65. Poetopie

locker und frei über den verbotenen Rasen gehend prägt sich mir das Verbotsschild nur umso besser ein

Hansjürgen Bulkowski

64. Lyrikpreis Meran

Wie inoffiziell aber verbürgt verlautet, gewann Thomas Kunst heute den Lyrikpreis Meran. Wir warten auf weitere Informationen und gratulieren schon mal!

Finalisten waren:

Jan Volker Röhnert (1976, Gera), Dominic Angeloch (1979, Stuttgart), Thomas Kunst (1965, Stralsund), Hartwig Mauritz (1964, Eckernförde), Kerstin Becker (1969, Moosheim), Tom Schulz (1970, Großröhrsdorf), Martina Weber (1966, Mannheim), Christoph Szalay (1987, Graz) und Monika Schnyder (1945, Zürich).

Rai Südtirol live

63. Geschichte einer Handschrift

Karel Hynek Mácha ist der tschechische Romantiker schlechthin. Über ihn und sein Gedicht Máj ist mittlerweile sehr viel gesagt und geschrieben worden – auch bei Radio Prag. Doch die Geschichte der Originalhandschrift des „Mai“-Gedichtes ist hingegen nicht so bekannt.

Trotz seines kurzen Lebens und keineswegs umfangreichen Werks ist Karel Hynek Mácha bald oder sogar gleich nach seinem Tod zum Kultautor geworden: zu einem wandelbaren Mythos, mit dem im Lauf des 19. und 20. Jahrhunderts auf vielerlei Art und Weise umgegangen wurde. Recht häufig wurde ein Jahrestag, der mit Máchas Leben verknüpft war, zum Anlass für Feierlichkeiten im ganzen Land genommen. Im April 1836 erschien Máchas größtes und bekanntestes Werk: das über 820 Verse umfassende Gedicht „Mai“. Das war knapp ein halbes Jahr vor seinem Tod.

Byl pozdní večer, první máj – Spätabend war´ s – der erste Mai večerní máj byl lásky čas – Ein Abendmai – der Liebe Zeit Hrdliččin zval ku lásce hlas – Zur Liebe lud des Täubchens Schrei kde borový zaváněl háj – wo der Kiefernhain die Düfte streut…

So beginnt die erste Strophe des Gedichts, das hierzulande Pflichtlektüre mehrerer Generationen war und bis heute ist. Es war ein gutes Timing für seine spätere Wahrnehmung. Am 1. Mai 1836 war es auf der Welt und erreichte auch manchen Leser. Ganz reibungslos verlief die Herausgabe indes nicht. Das Gedichtbändchen erschien im Selbstverlag des Autors in einer Auflage von 600 Exemplaren. Ohne einen Sponsor wäre dies damals für einen frischgebackenen Juristen nicht möglich gewesen. Den fand er aller Wahrscheinlichkeit nach in Jan Nepomuk Krouský. Damit begann eine spannende Geschichte, die sich um die erhalten gebliebene Originalhandschrift von Máchas Mai rankt. / mehr bei Radio Prag (Jitka Mládková)

62. Postum geehrt

Der taiwanesische Dichter Chou Meng-tieh [周夢蝶], der am 1. Mai im Alter von 92 Jahren gestorben ist, wird postum für seine Verdienste um die Literatur des Landes eine Ehrung durch den Präsidenten erhalten. Chou Meng-tieh, eigentlich Chou Chi-shu [周起述], wurde 1921 in der Provinz Henan geboren. Er war in intellektuellen Kreisen bekannt wegen seines poetischen Werks, aber auch wegen seines Weges, der ihn vom Kuomintangsoldaten zum asketischen Leben führte. 1948 kam er im Bürgerkrieg nach Taiwan, getrennt von Frau und Kindern, die in Kontinentalchina zurückgeblieben waren. 1952 veröffentlichte er erste Gedichte in den Central Daily News. / Taiwan Info

61. Sonett aus Glas und Beton

Eine Prosaminiatur, präzise notiert, voller Komik, jedes Wort an seinem Platz. Allein schon die Bewegungen darin –  fliegen, füttern, öffnen, sammeln, stehen, gehen. Clemens Setz, dem Autor dieser leichten, phantastischen Zeilen, gelingt es, die Papageien, unsere buntgefiederten Sprachimitatoren, aus dem ihnen von uns Menschen zugedachten Käfig zu befreien.

(…)

Warum aber hat Setz, der Erzählkünstler, seine Prosa in Verse gebrochen? Und das nicht nur bei den Papageien? Und: Setz ist keineswegs allein. Dichter schreiben prosaische Texte nieder, klauen ihnen Punkt und Komma und vielleicht noch das ein oder andere, und dann brechen sie die Sätze scheinbar willkürlich in Zeilen auf, völlig unabhängig von Grammatik- oder Sinn-Einheiten. Man ahnt: das Öffnen der Sätze ins Ausgesparte hinein ist ein dichterisches  Wagnis.
In einem der letzten Gedichte des Bandes „Vogelstraußtrompete“ gibt Clemens Setz Hinweise, was dabei geschieht.

Ein Sonett, das ist ein vierzehnstöckiges
Bürogebäude aus Glas und Beton.
Und hie und da segelt durch ein eckiges
Fenster ein Flugzeug davon.

Die ästhetischen Setzungen des Gedichtes gleichen einem Gebäude aus Glas und Beton, mit 14 Stockwerken. Gerade diese stählerne Anlage aber ist in ihrer Geschlossenheit die Startbahn für ganz andere Dimensionen, für das Poetische, das hier als Flugobjekt gegen alle Realität durch alle Öffnungen davonsegeln kann. Doch leider gibt es in dem Band auch Gedichte, bei denen sich kein Flugobjekt einstellt, so oft man auch hinschaut.

Clemens J. Setz: Die Vogelstraußtrompete. Gedichte. Suhrkamp Verlag, Berlin 2014, gebunden, 88 Seiten, 16 Euro

Der staatenlose, aus Palästina stammende, in Dänemark lebende Dichter Yahya Hassan (siehe unser Vorgeblättert) haut seinen Hörern seine Prosa um den Kopf. Um dies zu tun, setzt er seine Sätze in Verse. So festigt er sie. Jede Zeile ist ein Satz, oder ein Halbsatz. Hier bricht die Form kein Fenster auf unabhängig vom Sinn. Zeilenende ist Sinnunterbrechung. Jede Zeile eine Setzung. Keine Fenster, keine Balkone, keine Flugzeuge. Die Sätze sind beides in einem: Wutschrei und Hilferuf. Hassan schreibt an gegen die Gewalt im Innern der muslimischen Gemeinschaft, die ihm den Atem nimmt, und  gleichzeitig gegen die Dänen, die in ihm nur den potentiellen Kriminalstraftäter sehen.

Für sich genommen, als Ich-Äußerungen sind seine Texte eine Provokation („Ich bekriege Euch mit Worten, ihr werdet mit Feuer antworten“). Doch: hier spricht kein privates Ich. Zu Recht haben Yahya Hassans Texte einige Kritiker an die Wut in Allen Ginsbergs Langgedicht „Howl“ erinnert; und Heinrich Detering, des Dänischen mächtig, hat in der FAZ das Original kommentiert: erst aus der Spannung zwischen Schriftbild und Syntagmen ergebe sich, so sagt er, die suggestive Wirkung des Textes. „Der, der hier schreibt, und der, den Yahya Hassan sprechen lässt, erscheinen als zwei verschiedene Instanzen.“  Und dann wird Detering konkret: „Was immer der Sprecher an sexistischen und rassistischen Ressentiments, an Hass auf Israel und auf die eigene Herkunft fomuliert, wird vom Schreiber weder geteilt, noch verurteilt.“ Gerade durch die Abschottung der einzelnen Sätze im Zeilenbruch wird das Beschriebene begreifbar.

Yahya Hassan: Gedichte. Ullstein Verlag, Berlin 2014, gebunden, 176 Seiten, 16 Euro

/ Marie Luise Knott, Perlentaucher

60. Datenschutz?

Wer zahlt, der findet

Von Anja Seeliger, Perlentaucher

15.05.2014. Das Urteil des Europäischen Gerichtshofs gegen Google hat mit Datenschutz nicht viel zu tun. Es restauriert die Informationshierarchien der vordigitalen Zeit.

Das Urteil des EuGH wird die ganze Zeit unter dem Stichwort „Datenschutz“ diskutiert. Das ist Unsinn. Die Daten werden nicht geschützt. Der EuGH hat nur sicher gestellt, dass ausschließlich eine Elite alle im Netz verfügbaren Daten zu sehen bekommt. Und er hat den Zeitungen einen Wettbewerbsvorteil gegen Google zugeschustert. Der Bürger, um dessen Schutz es hier angeblich geht, ist mit diesem Urteil gleich zweifach angeschmiert: Seine Daten dürfen nach wie vor veröffentlicht und weiter gegeben werden. Nur bekommt er im Zweifel nichts mehr davon mit.

59. Lyrikseite

BuchMarkt blättert vor

Jeden Morgen blättern wir für Sie durch die führenden Tageszeitungen – damit Sie schnell einen Überblick haben, wenn Kunden ein bestimmtes Buch suchen oder Sie nach einer Idee für einen aktuellen Büchertisch. [suchen, M.G.]

Morgen in der Literarischen Welt eine Lyrik-Seite über

  • Carl Christian Elze ich wohne in einem wasserturm am meer, was albern ist. Gedichte (Luxbooks)
  • Carl Christian Elze Aufzeichnungen eines albernen Menschen ( J. Frank)
  • Geoffrey Hill Für die Ungefallenen. Ausgewählte Gedichte (1959–2007). (Edition Lyrik Kabinett / Hanser)
  • Clemens J. Setz Die Vogelstraußtrompete (Suhrkamp)

58. Der Prophet

Der algerische Lyriker Louni Hocine hat das Buch „Der Prophet“ des libanesisch-amerikanischen Dichters Khalil Gibran (1883-1931) in die kabylische Sprache (Tamazight) übersetzt. / Dépêche de Kabylie

56. „Lyrik im ausland“

Ricardo Domeneck, Birgit Kreipe und Rainer Stolz

Ricardo Domeneck, 1977 in São Paulo geboren, gehört zu den aufregendsten Stimmen Lateinamerikas, Er veröffentlichte fünf Gedichtbände, sowie Rezensionen und Übersetzungen in brasilianischen Zeitschriften und Zeitungen. Seine Gedichte wurden in Anthologien, u. a. in Deutschland, USA, Belgien, Spanien und Argentinien, übersetzt und publiziert. Auf Deutsch erschien von ihm zuletzt der Gedichtband „Körper: ein Handbuch.“ im Verlagshaus J. Frank in der Übersetzung von Odile Kennel (2012). Seit 2002 lebt Domeneck in Berlin.
(Lesung findet in Portugiesisch/Brasilianisch, Deutsch u. Englisch statt)
http://www.belletristik-berlin.de/koerper-ein-handbuch

Birgit Kreipe, geboren in Hildesheim, Lyrikerin und Psychotherapeutin, lebt in Berlin. Neben zahlreichen Beiträgen für Zeitschriften (ostragehege, randnummer, edit u.a.) und Anthologien (Jahrbuch der Lyrik, Schneegedichte) sind von ihr die beiden Einzelveröffentlichungen “Schönheitsfarm” (2012) und “wenn ich wind sage seid ihr weg” (2010) erschienen. 2014 gewann Kreipe den Münchener Lyrikpreis, sowie den Irseer Pegasus Preis für ihre neuen Texte.
http://www.belletristik-berlin.de/schoenheitsfarm

Rainer Stolz, 1966 in Hamburg geboren. 1997 gründete er gemeinsam mit Lars-Arvid Brischke und Stephan Gürtler den Lyrikkreis „Die Freuden des jungen Konverters“, eine Gedicht-Werkstatt, die bis 2004 bestand. Für diesen Kreis gab Rainer Stolz gemeinsam mit Stephan Gürtler 2003 die Anthologie „Feuer, bitte! Berliner Gedichte über die Liebe“ (dahlemer verlagsanstalt, Berlin) heraus.
Zu seinen letzten Veröffentlichungen gehören „Stuckbrüche“ (SuKuLTuR-Verlag, Berlin 2006), „Während mich die Stadt erfindet“ (Elfenbein Verlag, Berlin, 2007). 2012 „Spötter und Schwärmer. Haiku-Vogelporträts“ (Edition Krautgarten, St. Vith). Am 15. Mai wird Rainer Stolz, seinen jüngst erschienen Gedichtband „Selbstporträt mit Chefkalender“ vorstellen (Edition Voss beim Horlemann Verlag, 2014)
Mehr unter: http://www.horlemann.info/edition-voss/lyrikpapyri/buchtitel/selbstportraet-mit-chefkalender-202.html

  1. Mai 2014
    Geöffnet ab 20 Uhr, Beginn der Lesungen um 21 Uhr.
    Eintritt: 5 Euro

ausland – Territory for experimental music, performance and art
Lychener Str. 60, 10437 Berlin

55. Gestorben

Der kubanische Erzähler und Lyriker Carlos Jesús Cabrera Enríquez starb in Havanna im Alter von 54 Jahren. Er erhielt zahlreiche Literaturpreise, darunter 1997 den Nicolás-Guillén-Preis. Zu seinen Werken zählen: El restaurador anónimo, La carne transparente (Premio José Manuel Poveda, 1997) und der Roman Este era tu deseo. / El artemiseño

54. Daktylen und Jamben, Trochäen

Bei Textkette Freistil gibts es den oder die Kempner des Tages – ein Gedicht von Friederike Kempner (1828-1904), der schlesischen Nachtigall, auch genannt „Genie der unfreiwilligen Komik“. Mal schaun, ob die Substanz reicht, um bis Weihnachten mindestens jeden 2. Tag ein neues – ja: lesenswertes Gedicht zu finden.

Daktylen und Jamben, Trochäen,
Sie schließ’ ich in einen Bund,
Die Regel, die ewig zu trennen
Hat keinen vernünft’gen Grund.

Hier gehts weiter (hier alle bisherigen).

53. Poliversale

Mit einem „Poliversale“ genannte Lyrik-Fest will die Alte Schmiede in Wien ab morgen, Mittwoch, „ein kleines Zeichen gegen die machtvoll zelebrierten ästhetischen Verarmungstendenzen der zeitgenössischen Literatur“ setzen. Bis 12. Juni will man mit dem „Wissen dreier Dichtergenerationen“ und den „Erfahrungen aus acht Sprachräumen“ an 12 Abenden auf die Lyrik als Literaturgattung aufmerksam machen.

Das von Michael Hammerschmid und Gundi Feyrer konzipierte und gestaltete Programm startet mit jeweils zweisprachigen Lesungen von John Burnside und Patrizia Cavalli. In der Folge sollen „gut dreißig verschiedene Ansätze, die kreative Polyvalenz sprachlicher Ausdruckskunst gegen die normopathische Einfalt der Funktionssprache zu verteidigen“ geboten werden, heißt es in einer Ankündigung. / Tiroler Tageszeitung

Mit Friederike Mayröcker, Ann Cotten, Konrad Prissnitz, Ferdinand Schmatz, Nico Bleutge, Steffan Popp, Maja Haderlap, Róža Domašcyna, Ulf Stolterfoht, Elfriede Czurda, Adam Zagajewski u.v.a.

Programm

52. Lyrikpreis Meran

Am 15. Mai um 18 Uhr wird das Finale des 12. Lyrikpreises Meran im Pavillon des Fleurs eröffnet. Die Lesungen finden am 16. und 17 .Mai ebenfalls im Pavillon des Fleurs statt. Am 16.Mai lesen Monika Schnyder (10 Uhr), Jan Volker Röhnert (11 Uhr), Thomas Kunst (12 Uhr), Hartwig Mauritz (16 Uhr), Kerstin Becker (17 Uhr) und Tom Schulz (18 Uhr). Am Samstag (17.05) folgen dann Dominic Angeloch (10 Uhr), Martina Weber (11 Uhr) und Christoph Szalay (12 Uhr).

Am 17. Mai um 18 Uhr werden im Pavillon des Fleurs drei Preise vergeben: Der Lyrikpreis Meran (8.000 Euro; Südtiroler Landesregierung, Ressort für Bildungsförderung, Deutsche Kultur, Integration), der Alfred-Gruber-Preis (Stiftung Südtiroler Sparkasse, 3.500 Euro) und der Medienpreis der RAI Südtirol (2.500 Euro). Die Lesungen sind als „Lyrik im Gespräch“ konzipiert. Die Texte werden von den Juroren nach jedem Vortrag in Anwesenheit der Autoren diskutiert. Alle eingereichten Gedichte sind in einem kostenlos aufliegenden Textheft abgedruckt. Der Eintritt zu allen Lesungen ist frei.

Der Jury gehören Ilma Rakusa (Autorin, Zürich), Hans Jürgen Balmes (S. Fischer Verlag, Frankfurt/Main), Maria Gazzetti (Lyrik Kabinett München), Hans Höller (Universität Salzburg) und Jan Wagner (Autor, Hamburg) an. Ausgeschrieben wurde der 12. Lyrikpreis Meran vom Südtiroler Künstlerbund/Literatur und vom Verein der Bücherwürmer Lana. (…)

Vor 21 Jahren hatten der 1998 verstorbene Alfred Gruber und der damalige Bürgermeister Franz Alber den Lyrikpreis Meran ins Leben gerufen. Preisträger waren Kurt Drawert (D, 1993), Kathrin Schmidt (D, 1994), Sepp Mall (I, 1996), Jürgen Nenzda (D, 1998), Lutz Seiler (D, 2000), Oswald Egger (I), und Sylvia Geist (D), ex aequo (2002), Michael Donhauser (Liechtenstein, 2004), Ulrike A. Sandig (D, 2006), Martina Hefter (D, 2008), Andre Rudolph (D, 2010) und Uwe Kolbe (D, 2012).

/ stol.it

51. Farhad Showghis Gedichte

Vielleicht musste Farhad Showghi, der in Prag geboren wurde und seit einigen Jahren im Hamburg lebt, erst Umwege nehmen, um sein Kindheitsland Iran wiederzuentdecken – vielleicht ist das aber auch viel zu psychologisch gedacht. Denn fest steht in diesen Gedichten ohnehin recht wenig, die, gerne mit einer intrikaten Grammatik ausgestattet, ganz profane Alltagsvorgänge wie Schauen, das sich Bewegen, Essen und Trinken beschreiben.

Showghi wählt dafür die Spezialgattung des Prosagedichts. 67 davon finden sich in diesem Band, manche umfassen nur eine Zeile, über eine halbe Seite gehen sie nie hinaus. In ihrer lapidaren, ungebundenen Form wirken diese Prosagedichte erst einmal wie hingeworfen. Auch die Aufteilung in drei Kapitel wirkt willkürlich, liest man das dem Band beigegebene Inhaltsverzeichnis, wird es nicht gerade übersichtlicher, die Gedichtüberschriften (die tatsächlich Gedichtanfänge sind) muten austauschbar an: „Wir würden noch gern“, „Ich habe die Zeit“, „Lass uns nachschauen“.

Ist das fehlendes Konzept? Falsches Understatement? Oder aber gerät derjenige Leser, der hier nach äußerer Ordnung schielt, vielmehr auf den Holzweg? Letzteres ist natürlich der Fall. Denn Farhad Showghis Gedichte stehen nicht allein, und hier liegt vielleicht ein weiterer Grund für die Nähe zur Prosa. Diese Gedichte erzählen eine Geschichte, die tatsächlich am Stück gelesen werden kann. Mit bewundernswerter Langsamkeit, gleichsam in einer maximal entschleunigten Slow-Motion-Sequenz, spinnen sie ein Netz von Sinneseindrücken, Wirklichkeitsausschnitten und ganz nah herangezoomten Alltagsbildern: Vögel. Wäldchen. Verrutschte Wäsche auf der Leine. Kissenbezüge, Doppelfensterscheiben. Und immer wieder das Ich und der Umriss, die Ränder, Schultern, Hände, Finger, selten auch gegenübergestellte Personen – ein Vater, ein Sohn. / Fabian Thomas, Fixpoetry

Farhad Showghi

In verbrachter Zeit
Mit Umschlagposter gestaltet von Andreas Töpfer
kookbooks
2014 · 96 Seiten · 19,90 Euro
ISBN: 9783937445632