62. Heldengeschichte

Spoken-Word-Heldin Nora Gomringer, Tochter des großen Eugen Gomringer („seine kehl in fyrsten„), geht dahin, wo es wehtut. In ihrem collagenartig gestalteten Gedichtband „Monster Poems“ gibt es ein Wiedersehen mit King Kong, Alfred Hitchcocks „Psycho“ und der „50 Foot Woman“. / Jan Drees, jetzt.de

Ist vielleicht jugendgemäß, also wer weiterlesen mag, Klick!

61. Unbestimmtes Verstehen

„Für Liebhaber einfacher Lösungen” ist ein solcher Text nichts. Glücklicherweise scheint er es nicht aufs Verstandenwerden anzulegen. Merkwürdigerweise versetzt er gerade, weil man gezwungen wird, das Kausalitätsprinzip zu verlassen und die Sprünge von den stummen Vögeln zum Regal zum Kitsch hinzunehmen und sich zwischen Ernst und Ironie zu verlaufen, gerade deswegen also versetzt dieser Text, nennen wir ihn Gedicht, plötzlich eine Saite unbestimmten Verstehens in Schwingung. Die „Honigprotokolle” gleichen dadurch einer Partitur ohne Noten. Wir Lesenden sind die Instrumente. Nach uns die Deutung. Willkommen also in Rincks Oktaeder! Der Eintritt ist frei, der Austritt hat seinen Preis, denn für eine Weile wird man danach auf dem Kopf gehen müssen und mit den nackten Füßen im Himmel zappeln. Andererseits muss zugegeben werden, dass Monika Rinck uns keineswegs „eisige Abstraktionsschauder” über den Rücken schickt. Sie dichtet konkret und nah an Situationen und Reflexionen, die jeder kennen kann. Oder ist es nicht eine „Himmelshärte”, eine Strafe der Götter, dass man sich jeden Morgen aufs Neue dem Schlaf aus den Armen winden muss? / Insa Wilke, aus der Laudatio zum Huchelpreis für Monikas Rinck. Hier

60. I’m Charles

For National Poetry Month, Speakeasy has chosen to examine the poem “I’m Charles,” by Charles Simic, author of the collection “New and Selected Poems, 1962-2012.”

“It was written over several years, the original idea being something about being hung by the tongue from the scaffold of language. Then, of course, it got more complicated with God joining the fray,” Simic wrote in an email message. / Barbara Chai, Speakeasy

59. Poetopie

Berlin wird immer voller, der Abstand zwischen den Bewohnern immer größer

Hansjürgen Bulkowski

58. „Quatsch mit Gedicht“

Unsere Gesellschaft braucht mehr Wir und weniger Ich

meint Andrea Nahles und hat vielleicht recht. Aber ihre Vorstellung von Quatsch (lesen die nicht Schwitters? Charms? Tja, merkt man) und von einem Gedicht ist von vorgestern:

Eines ist das Wir sicher nicht: Die „Tyrannei des Gemeinsinns“, vor der es Alan Posener in der „Welt“ gruselte. Die ideengeschichtliche Brücke, die er baut von Jean-Jacques Rousseau über Papst Leo XIII. bis zum Faschismus des 20. Jahrhunderts ist zweifellos bemerkenswert – abenteuerlich und phantasiereich. Vor allem ist seine Herleitung aber, mit Verlaub: großer Quatsch mit Gedicht am Schluss.

57. Geht doch!

Aber Kalékos Erfolg dient der Nachkriegsgesellschaft auch als Alibi. Als sie jedoch nicht bereit ist, sich vor den Karren des kollektiven Verdrängens spannen zu lassen, und die Nominierung zum Fontane-Preis ablehnt, weil eines der Jurymitglieder, der Schriftsteller Hans Egon Holthusen, von 1933 bis 1943 Mitglied einer SS-Standarte war, schwadroniert Herbert von Buttlar, Generalsekretär der Westberliner Akademie der Künste, von «böswilligen Gerüchten» und «Jugendtorheiten», die man Holthusen doch nicht «in alle Ewigkeit ankreiden» könne, schliesslich «wurde (er) ja nur SS-Mann, weil er so gross gewachsen war und die SS so grosse Leute brauchte». Zuletzt fährt er ihr herrisch über den Mund: «Wenn den Emigranten nicht gefällt, wie wir die Dinge hier handhaben, dann sollen sie doch fortbleiben . . .» / Jan Koneffke, NZZ 16.3.

Mascha Kaléko: Sämtliche Werke und Briefe in vier Bänden. Deutscher Taschenbuch-Verlag, München 2012. 4086 S., Fr. 109.–.

56. Unmodern

Zwei Seelen wohnten in der Dichterin «zur Miete»: eine lyrische und eine satirische. Mascha Kaléko, deren erster Gedichtband mit dem bezeichnenden Titel «Das lyrische Stenogrammheft» im Unheilsjahr 1933 erschien, gehörte neben Erich Kästner, Kurt Tucholsky oder Franz Mehring* zu den Poeten der Neuen Sachlichkeit. Als Neutönerin verstand sie sich nicht, im Gegenteil: «Ich singe, wie der Vogel singt», dichtete sie poetologisch-programmatisch und gestand – augenzwinkernd – ein: «Weiss Gott, ich bin ganz unmodern. / Ich schäme mich zuschanden: / Zwar liest man meine Verse gern, / doch werden sie – verstanden!»

Als diese Verse 1968 im «Himmelgrauen Poesie-Album» erschienen, betrachtete sich Kaléko aber bereits als «letzten Mohikaner, was die ironisch-romantische Grossstadtlyrik angeht». Denn wenn auch die kunstvolle «Natürlichkeit» ihrer Lyrik, die ihr «Unwesen vorzugsweise in den sagen-wir-mal ‹Niederungen› der täglichen Umgangssprache» trieb, sowohl dem «gefühlsbetonten Volksliede» als auch dem «satirischen Bänkelsänger näher» stand «als etwa dem pompösen Ideal klassischer Formenkunst», war sie in ihrem Beginn doch alles andere als unmodern. / Jan Koneffke, NZZ 16.3.

*) siehe Kommentar, M.G.

55. Kennst du elffriede?

12:11:30 User:  Guten Tag, Cleverbot.

12:11:34 Cleverbot:  Are you clever?

12:12:45 User:  Gute Frage. Zumindest bin ich menschlich. Du aber nicht. Und bei elffriede bin ich mir nicht so sicher. Kennst du elffriede?

12:12:49 Cleverbot:  Ich habe nicht gefragt ob Du Liebe für mich empfindest.

Direkt auf dem falschen Fuß erwischt. Ich entschließe mich dafür, erst einmal Mittag zu essen und es dann noch mal zu versuchen. Beim Kochen schwirrt mir elffriede im Kopf herum.

13:43:54 User:  Es geht ja nicht um uns beide hier (es lesen Leute mit, wildfremde Menschen!), sondern um elffriede. Nachname: .aufzeichnensystem. So etwas wie Stolterfohts Amme, nur eben produktiv. Oder wie eines dieser Autorenkollektive, die in letzter Zeit so en vogue sind. Ich frage mich aber nun, was ich damit anfangen soll.

13:43:59 Cleverbot:  Und wieso bist du so schlau?

13:48:36 User:  Das bin ich ja nicht! Ich fühle mich strunzdumm – denn ich verstehe elffriede nicht. Es ist mir ja egal, ob hinter elffriede eine Schwarmintelligenz oder eine Einzelperson steckt, obwohl ich für letzteres tendieren würde. Ich frage mich nur: Was soll ich aus diesem Buch ziehen, aus „schrei zum hummel“?

13:48:41 Cleverbot:  Mein Deutsch ist pulitzerpreisverdächtig.

13:51:35 User:  Und damit etwas besser als elffriedes. Obwohl: Der Pulitzerpreis wird ja nicht für eine schicke Grammatik verliehen. Sondern für das, was davon getragen wird. „inhalt“ heißt passenderweise das erste Gedicht im Band. „eine nussgroße portion täglich aus dem zusammenhang reissen. / laut lesen bei tag, im dunkeln, mit atempausen, auch summen / bringt die gewünschte wirkung. kräftig einstampfen. / so wird ein schuh draus.“. Mir aber nicht. Wird dir ein Schuh draus?

13:51:39 Cleverbot:  Alright then.

13:51:55 User:  Soll ich das als ‚ja‘ deuten?

13:52:00 Cleverbot:  Ja.

13:52:27 User:  Dann erklär mir bitte, was hinter und – viel wichtiger! – was in „schrei zum hummel“ steckt.

/ Kristoffer Cornils, Fixpoetry

elffriede.aufzeichnensysteme: schrei zum hummel. eine art buch, Broschur, 168 S., 17,90 €, ISBN: 978-3-902665-56-0. Klever Verlag Wien 2013.

54. Hausacher Stadtschreiber 2013/2014

98 Bewerbungen aus Deutschland, Österreich, der Schweiz, den USA und Serbien hat die Jury, zu der neben LeseLenz-Kurator José F. A. Oliver Ulrike Wörner vom Friedrich-Bödecker-Kreis und Robert Renk von „8tung Kultur“ zählen, gesichtet.

Das Ergebnis ist: Hausacher Stadtschreiber 2013/2014 in der Sparte Belletristik/Lyrik ist Dominik Dombrowski, im Bereich Kinder- und Jugendbuch Jens Schumacher und das Gisela-Scherer-Stipendium, das den Namen der 2010 verstorbenen LeseLenz-Mitbegründerin trägt, ist Thomas Rosenlöcher aus Dresden zugesprochen worden.

Dominik Dombrowski tritt sein Stipendium im Sommer 2013 an und Jens Schumacher wird im Oktober dieses Jahres nach Hausach kommen. Das Gisela-Scherer-Stipendium ist für den Zeitraum Anfang Februar bis Ende April 2014 vorgesehen, dann wird Thomas Rosenlöcher in Hausach sein.

Mit Dominik Dombrowski überzeugte ein Dichter die Jury, dessen Texte eine Magie der Kompromisslosigkeit erzeugen. Die ungeheure Wucht seiner Gedichte besteht in der wirklichkeitsnahen Wahl der Themen und ihrer erzählenden Sprache. Wenn er beispielsweise „von den geheimnisvollen Männern vor dem Getränkemarkt“ spricht, legt sich eine Art melancholische Realität über die Zeilen. Mitfühlend, zwischen Schauen und Mitempfinden in allen Gefühlslagen. Laut Mitteilung ist sein Blick niemals ein nüchterner. / Schwarzwälder-Bote 12.4.

53. Übrigens

Blut ist ein ganz besondrer Saft, aber (wie andre Körperflüssigkeiten auch) ein schlechtes Argument.

Und nun gut… für heut nacht.

52. Blutleere Gedichte

Drei Googlestunden. Protokoll eines Selbstversuchs

Dunkel und wenig Licht 
(Johannes Bobrowski)

Und wenn sie durch den Schatten ihrer Hand
In Blutleere das Leben noch erkannt
Verschwindet es im Flimmerspiel des Sands
Gefällt von grauenhafter Sonnenaxt

Aber im Wolkenland, im Finstern, sahn wir die Schatten
Schwarzer Reiher und hörten den traurigen Flug,
Und wir schwanden dahin in Schwermut und bittrem Ermatten,
Blutleere Seele, die Lethe durch Höhlen voll Kummer trug.

Die Programmgestaltung von KRASH Neue Edition trifft bewusst eine Festlegung: gegen einen neo-klassizistischen Mainstream, der vornehmlich an seiner Eigenkanonisierung arbeitet, gegen eine erklügelt-blutleere Schreibtisch-Dichtung und Stipendiaten-Lyrik versucht KRASH Neue Edition Zeichen zu setzen, die sich den waltenden Prozessen in der Gesellschaft nicht verschließen.

Auf der Suche nach guten blutleere Büchern? Hier findest du eine Auswahl an besonders beliebten und von LovelyBooks Lesern empfohlenen Büchern.

Denn neben dem Aspekt, dass Gregors Dichtung aus dem spätantiken Lebenskontext der Schule zu verstehen ist, muss im Fall des dichtenden Kappadoziers ein weiterer Gesichtspunkt bedacht werden. Wenn seine Gedichte als „blutleer“ (R. Keydell) bezeichnet werden und dem heutigen Leser weder einen leichten Zugang noch einen einfachen literarischen Genuss bieten, ist zu berücksichtigen, dass sie von einem der größten und bedeutendsten Theologen des vierten Jahrhunderts nach Chr. verfasst wurden, der vornehmlich wegen seiner literarischen Bildung und seiner Bemühung um eine adäquate theologische Sprache geschätzt wurde. Doch muss hinzugefügt werden, dass die Eroberung der Herzen vermutlich weder die Absicht der „Poemata Arcana“ noch diejenige Gregors in seinen dogmatischen Gedichten ist.

Eine mundgeschöpfte, kristallklare Wassermusik
hebt an und lehrt dich die Hexenmetrik der Tropfen.

Nicht mehr zählst du blutleere Silben herbei,
selber wirst du gezählt vom Kopf zu den Füßen
von Zungen graziösen Gelalls.

Bitte sprecht zu mir!
Aber sie schweigen unerbittlich,
erhobene Zeigefinger,
seit Tausenden von Jahren blutleer.

Nichtssagend und blutleer und kraftlos

Ein Kind des Landes finde ich sie
Darniederliegend.

Und ich lege den Kopf in den Nacken,
spähe unter ihre Röcke:
Keine Schlüpfer!

Bringet mir den blutleeren Kopf
~ihr Feindestöter~
Trennet ihn unterm Barte Zopf
~ihr Erdenerröter~

Warum wird Benn oft allein als dieser Dichter frühster Stunde gesehen, warum werden seine heute fragwürdigen „Innovationen“ als seine größten lyrischen Triumphe gefeiert, wo er doch in reiferen Jahren so tiefsinnige und ehrliche Verse geschrieben hat. Ich weiß es nicht. Aber ich kann es mir denken. Denn auch mich hat es Überwindung gekostet, mich durch die frühen Gedichte zu wühlen; nicht durch alle, denn es sind sie nicht alle schlecht, aber so manche blutleere und von Schlamm übersprudelnde Quelle unpoetischer Verbalisierungen ist muss man überspringen, wenn man die guten frühen Gedichte herausfiltern will.
Und das kann zu dem Gedanken verleiten, es gehe weiter wie es anfängt.

Leider fehlen der Autorin ein wenig die Worte, die treffenden, originellen Wendungen und Bilder, weshalb die Gedichte etwas blass und blutleer bleiben.

Stefan George hätte das Bild des „Königssohns“, der „Knechts- und Bauernblut“ und „Tierinstinkte“ in sich hat, mit Abscheu und Entsetzen von sich gewiesen – wie er auch für den Druck von Hofmannsthals „Tod des Tizian“ die Original-Anmerkung des Autors getilgt hat, daß der große Künstler Tizian „neunundneunzigjährig an der Pest“ sterbe. Hofmannsthal ist offenbar schon von Anfang davon überzeugt, daß der ausschließliche Aufenthalt in der Höhenluft der Königsgedanken ein „blutleeres Dahinfrieren“ zur Folge hat. Der Gedanke ist für ihn „grauenhaft“, aber realistisch: daß die wahre, allerdings dumpf-unbewußte Dynamik des modernen Lebens „drunten“ zu suchen ist, „wo die schweren Ruder der Schiffe streifen“(96).

Shakespeare hielt Petrarca bekanntlich vor, seine Laura sei eine blutleere Puppe, im Unterschied zu Shakespeares Geliebter, die nicht perfekt und daher lebendig sei.

Blutleer
sind die Adern meines Körpers
Blutleer
Die dunkle Seele die mein ist
Blutleer
mein Gehirn zum Denken zu schwach

Kämpfend stand ich in der Schlacht des Lebens
Kämpfend dacht ich daran nicht zu verlieren
Kämpfend schwang ich meine Waffen
Kämpfend bis zur Atemnot

„Kind, was bist Du so stille“
fragt meine Mutter
Doch meine blutleeren Lippen öffnen sich nicht

Und blutleere Gedichtattrappen

Sei kein Opfer mehr setz dich endlich zur Wehr sonst bist du bald blutleer Das Kreuz Kreuz am Wegesrand wer wohl alles schon vor 45.

hoffst du auf
das blutleere grau
eines gesichtes
das dich
sieht?

Ihre Gedichte wirken deswegen nicht blutleer oder abstrakt – im Gegenteil: Sie sind voller Sinnlichkeit, ja sogar voller Erotik.

mit Schillers Gedichten: Philologie Schwierigkeiten –> für emphatische Studienräte; galten als blutleer,
abstrakt, zu philosophisch

Vampire sind niemals out und blutleer … Trotzdem kamen auch seine anderen Gedichte wie gewohnt super bei den …

Seit sie sich lautstark zum “Zentralorgan der Realpoesie” ausruft, ist sie endgültig und auf dem besten Wege, zunehmend seriöse Beiträger zu verprellen. Immerhin habe sie sich nach eigenen Angaben besonders am Anfang auch der “komplexen Lyrik” gewidmet, bis sie “sich mehr und mehr … zum klaren poetischen Ausdruck hinbewegte” (Leitner im Editorial). Matthias Politycki spricht noch deutlicher von einer “tendenziell hermetischen Lyrik”, wie sie insbesondere in den ersten Ausgaben “gut” vertreten sei. Ein Blick in das Gesamtverzeichnis, wer ist gemeint (in Klammern die Nummer der Hefte, in denen sie vertreten waren unter den bislang 20, kleine Auswahl): Kurt Aebli (3), Arnfrid Astel (5), Jürgen Becker (3), Thomas Böhme (4, 8), Volker Braun (5), Franz Josef Czernin (3, 5, 8), Michael Donhauser (3, 5), Gerhard Falkner (6), Rolf Haufs (4), Norbert Hummelt (8), Wulf Kirsten (4), Thomas Kling (7), Marion Poschmann (12) usw. Wenn das die blutleere, hermetische, akademische, “krautige”, “verquaste”, komplexe und unlesbare (irreale) Lyrik ist, die sie dort nicht mehr haben wollen, dann wird es wohl Zeit, mein Abo zu beenden.

Insbesondere die blutleeren Epigramme haben mich etwas enttäuscht, die Sonette und Oden zeugen zwar von der sprachlichen Kunstfertigkeit Kleists, kommen aber allzu lebensfern und pathetisch daher, um zu bewegen.

Seine – an Schiller orientierten – Verse sind zwar formal ausgereift, aber inhaltlich blutleer.

Auf den zweiten Blick war ich ein bisserl enttäuscht. Seine Dinger sehen mir jetzt so aus wie er: etwas blutleer. Als hätten sie an Dimensionen und Möglichkeiten verloren.

Dabei ist Plagges Sprache nie blutleer, er verfügt über eine bildhafte Beobachtungsgabe und einen packenden Zugriff.

„Blutleer“, sprach ich, „hängt die Rute,
Und nicht scharf ist diese Wurst.“
„Durst auf Liebe“, sprach die Gute,
„stillt der Weise vor dem Durst.“

Der Lyrik-Boom, den die Insel in den letzten Jahrzehnten erlebte, ist allein literaturgeschichtlich jedoch nicht zu erklären. Um ihn zu verstehen, muss man in die sechziger Jahre zurückgehen. In deren kultureller Aufbruchstimmung sorgt eine Gruppe junger Männer in einem bislang nicht für möglich gehaltenen Maß für die Popularität von Gedichten: Die Liverpool Poets. Unter diesem Namen sind die Dichter Adrian Henri, Roger McGough und Brian Patten bekannt. Die Liverpool Poets stellen auf literarischem Gebiet das Aushängeschild einer Generation im Aufbruch dar. Sie treten an, die alten Zöpfe im literarischen Leben abzuschneiden. Und sie verstehen ihr Anliegen als Teil einer demokratischen Erneuerung, als Ausbruch aus dem etablierten Literatenleben und als Politur der auch in England eingerosteten Dichterklischees. Es ist kein Zufall, dass gerade eine Hafen- und Arbeiterstadt wie Liverpool zum Ausgang dieses kulturellen Aufbruchs wird und nicht die Metropole London. London ist in den Augen der Liverpool Poets die Stadt, wo etablierte Literatur für einen Kulturbetrieb geschrieben wird, der sich zwar finanziell rentiert, aber auf sein Publikum blutleer und abgestorben wirkt.
Im Liverpool der Sechziger treffen sich viele bekannt gewordene Künstler. Allen voran natürlich die Beatles: Paul McCartney, John Lennon, Ringo Starr und George Harrison. Auf einer Bühne mit den Liverpool Poets spielt auch der Gitarrist Andy Roberts, dessen Karriere hier beginnt und der als Mitglied der Gruppe Pink Floyd später Weltruhm erlangt. Alle diese jungen Liverpooler eint eine neue und zu diesem Zeitpunkt revolutionäre Auffassung, die sie auf die Parole bringen: Kunst für das Volk!

Mein Körper war schon fast blutleer, was danach kam, weiß ich leider nichtmehr.

Einige eher prosaisch gefärbte Schöpfungen wirken wie Fremdköper in dieser Sammlung, fast blutleer, tun dem runden Gesamtbild aber nur wenig Abbruch.

Neue Generation. Hm. Kann es das gewesen sein? Klar KANN wie bei der abstrakten Malerei etwa auch bei der Lyrik Lebensweltliches weitestgehend außen vor bleiben – aber muß es das derart geballt und – größtenteils – derart verschwurbelt tun? Mir drängt sich der Eindruck auf, dass diese neue Generation in großen Teilen schlicht nichts zu sagen hat und sich aus Mangel an Mitzuteilendem lieber mit schiefen Bildern auf Unverständliches zurückzieht, das aber eben bis in die Stimmungen und Bilder hinein unverständlich ist! Dabei gibt es hier und da Stilblüten, die diesem Rückzug eine unfreiwillig komische Note verleihen: „des windes saugen an den warzigen pupillen der felsen“ (S. 85) oder „nichts geschehen, doch Verschiebungen … vage“ (S. 87), besser noch „Die Brust. Die Milch. Die Trauergelatine“ (S. 94). Die Trauergelatine! Ein gutes Bild, aber nur für das Buch. Oder „Ich war nie ein Land und Ich war nie ein Wir.“ (S. 102). Aha. Ich auch nicht. Ein gutes Bild für den Mißstand auch „das verlangen einen kirschkern gespuckt zu haben“ (S. 147). Warum tust Du es nicht einfach? Oder: „… die lähmende Geometrie einer Berührung zu beschreiben“ (S. 209). Das Einfachste wird verschwurbelt und erscheint merkwürdig ungelebt, hölzern und blutleer in diesem Buch. „… kein gänsefüßiges Vollstopfen mit Anmerkungen zu dieser und jener unersetzlichen Lotophagentinktur“ (S. 192). Aber genau so scheint es doch! „Am Grund der Diskurse schwimmt ein Fisch“ (S. 167), ein Fisch von Germanisten für Germanisten, um nicht zu sagen: von promovierten Germanisten für promovierte Germanisten, gespickt auch mit Chiffren von Bildungsangebern für Bildungsangeber: „nur die sonden blieben von den rückzügen / des pelagischen amniom, das uns umgab, reckten / sich langsam wie schwarze astern bei wachsendem / turgor, blüten, denen seltsame kinder entstiegen: wir.“ (S. 232). Ja, seltsame Kinder. Zitate so auszuwählen, mag unfair sein, und natürlich gibt es da hier und da auch das, das besser oder zumindest weniger schlecht gelungen ist, zum Teil von den selben Autoren. Disambiguierende Kontexte gibt es jedoch nicht. Über 95%, vielleicht bis zu 99% der Bevölkerung würden dieses Buch sehr schnell wieder zu Seite legen, falls es ihnen – zufällig – begegnen sollte. Dieser Prozentsatz ist viel zu hoch. Trotzdem und trotz der – von Ausnahmen abgesehen (Rinck, Lafleur, Flenter, Preckwitz, weitere) – sehr anstrengenden Lektüre: wer als „literarisch gebildeter Nichtgermanist“ die deutsche Gegenwartslyrik kennen will, sollte sich diesen Band besorgen. Wegen der wenigen Perlen und auch einfach, um die Augen nicht zu verschließen vor der Realität der deutschen Gegenwartslyrik, die sich nicht „ihre Öffentlichkeit organisiert“, wie der Klappentext verheißt, sondern offenbar auf der Flucht vor einem breiteren Publikum suizidiert.

Der eiserne Reif an der Hand, der blutleeren —
Sagt so viel mehr.

Es ist eine blutleere Hand,
Blaß ausgestreckt,
Mit dünnem, mattgrünem Geäder,
Und zitternd gereckten, blauen kranken Adern.
Und die graue leere Hand
Liegt hungernd geöffnet.

so rosten sie vor sich hin in den gewölben
der philosophie und zersetzen so die notwehr
bis diese stumpf ist und blutleer
als resultat bleibt nur eine weitere erschwernis
der haftbedingungen im arbeitsprozeß
wo ich philosophie betreibe aus reiner notwehr.

Wie blutleer sind doch eure Lehren,
zum Sterben taugen sie allein.
Wer sich bewahrt, der muß sich wehren;
zum Leben hilft kein Heil’genschein !

Auch die Liebe ereignet sich vorwiegend als blutleere Idee von der Liebe, gemäß dem Bekenntnis: „Was schon bedeutet nur menschliche Liebe? / Ich erschaffe die Ewigkeit der Liebe in meiner Seele.“

Er mochte keinen Kartoffelbrei,
zu blutleer war dieser dem weißen Hai.

Solange solche Gedichte geschrieben werden, braucht man die Frage nach dem blutleeren Ästhetizismus in der Lyrik nicht mehr zu stellen.

“(…) blutleer und möchtegernhermetisch wie seine verkrampft-verkopften gedichte (man liefere mir konkrete gegenbeweise, falls ich zu brutal urteile!) (…)

ES HAT NIE JEMAND EINEN GEGENBEWEIS GEPOSTET !!! WAS SOLL ICH DAVON HALTEN ???

Antwort

dass man es nicht für nötig gehalten hat, da weiter drauf einzugehen, weil es für sich spricht. da hat dich wohl die trauer ob der vielen toten überwältigt.

Die blutleere Hülle, sie findet in sich praktisch keine Energie!

Der neue Gedichtband des Hannoveraner Schriftstellers Kersten Flenter ist im Gegensatz zu viel anderer zeitgenössischer Lyrik nicht blutleer und langweilig. Denn bei Flenter geht es ums Ganze, ums Leben, und das farbenfroh und manchmal charmant, zumeist aber dringlich. Das macht die Texte so lebendig. Plötzlich fragt man sich beim Lesen, ob man selber schon ein paar Kompromisse zuviel gemacht hat beim Erwachsenenwerden.
Flenter gibt keine langweiligen Antworten, sondern zeigt Ambivalenzen auf – innerhalb des lyrischen Ichs und im Zwischenmenschlichen. Immer wieder geht es um Wünsche – und den Versuch, sie sich zu erfüllen und dabei Mensch zu bleiben.

Es sind von mythischen Gespenstern durchtränkte Gedichte: wie Sehnsüchte, verlorene Träume, innere Kerne in der äußeren Schale der Zeit, wie Kontraste, die an der Wirklichkeit verbleichen und brechen; wie blutleere Gedanken, die durch ein verlassenes Heute geistern: mythische (Spuk-)Figuren …

Das Blutleere und Unwirkliche war das eigentlich Gespenstische an dem Fall Minou – das Element der Magie, das die mißtrauische Grobheit der Kritiker und Reporter später vordergründig in die Formel der Mystifikation oder auch des simplen Betruges übersetzte. Aber die Mystifikation, nach der sie suchten, erwies sich am Ende nur als Imitation, als Fähigkeit zur Nachahmung des Gebärdenspiels der Genialität.

Was bewahrst du
In der Blässe des Gesichts
In der Blutleere des Wortes
Was verbirgst du

Die zehnte Leibesfrucht
Oder deine Jahre

Und diese ganze blutleere, nervöse Gesellschaft da droben vor dem Wagnertheater, die wie zu einem hysterischen Congreß versammelt, sich spasmodisch angähnt, und nach Extasen lechzt.

Sie wandten sich gegen das in dieser Zeit heftiger sozialer Kämpfe blutleer anmutende klassische Schönheitsideal und gegen die ihnen flach erscheinende französische Dichtung, indem sie auf die Skandinavier (Björnson, Ibsen) und Russen (Turgenjew, Tolstoi, Dostojewski) hinwiesen. Doch wollten sie nicht nur die Kunst, sondern alle Lebensbereiche auf die Grundlage der gewandelten gesellschaftlichen Verhältnisse, der naturwissenschaftlichen Erkenntnisse und der daraus entstandenen populär-materialistischen Philosophie stellen.

Im NS-Organ „Die Bücherei 2:6“ wurde 1935 eine Auflistung jener Literatur gegeben, die verboten bzw. auszusortieren war:

  • Die Werke von Landesverrätern, Emigranten und von Autoren fremder Völker, die glauben, das neue Deutschland bekämpfen und herabsetzen zu können. (H.G. Wells, Rolland).
  • Die Literatur des Marxismus, Kommunismus, Bolschewismus.
  • Die pazifistische Literatur.
  • Die liberalistisch-demokratische Tendenz- und Gesinnungsliteratur und die Propagandisten des Weimarer Staates (Walther Rathenau, Heinrich Mann).
  • Alle Werke zur Geschichte, die darauf angelegt sind, die Herkunft, das Wesen und die Kultur des deutschen Volkes herabzusetzen, die deutsche Volksordnung in ihrer Art und Rasse aufzulösen die Kraft und Bedeutung großer Führergestalten zugunsten der Masse infolge Gleichheitsgedanken zu verneinen und deren Größe in den Schmutz zu ziehen (Emil Ludwig).
  • Schriften weltanschaulichen und lebenskundlichen Charakters, deren Inhalt die falsche naturwissenschaftliche Aufklärung eines primitiven Darwinismus und Monismus ist (Haeckel).
  • Bücher über Künste, deren Vertreter der entarteten blutleeren, rein konstruktiven „Kunst“ positiv gewürdigt werden (Grosz, Dix, Bauhaus, Mendelsohn).
  • Schriften der Sexualpädagogik und zur sexuellen Aufklärung, die sich in den Dienst des Genussegoismus der Einzelperson stellen und damit volks- und rassezerstörend im höchsten Grade wirken (Hirschfeld).
  • Die dekadente, zersetzende, volksschädliche Literatur der „Asphalt- und Zivilisationsliteraten“! (GrafH. MannStefan Zweig,WassermannFranz Blei).
  • Die Literatur jüdischer Autoren, gleichviel welcher Gebiete.
  • Die Gesellschafts- und Unterhaltungsliteratur, in der das Leben und die Lebensziele auf dem Grunde einer bürgerlichen oder feudalen Lebensauffassung in oberflächlicher, unwahrer und süßlicher Weise dargestellt werden.
  • Der nationalistische, patriotische Kitsch in der Literatur (P.O. Höcker!).

Des Kaisers leidenschaftliche Liebe zu Bianca Lancia wird dem Leser in atemlosen, keuchenden Ellipsen nahegebracht – nominal und herrisch. Diese private Dichtung trennen Welten von jener höfischen, die der Kaiser sonst geschrieben hat und offiziell so sehr forderte, daß von einer „Sizilianischen Dichterschule“ gesprochen wird. In seinen Erinnerungen schmäht Friedrich diese von den Provenzalen eingeführte Lyrik mit ihrem Minnedienst und ihren belles dames sans merci. Unter vier Augen teilt er dem Leser mit, daß er solche Verse für verlogen, unwahr, kalt und blutleer hält.

Von Herrn Carričre hätte ich mir etwas mehr Engagement und Pathos erwartet, gerade bei den Schillerballaden ‚Die Bürgschaft‘ und ‚Der Taucher‘. Frau Thalbachs Stimme dagegen wirkt blutleer und kalt, mit ihr konnte ich mich überhaupt nicht anfreunden.

fühle mich blutleer. Aus Liebe gebor’n  ich versuche nun zum ersten Mal ein Gedichtzu kommentieren, und hoffe es gelingt mir.

Wilhelm Lehmann, … vollends ist völlig blutleer. Ich bin vielleicht undankbar gegen Britting, der mich ja hineinehrte, aber seine Gedichte sind für mich Nullitäten
benn macht süchtig, jedenfalls mich. die bachmann aber kann lyrisch keinem anspruch das wasser reichen. weder ist in ihrem lyrischen werk (und ich vermute deshalb: auch in den prosastoffen) eine besondere sprachliche begabung zu erkennen, noch kann von einem redlichen intellektuellen bemühen gesprochen werden. etwelchen kostbaren und sehr vereinzelten strofen stehen unzählige irrelevante, nichtssagende produktionen, türmen sich blutleere und billige trivialitäten entgegen, fastfoodreimereien überhaupt keines geschmacks. was sich leider ebensosehr von den lyrischen ergüssen, oder was dafür gehalten wird, der neueren und neusten zeit sagen lässt. ob die zeitläufte schlecht für die dichter und der markt nur konfektionsware zulässt und belobigt und bepreisverleiht? klar ist alles schon gedacht und gesagt worden, doch darum kann es in der poesie und ganz allgemein in der literatur nicht gehen: das kriterium für qualität heisst einzig – die form. wie etwas gesagt wird, auf welche weise neu, unverwechselbar. man lebt nicht mehr in der zeit goethes, und darum ist auch unser lebensgefühl ein anderes. kunst aber schafft nur, wer ein echtes lebensgefühl zur sprache bringt, wer selbständig denken und erfühlen kann und nicht einfach irgendeiner mode, einem gerade aktuellen mainstream nachhinkt. oder vorauseilt, jenachdem.
Ist das hier eigentlich eine Höhere Töchterschule,
eine Besserungsanstalt, ein Knast? Häutet Ihr eure Kaninchen
heimlich hinterm Schuppen, wo die Regentonnen
unter der Traufe stehen wie besoffene Bauchtänzerinnen,
oder wo lasst ihr euren Hass? Ist das hier eine Weide,
eine blutleere Wolke, ein seit dreißig Jahren ertrinkendes Kind?
 rhythmisch und abgehackt vorlesen, skandieren wir das Gedicht so hören sich die Verszeilen wie die blutleeren Schläge eines Preßlufthammers an.
Hochachtungsvoll wird blutleer geschrieben.

Julia Roberts spiele „wie immer sich selbst“ – „ziemlich blutleer, so wie der ganze Film“.

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Nicht der pflügende Bauer oder die Farben des Herbstwaldes hatten es dem arbeitslosen jungen Buchhalter angetan, sondern der selbsterlebte, bis anhin als unpoetisch geltende Alltag der Stadtbewohner, die Sorgen und Nöte der durch die Krise besonders hart getroffenen Arbeiter und Angestellten. Dass sein politisches Engagement nicht blutleere Theorie, sondern eine Sache des Mutes war, zeigte sich zwei Jahre später, als Ehrismann eine Gefängnisstrafe wegen Dienstverweigerung auf sich nahm. Schiffern und Kapitänen widmete er die wenigen, aber ebenso ergreifenden wie formvollendeten Gedichte, die auf Anregung Albin Zollingers damals entstanden, denn in der Zelle des Meilener Bezirksgefängnisses hatte er einen Spaltbreit Zürichsee vor Augen!

Die blonden blutleeren Mädchen lachen.

Das Alter hat nämlich auch Vorzüge: „Erst seit ich alt bin kann ich/ Auf dem Rücken schlafen.“ („Rückenlage“), das zweistrophige Titelgedicht setzt noch einen drauf: „Die Jahre kann man nicht aufschlitzen/ So bleibt im Bauch die Lebenstrauer./ Der Jäger liebt den Gassenhauer/ Und vom Hochsitz runterspritzen.“ Wer also immer noch meint, Gedichte seien nur was für blutarme Legastheniker oder Autisten unter „www.dichtung-fuer-fans.wuerg.“, der darf sich bei Salomon eines Besseren belehren lassen.

51. Neuer Wort Schatz (III)

Er ist wieder da (auch wenn das Vorwort behauptet: „Neuer Wort Schatz wird keinen dritten Teil erhalten“): der Neue Wort Schatz mit einem wöchentlichen Gedicht-Kommentar. Nun nicht mehr im Titel-Magazin und nicht mehr herausgegeben von Gisela Trahms und Daniel Graf, sondern  (ausdrücklich unter Berufung darauf: „Wir nehmen das gleiche Feld und ernten und roden was das Zeug hält“)  auf culturmag.de, herausgegeben von Carolin Callies und Yevgeniy Breyger.

Aktuell: Simone Kornappel über Norbert Langes Gedicht „Die Stare Hjertøyas (w)“. Zuvor: Fabian Thomas über Ann Cotten, Tristan Marquardt über Ron Winkler und Carolin Callies über Sünje Lewejohann.

Schön auch, dass der neue Erscheinungsort auch die erste und zweite Staffel zugänglich hält.

50. Kolibris

Ein Sprechen über etwas, worüber man eigentlich nicht spricht, weil sich die Gedanken meist außerhalb des eigenen Körpers zu bewegen scheinen, so sieht Ann Jäderlund ihre Situation, in der sie Antworten auf ihre Fragen sucht. Bei Petr Borkovec hingegen können schon mal Kolibris durch seine Zeilen schwirren, ein silberner Arm eine Rolle spielen oder das Leben im Zirkuszelt stattfinden. Zwei ganz unterschiedliche Herangehensweisen, jede auf ihre Art mühelos in der Lage, die Zuhörer mitzunehmen.

Viel Beifall für einen vielversprechenden Auftakt der diesjährigen Mühlberger-Tage. / Südwest Presse

48. Gedichte der Nacht

In der Stunde vor Mitternacht lese ich meist acht bis zehn Gedichte, die meisten auf Englisch, auf verschiedenen Webseiten. Gedichte des Tages als Gedichte der Nacht. Heute u.a. diese beiden:

Mendel Nejgreschl

(1903-1965)

Aprilregen
das ist der Frühlingsbote: Frostgezitter,
mystischer Schreck und messerscharfe Freude.
Ein nacktes Pferd mit aufgeblähten Nüstern,
streckt aus den Hals zum stählernen Gewitter.
Ein Hund, der bellt auf aufgewühlten Wegen.
Die Welt hat sich vom Fleck gerührt – und geht…
In Blitz und Donner an des Hauses Schwelle steht
ein Kind – und melkt mit kleinen Händen Regen…
(1924)

aus: In a Schtodt woss schtarbt. In einer Stadt, die stirbt. Jiddische Lyrik aus Wien, (die Anthologie erschien 1995), übersetzt und hrg. von Gabriele Kohlbauer-Fritz, Kuratorin des Jüdischen Museums in Wien.

Zu Mendel Nejgreschl gab es lt. Google in den letzten beiden Jahren keinen einzigen Neueintrag auf irgendeiner Website. Fixpoetry erinnert an den vor 110 Jahren Geborenen mit einem April-Gedicht aus seinem Band „Im schwarzen Malches“, der 1924 erschien. Nejgreschl (eigentlich Max Neugröschl), war einer der wichtigsten Vertreter der expressionistisch-jiddischen Literatur in Wien. Er war Herausgeber der Zeitschrift „Jiddisch“, wurde 1938 verhaftet und in das KZ Buchenwald verschleppt, von wo aus er später in die USA emigrieren konnte. (fix zone april 2013)

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Pompeii

The rich men, they know about suffering
That comes from natural things, the fate that
Rich men say they can’t control, the swell of
The tides, the erosion of polar caps
And the eruption of a terrible
Greed among those who cease to be content
With what they lack when faced with wealth they are
Too ignorant to understand. Such wealth
Is the price of progress. The fishmonger
Sees the dread on the faces of the trout
And mackerel laid out at the market
Stall on quickly melting ice. In Pompeii
The lava flowed and buried the people
So poems such as this could be born.

 

CHARLES BERNSTEIN

Recalculating
The University of Chicago Press