33. Mütze 5

Gegen Ende dieses prächtigen Sommers erscheint die fünfte Mütze: Sie bringt einen Aufsatz von Guy Davenport zum Maler Balthus und einen Text von Stephan Broser zur Geburt der Psychoanalyse, eine “Ohrenperformance mit LiveQuide” von Brigitte Oleschinski und das Ende des ersten Kapitels von “Absalom, Absalom!” von William Faulkner im amerikanischen Original und der Neuübersetzung von Günter Plessow. Bestellt werden kann sie hier: http://muetze.me/muetze-bestellen.html

32. Wider-Lager

Das Neue Deutschland hat Sympathien für den skeptischen Herrn Enzensberger:

In diesem geistreichen Büchlein bestätigt Enzensberger sein denkerisches Wesen: Dieser Dichter vom Jahrgang 1929 erwies sich im Laufe seiner Lebenskurven als nur bedingt talentiert für ideologische Lagertreue. Er ging zunächst wortführend durch die schöne anarchische Emphase der Achtundsechziger, kam aber in deren eigenen rüden Ideologisierungsschüben zum nüchternen Erwachen: Um sich zu rechtfertigen, endet offenbar jedes neue Denksystem irgendwann in der Selbstzerstörung. Dies beherzigend, lauert dieser Autor unsentimental und pfiffig darauf, wirklich jeder These, die Zeitgeist wird, umgehend eine gegenteilige Argumentation entgegenzusetzen.

Hans Magnus Enzensberger: »Herrn Zetts Betrachtungen, oder Brosamen, die er fallen ließ, aufgelesen von seinen Zuhörern«. Suhrkamp Verlag, Berlin 2013. 229 S., geb., 15 €.

31. Österreichische Literatur

Im selben Jahr, da Nicolai das aufgeklärte Deutschland vom jammervollen Zustand der Literatur in Österreich unterrichtete, schrieb Aloys Blumauer, der bekannteste österreichische Lyriker dieser Zeit: «Wenn die deutsche Literatur, wie sie jetzt ist, noch weiter rücken soll, so muss sie von Wien aus weiter geführt werden.» Darin spricht sich kein geringes Selbstbewusstsein aus, erreichte die deutsche Literatur doch gerade damals ihr Stadium der Weimarer Klassik, in der die auf zahllose Fürstentümer zersplitterte Nation immerhin ihre geistige Einheit auf höchstem Niveau verwirklichte. Blumauer war allerdings kein Klassiker, sondern ein frecher Parodist, der in seinem Versepos «Travestirte Aeneis» die griechische und deutsche Klassik in die Niederungen des Alltäglichen herabzerrte, und dies mit einem leichthändig reimenden Sprachwitz, der erst von Heinrich Heine wieder erreicht wurde. (…)

Als erste österreichische Dichterin firmiert bei Zeyringer eine Adelige aus Niederösterreich, in deren Familie das geheime, verbotene Luthertum eine grosse Rolle spielte. Catharina Regina von Greiffenberg hat in ihrer religiösen Dichtung Jesus betörend sinnlich beschworen und das Spirituelle sexuell aufgeladen. Niemand hat übrigens leidenschaftlicher auf diese Dichterin der Liebe hingewiesen als eine österreichische Liebeslyrikerin von heute, Evelyn Schlag.

Als erster Autor wiederum ist der Greiffenberg der sprachgewaltig donnernde Abraham a Sancta Clara zur Seite gestellt. Dieser Bussprediger und Todesbeschwörer zu Zeiten der Pest, ein jubilierender Verfechter von Kaiser und habsburgischer Herrschaft, hat eine derbe, auflachend-witzige Sprache geschaffen, die zugleich volkstümlich und artifiziell ist (was eine bestimmte Traditionslinie der österreichischen Literatur bis herauf in die Gegenwart zieht). Dazu berichtet Zeyringer von einem Faktum, das, näher betrachtet, geradezu sensationell anmutet: Die Auflage, die Bücher um 1700 in Österreich erreichten, lag bei 1000 bis 1500 Stück, war also ungefähr so hoch wie bei heutigen Neuerscheinungen! Und Abraham a Sancta Clara brachte es mit «Mercks Wien!», einem Buch geharnischter und gewitzter Scheltreden, auf 18000 Stück, was auch für literarische Werke, die heute in Österreich verlegt werden, eine selten erreichte Obergrenze darstellt. / Karl Markus Gauss, NZZ

Klaus Zeyringer / Helmut Gollner: Eine Literaturgeschichte: Österreich seit 1650. Studien-Verlag, Innsbruck 2013. 840 S., Fr. 49.90.

30. Twitter – ägyptisch

So räsoniert der Journalist und Autor Chalid al-Chamissi über den Textnachrichtendienst Twitter mit seiner 140-Zeichen-Beschränkung: «Diese Idee, dass man sich sehr präzis und konkret ausdrückt, widerspricht der ägyptischen Idee des Schreibens diametral.» Er glaubt daher, Ägypten befinde sich mitten in einer kulturellen Revolution. / NZZ

29. Ein serbischer Hermetiker

Vasko Popa und Miodrag Pavlović haben seine eminente Bedeutung erkannt und sich herausgeberisch für ihn eingesetzt, doch wurde Momčilo Nastasijević (1894–1938) nie über die Landesgrenzen hinaus bekannt. Stellte seine hermetisch-opake Lyrik schon für den serbischen Leser eine Herausforderung dar, galt dies umso mehr für jeden Übersetzer. Robert Hodel ist das Wagnis eingegangen und legt nun eine repräsentative Werkauswahl in deutscher Übertragung vor, ergänzt durch ein umfangreiches Vorwort. (…)

Momčilo Nastasijevićs Hauptwerk, «Fünf lyrische Kreise», ist eine rätselhafte, zwischen Mystik und Avantgarde oszillierende Sammlung, die um Natur, Einsamkeit und Tod kreist und sprachlich-grammatische Gesetze zugunsten eines musikalisch-spirituellen Ausdrucks ausser Kraft setzt. Mit dem Gang da ins Ungängige, / mit dem Umweg ins Wegelose, / und Furten, um nicht zu durchfurten. Die durch religiöse Metaphern, Wortneubildungen und eine regelwidrige Syntax begünstigte Hermetik fasziniert ebenso, wie sie irritiert. (…) Eine eigenständige Stimme ist der sensualistische Metaphysiker Nastasijević allemal, nicht nur im Chor der modernen serbischen Poesie. / Ilma Rakusa, NZZ

Momčilo Nastasijević: Sind Flügel wohl . . . Gedichte und Prosa. Herausgegeben und übertragen von Robert Hodel. Leipziger Literaturverlag, Leipzig 2013. 274 S., € 29.95.

28. David Schalko

Der Standard sprach mit dem Schriftsteller David Schalko:

Standard: Warum schreiben Sie keine Gedichte mehr, so wie 1995 in „Bluterguss und Herzinfarkt“?

Schalko: Mir sind jetzt die großen Erzählbögen wichtiger. Zur Lyrik werde ich im Alter zurückkehren, wenn ich dann zu müde bin für lange Geschichten.

(…)

Standard: Sie haben einst auch H. C. Artmann gekannt?

Schalko: Flüchtig. Er war extrem vielseitig, sprach vierzehn Sprachen, und für ihn war jeder Winkel seines Lebens mit Literatur ausgeleuchtet. Er war durchsetzt von Literatur, einer der wichtigsten deutschsprachigen Literaten. Es ist sehr schade, dass er heute nicht mehr viel gelesen wird.

27. Preis für Böhmer

Ricarda Junge und Paulus Böhmer haben am Donnerstag in Frankfurt den Robert-Gernhardt-Preis erhalten. Die beiden Autoren teilen sich den mit insgesamt 24 000 Euro ausgestatteten Preis. Die 1979 in Wiesbaden geborene Ricarda Junge werde für ihr Romanprojekt «Die letzten warmen Tage», der 1936 in Berlin geborene Paulus Böhmer für sein Lyrikprojekt «Zum Wasser will / alles / Wasser will weg» ausgezeichnet, teilte das hessische Ministerium für Wissenschaft und Kunst mit.

Beide Preisträger seien eng mit der Literaturförderung in Hessen verbunden: Paulus Böhmer als Mitbegründer des Hessischen Literaturforums und dessen langjähriger Leiter, Ricarda Junge als zweimalige Preisträgerin des literarischen Schreibwettbewerbs «Junges Literaturforum Hessen-Thüringen» und als Mitarbeiterin im Literaturforum. / Frankfurter Neue Presse

26. Kleine Attacke auf die Literaturkritik

Sein Grundsatz als Kritiker war:

„Ich bin eigentlich von mir aus ein Gegner der negativen Kritik, also der Verriß-Kritik, weil ich finde, es ist Selbstbefriedigung, und führt auch sachlich zu nichts“.

(…)

Sein Rat, heut ein Vermächtnis (er würde dieses Wort aber nicht mögen), in „Kleine Attacke auf die Literaturkritik 1979 von einem, der das Metier selbst ausübt„:

Nicht nach neuen Klassikern suchen. Wer sich als Klassiker anbietet, ist schon verdächtig. Wer Klassiker anzupreisen versucht, ist noch verdächtiger. Irritation und Destruktion dem Gefestigten vorziehn, aber diesen Grundsatz auch umstoßen und vielleicht gerade einen Stillen im Lande bevorzugen.

/ Jörg Neugebauer, Signaturen

Helmut Heißenbüttel: Zur Lockerung der Perspektive. 5 x 13 Literaturkritiken. Hg. von Klaus Ramm unter Mitarbeit von Armin Stein. Göttingen (Wallstein Verlag) 2013. 360 S., 32,- Euro.

25. Besser ein Gedicht

Kurz vor dem Zusammenbruch von Lehman Brothers hat Finanzvorstand Eric Callan eine Bilanz-Pressekonferenz abgehalten. Darin verwendete er 14mal das Wort „großartig“, 24mal das Wort „stark“ und achtmal das Wort „unglaublich“. Wenig später löste der Zusammenbruch des Geldhauses die schwerste Wirtschaftskrise aller Zeiten aus. Uns wäre es lieber gewesen, Eric Callan hätte einfach ein Gedicht vorgelesen.

schreibt der Versicherungsbote. Zum Beispiel das „Wirtschaftspornogedicht“ aus Mikael Vogels Gedichtband ‚Massenhaft Tiere‘, erschienen im Verlagshaus J. Frank, Berlin 2011. Zwar

Unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten betrachtet, kann es wohl nichts fragwürdigeres geben als ein Gedicht. Der Leserkreis von Lyrik ist begrenzt, Gedichtbände selten auf den Bestseller-Listen vertreten, hohe Renditen damit nicht zu erzielen. Zudem gehen Lyriker äußerst verschwenderisch mit ihren Ressourcen um. Links und Rechts vom Blattrand so viel Platz zu lassen, indem man einen Text in Versform setzt – wozu soll das gut sein?

Und doch kann die Wirtschaft etwas von der Lyrik lernen, da sind wir uns sicher. (…)

Wirtschaftssprache ist manipulativ, ist ideologisch, nicht selten selbstherrlich. Und hat ihre Wirkung fast völlig eingebüßt. Bei Sätzen auf Ramschniveau hilft weder ein Haircut noch ein Rettungsschirm.

Im Idealfall kann Lyrik etwas entgegensetzen. Sie kann Begriffe in neue Zusammenhänge betten. Sie kann Floskeln in ihrer Floskelhaftigkeit enttarnen und überraschende Bedeutungen und Einsichten eröffnen. Deshalb hat sich Versicherungsbote entschlossen, Gedichte zu veröffentlichen, die sich im weitesten Sinne mit dem Thema „Wirtschaft“ auseinandersetzen. Oder sich das Wirtschaftssprech zum Material machen.

/ Autor: Mirko Wenig

24. 2013 Ruth Lilly Poetry Fellowship Winners Announced

$75,000 in prizes awarded to five young poets

CHICAGO —The Poetry Foundation and Poetry magazine are pleased to announce the five recipients of 2013 Ruth Lilly Fellowships: Harmony Holiday, Matthew Nienow, Hannah Sanghee Park, Natalie Shapero and Phillip B. Williams. Among the largest awards offered to aspiring poets in the United States, the $15,000 scholarship prize is intended to encourage the further study and writing of poetry and is open to all U.S. poets between 21 and 31 years of age.

“Since Harriet Monroe’s founding of Poetry in 1912, to Ruth Lilly’s endowment of these fellowships in 1989, to our constant search for fresh new voices today, Poetry has always sought work that enlivens our sense of what poetry is worth and what it can do,” said Don Share, editor of Poetry magazine, in announcing the 2013 winners. “This year’s group of fellows—which includes poets whose passions range from community service to woodworking to scholarship—is especially inspiring because their extraordinary talents are so deeply informed by the way in which they have composed their lives.”

Harmony Holiday was born in Waterloo, Iowa and educated at the University of California at Berkeley and Columbia University. Her debut collection of poems, Negro League Baseball (Fence, 2011), won the Fence Books Motherwell Prize. Go Find your Father/A Famous Blues, a “dos-a-dos” book featuring poetry, letters and essays, is due out from Ricochet Editions in fall 2013. Holiday lives in New York City.

Matthew Nienow was born in Los Angeles in 1983 and spent most of his youth in Seattle. He holds an MFA from the University of Washington and a degree in Traditional Small Craft from the Northwest School of Wooden Boatbuilding. His work has appeared in Beloit Poetry JournalNew England ReviewPoetryand two editions of the Best New Poets anthology (2007 and 2012). He has received awards and fellowships from the National Endowment for the Arts, the Bread Loaf Writers’ Conference, the Elizabeth George Foundation and Artist Trust, among others. He lives with his wife and two sons in Port Townsend, Washington where he builds boats and custom wooden paddle boards.

Hannah Sanghee Park was born in Tacoma, Washington in 1986. She earned a BA from the University of Washington and an MFA from the Iowa Writers‘ Workshop. Her chapbook, Ode Days Ode, was published by the Catenary Press in 2011. She is the recipient of fellowships and awards from the Fulbright Program, 4Culture, the Iowa Arts Council/National Endowment for the Arts and the MacDowell Colony. Her work is forthcoming in Best New Poets 2013 and Poetry Northwest. Park lives in Los Angeles and is currently studying at the USC School of Cinematic Arts.

Natalie Shapero was born in Chester, Pennsylvania in 1982. She received a BA from the Johns Hopkins University, an MFA from the Ohio State University and a JD from the University of Chicago Law School. She is the author of the poetry collection No Object(Saturnalia, 2013) and her writing has appeared in The Believer,The New RepublicPoetryThe Progressive and elsewhere. Shapero is a 2012-2014 Kenyon Review fellow at Kenyon College in Gambier, Ohio.

Phillip B. Williams was born 1986 in Chicago. He is the author of the chapbooks Bruised Gospels (Arts in Bloom Inc., 2011) andBurn (YesYes Books, 2013). Williams is a Cave Canem graduate and the poetry editor of the online journal Vinyl Poetry. His poetry has appeared or is forthcoming in Blackbird, CallalooKenyon Review OnlinePainted Bride QuarterlyThe Southern Review,West Branch and others. Williams is currently a Chancellor’s Graduate fellow at Washington University in St. Louis, Missouri and is working on his MFA in creative writing.

These five emerging voices will be featured in Poetry magazine’s November issue and on poetryfoundation.org.

The Ruth Lilly Poetry Fellowship program is organized and administered by the Poetry Foundation in Chicago, publisher ofPoetry magazine.

Note: In 2014, the Ruth Lilly Poetry Fellowships will become the Ruth Lilly and Dorothy Sargent Rosenberg Fellowships and the current $15,000 Ruth Lilly Poetry Fellowship prize amount will nearly double. This increase is the result of a generous gift from the Dorothy Sargent Rosenberg Memorial Fund.

* * *

About the Ruth Lilly Poetry Fellowship Program
Established in 1989 by Ruth Lilly to encourage the further writing and study of poetry, the Ruth Lilly Poetry Fellowship program has dramatically expanded since its inception. Until 1995, university writing programs nationwide each nominated one student poet for a single fellowship; from 1996 until 2007, two fellowships were awarded. In 2008 the competition was opened to all U.S. poets between 21 and 31 years of age, and the number of fellowships increased to five, totaling $75,000.

About Poetry Magazine
Founded in Chicago by Harriet Monroe in 1912, Poetry is the oldest monthly devoted to verse in the English-speaking world. Monroe’s “Open Door” policy, set forth in Volume 1 of the magazine, remains the most succinct statement of Poetry’s mission: to print the best poetry written today, in whatever style, genre, or approach. The magazine established its reputation early by publishing the first important poems of T.S. Eliot, Ezra Pound, Marianne Moore, Wallace Stevens, H.D., William Carlos Williams, Carl Sandburg, and other now-classic authors. In succeeding decades it has presented—often for the first time—works by virtually every major contemporary poet.

About the Poetry Foundation
The Poetry Foundation, publisher of Poetry magazine, is an independent literary organization committed to a vigorous presence for poetry in our culture. It exists to discover and celebrate the best poetry and to place it before the largest possible audience. The Poetry Foundation seeks to be a leader in shaping a receptive climate for poetry by developing new audiences, creating new avenues for delivery, and encouraging new kinds of poetry through innovative literary prizes and programs. For more information, please visit poetryfoundation.org.

Follow the Poetry Foundation and Poetry on Facebook at facebook.com/poetryfoundation or on Twitter @PoetryFound.

POETRY FOUNDATION | 61 West Superior Street | Chicago, IL 60654 | 312.787.7070 |

23. Stötzer

Der Autor Jan Kuhlbrodt hat in „Stötzers Lied“ einen Gedichtband geschrieben, der den Umgang mit der deutschen Geschichte aus den Augen des titelgebenden Leipziger Stötzers thematisiert. Die Figur, so der Autor, sei einem Professor seiner Leipziger Studienzeiten angelehnt. …

Stötzer wandert durch Leipzig, durch die Gestalten der Stadt, deren Veränderung, Geschichte und mit ihm der Erzähler. Aber es ist keine Erzählung, die er beschreibt. Er folgt dem Rhythmus und Ton der Gedanken Stötzers, seinen Assoziationen, Eindrücken. Vom Völkerschlachtdenkmal zum alten Messegelände, in die Nachklänge sozialistischer Weltvorstellungen, bis zum sandgestrahlten Bundesverwaltungsgericht, angestrahlt in der Nacht. Die neue Doktrin bewegt sich in einer Mitte, die sachlich, sauber, konform ist, der vermeintliche Pragmatismus einer Wirtschaftsgläubigkeit. Stötzer kann es nicht fassen. Doch er ist kein Empörter, er durchstreift die Lage, eine Randfigur. Jan Kuhlbrodt schreibt von diesem Streifen in erzählender Lyrik oder lyrischer Prosa, Bilder werden von kurzen Schilderungen getragen. Als Leitsatz fungiert dabei ein Gedanke, in dem es heißt: Es gelte mit der Sprechstimme die Denkstimme nachzuahmen. Vom Denken ins Sprechen ins Schreiben – um diese Bewegung ins Spiel zu bringen, dazu braucht es den Abstand zum vorgefassten Genre. / Volkmar Mühleis, DLF (auch zum Nachhören)

Jan Kuhlbrodt
Stötzers Lied – Gesang vom Leben danach, im Berliner Verlagshaus Frank, 180 Seiten, 13,90 Euro

22. Jury des Open Mike

Die Jury des 21. open mike ist benannt: mit Jenny Erpenbeck, Ulrich Peltzer und dem Lyriker Raphael Urweider konnten drei herausragende Stimmen der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur gewonnen werden. Sie entscheiden beim öffentlichen Finale des Literaturwettbewerbs, der vom 8. bis 10. November im Heimathafen Neukölln in Berlin stattfindet, über die Preisträger.

Jenny Erpenbeck literarisches Werk ist vielfach preisgekrönt, u.a. 2013 mit dem höchstdotierten Literaturpreis Deutschlands, dem Joseph-Breitbach-Preis. Zuletzt feierte sie mit den Romanen „Heimsuchung“ (2008) und „Aller Tage Abend“ (2012) große, auch internationale Erfolge bei Publikum und Kritik. Ulrich Peltzer gilt als präziser und sprachbewusster Analyst der Gegenwart, sein letzter Roman „Teil der Lösung“ (2007) wurde von der Kritik hochgelobt, sein Werk vielfach ausgezeichnet. Er ist Stellvertretender Direktor der Sektion Literatur der Akademie der Künste und hatte 2010/11 die Frankfurter Poetikdozentur inne. Raphael Urweider ist Lyriker, Übersetzer und Regisseur. Seine Gedichtbände, zuletzt „Alle deine Namen“ (2008), haben ihn zu einer wichtigen Stimme der Gegenwartslyrik gemacht. Seit 2012 ist Raphael Urweider Präsident des AdS (Verband Autorinnen und Autoren der Schweiz).

In diesem Jahr nutzten mehr als 680 junge Autoren ihre Chance zum Start in den Literaturbetrieb. Sechs Lektoren aus renommierten deutschsprachigen Verlagen wählen derzeit aus den anonymisierten Einsendungen bis zu 22 Nachwuchsautoren aus, die am 9. und 10. November beim open mike ihre Texte dem Publikum und der Jury präsentieren. Die Jury kann drei Preise vergeben, einen davon für Lyrik. Die Preise sind mit insgesamt 7.500 EUR dotiert.
Die Wettbewerbstexte erscheinen im November als Anthologie im Allitera Verlag.

Weitere Informationen unter www.literaturwerkstatt.org

Der open mike ist eine Gemeinschaftsveranstaltung der Literaturwerkstatt Berlin und der Crespo Foundation in Zusammenarbeit mit dem Allitera Verlag und dem Heimathafen Neukölln. Mit freundlicher Unterstützung durch
den Fachbereich Kultur des Bezirksamtes Neukölln.

Fr 8.11. – So 10.11.2013
21. open mike
Internationaler Wettbewerb junger deutschsprachiger Prosa und Lyrik
Ort: Heimathafen Neukölln, Karl-Marx-Str. 141, 12043 Berlin

21. War da was?

In der Wiener Zeitung räsoniert Edwin Baumgartner über Größenverhältnisse und DDR-Kunst:

Hacks, wer war das doch gleich?

Mal nachgezählt: 45 Dramen hat der am 21. März 1928 in Breslau geborene Autor verfasst, dazu Erzählungen, Kindergeschichten, Lyrik, Essays. Ein ehrfurchtsgebietendes Gesamtwerk. Ein Blick in die Lyrik macht sicher: Das war ein Könner. Keiner der ganz Großen, aber ein ziemlich Großer, was man auch dann zugeben muss, wenn man seine marxistische Ideologie ablehnt. Hacks nämlich war einer der führenden Literaten der DDR. (…)

Wenn man einen Bertolt Brecht einmal beiseite lässt, weil er ja nach Staatsbürgerschaft Österreicher war und außerdem eine Jahrhundertgestalt, an der man ohnedies niemanden sonst messen sollte, so schrieben doch nicht bloß Autorinnen wie Anna Seghers und Christa Wolf, Autoren wie Johannes Bobrowski oder Erwin Strittmatter und auch Peter Hacks wenn schon nicht Weltliteratur (obwohl zumindest Seghers und Bobrowski diesen Rang beanspruchen können), so zumindest auf europäischem Spitzenniveau. Der Westen bewunderte das durchaus, vielleicht sogar in einem Ausmaß, dass der Duft der suggestiven Schönheit von Bobrowkis Naturlyrik den Blut- und Uringestank übertönte, der aus den Folterkellern der Stasi drang.

Doch auch, wer gegenüber jenen Autoren skeptisch war, die drüben blieben, bediente sich am schöpferischen Potenzial der DDR – denn da waren die Dissidenten, etwa die außerordentliche Lyrikerin Sarah Kirsch oder der exemplarische Schriftsteller Stefan Heym. Der Liedermacher Wolf Biermann ließ es hier wie dort laut werden um die DDR-Auswanderer, der Lyriker Peter Huchel hingegen schrieb in aller Stille Gedichte, die zum Bedeutendsten der deutschen Lyrik gehören.

Und wer entsinnt sich heute noch ihrer?

20. Darkling

Fangen wir endlich an, über DARKLING zu sprechen. Ein langes Gedicht der amerikanischen Autorin Anna Rabinowitz, das 2001 in den USA erschienen ist, und seit 2012 in einer hervorragenden Übersetzung von Barbara Tax bei Luxbooks auch auf Deutsch vorliegt. (Im Band finden sich auch CDs mit einer Aufnahme der Opernadaption des Textes von Stefan Weisman).

Leider wurde von diesem Buch in Deutschland noch kaum Notiz genommen. Das sollte sich ändern. / Jan Kuhlbrodt, Postkultur

19. Schönheit

Der türkische Gelehrte Sururi, ein berühmter Kommentator persischer Dichter, stellte in seiner Poetik „Bahral-maarif“ („Das Meer der Kenntnisse“) die schönheitsbeschreibenden Symbole persischer und arabischer Dichtung in Rubriken zusammen und belegte sie mit Beispielen. Der Orientalist Joseph von Hammer-Purgstall rückt die Liste in seine „Geschichte der schönen Redekünste Persiens mit einer Blüthenlese aus zweyhundert persischen Dichtern“ (Wien 1818) ein.

Hier Bilder für Schönheit überhaupt:

Man sagt Persisch: Der Himmel, die Sonne, der Mond, das Meer, das Feuer, die Rose, der Ballen, die Springquelle, der Löwe, das Blut, das Haar, der Speicher, das Rosenbeet der Schönheit.

Arabisch: Der Koran, das Blatt, der Orient, die Muschel, der Gipfel, der Blitz, der Frühling. die Welt, der Bau, die Rennbahn, das Scha[c|hspiel, der Ring, der Pfau, die Braut, der Papagey, der Wein, die Kerze der Schönheit.