48. China läßt den Dichter Shi Tao frei

In China wurde der Dichter und Journalist Shi Tao vorfristig aus der Haft entlassen. Er war 2005 zu 10 Jahren Haft wegen „Verrats von Staatsgeheimnissen“ verurteilt worden, weil er in einer Mail dem Regime ungenehme Informationen über die Unterdrückung von Nachrichten anläßlich des 15. Jahrestages des Massakers vom „Platz des Himmlischen Friedens“ ins Ausland geschickt hatte. Auf Druck der Behörden hatte Yahoo damals die Identifizierung ermöglicht. (Heute wissen wir, daß das nicht nur in China möglich ist. Darauf wies auch der Internationale PEN-Club in einer Mitteilung hin.)

In der PEN-Mitteilung heißt es, Shi sei in den letzten Jahren im Gefängnis relativ gut behandelt worden und habe viele Gedichte geschrieben, darunter „Oktoberlied“ bei der Nachricht vom Friedensnobelpreis für den (bis heute) inhaftierten Oppositionellen Liu Xiaobo.

Früher in L&Poe: https://lyrikzeitung.com/2004/04/08/35-gedichtaktion-fur-inhaftierten-chinesischen-dichter/

 

47. Poemotion

Poemotion is an interactive book-object. The abstract graphical patterns in this small volume are set in motion as soon as you move the attached special foil across them: moiré effects allow complex forms to develop, set circles in motion and make graphical patterns vibrate. Inspired by Seesaw, an earlier book from the publisher, in a playful and at the same time minimalist way the Japanese designer Takahiro Kurashima establishes a link to the motif of a “School of Seeing” that has long occupied a special place in the program of Lars Müller Publishers. With this book the viewer can discover how, as if by magic, figures and forms are created out of optical overlays, set in motion and then disappear again. In the era of digitalization this book shows that interactivity is also possible in the format of the analogous, bound book.

Design: Takahiro Kurashima, Junji Hata

17 x 22.5 cm, 6 ¾ x 9 in, 64 pages, 30 illustrations, paperback (2012)

ISBN 978-3-03778-277-4, English
EUR 28.00 / USD 40.00 / GBP 25.00

Hier bestellen

46. American Life in Poetry: Column 436

BY TED KOOSER, U.S. POET LAUREATE

Poor Richard’s Almanac said, “He that lieth down with dogs shall rise up with fleas,” but that hasn’t kept some of us from sleeping with our dogs. Here’s a poem about the pleasure of that, by Joyce Sidman, who lives and sleeps in Minnesota. Her book, Dark Emperor and Other Poems of the Night, won a 2011 Newbery Honor Award.

Dog in Bed

Nose tucked under tail,
you are a warm, furred planet
centered in my bed.
All night I orbit, tangle-limbed,
in the slim space
allotted to me.

If I accidentally
bump you from sleep,
you shift, groan,
drape your chin on my hip.

O, that languid, movie-star drape!
I can never resist it.
Digging my fingers into your fur,
kneading,
I wonder:
How do you dream?
What do you adore?
Why should your black silk ears
feel like happiness?

This is how it is with love.
Once invited,
it steps in gently,
circles twice,
and takes up as much space
as you will give it.

American Life in Poetry is made possible by The Poetry Foundation (www.poetryfoundation.org), publisher of Poetry magazine. It is also supported by the Department of English at the University of Nebraska-Lincoln. Poem copyright ©2003 by Joyce Sidman, whose most recent book of poems is Swirl by Swirl: Spirals in Nature, Houghton Mifflin Books for Children, 2011. Poem reprinted from The World According to Dog, Houghton Mifflin, 2003, by permission of Joyce Sidman and the publisher. Introduction copyright © 2013 by The Poetry Foundation. The introduction’s author, Ted Kooser, served as United States Poet Laureate Consultant in Poetry to the Library of Congress from 2004-2006. We do not accept unsolicited manuscripts.

45. Drei Dichter

Literatur Jetzt – Dresdner Festival zeitgenössischer Literatur

Drei Dichter: Ein Abend mit Elke Erb, Brigitte Struzyk und Ulrich Koch – “Danke für die Notbeleuchtung der Sterne morgens”

Donnerstag, 19. September um 20:00
Stadtmuseum Dresden

Mehr unter www.literatur-jetzt.de

44. Die neue lyrikline

Die neue lyrikline ist online. Mit einer Feier in der Berliner c-base, weltweit per live stream übertragen, ging am 1.9.2013 die komplett überarbeitete und aktualisierte Webseite an den Start. Partner, Dichter und Freunde aus China, Costa Rica, Finnland, Israel, Kroatien, Mazedonien, Portugal und Québec schickten uns aus diesem Anlass Grußbotschaften, und einige Freunde der lyrikline sind unserem Aufruf gefolgt und haben Spacepoems gedichtet. Zu finden auf dem lyrikline blog.

Listen to the poet!

Vielfältige Neuerungen

Die neue lyrikline wartet mit vielfältigen Neuerungen auf: Vier neue Navigationssprachen sind dazugekommen – Chinesisch, Russisch, Portugiesisch und Spanisch. Damit ist lyrikline jetzt in neun Sprachen navigierbar.
Die wichtigste Neuerung ist, dass die Gedichte nun einzeln auffindbar sind und zudem kategorisiert wurden. Wer Gedichte zu Themen wie Liebe, Körper, Wasser, Krieg, Wirtschaft, Musik, Mythologie, Tiere oder Popkultur sucht, findet sie hier. Ebenso lassen sich Gedichte nach Formen wie Reimgedichte, Sonette etc. sortieren oder nach Genres wie z.B. politische Lyrik.
Über die Volltextsuche lassen sich sämtliche 8130 Gedichte und 11262 Übersetzungen nach einzelnen Wörtern durchsuchen, nach Verlagen der Originalgedichte oder nach Übersetzernamen.

Auch die Community ist eröffnet. Wer sich anmeldet, kann eigene Favoritenlisten erstellen und sich einzelne Gedichte merken. Die Mitgliedschaft in der lyrikline-Community ist selbstverständlich kostenlos.
Lasst Euch von den vielen neuen Möglichkeiten der lyrikline überraschen.
Wir freuen uns über Euer Feedback.

Neue Autoren auf lyrikline

  • Ya Shi (China)
  • Michael Longley (Irland)
  • János Lackfi (Ungarn)
  • Helena Sinervo (Finnland)

Weitere neue Autoren

  • Taras Malkovych (Ukraine)
  • Simen Hagerup (Norwegen)
  • Chris Edwards (Australien)
  • Pär Thörn (Schweden)

Die neuen Autoren auf lyrikline sehen Sie hier >>

Weitere Gedichte von

  • Arne Rautenberg (Deutschland)
  • Laurynas Katkus (Litauen)

Neue Gedichte auf lyrikline sehen Sie hier >>

Neue Übersetzungen

  • Ins Bosnische: Ida Börjel (Schweden)
  • Ins Chinesische: Tal Nitzán (Israel), Steffen Popp (Deutschland)
  • Ins Deutsche: Simen Hagerup (Norwegen), Laurynas Katkus (Litauen), János Lackfi (Ungarn), Michael Longley (Irland), Taras Malkovych (Ukraine), Pedro Sena-Lino (Portugal), Helena Sinervo (Finnland), Pär Thörn (Schweden)
  • Ins Englische: Simen Hagerup (Norwegen), Laurynas Katkus (Litauen), János Lackfi (Ungarn), Taras Malkovych (Ukraine), Pär Thörn (Schweden), Ya Shi (China)
  • Ins Französische: János Lackfi (Ungarn)
  • Ins Italienische: János Lackfi (Ungarn)
  • Ins Polnische: Taras Malkovych (Ukraine)
  • Ins Russische: Laurynas Katkus (Litauen)
  • Ins Schwedische: Thomas Kling (Deutschland), Nikola Madzirov (Mazedonien), Svetlana Cârstean (Rumänien), Jan Wagner (Deutschland)
  • Ins Serbische: Jan Wagner (Deutschland)
  • Ins Spanische: Tal Nitzán (Israel)
  • Ins Ukrainische: Tomas Tranströmer (Schweden)

43. Halbselbst

Während durch die Kanäle des Bleutge’schen lyrischen Ichs Naturbilder und -töne im Wechsel mit Zivilisationsresten hindurchfließen, treibt Ron Winkler in seinem jüngsten Band „Prachtvolle Mitternacht“ ein vergleichbares Spiel mit dem Ich, wenngleich mit anderem Fokus. Seine Gedichte sind nicht selten Sammelbecken für Zitate und poetologische Prämissen der lyrischen Tradition, von denen es sich in der Auseinandersetzung gleichwohl wieder abzustoßen gilt.

Winkler demonstriert das gleich mit dem ersten Gedicht des Bandes eindrucksvoll: „Prospekt“ ist regelrecht gespickt mit Anspielungen an die Gedichte von Paulus Böhmer („kein Kaddisch“), Jan Wagner („Australien“), Uljana Wolf („nur vielleicht noch ein bißchen Aufwachraum“), Daniela Seel („eine wiedergefundene Stelle“), Paul Celan („das Schwielentheater östlich von Paul Celan“), Gertrude Stein, und darin einmal mehr Celan („sagen: ich bin gezählt. / aber und ist eine Rose und also mehr als eine Rose und also zugleich keine Rose mehr, nicht mehr. und auch: nie mehr: nie mehr nicht), wiewohl nicht selten in der Verneinung. Auch in Winklers Gedicht bleibt das Ich weitgehend im Hintergrund, eingehüllt in das Gewirr fremder Stimmen und damit lustvoll experimentierend wie ein Kind mit den Kostümen aus einer riesigen Verkleidungskiste, irgendwo hängend zwischen Bejahung und Verneinung und Bejahung der Verneinung, und, wir wissen ja: „Minus und Minus ergibt wieder Plus“. (…)

Ruhiger, gesetzter, weniger diskurspoppig geht es in „Anaptyxis“ von Àxel Sanjosé zu. „Anaptyxis“ bezeichnet den Einschub eines kurzen Vokals zwischen Konsonanten, um ein Wort leichter aussprechbar zu machen – der Titel ist also schon ein erster Hinweis darauf, wie die Gedichte des Bandes zu lesen sein könnten. Man kann sich meditativ in sie hinein versenken, über „Rätsel“ nachdenken, oder immer wieder vor dem inneren Auge und in der Vorstellungskraft die folgenden Verse wiederholen: „Falten Sie dieses Blatt / unendlich oft. // Es verschwindet. // Entfalten Sie es anschließend / unendlich oft“ und darüber den meditativen Charakter der Lyrik ebenso wahrnehmen wie den unendlichen Hallraum der (poetischen) Sprache. Auch über das Ich in Sanjosés Gedichten kann man länger sinnieren; es scheint zunächst eher unspektakulär, wird aber bei genauerem Hinsehen immer facettenreicher, fremder, sogar gespenstisch: „Halbselbst / und nichts mehr trübt / die Außenheit / der ich, die ich / betäubt und unheilbar / selbstähnlich / niederkniet / blüht aus. // Lösch das Wasser in mir, / diese Unheit“.

/ BEATE TRÖGER, Literatur München

Àxel Sanjosé: Anaptyxis. Gedichte. Aachen: Rimbaud 2013, 56 Seiten, 12,00 Euro.

Ron Winkler: Prachtvolle Mitternacht. Gedichte. Frankfurt am Main: Schöffling 2013. 96 Seiten, 18,95 Euro.

42. Am Anfang war

Schon wieder Blooperverdacht. Ich hab grad keine Zeit, aber schon der Anfang dieses bayrischen Bildungsprogramms erfüllt die Kriterien (Wortbedeutung im vorigen Beitrag):

Den Anfang macht die Liebeslyrik mit der „Kunst der glücklosen Anbetung“ – dem Minnesang. Nicolai de Treskow (geb. 1965) ehemaliger deutscher Musiker und Deutschlands prominentester Minnesänger, sang gerne zur Harfe, begleitet von Schwester Katharina, das Lied von der „Bärbelin„.

Ja, das lassen wir unkommentiert. Ein schneller Blick zeigt, nicht der einzige Blooper. Aber soll ich jetzt das gesamte Telekolleg redigieren? Eine Frage höchstens: „ehemaliger deutscher Musiker“, leider mehr Fragen als Antworten. Er scheint noch zu leben, also: ehemaliger Deutscher oder ehemaliger Musiker? Fernsehen bitte antworten!

41. Bloopers

blooper: Versprecher {m}
blooper [coll.]: Schnitzer {m} [ugs.] [grober Fehler]
blooper [esp. Am.]: Outtake {n} [herausgeschnittene (komische) Szene]film
blooper [esp. Am.] [coll.]: Panne {f} [Missgeschick]
Missgeschick {n}: Patzer {m} [ugs.] Ausrutscher {m} [ugs.]
blooper [Am.]: Stilblüte {f}
blooper [Am.] [coll.]: peinlicher Fehler {m}

Was ist eine Anthologie? Duden sagt:

An|tho|lo|gie, die; -, -n [griech. antholog’ía, eigtl. = BlüŸtenlese, zu: ‡ánthos = Blume u. lŽégein = sammeln, lesen]: Sammlung von ausgewäŠhlten literarischen Texten (Gedichten od. Prosa)
© Duden – Deutsches Universalwöšrterbuch, 6. Aufl. Mannheim 2006 [CD-ROM].

Wobei die Form der Sammlung offen bleibt. Ist ein Stapel Gedicht- und Prosabände, wie er auf meinem Tisch liegt, eine Anthologie? Ist meine Bibliothek eine Anthologie? Eher nicht; sie enthält viele. (Übrigens auch Anthologien mit Dramen, Essays und anderen Textarten). Seit DER Anthologie meint das Wort wohl ein (1) Buch, in dem Texte verschiedener Autoren gesammelt sind. Das gilt analog auch für mehrbändige Anthologien. Das seit 1967 mit einer Unterbrechung nach 1990 erscheinende „Poesiealbum“*, früher monatlich, heute alle zwei Monate Gedichte eines Autors sammelnd, ist eher eine Heftreihe. Bibliographisch ist jedes Heft ein Buch – für viele Autoren war das Poesiealbum die Erstpublikation, ich nenne Wulf Kirsten, Kurt Bartsch, Thomas Brasch, Richard Pietraß und Kerstin Hensel , ja sogar für die 1966 gestorbene Inge Müller war das Heft von 1976 die erste selbständige Gedichtpublikation.  Man könnte das Heft wegen der regelmäßigen Publikation vielleicht eine Zeitschrift nennen – die ersten Jahre wurde es per Postkiosk angeboten. Es ist aber keine Anthologie, wie hier gesagt wird:

Eine Lyrikanthologie namens „Poesiealbum“, die von 1967 bis 1990 in der DDR erschienen ist und eine große kulturpolitische Leistung der Herausgeber/innen ist, stellt Hartmut Lindner in seinem Beitrag vor.

Ich hätte mir diese Anmerkung verkniffen, wenn es der einzige blooper in dem Buch oder Magazin wäre. Es heißt „Lernen aus der Geschichte. LaG-Magazin“, herausgegeben von der „Stiftung Aufarbeitung“ (auch ein schöner Titel, sozusagen Aufarbeitung pur?).

Schon der nächste Teilsatz birgt den nächsten Ausfall:

die von 1967 bis 1990 in der DDR erschienen ist

ja, und seit 2007 in der Bundesrepublik Deutschland, also nun im siebten Jahr. Mehr als 30 Hefte erschienen zweifellos nicht in der DDR. Das muß vielleicht nicht jeder wissen. Auch nicht jeder, der einen Aufsatz über „Poesiealbum“ schreibt? (Aufarbeitung des Poesiealbums? Nur zu; die beste Aufarbeitung von Büchern scheint mir immer noch: Lesen!)

Hartmut Lindner ist „Studienrat a. D. für die Fächer Politische Weltkunde, Geschichte und Deutsch“. Hier eine kommentierte Auswahl der wichtigsten „blooper“.

Weshalb die Lektoren Bernd Jentzsch und Klaus-Dieter Sommer für ihre ab 1967 im Verlag Neues Leben herausgegebene Lyrikanthologie den leicht missverständlichen, aber harmlosen Namen „Poesiealbum“ wählten, ist nicht mehr aufzuklären.

Klaus-Dieter Sommer war Lektor und wird in einigen Heften für die Auswahl genannt, ob er das Heft mit Bernd Jentzsch herausgegeben hat, scheint zweiffelhaft. Beide jedenfalls hätten die Heftreihe kaum eine Anthologie genannt. Und was heißt „leicht mißverständlich, aber harmlos“? Das ist reiner Blödsinn. Tatsächlich ist es Bernd Jentzsch und seinen Nachfolgern gelungen, das Wort „Poesiealbum“ zumindest für die DDR und ihre Überlebenden zu überschreiben. Bin weder harmlos weder Miß! Jeder, der ein Heft in die Hand nahm, wußte das. (Und was heißt nicht mehr aufzuklären? Bernd Jentzsch lebt noch. Der Artikel gibt keinerlei Hinweis, daß der Gründer und langjährige Herausgeber oder seine Nachfolger befragt wurden. Aufarbeitung ohne Zeitzeugen, aus dem Handgelenk eines pensionierten Studienrates?!)

Neben Brecht, Heinrich Heine und Theodor Storm, deren lyrische Qualität unbestritten ist, erscheinen die Debütanten Wulf Kirsten und Helfried Schreiter.

Ich bin nicht sicher, ob die „lyrische Qualität“ Heines oder Brechts von keinem bestritten wurde oder wird. Und ob Wulf Kirstens Gedichte „lyrische Qualität“ haben, hängt kaum vom offensichtlich begrenzten Urteil des Aufarbeiters ab – nicht einmal vom Urteil eines Fachmanns oder einer Fachfrau. Der Aufarbeiter häuft Leerformeln.

Betrachtet man diese ersten 10 Hefte, dann wird deutlich, dass die zeitgenössische (4 Hefte), antifaschistische (2) und die klassische deutschsprachige Dichtung (2) den Schwerpunkt der Reihe bildete, aber auch der sowjetischen Literatur (2) viel Raum gegeben werden sollte.

Mathematisch (und auch literarisch oder kulturpolitisch) höchst anfechtbar. Die 10 ersten Hefte von 275 bis zum Ende der DDR erschienenen können kaum als belastbare Probe gelten. Bei dieser überschaubaren Zahl und hervorragender Dokumentierung könnte sich ein Aufarbeiter schon etwas mehr Mühe machen. Ich borge aus einem anderen Kommentar eine etwas andere Auswahlliste:

Allen Ginsberg, Octavio Paz, René Char, W.H. Auden, Dylan Thomas, Welimir Chlebnikow, César Vallejo, Julian Przyboś, Arthur Rimbaud, Bob Dylan, Claes Andersson, Jannis Ritsos, Itzik Manger, Charles Bukowski, Anna Achmatowa, Aimé Césaire, Arsenij Tarkowski, Konrad Bayer, Boris Vian

Was sagt diese über die die Konzeption der Reihe? Bitte aufarbeiten. Ach so, hier kommt es?

Das Spektrum erweiterte sich in den folgenden Jahren, indem mit Erich Fried (1969) ein westdeutscher Autor und mit Federico Garcia Lorca ein spanischer präsentiert wurden.

Zu kurz, setzen! Auf Lorca z.B. folgten bis 1990, wenn ich keinen übersehe, 13 weitere spanischsprachige Autoren aus mehreren Ländern. Und Erich Fried ist kein westdeutscher, sondern ein österreichischer Autor, der einen österreichischen und einen britischen Paß besaß, in Baden-Baden starb und in London begraben liegt.

Alan Ginsburg, 1978

der Mann heißt Allen! Ginsberg!

Der französischen Lyrik wurden die Hefte für Rene Char, 1973; Arthur Rimbaud, 1980; Paul Eluard,1981; Iwan Goll 1982, Boris Vian, 1987; und Charles Baudelaire 1988 gewidmet, Autoren gegen die es viele Vorbehalte gab.

Schön gesagt. Nur: Vorbehalte gab es nicht nur beim Zentralrat der FDJ. Das Urteil gegen Baudelaires „Blumen des Bösen“ wurde erst in den 40er Jahren des 20. Jahrhunderts aufgehoben, pikanterweise auf Antrag der französischen KP. Und man lese von den Vorbehalten des Freiburger Professors Hugo Friedrich, der in seinem wirkungsmächtigen Buch „Die Struktur der modernen Lyrik“ zu Protokoll gibt, daß auch er lieber Goethe liest. Auch gegen Boris Vian oder Allen Ginsberg gab es viele Vorbehalte nicht nur in Literaturkritiker-, sondern auch in Justizkreisen. Und wenn man darüber plaudert, kann man sich trotzdem informieren. Bei Bernd Jentzsch oder Richard Pietraß kann man Genaueres über „Vorbehalte“ erfahren. Man müßte sie lesen; und mit ihnen sprechen; wenn man / was? aufarbeiten will.

Und nebenbei: Ivan oder Yvan Goll ist kein französischer Autor, sondern auch** ein deutscher Expressionist. Wenn auch mit französischem Paß. Und René Char schreibt sich mit aigu, ebenso Paul Éluard.

Was da im Verlag der FDJ „Neues Leben“ so altbacken und unverdächtig als Poesiealbum tituliert wird, erweist sich also beim näheren Hinsehen als eine brisante Mischung, die durch die Einbettung in systemkonforme Texte nicht wirklich entschärft werden konnte. Es ist literarischer Sprengstoff, der hier angehäuft wurde.

So altbacken und unverdächtig? Er liebt halt seinen Einfall. Ich hoffe, die Arbeit wurde anständig honoriert.

Nach der Wende gab es verschiedene Versuche, das „Poesiealbum“ wieder aufleben zu lassen, die aber nicht die Resonanz gefunden haben, die einst das „Poesiealbum“ in der DDR hatte.

Wie schon gesagt, seit sieben Jahren erscheint es wieder, wenn auch in Auflage (früher um 10.000) und Bedeutung nicht dem historischen Poesiealbum in den Farben der DDR vergleichbar. Falsche Zeitform, Herr Studienrat.

———————–

*) Anders das in Leipzig (verwirrenderweise im gleichen Originallayout von 1967) erscheinende „Poesiealbum neu“, bei dem jedes einzelne Heft eine Anthologie ist.

**) siehe Kommentare

Hier kann man die Aufarbeitung nachlesen.

40. Ginge ich nach Haus

Das sorbische Volk (“gibt es das? ja, es gibt es noch, vor allem Wort um Wort, bei Kito Lorenc” – Peter Handke) ist ansässig in der Nieder- und Oberlausitz, hat eine eigene Flagge, eigene Sprache, eigene Dichter. Aber wie die Herkunft aus der Familie ist das heimatliche Sorbien durchzittert vom Abschied.

Ginge ich nach Haus
wäre das Haus noch da
Ginge ich in das Haus
wären die Eltern darin
Spräche ich zu den Eltern
wäre ich ein Kind
und Vater müsste in den Krieg
So hätte ich die Mutter allein
könnte ihr meine Schularbeiten zeigen
die ersten Buchstaben
die Wetterschatten der Bäume
die Schneeschlangen auf den Ästen

Licht und Wetter sind die ersten Buchstaben. Im Dichten werden sie gezeigt, immer wieder, auch denen, die sie ebenso gut kennen wie man selbst und sogar länger. Aber dennoch müssen sie immer wieder gesagt werden, und nichts anderes ist das Ethos der Dichtung. Das Herzeigen des Eigenen ist Verpflichtung. Schuster und Dichter bleiben bei ihren Leisten, aber letzterer muß sie auch sagen.

[…] Schneeglocken
läuten da im Februar Märzen
wie bestellt für die kleinen Dichter
wenn sie aus Fingerhüten ihren
Kräuterbitter bechern […]

Ohne das Bittere geht es nicht. Und wie bei jedem Minderheitenvolk sorgt das Bittere auch bei den Sorben für sich selbst. Aber das bittere Kraut des bitteren Landes geht ein in das Wort, das spröde ist vom Witter und schon geschmeidig vom Frühjahr.

Und dieses Wort ist eine Einladung in das Dreiländereck, in dem die Sorben daheim sind und sprechen.

/ Kai Hammermeister, Fixpoetry

Kito Lorenc: Gedichte, ISBN 978-3-518-22476-2, 13.95 Euro, Suhrkamp Berlin 2013

39. Schwarze Milch die zweite

Andere Quelle:

SCHWARZE MILCH DER FRÜHE

eine nur scheinbar enigmatische Verszeile von Paul Celan, die dazu noch ein lehrbuchmäßiges Oxymoron und eine Genitivmetapher enthält. Gemeint ist einfach Kaffee.

Martin, sich eine Tasse einschenkend: „Schwarze Milch der Frühe… Ach Frank, sei so gut und gib mir mal die Milch rüber.“ / Netzfund

Wobei ein oder zwei Dinge klarzustellen wären. Die Quelle  ist Satire (mit mir widerwärtigem Hintergrund), aber die Erklärung („gemeint ist der Morgenkaffee“) keine Erfindung des Satirikers. Nachdem mir mehrmals von Studenten versichert wurde, sie hätten diese Erklärung von ihrem Deutschlehrer, bin ich sicher, daß ihr die Zukunft gehört. Da liegen die Leipziger („Verlust ländlicher Identität“ „Gefahren der Globalisierung“, „Synonym für Niedergang und Zerfall, Werden und Vergehen … im Laufe unseres Lebens“) gar nicht so daneben.

Zucker und Milch? Nein danke, ich trinke schwarz.

38. Schwarze Milch der Provinz

Neue Perspektiven auf alte Werke… heute aus Leipzig:

Die euro-scene Leipzig findet vom 05. – 10. November 2013 zum 23. Mal statt. Das Festival zeitgenössischen europäischen Theaters und Tanzes zeigt 12 Gastspiele aus 11 Ländern in 24 Vorstellungen und 8 Spielstätten. Das Spektrum umfasst Tanz- und Sprechtheater, Performances, musikalische Bühnenformen und ein Stück für Kinder. Die Schirmherrschaft übernahm Burkhard Jung, Oberbürgermeister der Stadt Leipzig. Die Programmauswahl liegt in den Händen von Festivaldirektorin Ann-Elisabeth Wolff.

Das Festival steht diesmal unter dem Motto »Schwarze Milch«. Diese Metapher fußt auf dem gleichnamigen Theaterstück des lettischen Regisseurs Alvis Hermanis aus Riga, das zu den diesjährigen Festivalgastspielen gehört. Es handelt von dem Verlust ländlicher Identität und den Gefahren der Globalisierung. »Das Motto steht aber auch als Synonym für Niedergang und Zerfall, Werden und Vergehen, für das Wechseln von Perspektiven im Laufe unseres Lebens«, so Festivaldirektorin Ann-Elisabeth Wolff. / mehr

37. Poetry and science

Most pre-scientific cultures used poetry to express ideas about the creation of the earth, and many of them are surprisingly similar. From the chants of the Maori Io tradition to Hesiod’s Theogony, poets have propounded theories and told stories of the creation of something from nothing, stories that still inform the work of modern poets like Billy Marshall-Stoneking, who draws on Aboriginal Australian legends for his poem Tjukurrpa (Creation Times).

In the 19th century, advances in geology began to make more fact-based scientific explanations of the genesis of the earth more achievable, and a key landmark was the 1830-31 publication of Charles Lyell’s Principles of Geology: being an attempt to explain the former changes of the earth’s surface by reference to causes now in operation. Lyell’s driving principle was that „the present is the key to the past“, and this clearly struck a chord with Kenneth Rexroth, who links geology, the formation of the earth, and present human love in his poem Lyell’s Hypothesis Again.

If anything, Hugh MacDiarmid’s magisterial On A Raised Beach makes this link even more explicit right from the opening lines ‚All is lithogenesis – or lochia,/ Carpolite fruit of the forbidden tree‘. The birth of stones and childbirth are balanced one against the other as the source of ‚all‘, and the forbidden tree whose fossil fruit they are recalls one of the most famous genesis tales of all.

Most people will know the story of Eve from the outside, as it were, but in Paradise Lost Milton has her describe her creation from her perspective, starting with her awakening to wonder ‚where/ And what I was, whence thither brought, and how.‘ It’s a typically daring conceit, giving a new twist to a familiar narrative. / Guardian

36. Mit den Fingerspitzen

„Der Schreiber muß sich davon lösen, dem Glanz der ‚einfachen‘ Erkenntnis nachzujagen“, schrieb Thomas Brasch 1971 in sein Tagebuch. Und: „Die Welt, in der wir uns aufhalten, muß vorsichtig mit den Fingerspitzen neu begriffen werden (…).“

UND WENN WIR NICHT AM LEBEN SIND
dann sterben wir noch heute.
Die Liebe stirbt, du lebst, mein Kind
Die Mädchen werden Bräute.

Ach, wenn ihr mich gestorben habt,
lebt ihr mich weiter heute,
gemeinsam wird 1 Land begrabt
und einsam sind die Leute.

Thomas Brasch: Die nennen das Schrei
Hrsg. v. Martina Hanf und Kristin Schulz
Suhrkamp Verlag, Berlin 2013
1029 Seiten, 49,95 Euro
ISBN: 978-3518423455

Insa Wilke bespricht den Band im DLF

35. Poetopie

in der Menschenmenge plötzlich getroffen von einem Paar Augen – in dem einen Blick, kurz und unendlich, halten sich Zwei

Hansjürgen Bulkowski

34. Wortgewebe und Melodien

Einen „Prospekt“ – wie die Prachtstraße von St. Petersburg oder die Schauseite einer Orgel – nennt Ron Winkler den Introitus seiner neuen Gedichtsammlung „Prachtvolle Mitternacht“. Und wenn er nicht die Petersburger Magistrale oder den Orgelprospekt meint, dann denkt er vielleicht an den Lagebericht eines Unternehmens, das den Börsengang plant; an eine Werbeschrift, den Faltprospekt, denkt er wohl weniger. Aber immer darf man bei Winkler vermuten, dass mehrere Bedeutungen sich zu einem Geflecht verknüpfen, aus dem eine eigene und neue Lexik entsteht. (…)

So gelingen Ron Winkler seidene Wortgewebe und Melodien wie seine „Serenade“: „ich denke daran, wie Streichinstrumente / auf Rosshaar spielen, / ich denke an die Flügel geflügelter Worte, / an die Engelszungen der Teufelskreise, denke / an die Form der Lungen eines langen Gedichts“. Da ist es wieder, das von Walter Höllerer vor vielen Jahren propagierte „Lange Gedicht“. Nun ist es ganz kurz, aber es hat ein eigenes Pneuma. / Herbert Wiesner, Die Welt

Ron Winkler: Prachtvolle Mitternacht. Schöffling & Co., Frankfurt/M. 100 S., 18,95 €.