… vorm Stand von S. Fischer diesen Kommentar zum Lyrikprogramm des großen Verlages aufgeschnappt:
2012 liao yiwu und uwe kolbe, wulf kirsten, ganze drei lyribände, sieht man mal von aufgewärmten und exhumierten ab, alle männer, davon ein friedenspreisträger und alle seit jahrzehnten bekannt. hut ab, enorme innovationleistung, da traut man sich was. auf solche verlage kann ich tatsächlich verzichten, da könnte mich ehrlich gesagt auch ein auspuffhändler verlegen, da wäre ich dann wohl ähnlich gut aufgehoben, ja. ich kenne fischerautoren, die könnten ja auch mal den mund aufmachen und sagen, wie peinlich: euer lyrikprogramm.
Ja, wo es recht hat, das Gedränge.
Nach dem „Buch der Dinge“ (2006) hat Aleš Šteger nun ein „Buch der Körper“ geschrieben. Überaschenderweise spielt er die Wahrnehmung darin nur indirekt aus. Den Körper als das vermeintlich Andere des Denkens fasst er als ein Gebilde, das zum Ausdruck drängt: Die Äußerungen des Körpers lassen sich als Zeichen verstehen und deuten. Umgekehrt können gerade die Wörter wie Körper erscheinen, sie können schnüffeln und streunen oder an eine transparente Membran erinnern: „Der Übergang / pulsiert“.
Zu drei Kapiteln hat Šteger seine Körperverse angeordnet. Fast asketisch muten die ersten Gedichte an, abstrakte Variationen einer Schöpfungsgeschichte, die um Begriffe wie „Einer“, „Etwas“ oder „Nichts“ kreist. „In keiner Richtung. / Auf verwischter Spur“ macht Šteger die vermeintlich festen Bestimmungen wieder flüssig. So reduziert das erste Kapitel erscheint, so vielschichtig und schillernd ist das zweite mit seinen weit ausgreifenden Prosagedichten. Erzählerisch und bildlich fächert Šteger die Fragen noch einmal neu auf. Und schafft eine Melange aus Erinnerung, Beschreibung, Wortspiel und poetologischer Reflexion, in der sich das eine vom anderen gar nicht trennen lässt. Eben noch skizziert er einen Traum, schon wechselt er zu einer philosophischen Betrachtung, macht Spaziergänge durch die englische Landschaft oder erinnert sich an jene slowenische Gegend rund um das Städtchen Ptuj, wo er 1973 geboren wurde.
/ Nico Bleutge, Potsdamer Neuste Nachrichten
Aleš Šteger: Buch der Körper. Gedichte. Aus dem Slowenischen und mit einem Nachwort von Matthias Göritz, Schöffling, Frankfurt/Main 2013. 149 Seiten, 19,95 €.
Autor Uhly über brasilianische Dichtung als Schwerpunkt der Frankfurter Buchmesse
Steven Uhly im Gespräch mit Liane von Billerbeck, Deutschlandradio
Brasilien präsentiert sich als Gastland der weltweit größten Buchmesse mit seiner facettenreichen Literatur. Sehr prägend für die brasilianische Lyrik war die Zeit der Militärdiktatur von 1964 bis 1984, wie der Schriftsteller Steven Uhly erklärt.
von Billerbeck: Brasilien, das ist ja ein sehr buntes Land. Brasilianer können Wurzeln auf drei Kontinenten haben: in Europa, in Afrika und in der indigenen Kultur Südamerikas. Was bitte ist denn dann brasilianische Literatur?
Uhly: Da darf man nicht die Brasilianer japanischer Herkunft vergessen. Es gibt in São Paulo allein, ich glaube, inzwischen 700.000 oder 800.000 brasilianische Japaner oder japanische Brasilianer. Historisch gesehen haben Sie natürlich recht: Die Portugiesen haben das Land erobert, haben erst mal die Indios unterjocht oder eben auch massakriert, und dann brauchten sie für die vielen schönen Rohstoffe robuste Arbeiter, die haben sie sich aus Afrika geholt. Um dieses Dreieck dreht sich natürlich sehr vieles, es ist klar.
Was die Lyrik ist in dem Zusammenhang: Die Lyrik ist meines Erachtens, na ja, so ein Laboratorium, in dem die Dichter versuchen, das zu integrieren, was sie, wenn sie vorurteilslos hinschauen, was sie vorfinden in der brasilianischen Wirklichkeit.
von Billerbeck: Wie machen sie das?
Uhly: Das war eigentlich Oswald de Andrade, ein Dichter des Modernismus, also einer Kulturbewegung, die aus Europa kam, der 1930 gesagt hat: Wir müssen einfach zum Kannibalismus zurückkehren – und damit meinte er natürlich nicht den historischen Kannibalismus, sondern er meinte so eine Art kulturellen Kannibalismus -, nämlich einfach alles in uns reinstopfen, worüber wir stolpern, und halt gucken, was dabei rauskommt. Das war in gewisser Weise eine Gegenbewegung zur offiziellen Literatur und auch Haltung der Regierung, die wesentlich von Gilberto Freyre vorgegeben wurde. (…)
Uhly: Die Literatur war eigentlich – und das ist halt das ganz Tolle für mich als Dichter und Schriftsteller selber -, die Lyrik hat eine Qualität erreicht, die mich, als ich damals nach Brasilien kam, vollkommen überrascht hat. Was mich auch vor allem sehr überrascht hat, war, dass die Qualität der Liedtexte der Qualität der rein geschriebenen Dichtung in nichts nachstand. Also, es befand sich beides auf einem sehr, sehr hohen Niveau, wie ich das von Europa gar nicht kannte.
Das kam tatsächlich durch ein Paar, ein Komponisten-Musiker-Paar, das sehr berühmt geworden ist, durch Lieder wie „Girl from Ipanema“, nämlich (…), ein Dichter des zweiten brasilianischen Modernismus, und Tom Jobim, der halt als Komponist und als Musiker sich damals einen Namen gemacht hat, und die haben sich dann zusammengetan in den 50er-Jahren, Anfang der 50er-Jahre, und haben gemeinsam die Bossa Nova erfunden. (…)
Am Anfang der 60er-Jahre gab es eigentlich vor allem die damals bereits schon als bürgerlich verschriene Bossa Nova, dann gab es die linke, die engagierte Literatur, und dann gab es … Anfang der 60er-Jahre entstand die konkrete Poesie in São Paulo, und es regte sich in Bahia halt zum ersten Mal die afrobrasilianische Kultur. Und während die Linke sich eigentlich an der Rechten aufrieb, haben sich diese beiden anderen Strömungen erst mal relativ ungehemmt entwickeln können, weil sie eben nicht in diesen Antagonismus verfielen.
Baltasar Gracian
Handorakel und Kunst der Weltklugheit
Die Kunst des Ausdrucks besitzen: sie besteht nicht nur in der Deutlichkeit, sondern auch in der Lebendigkeit des Vortrags. Einige haben eine glückliche Empfängniß, aber eine schwere Geburt: denn ohne Klarheit können die Kinder des Geistes, die Gedanken und Beschlüsse, nicht wohl zur Welt gebracht werden. Manche gleichen, in ihrer Fassungskraft, jenen Gefäßen, die zwar viel fassen, aber nur wenig von sich geben: Andere wieder sagen sogar mehr, als sie gedacht haben. Was für den Willen die Entschlossenheit, ist für den Verstand die Gabe des Vortrags: zwei hohe Vorzüge. Die Köpfe, welche die Gabe lichtvoller Klarheit haben, erlangen Beifall; die verworrenen werden bisweilen verehrt, weil Keiner sie versteht. Zu Zeiten ist es passend dunkel zu seyn, um nicht gemein zu werden: allein wie sollen die Hörer den begreifen, der mit dem, was er sagt, eigentlich selbst keinen Begriff verknüpft?
Aus:
Balthazar Gracian’s Hand-Orakel und Kunst der Weltklugheit.
Leipzig: F.A. Brockhaus 1871
(Arthur Schopenhauer’s handschriftlicher Nachlaß 1)
S. 139
Reichlich absurd ist also das Versprechen des Klappentextes, Gomringer würde „das Unbeschreibliche“ beschreiben, handelt es sich bei den Monstern doch um Reproduktionen kulturell bereits beschriebener Typen. So unterhaltsam harmlos die meisten dieser monströsen Ergebnisse sind, so sind es leider auch viele Gedichte, die unter eben der Harmlosigkeit ihres Objektes leiden. Jene Gedichte, die sich von dem Gegenstand lösen um zu reflektieren, bilden einen willkommenen Kontrast in dieser Zusammenstellung. Gelungen ist etwa der Frankenstein, der aus medizintechnischen Gründen nach Ingolstadt verlegt wurde. Auch das erste Stück „Monster und Mädchen“ zeugt vom Können der Autorin, die im vergangenen Jahr den Joachim-Ringelnatz-Preis für Lyrik erhielt. Lyrisch und stilistisch gibt es an diesem Band auch nichts auszusetzen. Einzig die Auswahl des Gegenstandes steht den Monster Poems oft im Weg. Etwa wirken Gedichte wie der Anruf an den alternden Richard Gere und die Würdigung der Riesenechse Godzilla wie lieblose Pflichtstücke. Das wird durch die Eindimensionalität des Gegenstände jener Gedichte noch verstärkt, was schon auf der Leinwand nicht furchterregend, sondern höchstens gruselig ist, entfaltet auch als Gedicht keine größere Wirkung. So sind die Texte, die strenggenommen nicht in diesen Band gehören, regelmäßig die interessantesten. Was hilft, sind die erwähnten reflektierenden oder dekonstruierenden Passagen, welche aber wiederum das Gedicht von seinem erklärtem Gegenstand entfernen und es damit von seinem erklärtem Ziel – „ein Besuch im Zelt der Freakshow“ zu sein – entfernt. / Michael Kurzmeier, literaturkritik.de
Nora Gomringer: Monster Poems.
Verlag Voland & Quist, Dresden 2013.
64 Seiten, 16,90 EUR.
ISBN-13: 9783863910280
Eingegangen sind sie in die Literaturgeschichte des 20. Jahrhunderts nicht allein wegen ihrer eindrucksvollen Gedichte, sondern auch wegen ihrer Liebesgeschichte, die mit ihrem Selbstmord endete: Das Dichterpaar Sylvia Plath und Ted Hughes.
1961 antwortete Ted Hughes auf die Frage, ob sie denn ein Paar seien, bei dem sich die Gegensätze anzögen, sie seien sehr verschieden, Sylvia Plath hingegen sagte, sie seien sich ziemlich ähnlich.
Als Ted Hughes dann „verschieden“ erklärte, gestand er, dass er und Plath ähnlich veranlagt seien und im selben Rhythmus arbeiteten – genaugenommen gehe ihre Ähnlichkeit so weit, dass er oft das Gefühl habe, sie schöpften beide geradezu telepathisch aus einem Geist. Aber er und Plath, so meinte er, nutzten diese Gemeinsamkeit für recht unterschiedliche Zwecke, Phantasie und Gestaltungskraft führten jeweils ein ganz „geheimes Leben“.
Plath erklärte „ziemlich ähnlich“ dahingehend, dass sie und Hughes zwar einen sehr unterschiedlichen Hintergrund hätten, ihr aber ständig unerwartet Ähnlichkeiten auffielen… Ihre eigene Vergangenheit könne in ihre Dichtung einfließen, weil Hughes daran so interessiert sei: Im Schreiben also wurden die Ähnlichkeiten für beide fruchtbar, selbst wenn – und das war ihr wichtig – die Texte dann überhaupt nicht ähnlich waren. / Manuela Reichart, DLR
Diane Middlebrook: Du wolltest deine Sterne (Doppelbiographie)
edition fünf, Hamburg 2013
476 Seiten, 22,90 Euro
Ulrich Kochs Weg durch das Literaturgeschäft ist untypisch. Er hangelte sich nicht von Stipendium zu Stipendium, er reist heute nicht von Lesung zu Lesung. Koch hat sich aus dem Getriebe ausgeklinkt, sicher nicht ganz, aber doch sehr entschieden. Natürlich knüpft auch Koch sein Netzwerk, er betreibt es online, da gibt es Seiten wie fixpoetry und die sogenannten sozialen Medien. Auf Veranstaltungen, auf denen der eine den anderen trifft, sieht man Ulrich Koch aber nicht. Als Lesender tritt er zudem eher selten in Erscheinung – im Sommer saß er mit Jan Wagner und Ursula Krechel auf dem Podium, vor wenigen Tagen in Dresden mit Elke Erb und Brigitte Struzyk. “Als ich ein Wunderknabe war / schüttelte ich die Streichholzschachtel der Sätze, / in der die Wünsche lagen, die Köpfe abgebrannt, / und verlief mich im Wald.” Aus seiner Enttäuschung über den Literaturbetrieb sei mittlerweile Gelassenheit geworden, sagt Koch. Auch wenn er beklagt, dass Lyrik immer weniger wahrgenommen werde, auch kaum mehr von den großen Zeitungen. Lyriker betreiben eben so etwas wie eine Randsportart. Auf der anderen Seite gebe es heute mehr denn je gute Verlage, kookbooks nennt Koch und den poetenladen, in dem “Uhren zogen mich auf” erschien, sein jüngstes Buch, aus dem das Zitat zuvor stammt.
“Wenn ich Gedichte schreibe, schreibt der Leser schon mit”, sagt Ulrich Koch. Die Offenheit, das Fremde, Surreale, Irritierende und Verführende, die Vielbödigkeit – all das liegt in seinem Schreiben und findet einen eigenen Widerhall beim Lesenden. Der Begriff des Verstehens sei zu eng gefasst, sagt Koch, er wünscht sich bzw. seinen Lesern einen neugierigen, angstfreien, spielerischen Zugang zur Lyrik. / Landeszeitung
Aus: Lyrikwiki
Sibylla Schwarz (andere Schreibweisen: Schwartz, Schwartze, Schwar(t)zin [1]; Sibylle) wurde am 24.2.1621 [2] in Greifswald geboren und starb ebenda am 10.8.1638. Wegen Frühreife und frühen Todes nannte man sie die „pommersche Sappho“ und „die zehnte Muse“.
Sie stammte väter- und mütterlicherseits aus einer alten Greifswalder Patrizierfamilie, ihr Vater Christian S. war Bürgermeister und Landrat. In der Kindheit (1630) verlor sie die Mutter. Ihr kurzes Leben war vom Krieg mit aufeinanderfolgender Besetzung der Stadt durch kaiserliche und schwedische Truppen gezeichnet. Glückliche Umstände verhalfen ihr zu einer für ein Mädchen in jener Zeit ungewöhnlichen Bildung, sie eignete sich autodidaktisch Sprachen und antike Mythologie an und lernte die neueste deutsche Literatur mit den Schriften von Martin Opitz kennen. Mit 13 Jahren begann sie zu schreiben, Gelegenheitsgedichte ebenso wie fast den ganzen Opitzschen Formenkanon, geistliche und weltliche Lieder, Oden, petrarkistische Sonette, Epigramme, eine Schäferdichtung und ein Dramenfragment entstanden in nur vier Jahren, daneben einige Übersetzungen (Latein, Holländisch und Französisch).
Der aus Württemberg stammende Pfarrer Samuel Gerlach kam ab Mai 1636 für kurze Zeit möglicherweise als ihr Hauslehrer und Erzieher nach Greifswald und wurde ihr wichtigster Förderer. Gerlach wollte ihre Texte drucken, wofür das Anagramm-Pseudonym Sibyllen Wachsesternin von Wildesfragen (aus Schwartzin von Greifswalden) gewählt wurde. In einem Brief an Gerlach erwähnt sie einen offenbar geplanten Besuch von Martin Opitz, durch ihren Tod wenige Wochen später kam es nicht mehr dazu. 1650 gab Gerlach ihre Werke in zwei Teilen heraus.
Die Ausgabe machte sie zeitweilig berühmt, sie wurde in einschlägige Nachschlagewerke (Zedler, Paullini, Jöcher) aufgenommen. Daniel G. Morhof nannte sie „ein Wunder ihrer Zeit“, ein Mädchen, das „die Männer selbst in der Tichtkunst beschämen können“. Dann geriet sie in den Dunstkreis bloß lokalen Interesses und wurde bis auf wenige geistliche Lieder und Sonette vergessen. Das begann sich erst zu ändern, als Ziefle seine Biografie (1975) und einen kommentierten Reprint der Ausgabe von 1650 herausgab.
Sie wird der (ersten) schlesischen Dichterschule zugerechnet und gehört zu den frühesten Vertretern der neuen Dichtung im Gefolge von Opitz. Forschung und Kritik sprachen ihr neben dem Wunderkind- und Frauenbonus zu, eine Art früher Erlebnisdichtung („ein Zug frischer und wahrer Empfindung“, Welti 1888) verfaßt zu haben. Betont wird ihre „tiefe Religiosität“ und Werte wie Innigkeit und „schlichte Demut“ (Gassen).
Die feministische Forschung (zuerst in Übersee) begann nach „männliche(n) Wert- und Auslegungssysteme(n“) und ihrem Anteil am „Hervortreten weiblicher geistiger Autonomie“ (Ganzenmueller) zu fragen. Erika Greber liest die Sonette und Gerlachs Edition in der Nähe von Autoren wie Vittoria Colonna oder Veronica Gambara als (in Deutschland rare) Beispiele eines weiblichen und lesbischen Petrarkismus, in dem Imitation und Innovation zusammenfallen. Wenn nicht alles täuscht, hat sie es nunmehr in den Kanon geschafft, wie neben der Aufnahme in Anthologien Vertonungen, Schulprojekte und literarische Adaptionen belegen. Im Oktober 2013 befaßt sich erstmals eine internationale Fachtagung an der Universität Greifswald mit ihrem Werk.
Von Celan ist in diesem Gedichtband die Rede, auch von Brecht. Aber die wahre Autorität hat ein anderer inne. Wir hören lediglich seine Stimme, von ferne sozusagen, durchs Telefon und aus einer schon fast wieder unvordenklichen Vergangenheit. Einmal habe Thomas Kling angerufen, so heisst es in dem Gedicht «Requiem»: «Er war es leibhaftig, ich kannte die Stimme –» Aber der Angerufene, er wohnt in Berlin, «zweiter Hinterhof, lebendig begraben», kommt nicht dazu, selber etwas zu sagen oder zu fragen. Thomas Kling soll lediglich mitgeteilt haben: «Ich beobachte, was du so machst. Dann legte er auf.» Und ausserdem habe er auch noch gesagt: «Nimm deine Zunge und geh.»
Es ist gewiss das bewegendste Gedicht und eines der beeindruckendsten in Hendrik Rosts neuem Lyrikband «Licht für andere Augen». Das «Requiem» auf den 2005 verstorbenen Lyriker Thomas Kling ist eine ebenso erschütternde wie fröhliche Hommage an den «Meister», was keineswegs ironisch gemeint ist. Kraftvoll schildern die Verse den Überfall des Anrufers und das Erstaunen des Angerufenen, und kaum vernehmbar hört man zwischen den Versen die Einsamkeit beider: «Mensch, / ich muss mit dir reden, dröhnte der Meister. Und redete. / Ich nickte, ein Kind, das magisch denkt.» Die zweite Strophe schildert eine Lesung Klings bei einem Buchhändler, der das erzählende Ich beigewohnt und bei der Kling impulsiv wie stets seine Gedichte vorgetragen hatte: «Immer wieder drehte er die Augen auf Weiss. / Nach einer Stunde fuhr er hoch: Alles Ärsche, zischte er, // die verstehen mich nicht.» / Roman Bucheli, NZZ
Hendrik Rost: Licht für andere Augen. Gedichte.
Wallstein-Verlag, Göttingen 2013. 80 S., Fr. 25.90.
Wie über soziale Netzwerke erfahrbar und bei Wikipedia dokumentiert, starb der Übersetzer Norbert Randow am 1.10. Wikipedia schreibt:
Norbert Randow (* 1929 in Neustrelitz; † 1. Oktober2013) war ein deutscher Herausgeber und Übersetzer von bulgarischen, russischen, altkirchenslawischen und weißrussischen Schriften und Büchern. Er galt als wichtigster Experte und Vermittler bulgarischer und weißrussischer Literatur in Deutschland.
Randow studierte Slawistik zunächst bis 1953 in Berlin, dann anschließend für drei Jahre in Sofia. Später arbeitete er als Assistent für bulgarische Literatur an der Humboldt-Universität zu Berlin. Er wurde jedoch 1962 wegen angeblicher „staatsgefährdender Hetze“ und „Beihilfe zur Republikflucht“ für drei Jahre inhaftiert – er hatte unter anderem den Roman Doktor Schiwago von Boris Pasternak weitergegeben. Seine wissenschaftliche Laufbahn war damit beendet.
Nach Ende der Haftzeit wandte er sich vornehmlich Übersetzungen aus dem Bulgarischen zu. Ab 1978 besuchte er für Studien und Übersetzungen fast jährlich Bulgarien. Dies wurde durch ein Stipendium der Bulgarischen Akademie der Wissenschaften finanzierbar.
Erst 1993 kehrte Randow als Gastprofessor wieder an die Humboldt-Universität zurück.
Einige Schmuckstücke meiner Bibliothek aus seiner Übersetzer- und Herausgebertätigkeit:
Mandelstam, Ossip:
Gespräch über Dante. Russisch und deutsch. Aus dem Russischen übertragen vonNorbert Randow. Mit einem Nachwort von Leonid E. Pinski.
Leipzig und Weimar, Gustav Kiepenheuer Verlag 1984
Daltschew, Atanas:
Fragmente
Herausgeber/Übersetzer: Randow, Norbert
Philipp Reclam jun., Leipzig , 1980
Daltschew, Atanas:
Gedichte. [Zsgest. u. mit e. Nachw. vers. von NorbertRandow. Übertr. von Adolf Endler u. Uwe Grüning], Insel-Bücherei ; Nr. 567
Leipzig : Insel-Verlag, 1975
Chilandar, Paissi von
SLAWOBULGARISCHE GESCHICHTE [von dem bulgarischen Volk, seinen Zaren und Heiligen und allen bulgarischen Taten und Geschehnissen, zusammengetragen und angeordnet von dem Priestermönch Paissi aus dem Bistum Samokow, von wo er im Jahre 1745 auf die heiligen Athosberge kam und diese Geschichte zusammentrug im Jahre 1762, dem bulgarischen Volke zum Nutzen.]. Aus dem Bulg. übersetzt, hrsg., komment. u.m.e. Nachw. versehen v. Norbert Randow.
Leipzig, Insel 1984.
Ilja und der Räuber Nachtigall. Bylinen. (Aus dem Russischen ausgewählt und nachgedichtet von Wolfgang E. Groeger. Mit einem Nachwort von Norbert Randow und Xenia Werner).
Leipzig: Insel-Verlag 1986
Florian Voß: Also der erste Teil, der titelgebende ZyklusIn Flip-Flops nach Armageddon, ist ja letztendlich eine Travestie, das ist Grand Guignol als Lyrikzyklus, das hat zwar auch seine gesellschaftlichen Elemente, und durch die Sprecherhaltung wird da auch Position bezogen. Aber letztendlich ist es schon auch eine Beschreibung der Welt, wie sie jetzt verfasst ist, als eine Art Totentanz, aber als modernes „Mittelalterliches Fastnachtspiel“, das ist schon so… so in die Vollen gehend. Das hat ja ganz, naja, wie soll ich es nennen, mager angefangen, als ganz normale – naja, was ist normal – als gut durchgearbeitete Gedichte, eine Handvoll am Anfang, und die hab ich Kollegen vorgestellt, und dann war klar: das ist gut, aber irgendwie klappt es noch nicht so ganz, und dann hab ich sehr lang darüber nachgedacht, was ich machen müsste, um dem etwas Besonderes zu verleihen. Und dann hab ich das einfach immer mehr angefüttert. Das ist immer fetter geworden, also das ist richtig gemästet worden. Und so sind diese Gedichte in diesem Zyklus, bis sie fast geplatzt sind vor Assoziationsfeldern, vor Metaphern, von so einem sarkastischen Witz aufgebläht. Also die Absicht war wirklich, etwas zu schreiben, was dermaßen over the top ist, dass man noch nicht mal Pathos dazu sagen kann, sondern dass das einfach …
Kristian Kühn überdreht, Comic-Pathos ist …
FV Genau.
1. (Phantomfliegerschmerzen)
Mors die Neuigkeiten! Fatales
Fatum zeig ich euch geschichtsvergrindeten
Weltwesen – Bürger hört:
Phantomfliegerschmerzen – am Morgen
brummt der Schadeschädel abendrot
Und mir traumbombte gestern Nacht
sich der Weg in den Tiefgaragenschutt frei
„Suchen sie den Schmutzraum auf“
Ich hab‘ Betonverschalung im Genick
und es nickt mit schwarzem Eisenbauch
die Bombenfratz überm Erdgetümmel
(Ich sah das durch den Bunkerschlitz)
Alle Einkaufstaschen platzen, platschen
wenn die Bettelleute in den Shelter eilen
Zukunftsgesichte ziehen durch die Augenwand
Der Heliumwind der Sonne brach sich
am Nachmittag – Äther, Äther, Sphärenschichten
und jetzt Mugge: da rasselt Gott die Schellen
und die Trompetten schallen eine Wolfsquinte
Es leuchtete der Norden – O, gute Gammastrahlung
Mücken, Fliegen, Kleingetier – Summsumm
ihr Meister pulte sich den Dreck vom Ziegenstiefel
Meine Augen sahen scharf das ultrahelle Violett
des Himmelsknasters, eingeknastet in dem All
Und es wollt‘ Abend werden an der Skalitzer
(In Flip-Flops nach Armageddon. S. 8 f.)
Lesen Sie das komplette lange Interview, das Kristian Kühn führte, bei Signaturen
Das Tel Aviv Museum hat in der ukrainischen Stadt in der er sein erstes Gedicht veröffentlichte, eine Ausstellung über Israels Nationaldichter, Hayim Nachman Bialik eröffnet.
Unter dem Titel “Poet’s Path”, wurde die Ausstellung vom Museums Komplex Bialik kuratiert und am Samstag im OK Odessa Hotel eröffnet. (…)
Mit seinem am besten bekannten Gedicht “The City of Slaughter”, über das Pogrom von Kischinew 1903, etablierte sich Bialik als eine Säule der modernen Hebräisch Prosa. Die Vielseitigkeit seiner Werke, reicht von Protest Gedichten über spielerische Kinderreime bis hin zu erotischer Poesie.
Stereotypen sind vermutlich wichtig, wofür auch immer. Niemand kommt ohne sie aus, ersie sei denn EinsiedlerIn. Jeden Tag trifft man sie in Medien, auch bei den sog. „sozialen“ (sind die andern eigentlich die asozialen?). JedeR verwendet sie auch regelmäßig. Und jedeN stören die der andern, klar.
Ein vertrautes Klischee ist die Überförderung. In der Regel von Leuten mit festem Einkommen verwendet, aber es ist nicht ausgeschlossen, daß Unterbezahlte es auch gwebrauchen. Zuviel Förderung verderbe den Charakter oder das Talent, kann man hören, „Hungert sie aus!“, das schrieb sogar ernsthaft eine Qualitätszeitung.
siehe auch hier und hier.
Ich wies bei dem jüngsten medialen Klagruf wegen Überdüngung (siehe hier) auf den Widerspruch hin, daß gesagt wird, Berlin vergebe nur 12 Stipendien pro Jahr, bei geschätzten 1200 Autoren, und gleichzeitig Überförderung beklagt wird.
Ich rücke die Zitate noch einmal ein:
Hätten sie nur recherchiert! Eine schnelle Wikipedia-Suche ergibt, daß Nora Bossong in vielen Städten Zuwendungen erhielt, darunter mehrmals in Berlin. Ähnlich Tilmann Rammstedt (okay, wohl nicht von der Stadt Berlin).
Nora Bossong
Tilmann Rammstedt
Bevor sich jemand entrüstet, nicht ich spreche von Überförderung. Ich gönne den genannten Autoren ihre Förderungen und den vielen Ungenannten, von denen ich auch viele kenne, auch. Ich empfehle etwas mehr Gründlichkeit, nicht nur aber auch ZeitungsschreiberInnen. Mehr Gelassenheit auch. Etwas mehr Zurückhaltung bei stereotypen Äußerungen gegenüber der Presse. Neue Ideen zu den üblichen und eventuellen anderen Förderungsmaßnahmen. Warum nicht bei Nachbarländern nachsehen? Warum nicht statt über Förderung auch mal über Bezahlung reden, wie Mara Genschel vorschlug?
Heute vor 75 Jahren wurde Peter Gosse in Leipzig geboren. Nach einem abgeschlossenen Studium der Hochfrequenztechnik am Institut für Energetik in Moskau ist er von 1962 bis 1968 als Entwicklungsingenieur in der Radarindustrie tätig und dann ab 1968 als freischaffender Schriftsteller.
An seiner Hochschule (einer technischen!) wurden „Lesungen von Dichtern zu wahren Festen“.
Vom monumentalen Majakowski-Denkmal herunter las jeder, der wollte, eigne oder fremde Gedichte. (…) Der Lesende wurde von Dutzenden Händen am für derlei nicht vorgesehenen Sockelstein hochgestemmt, es bedurfte einiger Artistik seitens des Rezitierenden. (…) Ich entsinne mich, wie einer Jessenins großes Abschiedsgedicht sprach, und spontan hielt ein anderer Majakowskis nicht weniger große Replik dagegen.In einem Theater wurde ein Stück gegeben über die Berechtigung des „Roten Terrors“. Und der Terror wurde verworfen.
Keiner hat am Schluß applaudiert. Etwas anderes geschah, mir ist es heiß den Rücken hinuntergelaufen: Alle erhoben sich und sangen die Internationale. Weiß der Teufel, wen alles wir gemeint haben mochten mit diesem Lied der Lieder, das Gott, Kaiser und Tribun verwirft. (…) Ich geriet in eine Aufbruchssituation. Während manchen, nur um wenige Jahre älteren, das Weltbild riß nach dem sechsundfünfziger Kongreß, baute sich mir in dessen Gefolge eines auf. Ein ziemlich euphorisches. (…) Aus diesem Überschwang und direkt angefacht von Versen Whitmans und wohl auch Eluards begann ich zu schreiben.
Ab 1973 lehrt Peter Gosse am Literaturinstitut »Johannes R. Becher«. Ab 1985 als Dozent für Lyrik. Ausgezeichnet wurde er u.a. mit dem Heinrich-Heine Preis (1985) und dem Heinrich-Mann-Preis (1991).
Werke (Auswahl):
Zitate aus: Jürgen Engler: Gespräch mit Peter Gosse. In: WB 29 (1983). S. 474-485.
http://www.mdr.de/mdr-figaro/hoerspiel/essay/artikel119886_page-0_zc-6615e895.html
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