Berlin, C[entrum] 2., den 10. Mai [18]99
Sehr geehrter Herr [Johann Sassenbach]!
Wir teilen Ihnen ergebenst mit, dass die oben angeführten Bücher, von deren Besprechung die Redaktion absieht, heut an Ihren Verlag zurückgesandt werden.
Hochachtungsvoll
Expedition der Vossischen Zeitung
1) Holz, Phantasus
2) Martens, Befreite Flügel
3) Reinhard, Meine Jugend
4) Reß, Farben
5) Stolzenberg, Neues Leben
(zitiert nach Arno Holz: Revolution der Lyrik. Berlin (Johannes Sassenbach) 1899, S. 81f.)
Dass Bertram Reinecke in seinem Verlag Reinecke & Voß bis auf Holzens Phantasus genau diese zurückgewiesenen Texte in der Anthologie Antreten zum Dichten! versammelt, zeigt erfrischend viel Gewitztheit. Die Nichtbeachtung der bürgerlichen Vossischen Zeitung dagegen war nicht so originell. Den Naturalisten wurde ja von Anfang an Kunstentweihung und Beschmutzung der Literatur vorgeworfen, weil sie mit drastischen Mitteln im pauperistischen Sumpf des grossstädtisch industrialisierten Menschen wühlten und gegen eine scheinhafte, verlogene Kulturproduktion vorgegangen sind. Hermann Conradi schrieb in seiner Vorbemerkung zu seinen Prosaskizzen Brutalitäten sogar von „Totgeschlagenwerden“, weil er mit der üblichen Kritik auf die provokanten Texte rechnete, die aber auch ein wenig selbstverschuldet war durch die Aggressivität der poetologischen Schriften, wie etwa Karl Bleibtreu schrieb: „Wenn Jesus Christus mir schlechte Gedichte vorlegte, ich würde ihn erbarmungslos vermöbeln.“
(…) Interessant erscheint ja gerade, dass diese Autoren mit ihren Publikationen 1899 noch einmal kollektiv auftraten, wo sich längst die Symbolisten und Ästhetizisten auf den Weg gemacht haben – Rilkes Larenopfer waren zu dem Zeitpunkt vier Jahre alt und Stefan Georges Algabal schon sieben Jahre her. Und wie jung wirken im Vergleich dazu naturalistische Gedichte! Was uns diese Epoche näher rückt, ist auch die Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen. Nur sind es heutzutage keine geschlossenen Schulen oder Zirkel mehr, welche die Heterogenität ausmachen, sondern jeder ist seine eigene Schule, die er in die Zirkel trägt. (…) / Walter Fabian Schmid bei Signaturen
(Robert Wohlleben, Hrsg.:) Antreten zum Dichten! Lyriker um Arno Holz. Leipzig (Reinecke & Voß) 2013. 160 Seiten. 13,00 Euro.
Verleihung des Karl-Dedecius-Preises 2015 für deutsche und polnische Übersetzer an Katarzyna Leszczyńska und Sven Sellmer
Darmstadt/Stuttgart, 27. April 2015 – Die Robert Bosch Stiftung zeichnet 2015 zum siebten Mal herausragende polnische und deutsche Übersetzer aus. Dieses Jahr geht der Karl-Dedecius-Preis an Katarzyna Leszczyńska und Sven Sellmer. Eine deutsch-polnische Jury unter dem Ehrenvorsitz von Karl Dedecius wählte die beiden Preisträger aus und würdigte ihre translatorischen Leistungen sowie ihre Vermittlungsarbeit zwischen den Nachbarländern. Der Preis ist mit jeweils 10.000 Euro dotiert und wird abwechselnd in Deutschland und Polen verliehen.
Der Preis wurde bereits 1981 von Karl Dedecius, dem Nestor der Übersetzer polnischer Literatur und verdienten Vermittler zwischen Deutschland und Polen, und der Robert Bosch Stiftung als Preis für polnische Übersetzer ins Leben gerufen. 1992 kam ein Förderpreis hinzu, seit 2003 wird er als Doppelpreis für polnische und deutsche Übersetzer verliehen.
Die diesjährige feierliche Preisverleihung findet statt am Freitag, 12. Juni 2015 (19.00 Uhr) im Karolinensaal im Hessischen Staatsarchiv Darmstadt, Karolinenplatz 3. Veranstalter sind das Deutsche Polen-Institut und die Robert Bosch Stiftung in Zusammenarbeit mit der Stiftung Karl Dedecius Literaturarchiv.
Katarzyna Leszczyńska (geb. 1969) studierte Germanistik an der Universität Warschau. Anschließend absolvierte sie ein Studium an der Hochschule für Sozialwissenschaften der Polnischen Akademie der Wissenschaften und promovierte an der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt (Oder). Sie lebt in Zürich, Warschau und im Urwald von Białowieża. Seit 2003 ist sie freiberuflich tätig und übersetzt u.a. Texte von Herta Müller, Aglaja Veteranyi und Mariella Mehr. Sie publiziert Essays zur deutschen Literatur u.a. in »Pogranicze«, »Literatura na Świecie« und »Przegląd Polityczny« und organisiert literarische Reisen im Rahmen des von ihr geleiteten Reisebüros.
Sven Sellmer (geb. 1969) studierte Philosophie, Indologie und Klassische Philologie in Kiel. Seit 2000 ist er als Indologe tätig, zuerst in Kiel, seit 2004 an der Adam-Mickiewicz-Universität Posen, wo er Sanskrit und indische Philosophie unterrichtet. Seit Mitte der 1990er Jahre übersetzt er aus dem Polnischen, Englischen und Sanskrit meistens geisteswissenschaftliche Sachtexte, aber auch Essays und Belletristik. Aus dem Polnischen übersetzte er u.a. Werke von Henryk Elzenberg, Czesław Miłosz, Marian Pankowski und Zyta Rudzka.
Mehr Informationen erhalten Sie unter: www.karl-dedecius-preis.de
Aus Anlass seines zweijährigen Bestehens im Juni lobt das Signaturen-Magazin einen kleinen Lyrikpreis in Höhe von 300,- Euro aus und lädt herzlich dazu ein, Beiträge einzureichen: Gesucht werden Gemeinschaftswerke zweier Autor*innen, die sich der Beschreibung eines Gemäldes oder Kunstwerkes widmen. Die Länge und Art des Textes ist offen.
Eingereichte Beiträge werden unter der Rubrik Werkstatt veröffentlicht.
Texte werden bis zum 01.12.2015 angenommen, unter info@signaturen-magazin.de
Die Juryentscheidung wird vor Weihnachten, spätestens bis zum Jahreswechsel bekanntgegeben. Die drei Juroren sind Annette Lux (luxbooks), Michael Gratz (Lyrikzeitung) und Andreas Heidtmann (poetenladen).
* Horaz, Ars Poetica, V. 10: „pictoribus atque poetis quidlibet audendi semper fuit aequa potestas“ – statt V. 361: „ut pictura poeisis“ (Ein Gedicht ist wie ein Bild)
Der Frankfurter Künstler und Kunstdozent Klaus Schneider zeigt im Jubiläumsjahr der Dreieicher Kunsttage seine Ausstellung „Haiku – wort bild klang“. Schon seit den 1990er Jahren und seit 2010 setzt sich der Künstler sehr intensiv mit der japanischen Lyrik auseinander. (…)
In den 1990er Jahren verarbeitete Klaus Schneider Haikus in den Bildern als Text in Blindenschrift. Mit der Wiederaufnahme der Arbeiten zu Haiku im Jahr 2010 hat sich das geändert: „Ein Haiku-Gedicht erzählt keine Geschichte, sondern evoziert einen aufgeladenen, einen poetischen Moment; es geht nicht um die Übermittlung einer Botschaft oder Information, sondern um die intensive und bewusste Wahrnehmung einer Form“. / Frankfurter Neue Presse
Ebenfalls fester Bestandteil des ilb ist der Graphic Novel Day, der zum fünften Mal nationale und internationale Comic-KünstlerInnen in Berlin präsentiert.
Der Beginn des Vorverkaufs wird auf unserer Website in Kürze bekannt gegeben. Weitere Informationen zum 15. ilb finden Sie unter www.literaturfestival.com bzw. www.facebook.com/internationalesliteraturfestivalberlin.
Die Berliner Autorin Monika Rinck wird mit dem Kleist-Preis 2015 ausgezeichnet. Die rbb-Mitarbeiterin sei eine „Meisterin aller Tonlagen“, teilte der Präsident der Heinrich-von-Kleist-Gesellschaft, Günter Blamberger, am Donnerstag in Köln mit.
„Rincks Registerreichtum ist so stupend wie ihr Witz. Ihre Texte können alles zugleich sein: virtuos und gelehrsam, berührend und pointenreich, humorvoll und melancholisch“, begründete Blamberger die Entscheidung. Der Preis soll der rbb-Mitarbeiterin am 22. November 2015 im Berliner Ensemble übergeben werden. Die Laudatio hält Heinrich Deterling [sic], der Präsident der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung. / RBB
Ein Ort der Stille. Ein Wille, der von diesem Punkt der Erde aufbricht, Weg wird, um sich immer nie zu vollenden.
Felix Philipp Ingold
Niemand führt heute mehr bei jeder passenden oder unpassenden Gelegenheit einen Vers im Munde, wie es noch meine Großmutter tat. (Marie Luise Knott, siehe hier)
Äh, Niemand? Sei gegrüßt, Niemand! ruf ich mir zu.
PEN International begrüßte gestern die Freilassung des Dichters Dieudonné Enoh Meyomesse, der für 40 Monate in Kamerun inhaftiert war. Er wurde zu 7 Jahren Gefängnis verurteilt, nach Einschätzung von Beobachtern aus politischen Gründen. Am 22.11. 2011 wurde er bei der Rückkehr von einer Reise nach Singapur verhaftet, am 27.12. 2012 nach einem Prozeß „ohne Nachweis eines Fehlverhaltens meinerseits, ohne Zeugen und nach Folterungen durch das Militär“, sagt der Autor, zu 7 Jahren Gefängnis und 200.000 CFA-Francs Geldstrafe verurteilt.
Dieudonné Enoh Meyomesse veröffentlichte neben zahlreichen Werken, darunter „Das Massaker von Messa 1955“ (2010), eine sehr kritische „Rede über den Tribalismus“. 2011 wollte er bei den Präsidentschaftswahlen antreten, aber ihm wurde die Einschreibung als Kandidat verwehrt. Aus der Haft veröffentlichte er „Gefängnisgedichte. Poesie aus dem Zuchthaus von Kondengui“. / ActuaLitté
Wenn man Gedichte maschinell erzeugen kann, dann stellt sich die Frage, ob und wie man auch das andere große Feld des Literaturbetriebs, die Rezension literarischer Texte, automatisieren kann. Die Rezension ist eine der ältesten und immer noch effektivsten Waffen im Arsenal der schriftlich geführten Auseinandersetzung um kulturelle Produkte. Seit etwa 250 Jahren stellt sie eine eigene Textsorte dar. Grund genug, sie in das System Literatur mit einzubeziehen. Der Rezensionsautomat Censeo wurde von Stephan Krass, der an der Hochschule für Gestaltung in Karlsruhe die Literatur betreut, gemeinsam mit Studenten entworfen und in einem dreisemestrigen Projektseminar gebaut. Genero und Censeo, der Gedicht- und der Rezensionsautomat, bilden nun ein in sich geschlossenes Paradigma, in dem Maschinen schreiben und kritisch besprechen, was geschrieben wurde – nur findet das Spiel genau umgekehrt statt. Am Anfang steht nicht das Gedicht, also der literarische Text, sondern die Rezension. You press the button the machine does the rest.
„Sie befinden sich hier bei Censeo, dem Rezensionsautomaten. Um das Rezensionsverfahren zu starten, betätigen Sie bitte den orangefarbenen Knopf direkt unter dem Monitor. Nach kurzer Zeit erhalten Sie eine automatisch erstellte Gedichtrezension. Diese wurde mit Hilfe unserer Random-Mode-Technologie generiert. Lesen Sie die ausgedruckte Rezension sorgfältig und begeben sich zu dem Terminal mit der aufgedruckten Aufschrift Genero. Folgen Sie hierzu, den auf dem Boden angebrachten Markierungen.“
Spr. 1
Beim Terminal mit der Aufschrift Genero erhält der ambulante Leser nun das Gedicht zur Rezension. Beide Ausgabetexte sind über die Programmierung von Schlüsselwörtern miteinander verzahnt. Nur ist das Verhältnis eben umgekehrt. Erst kommt die Rezension, dann das Gedicht. Wird in der Rezension z. B. das Stichwort „Vergänglichkeit“ erwähnt, generiert der Gedichtautomat einen poetischen Text mit Begriffen, die zu diesem Wortfeld passen. Die Installation Genero/Censeo ist auch als eine Paraphrase auf den zeitgenössischen Literaturbetrieb zu verstehen. Denn: droht nicht der Sekundärdiskurs mit einer Flut von Buchbesprechungen, kritischen Essays und Zeitgeist-Diagnostiken längst den Primärtext, den eigentlich literarischen Text, zu verdrängen?
Aus:
SWR2 LITERATUR
DER REZENSIONSAUTOMAT
WARUM LITERATURKRITIK EIN MEDIUM DER MASCHINE IST
VON MATTHIAS GÖRITZ UND NILS MENRAD
SENDUNG /// 19.10.2010 /// 22.05 UHR
In Atlantik City (New Jersey) the Casino Reinvestment Development Authority wants to hire a poet or poets for live poetry readings every Thursday at a farmers market the agency sponsors in Atlantic City each summer.
Poets be warned, though. The CRDA is making it clear that all poetry performances must be “family friendly (and) free of profanity and inappropriate language or themes.” / Press of Atlantic City
Zwei postume Gedichte des am 17. Februar in Berlin gestorbenen algerischen Dichters Malek Alloula werden in Kürze in Algerien und Frankreich veröffentlicht. Das teilte Nourredine Saâdi am Rande einer Trauerfeier in Paris mit. / El Watan
Die Zeit war auch reif, als er ab 1956 die etwas marmorne Nachkriegszeit im literarischen Dänemark mit Gedichtbänden wie «Konfrontation» durcheinanderwirbelte, schon der Titel war das Programm einer neuen Epoche: Rifbjerg wurde zum Wortführer des dänischen «Modernismus». Konfrontation suchte er bis zum Schluss, erst kürzlich erhitzte er die manchmal etwas selbstzufriedenen dänischen Gemüter mit der provokanten Aussage, dass es im Königreich höchstens zweitausend begabte Köpfe gebe. Er war in seiner Heimat tatsächlich, was man in der Schweiz nur mit Frisch und Dürrenmatt und in Deutschland mit Grass, Walser und Enzensberger vergleichen kann: ein Intellektueller, der sich nicht nur zu Wort meldete, sondern tatsächlich auch etwas zu sagen hatte.
Daraus ersieht man schon, dass das ganz und gar Unprätentiöse seines Stils (sowohl literarisch als auch im zwischenmenschlichen Umgang) nichts mit übertriebener Bescheidenheit zu tun hatte. Herausfordernd war nicht nur sein Drang zum literarischen Experiment, sondern auch sein Hang zu publikumswirksamer Inszenierung. So dichtete er immer, wie der Kritiker und langjährige Weggefährte Torben Brostrøm einmal sagte, «an seinem eigenen Mythos mit». Kein Zweifel, Rifbjerg (den man nach einem Andersen-Märchen den «Grossen Klaus» nannte) war womöglich die wichtigste Institution des dänischen Geisteslebens, zumindest nach 1945.
(…) Die Lyrik war für ihn selbst immer die wichtigste Gattung, das «Herzstück der Literatur, der innere Motor jedes sprachlichen Kunstwerks». Dabei hatte er einen ungemein schnellen Blick und eine rasante Auffassung, deshalb wirken seine Gedichte so unmittelbar, ja beinahe zügellos; Hans Magnus Enzensberger hat das eine «gleichsam gedopte Intelligenz» genannt.
Es gibt von Klaus Rifbjerg etwa ein Dutzend Übersetzungen ins Deutsche, erstaunlich also, dass sein Tod, der schon am Ostersamstag dieses Jahres nach kürzerer, schwerer Krankheit eintrat, in den deutschsprachigen Ländern nicht wahrgenommen wurde*. Das mag daran liegen, dass Lyrik nicht gebührend beachtet wird, vielleicht auch daran, dass ein Grossteil seiner Romane in der DDR erschien und gar nicht erst in den Westen gelangte. / Peter Urban-Halle, Neue Zürcher Zeitung 27.4.
*) Sofern die Lyrikzeitung zum deutschsprachigen Bereich gehört, doch: Gestorben
„Originalton“ heißt ein täglicher Bestandteil unserer Sendung „Lesart“. Darin bitten wir Schriftsteller jeweils für eine Woche um einen kurzen Text, in dem sie kleine Formen erproben und mit den Möglichkeiten des Radios spielen.
In dieser Woche begleitet uns SAID im Originalton – mit bislang unveröffentlichten Texten, die zusammen unter dem Titel „Das vibrierende Kind“ eine Art poetischer Autobiografie ergeben. Heute zwei Stücke, „Initiation 1“, Momente, die man nicht vergisst.
Der Schriftsteller SAID wurde 1947 in Teheran geboren, mit 17 kam er in die Bundesrepublik und ist heute ein hochangesehener, vielfach preisgekrönter deutscher Dichter. Schon seine ersten Gedichte schrieb er auf deutsch, inzwischen sind zahlreiche Lyrik- und Essay-Bände erschienen, SAID war auch Präsident des Deutschen PEN und aktiv im Writers in Prison Committee. / Deutschlandradio Kultur
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