38. Das alles verdank ich der Presse

Göppingen. Zeitgemäße Poesie und Lyrik gibt es heute ab 20 Uhr bei der Poetry-Lesebühne zum Weltautismustag im CVJM-Jugendkulturcafé des Göppinger Bonhoefferhauses. Anstelle der Verfasser werden Slammer und Betreuer von Autisten die Texte vortragen.

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myheimat. Lyrik rührt Tom Hiddleston zu Tränen! Das hätte wohl niemand von dem toughen Schauspieler geahnt, der mit seiner Rolle als Bösewicht Loki in „Thor“ für Furore sorgte. Doch nun enthüllte der attraktive Star seine emotionale, verletzliche Seite und verriet: Es gibt ein Gedicht, das ihn zum Weinen bringt!

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37. Die Eiserne Lerche

… bereits Herweghs anonym erschienener Erstling, die Gedichte eines Lebendigen, sorgt 1841 für Furore und macht den 24-Jährigen zum Bestsellerautor. Aus dem Schweizer Exil nach Deutschland geschmuggelt und oft zum Wucherpreis unterm Ladentisch verkauft, überflügelt das verbotene Bändchen in wenigen Monaten sogar Heines Buch der Lieder.

Es ist ein Fanal der Hoffnung für die demokratische Opposition unter dem Metternich-Regime, die seit dem Hambacher Fest 1832 die Faust nur noch in der Tasche zu ballen wagt. Die verbotenen Verse sind schnell in allen deutschen Königreichen, Klein- und Kleinststaaten verbreitet. Auch Studenten, die sich kaum eigene Bücher leisten können, rezitieren, singen die rebellischen Hits, einzelne Zeilen bekommen Flügel: „Wir haben lang genug geliebt / Und wollen endlich hassen!“, „Reißt die Kreuze aus der Erden! / Alle sollen Schwerter werden!“, „O wag’ es doch, nur Einen Tag, / Nur Einen, frei zu sein“, „Und durch Europa brechen wir / Der Freiheit eine Gasse!“.

(…)

Preußens Friedrich Wilhelm IV., um eine populistische Geste nie verlegen, empfängt ihn; die Begegnung verläuft eher frostig. Kurz darauf verbietet der König eine geplante literarische Zeitschrift, verschärft die Zensur und verbannt den just Verlobten aus Berlin. Begleitet von einer Hetzkampagne der preußischen Presse, bekommt Herwegh nun auch den Spott falscher Freunde zu spüren, die ihn für die neue politische Eiszeit verantwortlich machen. Dessen ungeachtet bilden sich in vielen Städten Herwegh-Klubs, und Junglyriker wie Paul Heyse – 1910 wird er den Nobelpreis erhalten – zwitschern übermütig im Ton der „eisernen Lerche“.

(…)

Dass ein Lyriker kaum als Heerführer taugt und sein Jawort töricht und romantisch gewesen sei, lässt sich im Nachhinein leicht sagen. Marx warnt vor dem Abenteuer, schimpft den Freund gar einen „Lumpen“. Doch von Emma und Bakunin gedrängt, übernimmt Herwegh die Führung. Nach langem Fußmarsch durch Frankreich erreicht die auf 700 Mann und eine Frau (Emma, in Männerkleidern) geschmolzene Schar den Rhein. Hecker allerdings ist da bereits geschlagen, und so befindet sich Herweghs Legion, gejagt von hessischen und württembergischen Truppen, bald nur noch auf der Flucht durch Matsch und Schnee. Emma leitet den Rückzug auf steilen Pfaden über die Höhen des Schwarzwalds, bis die Legion schließlich von königlichen Truppen gestellt und trotz erbittertem Widerstand in die Flucht getrieben wird. Am Ende sind dreißig junge Männer gestorben, die für eine demokratische Zukunft gekämpft hatten.

Der populäre amerikanische Historiker Gordon A. Craig verteidigte 1988 in seinem Buch Geld und Geist den Freiheitskampf gegen alle üble Nachrede vom „kläglichen Versagen“ und von der „feigen Flucht“: „Wenn auch die Gegner Herweghs versuchten, seinen Feldzug ins Lächerliche zu ziehen, so war es, unvoreingenommen betrachtet, doch ein ehrenhaftes, einer edlen Sache gewidmetes und unter großem persönlichen Risiko durchgefochtenes Unternehmen.“

(…)

1873, ein Vierteljahrhundert nach dem Aufbruch von 1848, schreibt er ein letztes großes Gedicht, mit dem er an das Vermächtnis der Freiheitskämpfer erinnert, die in Berlin gefallenen sind: „Achtzehnhundert vierzig und acht, / Als im Lenze das Eis gekracht, / Tage des Februar, Tage des Märzen, / Waren es nicht Proletarierherzen, / Die voll Hoffnung zuerst erwacht /Achtzehnhundert vierzig und acht? // […] // Achtzehnhundert siebzig und drei, / Reich der Reichen, da stehst du, juchhei! / Aber wir Armen, verkauft und verraten, / Denken der Proletariertaten – / Noch sind nicht alle Märze vorbei, / Achtzehnhundert siebzig und drei.“

Die Reaktion der Reaktionäre bleibt nicht aus. Herwegh sei nichts weiter als „ein Trunkenbold der Phrase“, wettert der preußische Hofhistoriker Heinrich von Treitschke, für dessen Antisemitismus („Die Juden sind unser Unglück“) Herwegh nur ein Wort übrig hat: „Die Rassenfrage gehört in die Gestüte, nicht in die Geschichte.“

/ Michail Krausnick, Die Zeit

An Auswahlbänden herrscht kein Mangel. Doch endlich erscheint nun – ohne jede Subventionierung – eine Gesamtausgabe. Vier der sechs Bände liegen vor: frühe Gedichte (Band 1), späte Prosa (Band 4) und zwei Bände mit Briefen. Herausgegeben von Ingrid Pepperle in Verbindung mit Volker Giel, Heinz Pepperle, Norbert Rothe und Hendrik Stein, erscheint sie im Aisthesis Verlag, Bielefeld, und kostet je Band zwischen 98 und 148 Euro

36. Walt Whitman Award

Ein gutes Förderungsmodell, finde ich:

A young Korean-American poet has received a $5,000 award for first-time writers that also ensures the publication and thousands of sales of her debut collection.

Hannah Sanghee Park has won the Walt Whitman Award, the Academy of American Poets announced Wednesday. Her book, “The Same-Different,” will be released next year by Louisiana State University. The poetry academy will purchase thousands of copies and distribute them to its members. Pulitzer Prize winner Rae Armantrout chose Park for the award and praised “Same-Different” as a “literally dazzling debut.” / The Washington Post

35. Plath

In einem BBC-Interview aus dem Jahr 1962 erklärte Sylvia Plath: «Meine Gedichte kommen direkt aus meinen sinnlichen und emotionalen Erfahrungen, doch ich muss zugeben, dass ich kein Verständnis für Herzensschreie habe, die von nichts anderem als der Nadel oder dem Messer geprägt sind. Ich glaube, dass man in der Lage sein sollte, Erfahrungen zu kontrollieren und zu beeinflussen, selbst die schrecklichsten wie den Wahnsinn, die Qual (. . .).» Die Lyrikerin benennt in diesem Interview auch den Unterschied zwischen den frühen und den späteren, seinerzeit unpublizierten Gedichten: Die ersten könnten nicht laut gelesen werden, weshalb ihnen eine gewisse Luzidität fehle. Tatsächlich ist «Der Koloss» formstreng und kompakt, seine Gedichte zeugen von Bildung und sprachschöpferischer Kraft. «Übers Wasser» dagegen ist freier, selbstbewusster, hier wird das Bekenntnis gewagt, jedoch künstlerisch immer sehr kontrolliert und darum weniger unmittelbar als beispielsweise bei Plaths Zeitgenossin Anne Sexton. / Jürgen Brôcan, NZZ11.4.

Sylvia Plath: Übers Wasser. Übertragen von Judith Zander. Luxbooks, Wiesbaden 2013. 138 S., Fr. 32.90. Sylvia Plath: Der Koloss. Übertragen von Judith Zander. Suhrkamp-Verlag, Berlin 2013. 168 S., Fr. 34.90. 

34. Plath und Hughes

«Die Depression tötete Sylvia Plath.» Zu diesem Schluss kommt die 2007 verstorbene Diane Middlebrook, Professorin für feministische Studien an der Stanford University, in ihrer essayistisch geprägten Doppelbiografie und stellt sich gegen das überkommene Täter-Opfer-Schema , das allein Hughes die Schuld am Selbstmord seiner Frau zuschiebt. Nicht als die Ikonen, zu denen die Nachwelt sie verklärt hat, oder als das Dichter-Ehepaar, zu dem sie sich selbst stilisierten, treten Plath und Hughes hier auf, sondern als gewöhnliche Menschen mit Fehlern, Idiosynkrasien, Empfindlichkeiten und einer zuweilen bestürzenden Unreife. Man könnte hier die von Hughes einmal gegenüber seiner Schwiegermutter geäusserte Befürchtung bestätigt sehen, dass Biografien nur zeigen wollten, dass ein Dichter «eigentlich wie wir alle» sei.

Ungeachtet einiger Redundanzen und kolportagehafter Episoden liefert Middlebrook eine fesselnde, manche pikante Details beitragende Darstellung: «Wie er [Ted Hughes] die Beziehung beginnt, wie er mit ihr hadert, wie er sich in dieser Beziehung entfalten kann, wie er die Partnerin verliert, ohne die Beziehung zu verlieren, und wie er schliesslich die Ehe in einen bleibenden Mythos verwandelt.» Middlebrook verschweigt weder Plaths psychische Labilität noch Hughes‘ zahlreiche Affären und zeigt, dass die Ehe zwangsläufig scheitern musste, als sich die beiden Persönlichkeiten in verschiedene Richtungen weiterentwickelten: als nämlich Plath nicht länger die Rolle der umsorgenden Ehefrau und Mutter spielen wollte, nachdem sie sich künstlerisch emanzipiert hatte, und Hughes nicht länger allein in ihr die Weisse Göttin erkannte, der ein Mann, laut dem Mythos von Robert Graves, durch das Ritual des Dichtens huldigt. / Jürgen Brôcan, NZZ 11.4.

Diane Middlebrook: Du wolltest deine Sterne. Aus dem Englischen von Barbara von Bechtolsheim. Edition fünf, Hamburg 2013. 464 S., Fr. 32.90.

33. Melvilles Lyrik

Zu den merkwürdigsten Phänomenen der amerikanischen Literatur zählt das Spätwerk Herman Melvilles. Nach den finanziellen Misserfolgen seiner heute berühmten, damals jedoch weitgehend verschmähten Romane war Melville gezwungen, einen schlechtbezahlten Posten als Zollinspektor im New Yorker Hafen anzunehmen. Er wandte sich nun verstärkt der lyrischen Gattung zu und veröffentlichte auf eigene Kosten die «Battle Pieces and Aspects of War» (1866), das gewaltige Versepos «Clarel» (1876) und schliesslich nur für seine Freunde in Kleinstauflagen von jeweils 25 Exemplaren «John Marr and Other Sailors» (1888) und «Timoleon, Etc.» (1891). Trotz dem auflebenden Interesse eines kleinen Kreises englischer Literaten in den 1880er Jahren war Melville im vollkommenen literarischen Abseits angelangt, ein Umstand, der sich allerdings nur in der Quantität, nicht in der Qualität seines Werkes niederschlägt.

Mit Anmerkungen und einem instruktiven Nachwort versehen, liegt «John Marr und andere Matrosen» nun erstmals in einer integralen Übersetzung durch den Melville-Spezialisten Alexander Pechmann vor. So schmal der Umfang mit nicht mehr als neunzehn Gedichten ist, so gewichtig der Inhalt, weshalb Melvilles lyrisches Œuvre den Arbeiten seiner grossen und in dieser Hinsicht produktiveren Zeitgenossen Walt Whitman und Emily Dickinson getrost an die Seite gestellt werden darf. / Jürgen Brôcan, NZZ 3.4.

Herman Melville: John Marr und andere Matrosen. Aus dem Amerikanischen übersetzt und herausgegeben von Alexander Pechmann. Mareverlag, Hamburg 2013. 184 S., Fr. 34.50.

32. Dachtangs

Hark Martinen hat Lyrik in allen nordfriesischen Sprachvarianten über zwei Jahrzehnte gesammelt: 481 Gedichte gibt es nun in einem Band. Vorgestellt hat der ehemalige Schulrat des Kreises Nordfriesland „Dachtangs“ in Dagebüll. / Husumer Nachrichten

31. Dämonen (vulgo Poesieschiene)

Joachim Sartorius organisiert auf dem Monte Verità ein Literaturfestival, Zitat:

Es gibt eine Runde über Schweizer Dämonen oder Dämonen in der Schweizer Literatur. Haben die Schweizer überhaupt Dämonen? Ich weiss es gar nicht. Das Dritte ist die grüne Utopie mit Cohn-Bendit. Mir ist die Poesieschiene sehr wichtig. Nora Gomringer passt mit ihrem neuen Band «Monster Poems» sehr gut zu den Dämonen. Ausserdem kommen Durs Grünbein und der italienische Lyriker Valerio Magrelli. Mir gefiel der Gedanke der Dämonen im Zusammenhang mit einem Literaturfestival. Denn alle, die schreiben, haben diese Anstachler und Peiniger. Es gibt den Dämon der Vollkommenheit, den Dämon der Verkommenheit, den Dämon der perfekten Erinnerung. / NZZ

30. Garip

The modernization of Turkish poetry had already been long underway when Oktay Rıfat published the “Garip” (Strange) volume with Orhan Veli and Melih Cevdet Anday in 1941. Nazım Hikmet’s blistering experimentation had been radically reshaping the language of Turkish poetry for almost 20 years, and the “Garip” movement is commonly cited as the second key transformative step against traditional Ottoman literary conventions. As Veli wrote in the selection’s manifesto-like preface, the aim was to eliminate:

all artifice and convention from poetry. Rhyme and metre, metaphor and simile had been devised to appeal to a succession of elites … Today’s poet must write for growing masses. The problem was not to undertake their defense, but to find out what kind of poetry it was that appealed to them, and to give them that poetry.

Actually, this wasn’t hugely different to what Hikmet had been pushing for years, and 1941 is quite late for such a “modernist awakening” anyway, but the “Garip” poets would nevertheless come to be seen as key revolutionaries of 20th century Turkish poetry. (…)

Reading Veli often feels like encountering a raffish, rakı-chugging “Istanbul man” of the early republican era, but Rıfat is less socially specific. His three formative years in Paris in the 1930s, surrounded by innovators and enthused by the possibilities of surrealism applied to Turkish, seem to have become increasingly important throughout his life.

Nevertheless, those early years still echoed through Rıfat’s work. In his poem “Umbrella” (1969) it’s possible to detect the spirit of Veli:

I was walking under my umbrella.
It was raining cats and dogs.
Torrents of water either side.
But in my head brightness, sunny days,
Hopes, desires, loves, seas,
I was walking under my umbrella.
Blue sky under my umbrella.

/ William Armstrong, Hürriyet

‘Poems of Oktay Rıfat’ by Oktay Rıfat, trans. Ruth Christie and Richard McKane (Anvill Press, £12, 256 pages)

29. Stötzers Lied

Dieses Mannes, dessen tschechische Bleistiftminen, die er vor der Wende gehortet hat, ihm bis in die jüngste Gegenwart reichen, gedenkt ein jüngerer Freund in einem Gedichtband, der „Stötzers Lied“ heißt und eine recht lockere Art von Lyrik betreibt. Stötzer fand man eines Tages tot im Sessel – Herzschlag –, wie schlafend und als ob er seine These, der Tod sei auch nur so eine Episode, durch eigenes Beispiel belegen wollte. Da er vorher ausgiebig geraucht und die halb leere Weinflasche noch verkorkt hatte, wohnt sein letztes Vermächtnis, der Qualm, in der Flasche „wie ein Dschinn“. Stötzer hatte es immer schon geschafft, stets saubere Fingernägel zu behalten, eine Leistung, vor der das ihn besingende lyrische Ich in Staunen gerät: Bekam man doch in der Ära der Braunkohle schon dreckige Finger, wenn man sich nur durchs Haar fuhr. Ja, ein leicht mit Grau untermischtes Braun muss man wohl als den vorherrschenden Farb- und Gemütston in diesem allenfalls unterschwellig wehmütigen Zyklus von Jan Kuhlbrodt bezeichnen.

Verschmitzte Gelassenheit bezieht er aus dem Vertrauen, dass der Mensch dann eine Chance hat, die Gezeiten der Geschichte zu überstehen, wenn er sich fest genug an den lokalen Untergrund klammert. Von diesem unscheinbaren Posten aus lassen sich gut Betrachtungen anstellen, etwa über die Metamorphosen des deutschen Adlers vom schlanken Raubvogel der Nazis zum dicken „Förderalismusgreif“ von heute. Und dazwischen liegt die historische Schicht des Arbeiter- und Bauernstaats. „Das Ehrliche am Sozialismus war der Einsatz schnell / verwitternder Baumaterialien, sagt Stötzer.“ Nicht nur, wo er einen versonnenen Blick auf die Bagger in der Leipziger Innenstadt wirft, stellt dieser Band eine Art Vorgriff auf die Archäologie der Zukunft dar. Und wer einwenden wollte, dass er durch die amateurhaften Illustrationen wie eine Schülerzeitung wirkt, würden Stötzer und Kuhlbrodt das vermutlich nicht gelten lassen.  / Burkhard Müller, Süddeutsche Zeitung 9.4.

Jan Kuhlbrodt: Stötzers Lied. Gesang vom Leben danach. Verlagshaus J. Frank, Berlin 2013. 180 Seiten, 13,90 Euro.

28. Dichterfürst

Paul Heyse war der Dichterfürst und Literaturpapst seiner Zeit. Sein Werk ist so gut wie vergessen, aber als eine zentrale Figur des Münchner Kulturlebens wird er zu seinem 100. Todestag wieder in Erinnerung gerufen

Paul Heyse starb vor genau einhundert Jahren. Er liegt auf dem alten Waldfriedhof in München begraben. Zu seiner Zeit galt er als einer der großen europäischen Schriftsteller. Manche sahen ihn als Dichterfürsten, gar als Nachfolger Goethes. Vor allem mit seinen Novellen, aber auch mit seinen Gedichten, Dramen und Romanen ist er ein Exponent der silbernen, wenn nicht bronzenen oder steinernen Klassizität der deutschen Literatur im Kaiserreich. (…)

Im Jahr 1910 erhielt Paul Heyse den Nobelpreis für Literatur. Er war der erste deutsche Dichter, der diese Ehrung erfuhr (der Historiker Theodor Mommsen war ihm 1902 vorangegangen). (…)

Paul Heyse, das ist eine Geschmacksgeschichte. Poetische Weltflucht verband sich mit der Entstehung des modernen Literaturbetriebs. In dieser Hinsicht ist Paul Heyse nicht von gestern. / Johan Schloemann, Süddeutsche Zeitung 2.4.

Paul Heyse – Ein Liebling der Musen, Schatzkammer der Bayerischen Staatsbibliothek, München, 4.April bis 22. Juni. Das Begleitheft kostet 8 Euro. Info: www.bsb-muenchen.de

27. Shall we count that a crime France counts an honour?

December 8th. On this date in 1660, a professional female actress appeared on the English stage in a production of Othello. It’s one of the earliest known instances of a female role actually being played by a woman in an English production. Up until this time, women were considered too fine and sensitive for the rough life of the theater, and boys or men dressed in drag to play female characters. An earlier attempt to form co-ed theater troupes was met with jeers and hisses and thrown produce.

But by the second half of the 17th century, the King’s Company felt that London society could handle it. Before the production, a lengthy disclaimer in iambic pentameter was delivered to the audience, warning them that they were about to see an actual woman in the part. This was, the actor explained, because they felt that men were just too big and burly to play the more delicate roles, „With bone so large and nerve so incompliant / When you call Desdemona, enter giant.“ / Writers‘ Almanac, 8.12. 2012

A Prologue to introduce the first Woman that came to act on the Stage, in the Tragedy called the Moor of Venice:
Delivered at theatre in Vere Street, on Saturday, December 8th, 1660 – written by Thomas Jordan.

„I came, unknown to any of the rest,
To tell the news; I saw the lady drest:
The woman plays to-day; mistake me not,
No man in gown, or page in petticoat;
A woman to my knowledge, yet I can’t,
If I should die, make affidavit on’t.

Do you not twitter, gentlemen? I know
You will be censuring: do it fairly, though;
‚Tis possible a virtuous woman may
Abhor all sorts of looseness, and yet play;
Play on the stage where all eyes are upon her:
Shall we count that a crime France counts an honour?

In other kingdoms husbands safely trust ‚em;
The difference lies only in the custom.
And let it be our custom, I advise;
I’m sure this custom’s better than th‘ excise,
And may procure us custom: hearts of flint
„Will melt in passion when a woman’s in’t.

But, gentlemen, you that as judges sit
In the Star-chambers of the house the pit,
Have modest thoughts of her; pray do not run
To give her visits when the play is done,
With „damn me, your most humble servant, lady;“
She knows these things as well as you, it may be;

Not a bit there, dear gallants, she doth know
Her own deserts and your temptations too.
But to the point: in this reforming age
We have intents to civilise the stage.
Our women are defective, and so sized,
You’d think they were some of the guard disguised;

For, to speak truth, men act, that are between
Forty and fifty, wenches of fifteen;
With bone so large, and nerve so incompliant,
When you call „Desdemona,“ enter giant.
We shall purge everything that is unclean,
Lascivious, scurrilous, impious, or obscene;
And when we’ve put all things in this fair way,
Barebones himself may come to see a play.‘

26. Besser als Shakespeare?

Christa Schuenke, die eine gerühmte Gesamtübersetzung der Sonette Shakespeares veröffentlichte, sprach mit Christa Jansohn auf literaturkritik.de über ihre Übersetzung. 3 Auszüge aus dem langen, unbedingt komplett lesenswerten Gespräch:

Eine archaisierende Übersetzung kam für mich von vornherein nicht in Betracht. Manierismus interessiert mich nicht. Eine künstlich archaisierte Sprache empfinde ich als manieriert, und vor allem fehlt ihr alles Lebendige. Und das, was Sie als „modernen Jargon“ bezeichnen, ist in meinen Augen eine Anbiederung an ein vorwiegend jugendliches Lesepublikum oder Ausdruck eines Zeitgeists, der nach ewiger Jugend giert. Eine Mischung von beidem, wie sie bei Karl Bernhard vorliegt, kann immer nur Hybriden hervorbringen. Ganz wesentlich für mein Konzept war das Moment der Wiedererkennbarkeit. Die emotionalen Schwingungen, die von Shakespeares Sonetten ausgehen, erreichen uns noch heute mit unverminderter Kraft, wenn wir uns darauf einlassen. Das habe ich gerade bei jungen Lesern meiner Sonett-Übersetzung, Leuten von Anfang bis Mitte Zwanzig, immer wieder bemerkt. Und ähnliche argumentative Krücken, wie Shakespeare sie sich baut, um die eigenen Gefühlsverwirrungen zu rationalisieren, bauen sich Menschen auch heute noch, wenn sie verzweifelt versuchen, sich von der Wucht ihrer Emotionen nicht zu Boden schleudern zu lassen. Damit das Moment der Wiedererkennbarkeit in der Übersetzung da ist, muss, denke ich, eine Sprache gewählt werden, die modern ist, ohne modisch zu sein, die aber auch die Wort‑ und Klanggewalt hat, die notwendig ist, um den mitunter sehr hohen, klassischen Ton des Originals zu treffen.

(…)

Für mich verschmelzen die Begriffe Genauigkeit und Nähe zum Urtext in dem übergreifenden Terminus Wirkungsäquivalenz. In diesem Sinne hatte ich nicht die Absicht, eine Übersetzung zu schaffen, die zwar philologisch präzise ist, aber die Einheit der Elemente, die die Wirkung eines Gedichts ausmachen (Wortsinn, Gesamtaussage, Rhythmus, Metrum, Atmosphäre, und ich möchte noch hinzufügen: Emotionalität, Anstrengung des Gedankens und nicht zuletzt Klang), zerstört. Ich glaube nicht, dass man bei den mitunter notwendigen Abstrichen mehrere Alternativen hat. Die einzige für mich in Betracht kommende Möglichkeit besteht darin, wenn es denn sein muss und im Original ein und derselbe Gedanke in mehreren unterschiedlichen Schattierungen durchgeführt wird, auf eine dieser Schattierungen zu verzichten oder diejenige auszuwählen, die mir im Hinblick auf die angestrebte Wirkungsäquivalenz den Vorrang zu haben scheint. Um jedoch den Verzicht auf das unvermeidbare Minimum zu beschränken, habe ich versucht, im Deutschen möglichst viele einsilbige Wörter zu finden, deren Gebrauch verhindert, dass der Vers über den jambischen Pentameter hinaus anschwillt.

Über andere Übersetzer:

Im Falle Celans haben wir es mit einem starken, gedanken‑ und wortmächtigen Dichter zu tun, der Shakespeares Sonette gleichsam als Transportmittel für eigene Inhalte benutzt. Seine Übersetzungen, die ich sehr schätze, sind von seinem eigenen dichterischen Interesse dominiert. Deshalb kann ich mich George Steiner, den ich ebenfalls sehr schätze und dessen Buch After Babel ich als Über­setzerin viele kostbare Anregungen verdanke, in diesem Punkt nicht anschließen. Ich glaube, dass Celans Übertragungen nur insofern „besser als die Originale“ sind, als sie den Zeitgeist, dessen Stimme Celan war, besser erfassen als die Originale, die selbstverständlich vom Geist der Shakespeare‑Zeit geprägt waren. Insofern sind Celans Übertragungen uns vielleicht näher als das Original, aber ich glaube nicht, dass man sie deshalb „besser“ nennen kann. Auch Stefan George nimmt sich der Sonette als Dichter an, wenngleich er sie, anders als Celan, nicht dazu benutzt, eigene Inhalte zu transportieren. Bei ihm scheint es mir eher um einen Transport versästhetischer Prinzipien zu gehen, die leider nicht selten mit einer bis zur Unkenntlichkeit der Wörter getriebenen Verstümmelung deutscher Wortklänge bezahlt werden.

25. Shakespeares ÜbersetzerInnen

Als Johann Joachim Eschenburg 1787 im Rahmen seiner Abhandlung über Shakespeares Gedichte auch 56 Sonette in deutsche Prosa übersetzte [hier], konnte er nicht ahnen, dass sich ab dem 19. Jahrhundert bis heute eine kaum überschaubare Zahl von Dichtern, Gelehrten, Laien und Liebhabern aus den verschiedensten Berufsgruppen sowie sämtlichen Altersgruppen (zwischen 24 und 90 Jahren) diesen Wunderwerken in 14 Zeilen widmen würde. So gibt es an die 200 Teil- und an die 70 Gesamtübersetzungen (Stand: April 2014), wovon vier Gesamtübertragungen derzeit unpubliziert sind. Es entfallen auf das 19. Jahrhundert 16 Gesamtübersetzungen sowie zwei mit je 151 Sonetten (von Karl Lachmann, 1820 und Andreas Schumacher, 1826) (davon eine von einer Frau) auf das 20. Jahrhundert 36 Gesamtübersetzungen sowie eine Version mit 150 Sonetten (von Otto Hauser, 1931) (davon acht von Frauen), auf das 21. Jahrhundert (April 2014) 15 Gesamtübersetzungen (davon eine von einer Frau). Dazu kommen drei Dialektübersetzungen ins Plattdeutsche, in den Berliner Dialekt (jeweils von Frauen) und ins Wallissertitsche.

Wie dieser Überblick zeigt, sind im Gegensatz zu den männlichen Übersetzern die weiblichen mit nur elf deutlich in der Minderzahl. Zudem wurden drei der von Frauen stammenden Übertragungen erst nach dem Tod der Übersetzerinnen publiziert, und zwar 1992 die erste Gesamtübersetzung (zirka 1824/25) von Dorothea Tieck. Sophie Heidens Version von 1935 erschien 2001, und 2010 wurde erstmals in Deutschland die im japanischen Exil angefertigte Übersetzung (1944) der bekannten Cembalistin Eta Harich-Schneider veröffentlicht. Auch fehlen zu einigen Übersetzerinnen grundlegende biographische Angaben, so zu Therese Benjamin und Beatrice Barnstorff Frame, die ihre Übertragungen 1930 und 1931 publizierten. Die jüngste unter den Übersetzerinnen ist die 1966 in Güstrow geborene Lyrikerin Simone Katrin Paul, deren 1998 publizierte Version allerdings sang- und klanglos verschwunden ist, während Christa Schuenkes Übersetzung seit ihrem Erscheinen 1994 mehrere Auflagen erfuhr, bisher zweimal als Hör-CD auf den Markt kam, für mehrere szenische Lesungen und Theateraufführungen herangezogen wurde und auch oft in Programmheften zitiert wird. Mit Recht reiht sich heute die Version Christa Schuenkes – es war vor 20 Jahren die 40. Gesamtübersetzung – zu den anderen beiden erfolgreichsten Sonettklassikern von Gottlob Regis (1836) und Stefan George (1909), die freilich aus ganz anderen Gründen ebenfalls immer wieder neu aufgelegt werden. / Christa Jansohn, literaturkritik.de

24. Pseudoverlage

Sie wollen Schriftsteller werden, aber die Verlage lehnen Ihr Manuskript ab? Kein Problem! So suggerieren es zumindest Pseudoverlage und halbseidene Literaturagenten. Betina Knoch fiel darauf rein.

Wahrhaftig, die Lektorenkonferenz hat ihr Manuskript auserwählt – aus der Fülle aller Einsendungen! Betina Knoch ist selig. Das Bilderbuch über Trauer und Abschied ist eine Hommage an ihren verstorbenen Mann. „Ein wunderbares Buch“, sagt Knoch. Erste Leser sagen das auch. Das Erbe ihres Mannes dient als Anzahlung für die Veröffentlichung. 14.800 Euro, so viel verlangt die Deutsche Literaturgesellschaft für eine Auflage von 2500 Stück und suggeriert die umfangreiche Vermarktung von Autorin und Buch.

Dass mit dem selbsternannten „Traditionsverlag“ etwas nicht stimmt, kommt der 59-Jährigen nicht in den Sinn. Sie ist beseelt von dem Lob, geblendet von der historischen Anmutung des „renommierten Verlags“, dem Versprechen von Exklusivität. Die Autorin unterschreibt. Das Buch wird gedruckt – auf minderwertigem Papier und mit Tippfehlern. Beworben wird es kaum. Ebenso wenig verkauft. „Ich hatte einfach keine Erfahrung damit“, sagt Knoch. Doch mit einer Klage scheitert sie vor Gericht, der Vertrag ist wasserdicht, das Gericht sah somit keine Täuschung.Hunderte unerfahrene Autoren werden jedes Jahr Opfer sogenannter Pseudoverlage. / Mehr bei Spiegel Online