Jeder, der sich im bundesdeutschen Literaturbetrieb auskennt, weiß: politische Lyrik ist out. Literatur dieser Art ist für die großen Verlage ein Rücksende-Umschlag*. Der Marktwert dieser Texte tendiert gegen Null.
Aber auch der Gebrauchswert? Auch die Qualität?
Der Autor Rudolph Bauer, vormals Politologe an der Bremer Universität, tritt den Gegenbeweis an – und mit ihm der Sujet-Verlag, der nunmehr den dritten Lyrikband von Bauer veröffentlicht hat: »Flugschriftgedichte«. Die Veröffentlichung zeigt: Lyrik ist brauchbar, für Alltag und Politik, fürs Wahrnehmen und fürs Verstehen, und sie kann dennoch Lyrik bleiben und gerade deswegen Lyrik. Ausgezeichnete Lyrik sogar! / Holdger Platta, Ossietzky
Rudolph Bauer: »Flugschriftgedichte«, Sujet Verlag, 78 Seiten, 12,80 €
*) Für die meisten freilich: jede Art Lyrik. M.G.
Im Berliner Verlagshaus J. Frank gibt es auch eine kleine Reihe „Poeticon“, die sich mit all den lästigen, schönen, verwirrenden und verblüffenden Fragen beschäftigt, über die Literaturmacher so stolpern. Es gibt ja bergeweise Gedrucktes. Aber wo fängt wirklich ein Gedicht an? Was ist Stil? Und was ist schlechter Stil? Oder gibt es überhaupt noch Maßstäbe für einen guten Stil, wenn gilt: Alles ist möglich?
Immerhin hielt das 20. Jahrhundert die Moderne parat und die Postmoderne, wurden Götter und Schulen gestürzt. Der Buchmarkt wurde geflutet. Bestsellerlisten bestimmen, was gekauft wird. Und trotzdem gibt es immer noch Leute, die gern schreiben möchten. Literarisch schreiben. Sie versuchen es im Selbstverlag, besuchen Hochschulen, Workshops und Seminare, beteiligen sich an Wettbewerben, beschicken Literaturzeitschriften, betreiben Blogs oder treffen sich gar in Lyrikwerkstätten, um mit anderen über ihre Gedichte zu reden, zu diskutieren, was zu lernen. Als wenn Schreiben ein Handwerk wäre, das man lernen könnte.
Kann man, sagen die Lehrer. Kann man vielleicht doch nicht, sagt Bertram Reinecke. Er ist nicht nur selbst Autor und Verleger, er leitet auch gern solche Werkstätten, weiß also, was da passiert – und was nicht. Er weiß auch, dass nicht nur Profis und solche, die es werden wollen, solche Werkstätten besuchen. Aber sie sind natürlich die Mehrzahl. Und sie haben nicht nur Ambitionen, sondern auch Erwartungen. Dabei geht es nicht unbedingt um Ruhm. Aber eben doch um ein paar andere menschliche Eigenschaften, die sich selbst in der illustresten Runde ihr Recht verschaffen. Das ist die „Gruppendynamik“, von der Bertram Reinecke schreibt. / Ralf Julke, Leipziger Internet-Zeitung
Bertram Reinecke: Gruppendynamik
Verlagshaus J. Frank, 7,90 Euro
Der Lyrikverächter liebt die Lyrik. Nur eben nicht diese. Es quält ihn, daß so viele Unberufene ihre Sachen unter dem Namen Lyrik veröffentlichen dürfen, wo es doch die wahre Lyrik gibt. Manchmal hat er sie selber geschrieben, manchmal fördert er sie, lobt sie, druckt sie. Nur eben nicht alle. Letztere, die Lyrikverleger unter ihren Verächtern, sind übrigens oft liebenswerte Menschen, die sich für die Lyrik aufopfern. Niemand käme auf die Idee, sie zu kritisieren, wenn sie nicht in ihrem Eifer für die richtige, die gute, die von ihnen gedruckte Lyrik ab und zu zum Gegenangriff gegen den von ihnen verachteten Teil der Lyrik übergingen, der rein quantitativ so viel größer ist als die wahre Lyrik.
Der Lyrikverächter sind viele. In ihrem Eifer gegen die von ihnen verachtete Lyrik zitieren sie gern andere Lyrikverächter. Dabei, der Eifer machts, ist es ihnen egal, ob die von ihnen Zitierten das gleiche lieben und das gleiche wie sie wollen. Es reicht daß sie das gleiche verachten. Da es aber so viele, und so viele verschiedene, Lyrikverächter gibt, ergibt das ein dichtes, dickes, wirres Netz von Kreuz- und Querzitaten, das den Anschein erweckt, ein Kartell sei am Werk.
Diese Netzwerke aus dicken und dünnen Linien bilden mir (der auch manches verachtet und manches weniger schätzt), da ich sie lange beobachte, innere Landkarten, die ich als Teil eines wachsenden Lyrikatlas sehe. Sehe! Also, rufe ich mir hiermit zu, ans Werk, gib uns deinen Atlas der Lyrikverächter! Naja, wehre ich ab, nicht gleich ein Atlas. Fangen wir mit einer Typenkunde an. Ich denke drüber nach.
(Es gibt übrigens auch Ignoranten, die Lyrik so sehr verachten, daß sie „Lyrik!“ ausrufen, wenn jemand im Bundestag herumeiert. Mit denen wollen wir uns nicht befassen.)
Auch in den Gedichten der Berliner Poetin Simone Kornappel werden sie kein wohlgefälliges, sozialverträgliches „Gezwitscher“ entdecken können. Sehr wohl aber ein Gedicht mit dem Titel „zwitschermaschine“, das Bestandteil eines zweiteiligen Poems ist, das einen von koreanischen Wissenschaftlern konstruierten weiblichen Androiden ins Zentrum rückt. „EveR-4“ heißt diese Konstruktion eines perfekten femininen Roboters.
In einer zweiten Textschicht erinnert das Gedicht „zwitschermaschine“ an ein berühmtes Aquarell von Paul Klee. Das von Paul Klee 1922 verfertigte Bild „Twittering machine“ stellt eine Art Tierautomat dar: Vier Vögel scheinen mit einer Kurbel bewegt und zum Zwitschern gebracht zu werden.
Die ersten beiden Verszeilen von Kornappels Gedicht „zwitschermaschine“ versuchen dieses Motiv von Paul Klee aufzurufen: „siehe oben: ein besetztzeichen stare nein starre ursonaten auf dem erdseil replikationen im uncanny valley das echo wie eveR…“
Wer Paul Klees Bild anschaut, mag diese Vögel tatsächlich auf einem „Erdseil“ versammelt sehen. Von diesem Bildmotiv ausgehend, öffnet Simone Kornappel ein Assoziationsfeld von technizistischem Vokabular und Naturwörtern und formt diese Kombination von fachsprachlichen Materialien und Naturstoffen zu einem lyrischen Gebilde von hoher Reibungshitze.
/ Michael Braun: Twittering Machine als moderne Lyra. Kurze Rede über Simone Kornappel. In: Signaturen: Münchner Anthologie
ob Suchmaschinen, ob Findmaschinen – die schönsten Funde machen wir, wenn wir sie gar nicht suchen
Hansjürgen Bulkowski
Mit dem Kunstlied ist es so wie mit seinem nächsten Verwandten, der Lyrik: Es gilt als Nischenprodukt mit großer romantischer Vergangenheit und ungewisser Zukunft. Ein guter Liederabend kann daher nur entstehen, wenn man es mit Überzeugungstätern zu tun hat, die tiefer über das Genre nachgedacht haben. / Tagesspiegel
This is the grandest reason to write a poem: to impress a woman with your passion for her. It’s why I started writing poems back when I was 14. I couldn’t go out for football because I had a heart-valve defect, and I wasn’t a brilliant student, so poetry was my trump card. If you write a poem for Christine or Margaret or Corinne, she will notice this, and she will remember it for the rest of her life. / Garrison Keillor, USA today
Linz – Mit „Friends! My Friends! It’s exciting!“ begrüßt Jonas Mekas – Schlüsselfigur des New American Cinema und Pionier des US-Autorenfilms – Besucher seiner Website. „Exciting!“ ist in erster Linie der fast 91-Jährige selbst, der sich per Video an Interessierte wendet und am Ende des Intros zur Trompete greift. Für seine Filme ist Mekas weltberühmt, seine Gedichte waren bislang in erster Linie in Litauen bekannt. / Wiltrud Hackl, Der Standard
Zach ist am 27. Jänner 1943, zwei Monate vor seinem 24. Geburtstag, in Brandenburg hingerichtet worden. Eine Woche später wurde die Leiche eingeäschert, die Herausgabe der Urne an seine Familie verweigert.
Während der anderthalbjährigen Haft hatte Zach in den Zuchthäusern Karlau bei Graz und Berlin-Moabit, ja sogar auf den Transporten zwischen Berlin, Graz und wieder Berlin ein umfangreiches lyrisches Werk geschaffen – an die 600 Gedichte, die er mit offizieller Schreiberlaubnis verfasst hatte, dazu noch 200 heimlich entstandene, die in 80 Kassibern, im Gummizug der Schmutzwäsche versteckt, seinem Rechtsanwalt in die Hand gedrückt oder durch die Zellenwand gemorst und von einem Mitgefangenen aufgeschrieben, nach draußen geschmuggelt werden konnten. Es ist vor allem seinem Bruder Alfred zu verdanken, dass sie gesammelt und über die Zeit der Naziherrschaft gerettet werden konnten.
(…)
Wer sich heute zu Richard Zach bekennt, macht sich doppelt verdächtig. Zum einen politisch, als Kommunistin oder Kommunistensympathisant, die oder den weiterhin das geballte Ressentiment der veröffentlichten Meinung trifft, zum andern kulturell, weil sie oder er sich dem herrschenden Dünkel entzieht, demzufolge politische Kunst muffig, spießerhaft, höchstens gut gemeint sei. Bezeichnend ist in diesem Zusammenhang, was Zachs näherer Landsmann Günter Brus, der als der begabteste und wenigdümmste Vertreter des Wiener Aktionismus angesehen werden darf, in seinem autobiografisch durchwirkten Romanessay „Das gute alte Wien“ (2007) geschrieben hat: „Die Aufarbeitung der politischen Vergangenheit Österreichs fiel bei mir weitgehendst durchs Sieb, jedenfalls was die Aktionen betrifft. Ich wie auch meine Kollegen wollten unsere Arbeit politisch wertfrei halten. Unter der ,Aufschreigebärde‘ der Aktionen wäre die Kritik an Österreich in der gesamten Bandbreite subsumiert, meinte ich.“
Und weiter: „Der schlimmste Fall auf dem Erdball ist der Einfall. Entweder fallen Horden ein, oder einer hat eine Idee, wie die Welt zu verbessern wäre. Es ist nun einmal klarzustellen, dass die ,engagierte Ästhetik‘ in Österreich immer von zweit- oder drittrangigen Künstlern in Betrieb gesetzt wurde. Selbst von sozialistisch engagierten Künstlern blieben nur Gemeindebaumosaike übrig, so sie nicht später zertrümmert wurden. Und sie wurden ob ihrer lächerlichen Hässlichkeit fast alle zertrümmert. Ich vermute, in Wien wären Grass oder Koeppen arm an Diskussionspartnern gewesen. Auch für Theodor Kramer und Jura Soyfer wurde keine Tribüne errichtet. Sie waren bestenfalls ein ,Brechmittel‘. (Ausdruck vermutlich von Conrad Bering).“ (…)
Mehr noch als Kramer und Soyfer ausgesperrt aus dem Kanon der österreichischen Literatur, einerseits weil seine Gedichte als zeitgebunden angesehen wurden, durch Pathos und Appell verstörten, wegen des Festhaltens am Reim (der ihm nicht Konvention, sondern Lebenshalt war) für altertümlich galten; andererseits weil er – vom Lyriker Alois Hergouth abgesehen, der aber außerhalb der Steiermark selbst ein Geheimtipp war und geblieben ist – prominenter Fürsprecher ermangelte. Der nach der Befreiung von der Naziherrschaft als Erster auf Zachs Gedichte aufmerksam gemacht hatte, sein Freund Presterl, fiel in Jugoslawien einem politisch motivierten Justizmord zum Opfer. (…)
Durch Zachs schönste Gedichte strömen, wie zwei unterirdische Flüsse, diese gegensätzlichen Empfindungen, um sich, Strophe für Strophe, in den Schlusszeilen in ein offenes Herz zu ergießen. Man muss ihn in eine Reihe anderer Schriftsteller stellen, die sich durch die Einheit von Talent und Charakter ausgezeichnet haben und, um noch einmal Kaiser zu zitieren, durch ihr praktisches Engagement von einer bevorstehenden Umkehr, einer Wende zu einem humaneren Verhalten der Menschen zeugen. „Ihre Tat ist der Lichtpunkt im allgemeinen Dunkel.“ / Erich Hackl, Die Presse 25.10.
“Wenn du deinem Tod entgegen gehst, ohne dass es dich kümmert,
bist du ein Palästinenser;
Wenn dein Lied das Lied des Märtyrertums ist, und der Tod für dich die Geburt ist –
dann bist du ein Palästinenser!
Wenn du den Tod liebst …
dann bist du Palästinenser.
Wenn du den Baum deines Heimatlandes mit deinem freien Blut,
deiner Liebe durchtränkt hast,
und die Überreste deiner Körperteile als eine Brücke für jene,
die noch kommen werden, angeboten hast –
dann bist du ein Palästinenser!”Bisher habe ich versucht, die Hasstiraden der Palästinenser gegen uns ebenso wenig zu zitieren, wie ich ihre manipulativen Texte gegen ihre eigene Bevölkerung zitiert habe.
Aber jetzt ist für mich eine klare Grenze überschritten. Unbemerkt von der nicht Arabisch sprechenden Öffentlichkeit wurde im Laufe dieses Jahres dreimal dieses Gedicht veröffentlicht. Ein und dasselbe Gedicht trug bei jeder Veröffentlichung einen anderen Titel:
Im Januar 2012: Wie weißt du, dass du ein Palästinenser bist?
Im Juni 2013: Heimatland
Im September 2013: PalästinenserWas glaubt ihr, welche Zielgruppe angesprochen wurde? Erwachsene Jihadisten? Islamophile Neurotiker? Verzweifelt Liebende wie der junge Werther?
Falsch!
Die Zielgruppe sind Jugendliche, fast noch Kinder. Veröffentlicht wurde das Gedicht in einer von der PA finanzierten Jugendzeitschrift mit angeblich erzieherischem Wert, der Zayzafuna.
/ Esther Scheiner, 02elf.net
Poetry Slam ist Wortsport, es ist Kultur mit viel Charakter. Und in Koblenz wollen die Experten ihren Champion küren.
Das Format der dreitägigen Landesmeisterschaft, vom ZKW ins Leben gerufen, ist in seiner Art in Deutschland einzigartig. «Wir können stolz sein, uns die einzige Slam-Universität Deutschlands nennen zu können,» sagt Ohmer. Nach der Umstellung auf die Bachelorstudiengänge und die damit einsetzende Verschulung des Universitätsalltages habe sie feststellen müssen, dass die Freude an der Literatur ein wenig untergegangen sei. Mit einem jungen und spritzigen Format wie dem Poetry Slam sei es gelungen die Studenten wieder für Lyrik und Poesie zu begeistern. Die Universität Koblenz-Landau bietet mittlerweile ein eigenes Seminar dazu an. / Rhein-Zeitung
Der Schriftsteller Oswald Egger (50) und die Regisseurin Iris Drögekamp (46) sind mit dem diesjährigen Karl-Sczuka-Preis für Hörspiel als Radiokunst ausgezeichnet worden. Das Duo erhielt den mit 12.500 Euro dotierten Preis für sein gemeinsames Radiostück „Linz und Lunz“. (…) In diesem Jahr waren den Angaben zufolge 68 Beiträge von Bewerbern aus 18 Ländern eingereicht worden. Egger und Drögekamp setzten sich bereits zum zweiten Mal durch. Vor drei Jahren hatten sie erstmals den Karl-Sczuka-Preis für ein gemeinsames Radiostück erhalten. / Der Standard
München, Deutschkurs in der Oberstufe eines staatlichen neusprachlichen Gymnasiums. Besprochen wird die Zeit der Weimarer Klassik.
Lehrerin: Mit wem stand Schiller u.a. in Kontakt?
Schülerin: Friedrich Hölderlin, Wilhelm von Humboldt, Friedrich Schlegel …
L: Können Sie diese Persönlichkeiten einordnen?
S: Hölderlin war einer der wichtigsten Dichter —
L: H-O-lderlin.
S: Ich bin sicher, im Buch steht Hölderlin mit Ö, auch auf dem Titel des Gedichtbands zu Hause.
L: Da haben Sie sich wohl verlesen. Und ob er wirklich so wichtig war, sei mal dahingestellt.
Er war einer der frühen Arbeiterdichter und hatte eine große Leserschaft. Von 1890 bis 1912 war Heinrich Kämpchen (1847-1912) in nahezu jeder Ausgabe der „Bergarbeiter-Zeitung“ mit einem Gedicht vertreten. Auf Drängen seines Freundes Otto Hue stellte er seine Verse in Einzelausgaben zusammen („Aus Schacht und Hütte“,1899; „Neue Lieder“, 1904/05; „Wie die Ruhr mir sang“, 1909). Eine Einführung in das Werk Kämpchens legt nun der Bochumer Literaturwissenschaftler Joachim Wittkowski in Form eines „Kämpchen-Lesebuchs“ vor. (…)
Er wurde, wie es hieß, „unter einer hier noch nie dagewesenen großen Beteiligung zu Grabe getragen; der Leichenzug zählte wohl an die 4000 Teilnehmer.“ / Ernst-Ulrich Roth, lokalkompass
Lesebuch Heinrich Kämpchen.
Zusammengestellt und mit einem Nachwort von Joachim Wittkowski.
Bielefeld: Aisthesis Verlag 2013. 166 Seiten.
8,50 Euro. ISBN 978-3-89528-911-8.
Bereits vor 200 Jahren ist Biberachs großer Dichter Christoph Martin Wieland in Weimar gestorben, doch noch immer sollen sich irgendwo in Biberach unbekannte Gedichte des Poeten befinden. Diese zu finden ist die große Herausforderung für alle Spürnasen, die sich mit dem neuen Wieland-Geocache auf Spurensuche in der Stadt begeben. / Gerd Mägerle, schwäbische.de
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