Es ist 22.18 Uhr, als Felizitas Leitner ein Novum verkündet: Erstmals seit Bestehen des Lyrikwettbewerbs „Hochstadter Stier“ kommt es im Rennen um den 2. Publikumspreis zu einem Stechen. Moderatorin Leitner, Ehefrau des Verlegers Anton G. Leitner und Mitorganisatorin der zum siebten Male ausgetragenen Dichter-Konkurrenz, lässt erneut Stimmzettel austeilen, und die beiden Aspirantinnen tragen noch einmal ihre preiswürdigen Zeilen vor. Die Berlinerin Jo Lenz setzt sich danach mit 59:29 gegen Verena Liebers aus Bochum durch. Die Frühlingshoffnung ihres kräftig „berlinernden“ Gedichts „Schneesehen“ obsiegt gegen die rhythmische Kindheitserinnerung vom „Trampolinsommer“.
Für jeden scheint etwas geboten beim diesjährigen „Hochstadter Stier“, und die Wahl fällt alles andere als leicht: Dass Hans-Werner Kube mit seinem Beitrag vom unbeirrbaren Raucher nicht nur nikotingeschädigte Herzen „im Qualm“ erobern würde, darauf hätte man allerdings wetten mögen. Der aus Witten kommende Gewinner des Publikumspreises erfreute die Leute mit den kosequent zu Ende gepafften Zeilen (Auszug): „…meine Zunge ist versehrt / meine Lunge frisch geteert / schick dem linken Fuß / einen Abschiedsgruß / muss das linke Bein / denn für ewig sein? / doch solang ich hauche / auf dem Bauche krauche / rauch ich, schmauch ich / weil, das brauch ich“ – tosender Beifall nicht nur von den Privatversicherten im Raum.
Wie beinahe in jedem Jahr wich der Geschmack des Publikums beim „Hochstadter Stier“ auch heuer ziemlich weit ab von dem der Fach-Jury: „Meine Erfahrung ist es seit einigen Jahren, dass wir uns relativ rasch einig sind“, sagte Erich Joos im Namen seiner Ko-Juroren Müller-Wieland und Ludwig Steinherr, ehe er den Sieger der Experten bekannt gab: Andreas Peters, aus Tscheljabinsk stammender, in Kirgistan aufgewachsener und in Bad Reichenhall wohnender Russlanddeutscher, überzeugte mit dem Beitrag „Ewiges Feuer“, der laut Jury „formale Souveränität bis zuletzt“ bewies. / Thomas Lochte, Münchner Merkur
Babelsprech setzt die Reihe der Essays zu junger Dichtung in anderen Ländern [Bisherige Beiträge umfassen Einführungen zu Finnland, Brasilien (hier, hier und hier) und die Slowakei sowie ein Essay über das lyrische Ich im Internet (deutsche Übersetzung] mit einem Beitrag von Frank Keizer und Maarten van der Graaff über die niederländische (und flämische) Szene fort. Auszug:
Contemporary Flemish poetry is hard to fit into the categories that are distinguished by for example the Hotel New Flanders anthology – which put forward an essentially territorialized understanding of poetry (its rootedness in Flemish history), but also more metaphorically speaking, by confining poetry to its manifestation on the page, and disregarding the international influences that shape Flemish literature.
Contemporary Flemish poetry breaks with this logic. Poets like Maud Vanhauwaert (1987) and Lies van Gasse (1983) work across disciplines – visual arts, performance art and theater respectively – and others like Xavier Roelens (1978) and Tom Van de Voorde (1974) look towards international (especially American) rather than local traditions, as does Els Moors (1978). Emerging poets like Arno van Vlierberghe (1990) and Mathijs Tratsaert (1990) are highly conscious of the Flemish literary canon, but only use and transform it for their own goals. Literature is becoming a global practice: discussions on poetics have grown into an exchange. Precisely this communal, social aspect contributes to a growing liveliness across borders that would be wrong to suppress. But we have to admit: we will cover much less Flemish ground in this piece.
Similarly, Dutch poetry has been opening up. The old opposition between traditional and experimental, and between ‘accessible’ and ‘formalist’ or ‘conceptual’ poetry is starting to crumble. This started in the nineties, when poets actively began to cross the boundaries between anecdote and concept, between lyric voice and textuality that framed the debate for a long time. Typical poets that emerged in the nineties like Tonnus Oosterhoff (1953), Mustafa Stitou (1974), K. Michel (1958), Arjen Duinker (1956) and Astrid Lampe (1955) played an important role in this. We will refer back to these frames, even though we think they are faulty, because they are important for how poets self-identify, even if redefining and eventually displacing them is our main mission here, and Dutch poetry is far too eclectic to reduce to the terms of fossilized debates of the past.
In Zeiten der Globalisierung würde man denken, daß Menschen versuchen Andere zu verstehen. Von wegen! Ganz und gar nicht, der menschliche Idiot versucht gar nicht, andere zu verstehen, denn dazu müßte er sich informieren, wie die Tatort-Kommissare immer sagen, nach allen Seiten und ergebnissoffen ermitteln, dazu ist aber der menschliche Idiot, der moderne Tartuffe, zu faul und zu unfähig, denn er hat nur gelernt Andersdenkende mit einem Meinungs-Lynch-Mob medial mundtot zu machen. Zuzuhören, nachzufragen, sich zu informieren, in Folge eigene Meinung zu bilden und eventuell zu ändern, das alles ist ihm zu stressig, dafür hat er keine Geduld, das springt nicht sofort aus seinem App heraus, da hat er nicht sofort einen kognitiven Samenerguss, dann macht er das auch nicht. Allmähliches Erarbeiten von etwas verschwindet immer mehr, alles muß sofort passieren.
Das klingt gut, wie selten hört man nachdenkliche Worte. Das klänge sehr gut (ich übergehe mal die mir unangenehme Bildwahl des polemischen Textes)… wenn man nicht schnell merken müßte, daß der, der diese Worte schrieb, sie keineswegs auf sich anwendet. Denn er, auch er hat seine Meinung, auch über Rußland, die Ukraine und alles das; wie ernst muß ich jemand nehmen, der vorschlägt, die andere Seite zu verstehen, aber seinen Vorschlag zum Nachdenken so beginnt:
[die russischen Menschen,] die sich ihr russisches Feld nicht von irgendwelchen dahergelaufenen ukrainischen Nazis und westlichen Neocons samt ihrer Nato-Merkel und Flintenuschi versauen lassen wollen. Der langsam daherbrabbelnde Steinmeier ist ihnen dagegen egal.
Nur damit von Anfang an klar ist was Sache ist und keiner auf den Gedanken kommt, auch der Nachdenkliche würde ergebnisoffen nachdenken.
Und so stellt er geballtes Material zum Nachdenken der anderen zusammen, eine Rede eines russischen Filmregisseurs zum 55. Geburtstag des russischen Präsidenten, ein Spottgedicht von Joseph Brodsky über die Unabhängigkeit der Ukraine – halt, Spottgedicht habe jetzt ich gesagt. Er sagt das gar nicht. Die Idee, daß es ein Spottgedicht sein könnte, ein böser Scherz, vielleicht eine Schnapslaune oder eine Provokation, kommt ihm gar nicht,
denn dazu müßte er sich informieren, wie die Tatort-Kommissare immer sagen, nach allen Seiten und ergebnissoffen ermitteln, dazu ist aber der menschliche Idiot, der moderne Tartuffe, zu faul und zu unfähig
Und sowieso gehört Er zu den Wissenden, er steht ja schon auf der richtigen Seite. Und damit niemand auf die Idee kommt, sich selber über das Gedicht klar zu werden („Allmähliches Erarbeiten von etwas“), schickt er eine Erklärung aus einem russischen Buch vorweg, die in diesem Gedicht den Beweis sieht, daß Brodsky kein Emigrant und vaterlandsloser Geselle sei, sondern eben doch ein russischer Patriot. Zitat aus Brodskys Gedicht in der sehr ungelenken Übersetzung der Quelle (der Erklärer der Seite Infosputnik, der sich Julian S. Bielicki und bei manchen Kommentaren auch Freeman nennt, gibt seinen offenbar wichtigen Text nebst Gedichten von Brodsky und Puschkin in 3 Sprachen, Deutsch, Englisch und Russisch, und dankt Nicholas Simons, London, für die Übersetzung der Gedichte):
Weg mit Euch, Ukrainer*, auch auf schlechtem Weg.
Geht von uns in Eurem Volkstracht und wagt es nicht sie Montur zu nennen,
Geht dahin wo der Pfeffer wächst; die Adresse sollt Ihr kennen.Скатертью вам, хохлы, и рушником дорога.
Ступайте от нас в жупане, не говоря – в мундире,
По адресу на три буквы, на стороны все четыре.
Ich füge noch den Schluß von Brodskys Gedicht in der gleichen Übersetzung an, Anrede des russischen Dichters an die Ukrainer, die Chochols, wie die Russen sie gerne nennen, kein freundlich gemeintes Wort:
Nur wenn Ihr dar zu sterben seid, ihr Riesen
Werdet Ihr flüstern, Eure Hände an den Seiten der Matratze greifend,
Verse Alexanders, und nicht des quatschenden TarasТолько когда придет и вам помирать, бугаи,
Будете вы хрипеть, царапая край матраса,
Строчки из Александра, а не брехню Тараса.
Alexander (Puschkin) ist der russische, Taras (Schewtschenko) der ukrainische Nationaldichter.
Nachtrag
Dieser Psychosputnik strotzt von russischer Propagandasprache und ist nichts anderes als Teil eines gewaltigen Propagandaapparats. Ich verlinke nicht auf sowas – jeder der mag findet die Seite leicht selber mit Suchmaschinen. Ich zitiere stattdessen einen Kommentar vom 29.1. zum Antrag in der russischen Duma, die „Annexion der DDR durch die BRD“ zu verurteilen:
Tatsächlich wurden die Bürger der DDR nie mit einem Referendum gefragt, ob die DDR sich auflösen und Teil der BRD werden soll. Es hat nur ein “DDR-Parliament” darüber entschieden, dessen Mitglieder man tolle zukünftige Posten im Gesamtgebilde versprochen hat. Die sogenannte “friedliche Wiedervereinigung” hat die westliche Wirtschaftsmacht durchgedrückt, oder mit Geld erkauft, um Markterweiterung und Wirtschaftswachstum zu bekommen.
Der Kommentator weiß vielleicht nicht, oder er weiß es und sagt es nicht, daß das von ihm in Anführungsstriche gesetzte DDR-Parlament zuvor von den Bürgern der DDR gewählt wurde in der einzigen freien Wahl in der Geschichte des kleinen Landes. Und daß die Ost-CDU vorher erklärt hatte, daß sie die schnelle Wiedervereinigung befürwortet und deshalb von einer Mehrheit gewählt wurde. Eine Wahl, an die ich mich erinnere – weder russische noch NATO-Soldaten „beschützten“ die Wahllokale, und es gab auch später keine bewaffneten Soldaten, die die Abgeordneten der Volkskammer zur Abstimmung geleiten mußten.
*) Im Original: Chochly, ein russisches Schimpfwort für die Ukrainer
Schnee legt seine weiße Stille über die Wege – dann kommen Spaziergänger, zerreden die Stille zu Matsch
Hansjürgen Bulkowski
Zagajewski ist auch am nächsten Tag [bei der Kölner „Poetica“] mit von der Partie, wenn es im Alten Senatssaal um „Poesie und Politik“ geht. Und zwar anhand eines Skandalgedichts, das Exilrusse Joseph Brodsky (1940-1996) in Amerika „Auf die Unabhängigkeit der Ukraine“ schrieb.
Wie konnte der Nobelpreisträger und Kreml-Kritiker 1991 die Ukrainer als Hinterwäldlervolk von „Kürbismelonen“ verspotten? Zwar blieb der Text unpubliziert, reüssiert jedoch in heutigen Kriegszeiten an russischen Stammtischen. Für Köln ausgesucht hat ihn der russische Philosoph Michail Ryklin, der Putins Autokratie mit dem Tod seiner Frau bezahlte: Die Künstlerin Anna Altschuk nahm sich nach einem nie verkrafteten Schauprozess das Leben, ein Drama, das der Witwer im Buch „Über Anna“ festhielt. In Brodskys Gedicht sieht er die Jekyll/Hyde-Verwandlung vom elitären Einzelgänger zum „Sprachrohr einer tödlich beleidigten imperialen Autorität“.
Zagajewski liest den anrüchigen Text eher „als Rollengedicht, in dem sich Brodsky als russischer Ganove inszenierte“. Spiel statt Beleidigung? Michael Krüger hört hier Brodskys „Bauchstimme“ heraus und bedauert, dass der Dichter jetzt für diesen bewusst unveröffentlichten Missgriff „als russischer Superpatriot in Anspruch genommen wird“.
Hintersinnig meint Lars Gustafsson, der Fall lehre zweierlei: „Wir haben keine Kontrolle über die Zukunft unserer Texte. Und jeder Mensch enthält seine eigene Negation.“ Marcel Beyer indessen springt zornig dem toten Kollegen bei und findet „diese ganze Tribunalsituation fürchterlich. Denn jeder darf jeden Scheiß schreiben, den er will“.
Auch dies bleibt nicht ohne Widerspruch, wobei sich der souveräne Moderator Günter Blamberger über solche Kontroversen freut. / Axel Hill und Hartmut Wilmes, Kölnische Rundschau
Der Literaturpreis Premio Casa de las Américas wird seit 1960 jährlich vom kubanischen Verlag Casa de las Américas in verschiedenen Kategorien vergeben (Lyrik, Erzählung, Roman, Theater, Essay, Brasilianische Literatur).
Der Preis für Lyrik geht 2015 an Bajo el brillo de la luna von Nelson Romero Guzmán, Kolumbien. Die Jury bestand aus Piedad Bonnett, Kolumbien; Manuel Orestes Nieto, Panama; Tony Raful, Dominikanische Republik; Ariel Silva Colomer, Uruguay, Alex Fleites, Kuba.
Ehrende Erwähnungen für
La estación von Alejandro Castro, Argentinien.
El sastre von María Malusardi, Argentinien.
Der Preis für Brasilianische Literatur geht an den Roman Minha vida sem banho von Bernardo Ajzenberg. Eine Erwähnung für den Gedichtband Tempo Solto von Amálio Pinheiro.
Des weiteren geht der Premio de poesía José Lezama Lima an La novela de la poesía von Tamara Kamenszain, Argentinien.
In einer für ihn typischen Denkfigur hat Borchardt sein individuelles Schicksal mit demjenigen seiner Nation identifiziert. Die rasante Modernisierung Deutschlands in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts und der damit einhergehende Verlust aller Verbindlichkeit – das war die Auflösung familiärer Gemeinschaft, wie er sie unmittelbar im Elternhaus erfuhr! Entsprechend verstand er die eigene Ehe auch als kulturpolitische Aufgabe. Borchardt, der Anwalt der Tradition, musste sich auch persönlich fortpflanzen! Seine erste Frau, Karoline, konnte ihm jedoch nach einer Unterleibserkrankung keine Kinder gebären. Als er sich 1918 in Marie Luise Voigt, eine Nichte Schröders, verliebt, taucht deshalb sehr schnell die Idee einer höheren Mission auf. Er, Rudolf, und sie, Marie Luise, gründen mit der Heirat eine Keimzelle, von der die Wiederbringung deutscher Gemeinschaftlichkeit überhaupt ausgehen soll. Es wurde, man glaubt es kaum, eine glückliche Ehe mit vier Kindern, an der zwar nicht Deutschland genas, wohl aber – in dem ihr möglichen Mass – die einsame Seele Borchardts. Das war ziemlich sicher das Verdienst der Frau, die ihn, wie er einmal erwähnt, «mit trockener Bestimmtheit» zu erden verstand: «Löse jetzt keine Weltprobleme, sondern küsse mir die Brust.» / Manfred Koch, NZZ 16.1.
Dass Borchardt ihn in dem «Brief»-Aufsatz, der die Festschrift «Eranos» zu Hofmannsthals fünfzigstem Geburtstag einleiten sollte, als «die endliche Tuba der Geschichts- und Geisterwelt Habsburgs» ansprach, führte zu jener wütenden Antwort, die beinahe das Ende der Beziehung bedeutet hätte: «Ich bin keine Tuba, will auch keine sein, war nie eine, und werde nie eine werden! und schon gar keine endliche Tuba.» / Manfred Koch, NZZ 16.1.
Der Aargauer Schriftsteller Christian Haller wird mit dem diesjährigen Kunstpreis des Kantons Aargau ausgezeichnet. Der 71-jährige Schriftsteller und Dramaturg aus Laufenburg erhält den mit 40 000 Franken dotierten Preis «für sein Werk von beeindruckendem Format». Sein Œuvre umfasst zahlreiche Romane, Lyrik- und Erzählbände sowie Essays und Theaterstücke. So habe Hallers «Trilogie des Erinnerns», die den Spuren einer Familie über mehrere Generationen folge, im deutschsprachigen Raum grosse Anerkennung gefunden. Haller habe über viele Jahre die aargauische Theaterszene als Dramaturg bereichert. / NZZ 23.1.
Wenn Christian Steinbacher sich einen Mörike-Text vornimmt, bleibt von dem Singsang der Verse nicht viel übrig. «Schön reife Beeren / Am Bäumchen hangen», dichtet da der schwäbische Pfarrer. Und Steinbacher komponiert dazu: «Malz und Heide ade! schallt wie geblockt; / Aal mit Kuss als Motiv nicht unoft lock; / nein, Ei, Ritze und Mus, die wollten Lack – / bis das Je sowieso knüpft‘ uns zusamm‘.» (…)
So wie der bildende Künstler auf die Form der Gedichte antwortet, zeigt uns Steinbacher seine Echos auf sprachliche Materialien, die er im Alltag findet, oder auf die Stücke anderer Dichter und Musiker. Waren es in seinem letzten Gedichtband «Winkschaden, abgesetzt» (2011) unter anderem Materialien aus «Walt Disneys Lustigen Taschenbüchern» oder «Manufactum»-Katalogen, so kommen nun Kinderlieder, psychologische und pharmazeutische Fachbücher oder die Werbesprache der Einkaufscenter hinzu. Wo andere gelangweilt durch die Gänge der Super- und Möbelmärkte streifen, wird Christian Steinbacher zum Sprachsammler. (…)
In seinen Anagrammgedichten zu einem Stück des grossen Lautkünstlers Carlfriedrich Claus wird einmal ein «kleiner Kreml-Kreml aus Antalya» sichtbar, der ein wenig an H. C. Artmann erinnert. Am intensivsten sind aber die «Umschriften» zu Jacob Balde. Genau genommen handelt es sich um mehrfache Überschreibungen. Der Schweizer Literaturwissenschafter Max Wehrli hat Gedichte des auf Latein schreibenden Barockdichters Balde ins Deutsche übertragen. Steinbacher übernimmt das Versmass und die Anzahl der Strophen – und hüpft im Übrigen munter in den Klang- und Bedeutungswelten der Gedichte hin und her. Es ist ein grosses Vergnügen, dem Querlauf der Verse zu folgen. Was die Sprache vermag, wenn sie sich vom Zwang des Benennens löst, zeigen diese Gedichte mit ihren «Salven» und «Düsen» ein ums andere Mal. / Nico Bleutge, NZZ
Christian Steinbacher: Tief sind wir gestapelt. Gedichte. Czernin-Verlag, Wien 2014. 175 S., Fr. 28.40.
Seit bald dreissig Jahren ist der 1936 in Berlin geborene Paulus Böhmer als Apostel des langen Gedichts durch die Lande gezogen, aber erst jetzt, mit seinem visionären Wasser-Poem, hat er mit dem Peter-Huchel-Preis die Anerkennung erhalten, die er seit langem verdient.
Auf seinem Weg hat ihn stets der kleine Peter-Engstler-Verlag begleitet, der in Ostheim in der hessischen Provinz einen Stützpunkt für deutsche Adepten der Beat-Generation und andere eigensinnige Poeten errichtet hat. Böhmers im besten Sinne ausschweifende Gedichte, die er seit 1987 veröffentlicht, entfalten einen Furor des Diversen. Eine unglaubliche Vokabel-Vielfalt aus unterschiedlichsten Wissensgebieten wird mit Erinnerungsbildern und poetischen Zitatbrocken den Gedichten einverleibt, bis jener poetische Maelstrom in Gang kommt, den der Dichter in seinem Wasser-Poem so aufruft: «bin ein Wasserkopf, / der kaut und kaut, der kaut und kaut, nichts wiederholt, nichts schluckt, / nichts sich einverleibt, sondern kaut, bis jeglicher Sinn / sich zersetzt hat . . .»
Böhmer straft die missmutigen Kritiker, die ihm gerne eine «Ästhetik der Willkür» bescheinigen, Lügen. In seinem Poem zieht er alle Register traditioneller lyrischer Techniken. Sein Gedicht kommt als grosse Litanei daher, gleich einem Gebet, das seine Beschwörungsformeln beständig wiederholt. Er arbeitet ganz kalkuliert mit den Verfahren der Reihung sinnlicher, in der Lautgestalt und Morphologie oft bizarrer Wörter. Und er zelebriert die poetische Metamorphose seiner Hauptfigur. / Michael Braun, NZZ
Paulus Böhmer: Zum Wasser will alles Wasser will weg. Verlag Peter Engstler, Ostheim/Rhön 2014. 236 S., € 35.–.
Er [Eugen Gomringer] ist der Letzte von den grossen Gründergestalten unserer Nachkriegsmoderne, und er sitzt so vergnügt und hellwach da, als hätte er eben einen Preis für seinen Erstling erhalten. Er ist ein Schweizer und ein Indianer und ist im Urwald geboren und wuchs in Zürich auf und lebt in Deutschland und wird gefeiert rund um die Welt. Wie bei allen Köpfen, die das Mittelmass übersteigen, wissen die meisten Schweizer nicht, was sie an ihm haben, und das geschieht ihnen recht. Ignoranz bestraft sich selbst. Sie tut es aber auf humane Art; man merkt nichts davon. / Peter von Matt, NZZ
Die vorliegende Rede wurde am 28. Januar im Zürcher Literaturhaus gehalten im Rahmen einer Feier zum 90. Geburtstag Eugen Gomringers.
Der letzte Schriftsteller in der Reihe der Autoren, die kommende Woche in fünf Schulen im Rahmen von „Deutsch geht gut“ lesen, ist Fouad El-Auwad.
Er übersetzt deutsche Gedichte ins Arabische und arabische Gedichte ins Deutsche. Fouad El-Auwad sieht seine Rolle als Schriftsteller in der Vermittlung zwischen den Kulturen. Der Syrer, der aus Damaskus stammt und in Aachen Architektur studierte, schreibt Lyrik und Erzählungen.
El-Auwad berichtet, dass die klassische deutsche Literatur, von Goethe bis Schiller, sehr wohl im arabischen Raum bekannt ist und gelesen wird. Neuere, moderne Lyrik wird jedoch kaum übersetzt. Auch moderne arabische Literatur wird fast nicht ins Deutsche übertragen. Eine „Brücke zwischen der arabischen und der europäischen Welt“, so der Dichter, soll der deutsch-arabische Lyrik-Salon bilden, den er Ende 2004 gründete und der in verschiedenen Städten gastiert. / Gabriele Szczegulski, Südpresse
Fouad El-Auwad liest mit Selim Özdogan, Ortwin Ramadan, Matthias Nawrat und Tanya Malyarchuk am Mittwoch, 4. Februar, 20 Uhr, in der Otto-Rombach-Bücherei, und am Donnerstag, 5. Februar, 18 Uhr, in der Realschule im Aurain.
Fouad El-Auwad, „mit den Buchstaben unterwegs“, Books on Demand, 8,90 Euro.
Marica Bodrožić erhält den mit 15.000 € dotierten Literaturpreis der Konrad-Adenauer-Stiftung 2015. Die 1973 in Svib (im heutigen Kroatien) geborene Schriftstellerin leiste mit ihren epischen und essayistischen Werken einen maßgeblichen kulturellen Beitrag zur Neuordnung Europas nach 1989, so die Begründung der Jury.
Von der Transformation eines Europas der Nationen in eine multipolare Welt und von dem gefährdeten Weg der Freiheit in den südost- und mitteleuropäischen Staaten erzähle sie auf eine eindringliche, realistische und zugleich poetisch-phantasievolle Weise, so in den Erzählungen Tito ist tot (2002) und Der Windsammler (2007), in den Romanen Das Gedächtnis der Libellen (2010), Kirschholz und alte Gefühle (2012) und Mein weißer Frieden (2014) sowie in dem Essay Sterne erben, Sterne färben. Meine Ankunft in Wörtern (2007). Marica Bodrožićs literarischer Blick in die europäische Raum- und Zeitgeschichte durchbreche starre Freund-Feind-Bilder, um dahinter Probleme von Arbeitsmigranten, multiethnische und religiöse Konflikte sichtbar zu machen. Das Schreiben zwischen den Kulturen sei selten so nuancenreich und so bildkräftig praktiziert worden wie in Bodrožićs Büchern.
„Im Prozess des zusammenwachsenden Europas baut Marica Bodrožić auf die integrative Erinnerungs- und Gestaltungskraft der Literatur“, erklärt der Vorsitzende der Konrad-Adenauer-Stiftung und Präsident des Europäischen Parlaments a.D., Dr. Hans-Gert Pöttering, der den Literaturpreis am 31. Mai 2015 in Weimar verleihen wird. Die Laudatio auf Marica Bodrožić hält der deutsche Literaturwissenschaftler und Gründungsdirektor des „Center for Anglo-American Cultural Relations“ in London, Prof. Dr. Rüdiger Görner.
Der Literaturpreis der Konrad-Adenauer-Stiftung wird seit 1993 an Autoren verliehen, die der Freiheit das Wort geben. Zu den bisherigen Preisträgern gehören u.a. Sarah Kirsch, Hilde Domin, Günter de Bruyn, Thomas Hürlimann, Hartmut Lange, Louis Begley, Herta Müller, Wulf Kirsten, Daniel Kehlmann, Ralf Rothmann, Uwe Tellkamp, Cees Nooteboom, Arno Geiger, Tuvia Rübner, Martin Mosebach und Rüdiger Safranski.
Der unabhängigen Jury gehören an: Prof. Dr. Gerhard Lauer (Universität Göttingen) als Vorsitzender, Prof. Dr. Oliver Jahraus (Ludwig-Maximilians-Universität München), Christine Lieberknecht MdL (Ministerpräsidentin a.D. des Freistaats Thüringen), Felicitas von Lovenberg (Leiterin Literatur, Frankfurter Allgemeine Zeitung), Ijoma Mangold (Die Zeit) sowie Prof. Dr. Birgit Lermen (Universität zu Köln) als Ehrenmitglied.
Weitere Informationen zum Literaturpreis unter: www.kas.de/literaturpreis
Camõens’s mind was the product of Renaissance classicism and Portuguese imperialism; having served and fought first in Cetua and then to India and elsewhere for sixteen years, he won little and lost an eye, was accused of embezzlement and jailed, freed and sailed home to Portugal. He was a red blooded patriot but a broken-hearted one as well because he thought his country had slid down into luxury and corruption and away from the qualities of valor, sacrifice, and bravery that he hoped to revive through the Lusiads. Like the Aeneid and Odyssey before it, the Lusiads tells of a hero sent far and sundry by storms and angry gods, while covering the history of the Portuguese- the race descended from Lusus, companion of Bacchus who discovered the land of Lusitania.
For me, the most interesting passage comes about halfway through, at the end of Canto V, when the poet reflection on Portugal’s lack of great poets:
“I say it without shame for the reason that none of us stands out as a great poet is our lack of esteem for poetry. He who is ignorant of art cannot value it. For this reason, and not for any lack of natural endowment, we have neither Virgils nor Homers; and soon, if we persist in such a course, we shall have neither pious Aeneases nor fierce Achilles either.”
To some degree, this is standard poetic self-marketing. Of course Camõens has to say this to the king- poetry is not yet about expressing some inner experience; it still has to serve some other purpose. However, he suggests the poet has a unique and special partnership with military leaders. In some sense, the poet creates the warrior both by immortalizing him in poetry and by giving him an impetus to wage war and thus be remembered. Without the poet, nations wouldn’t just lack war propaganda and memorials – they would lack warriors. / Ordinary Times
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