetzungen und den Tod, und steht damit im Gegensatz zu den «Georgica», die dem Landbau gewidmet sind. / Thomas Kadelbach, NZZ

42. Vielsprachig

[…] Die Texte, die jeweils im Original und in einer deutschen Übersetzung präsentiert werden, entstammen dem Chinesischen, ecuadorianischen Spanisch, Französischen, Griechischen, Italienischen, Hebräischen, Japanischen, Katalanischen, Serbischen, Slowakischen, Ungarischen sowie dem Wolof. An die Seite gestellt wird den Lesern jeweils ein Reiseführer in Form eines Kommentars, der die jeweilige Literaturregion und ihre Sprache vorstellt, Interpretationsangebote macht und weiterführende Lektüre empfiehlt.

Vorgestellt und kommentiert werden:
– Konstantínos Kaváfis: Zweite Odyssee
– Giuseppe Ungaretti: Nostalgia
– Milos Crnjanski: Strazilovo
– Miyazawa Kenji: Phantasie einer Reisestrecke
– Jules Supervielle: Marseille
– Xu Zhimo: Erneuter Abschied von Cambridge
– Gonzalo Escudero: Heft von New York in Flammen
– Carles Riba: Elegie VII
– Miklós Radnóti: Gewaltmarsch
– Lea Goldberg: Tel Aviv 1935
– Khadi Fall: Das Unbehagen, mich selbst als Schriftsteller zu bezeichnen
– Mila Haugová: Der geschlossene Garten (der Sprache)

Brigitte Rath u. Slávka Rude-Porubská  (Hg.): Vom Verreisen in Versen. Zwölf Gedichte aus zwölf Sprachen: Original – Übersetzung – Kommentar, vielsprachig. Leipzig : Leipziger Literaturverlag 2013

/ Leipziger Literaturverlag

41. Exhumiert

Vier Jahrzehnte nach seinem Tod untersuchen Forensiker in Chile den Leichnam des Dichters Pablo Neruda. Der Nobelpreisträger und Regimegegner starb 1973 am Tag vor seiner Ausreise ins Exil – angeblich an Krebs. Doch Nerudas Chauffeur äußert Zweifel an der offiziellen Todesursache. (…)

Contreras glaubt, das Militär habe gefürchtet, Neruda, der sich nach Mexiko absetzen wollte, könnte einen demokratischen Widerstand anführen. Während der Diktatur (1973 bis 1990) waren Nerudas Werke in Chile verboten. Eine Reihe von Hinweisen lasse annehmen, dass sein Tod vorsätzlich verursacht worden sei, sagte der Jurist. Die Patientenakte sei verschwunden, und die Liste der Angestellten des Krankenhauses sei nicht vollständig.

(…) Ganz weit hergeholt ist ihr Verdacht nicht: Bei dem ehemaligen christdemokratischen Präsidenten Eduardo Frei wurde kürzlich festgestellt, dass er während der Pinochet-Diktatur 1982 im Krankenhaus vergiftet worden war.

/ Sebastian Schoepp, Süddeutsche Zeitung
 

40. Ob man renitent ist

Kommen hier nur Ossis jenseits der fünfzig?

Nicht nur. Es ist oft gar nicht mehr so wichtig, ob man Ossi ist oder Wessi, sondern eher, ob man renitent ist oder nicht.

Ihre Kneipe ist einer der letzten Orte für Alternativkultur in diesem Kiez, und nun sind konkret drei dieser Orte in Ihrem Umfeld bedroht: Das letzte besetzte Haus der Gegend in der Linienstraße 206, der Jugendkulturclub Kirche von Unten und die Kultur- und Schankwirtschaft Baiz. Schlimm?

Sehr schlimm. Ich war Stammgast in der Baiz und habe dort den Gästerat gegründet, wo wir Forderungen stellten wie zum Beispiel das Anbringen neuer Steckdosen. Die wurden dann auch alle erfüllt. Es ging darum, die Interessen der Gäste gegenüber der Wirtschaft zu vertreten. Die Baiz ist ein guter Laden. Es ist ein Elend!

(…)

Immerhin haben Sie im letzten Jahr einen ganzen Gedichtband über die Mauer veröffentlicht – also interessieren Sie sich doch dafür?

Na ja. Das Buch heißt „Mauer“. Aber die Gedichte handeln eigentlich gar nicht von der Mauer.

Wovon dann?

Zum Beispiel von den Klischees, die es über Ostfrauen gibt. Ein anderes Gedicht heißt „an die allgemeine weltöffentlichkeit“ und handelt von den Schwierigkeiten, echt zu sein. Ich hätte es ganz gern gehabt, wenn das Buch anders geheißen hätte. Aber dann hätte es sich wahrscheinlich nicht so gut verkauft.

/ Susanne Messmer, Interview mit Bert Papenfuß, taz 6.4.

39. American Life in Poetry: Column 415

BY TED KOOSER, U.S. POET LAUREATE

I’ve recently published a children’s book about a man who is so fussy about his yard that he loses his home, so I was immediately taken by this fine poem by Lynne Sharon Schwartz about a similar man. We all enjoy writing that confirms what we’ve privately observed about the world. Schwartz lives in New York City.

Cement Backyard

My father had our yard cemented over.
He couldn’t tell a flower from a weed.
The neighbors let their backyards run to clover
and some grew dappled gardens from a seed,

but he preferred cement to rampant green.
Lushness reeked of anarchy’s profusion.
Better to tamp the wildness down, unseen,
than tolerate its careless brash intrusion.

The grass interred, he felt well satisfied:
his first house, and he took an owner’s pride,
surveying the uniform, cemented yard.
Just so, he labored to cement his heart.

American Life in Poetry is made possible by The Poetry Foundation (www.poetryfoundation.org), publisher of Poetry magazine. It is also supported by the Department of English at the University of Nebraska-Lincoln. Poem copyright ©2012 by Lynne Sharon Schwartz from her most recent book of poems, See You in the Dark, Curbstone/Northwestern University Press, 2012. Reprinted with permission from Curbstone/Northwestern University Press. Introduction copyright © 2013 by The Poetry Foundation. The introduction’s author, Ted Kooser, served as United States Poet Laureate Consultant in Poetry to the Library of Congress from 2004-2006. We do not accept unsolicited manuscripts.

38. Pounds Forschung

Mehr als ein Dutzend lebender und toter Sprachen werden verwendet, Zitate aus den Verwaltungsakten der Renaissance-Republik Venedig stehen neben einem Abriss der Zinsentwicklung in Britisch-Indien, Imitationen von Homers „Odyssee“ und Dantes „Divina commedia“ neben Nachahmungen des Minnesangs provenzalischer Troubadours, der Vortragskunst altenglischer Balladensänger, des bildreichen Philosophierens im Alten China.

Dabei alle Motive ineinander verschlungen, Bildblock türmt sich auf Bildblock, Gedankensprung reiht sich an Gedankensprung.

Ezra Pound, geboren 1885 im US-Bundesstaat Idaho, gestorben 1972 in Venedig. Bevor ich sterbe, will ich das größte Gedicht schreiben, das jemals geschrieben worden ist, hatte bereits der 22-Jährige seinen Eltern mitgeteilt. Eine erste deutsche Gesamtausgabe von „The Cantos“ ist nun auf dem Markt, eben wurde die Leistung der Übersetzerin Eva Hesse mit dem Preis der Leipziger Buchmesse gewürdigt. Zwei Kilo Poesie, herausgegeben und kommentiert von den Literaturwissenschaftlern Heinz Ickstadt und Manfred Pfister. (…)

Die „Cantos“ sind Zeugnisse einer verschlungenen, weit ausgreifenden Forschung. Ihr Autor wandert durch den zeitlichen und geografischen Raum der menschlichen Geschichte, er durchforscht die Dokumente der Kulturen, ihre Chroniken, religiösen und wissenschaftlichen Systeme, ihre Lieder, getrieben von der Suche nach Ordnungen im Prozess. Er interessiert sich für Kulturen, die vollendete ästhetische Formen schufen, für Orte, an denen Menschen friedlich miteinander leben konnten, für die klugen Lenker der Staaten.

Wo immer er auf seiner Reise Gelingen oder lehrreiches Scheitern entdeckt, nimmt er es auf in seinen Gesang. In größtmöglicher Authentizität will er die Funde bergen, durch Zitat, Imitation von fremden Stimmen, Rückgriff auf Originalsprachen. Der Leser soll gleich ihm hinabsteigen in eine Zone des Geistigen, wo Begriff und Idee sich aus der sinnlichen Anschauung erst formen. Wahre Poesie, so Pound, schafft sinnliche Zusammenhänge, die die Motorik des Geistes in Gang setzen, das Denken in ein lebendiges, energetisches Schwingen verwandeln. / Tom Peuckert, Tagesspiegel

37. Ein Gespräch über die Dichter

Aus Eichendorffs Roman „Ahnung und Gegenwart“:

Das Reisen, sagte Faber, ist dem Leben vergleichbar. Das Leben der meisten ist eine immerwährende Geschäftsreise vom Buttermarkt zum Käsemarkt; das Leben der Poetischen dagegen ein freies, unendliches Reisen nach dem Himmelreich. Leontin, dessen Widerspruchsgeist Faber jederzeit unwiderstehlich anregte, sagte darauf: Diese reisenden Poetischen sind wieder den Paradiesvögeln zu vergleichen, von denen man fälschlich glaubt, daß sie keine Füße haben. Sie müssen doch auch herunter und in Wirtshäusern einkehren und Vettern und Basen besuchen, und, was sie sich auch für Zeug einbilden, das Fräulein auf dem lichten Schlosse ist doch nur ein dummes, höchstens verliebtes Ding, das die Liebe mit ihrem bißchen brennbaren Stoffe eine Weile in die Lüfte treibt, um dann desto jämmerlicher, wie ein ausgeblasener Dudelsack, wieder zur Erde zu fallen; auf der alten, schönen, trotzigen Burg findet sich auch am Ende nur noch ein kahler Landkavalier usw. Alles ist Einbildung. Du sollst nicht so reden, entgegnete Friedrich. Wenn wir von einer innern Freudigkeit erfüllt sind, welche, wie die Morgensonne, die Welt überscheint und alle Begebenheiten, Verhältnisse und Kreaturen zur eigentümlichen Bedeutung erhebt, so ist dieses freudige Licht vielmehr die wahre göttliche Gnade, in der allein alle Tugenden und großen Gedanken gedeihen, und die Welt ist wirklich so bedeutsam, jung und schön, wie sie unser Gemüt in sich selber anschaut. Der Mißmut aber, die träge Niedergeschlagenheit und alle diese Entzauberungen, das ist die wahre Einbildung, die wir durch Gebet und Mut zu überwinden trachten sollen, denn diese verdirbt die ursprüngliche Schönheit der Welt. Ist mir auch recht, erwiderte Leontin lustig. Graf Friedrich, sagte Faber, hat eine Unschuld in seinen Betrachtungen, eine Unschuld. Ihr Dichter, fiel ihm Leontin hastig ins Wort, seid alle eurer Unschuld über den Kopf gewachsen, und, wie ihr eure Gedichte ausspendet, sagt ihr immer: da ist ein prächtiges Kunststück von meiner Kindlichkeit, da ist ein besonders wohl eingerichtetes Stück von meinem Patriotismus oder von meiner Ehre! Friedrich erstaunte, da Leontin so keck und hart aussprach, was er, als eine Lästerung aller Poesie, sich selber zu denken niemals erlauben mochte.

Mehr

[Vielleicht sollte ich hinzufügen, daß dies Zitat nichts mit dem Eichendorff-Preis und dem Dichter Ulrich Schacht zu tun hat, sondern mir einfiel, weil ich gerade Martin Mosebachs jüngsten Kampf gegen die protestantische Entzauberung der Welt durch die 68er mit Johannes XXXIII. an der Spitze las: Stefan Georges Religion, in: Sinn und Form 2/2013]

36. Eichendorff-Preis für Ulrich Schacht

Für sein bisheriges Gesamtwerk, und unter spezieller Hervorhebung seines 2011 in der Edition Rugerup erschienenen Gedichtbandes »Bell Island im Eismeer«, hat unser Autor Ulrich Schacht den vom Wangener Kreis – Gesellschaft für Literatur »Der Osten« e.V. gestifteten Eichendorff-Preis für das Jahr 2013 erhalten. Die mit 5.000 Euro dotierte Auszeichnung wird am 29. September 2013 in Wangen im Allgäu verliehen. Die Laudatio auf den Preisträger hält der Chefredakteur der Zeitschrift »Sinn und Form«, Dr. Sebastian Kleinschmidt. Zu den Trägern des Preises, der seit 1956 jährlich vergeben wird, zählen u.a. die Schriftsteller Dagmar Nick, Peter Huchel, Reiner Kunze, Eva Zeller, Peter Härtling, Wulf Kirsten, Hans-Ulrich Treichel und Jörg Bernig. Im Vorjahr ging der Preis an Catalin Dorian Florescu.

Über den ausgezeichneten Gedichtband »Bell Island im Eismeer« hieß es in den Dresdner Neusten Nachrichten: »Diese Verse entmachten uns, nehmen uns die Illusion, Herren über die Schöpfung oder ihre Hüter sein zu müssen, demonstrieren uns statt dessen Demut und Staunen. (…) Dieser Dichter hat den genauen Blick eines Malers. Seine Gedichte entwerfen Skizzen oder zeichnen faszinierende Wortgemälde. Sie sind zugleich eine philosophische Selbstbefragung des Menschen in der Natur. (…) So entfaltet dieser Gedichtband ein ganzes Universum.« Das neue deutschland resümierte: »Dies Buch ist Beitrag zu einer Poetik von der Ausleerung der Welt. (…) Man wähnt sich an fernem Gestade, einem Geheimnis der Existenz nahe – und man ahnt, dass alles, was wir Geheimnis nennen, an seinem Ursprung doch absolute Klarheit, Einfachheit, Einfalt war.« Der Rezensent des Web-Kulturmagazins Literatur & Kunst hebt hervor: »Diese Lyrik macht die Stille hörbar, die den einzelnen Menschen in arktischen Breiten überwältigt, sie läßt ihn die Ohnmacht, die ihn darin befällt, spüren – aber auch immer wieder die tröstliche Idee seines kosmischen Eingebundenseins erfahren. (…) Schacht beschwört sehnsüchtig archaische, zauberhafte Welten – ohne sie besitzen zu wollen.«

In diesem Frühjahr erschien von Ulrich Schacht, der auch bei Aufbau und Matthes & Seitz Berlin verlegt, in der Edition Rugerup ein neuer Erzählband: »Kleine Paradiese« (187 S., gebunden, € 17,90).

Weitere Informationen zu Leben und Werk des Dichters unter: www.ulrich-schacht.de

35. Dichterfrühling in Luxemburg

Printemps des Poètes / Dichterfrühling in Luxemburg

12. bis 14. April 2013
Mit: Nanni Balestrini (Italien), Franzobel (Österreich), Emilian Galaicu-Păun (Moldawien), Stan Lafleur (Deutschland), Ester Naomi Perquin (Niederlande), Jacek Podsiadło (Polen), Jean Portante (Luxemburg), Lionel Ray (Frankreich), Josep-Maria Sala-Valldaura (Katalonien), David Teles Pereira (Portugal), Raphael Urweider (Schweiz) und Antoine Wauters (Belgien). / Mehr

34. Poetischer Honig

Es entsteht ein heiterer Fluss, eine lautliche Durchlässigkeit, in der auch die Identität eines lyrischen Ichs obsolet wird. Wie hier: „Als Atlas/ trage ich so schwer an mir wie an der Welt. Doch gäbe ich mich fort/ bekäm ich mich intakt zurück? Oder mit einem Stechen in der Lunge?/ Sieh, ich will mich ja nicht mehr. (…) Was so verästelt fällt, fällt tiefer, es fällt weicher, fällt zu Bett, ins Wurzelwerk/ des wurzellosen Baumes, Traumes, Schaumes, Schamhaars, Bettchens.“ Und weiter: „Frettchen sind nervöse Tiere, wie es auch die Menschen sind. So fällt es/ für die Gattung günstig aus. Spiegele mich zur Unkenntlichkeit, in Stücken/ gib mich mir wieder zurück. Nichts, nichts anfangen. Eines weitermachen,/ dessen Gegenwart monströs in einer ungemachten, in einer blinden auch,/ in einer Zukunft liegt (. ..) Verstehe nur: Zum Zusammensetzen / hab ich es zerschlagen. Quer steht das Bild. Die Finsternis gehört dazu. (…)“

Nicht, dass wir das nicht wüssten. Aber wo heute die ökonomischen Zwänge in allen Lebensbereichen mit der zuvor ausgerufenen Beliebigkeit aufräumen, ist es doch eine Erkenntnisfreude, einen poetischen Honig zu schlecken, der alles und für alle in sich zu bewahren weiß. „Wir betrachten am Ende den Körper / als Protokoll unseres Lebens.“ / Andreas Kohm, Mannheimer Morgen 8.4.

33. Liao Yiwu in Berlin

Am Flughafen Tegel habe er schon dort die Nase in den Wind gehalten: „Die Luft schmeckt so süß“ sagt er noch heute, wenn er sich an diesen Moment erinnert. Liao ist auf Einladung des Deutschen Akademischen Auslandsdienstes (DAAD) in die Stadt gezogen und werde sie vielleicht nie wieder verlassen, sagt er. „Ich habe einen Albtraum hinter mir gelassen.“ Aber vollkommene Freiheit könne er auch hier nicht empfinden. „Freiheit, Zìyóu, muss von innen kommen“, sagt er. „Sie kann nicht durch äußere Umstände sofort hergestellt werden.“ Er könne sich schon deshalb nicht frei fühlen, weil seine Freunde Li Bifeng und Liu Xiaobo noch immer nicht frei seien. „Schon deshalb will ich weiterkämpfen.“

Sein Freund Li Bifeng wurde zwei Monate nach seiner Ausreise zu zwölf Jahren Haft verurteilt, wahrscheinlich weil eben dieser Liao hier am Tisch sitzt, weil er geflohen ist und das Zentralkomitee Li Bifeng für einen Komplizen hält. Er war sein Verbündeter, als er die Nummer Ling Jiu Jiu war. Liu Xiaobo ist noch bekannter als Li Bifeng. Der Chinese hat vor drei Jahren den Friedensnobelpreis verliehen bekommen, durfte aber seinen Preis nicht persönlich in Empfang nehmen. Li, Liu und Liao sind seit Langem befreundet. Die drei Männer verbindet, dass sie sich für die Erinnerung an die Ereignisse des 4. Juni 1989 einsetzen, als Panzer auf protestierende Studenten schossen und Hunderte von ihnen töteten. Tiananmen. Ein Wort, das auf der chinesischen Version von Google andere Webseiten vorschlägt, als im Rest der Welt.

Frau Guo bietet kleine, bunte, süße Gummiplätzchen und Kekse an. Liao Yiwu rührt nichts davon an. Er sitzt nur da, schaut ernst, seine Glatze unterstreicht diese äußerliche Härte. Auch sie ist eine Gefängniserinnerung, vorher trug er volles Haar. Dann sprechen wir über die Vorwürfe des deutschen Sinologen Wolfgang Kubin, der vor zwei Wochen behauptet hatte, Liao hätte seine Gefängnisschilderungen übertrieben. „Das ist schlicht falsch“, sagt er, und es sei genau das, was sich die chinesische KP wünsche. Diplomatisch sagt er aber: „Ich habe Verständnis für die menschliche Schwäche, die in Wolfgang Kubins Handeln zum Ausdruck gebracht wird, weil er häufig zwischen China und Deutschland pendeln muss.“ Für ihn aber sei das Leben in China ein „Langzeit-Erlebnis der Angst“ gewesen. / Sören Kittel, Berliner Morgenpost