53. Pulitzerpreis

Der in Indien geborene Dichter Vijay Seshadri erhält den Pulitzerpreis in der Kategorie Lyrik für sein Buch „3 Sections“.

Die Pulitzerpreise für Journalismus, Literatur, Drama und Musik wurden zum 98. Mal vergeben.

Mr. Seshadris ‚3 Sections‘ ist eine Sammlung herausragender Gedichte, „die das menschliche Bewußtsein zwischen Geburt und Demenz untersuchen mit bald witziger bald ernster, mitfühlender und unbarmherziger Stimme“, heißt es in der  Mitteilung. Der Preis ist mit 10,000 Dollar dotiert.

Der Autor lehrt Lyrik und Sachbuch am Sarah-Lawrence-College für freie Künste in New York. Er wurde 1954 in Bangalore geboren und kam mit 5 Jahren in die USA, wo er in Columbus, Ohio aufwuchs.

Er ist der fünfte Autor indischen Ursprungs, der den begehrten Preis gewann. Der erste war im Jahr 1937 Gobind Behari Lal, der in der Kategorie Reportage ausgezeichnet wurde. 2000 erhielt Jhumpa Lahiri den Preis für Fiktion für ihren Erzählungsband „Interpreters of Maladies“. Geeta Anand wurde 2003 für Reportagen für das Wall Street Journal ausgezeichnet und  Siddhartha Mukherjee 2011 in der Kategorie Sachbuch. / NDTV

52. Erklärung

Bautzen / Budyšín, 14. April 2014. Mit einer Erklärung reagierte der sorbische Schriftsteller Benedikt Dyrlich heute auf eine Mitteilung des Bundesvorstandes der Domowina vom vergangenen Sonnabend. Demzufolge hätte Dyrlich am 21. März 2014 im Bautzener Burgtheater auf einem öffentlichen Forum des Sorbischen Künstlerbundes zur Zukunft der sorbischen Institutionen und zur Problematik der Abbaggerung sorbischer Kulturräume durch die Kohle- und Kaolinindustrie behauptet: “Die Situation der Sorben ähnelt der von 1937.”

Dazu stellt Benedykt Dyrlich fest:

Ich habe einen solchen absoluten Vergleich nicht gemacht (und auch an keiner anderen Stelle bisher solche Vergleiche gezogen). Jeder, der mich und meine politische und literarische Tätigkeit kennt, weiß, das ich die nationalsozialistische Diktatur mit der Demokratie, wie wir sie vor 25 Jahren auch in Sachsen und Brandenburg erkämpft haben, nicht gleichsetzen würde. (…)

Nach der Rezitation des Gedichts „Quelle bei Rosenthal“ von Jurij Chěžka, welches Marian Bulang zur Eröffnung des Forums am 21. März 2014 vorgetragen hat, habe ich darauf hingewiesen, dass dieser großartige Text 1937 „in dunkelster Zeit“ der sorbischen Geschichte entstanden ist, dass dieser heute durch Kaolin bedrohte Ort Rosenthal Zuflucht und Hoffnungsträger für viele Sorben war – auch für diejenigen, die wie Jurij Chěžka im Exil lebten. / Görlitzer Anzeiger

51. Beunruhigend und beängstigend

Der amerikanisch-russische Schriftsteller Eugene Ostashevsky sprach mit Joachim Scholl beim DLR u.a. über die Situation in der Ukraine:

Was jetzt die Frage anbetrifft, ob die Krim zur Ukraine gehört, oder ob die Krim zu Russland gehört, ob die Donbass-Region zu Russland gehört oder zur Ukraine gehört, finde ich, das sollten wirklich die Menschen vor Ort entscheiden. Sie sollten es allerdings ohne militärisches Eingreifen entscheiden, und mir erschien das Referendum auf der Krim nicht sehr legitim zu sein, weil es auch unter militärischer Präsenz stattfand.

Nun muss man gleichzeitig natürlich sagen, dass die Russische Föderation 1994 die Integrität der ukrainischen Grenzen in einem Vertrag eigentlich anerkannt hat. Das ist ebenso trivial wie es jetzt auch eine sehr ernsthafte Geschichte wird. Die Ukraine gab damals ihre Atomwaffen auf, im Gegenzug garantierte Russland allerdings die territoriale Einheit der Ukraine. Und jetzt kommen wir zu einem politischen Punkt, der dann irgendwie sehr verstörend ist.

Für mich persönlich spielt aber auch noch etwas ganz anderes eine Rolle, und zwar viel mehr etwas, was die Innenpolitik Russlands betrifft als was die Außenpolitik Russlands betrifft. Seit der Wiederwahl von Putin findet ein politischer Diskurs in Russland statt, dass die Schrauben fester angezogen werden. Man kann fast von einer Faschistoisierung des Landes sprechen und das Land reagiert unglaublich paranoid und vor allen Dingen die Medien, zumindest alle Massenmedien und populären Medien, werden manipuliert, werden kontrolliert und Putin hat sich so eine sehr willfährige Bevölkerung geschaffen.

Was die Ereignisse des Maidan in der Ukraine, in Kiew anbetrifft, so hat es eine hysterische Reaktion gegeben, und diese hysterische Reaktion ist das Resultat einer Manipulation. Und diese nationale Hysterie, die jetzt ausgebrochen ist in Russland, hat etwas sehr Altmodisches, etwas sehr Unschönes, was mich fast an Zeiten vor dem Zweiten Weltkrieg erinnert, zumindest jedoch an Zeiten vor 1989, und das finde ich sehr beunruhigend und das beängstigt mich auch.

Seine Gedichte sind in deutscher Übersetzung im SuKuLTuR Verlag erschienen. „Auf tritt Morris Imposternak, verfolgt von Ironien“ heißt der Band, und die Literatur von Eugene Ostashevsky wird in der nächsten Woche hier im „Radiofeuilleton“ im Mittelpunkt stehen, wenn wir den Autor in unserer Reihe „Profil“ noch mal gesondert vorstellen, hier im „Radiofeuilleton“ heute in einer Woche, am kommenden Dienstag.


SL 94 Eugene Ostashevsky: Auf tritt Morris Imposternak, verfolgt von Ironien

Eugene Ostashevsky
Auf tritt Morris Imposternak, verfolgt von Ironien
Aus dem Amerikanischen von Uljana Wolf
Schöner Lesen 94
Veröffentlicht im Mai 2010
ISBN: 978-3-941592-13-1
Preis: 1,00 €

DLR setzt unter seine Gespräche diesen Disclaimer:

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

Okay, das wollen wir auch annehmen, ja hoffen; denn sonst brauchten wir nur noch mit uns selber zu sprechen. Andererseits, warum sollten wir uns Standpunkte anderer Menschen nicht zu eigen machen, wenn sie einleuchten oder wenigstens prägnant formuliert sind? Seit wann entscheiden Rechtsberater über unsere Meinungen? Nur mal gefragt.

50. American Life in Poetry: Column 471

BY TED KOOSER, U.S. POET LAUREATE

Despite having once been bitten by a rabid bat, and survived, much to the disappointment of my critics, I find bats fascinating, and Peggy Shumaker of Alaska has written a fine poem about them. I am especially fond of her perfect verb, “snick,” for the way they snatch insects out of the air.

Spirit of the Bat

Hair rush, low swoop—
so those of us

stuck here on earth
know—you must be gods.

Or friends of gods,
granted chances

to push off into sky,
granted chances

to hear so well
your own voice bounced

back to you
maps the night.

Each hinge
in your wing’s

an act of creation.
Each insect

you snick out of air
a witness.

You transform
obstacles

into sounds,
then dodge them.

American Life in Poetry is made possible by The Poetry Foundation (www.poetryfoundation.org), publisher of Poetry magazine. It is also supported by the Department of English at the University of Nebraska-Lincoln. Poem copyright ©2013 by Peggy Shumaker from her most recent book of poems, Toucan Nest: Poems of Costa Rica, Red Hen Press, 2013. Poem reprinted by permission of Peggy Shumaker and the publisher. Introduction copyright © 2014 by The Poetry Foundation. The introduction’s author, Ted Kooser, served as United States Poet Laureate Consultant in Poetry to the Library of Congress from 2004-2006. We do not accept unsolicited manuscripts.

49. Wortart

Eine Gruppe junger Dresdner Musiker hat es sich zur Aufgabe gemacht, Gedichte ihrer Lieblingsdichter in Musik zu verwandeln. Im Oktober 2013 haben sie es mit einer der sinnlichsten Lyrikerinnen der Gegenwart getan: mit Nora Gomringer. (…)

Das Wortart Ensemble hat sich an der Hochschule für Musik in Dresden zusammengefunden und besteht aus den Sängerinnen Lena Sundermeyer, Anne Munka, Hannah Ginsburg sowie den Sängern Lars Ziegler und Christoph Mangel. Seit mehreren Jahren schon haben die Fünf zeitgenössische deutsche Lyrik vertont. Bertolt Brecht, Mascha Kaléko, Marie-Luise Kaschnitz, Felix Wetzel und Wolf Wondratschek haben sie ihre Sangeskunst angedeihen lassen. / Ralf Julke, Leipziger Internet-Zeitung

48. Evaluierung

Vierzig Städte weltweit gehören dem Netzwerk „Städt der Zuflucht“ (ICORN) an, das es sich seit Mitte der Neunziger Jahre zur Aufgabe gemacht hat, verfolgten oder bedrohten Schriftstellern zu helfen. Für mindestens ein Jahr erhalten die Autoren ein Stipendium, das aus Geld und einer Wohnung besteht, um frei arbeiten zu können. Auch die Buchmesse-Stadt Frankfurt war bislang beteiligt. Bis zum 31. Mai ist dort noch der iranische Romancier Mohammad Baharloo untergebracht. Danach stellt die Stadt ihre finanzielle Unterstützung von jährlich 27.000 Euro ein. Während einige das Ende der Förderung befürchten, heißt es von den Organisatoren, es solle eine Evaluation stattfinden. (…)

Peter Ripken, der für Litprom die Stipendiaten ehrenamtlich betreut, ist nicht so gelassen. „Es ist im Moment schwer zu sagen, ob das Programm ernsthaft gefährdet ist. Aber ich bin skeptisch, die ganze Situation ist sehr unerfreulich. Fakt ist, dass das Kulturamt der Stadt Frankfurt die Mittel gestrichen hat, das ist der Status Quo. Dass die Buchmesse nun sagt, man wolle schauen, was man anders machen könne, finde ich eine arrogante Haltung. Als wüsste man das hier besser als in anderen beteiligten Städten wie Barcelona, Paris oder New Mexico.“

Zuletzt war die iranische Dichterin und Übersetzerin Pegah Ahmadi als Stipendiatin der „Städte der Zuflucht“ in Frankfurt – sie ist danach nicht nach Iran zurückgekehrt, sondern in Deutschland geblieben. Inzwischen lebt sie in Köln. Ihr letztes Buch „Mir war nicht kalt“ ist bislang nur in Deutschland erschienen. Das Programm habe ihr in vielerlei Hinsicht geholfen, sagt sie: „Für zwei Jahre gab es mir wirtschaftliche Sicherheit und einen sicheren Ort, um meine Arbeit ohne Angst fortsetzen zu können. In Iran fühlte ich mich unsicher und bedroht, meine Bücher und Artikel wurden zensiert oder konnten gar nicht erst erscheinen. In Deutschland konnte ich frei sprechen in Interviews, Seminaren, Lesungen, und ich konnte wieder veröffentlichen.“ / Gerrit Wustmann, Heise online

47. Writers in exile

„Ich denke nicht daran, das städtische Elsbeth-Wolffheim-Literaturstipendium für gefährdete Schriftsteller zu reduzieren“, sagte der Darmstädter Oberbürgermeister. „Wir brauchen Orte, wo diese Geschichten vorgetragen werden“, erklärte Partsch sichtlich bewegt: „Ich weiß nicht, wann ich zuletzt etwas so Erschütterndes gehört habe!“ Es ist ein schier unerträglich langes Gedicht, das Amer Matar über den syrischen Krieg geschrieben hat, welches den Oberbürgermeister so berührt: „Weil ich die Leichen nicht am Stück wegschaffen kann / trenne ich die Beine ab…abgetrennte Ohren an die Wand genagelt / nachts erzähle ich ihnen das Märchen vom Rotkäppchen.“

Matar ist jung, geboren 1987 in Damaskus. Er gehört der Gruppe „Street“ an, Dokumentarfilmer und Journalisten in Syrien, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, „Albträume einzufangen“. Einen Albtraum bekommt das Publikum im Literaturhaus auf Film zu sehen. Eine Bombe ist hochgegangen, die wackelige Kamera zeigt zerstörte Mauern, verstörte Menschen, Schreie, Rufe, „Allahu akbar“ – Gott ist groß. Das ist starker Tobak. Dabei haben in den Medien neue Kriegsschauplätze die Bilder über Syrien längst ersetzt. Aber Maters Gedicht geht tief unter die Haut. Er zeigt, was das Grauen mit jedem von uns machen könnte. Da ist der „Drang zu ermorden…wobei der Tod nicht das Schlechteste ist…Angst, niemand erkennt dich mehr“. Die Zukunft seines Landes malt er in schwarzen Farben.

Im Gegensatz zu Matar wurde Qassim Haddad im Gefängnis nicht gefoltert. Er wurde wegen seiner linksgerichteten politischen Aktivitäten verhaftet, nicht wegen seiner Lyrik. Haddad ist einer der bedeutendsten zeitgenössischen arabischen Lyriker, 20 Bände mit seinen Werken sind in englischer Sprache erschienen. Alle deutschen Übersetzungen für diesen Abend stammen von Leila Chammaa, die auch die Gespräche übersetzt. Früher habe er im Gefängnis geschrieben, sagte Haddad, 1948 in dem kleinen Inselstaat Bahrain geboren. Heute brauche er die Ruhe, die er in Deutschland gefunden habe.

Poetische Quelle bleibt für ihn das Meer, genauer: die Süßwasserquellen auf dem Grunde des Meeres um Bahrain, das „zwei Meere“ bedeutet; dort wachsen Perlen. Über sein Volk dichtet er: „Wir stellen uns selber die Fallen…für jede Peitsche ziehen wir eine neue Haut über.“ / Darmstädter Echo

46. Satan in Versen

Schon immer wollte das Gotteslob mehr als ein Gebetbuch sein: eine Gebrauchsanleitung zum besseren Leben. Das gelingt in der Neuausgabe besser als zuvor, weil die strengen Regeln des katholischen Kosmos sanft aufbereitet werden. Im Kapitel des Sakraments der Buße wird nicht mehr wie bisher „Habe ich Selbstbefriedigung gesucht?“ und „Habe ich die voreheliche Keuschheit verletzt?“ gefragt, sondern „Wie stehe ich zu meiner Sexualität?“ Und zum Gebot, den Sabbat zu ehren, werden Fragen angeboten, die in einem Psycho-Ratgeber stehen könnten, etwa: „Bin ich mir bewusst, dass Leben mehr bedeutet als Arbeit und Leistung?“

Die neue Gotteslob-Pädagogik stößt dort an ihre Grenzen, wo der Text durch die Liturgie, das für die Kirche weltweit geregelte Zeremoniell, vorgegeben ist. Bei der Taufe hat der Priester immer noch Paten und Eltern zu fragen: „Widersagt ihr dem Satan, dem Urheber des Bösen?“ Der Teufel gehört noch dazu. Aber er ist in Versen versteckt. / Rudolf Neumaier, Süddeutsche Zeitung 5.4.

45. Brief von Konstantin Wecker

Liebe Freunde,

die neoliberale Ideologie ist eine menschenverachtende, rücksichtslose Weltanschauung, die, wenn wir nichts dagegen unternehmen, unsere Gesellschaft noch brutaler, als bisher schon geschehen, spalten und entsolidarisieren wird. Die Arbeitnehmer werden entrechtet, soziale Errungenschaften werden in die Barbarei zurückgestuft, schon jetzt zerbrechen in Europa Tausende täglich an der Bereicherung der Konzerne.

Bei allem Verständnis für das Aufbegehren gegen diesen Wahnsinn, müssen wir aufpassen, nicht plötzlich die falschen Freunde an unserer Seite haben.
Unter Medizinern wird ein „falscher Freund“ ein Furz genannt, der sich in der Hose verfestigt. Bei dem, deutlich gesagt, ein Stück Kot mit abgelassen wird.
Diese falschen Freunde sind aus dem Lager der Neonazis, der Rechtspopulisten, der neuen Nationalisten, die sich allesamt ein neues Image verpassen wollen und „aus Liebe zu Deutschland“ ihre Kapitalismuskritik entdecken.

Schon während der Demonstrationen gegen den Irakkrieg wollten sich Nazis in unsere Reihen schmuggeln. Wir haben sie vertrieben und natürlich dennoch weiter demonstriert.

Was ich sagen will – es kann nicht angehen, dass wir uns bei unserer berechtigten Kritik indirekt von den Nazis den Mund verbieten lassen, nur weil sie – aus wohlgemerkt völlig anderen Beweggründen – in einigen Punkten unserer Meinung sein wollen.

Deshalb, nochmal ganz deutlich und für jeden erkennbar:
Unsere Kritik am Neoliberalismus ist keine deutschtümelnde, in irgendeiner Weise rassistische, antisemitische, menschenverachtende Kritik.
Sie ist nicht nationalistisch, sondern internationalistisch, sie ist nicht Fremde abweisend, sondern offen für Neues und Fremdes, sie versucht nicht Deutschland als eine Insel der Seligen abzuschotten gegen den Rest der Welt, sondern sie ist ausdrücklich solidarisch mit den unterdrückten südlichen Ländern Europas, sie ist nicht elitär, sondern voller Empathie für Aussenseiter, Verrückte und seitlich Umgeknickte. 

Sie ist voller Verständnis für Flüchtlinge und gegen die Ermordung Tausender Flüchtlinge aus ausschließlich wirtschaftlichen Gründen.
Sie verachtet nationalsozialistisches Irrdenken und träumt den Traum einer solidarischen Weltgemeinschaft gleichberechtigter Menschen, gleich welchen Geschlecht, welcher Hautfarbe, welcher Nationalität.
Und sie wird sich vehement in revolutionären Prozessen gegen die Entdemokratisierung einer neoliberalen Weltherrschaft zur Wehr setzen.

P.S.:
„Auch die Philister haben manchmal Recht, doch immer aus den falschen Gründen.“
Johann Peter Hebel
(1760 – 1826)

44. Ich höre Istanbul

Zum heutigen 100jährigen Geburtstag von Orhan Veli veröffentlicht die Lyrikerin Safiye Can eine Übersetzung seines bekanntesten Gedichts, das ich hier mit ihrer Erlaubnis einrücke.

Ich höre Istanbul

Ich höre Istanbul mit geschlossenen Augen:
Zuerst weht ein sanfter Wind
Leicht schwanken die Blätter
an den Bäumen,
In der Ferne, in weiter Ferne
Unaufhörlich die Glocken der Wasserverkäufer,
Ich höre Istanbul mit geschlossenen Augen.

Ich höre Istanbul mit geschlossenen Augen:
Während ich rufen will, die Vögel fliegen vorbei,
Fliegt eine ganze Schar, hoch hinaus, Schrei für Schrei,
Die Fischer holen die großen Netze ein,
Die Füße einer Frau berühren das Wasser,
Ich höre Istanbul mit geschlossenen Augen.

Ich höre Istanbul mit geschlossenen Augen:
Kühl, kühl der Große Basar,
Kunterbunt Mahmutpaşa,
Voller Tauben die Höfe,
Vom Dock her hallt es Hammerschläge,
Im herrlichen Frühlingswind liegt Schweiß,
Ich höre Istanbul mit geschlossenen Augen.

Ich höre Istanbul mit geschlossenen Augen:
In meinem Kopf der Rausch vergangener Feste,
Eine Strandvilla mit halbdunklen Bootshäusern
Steht im abklingenden Geheul der Südwestwinde,
Ich höre Istanbul mit geschlossenen Augen.

Ich höre Istanbul mit geschlossenen Augen:
Eine Dirne stolziert auf dem Gehsteig,
Flüche, Gesänge, Anmachsprüche,
Etwas fällt aus ihrer Hand auf den Boden,
Es müsste sich um eine Rose handeln.
Ich höre Istanbul mit geschlossenen Augen.

Ich höre Istanbul mit geschlossenen Augen:
Ein Vogel zappelt an deinen Hängen,
Ich weiß, ob deine Stirn warm oder kalt ist,
Ich weiß, ob deine Lippen feucht oder trocken sind,
Weiß geht der Mond hinter Kiefergewächsen auf,
An deinem Herzschlag erkenne ich
Ich höre Istanbul.

Gedicht: Orhan Veli Kanık
Übersetzung: © Safiye Can, letzte Fassung vom 13.4.2014

43. Lyrikpreis München 2014

Der Lyrikpreis München ist eine Veranstaltung des Münchner Literaturbüros, die derzeit von folgendem Organisationsteam geleitet wird:

Kristian E. Kühn, Lyriker, Essayist, Filmemacher
Ulrich Schäfer-Newiger, Lyriker und Torso-Mitherausgeber
Christel Steigenberger, Lyrikerin und außer.dem-Mitherausgeberin

Deutschsprachige Lyriker können zweimal im Jahr 2014 auf bis zu 10 Seiten Gedichte einreichen (bei kurzen Gedichten jedes auf einer Seite), gleich ob es sich dabei um mehrere Arbeiten oder eine längere handelt. Die Zusammenstellung hat keinerlei thematische oder formale Auflagen, sie soll jedoch charakteristisch für das derzeitige Schaffen des Lyrikers sein.
Fünf, höchstens sieben der jeweiligen Einreichungen werden von einer Vorjury ausgewählt, um am betreffenden Leseabend von den Autoren vorgetragen zu werden.

Die Vorjury setzt sich zurzeit aus dem o.a. Organisationsteam des Preises zusammen. Mehr

42. Poetopie

sanft angezogen werden von den noch immer nicht entdeckten Wellen der Gravitation

Hansjürgen Bulkowski

41. Pflaster

… nennt sich ein „podcast zur entblödung mitteleuropas“. In
PF038 –

clemens schittko – ‘stammtischkorrekturen’
der autor clemens schittko erklärt wie das mit den gedichten ist.

u.a. über diese Themen:

Bildschirmfoto 2014-04-12 um 17.36.37

40. Poesie des Pi

Als Autist fällt es ihm nicht leicht vor anderen Menschen zu sprechen, sich Gesichter zu merken oder Emotionen nachzuvollziehen.

Gleichzeitig besitzt er aber eine außerordentliche Begabung in sprachlichen und mathematischen Teilbereichen. Von der endlosen Kreiszahl Pi kann er bis zu 22.514 Nachkommastellen auswendig aufsagen. Vor zehn Jahren setzte er damit den Europarekord. Innerhalb von fünf Stunden und neun Minuten rezitierte er Pi wie ein Gedicht.

Zum ersten Mal konnte er sich frei ausdrücken und seine Emotionen mit anderen Leuten teilen. „Ich spüre, wie der Atem des Publikums sich immer mehr mit meinem synchronisiert. (…) Wenn plötzlich eine Drei aus einer Reihe Nullen und Siebenen hervorbricht, höre ich eine Art schwachen kollektiven Überraschungsschrei,“ erinnert er sich an diesen poetischen Moment.

Daniel Tammet verfügt über eine sogenannte Inselbegabung, die weltweit nur bei etwa 100 Menschen vorkommt. Mit seiner komplexen, assoziativen Denkweise kann er unterschiedliche Lebensbereiche verbinden, lässt Metaphern und Tagträume aufleben. / Silva Schnurrenberger, Die Welt

Daniel Tammet: Die Poesie der Primzahlen. Aus dem Englischen von Dagmar Mallett. Hanser Verlag, München. 318 Seiten, 19.90 Euro

39. Klangskulpturen sind wir

Der in Nordrhein-Westfalen und Spanien aufgewachsene, heute in Berlin lebende Autor kommt ganz vom Klang her, vom Rhythmus des mündlichen Vortrags und der Performance. Er ist ein Akustikerder den digitalen Zeitgeist mit seinen surrenden Laptop-Lüftern und Störgeräuschen einfängt, aber nicht minder ein Morphologe, der bekennt: „wir durchsuchen den / wortschatz auf der suche nach nuggets“. Vor allem aber ist Jan Skudlarek der Phonologe unter den jungen Dichtern. „klangskulpturen sind wir, nicht wahr“ heißt eines der Gedichte.

Hier spricht er den Leser ganz direkt an, baut auf Zustimmung und Widerspruch gleichermaßen. Denn zum Klang gesellen sich der Sinn der Rede, das Sprachbild, die Metapher, der Rhythmus des Erzählens und die vielfachen Bezüge. Er hat ein offenes Ohr für andere Stimmen und Traditionen, mit denen seine Verse korrespondieren: Ovid, Sappho, aber auch Durs Grünbein, etwa in „hautzone, morgens“. Was das „Wir“ im Elektrosmog wahrnimmt, ist eine mehr denn je mit allen Sinnen erfahrene Welt. / Dorothea von Törne, Die Welt

Jan Skudlarek: Elektrosmog. Luxbooks, Wiesbaden. 80 S., 19,80 €.