70. Königsdisziplin

Lyrik ist in Arabien Königsdisziplin

– das zitierte die Lyrikzeitung vor fast 13 Jahren aus dem Berner „Bund“. Nun gut, dort schreiben auch noch – wie einst in den andalusischen Königreichen – Könige und Emire selber Gedichte und vergeben fürstliche Preise an Dichter. Manche stecken sie auch ins Gefängnis.

In Deutschland dichten die Könige im allgemeinen nicht mehr. Friedrich der Große dichtete ganz viel, aber nicht auf Deutsch, und bis heute ist nur ein Teil davon ins Deutsche übersetzt, es scheint nicht zu pressieren. Aber wir führen das Wort gern im Mund, wenn wir über Lyrik, Hiphop, Comedy oder Bürostuhl-Rennen schreiben. Jüngst schrieb ein Zeit-Autor über den Deutschen Buchpreis:

Dass die Königsdisziplin der Literatur, die Lyrik, vom Buchpreis ausgeschlossen ist, zeigt nur, dass man ihm nicht allzu sehr vertrauen sollte.

Und er hat Recht damit. Wider Erwarten erwartungsfroh schlagen wir deshalb die Literaturbeilage ebenjener „Zeit“-Schrift auf, um etwas Neues über die von den anderen vernachlässigte Königsdisziplin zu erfahren. Aber vergeblich. „Im Dschungel der Bücher“ versprechen sie Durchblick, „die wichtigsten Neuerscheinungen des Herbstes“ (immer ist es DAS WICHTIGSTE wenn sie reden, darunter fangen  sie nicht an) versprechen sie, aber Lyrik fehlt. Die Königsdisziplin kommt nicht vor. Es ist ihnen nicht wichtig, es war nur ein dummer Spruch, ein Zeilenfüller, ein Nullargument. Geistige Gummibärchen! Ich borge mir die Geste eines Fernsehkritikers und werfe das Blatt mit verächtlichem Mundwinkel, wo es hingehört, auf den Müll.

Geistige Gummibärchen ist eine Kolumne zur Poesie des Medienspeak.

69. Heute

vor 40 Jahren starb Ingeborg Bachmann. Am 26. September 1973 erleidet sie schwere Brandverletzungen in ihrer Wohnung in Rom, am 17. Oktober stirbt sie im Krankenhaus Sant’Eugenio.

Ingeborg Bachmann selbst über Gedichte:

[Wozu Gedichte?]

„… Ich habe noch nie gehört, daß jemand einem Gedicht einen fruchtbaren Nachmittag oder Abend verdankt, obwohl es zweifellos noch immer Liebhaber von Lyrik gibt und Leute, die sich dran zu erbauen vermögen. Dann gibt es noch die Kinder, die Gedichte auswendig lernen müssen, weil Gedichte – so heißt es – das Gedächtnis schärfen.
In einem Gedicht ist also wenig Glück. Für den, der es schreibt, nahezu keins, daß es gelingt, und dann nochmals keins, daß es jemand erreicht. Es ist einsam, hat keine Funktion und kümmert mit Recht niemand. Ein Gedicht verherrlicht heute ja nichts mehr, und auch die Gläubigen haben es längst außer Kraft gesetzt. Ruhm und Glaube fallen auf es selbst zurück.
Man hört heute so oft – profaniert – die Hölderlinsche Frage: und wozu Dichter in dürftiger Zeit? Eine andere Frage, nicht weniger berechtigt, wäre: und wozu Gedichte? Was ist zu beweisen und wem ist etwas zu beweisen? Wenn Gedichte ein Beweis zu nichts sein sollten, müßten wir uns dran halten, daß sie das Gedächtnis schärfen. …“

Aus: Werke. Hrsg. von Christine Koschel, Inge von Weidenbaum und Clemens Münster. Bd. 4. München, Zürich: Piper 1993. S. 303-304.

Neue Biographie über Ingeborg Bachmann:

  • Andrea Stoll: Der dunkle Glanz der Freiheit – Die Biographie. C Bertelsmann Verlag, München 2013. 384 S., geb., 22,99 Euro.

http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/neue-biographie-der-dichterin-die-vielen-gesichter-der-ingeborg-bachmann-12559845.html

Und eine Biographie zu Bachmann und Frisch:

  • Ingeborg Gleichauf: „Ingeborg Bachmann und Max Frisch – Eine Liebe zwischen Intimität und Öffentlichkeit“. Piper Verlag München 2013. 224 Seiten, 19,99 Euro.

http://www.badische-zeitung.de/literatur-rezensionen/wanderer-und-wandelnde–76196056.html

Suhrkamp bringt „Malina“ erneut heraus. Besprechung DLR 17.10.13:

http://www.dradio.de/dkultur/sendungen/kritik/2288161/

68. Gestern

vor 159 Jahren (1854) wurde Oscar Wilde in Dublin geboren. Der Familienvater mit zwei Kindern hatte eine Affäre mit einem jungen Lord, die vom Vater des Liebhabers angezeigt wurde, was ihm zwei Jahre Zuchthaus wegen „Sodomie“ einbrachte. Auch sein anrüchiger Roman „Das Bildnis des Dorian Gray“ wurde im Prozeß gegen ihn verwendet. Ein paar Lieblingssprüche:

  • Auf seine eigene Art zu denken ist nicht selbstsüchtig. Wer nicht auf seine eigene Art denkt, denkt überhaupt nicht.
  • Skeptizismus ist der Anfang des Glaubens.
  • Alle schlechten Gedichte kommen aus wahren Gefühlen.
  • Eine ungefährliche Idee verdient den Namen nicht.

Und ein Sonett:

Sonnet to Liberty (1881)

Not that I loved thy children, whose dull eyes
See nothing save their own unlovely woe,
Whose minds known nothing, nothing care to know, –
But that the roar of thy Democracies,
Thy reigns of Terror, thy great Anarchies,
Mirror my wildest passions like the sea
And give my rage a brother — Liberty!
For this sake only do thy dissonant cries
Delight my discreet soul, else might all kings
By bloody knout or treacherous cannonades
Rob nations of their rights inviolate
And I remain unmoved – and yet, and yet,
These Christs that die upon the barricades,
God knows it I am with them, in some things.

Oscar Wilde, who said, „All bad poetry springs from genuine feeling.“ And, „An idea that is not dangerous is unworthy of being called an idea at all.“

67. Vorsicht KNST

1985 hat er angefangen mit der Mail-Art, damals in der DDR. Fast täglich schickte Wohlrab, wie viele andere Künstler auch, Karten raus, korrespondierte damals schon mit dem Politsatiriker und Grafiker Staeck in Heidelberg oder Robert Rehfeldt in Ost-Berlin, dem Vater der Mail-Art in der DDR. Ursprünglich kommt diese direkte Kunstform, die Galerien und Museen umgeht und sich nur zwischen Sender und Empfänger abspielt, aus den USA. Der New Yorker Künstler Ray Johnson hat in den sechziger Jahren zum ersten Mal eine Art künstlerischen Kettenbrief versendet, der weitergeleitet und ergänzt werden sollte.

In der DDR war die Mail-Art vor allem politisch. Rehfeldt stempelte immer wieder den Spruch „Kunst ist, wenn sie trotzdem entsteht“ auf seine Post. Und Wohlrab schrieb „Meine Karten sind Einbahnstraßen“ oder eindeutig zweideutig: „Vorsicht KNST!“. Zwar galt Mail-Art ab der zweiten Hälfte der siebziger Jahre als ein probates Mittel der freien Meinungsäußerung – auch in diktatorisch regierten Ländern Südamerikas. Ungefährlich war sie für ihre Schöpfer jedoch nicht. KNST, das kann für Kunst und Knast stehen. / Anna Pataczek, Tagesspiegel 30.9.

66. Literaturpreis

Das Parlament der Föderation Wallonien-Brüssel vergibt seinen Literaturpreis 2013 an den Dichter Philippe Mathy für den Band „Sous la robe des saisons“. Die Jury besteht aus Mitgliedern der Königlichen Akademie der französischen Sprache und Literatur, des Verbandes belgischer Schriftsteller französischer Sprache, des internationalen PEN-Clubs sowie Vertretern des Jugendrats. Philippe Mathy (eigentlich Philippe Claus) wurde 1956 im Kongo geboren. Der Preis ist mit 5000 Euro dotiert und wird seit 1975 jährlich an einen Autor vergeben, der „die Sensibilität der Föderation Wallonien-Brüssel veranschaulicht oder ihrem kulturellen Erbe verpflichtet ist“. (Belga) / Le vif

65. Neuer Leiter

Zum 1. Januar 2014 übernimmt Dr. Holger Pils die Leitung der Münchner Stiftung Lyrik Kabinett, die die europaweit zweitgrößte Lyrik-Bibliothek (mit 50.000 Medien) unterhält, regelmäßig Autorenlesungen ausrichtet und Editionen vorlegt.

Dr. Pils leitet seit April 2009 das Buddenbrookhaus in Lübeck und tritt in München die Nachfolge von Dr. Maria Gazzetti an, die seit September die Casa di Goethe in Rom verantwortet. Geboren 1976, studierte Holger Pils Germanistik und Geschichte in Heidelberg und promovierte dort über Thomas Mann. Von 2005-2007 war er Pressesprecher der Kulturstiftung Hansestadt Lübeck und danach Dozent am Germanistischen Seminar der Universität Heidelberg.

Ursula Haeusgen, die Stifterin des Lyrik Kabinetts, freut sich sehr, so schnell einen kenntnisreichen, erfahrenen, begeisterten – kurz: einen überzeugenden – Nachfolger gefunden zu haben.

Holger Pils selbst zu seiner neuen Aufgabe: „Ich freue mich sehr darauf, in München eine Institution zu leiten, die in der deutschen Literaturlandschaft einmalig ist: gewachsen aus reiner Begeisterung und privater Initiative, ganz der Lyrik gewidmet, d.h. einer einzelnen Gattung – in ihrer unendlichen inneren Vielfalt. Ich bin gespannt auf die Programmarbeit, die internationaler und gegenwartsbezogener ist als meine bisherige Tätigkeit. Ich möchte die von Ursula Haeusgen und Maria Gazzetti gepflegten hohen Ansprüche fortsetzen. Zugleich möchte ich Wege finden, das Kabinett noch weiter zu öffnen und der Poesie eine noch stärkere Lobby zu verschaffen.“  Im Zentrum der Aufmerksamkeit soll weiterhin die Begegnung mit dem Wort des Dichters stehen: die Lesung. Mit den Planungen für das Programm hat Holger Pils bereits begonnen.

Ursula Haeusgen und Holger Pils

für die Stiftung Lyrik Kabinett

64. Schottenfreude

Neue Bildungen, der deutschen Sprache vorgeschlagen, bei der New York Times. Darunter: Herbstlaubtrittvergnügen, Schmutzwortsuche, Plauschplage.

63. Keine Angst

„Also, liebe Blogger, habt keine Angst vor dem Zitieren. Schreibt weiter eure Kritiken und bekräftigt sie mit den richtigen Beleg-Stellen!“, ruft Wolfgang Michal in Carta und antwortet damit auf einen Artikel Gregor Dotzauers im Tagesspiegel, der berichtet, dass die FAZ neuerdings von den Buchverlagen Lizenzgebühren für Kritikerzitate auf dem Klappentext will. Dotzauer bezieht sich auf einen Prozess zwischen FAZ und buch.de vor dem Münchner Landgericht, dessen Urteil am 8. November gefällt wird. „Ob Buchverlage Kritiker künftig nur noch gegen Rechnung beliefern? Ob sie schlampige, nur den Waschzettel abschreibende Rezensenten ihrerseits verklagen? Die konkrete Gefahr ist weniger, dass jetzt alle Maß und Verstand verlieren, sondern dass juristische Trittbrettfahrer aus dem bevorstehenden Münchner Urteil, dessen Ausgang festzustehen scheint, Kapital schlagen. Die entsprechenden Abmahnkanzleien stehen schon bereit.“ / Perlentaucher

62. Schmuggelware

Die Ausstellung des Deutschen Literaturarchivs „Kassiber. Verbotenes Schreiben“ hat Liao Yiwus handschriftliche Geheimbotschaften aus chinesischen Gefängnissen als die zentralen heutigen Zeugnisse der literarischen Gattung Kassiber präsentiert. Als brisante Schmuggelware muss man auch die jetzt erschienenen 30 „Geschichten aus der chinesischen Wirklichkeit“ ansehen. (…)

Gerade Sinologen, die sich dem Regime gegenüber verpflichtet fühlen und glauben, am Wahrheitsgehalt von Liao Yiwus eigenen Gefängniserfahrungen zweifeln zu sollen, möchte man dieses neue Buch mit Nachdruck empfehlen. Den unbefangenen Leser erwartet neben dem düsteren Schauder auch das helle Lachen lauterer Erkenntnislust. / Herbert Wiesner, Die Welt 12.10.

Liao Yiwu: Die Dongdong-Tänzerin und der Sichuan-Koch. A. d. Chin. v. Hans Peter Hoffmann. S. Fischer, Frankfurt/M. 490 S., 24,99 €.

61. USA: poetry on stage

Die Black Box der Opera stabile öffnet sich auch in der Spielzeit 2013/14 zwei Mal für spannende Begegnungen von Musik und Literatur aus dem 20. und 21. Jahrhundert, die neue Musiktheatererlebnisse schaffen. Die Produktion „USA: poetry on stage“ verbindet Texte von Allen Ginsberg und Jack Kerouac mit musikalischen Werken der amerikanischen Moderne von Charles Ives, John Cage und George Crumb. Neben „Howl“ wird der Briefwechsel zwischen Allen Ginsberg und Jack Kerouac szenisch umgesetzt: Er spiegelt den rebellischen Geist der Beatniks, ihre Liebessehnsucht und kompromisslose Sexualität, ihre Verachtung der gängigen Lebensnormen, aber auch ihre zynische Rivalität. Das Textszenario entwarf Operndirektor Francis Hüsers: „‚Poetry on stage‘ haben wir den Abend genannt, weil alle diese Werke – ob Musikstück, Gedicht, Lied, Song, Roman oder Brief – immer ihre formalen Bedingungen und Traditionen mitreflektieren: das Sich-Darbieten des Künstlers und das Experimentieren damit. Die Inhalte der einzelnen Stücke können schockieren, trösten oder auch nur banal wirken, das künstlerische Ich spiegelt sich immer auch in der Form.“ / hamburg-magazin

60. Orhan Veli

Orhan Veli
13. April 1914, Istanbul – 14. November 1950, ebenda

3 Gedichte übersetzt von Safiye Can (hier mehr)

Fürs Vaterland

Was wir nicht alles für dieses Land taten!
Einige starben,
Andere hielten Reden.

(hier das Original und eine andere Version)

Auf der Straße

Wenn ich auf der Straße gehe
Und bemerke, dass ich vor mich hin lächle
Muss ich daran denken
Dass sie mich für verrückt halten
Und muss lächeln.

Umsonst

Umsonst leben wir, umsonst,
Die Luft ist umsonst, die Wolken umsonst,
Berge und Bäche sind umsonst,
Regen und Matsch umsonst,
Die Außenfassade der Kraftfahrzeuge,
Die Türen der Filmtheater,
Die Schaufenster sind umsonst,
Brot und Käse nicht, jedoch
Schales Wasser ist umsonst,
Die Freiheit für den Preis eines Kopfes,
Das Sklavendasein umsonst,
Umsonst leben wir, umsonst.

59. Bücherdämmung

Hunderte Tonnen alter Bücher verarbeiten Ellen Vegelahn und ihr Mann jedes Jahr: Aus den Seiten der Bücher stellen sie Ökowolle her, die Hauswände dämmt. Das tut manchmal ein bisschen weh, ist aber ökologisch – und muss unter strengster Geheimhaltung geschehen. (…) Rund 300 Tonnen überzählige Exemplare aus den Buchverlagen landen hier pro Jahr. (…) „Rechte Literatur haben wir grundsätzlich abgelehnt zu vernichten, ganz ehrlich, das würde ich auch keinem Kunden zumuten: Dämmung aus rechter Literatur, das war für uns immer ein Tabuthema. Was wir auch mal abgelehnt hatten, waren Koranvernichtungen.“ / Maicke Mackerodt, DLR

 

58. Lyrikklau

Rätselhafter Diebstahl in beachtlichem Umfang auf der diesjährigen Frankfurter Buchmesse

Liebe Kolleginnen, liebe Kollegen,

in der Nacht vom 10. auf den 11. Oktober wurden am Messestand der Edition Korrespondenzen (Halle 4.1 E 47) insgesamt 22 und damit knapp ein Drittel der auf der Frankfurter Buchmesse ausgestellten Bücher des Verlages entwendet.

Neben 10 Bänden der Schriftstellerin Zsuzsanna Gahse fehlten am Freitagmorgen sämtliche Ausstellungsstücke der Lyrikreihe tradukita poezio.

Mit Lidija Dimkovska (Makedonien), Stanka Hrastelj (Slownien), Claudiu Komartin (Rumänien), Luljeta Lleshanaku (Albanien), Dragana Mladenović (Serbien), Marko Pogačar (Kroatien) und Faruk Šehić (Bosnien) werden in der gemeinsam mit dem literarischen Netzwerk TRADUKI herausgegeben Reihe bedeutende, erstmals ins Deutsche übersetzte junge Dichter aus Südosteuropa vorgestellt.

Die Messepolizei bestätigte gegenüber dem Verlag, dass es sich um einen Einzelfall handle und für diese Nacht keine weiteren Diebstähle in der Halle
4.1 gemeldet wurden.

Der Verleger Reto Ziegler meinte nach seiner Rückkehr aus Frankfurt:

„Ein solch umfangreicher gezielter Diebstahl auf einer Messe sucht seinesgleichen. Zsuzsanna Gahse ist eine der faszinierendsten AutorInnen und die Reihe tradukita poezio eine einmalig Sammlung der wichtigsten jungen lyrischen Stimmen aus der reichen Literaturlandschaft Südosteuropas. Mir ist verständlich, dass man diese Bücher unbedingt haben will, aber das rechtfertigt natürlich nicht, dass man die Bücher einfach klaut. Eine solche Ehrlosigkeit mag ich meinen KollegInnen aus den Verlagen – die zu dieser Zeit als einzige Zugang zu den Hallen hatten – genauso wenig unterstellen wie einen bösartigen Diebstahl aus Neid oder Hass oder gar als Attacke gegen die junge Lyrik aus Südosteuropa. Zum Glück ist dies ein bisher einmaliger Vorfall und wir hoffen natürlich, dass es dabei bleibt.“

(Pressemitteilung des Verlages)

Edition Korrespondenzen
Edition Korrespondenzen

57. An der Lyrik liegts nicht

Deutschlandfunk Büchermarkt. 11.10.2013. 16:10 Uhr
Denis Scheck sprach mit Georg M. Oswald und Jo Lendle über den Tod des Midlist-Buches und Wege zur Rentabilität

[…]
Oswald:
Im Großen und Ganzen ist es natürlich schon so, dass man sich bei jedem Titel die Frage stellen muss, […] traut man dem Buch den Verkauf zu? Und wenn man das Titel pro Titel rechnet, dann kommt man oft an Stellen, wo man sich sagt, irgendwie schwierig.
Gleichwohl ist es so einfach nicht, dass man dann sagen kann: Naja die, bei denen es sich nicht rechnet, die macht man nicht, weil dann bleibt zu wenig übrig.

Scheck: Jo Lendle, wenn ich mir vorstelle, wie sie die aktuelle Hanser-Vorschau durchblättern — mit diesen Überlegungen im Kopf, was bleibt da von der Edition Akzente übrig, beispielsweise, oder der Edition Lyrik Kabinett? Das sind doch alles Bücher, von denen man bei Erscheinen weiß, dass sie nichts zum ökonomischen Erhalt des Verlages beitragen, sondern wahrscheinlich Verlust machen.

Lendle: Ja, ich würde deswegen dieses Verlagskonzept gar nicht so unterschreiben. Aus zwei Gründen. Zum einen gehört zum Gesamtversprechen, das ein Verlag gibt ja auch, dass es da die Bücher zu entdecken gibt, die unser aller Glück dann auch ausmachen — neben dem Buch, das alle gelesen haben und über das alle sprechen, will man ja dann doch auch noch die kleineren, schrägeren, prickelnderen Bücher finden.
Ökonomisch ist das gar nicht so das Problem. Ich hab überhaupt keine Schwierigkeiten damit, einen Lyrikband herauszugeben, weil ich exakt weiß, was der mich kostet. Da ist sozusagen kein Risiko drin, das muss ich in meinem Gesamtplan einrechnen.

Scheck: Pleite gehen Verlage an Lizenzen, für die sie für anderthalb Millionen kaufen und an denen sie nur eine Million verdienen.

Lendle: Exakt, exakt. Genau. Das sind wirklich die Dinge, die uns wirklich dazu bringen, uns aus der Halle 3.1 der Frankfurter Buchmesse zu stürzen, weil wir sagen: Das ist jetzt vorbei. Aber bei einem Lyrikband, da spring ich noch nicht mal eine Treppenstufe runter, wenn der plötzlich seine 10.000 Euro Miese einbringt.

Nachhörbar im Archiv

(Danke an Ron Winkler)

56. Gestern

… vor 947 Jahren schlug Wilhelm der Eroberer die Engländer in der Schlacht bei Hastings. König Harold II verfolgte die Normannen, wurde aber durch Kriegslist geschlagen und getötet. Am 25.12. wurde William in London zum König gekrönt.

Heinrich Heine schrieb eine Romanze vom „Schlachtfeld bei Hastings“, die so beginnt:

Romanzero. Hamburg: Hoffmann und Campe, 1851

… vor 119 Jahren wurde Edward Estlin Cummings in Cambridge/ Mass. geboren.

Zwei Kostproben seiner Gedichte aus meiner gestrigen Postmappe (Mail ist ein poetisches Medium):

i carry your heart with me(i carry it in
my heart)i am never without it(anywhere
i go you go,my dear;and whatever is done
by only me is your doing,my darling)

——-

O sweet spontaneous
 earth how often have
 the
 doting
 
                fingers of
 prurient philosophers pinched
 and
 
 poked
 thee
 , has the naughty thumb
 of science prodded
 thy
 
          beauty                  how
 often have religions taken
 thee upon their scraggy knees
 squeezing and
 
 buffeting thee that thou mightest conceive
 gods