18. Bildermagazin

Der türkische Gelehrte Sururi, ein berühmter Kommentator persischer Dichter, stellte in seiner Poetik „Bahral-maarif“ („Das Meer der Kenntnisse“) die schönheitsbeschreibenden Symbole persischer und arabischer Dichtung in Rubriken zusammen und belegte sie mit Beispielen. Der Orientalist Joseph von Hammer-Purgstall, der 1812/13 die erste deutsche Gesamtübersetzung der Gedichte von Hafis veröffentlichte, rückt die Liste (ohne die Beispiele) in seine „Geschichte der schönen Redekünste Persiens mit einer Blüthenlese aus zweyhundert persischen Dichtern“ (Wien 1818) ein. Unendlich zwar sei „das Gebieth der Natur und die Herrschaft der Einbildungskraft“ („welche aus jenem ihre Vergleichungen hernimmt“), bei beiden prinzipiell keine Grenzen absteckbar, dennoch hätten „von jeher bey verschiedenen Völkern nach Maßgabe der verschiedenen Himmelsstriche, der Naturscenen, der Erziehung, der Gesetzgebung und der Religion“ gewisse Vorlieben bestanden. Dies sei besonders im Gebiet der Metaphern und Gleichnisse der Fall, „welche das große Farben- und Bildermagazin der Poesie“ seien.

Interessant folgender Gedankengang Hammers: „Ausnahmen großer origineller Geister, welche sich über die vor ihnen bestandenen Schranken erhoben, und durch die Excentrität ihres Hippogryphenfluges die Freyheit der Einbildungskraft beurkunden, und gleichsam von Zeit zu Zeit wieder gebähren, gehören nicht hierher.“ Für Hammer sind die Exzentriker Ausnahmen – er nennt unter den Deutschen nicht das frühere Kraft- und Originalgenie Goethe, sondern Jean Paul, „dessen Muse sich aus dem Orient nach dem Occident verirrt, und um als Fremdlinginn unerkannt zu bleiben, die Larve des Witzes und der Laune vorgenommen zu haben scheint, dessen Phantasie deutscher  Poesie wohl als Kronjuwele, aber deutscher Cultur und Bildung nicht als Gemeingut angehört.“

Eine in der Tat aufschlußreiche Wahrnehmung eines Zeitgenossen zur (von heute aus gesehen) Modernität Jean Pauls. Kann es sein, daß die von vielen beklagte Unverständlichkeit moderner Kunst in einer Aufkündigung kultureller „Codes“ besteht, und Jean Paul mit seiner befreiten Phantasie einer ihrer Vorläufer und Propheten?

Wie dem sei: Goethe verdankt von Hammer wichtige Anregungen. Seinem auf die Hafislektüre folgenden Gedichtbuch „West-Östlicher Diwan“ glaubte er einen zweiten, im Umfang noch dickeren Band „Noten und Abhandlungen zu besserem Verständnis“ hinzufügen zu müssen. Darin auch ein Abschnitt über Chiffren.

Ich übernehme die bei der Lektüre östlicher Gedichte (und vielleicht auch des späten Goethe oder etwa Friedrich Rückerts?) überaus nützliche Liste Sururis sukzessive in mein Diktionär (und den Lyrikwiki).

17. METASOZIALE ANTI-POETIK

Tom de Toys, aus:

SOMATOFORME METATHERAPIE 2013. SCHREIBTHERAPEUTISCH BEGLEITENDER BEFINDLICHKEITSBLOG

„Zeige deine Wunde, weil man die Krankheit offenbaren muss, die man heilen will.“ Joseph Beuys 1974

„Préverts Markenzeichen als Lyriker ist die Schlichtheit und Verständlichkeit der meisten seiner Gedichte, die zwar voller raffinierter Wortspiele und überraschender Metaphern sind, aber dennoch eine unmittelbare Poetizität ausstrahlen und eine eingängige Botschaft vermitteln.“ Wikipedia 2013

3.9.2013, sOMatoform 29

Lord Lässig, Live-Reflexionen per SMS-Speicher

im „salon des amateurs“ am Ddorfer Grabbeplatz

METASOZIALE ANTIPOETIK
Auf den ersten blick erscheint mir der begriff einer Sozialen Poetik als exakte verdrehung der anspielung auf die Soziale Plastik des Joseph Beuys. Denn während ja damals DAS PLASTISCHE MOMENT den visionären gesellschaftsbegriff als „von innen heraus gestaltet“ (im gegensatz zur skulptur, die durch wegmeißeln von außen übrig bleibt) künstlerisch näher definieren wollte, quasi als bewegliche masse kreativ erwachter individuen, soll doch im falle der aktuellen poetik wohl eher eine spezielle poetik, nämlich eine, die DAS SOZIALE MOMENT betont, gesucht sein, so daß die poetik quasi wie ein formaler rohling vorausgesetzt wird und nun in eine bestimmte denkrichtung entwickelt werden müßte, um sozial zu wirken oder gar soziales zu bewirken, indem ihre beispiele, real-existente gedichte, den leser bestenfalls derart beeinflussen, daß dessen asoziale tendenzen eben durch lesen sozialer poesie therapiert würden. Aber kann das mit Sozialer Poetik gemeint sein, kann von poesie überhaupt derartiges verlangt werden? Es wurde schon oft eingefordert und hat sich leider nie wirklich erfüllt. Die „rebellischen“ tendenzen historischer poetiken mit sozialem impuls waren zwar ausdruck von zeitkompatiblem lebensgefühl oder begleiterscheinung von unzeitgemäßen avantgarden, aber selbst ihre besten gedichtbeispiele konnten die welt nicht nachhaltig verändern, sondern nur einigen wenigen als seelischer support dienen. Was also könnte und sollte eine Soziale Poetik heutzutage darstellen? Ich bin gespannt, welche ansätze die 3 gäste im salon des amateurs gleich präsentieren und ob sie den spieß vielleicht umdrehen und nicht das soziale suchen sondern sich mit derselben logik wie der beuysianische begriff fragen: was ist DAS POETISCHE MOMENT am sozialen, inwiefern lässt sich die gesellschaft poetisch definieren, oder: kann die gesellschaft real-utopisch poetisiert werden? Der zweite blick stellt sich bereits ein, während ich auf einem gemütlichen schwarzen ledersofa sitzend den 5 diskutierenden lausche: sie thematisieren REINGEISTIGE labyrinthisch-literarische abstraktions- und transzendierungsprozesse, durch die sich das ich in provisorisch-ideale begriffe einbettet, mithilfe derer die welt in jeweiliger weise wahrgenommen wird. Dabei fallen mir zwei wohlvertraute selbstlügen auf: die identifizierung des ichs mit einem BEGRIFFSOBJEKT anstatt mit sich selbst als vorsprachliches seinsgefühl, wie es von Alan Watts schon taoistisch erläutert wurde. Und andererseits der neurobiologisch längst ad absurdum geführte irrglaube, die welt sei tatsächlich so, wie wir sie denken, weil sie in echt immer nur eine interpretation unserer geistigen haltung darstellt anstatt ichfrei beschrieben werden zu können. Dadurch relativiert sich jede weltsicht, sei sie nur individualistisch originell oder sogar kollektiv abgesegnet, als zeitgeist, bewegung, partei oder poetik einer generation, kunstrichtung oder epoche. Die frustration über die wechselnde weltsicht des sich verwandelnden ichs (bzw des kostüms, in das es sich kleidet) fördert eine subtile sehnsucht nach einer ERFAHRBARKEIT SEINER SELBST (AUCH IM LITERARISCH PROJIZIERTEN VIRTUELLEN SPRACHRAUM) unabhängig von modischen strömungen, stilen, begriffen und denkrichtungen jeder coleur, also das bedürfnis nach einer geradezu „asozialen“ poetik, die ich sogar als autistisch bzw antiparadiesisch anstatt utopisch bezeichnen würde. Die sprache als rein pragmatischer konsens über einige ausreichende wörter ermöglicht kommunikation als spontane kommunion ebenso wie der nonverbale direktsinnliche austausch von handlungen, gesten, mimik und im speziellen erotischen zärtlichkeiten. DAS INTERAKTIVE MOMENT sorgt entscheidend dafür, inwiefern wir das gegenüber, sei es der echte mensch oder seine poesie, nachvollziehen oder gar verstehen können. Mit interaktion fängt das neue paradies überhaupt erst an zu atmen! Der eintritt über die Kleistsche hintertür GESCHIEHT AUTOMATISCH in jedem moment einer restlosen begegnung zwischen dem kostümierten ich und dem dazu passenden maskenball. Tanzschritte werden zuhause geprobt (wie auch immer sich heimatgefühl bei jedem einzelnen im raumlosen ich anfühlt), angewandt (im real-interaktiven raum) und korrigiert (ideologien, dogmen, moralvorstellungen, tabus und poetologien moduliert), manchmal der falsche event wieder verlassen (das felsenfeste ich bleibt seinen idealen dann stur treu), um ziellos durch die straßen (=sprachen) zu streunern, bis irgendwo in der wüste der seele eine neue oase am horizont auftaucht, die sich erst bei konsequenter ankunft in ihrer absoluten nähe als fatamorgana erweist. Diese entdeckung der auflösung aller objekte aus allernächster nähe ist mittlerweile eine interdisziplinäre erkenntnis, die jedes nachgeborene ich erstmal in seiner selbstwahrnehmung erreichen muß. Hier treffen neurobiologie, astronomie und quantenphysik auf die gesamte bandbreite der individualpsychologie von historischen mythen über die aufklärung, die sehrspätmodernen ich-kulte bis hin zu transpersonaler mystik und postmoderner psychosynthese mit ihrer „leeren mitte“ als neuen ausgangspunkt für ein integrales ich-empfinden, das KEINEN LITERARISCHEN (SYMBOLISCHEN) RAUM mehr benötigt, um sich als lebendiges leben direkt zu definieren! Wer die geschichte der literarischen strömungen und dogmatischen anmaßungen als individualpsychische prozesse studiert, wird überrascht feststellen, wieso wir so manchen skandal nachträglich als lächerlich oder trivial empfinden:hinter den akademischen scheingefechten verstecken sich einzelne leidende sinnsucher (das große tabu aller roboter!), die ihre beuysianischen wunden nicht zeigen können und jede narbe stattdessen strategisch vergolden. Denn die psychologische schnittstelle zwischen biografischem erkenntnisprozess und literarischer verallgemeinerung wird immer noch elegant hinter gefeierten worthülsen verschleiert, die professionell und seriös genug klingen, um die persönliche seelisch stimulierte betroffenheit der autoren in einer sprachverliebten selbstinszenierung neologistisch zu sublimieren (wie in den lyrischen hyperreflexionen eines Oswald Egger noch eigenweltlerischer deutlich wird als in den am banalen alltag orientierten honigprotokollen einer Monika Rinck). Daß keine einzige thematische und stilistische inspiration ohne die tabuisierte psychografische motivation souverän in das akademische betriebsklima einfließt, scheint weiterhin nur neurologen, psychiater und posthume biografen interessieren zu dürfen, selbst (oder vorallem) wenn die neurotischen muster der kreativen impulse zu antihermetisch hervorstechen und das werk zu entzaubern drohen. Nur backstage darf von den insidern höchstselbst hinter vorgehaltener hand über des kaisers neue kleider geschmunzelt werden, aber die etiketten on stage müssen ihr pseudoprestigeträchtiges eigenleben entwickeln und dann verteidigen, wie jedes label der modebranche bemüht ist, die firma durch alle saisontrends hindurch ins nächste jahrzehnt hinüber zu retten.Wenn die etikette anachronistisch anmutet, erhält sie ein lifting, um markttauglich zu bleiben. Und so wird aus dem historischen surrealismus ganz leicht ein innovativer fotorealismus, ein noch progressiverer poprealismus und irgendwann ein metarealismus und nach dem infarkt wieder ein sozialer realismus, der psychologisch dasselbe surreale muster bedient wie die klassische avantgarde, aber aufgrund der oberflächlich NEUEN PHÄNOMENE auch als tiefgreifend innovativ inszeniert werden kann. Design ist das wahre hurzgesicht der dichter, die DAS HUMANISTISCHE MOMENT ihrer werke hinter formaler komplexität und stilistischer feuerfestigkeit verschleiern, weil sie sogar von sich selbst peinlich berührt sind, wenn sie ihr seelisches gesicht hinter den masken verraten. Fast könnte man meinen, die auseinandersetzung mit der eigenen autorenschaft fände nur auf einem sublimierten niveau statt, das sich nicht als person zu persönlich thematisieren darf, wenn der dualistische glanz „objektiver“ (antipsychischer) hochliteratur für das prestige in der medialen öffentlichkeit gewahrt werden soll, obwohl jeder weiß, daß der kaiser nackt ist, genauso wie die mystik der werke von großartigen ausnahmedichtern wie Ernst Meister eben KEINE SEKUNDÄRHERMETIK benötigt sondern die wahre kraft seiner kurz angebundenen worte erst durch ihrehumanistische trivialisierung auf den bereiten, ja suchenden leser voll wirken kann! Das zeichnet ein gutes, soziales gedicht eigentlich aus: daß es WIRKT, nämlich die SEELE DES LESERS berührt, dessen lebensgefühl nachhaltig beeinflusst, in eben derselben direkten weise, wie sich der dichter beim schreibvorgang selbst durch sein eigenes gedicht auch psychisch (und damit auch weltanschaulich) verwandelt hat. Die neuronale auswirkung der wörter ist der entscheidende maßstab für die persönliche qualität eines textes, unabhängig vom stil und dem gewählten thema. Weder die form eines sonetts noch dessen sensationistischer inhalt sind kriterien „an sich“ für das sterile prädikat ‚wertvoll‘, ‚authentisch‘, ‚innovativ‘, ‚originell‘ oder ‚zeitgemäß‘, sondern die emotionale bedeutung des werkes im öffentlichen konsens einer demokratischen mehrheit zu einer bestimmten zeit. Sogesehen hätte der soziale wirkungskreis von Allen Ginsberg, Eva Strittmatter und Jacques Prévert den nobelpreis weit eher gerechtfertigt als die zwei dünnen gedichtbände des Tomas Tranströmer, der noch viel „schwieriger“ zu lesen ist als Ernst Meister, und den niemand außerhalb des literaturbetriebes vor der verspäteten reputation kannte. Hier beißt sich die schlange in ihren eigenen schwanz und das problem der verbalen gratwanderung zwischen der dynamik des psychischen und des lyrischen ichs gewinnt oberhand, wie es im laufe der diskussion aus philosophischer UND quasipsychotischer sicht von den gästen aus erster hand angedeutet wurde, was mich schlußendlich beruhigte, denn so zeigt der angeblich soziale begriff einer „erweiterten“ poetik, die wegen des persönlichen herstellungsprozesses auch als Psychoide Plastik definiert werden darf, das unvermeidbar menschliche antlitz der dichtung, die eben nicht willkürlich von einem computerprogramm generiert wird: die verzweifelte suche des autors nach wörtern IM SICHTFELD SEINER EIGENEN WAHRNEHMUNG beider seiten der baren münze (welt & seele), mithilfe derer das angestrebte gedicht „aufgebaut“ werden soll. Rilke hat demgemäß vielleicht doch „zu viel“ seele im werk, während die rein deskriptive neuere popliteratur aus dem hause adlon „zu wenig“ seele zeigt. Als harmonische mischung aus beiden komponenten wirkt manch ein text von Rolf Dieter Brinkmann auf mich, aber auch völlig entgegengesetzte autoren wie Antonin Artaud in seinem theater der grausamkeit, wenn er seine eigene seelendramatik instinktiv im vergleich mit der gesellschaft analysiert, die er als gift für den geist empfindet: „Denn die Wirklichkeit ist nicht vollendet, / sie ist noch nicht konstruiert. / Von ihrer Vollendung hängt / in der Welt des ewigen Lebens / die Rückkehr einer ewigen Gesundheit ab. (…) Das Leben / ist nicht aus einer intellektuellen Herrlichkeit, / noch aus der spirituellen Schönheit der Einfachheit, / noch aus der objektiven und konkreten Schönheit der Einfachheit, noch aus der Einfachheit selbst geschaffen worden, / sondern dahinten und entfernter / aus Fleisch, / ohne Räsonieren und ohne Bewußtsein, / wo es nichts gibt, / / und das IMMER so sein wird. //“ Mit diesen leicht wahnsinnigen zeilen im kopf laufe ich von der kunsthalle zur ubahnstation Heinrich Heine allee und bemerke, wie anregend der abend im salon des amateurs für mich war, obwohl sehr viel offen blieb oder noch nicht einmal angedeutet wurde. In diesem verunsicherten sinne möchten mein hier vorliegenden live-reflexionen ein wenig dazu beitragen, den nachhaltigen wert der veranstaltung schon jetzt in gewisser weise hervorzuheben und dem germanistischen drahtzieher Enno Stahl dafür zu danken, in diesen sozial-allergischen und dabei zugleich sozial-hysterischen zeiten eine lesung organiert zu haben, die geradezu nach metasozialer fortsetzung schreit, um mit dem finger in der nächsten wunde zu bohren…

HISTORISCH WERTVOLLE FASSADE (c) De Toys, 3.9.2013 @ Düsseldorfer Altstadt
HISTORISCH WERTVOLLE FASSADE (c) De Toys, 3.9.2013 @ Düsseldorfer Altstadt

16. Al Kamara

Seit Manfred Seidl sich im vorigen Jahr mit dem sogenannten arabischen Frühling beschäftigt hat, ließ ihn das Thema nicht mehr los. Ihn beeindruckten die Demonstrationen in Tunesien und Ägypten für Freiheit und Menschenrechte so sehr, dass die Idee zu einem Benefizkonzert des Osterchorsteinways, dessen Leiter Manfred Seidl seit 1989 ist, für Medico International entstand. Nach intensiver Auseinandersetzung mit dem Thema ist daraus nun ein Chorkonzert inklusive einer Lesung unter dem Titel „Al Kamara – Gebt uns unsere Würde wieder!“ geworden. Darin werden Vertonungen aktueller arabischer Gedichte zu hören sein, die Manfred Seidl teilweise direkt aus dem Internet gezogen hat. (…)

In Chorliedern und Texten werden exemplarisch die Schicksale dreier Menschen erzählt: Das des tunesischen Gemüsehändlers Mohamed Buazizi, der mit seiner Selbstverbrennung die Proteste und Demonstrationen in Tunesien auslöste; das der Dichterin Ayat Al Qurmezi aus Bahrain, die in Gedichten ihren König anklagt und unter Einsatz ihres Lebens an friedlichen Protesten in ihrer Heimat teilnahm; das der jemenitischen Journalistin Tawalukk Kamann, die 2012 als erste Araberin den Friedensnobelpreis erhielt. / Christian Emigholz, Weser-Kurier

15. Clips gegen den Krieg

Für den Zeitraum 1. September 2013 bis 30. Juni 2014 schreibt die Gesellschaft für zeitgenössische Lyrik e.V. ihren 2. Gedichtfilm-Wettbewerb aus. Eingeladen sind Filmemacherinnen und -macher, Videokünstlerinnen und -künstler sowie Laien aller Couleur, aller Länder und jeden Alters, sich mit bis zu zwei Gedichtfilmen an diesem Wettbewerb zu beteiligen.

Insgesamt stehen 6 Geld- und Sachpreise im Gesamtwert von 2.650 € zu Verfügung. Die Auszeichnungsveranstaltung findet am 14. Oktober 2014 in der Leipziger Stadtbibliothek statt. Am 20. Oktober 2014 werden im DOMFORUM Köln gleichfalls die besten Clips gezeigt.

Vorgegeben werden von der Gesellschaft für zeitgenössische Lyrik 59 Texte, die in der Ausgabe 1/2013 der Reihe „Poesiealbum neu“ mit dem Titel „Gegen den Krieg. Gedichte & Appelle“ veröffentlicht und auf dem Hörbuch „Schwarze Ängste“ als Audio-CD produziert worden sind. / Mehr

14. Schland

Die „Schlandkette“ macht Deutschland kreativ! Gebastelte Ketten, Witze, Gedichte – die BILD-Leser geben ihr Bestes, um eine von zehn echten „Schlandketten“ zu gewinnen, wie sie Bundeskanzlerin Angela Merkel beim TV-Duell am Sonntagabend getragen hat. Eine BILD-Jury entscheidet, wer sich über den Schmuck freuen darf.

Hier eine erste Probe von vielen:

Sie glitzert und sie glänzt,
das Outfit der Kanzlerin perfekt ergänzt.
Eng um den Hals von Frau Merkel geschmiegt,
sie wie ein Vogel in die Twitter-Welt fliegt.
Als heimlicher Star im Kanzlerduell,
wird Schwarz-Rot-Gold wieder tagesaktuell.
Wir froh ich doch wäre,
über solch eine adrette Schlandkette.

13. Stuttgarter Lyriknacht

Die drei Häuser für Literatur in Stuttgart haben sich 2004 zum ersten Mal zusammengeschlossen, um zu einer Nacht der Lyrik einzuladen. Seitdem besuchen zahlreiche Gäste jedes Jahr dieses Wortspektakel.

Am Freitag, 6.9., gibt es u.a.

  • Mit „Dichter im Dialog“ startet der Abend um 19 Uhr im Max-Bense-Forum mit dem Programm des Stuttgarter Schriftstellerhauses. Der Heidelberger Literaturkritiker Michael Braun stellt Rainer Brambachs Werk vor und folgt den Spuren seiner Dichterfreundschaft mit Günter Eich. Dazu liest der Sprecher Florian Ahlborn Gedichte.

    Rainer Brambach (1917-1983) war ein Lyriker außerhalb der Moden, der Cliquen, der Trends: Der ungelernte Landarbeiter und Gärtner fand als lyrischer Autodidakt in Basel seinen Weg in die Literatur. Gemeinsam mit seinem besten Freund Günter Eich entwarf er die ästhetisch eigensinnigste Dichtung der Nachkriegszeit.

  • Um 20.30 Uhr präsentiert das Literaturhaus Uwe Kolbe und Nico Bleutge mit „Lietzenlieder“ – „verdecktes gelände“ im Max-Besen-Forum der Stadtbibliothek. Ein Gespräch in Gedichten gibt Einblick in Uwe Kolbes Band „Lietzenlieder“ (2012) und Nico Bleutges Band „verdecktes gelände“ (2013).
  • In der Galerie b läuft Jörg Piringers Video-Installation „unicode infinite“. Der international bekannte Digital-Poet aus Österreich arbeitet in den Bereichen zwischen Sprachkunst, Musik, Performance und poetischer Software.

Alexander Kappen, Stuttgart-Journal

12. Stammtisch

Ts, ts:

Wenn am lyrischen Stammtisch nach dem möglichen Nobelpreisträger für Lyrik gefragt wird, fallen einige Namen. In der deutschen Literatur reicht keiner an Hans Magnus Enzensberger heran. Doch dass schon wieder ein deutschsprachiger Autor, noch dazu ein so schwer fassbarer intellektueller ausgezeichnet wird, ist unwahrscheinlich. Und Günter Grass, der die aufsehenerregendsten Gedichte der letzten Jahre geschrieben hat, wird dafür den Nobelpreis nicht ein zweites Mal erhalten. / Dieter Lamping, literaturkritik.de

11. Poeticon

Das Verlagshaus J. Frank eröffnet eine neue Reihe und erneuert mit ihr den Aufruf: poetisiert euch!

Die Edition Poeticon ist ein Forum für poetologische Reflexionen, eine Reihe zum Nach-, Um- und Weiterdenken. In der Lyrik eröffnen sich Erfahrungsmöglichkeiten eigener Art. Wie hängen sie mit den Begriffen zusammen, die unsere Diskurse bestimmen und unsere Lebenswelt prägen?
Zeitgenössische Lyrik wird in der Edition Poeticon unter ihrer Optik betrachtet. Politik, Tradition, Liebe, Gewalt, Nation, Geschichte, Wissenschaft, Geschlecht, Tier, Musik, Gedächtnis, Bild, Natur oder Gesellschaft: Dies sind nur einige der Begriffe, die unser Weltverständnis leiten – und deren Bedeutungsumfang Lyrik austrägt, abbaut, erkundet und aufbricht. Sie werden als Themen und kulturelle Hintergründe, als Wirkungsfelder und Formquellen von Poesie kritisch in den Blick genommen.

Die schmalen Bände in offener Fadenknotenheftung versammeln Essays von Dichterinnen und Dichtern, die sich poetologisch auf die zeitgenössische Lyrik und jeweils ein Thema fokussieren. Mit der Zeit wird so ein Katalog an theoretischen Texten zu wichtigen Begriffen in poetischer Annäherung entstehen.

Die Edition Poeticon wird herausgegeben von Asmus Trautsch im Verlagshaus J. Frank | Berlin

Die Edition Poeticon startet im Herbst 2013 mit Veröffentlichungen von Jan Kuhlbrodt, Bertram Reinecke, Swantje Lichtenstein und Tobias Roth. Die ersten vier Bände können hier zum Subskriptionspreis von nur 6,- € vorbestellt werden!

 

10. Wieder: Wahlverwandtschaften

Am Freitag, 6.9., beginnt die Reihe „Poetische Wahlverwandtschaften“ wieder – es beginnen Martin Piekar und Daniela Seel.

Autorinnen und Autoren des Verlagshaus J. Frank | Berlin laden ihre Wunschautor_innen ein, mit deren Literatur sie eine besondere Beziehung verbindet. Diesseits ihrer Schreibtische ergibt sich so für jeden Abend ein neues poetisches Paar, findet in der intimen Atmosphäre der Z-Bar eine literarische Begegnung statt: Die Autor_innen stellen sich einander und dem Publikum in Lesungen vor, lassen ihre Gedichte miteinander in Austausch treten. Sie sprechen über ihre Poetiken, über das, was ihrem Schreiben zugrunde liegt, diskutieren über Gegenwartslyrik und Lyrik in der Gegenwart, über Möglichkeiten und Unmöglichkeiten von Sprache, kurz: sie gewähren einen Blick hinter die Kulissen und zwischen die Zeilen.

Martin Piekar und Daniela Seel
Freitag, 6.9., 21.00
Z-Bar Berlin
Eintritt: 5,- €

Martin Piekar
1990 geboren, Lyrikpreisträger beim 20. Open Mike. Teilnehmer des Schreibzimmers 2007 im Frank­furter Lite­ratur­haus. Ge­winner des Ge­dichts des Jah­res 2010 vom „Lyrix“-Wett­bewerbs des Deutsch­land­ra­dios. 2012 Sti­pen­diat der Stiftung Nieder­sachsen beim Lite­ratur­labor Wolfen­büttel. Mitglied des Jung­autoren­kollektivs des Literaturhauses Frankfurt sexyunderground, veröffentlichte in Lite­ratur­zeitschriften (u.a. POET, Neue Rundschau). Im Frühjahr 2014 erscheint sein Debüt im Verlagshaus J. Frank | Berlin.

Daniela Seel
Daniela Seel gründete 2003 gemeinsam mit dem Buchgestalter und Illustrator Andreas Töpfer denIndependent-Verlag kookbooks – Labor für Poesie als Lebensform. Neben ihrer Tätigkeit als Verlegerin, Kritikerin und Lektorin ist sie Autorin von Lyrik. Ihre Gedichte erschienen in Zeitschriften, Zeitungen, Anthologien, im Radio und im Internet, u.a. in den Literaturzeitschriften Zwischen den Zeilen und Edit, Frankfurter Allgemeine Zeitung, Deutschlandfunk, poetenladen.de sowie in den Anthologien Lyrik von Jetzt (DuMont 2003) und Jahrbuch der Lyrik (S. Fischer 2009, DVA 2011).
Für ihren ersten Gedichtband, „ich kann diese stelle nicht wiederfinden“ (kookbooks 2011), erhielt sie den Friedrich-Hölderlin-Förderpreis, den Ernst-Meister-Förderpreis und den Kunstpreis Literatur von Lotto Brandenburg.

9. Sappho

Lyric poetry was never so portable as with this Sappho finger puppet. On your finger, she’s a puppet; on your fridge, she’s a magnet!

(Hier käuflich)

8. In Thailand

Am Freitag werden die Gewinner des bedeutendsten Literaturpreises in Thailand, des „SEA Schreibpreises“ (Southeast Asian Writers Write Award), bekanntgegeben. In diesem Jahr wird er in der Kategorie Lyrik vergeben. / Bangkok Post

Er wird seit 1979 jährlich im Oktober in Bangkok an Schriftsteller aus dem ASEAN-Raum vergeben, dazu gehören die Länder Brunei, Indonesien, Kambodscha, Laos, Malaysia, Myanmar, die Philippinen, Singapur,Thailand and Vietnam. / Wikipedia

Offizielle Homepage

7. Vokal-Wiese

Rolle und Funktion des Dichters in der bäuerlich-konservativ geprägten Gesellschaft und gleichzeitig im Kontext der blutigen Auseinandersetzungen zwischen Katholiken und Protestanten, zwischen Republikanern und dem Vereinigten Königreich anhängenden Unionisten, sind die Eckpunkte seiner frühen Lyrik. Dazu gelingt es Heaney, in kühnen Analogien Geschichts- und Mythenbewusstsein mit dem durchaus nicht unromantischen Bewusstsein um die traditionelle Landschafts- und Naturbeziehung der Iren zu verknüpfen. Sein Bewusst-Sein um Sprache und Schreiben ist dann auch der konstante Faktor in seiner Lyrik. Die Selbstreferentialität, das auf sich selbst Verweisen der poetischen Sprache, verstärkt sich noch in der Ineinssetzung von Sprache und Welt, Sprache und irischer Landschaft:

Anahorish

Mein «Ort klaren Wassers»,
der erste Berg auf der Welt,
wo Quellen ins blanke Gras spülten und
Kopfsteine dunkelten
Im Flussbett des Wegs.
Anahorish, sanftes Gefälle
Von Mitlaut, Vokal-Wiese.

/ Bruno von Lutz, NZZ

6. Pounds Schule

Der Duktus ist, wie es sich für ein Elementarbuch gehört, einigermassen autoritativ: Ezra Pound als Lehrer lässt keinen Zweifel daran, dass hier ein gewiefter Praktiker die Nachwachsenden in die Anfangsgründe seiner Berufserfahrung einweiht, ins rechte Lesen, das allen Schreibens Anfang ist. Recht lesen heisst anders lesen, als es damals, 1934, bürgerliche Lektüregewohnheiten und Lehrpläne der Universitäten (Pound definiert sie gern als «Anstalten zur Verhinderung des Lernens») vorsahen.

Das Alternativprogramm der «Ezraversity» bietet Grundlagenforschung und eine Neubestimmung des Kanons. Was ist Dichtung? Dichtung ist Verdichtung, sagt Pound mit einem deutschen Wortspiel, das etymologisch falsch, aber sachlich richtig ist. Oder: «Literatur ist Neues, das neu BLEIBT», «news that STAYS news»; man könnte auch sagen, eine Nachricht, die immer aktuell ist – gibt es eine bessere Definition? Wortspielerische Lakonik macht solche Merksätze einprägsam, die den Leser anspringenden Grossbuchstaben, so häufig in diesem Text, sorgen für den nötigen Nachdruck. Die etwas aufdringliche Typografie erinnert im Verein mit den Schlagworten an die Manifeste der Avantgarde, deren Nachhut dieses «ABC» bildet, zu einer Zeit, als die meisten Futuristen längst bei den Faschisten mitliefen.

Aber Pound stellt weder, wie einst Marinetti, brüllende Automobile über die Nike von Samothrake, noch wirbt er für den Abriss der Museen. Als konservativer Revolutionär will er den Wust des Tradierten auf seine Tauglichkeit für das Heute hin sichten; denn er sieht, unbescheidenerweise, die Funktion von Literatur darin, die Menschheit zum Weiterleben zu animieren. / Werner von Koppenfels, NZZ

Ezra Pound: ABC des Lesens. Aus dem Amerikanischen übersetzt und mit einem Nachwort von Eva Hesse. Arche Paradies, Arche-Literatur-Verlag, Zürich/Hamburg 2013. 138 S., Fr. 20.90.

5. Wie das Bildungsfernsehen

… die Lyrik sieht:

Wenn ein Schriftsteller Gefühle wie Leid, Freude und Liebe ausdrücken will, welche literarische Gattung liegt dann näher als die Lyrik? Keine – wie auch die Menge an klassischen Liebesgedichten zeigt.*

(Früher nannte man die Zahl von 70 Jahren für den Abstand zwischen Schulwissen und Wissenschaft. Zwei literaturwissenschaftliche Konzepte von Anfang und Mitte des vorigen Jahrhunderts, das lyrische Subjekt und der allwissende Erzähler, sind fest im Schulwissen etabliert – beim zweiten war der Abstand viel kleiner, ich betone war. Wenn man dem zitierten Bildungsfernsehen traut, hat sich der Abstand vergrößert und liegt jetzt bei 170 Jahren.)

*) Die Differenz zwischen Schule und Praxis ist nicht kleiner als die zwischen Schule und Theorie. In der Lebenswirklichkeit der Schüler (und kaum viel anders als der ihrer Eltern) sieht die Hierarchie anders aus. Wo sucht man den Ausdruck von Gefühlen? 1. Popmusik, 2. Spielfilme, (…) 12. Romane, (…) 97. Klassische Liebeslyrik.

4. Der Körper liest mit

Literatur beeinflusst den Gemütszustand und auch den Körper des Lesers. Die körperlichen Auswirkungen der Lektüre werfen ein neues Licht auf die Mechanismen, die dem Bewusstsein die von den Wörtern geschaffenen Stimuli übermitteln. Die Lektüre von Substantiven, Verben und Adjektiven mit negativem Inhalt (Krieg, Nazismus, foltern, zerstören, infam, tot . . .) und diejenige von Wörtern mit positivem Inhalt (Liebe, Freiheit, lachen, küssen, grossartig . . .) bewirken unterschiedliche Veränderungen der Pupillen, der Pulsfrequenz und der Färbung der Haut. Wörter mit starkem emotionalem Inhalt (die «Tabuwörter») verlangsamen die Lektüre, weil die nervösen Mechanismen ihre Wahrnehmung bremsen. Wenn man den Satz liest: «Der Dichter schrieb die Gedichte mit Tinte» ist die Gehirnaktivität anders als beim ähnlichen, aber sinnlosen Satz: «Der Dichter schrieb mit Butter.» Wenn wir in einem Sportbericht lesen, ein Fussballer habe mit dem rechten Fuss ein Tor erzielt, werden im Gehirn nicht nur die Sprachregionen, sondern auch die für den rechten Fuss zuständigen motorischen Zentren aktiviert, obwohl sich der Fuss nicht bewegt. Wenn wir nach mehrmaliger Lektüre des Fussballberichtes mit dem rechten Fuss einen Ball treten, tun wir es genauer als vorher. Lesen und Zuhören vermitteln den Hirnzentren visuelle oder akustische Signale, die das Bewusstsein als Wörter mit Bedeutung, Sinn, Ton, Rhythmus, Bild und Emotion erreichen. Ein Text ist nur ein Gekritzel, solange er von einem Gehirn nicht gelesen und verstanden wird.

Undurchdringliches Rätsel

Das Selbstbewusstsein erforscht durch die Poesie jene verborgenen und geheimen Winkel der Seele, die es in der Sprache der Prosa nicht beschreiben könnte. Das Rätsel der Poesie ist nicht nur für Ästhetikforscher und Literaturwissenschafter, sondern auch für Naturwissenschafter nahezu undurchdringlich. Warum stimulieren Wörter, die in einer bestimmten Reihenfolge stehen, das limbische System und einen Teil der vorderen Hirnrinde bis zu jenem Punkt, an dem die unaussprechliche Schönheit der poetischen Kunst erfasst wird, während dieselben Wörter nichts anderes als Bedeutungsträger sind, wenn sie in einer anderen Reihenfolge angeordnet sind? Warum wurde die Poesie erschaffen? Ist sie lediglich eine Zier des Lebens, oder hat sie eine existenzielle Bedeutung? Warum bestehen Verse aus kurzen Textzeilen, und warum bedient sich die Poesie oft des Reims?

/ Arnaldo Benini, NZZ