Rechte Politiker zitieren Hassans wütende Anklagen, sein eigenes Herkunftsmilieu sei verroht, als würden sie beweisen, was sie immer schon gesagt haben: dass diese Leute nicht nach Dänemark passen. Linke wiederum warnen vor Hassans Dichtung, eben weil sie der anderen Seite als Beleg für die Wahrheit ihrer xenophoben und islamfeindlichen Positionen diene. Unterdessen hat der derart instrumentalisierte Dichter so viele Todesdrohungen aus dem islamistischen Milieu erhalten, dass er im Versteck lebt und in der Öffentlichkeit immer von zwei Personenschützern begleitet wird – was wiederum vor allem die Rechte als Bestätigung ihrer Warnungen vor dem Islam verbucht.
Überrascht ist Yahya Hassan von dem Rummel keineswegs. Er habe schon sein ganzes Leben in bedrängter Betreuung verbracht, gibt er mit einiger Abgebrühtheit zu verstehen, nun seien an die Stelle des schlagenden Vaters, der Sonderpädagogen, Jugendfürsorger und Gefängnispsychiater eben Sicherheitsbeamte getreten. Er verachte die Rechtspopulisten genauso wie die Islamisten – beides Extremisten, die Dänemark unerträglich machten und seine Lyrik läsen, als handele es sich um Debattenbeiträge. (…)
Dieses Buch hat Züge eines lyrischen Bildungsromans, es liest sich wie die Geschichte einer Ichwerdung im Medium der Dichtung. Es spielt in Sozialwohnungen, in libanesischen Flüchtlingslagern, im Jugendheim, in den aufgeknackten Wohnungen, die Hassan und seine Kumpel ausräumen, in den Moscheen von Aarhus während des Ramadans – und doch immer im Kopf dieses außergewöhnlichen Mannes. Kaum eines der stets in Kapitälchen geschriebenen Gedichte kommt ohne ein „ich“ aus. Sie sind für die Deklamation geschrieben. Hassan ist – man kann sich auf YouTube davon überzeugen – ein großartiger Vorleser der eigenen Dichtung: Die langen Haare zum Zopf gebändigt, singt er seine Gedichte rhythmisch wie ein ungläubiger Muezzin seiner eigenen Prophetie.
/ Jörg Lau, Die Zeit
Wortspielhalle: Spiel, Satz und Sieg
Für das Projekt ‚Wortspielhalle‘ wurden Sophie Reyer mit dem lime-lab ausgezeichnet. Mit einem sprachspielerischen Angang zur Lyrik eröffnen sie der Poesie eine neue Handlungsfreiheit. In einem zweckfreien Spiel über Zufälle und Möglichkeiten erforschen sie die ludische Wende, die durch die Dominanz von Spielanwendungen auf dem Computer gekennzeichnet ist. Ihr Spiel mit der Sprache verändern die Elemente einer Situation so zu, daß Neues und Unbekanntes entsteht.
Aus einem Doppelgedächtnis rufen Sophie Reyer und A.J. Weigoni ein k.u.k. in Erinnerung, das sie als ‚Kunst und Klang’ sinnfällig dekonstruieren. Die Komponistin und der Hörspieler präsentieren in ihrer Wortspielhalle eine Literatur als Gegenprogramm zu Alltag und Banalität. Hier findet keine experimentelle Textzertrümmerung statt, diese Poesie spiegelt eine fragmentarische Gesellschaft, diese Autoren öffnen den Blick auf die Gegenwart. Nicht nur die Literatur bedarf der Befreiung durch den Sprachwitz, mehr noch der Leser. Und manchmal steckt eine solche Subversion in einem Diminutiv, gelegentlich in einem dialektalen Wispern. Die Wienerin Sophie Reyer hält nicht ostentativ an ihrer Sprachfärbung fest, ihr Schmäh hat keine Sanftheit behalten, sondern eine polemische Schärfe gewonnen, die man dieser zierlichen Frau nicht zutraut. Diese sprachmächtige Autorin wird umso bissiger, je lyrischer sie textet.
Weit davon entfernt sich von ihrem Charme abwatschen zu lassen, setzt der ungarisch rheinische VerDichter A.J. Weigoni auf Snobismus, analytische Tiefe und der Verfolgerung der etymologischen Spuren. Wie seiner Mitverschwörerin geht es ihm darum die Monumentalität der Musik in Poesie einzuschmelzen, ohne Ehrfurcht. Die Aufmerksamkeitsspanne, die Weigoni seinem Gegenüber und dem Leser abfordert, ist von enormer Gewitztheit. Sein Eindampfen stellt in jedem Fall eine Verdichtung war. Seine Twitteratur läßt einen philosophischen Bildungsroman auf wenige Zeilen zusammenschnurren, während er als Erzähler auf der Suche nach dem Sinn des globalisierten Lebens ist – wie wir alle.
***
Wortspielhalle, eine Sprechpartitur von Sophie Reyer & A.J. Weigoni, mit Inventionen von Peter Meilchen, Edition Das Labor, Mülheim 2014
Das Konzept zum Projekt Wortspielhalle von Sophie Reyer und A.J. Weigoni lesen Sie hier. Alle LiteraturClips dieses Projekts können nach und nach hier abgerufen werden.
• Vertiefend zur Lektüre empfohlen sei auch das Kollegengespräch :2= Verweisungszeichen zur Twitteratur von Reyer und Weigoni zum Projekt Wortspielhalle. Ein Porträt von Sophie Reyer findet sich hier, von A.J. Weigoni hier.
Einig ist man sich in Frankreich, dass die rund 70 Gedichte ganz Houellebecqs negatives Bild des Universums widerspiegeln. Die poetischen Qualitäten werden überraschend wenig diskutiert, obwohl der Dichter fleißig gereimt hat. Hier nun erweist sich die größtenteils exzellente Übersetzung als ein echter Gewinn für die deutschen Leser. Dies mag paradox klingen, da ja gerade bei der Übertragung von Lyrik das Wesentliche oftmals verloren geht, wie Robert Frost formulierte: „Poetry is what is lost in translation“. Aber die Reime machen keineswegs die Qualität dieser Lyrik aus.
Es geht um Trostlosigkeit und Sex
Es ist geradezu wohltuend, die ungereimten deutschen Verse zu lesen, die in der Ausgabe des Dumont Verlages dem Original gegenübergestellt sind. Hier ließe sich anführen, dass auch Baudelaire, in dessen Tradition Houellebecq sich sieht, für seine „Blumen des Bösen“ klassische Formen wie Alexandriner und Sonett gewählt hat, aber das war schließlich vor mehr als 150 Jahren. Und Reime, die doch arg weit hergeholt erscheinen, finden sich darin nicht. / Caroline Fischer, DLR
Michel Houellebecq: Gestalt des letzten Ufers. Gedichte
Aus dem Französischen von Stephan Kleiner und Hinrich Schmidt-Henkel
Dumont Verlag, Köln 2014
176 Seiten, 18,00 Euro
Der 80jährige Dichter Johannes Kühn veröffentlicht neue Gedichte:
Auch in dem neuen Band bedichtet Kühn Pflanzen- und Tierwelt, Tages- und Jahreszeiten und das Altern. Im reimlosen, rhythmisch freien „Kühn-Sound“ (Peter Rühmkorf) besingt das lyrische Ich mal die „Pfefferminze im Garten“, dann die „Morgenröte“ oder den „Mond“. Dabei entstehen entzückende Bilder: „Die Waldblumen pinseln ihre Farben / mir in durstige Augen“. Oder: „Die weiße Watte wälzt sich / vom Tal den Berg empor / mit Kälte, / mit Stummheit“. Kann man Nebelschwaden eindrücklicher beschreiben? Über vielem, man ist es gewohnt von Kühn, hängt ein melancholische Schleier, der sich jedoch erstaunlich oft lüftet und zarte Ironie durchschimmern lässt: Etwa, wenn die vom Arzt bestätigten guten Blutdruck-Werte den betagten Dichter darüber sinnieren lassen, zu was seine Kraft noch ausreicht: „ein lahmer Hirte für den halben Tag“ zu sein etwa, oder „ein Zeitungsträger wohl gut noch für zwanzig Häuser“. / Johannes Kloth, Saarbrücker Zeitung
Johannes Kühn: Und hab am Gras mein Leben gemessen. Gedichte, herausgegeben von Benno und Irmgard Rech, Hanser Verlag, 152 S., 14,90€.
Afaa Michael Weaver’s poetry collection The Government of Nature has won the $100,000 Kingsley Tufts Poetry Award. The prize, based at Claremont Graduate University, is awarded to a mid-career poet „to both honor the poet and provide the resources that allow artists to continue working towards the pinnacle of their craft.“ Chief Judge Chase Twichell said of Weaver, „His father was a sharecropper. After serving for two years in the Army, he toiled for 15 years in factories, writing poems all the while. When he learned that he’d won a National Endowment Fellowship, he quit his job and attended Brown University on a full scholarship. He essentially invented himself from whole cloth as a poet. It’s truly remarkable.“ Afaa’s devastating poem „If You Tell“ begins:
„If you tell, the stars will turn against you,
you will have not night but emptiness.
If you tell, you will live in an old house
in the desert all alone with cactus for friends.
If you tell, people will hide their children
from the monster others say your kind are.
If you tell, the police will add you to the list
of people who might have killed the albatross.
If you tell, you will walk in a hollow room
full of the sound of liar, liar, pants on fire.“
/ Annalisa Quinn, NPR
Wer fragt, dem wird Antwort. Danke! Hier also:
Bereits zum zweiten Mal vergeben die Stadt und das Ulla-Hahn-Haus den Ulla-Hahn-Autorenpreis. Prämiert wird ein deutschsprachiges Erstlingswerk einer Autorin oder eines Autors unter 35 Jahren. Der mit 6000 Euro dotierte Preis wird alle zwei Jahre verliehen und wechselt sich mit dem UH!-Literaturpreis ab, der von einer Jugendjury vergeben wird. 2012 wurde Nadja Küchenmeister für ihren Lyrikband „Alle Lichter“ mit dem Ulla-Hahn-Autorenpreis ausgezeichnet.
Eine siebenköpfige Jury schlägt Autorinnen und Autoren vor und entscheidet über den Preisträger. Vorsitzende der Jury ist Dr. Ulla Hahn. Weitere Mitglieder sind diesmal Maren Jungclaus (Literaturbüro NRW, Düsseldorf), Nadja Küchenmeister (Preisträgerin des Ulla-Hahn-Autorenpreises 2012), Prof. Dr. Swantje Lichtenstein (Schriftstellerin und Dozentin an der Fachhochschule Düsseldorf), Dr. Lothar Schröder (Rheinische Post, verantwortlicher Redakteur für Geistiges Leben), Dr. Hajo Steinert (Deutschlandfunk, Leiter der Abteilung Kulturelles Wort) und Dorothea von Törne (freie Literaturkritikerin).
Ausgezeichnet werden soll ein Werk in Prosa oder Lyrik, das in besonderer Weise den Bezug zur eigenen Herkunft und zum eigenen Leben herstellt und das Spannungsfeld zwischen Realität und Fiktion künstlerisch bearbeitet. Formal sind dabei insbesondere Werke erwünscht, die unterschiedliche Gattungen und Medien auf eine besondere Art miteinander in Verbindung bringen.
Nominiert für den Autorenpreis 2014 sind folgende Autoren und Titel: Katharina Hartwell, Das fremde Meer (Berlin Verlag), Fabian Hischmann, Am Ende schmeißen wir mit Gold (Berlin), Martin Kordic, Wie ich mir das Glück vorstelle (Hanser), Lisa Kränzler, Export A (Verbrecher), Dagmara Kraus, Kummerang (Kookbooks), Sabine Kray, Diamanten Eddie (Frankfurter Verlagsanstalt), Lisa Kreißler, Blitzbirke (Mairisch), Peggy Neidel, Weiß (Poetenladen), Eva Roman, Siebenbrunn (Wagenbach), Lara Schützsack, Und auch so bitterkalt (Fischer), Jan Skudlarek, Elektrosmog (Luxbooks).
Ihre Entscheidung trifft die Jury im Sommer. Die feierliche Preisverleihung ist für November geplant. / Ulla-Hahn-Haus
Lyrikerin Peggy Neidel für den Ulla-Hahn-Autorenpreis nominiert!*
Die 1981 in Zwickau geborene Lyrikerin Peggy Neidel ist mit ihrem Erstlingswerk, dem Gedichtband »weiß«, neben weiteren bedeutenden Lyrikern der jüngsten Generation offiziell für den Ulla-Hahn-Autorenpreis der Stadt Monheim am Rhein nominiert worden. Die hochkarätig besetzte Jury (darunter Dr. Hajo Steinert, Leiter der Abteilung Kulturelles Wort im Deutschlandfunk) ließ sich unter anderen Werken auch von dem im letzten November im Leipziger Verlag Poetenladen erschienenen Debüt Peggy Neidels überzeugen. Der mit 6.000 Euro dotierte Preis wird alle zwei Jahre vergeben und dient dazu, ein deutschsprachiges Erstlingswerk oder einen Autor unter 35 Jahren auszuzeichnen. Ihre Entscheidung trifft die Jury im Sommer.
Peggy Neidels Gedichtband »weiß«, erschienen als Band 5 der Reihe »Neue Lyrik«,
erhielt bereits vor kurzem die Auszeichnung als »bestes Lyrikdebüt«wurde von Dorothea von Törne aus den [angeblich, M.G.] 21 Lyrikdebüts des Jahres 2013 als einer von vier Bänden (die andern waren von Marcel Maas, Odile Kennel und Jan Skudlarek) ausgewählt und auf einer Veranstaltung in Berlin vorgestellt.** Diese Auswahl wird von der Literaturwerkstatt Berlin initiiert und jeweils von einem renommierten Literaturkritiker getroffen, in diesem Jahr von der Kritikerin Dorothea von Törne, die im Berliner Tagesspiegel schrieb, Peggy Neidel arbeite »mit knappen, prägnanten Sprachbildern und szenischen Einfällen, die von Rhythmus und Klang vorangetrieben werden.«Die Reihe »Neue Lyrik«, die von der Kulturstiftung gemeinsam mit den Autoren Jayne-Ann Igel (Dresden) und Jan Kuhlbrodt (Leipzig) herausgegeben wird, hat sich mittlerweile hervorragend etabliert. Mit der Reihe beabsichtigt die Kulturstiftung, der neuen Lyrik im deutschen Sprachraum ein Forum zu verschaffen. Die bisherigen Autoren der Reihe haben immer wieder bedeutende Preise erhalten, darunter war etwa die Vergabe des Eidgenössischen Literaturpreises für den Gedichtband „Und das ist alles genug“ von Thilo Krause.
Peggy Neidel: weiß
Gedichte
Reihe Neue Lyrik – Band 5
Kulturstiftung des Freistaates Sachsen
Herausgegeben von Jayne-Ann Igel, Jan Kuhlbrodt und Ralph Lindner
poetenladen 2013
Gebundene Ausgabe 72 Seiten | Euro 16.80
ISBN 978-3-940691-46-0
*) Mitteilung der Kulturstiftung des Freistaates Sachsen. Hab mir paar Retuschen erlaubt, die nicht die Autorin betreffen sondern die zur Renommiersprache neigenden Kulturförderer. Liebe Peggy Neidel: bitte nicht übel nehmen, geht wirklich nicht gegen dich und das Buch. Im übrigen warte ich auf die wahrscheinlich auch separaten Mitteilungen der zuständigen Stiftungen, wer die anderen Nominierten sind.
**) „Aus ihnen hat die Kritikerin Dorothea von Törne die ausgewählt, die für sie die besten sind.“ mehr
Für Durs Grünbein ist der Mond „ein kalter Koloss“, „der goldne Thron“ und „der alte Pfannekuchen“. Sein neuer Band bietet noch einige weitere Metaphern, der Essay darin überzeugt aber mehr als Grünbeins lyrische Texte.
meint Gregor Dotzauer im DLR. Zitat:
Der Mond ist für ihn „ein kalter Koloss“, „der goldne Thron“, „der alte Pfannekuchen“, „der bleiche Unbekannte“, ein „fahles Monochrom“ oder „ein grauer Riesenpilz“. Grünbein buchstabiert sich durch ein ganzes Lexikon von Mondmetaphern – als stünde mit dem verbrauchten Traum vom Mond nicht auch die Evozierbarkeit der Empfindung auf dem Spiel. Rolf Dieter Brinkmann, der leidenschaftlichste Mondpoet der jüngeren deutschen Lyrik, war in seinem „Neuen Realismus“ ein Grünbeins klassizistischen Neigungen gewiss entgegengesetztes Temperament. Doch in der Aufgabe, die romantische Naturerfahrung jenseits des platten Illusionsbruchs vom Himmel auf die Erde zu holen, war er mit Gedichten wie dem berühmten „Mondlicht in einem Baugerüst“ schon sehr viel weiter.
Durs Grünbein: Cyrano oder Die Rückkehr vom Mond. Gedichte.
Suhrkamp Verlag, Berlin 2014
151 Seiten, 20 Euro
Zu jener Zeit kam nach Temuco eine hochgewachsene Dame in langen Kleidern und Schuhen mit niederen Absätzen. Sie war die neue Direktorin der Mädchenschule. Sie kam aus unserer australen Stadt, von den Schneefeldern an der Magallanes-Straße. Sie hieß Gabriela Mistral. Ich sah sie in ihren Priestergewändern durch die Gassen meines Dorfes gehen und hatte Angst vor ihr.
Der ängstliche Knabe sollte seine Meinung bald ändern, denn die hochgewachsene Dame erwies sich als sehr freundlich und sie weckte seine Liebe zur russischen Literatur. Zudem ermutigte sie ihn, seine Schreibversuche nicht aufzugeben. Diese Geschichte wirkt fast so, als wäre sie erfunden, zu schön, um wahr zu sein: Die erste Begegnung zweier künftiger Nobelpreisträger – Gabriela Mistral, die eigentlich Lucila de María del Perpetuo Socorro Godoy Alcayaga hieß und Neftali Ricardo Reyes Basoalto, später bekannt als Pablo Neruda. (…)
1945 verlieh die Schwedische Akademie ihr den Nobelpreis für Literatur „als große Sängerin der Gnade und der Mutterschaft“. Das war der erste Literaturnobelpreis, der nach Lateinamerika ging. Mistral reiste nur deshalb zur Entgegennahme des Preises nach Stockholm, weil sie ihn als eine Anerkennung für Lateinamerika verstand. Acht Jahre später ehrte Chile seine große Dichterin mit dem Nationalpreis für Literatur. Doch erst 1954 stattete sie dem Land wieder einen kurzen Besuch ab. Am 10. Januar 1957 erlag Gabriela Mistral in den USA einer Krebserkrankung, ihrem Wunsch entsprechend wurde sie in Montegrande, dem Ort ihrer Kindheit beigesetzt.
La divina Gabriela, die göttliche Gabriele, so nannten sie ihre Landsleute. Pablo Neruda, der andere chilenische Nobelpreisträger, lud sie ein, ihren alten Groll zu vergessen:
Komm Gabriela, geliebte Tochter dieser Rapsfelder, dieser Steine, dieses Gigantenwindes. Wir alle heißen dich freudig willkommen. (…) Du bist Chilenin. Du gehörst dem Volk. (…) Du bist eine ergreifende Vorkämpferin für den Frieden. Aus diesen und anderen Gründen lieben wir dich.
/ Gabriele Töpferwein, Quetzal. Politik und Kultur in Lateinamerika
Quellen:
Nina Cassian, als „Grande Dame“ der rumänischen Poesie gefeierte Dichterin, Malerin und Komponistin, ist tot. Sie starb am Dienstag im Alter von 89 Jahren in New York.
Das berichtete die rumänische Nachrichtenagentur Mediafax am Mittwoch unter Berufung auf die Familie der Künstlerin. Cassian war für ihre surrealistisch beeinflusste, sinnlich-intellektuelle Lyrik und für ihren bohèmehaften Lebenswandel in Rumänien berühmt. (…)
Ab 1985 lebte sie in den USA. Cassian hat mehr als 50 Gedichtbände veröffentlicht. Einige Gedichte sind auch in englischer, italienischer und deutscher Übersetzung erschienen. Als bedeutendes Zeitdokument gilt ihre rumänisch erschienene dreibändige Autobiografie. / t-online.de
Ich habe viele meiner russischen Freunde verloren. Ich kann diese Begeisterung in den Augen nicht sehen, wenn von „Anschluss“ die Rede ist oder von „Annexion“ oder davon, dass die Ukrainer „bald nichts mehr zu essen haben werden und dann selbst darum bitten werden, sich mit uns zu vereinigen“. In Moskau heuert man ukrainische Gastarbeiter mit Schadenfreude für die allerunqualifiziertesten Arbeiten an. Ein ungeheurer Ausbruch von Patriotismus.
In keinem Restaurant bekommt man mehr Krimsekt, alles wurde bei Siegesfeiern ausgetrunken. Ständig ist davon die Rede, dass wir ohne Gefühle von Gotterwähltheit, ohne imperiale Emotionen gar nicht mehr wir wären, das russische Volk. Vor den Einberufungskommissionen drängen sich russische Freiwillige, die es den „Bandera-Leuten“ zeigen wollen.
Mich hat Gorbatschow erstaunt. Selbst er ließ sich von der nationalistischen Welle erfassen und erklärte, die Krim hätte schon längst heimgeholt werden müssen. Dass die historische Gerechtigkeit wiederhergestellt sei. Da allenthalben die antiwestliche Hysterie angefacht wird, redet auch er nicht mehr vom europäischen Weg, von der Partnerschaft mit Europa, von allgemeinmenschlichen Werten.
Wer nicht jubelt, ist ein Volksfeind. Gehört zur fünften Kolonne, zu den Finsterlingen vom State Departement. Das stalinistische Vokabular ist vollständig wiederhergestellt: Verräter, Abtrünnige, Helfershelfer der Faschisten. Mit dem einzigen Unterschied, dass die Stalinisten jetzt orthodox sind. In Kaluga tötete während eines Betriebsfestes ein Bankangestellter einen Kollegen. Die beiden stritten über die Ukraine.
Am verhasstesten sind jetzt die Liberalen. Die Liberalen sind schuld an den verfluchten neunziger Jahren, am Verlust des Imperiums. Das Volk verlangt, die Wohnungen der Liberalen zu konfiszieren, sie einzusperren, zu erschießen. Das von Gott erwählte Volk! Das Fernsehen führt die Feinde vor. Etwa den bekannten Rockmusiker Andrej Makarewitsch, dem alle Auszeichnungen und sein Orden für Verdienste ums Vaterland aberkannt werden sollen. / Svetlana Alexijewitsch, FAZ
Charles Bicalho has worked and translated songs from the Maxakali, such as the “Sacred Song of the Leaf”, composed with an extreme economy of means. The poem-song, which the Maxakali call yãmîy in their language, fuses its rhythms with the very movements of nature, in a cycle of constant renewal and repetition. The movements of the leaf and the poem as interconnected:
hu yu yux
hu yu yux
leaf comes
flying with
yãmîy comes
falling with
leaf comes
flying with
yãmîy comes
falling with
hu yu yux
hu yu yux
Other invaluable efforts include the work of Pedro Cesarino, who has recently published a translation of the “Yawa shõka”, or “Song to attract wild pigs” from the Marubo people.
Bruna Franchetto is currently working on the translation of female songs from the Kuikuru, and Douglas Diegues, an important Brazilian poet living close to the border of Brazil and Paraguay – where the Guarani language is still spoken by a significant part of the population, has recently published his translation of the “Ayvu Rapyta”, a long and powerful poem from the Mbya Guarani.
Brazilian poetry hasn´t been totally impervious to these traditions. The most important Brazilian poet in the XIX century, Joaquim de Sousândrade (1832 – 1902), delved into the Amerindian cosmogonies to write his epic “O Guesa” (1884), of which the most famous canto is the highly experimental “Wall Street Inferno”, with its babelic poliphony of languages. / Ricardo Domeneck, Babelsprech
Junge Dichtung gibt es in allen Ländern und wir wissen viel zu wenig davon. Mit der Reihe “Türmer der Nachbarn” wollen wir den babelsprech-Kreis junger deutschsprachiger Dichtung erweitern. Wir sind froh, dass wir diese Erweiterung nun auch organisatorisch abbilden können, denn wir konnten das Hilda Magazine und die holländische Seite Samplekanon für eine Kooperation gewinnen. Nachdem Max Oravin im ersten Beitrag die junge Finnische Dichtung vorgestellt hat, widmet sich die folgende Serie der Dichtung in Brasilien. Ricardo Domeneck, Herausgeber von Hilda und Lyriker zwischen Brasilien und Berlin nähert sich mit angemessener Vorsicht einem Feld, das viel zu lange als ausschließlich Portugiesisch beschrieben worden ist. Aber Brasilien ist älter und jünger als die Geschichte portugiesischer Kollonisation, vor allem ist dessen Lyrik pluralistischer. Diese Vielfalt verfolgt der Autor in den kommenden drei Ausgaben. In diesem ersten Block zunächst einige grunlegende Überlegungen, eine historische Einleitung und ein Teil zur gegenwärtigen Performance Kunst in Brasilien. (Wir haben den Artikel nun zunächst im Englischen Original veröffentlicht; eine Übersetzung werden wir in den folgenden Wochen anfertigen und so bald wie möglich nachreichen)
Contemporary Brazilian Poetry, In The Singular:
Giving Voice to a Few Tongues, Silencing Hundreds
(in the best Brazilian style)
by Ricardo Domeneck
Auszug:
One of the huge problems in such a task is that Brazil, a country of continental proportions, tends to be seen by ourselves and others as “unified”. One language, one culture, much in the way we look at other continental-sized countries such as Russia or China, forgetting the myriad of “minor” languages spoken in the countries, unprotected by oficialdom, hiding “traditions-other”, if you allow me the strange construct.
This seems particularly forbidding for my present task when I think of Brazil, a territory where nothing is more efficient than the agents of the status quo. A Nation-State unified in its territory after the independence from Portugal, unlike Hispanic America which broke into several republics, because every single rebellion and every single revolution was crushed by a centralized Government without mercy. When asked why Brazil enjoys such an image of peace when discussed abroad, if I myself constantly talk of its violence, I usually say that this phenomenon takes place because at every instance of rebellion, nobody is left alive to tell the story.
I once wrote on the same matter saying that one must escape the danger of discussing “contemporary Brazilian poetry” as if “contemporary”, “Brazilian” and “poetry” possessed some sort of quidditas, a given essence agreed upon by all. Just to mention this fictive “Brazilianness”, Mário de Andrade, an important Modernist poet and theoretician from São Paulo, in the south of Brazil, once wrote in a poem about a man, living in the North and having just come home from work, ending the poem, called “Discovery”, with the line: “This man is as Brazilian as I am.” But are all experiences in the territory as Brazilian as the next one? Carlos Drummond de Andrade (1902 – 1987) had already questioned this in a poem apropriately titled “National Anthem”, from his first book, saying in its last lines:
“Our Brazil is in another world. This is not Brazil.
No Brazil exists. Would Brazilians however exist?”And if they do exist, when have they begun to? Take any school manual for Brazilian Literature and the answer will be: 1500, with the “arrival” of the Portuguese, which I will ask your permission to rewrite here as the Invasion of the Portuguese. Their choice is political and clear: Brazil and Brazilians, and therefore Brazilian poetry, produce and express themselves in Portuguese.
But that lands us right back on the problem of some voices in the midst of much silence. Either we consider Brazilian Literary Tradition as beginning in 1822, when the country became independent of Portugal, or we must consider the production of signs in that territory from its very beginning. After all, German Poetry does not begin in 1871. Again, we are faced with a decision which is not only literary, but political.
Megalomaniac, maybe – but a political choice
“This is not literary criticism, Ricardo. This is anthropology.”
a Brazilian poet and friend, reacting to the first draft of this article.What Jerome Rothenberg has called Ethnopoetics in his critical work in the United States, has only found practitioners in Brazil in the past couple of decades. In anthologies like “Technicians of the Sacred” (1968) and “Shaking the Pumpikin: Traditional Poetry of the Indian North Americas” (1972), Rothenberg collected poetry from ancient cultures such as the Maya and Egyptian, along with poetry from the early 20th century indigenous cultures, creating parallels between their language art practices and those of our historical avantgarde which showed us the true meaning of what tradition could be, beyond our romantic notions of the “national”, and displaying what true historical synchrony could mean to our literary studies.
This is important to note because when I start discussing a few poets and poetic practices in Brazil today, conducted in Portuguese, it must be clear that several traditions are still active in Brazil today, in indigenous languages, striving to survive, and this article will have silenced all of them.
von Poesie und Realität:
Wiener Journal: Sie saßen zuletzt mit Kanzler Werner Faymann im Bruno-Kreisky-Forum auf dem Podium – dort prallten zwei Positionen aufeinander: der europäische Traum von Robert Menasse und der Pragmatismus des Bundeskanzlers. „Sie haben leicht reden“, meinte Kanzler Faymann: „Sie sind Dichter, können träumen, aber ich bin Kanzler und muss mit der Realität arbeiten.“
Robert Menasse: Die Gründerväter des europäischen Projekts waren ebenfalls Pragmatiker. Sonst würde es die EU ja nicht geben. Sie haben den europäischen Einigungsprozess sehr pragmatisch und nachhaltig auf Schienen gestellt. Pragmatismus bedeutet nicht, dass man sich kühne Ideen verbieten muss. Pragmatismus ist nichts anderes als eine Technik, mit der man Schritt für Schritt unter gegebenen Umständen, diese erweiternd, seine Ideen umsetzen kann, um einem Ziel näher zu kommen. Die heutigen politischen Repräsentanten haben ja nicht einmal mehr zum Pragmatismus ein pragmatisches Verhältnis. Sie glauben, Pragmatismus bedeutet, in den gegebenen Umständen irgendwie zu überleben. Sie halten Ideen für verwirrend und Ziele grundsätzlich für utopisch. Sie können mit dem Begriff Utopie nichts anfangen. Was sich real seit über sechzig Jahren an einem konkreten Ort, nämlich hier in Europa, entwickelt, ist ein Prozess, aber keine Utopie, kein phantastisches Nirgendwo.
Manche europäische Intellektuelle vermissen heute die große Erzählung im Zusammenhang mit Europa, die Poesie.
Mir fehlt in der gegenwärtigen politischen Sprache nicht die Poesie, sondern der Realitätssinn. Gäbe es diesen, fände er manchmal auch einen poetischen Ausdruck. Die großen politischen Reden mit poetischer Wucht waren ja immer Ausnahmeereignisse. Martin Luther Kings „Ich habe einen Traum“ oder Kennedys „Ich bin ein Berliner“, Churchills „Blut, Schweiß und Tränen“-Rede. Die haben ja nicht täglich solche Reden gehalten. Aber sie wussten, was sie wollten, in einer Rede hat sich das verdichtet, und das hat nachhaltig gewirkt. Wissen Faymann und Spindelegger, was sie wollen? Ich glaube nicht. Sonst würden sie nicht so stammeln, sich so hilflos an Phrasen klammern. Ihre Sprache zeigt nur eines: Sie wollen wiedergewählt werden.
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