99. Wirtschaft & Lyrik

„Der CDU-Wirtschaftsrat sollte Gedichte schreiben“, twittert der Journalist und FAZ-Autor Frank Lübberding gerade. Ich glaube, das ist so gemeint: Der Wirtschaftsrat hat sowieso von nichts eine Ahnung. Wenn jemand wirklich gar nichts kann und auch nichts zu sagen hat, dann reicht es immer noch für ein Gedicht.

Gastkommentar von Mirko Wenig

98. Jesse Thoor

(geb. als Karl Höfeler 1905 in Berlin – gest. 1952) führte zunächst ein Vagantenleben und wurde unter dem Eindruck von existentieller Not und sozialer Ungerechtigkeit Mitglied der KPD. Deshalb zog er 1933 von Berlin nach Wien und emigrierte 1938 nach London. Aufs Festland kehrte er nur mehr in kurzen Reisen zurück. Zu Lebzeiten veröffentlichte Thoor, der sein Pseudonym als Anspielung auf den Propheten Jesaja und den germanischen Donnergott wählte, nur ein Buch: Sonette (1948). Nun liegt eine Ausgabe seines Gesamtwerks vor. Sie setzt eine Kooperation der Wüstenrot Stiftung und der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung im Wallstein Verlag fort, in der Werke, die aus dem kulturellen Gedächtnis zu fallen drohen, neu ediert und von zeitgenössischen Autoren vorgestellt werden.

Michael Lentz übernahm die Patenschaft für Thoor und versteht ihn in seiner Einleitung als einen der bedeutendsten Sonettdichter der deutschen Literatur: „[Seine Gedichte] zielen archaisch-anarchisch durch das Sichtbare hindurch auf eine religiöse und soziale Grundierung der Conditio humana.“ /Lyrik Kabinett

Am 25. 11. 2013 (heute), 20:00 Uhr, stellen Michael Lentz und Peter Hamm die Werkausgabe im Lyrik Kabinett vor.

97. Wanda Coleman †

In vier Jahrzehnten schuf sie Werke, die auf Rassismus und Haß aufmerksam machten. Mit ihrer dunklen Hautfarbe und unbezähmbarem Kraushaar empfand sie das Heranwachsen in Los Angeles in den 50er Jahren oft als Folter.

„Die lähmende geistige Einsamkeit meiner 1950er und 60er Jahre wurde von meinem Aussehen diktiert“, schrieb sie Jahre später. „Jungs glotzten mich an und Mädchen kicherten hinter meinem Rücken. Schwarze Lehrer schüttelten ihre Köpfe in Mitleid und weiße Lehrer fixierten mich amüsiert oder verwundert.“ Bücher wurde ihr Zuflucht, waren aber schwer zu bekommen, denn die Bibliotheken, merkt sie an, „entmutigten schwarze Leser.“

Aus solchen Erfahrungen speiste sich ihre Lyrik, die sich mit Rassismus und Haß beschäftigte – den Themen, die es ihr ermöglichten, die Schranken ihrer Herkunft zu durchbrechen und eine der scharfsichtigsten Autoren ihrer Stadt zu werden. Sie galt als L.A.s inoffizielle Poet laureate. Am Freitag starb sie nach langer Krankheit im Alter von 67 Jahren. / Elaine Woo, Los Angeles Times

96. Poetopie

tot ist nicht tot – auch wenn es gestorben ist, kann ein Leben nicht mehr rückgängig gemacht werden, eine winzige Spur von ihm bleibt

Hansjürgen Bulkowski

95. Sexversessen

Angeblich ist unsere Zeit sexversessen wie keine zuvor. Wer aber das Hohelied Salomos liest, das Liebeslied der Bibel, neu gedeutet von der Theologin und Jungianerin Ingrid Riedel aus Konstanz, ist überrascht. Erotisch und sexuell völlig unbefangen wird da geflüstert, werden leidenschaftliche Gespräche geführt zwischen zwei Menschen, die einander verfallen sind. Nirgendwo anders in der hebräischen Literatur und im biblischen Kanon werden menschliche Attraktivität, Anziehung und sexuelles Verlangen so drastisch formuliert. Wie die Liebe machtvoll zur sexuellen Vereinigung drängt, erfährt man in dem Buch.

Es wird Salomo zugesprochen, einem der Könige Israels, wie im Eingangsvers behauptet – womöglich wären die Verse sonst nie in die Schrift gelangt. (…)

„Sage mir an, du, den meine Seele liebt, wo du weidest, wo du ruhst am Mittag“, sagt Sulamith („Eine, die Frieden findet“). Und Salomo („Erlöser“) antwortet: „Du bist wunderschön, meine Freundin, und kein Makel ist an dir.“ Im Wechselmodus laden sich die Liebenden auf. Sie kommt zuerst zur Sache: „Komm, mein Freund, lass uns aufs Feld hinausgehen und unter Zyperblumen die Nacht verbringen.“ „Da will ich dir meine Liebe schenken.“ Das ist eine direkte Sprache. Die im Text beschworenen Myrrhenberge und Weihrauchhügel sind im Orient symbolische Orte sexueller Vereinigung.

„Dass das Hohelied in der Bibel steht“, so Ingrid Riedel, „ist ein Glücksfall“, sei es doch nicht nur „Dichtung von Rang“, sondern auch „die Imagination einer neuen, erotisch-sexuellen Beziehungsform zwischen Frau und Mann“. / Roland Mischke, Badische Zeitung 22.11.

Ingrid Riedel: Stark wie der Tod ist die Liebe. Das Hohelied. Mit Bildern von Renate Gier. Patmos Verlag, Ostfildern 2013. 152 Seiten, 24,99 Euro.€

94. Hans-Jürgen Heise

Vom Ostseestrand nach Süden gedacht: Hans-Jürgen Heise, einer der bedeutenden deutschen Dichter der Gegenwart, ist im Alter von 83 Jahren gestorben.

Heise wurde 1930 im pommerschen Bublitz geboren und zog als Kind mit seiner Familie nach Berlin. Im Krieg floh er zunächst in seine Heimatstadt zurück, bevor er 1945 wieder nach Berlin zurückkehrte. (…)

Er veröffentlichte etwa 45 Bücher, überwiegend Gedichtbände. Er war Ehrenmitglied der Gesellschaft für zeitgenössische Lyrik und seit 1972 Mitglied des PEN-Zentrums Deutschland. 2006 erschien sein Sammelband „Luftwurzeln“ mit Gedichten aus sechs Jahrzehnten. Schon am 13. November ist Hans-Jürgen Heise nach Auskunft der Literaturplattform „Fixpoetry“ gestorben. / FAZ

Mit sparsamem Vokabular gelang es Heise, der 1990 Jahren vom Land Schleswig-Holstein zum Ehrenprofessor ernannt wurde, Alltagsbegebenheiten authentisch zu thematisieren. So auch im Gedicht „Untermieter“ aus seinem jüngst erschienenen Band „Das Zyklopenauge der Vernunft“. Darin heißt es: „Vor meinem Fenster/hinter meinem Fenster/überall/nur Hausgespenster/Mit Masken!/doch auch unmaskiert/bärtig (doch auch glatt rasiert)/Untermieter meiner Seele/greifen sie mir an die Kehle/umtanzen mich auf Rattenfüßen/lassen im Zwielicht/die Logik grüßen.“
Heise, der mit zahlreichen Literaturpreisen ausgezeichnet wurde, strebte in seinen Versen, „die Entwicklung und Verfeinerung eines kritischen Intensivismus“ an. / Peter Mohr, lokalkompass

Mehr: NDR

93. Celan-Nacht

Für den deutsch-jüdischen Lyriker aus Czernowitz war die Ermordung seiner Eltern einer der prägendsten Momente seines Lebens. Aber er wollte seine Lyrik keineswegs auf das Thema der Judenverfolgung reduziert sehen. Die Geschichte der Missverständnisse um Celans Gedichte beginnt mit dem Auftritt bei der Gruppe 47 1952, wo er bei einigen der Kahlschlag-Ideologen aus der Landser-Generation auf Ablehnung stieß.

Die Liebesbeziehung zu Ingeborg Bachmann, dem Fräuleinwunder im 50er-Jahre-Deutschland, lud seine Person im Literaturbetrieb zusätzlich auf. Die Dreiecksbeziehung Celan, Bachmann und Gisèle Celan-Lestrange, der Ehefrau Celans, wirkt selbst wie eine literarische Fiktion. Celans Gedichte, so hermetisch sie auch wirken mögen, zeigen immer wieder Spuren biografischer Erfahrungen. Gleichzeitig zeigt sein Ausspruch „Alle Dichter sind Juden“*, wie sehr er den Dichter als Auserwählten empfand.

Auch deshalb musste er sein Aufeinandertreffen mit dem bundesdeutschen Literaturbetrieb als unheilvoll empfinden. Sein Selbstmord in der Seine 1970, nach langen Aufent-halten in der Psychiatrie, setzte den Schlusspunkt unter eine exemplarische, bewegende Dichterbiografie des 20. Jahrhunderts. Doch man sollte sich Celans Lyrik nicht zu weihevoll nähern, man sollte sie einfach ganz genau lesen – und hören. / Helmut Böttiger, DLF

*) Der ist von Marina Zwetajewa – Celan zitiert es hier.

92. Der Vorteil von Berlin

Im Frühjahr 2013 erschien eine von dem Schriftsteller und Literaturkritiker Erik Lindner herausgegebene Ausgabe der Literaturzeitschrift Terras mit Fokus auf Berlin als neues Zentrum deutscher Lyrik. Zwei bekannte Berliner Lyriker, Ulf Stolterfoht und Marion Poschmann, werden von ihren Übersetzern Ton Naaijkens und Erik de Smedt vorgestellt und aus ihren Gedichte lesen. Berlinkenner Erik Lindner moderiert die Begegnungen.

„Der Vorteil von Berlin, so der Ire Matthew Sweeney, ist, dass man nicht zwischen Mainstream und Avantgarde unterscheidet. Das verschafft Raum. Während meines  einjährigen Aufenthaltes in Berlin hat es mir gefallen, wie sehr die Gegenwartslyrik auch außerhalb ihres Zielpublikums gelesen wird. Es hat mir den Eindruck vermittelt, dass Lyriker weniger in einer Nische eingeschlossen leben, dass ihr Beruf ernst genommen wird. Zugleich entscheidet sich eine große Anzahl moderner Lyriker rabiat für kleinere Herausgeber. In dieser Ausgabe präsentieren wir zehn Lyriker, die in Berlin leben und arbeiten. Ich denke, dass jeder Einzelne von ihnen etwas über Berlin erzählen kann, das wir als Besucher nicht so rasch selbst finden können“, so Erik Lindner im Vorwort zu Terras (04/2013).

Bei der Präsentation von Terras 04 in Antwerpen und Gent lesen die beiden in Berlin ansässigen Lyriker Marion Poschmann und Ulf Stolterfoht gemeinsam mit ihren niederländischen Übersetzern Erik de Smedt und Ton Naaijkens.

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91. Stänkert

In seiner Tübinger Poetik-Vorlesung spielte Hans Magnus Enzensberger gemeinsam mit dem Germanisten Dirk von Petersdorff mit den Gedichten von Rilke, Klopstock und Benn. Da war er wieder: Enzensbergers ewiger Hang zum Spiel, zum Luftigen, zum Unernst.

Im Vergleich zu dem zornigen jungen Mann der 50er-Jahre, der die Wölfe gegen die Lämmer verteidigte, ist er doch ziemlich zahm geworden. Aber kein Wunder, Hans Magnus Enzensberger ist 84, seit vielen Jahren ist er mehr als intellektueller Spieler denn als wilder Poet und politischer Polemiker in Erscheinung getreten. Er gibt in Tübingen am ersten Abend den heiteren Alten, der kostenlos Apercus verteilt, ein bisschen gegen Barthes und Derrida stänkert und Schiller gegen Nietzsche in Stellung bringt. / Christian Gampert, DLF

90. Der Fluss im Bauch

Er schreibt auf Französisch und lebt seit einigen Jahren in Österreich: der 1981 in Lubumbashi (Demokratische Republik Kongo) geborene Fiston Mwanza Mujila, Verfasser von Gedichten, Kurzprosa und Theaterstücken, der 2009 an den Frankofonie-Festspielen in Beirut die Goldmedaille für Literatur gewann. Auf Deutsch ist nun – in einer schön gestalteten zweisprachigen* Ausgabe – sein Langgedicht «Der Fluss im Bauch» zu entdecken, ein rhapsodisches Poem aus 102 unterschiedlichen Teilen, die alle mit «Einsamkeit» und einer Zahl überschrieben sind, wobei die Nummerierung keiner nachvollziehbaren Ordnung folgt. Aphoristische Notate wechseln sich mit Litaneien und autobiografischen Erzählstücken ab, Bibel- und Songzitate mit bilderreichen Beschwörungen und verzweifelten Klagen; der französische Wortteppich ist von Argot-Ausdrücken und Vokabeln einheimischer Idiome (Lingala, Swahili, Tschiluba) durchwirkt. / Ilma Rakusa, NZZ

Fiston Mwanza Mujila: Le Fleuve dans le Ventre. Der Fluss im Bauch. Aus dem Französischen von Ludwig Hartinger. Edition Thanhäuser, Ottensheim an der Donau 2013. 141 S., € 20.00.

*) (zweisprachig ist gar kein Ausdruck!)

89. Das Chaos kann man sich nicht wünschen

Der Berliner Lyriker Christian Filips hat Lawrence Sternes Hauptwerk „Leben und Ansichten von Tristram Shandy, Gentleman“ in ein Oratorium verwandelt – und gibt sich im Interview dem Chaos hin. Hat es überhaupt stattgefunden?

Stephan Karkowsky: Zwei Bücher nur machten Laurence Sterne unsterblich: das eine „Leben und Ansichten von Tristram Shandy, Gentleman“, das zweite „Eine empfindsame Reise durch Frankreich und Italien. Von Mr. Yorick“, das war schon der Titel. Was uns diese Bücher 300 Jahre nach der Geburt des Autors noch angehen, das soll mir Christian Filips verraten! Herr Filips, guten Tag!

Christian Filips: Guten Tag, hallo!

Karkowsky: Laurence Stern, das ist einfach, war Dorfpfarrer im 18. Jahrhundert. Bei Ihnen wird es komplizierter, da brauche ich etwas länger, Sie sind Lyriker, Sie sind Übersetzer, Autor und wahrscheinlich auch immer noch Programm- und Archivleiter der Sing-Akademie zu Berlin. Und als solcher ein ziemlich verrückter Musikdramaturg, wenn die Bemerkung gestattet ist! Habe ich was vergessen?

Filips: Ach, allerlei, ja.

(…)

Karkowsky: Sie hatten sich im Vorfeld gewünscht – ich darf das hier verraten –, dass unser Gespräch über Laurence Sterne im Chaos enden möge, das würde dem Roman am ehesten gerecht. Insofern dürften Sie ja auch die chaotische „Tristram Shandy“-Verfilmung von Michael Winterbottom genossen haben, oder die bislang … war es die bislang einzige, soweit ich weiß?

Filips: Ah, das Chaos kann man sich ja gar nicht wünschen, wie soll man sich das denn wünschen, das ist ja da!

Karkowsky: Man kann es ordnen oder man kann es sein lassen mit dem Ordnen!

Filips: Das Chaos zu ordnen, das kann nur Gott, das schaffen wir nicht! Diese Verfilmung, ja, ich glaube, das ist die einzige Verfilmung. Aber das ist ja auch keine Verfilmung. Also, was, wie soll man eine Verfilmung von diesem Buch machen? Das ist ein Film über einen Film.

Karkowsky: Über einen Film, der versucht, etwas zu verfilmen, was eigentlich unverfilmbar ist. Es heißt, „Tristram Shandy“ sei unverfilmbar. Warum eigentlich?

Filips: Ja, weil es das Buch nicht gibt. Es gab auch dieses Oratorium nie, das war ein Oratorium, das es nie gegeben haben wird.

Karkowsky: Dürfte.

Filips: Dürfte? Na ja, also, verboten ist es nicht, wir haben es uns nicht verbieten lassen.

Karkowsky: Aber es war nicht Konjunktiv, es existierte nicht.

Filips: Nein, es hat nie existiert. Wir machen eine Sendung darüber, aber die Sendung ist eine Sendung über einen Gegenstand, der nie existiert hat.

Karkowsky: Eigentlich existiert diese Sendung auch nicht, denn ich kann Ihnen jetzt verraten, dass wir dieses Gespräch gerade aufzeichnen und vermutlich nicht senden werden. Wären wir jetzt live hier, dann würde es jetzt über den Sender gehen!

Filips: Ja, das stimmt, aber ich kann jetzt Ihnen sagen, dass vor dem Funkhaus gerade ein Mann in einem blauen Pullover um die Ecke geht, er hat eine weiße Kappe auf und es ist jetzt genau 14:16 Uhr.

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88. Unanständig

1897 wird erstmals einer seiner Gedichte veröffentlicht und 1898 folgte seine erste Lyriksammlung „Romantische Lieder“

Allerdings sind diese ersten Gehversuche als Dichter von wenig Erfolg gekrönt. Von den 600 gedruckten Ausgaben wurden nur einige verkauft, und seine Mutter fand Hesses Gedichte „schlicht geschmacklos“. Auch seine weiteren literarischen Versuche „raubten der gestrengen Mutter den Schlaf“, und zu seinem ersten Erzählband „Eine Stunde hinter Mitternacht“ schrieb sie ihm empört: „Das ist das Unanständigste, was ich jemals gelesen habe.“ / Jürgen Spiess, Südwestpresse

hhesse.de ergänzt:

Hesse hatte sich mit 175 Mark an den Herstellkosten beteiligt.

87. Yahya Hassan angegriffen

Nun hat der 18-jährige Teenager mit einem Lyrikband heftig zurückgeschlagen, er rechnet ab mit dem Vater und mit seiner frömmelnden Mutter, und er attackiert vor allem die muslimischen Zuwanderer, «die zum Freitagsgebet gehen, aber alle anderen Tage stehlen, hehlen, saufen und huren». Hassan spricht offensichtlich für die junge Generation von Neudänen muslimischer Abstammung, die nicht in der Monotonie ihres Unglücks leben wollen und mit Allah allein nichts anfangen können.

«Ich bin fucking zornig auf die Generation meiner Eltern», sagte er in einem Interview der Tageszeitung «Politiken», das zum meistverbreiteten Artikel in den sozialen Medien Dänemarks wurde. Hassan kritisiert die mangelnde Bereitschaft der Einwanderer zur Integration. «Wir hatten keinen Plan, denn Allah hatte Pläne für uns», heisst es in einem seiner Gedichte. Er wettert gegen die Elterngeneration, die «Sozialhilfe erschwindelt» und «Kinder verprügelt».

Der wütende Ton hat Yahya Hassan zum jüngsten Star der dänischen Literaturszene gemacht. Während andere Lyriker froh sein können, wenn sie 200 Bücher verkaufen, hat Hassan einen Bestseller gelandet. Seine etwa 150 Gedichte kamen am 17. Oktober auf den Markt und haben sich in den letzten vier Wochen über 40’000-mal verkauft, wie die Tageszeitung «Jyllands-Posten» meldet. (…)

Nachdem er in einem dänischen Fernsehsender ein Gedicht vortrug, erhielt er fast 30 Morddrohungen. Diese Woche wurde er im Hauptbahnhof von Kopenhagen tätlich angegriffen – von einem Islamisten, der 2007 wegen eines geplanten Terroranschlags zu einer mehrjährigen Gefängnisstrafe verurteilt worden war. / Enver Robelli, Basler Zeitung

86. Stillborn

… ist der Originaltitel des Gedichts von Sylvia Plath aus der vorigen Meldung. Und schon begegnet mir das Wort erneut. Im Gespräch Jan Kuhlbrodts mit Günther Plessow folgendes frühe Sonett von e.e. cummings:
SONNETS––REALITIES XVII

of this wilting wall the colour drub
souring sunbeams,of a foetal fragrance
to rickety unclosed blinds inslants
peregrinate,a cigar–stub
disintegrates,above,underdrawers club
the faintly sweating air with pinkness,
one pale dog behind a slopcaked shrub
painstakingly utters a slippery mess,
a star sleepily,feebly,scratches the sore
of morning. But i am interested more
intricately in the delicate scorn
with which in a putrid window every day
almost leans a lady whose still–born
smile involves the comedy of decay,

(veröffentlicht in & [AND], 1925)

SONETTE––REALITÄTEN 17

von dieser welken wand den anstrich splittert
die sonne,die vom foetusduft verdrossen
zu wackeligen blenden,unverschlossnen,
wandert,ein zigarrenstumpf verwittert,
oben erschlagen unterhöschen mit
ihrem rosa die leicht schwüle luft,und
fein säuberlich entledigt sich ein hund,
ein falber,hinterm busch von seinem schitt.
ein stern,verschlafen,kraftlos,kratzt die wunde
des morgens. Doch mich fasziniert imgrunde
der delikate spott der dame,der
s im mürben fenster täglich fast gefällt;
ihr totgebornes lächeln sagt mir mehr
als die komödie des verfalls enthält,

Hier mehr (mehr Sonette und Kommentare)

e.e. cummings: was spielt der leierkasten eigentlich? Die frühen Sonette, Übersetzung: Günter Plessow, Urs Engeler Editor, Basel/Weil am Rhein 2009

85. Zur Debatte

Sylvia Plath ||| Totgeboren ||| Übersetzt von Judith Zander

Diese Gedichte leben nicht: eine traurige Diagnose.
Dabei wuchsen sie gut, ihre Zehen- und Fingertriebe.
Ihre kleinen Stirnen schwollen vor Konzentration.
Wenn sie es nicht schafften herumzulaufen wie Menschen,
Lag’s nicht an einem Mangel an Mutterliebe.

Ach, ich kann nicht verstehn, was mit ihnen passiert ist!
Sie sind richtig in Form und Anzahl und allem Drumrum.
Sie sitzen so nett in der salzigen Flüssigkeit!
Sie lächeln und lächeln und lächeln mir zu.
Und doch füllen die Lungen sich nicht und das Herz bleibt stumm.

Sie sind keine Schweine, sie sind noch nicht einmal Fische,
Obwohl sie ein schweiniges, fischiges Wesen haben –
Es wär besser, wären sie lebendig, und das ist’s, was sie waren.
Doch sie sind tot, und die Mutter fast tot vor Verzweiflung.
Und sie starren blöde und wollen nichts von ihr sagen.

[aus: Sylvia Plath, Übers Wasser/Crossing the Water. Zweisprachig, übersetzt von Judith Zander. Luxbooks.Americana] mehr