Wie sich Gedichte in diesem „Sprachkrieg der Weltbürger“ produktiv situieren können, zeigt auch die aktuelle Nummer 212 der Zeitschrift „Sprache im technischen Zeitalter“. Hier demonstriert Marcel Beyer in einer fantastischen Detail-Interpretation eines Gedichts von Oskar Pastior, dass Gedichte eben nicht raunend metaphysische Weisheiten absondern, sondern Geschichtsspeicher sind. Gedichte, so Marcel Beyer, sind „Erkundungen von Nachbarschaften“, und sie untersuchen das „prekäre Verhältnis von Klangbetörung und Sinnbetörung“. (…)
Auf ein ganz anderes Feld von Sprachverwendung in der Lyrik führt uns der „Sprache im technischen Zeitalter“-Beitrag von Daniel Graf zur Übersetzungs-Poetik bei Ulf Stolterfoht und Uljana Wolf. Die Dichtung von Ulf Stolterfoht, so Grafs These, interessiert sich vorwiegend für die instabilen Verhältnisse zwischen den Wörtern und ihren Bedeutungen; und sie arbeitet stetig an einer Auflösung aller festen semantischen Bindungen. Für Stolterfoht ist es ein großes Sprachvergnügen, den Transformationen und Kollisionen der Wörter bei ihrer Übersetzung in eine andere Sprache zuzusehen und auch aus Zufallseffekten Poesie zu generieren. Das geht so weit, dass sich Stolterfoht selbst fragt, ob „Fehlerhaftigkeit womöglich eine Existenzbedingung“ für die Poesie darstellt? / Michael Braun, Poetenladen
Es gehört zu den Vorzügen guter Literaturzeitschriften, dass sie sich nicht andächtig vor dem literarischen Kanon verneigen, sondern ihn mit guten Argumenten ins Wackeln bringen und aus veränderter Perspektive neu ordnen. Dafür liefert die neue, großartige Ausgabe der Literaturzeitschrift „Schreibheft“ ein besonders markantes Beispiel. Erst kürzlich wurde „Schreibheft“-Herausgeber Norbert Wehr für seine langjährigen Verdienste um die Erschließung der zeitgenössischen Weltliteratur das Bundesverdienstkreuz verliehen. Tatsächlich sind die „Schreibheft“-Dossiers immer aufregende Expeditionen in unbekanntes Gelände, in jedem Heft wird ein neuer literarischer Kontinent, ein Autor oder eine literarische Gruppe in deutscher Erstübersetzung kartografiert. In der aktuellen Nummer 84 des „Schreibhefts“ wird zunächst ein literarischer Denkmalsturz vollzogen, um dann neue aufregende Strömungslinien der zeitgenössischen Dichtung freizulegen. Das erste Opfer der herben „Schreibheft“-Attacke ist der polnische Dichter und literarische Kosmopolit Adam Zagajewski. Welche literarische Wertschätzung der Weltbürger Zagajewski international genießt, verdeutlicht zum Beispiel die soeben bekannt gewordene Auszeichnung mit dem Heinrich-Mann-Preis der Berliner Akademie der Künste. Völlig zurecht verweist die Jury auf den Umstand, dass sich in Zagajewskis von metaphysischer Unruhe geprägtem Werk Poesie, Theologie und Philosophie verbinden zu einer Dichtung, die „das Sein im Ganzen fühlbar macht“.
Das neue „Schreibheft“ geht nun eher ungnädig mit Zagajewski um. Die Schriftstellerin Esther Kinsky hat hier ein Dossier mit neuer polnischer Lyrik zusammengestellt, in dem Zagajewski nur noch die Rolle des „Erhabenheitshüters“ spielt, dessen hoher Ton und Pathos ernüchtert werden muss. Die von Esther Kinsky vorgestellten Autoren sind zwischen 1968 und 1975 geboren und gehören einer Generation an, die allen Utopien den Rücken gekehrt hat und das nationale Pathos aushebelt mit Gedichten, die den rauen Alltag mit seinen unheimlichen Rätseln ins Zentrum stellen. „Dinge und Fakten haften von selbst aneinander“, heisst es in einem Gedicht von Dariusz Sosnicki, der seine Texte als „zweideutige Prophezeiungen“ versteht. Das „offene Gedicht“ der neuen polnischen Dichtung fordert eine Abkehr von dem alten Modell des politisch engagierten Gedichts, wie es Autoren wie Czeslaw Milosz und eben Adam Zagajewski verkörperten. Vorbildfunktion für die polnischen Dichter haben nunmehr die Lyriker-Kollegen der sogenannten New Yorker Schule, namentlich Frank O`Hara und John Ashbery, weil diese, wie es Jacek Gutorow sagt, „so hervorragend Zustände der Unsicherheit und Uneindeutigkeit beschreiben“, im Unterschied zur moralischen Selbsterhöhung eines Czeslaw Milosz. Dass zwischen den polnischen Adepten des offenen amerikanischen Gedichts und den Gralshütern der poetischen Tradition ein kleiner Kulturkampf entbrannt ist, dokumentiert auch die Debatte über die polnische Gegenwartslyrik, die im „Schreibheft“ abgedruckt ist. / Michael Braun, Poetenladen
Im Rahmen der Offenburger Literaturtage »Wortspiel« stellen wir Autoren und ihre Werke vor. In seiner Reihe »dichter:innen« präsentiert der Lyriker José F. A. Oliver die Chamisso-Preisträgerin Ann Cotten.
Es ist bisweilen schwierig, den Gedankengängen und Wortschöpfungen einer Dichterin zu folgen, die, wie Ann Cotten, eine Wortspielerin ist. Oliver, der die Adalbert-von-Chamisso-Preisträgerin am 30. April in der Buchhandlung Akzente im Rahmen der Offenburger Literaturtage »Wortspiel« präsentiert, drückte es in seiner Laudatio so aus: »Ich verstehe ihre Literatur, aber ich habe keine Interpretation der Bilder«. Er habe »nur Wahrnehmung, die Sätze bildet«. Ein gutes Gedicht sei wie ein Überfall, zitiert Oliver den Literaturkritiker Joachim Satorius. Und das trifft auf die Lyrik von Ann Cotten zu. Cotten sei eine »Umwandlerin«, sagt Oliver im Gespräch mit der Mittelbadischen Presse.
(…)
Spiegel online schwärmte von »literarischen Schmuckstücken«, ein Prosastück, »das seine Qualitäten komplett aus Dichtung und Sprachkunst schöpft« – damit kann der Durchschnittsleser nicht viel anfangen, fürchte ich.
Oliver: »Schmuckstücke« ist ein seltsam unpassendes, eigentlich ein völlig ungeschicktes Wort für Ann Cotten. Dichtung und Sprachkunst sind Antworten auf das Leben und die Verletzungen des Alltags. »Schmuckstücke« – das klingt liebreizerisch nach wortkünstlerischer Deko. Nein, ihre Kunst ist ein Wortfeuer. Man kann sich daran erwärmen, aber auch verbrennen.
Sie scheint mit Sprache sehr großzügig/frei umzugehen – doch was heißt das bei einer Dichterin? Ist das nicht gerade Sinn und Zweck?
Oliver: Sie geht mit (ihrer) Sprache so um, wie sie es muss. Das ist, glaube ich, weder »großzügig« noch »frei«, sondern eine innere Notwendigkeit der Fragen, die sie beschäftigen.
(…)
Für wen schreibt man derartige Prosa und Lyrik?
Oliver: Für sich und für andere. Die Leserschaft ist so vielfältig und unterschiedlich wie die Schriftsteller. Jeder literarische Text hat auch seine Leserschaft. Sich darauf einzulassen, heißt, die Wahrnehmung zu schärfen.
Cowboys are generally known to be rugged and out riding on the range, but they can also be good poets.
Today [21.3.] marks the 9th annual cowboy poetry and music gathering in Hagerman.
„We have people come here every year, just because they like cowboy poetry and music. It’s great entertainment and for those that grew up on a ranch or have the background, it’s maybe even a little more meaningful”, said committee member Tommie Paton. / kmvt.com
Morgen erhält Paulus Böhmer in Staufen den Peter-Huchel-Preis.
(…) Paulus Böhmers Gedicht folgt dabei in seiner poetischen Bewegung der natürlichen Atemfrequenz des Dichters, es ist ein Musterbuch des sogenannten „open verse“, wie ihn der amerikanische Dichter Charles Olson um 1950 propagiert und dann Allen Ginsberg in seinem großen Klagegesang „Howl“ realisiert hat. Seit bald dreißig Jahren ist der 1936 in Berlin geborene Paulus Böhmer als Apostel des langen Gedichts durch die Lande gezogen, aber erst jetzt, mit seinem visionären Wasser-Poem, hat er mit morgen in Staufen verliehenen Peter-Huchel-Preis die Anerkennung erhalten, die er seit langem verdient.
Auf seinem Weg hat ihn stets der kleine Peter Engstler Verlag begleitet, der in Ostheim in der Rhön einen Stützpunkt für deutsche Adepten der Beat Generation und andere eigensinnige Poeten errichtet hat. Das großformatige, 236 Seiten starke Gedichtbuch Böhmers ohne hilfreiche Sponsoren zu veröffentlichen, ist ein bewundernswerter editorischer Kraftakt, der nun belohnt worden ist. Böhmers im besten Sinne ausschweifenden Gedichte, die er seit 1987 in unterschiedlichsten Verlagen veröffentlicht, entfalten einen Furor des Diversen. Eine unglaubliche Vokabel-Vielfalt aus unterschiedlichsten Wissensgebieten wird mit Erinnerungsbildern und poetischen Zitatbrocken den Gedichten einverleibt, bis jener poetische Maelstrom in Gang kommt, den der Dichter in seinem Wasser-Poem so aufruft: „bin ein Wasserkopf, / der kaut und kaut, der kaut und kaut, nichts wiederholt, nichts schluckt,/ nichts sich einverleibt, sondern kaut, bis jeglicher Sinn / sich zersetzt hat…“ / Michael Braun, Badische Zeitung
Paulus Böhmer: Zum Wasser will alles Wasser will weg. Peter Engstler Verlag, Ostheim/Rhön. 236 Seiten, 35 Euro
Der Peter-Huchel-Preis wird am 2. April um 11 Uhr im Stubenhaus in Staufen verleihen; in diesem Jahr wegen des Karfreitags einen Tag vor Huchels Geburtstag.
In der Zeit machte sich – wie schon etliche deutsche Politiker und Historiker vor ihm – der Historiker Jörg Baberowski die offiziell-russische Sicht auf die ukrainische Geschichte zu eigen. Jetzt widerspricht der Historiker Ulrich Schmied:
Eine ukrainische Nation habe es im 19. Jahrhundert überhaupt nicht gegeben, sie sei vielmehr ein Kind der sowjetischen Nationalitätenpolitik. Die Westukrainer hätten mit Hitler kollaboriert, während die Ostukrainer als Soldaten in der Roten Armee kämpften. Die Geschichtserinnerung sei deshalb im Westen und im Osten grundsätzlich unterschiedlich: Hier fühle man sich als Opfer der Geschichte, dort als Sieger. Erst nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion sei die Ukraine „dazu verdammt“ gewesen, eine Nation zu werden.
Diese holzschnittartige Darstellung präsentiert eine dezidiert russische Sicht der Dinge und blendet zentrale Elemente der ukrainischen Kulturgeschichte aus. So trifft es nicht zu, dass Kiew und Charkiw vor und nach der Revolution keine Orte „nationaler Selbstvergewisserung“ gewesen seien. Das Gegenteil ist wahr: Die sogenannte romantische Schule von Charkiw war in den 1830er Jahren ein prominentes Zentrum der ukrainischen Nationalbewegung; und die Kyrill-Methodius-Bruderschaft, aus deren Kreis die erste nationale Programmschrift stammte, formierte sich 1845 in Kiew. In beiden Städten gab es wichtige ukrainische Geheimgesellschaften, die sich gegen die repressive Russifizierungspolitik des Zarenreichs stellten. Und in den 1920er Jahren waren Kiew und Charkiw blühende Zentren des ukrainischen Modernismus.
„Ich bin ein Mensch – ein Mensch, der Gedichte schreibt“: Diesen einfachen Satz, der von dem kürzlich verstorbenen großen Lyriker Różewicz stammt, hat Tadeusz Dąbrowski einem seiner neuen Gedichte vorangestellt. Doch er könnte genauso gut als Motto des ganzen Bandes fungieren. Für ihn, schreibt Dąbrowski in jenem Gedicht, sei ein Dichter nur „ein Handwerker, besorgt um das Schicksal der Dichtung“, seine Metaphysik – nichts weiter als „ein Rad am Wagen“. So klingt auch seine Stimme klar und deutlich, obwohl er eigentlich kein einheitliches poetisches Idiom erkennen lässt. Im Gegenteil, nichts scheint ihm einen größeren Spaß zu machen als mit der Vieldeutigkeit der Sprache zu spielen. / Marta Kijowska, DLF
Tadeusz Dąbrowski: Die Bäume spielen Wald. Gedichte. Aus dem Polnischen von Renate Schmidgall. Edition Lyrik Kabinett im Hanser Verlag, 97 S., 15,90 €.
Tadeusz Dąbrowski: Schwarzes Quadrat auf schwarzem Grund. Zweisprachig. Übersetzt von Andre Rudolph, Alexander Gumz und Monika Rinck. Wiesbaden: Luxbooks, 2010.
Seine Lyrik ist ein gewaltiges Schall- und Bildarchiv. Nun kann man, wie der am 1. April 2005 gestorbene Thomas Kling mit Sprache umgeht, in einer aufregenden Höredition erleben.
Wenn es um den Vortrag ging, verstand Thomas Kling keinen Spaß. In einem kleinen Essay schrieb er es allen dichtenden Zeitgenossen ins Notizbuch: Bloß keine „hingehuschten“ Sätze! Nichts war ihm ferner als die übliche Wasserglaslesung. „Piepsig und verdruckst“, nannte er das, „von peinigender Langeweile“ oder schlicht „eine Frechheit“. Kling erfand sich lieber seine eigene Idee: „Ich bezeichnete das, was ich unter Lesung verstand, schon früh als Sprachinstallation; auf einem copyzierten flyer taucht das Wort 1986 in Vaasa/Westfinnland auf, wo ich eine Zeitlang lebte und ein paar Auftritte hatte; Sprachinstallation, gleich dreisprachig, Schwedisch und Finnisch kamen dazu.“ (…)
Thomas Kling ruft in diesem Zyklus mit H.C. Artmann und Ezra Pound nicht nur zwei Traditionen auf, die er in seiner ganz eigenen Art fortzuschreiben suchte. Im Schlussgedicht des Zyklus macht er auch klar, welche Bedeutung das Gedicht für ihn hatte, und welche Rolle er seinem Verfasser zumaß. Wie in einem Inhalator wird hier ein flatterndes „atemtelegramm“ in die Luft entlassen. Eine „salzbarke, die in see sticht“, um sich sofort aufzulösen. Doch so flüchtig dieses „wölkchen“ aus Salz auch sein mag – seine Wirkung könnte größer kaum sein: „atemmail, wie metal aim / gezähnte lüfte. so lautet inhalt, kurz hall-mail, / so inhaliert uns der dichter.“ / Nico Bleutge, Süddeutsche Zeitung 31.3.
Thomas Kling: Die gebrannte Performance. Lesungen und Gespräche. Hrsg. von Ulrike Janssen und Norbert Wehr. 4 CDs und ein Begleitbuch. Lilienfeld Verlag, Düsseldorf 2015. 250 Minuten, 24,90 Euro.
„Printemps des poètes“ hin oder her, Poesie hat nicht immer gute Presse. Sie ist so etwas wie das letzte Einhorn der Literatur. Ständig ist sie bedroht von der Forderung des unmittelbaren Nutzens, immer lastet auf ihr der Ruch des Elitären und der Unverständlichkeit.
(…) Dennoch steht sie, wie die Kunst im Allgemeinen, unentwegt unter Rechtfertigungszwang. Es stellt sich die Frage nach der alltagsweltlichen Daseinsberechtigung der Lyrik: Hölderlin, Novalis, Baudelaire, Verlaine, Jaccottet? Wer sind die alle? Wozu noch rezitieren, wieso sich Zeit nehmen zum Interpretieren? Und was nützen einem Stanzen, Alexandriner und Reime in Zeiten der Industrialisierung? / Michèle Vallenthini, Tageblatt.lu
vom 8. bis 10. Mai / Poetry im Vorfeld / Poesiepreis-Verleihung am Schlusstag
Münster (SMS) Die klugen wie unterhaltsamen Prosa-Miniaturen, mit denen die Büchner-Preisträgerin Brigitte Kronauer deutsche Balladen kommentiert hat, wertet Hermann Wallmann als eine Art „Vorschule des anreichernden und bereichernden Lesens“. Sie öffnen das Auge für Details und bilden mit den modernen und klassischen Balladen, die Schauspieler Gerhard Mohr vom Theater Münster vortragen wird, einen sprachgewaltigen Auftakt für das Internationale Lyrikertreffen. Vom 8. bis 10. Mai steht Münster ganz im Zeichen der Dichtkunst. Drei Tage Lyrik pur – modern, lebendig und weltoffen.
Die 19. Ausgabe, gemeinsam ausgerichtet vom städtischen Kulturamt und Literaturverein Münster, verspricht mit ihren Kontrasten hochinteressante Einblicke in die Stimmenvielfalt aktueller Poesie. Lyriker von Renommee und aufstrebende junge Namen sind der Einladung des künstlerischen Leiters gefolgt, viele von ihnen – darunter Esther Kinsky, Uljana Wolf oder die Österreicherin Maja Haderlap – sind Träger wichtiger Literaturauszeichnungen. Hermann Wallmann: „Fast alle arbeiten auch als Übersetzer. Lyrik von heute bedeutet Belesenheit, Mehrsprachigkeit, poetologische Reflexion, internationalen Austausch.“
Dass die Übersetzung von Lyrik selbst schöpferische Leistung ist, das würdigt die Stadt Münster mit ihrem bundesweit einmaligen Preis für Internationale Poesie. Sie vergibt ihn – seit 1993 – traditionell am Schlusstag des Lyrikertreffens. „Diese Auszeichnung ist im besten Sinn eine Anerkennung für Verständigung, für Vermittlung über Sprachräume und Grenzen hinweg“, unterstreicht Kulturamtsleiterin Frauke Schnell die Aktualität. „Der Poesiepreis ist eine wichtige Auszeichnung in der Friedensstadt Münster.“ Mit Charles Bernstein wird ein Verfechter des „Schwierigen Gedichtes“ geehrt. Der Amerikaner gilt seit den 1970er Jahren als prominentester Vertreter der „language poetry“. Neben Bernstein geht der Preis an zwei Kollektive, die bei ihren Übersetzungen ungewöhnliche Wege beschreiten, sich vom Original lösen und dem übersetzten Gedicht eine eigene Sprache verleihen. Vertiefen lässt sich das beim Lyrikertreffen: Ein öffentlicher Workshop lädt zum Experimentieren mit Sprache und Sprechen ein.
Lyrik im Genre-Mix
Das ist eine spannende Verbindung zu Poetry 2015. Bereits im April beginnt ein umfangreiches Programm, in dem sich Lyrik mit anderen Künsten verbindet in Filmen, Sprechduetten, Musik, Fotografien, Videoclips. Beide, das Poetry-Programm und das Lyrikertreffen, widmen sich dem Thema Portrait. So gilt das „in memorian“ Helga M. Novak (1935-2013). Silke Scheuermann liest die expressiven Liebesgedichte der „Wutbürgerin“ (Tagesspiegel), die – aus der DDR ausgebürgert – isländische Staatsbürgerin wurde. Joachim Sartorius portraitiert mit Wallace M. Stevens einen der größten amerikanischen Dichter des 20. Jahrhunderts.
Abendlesungen
Auffälliges Thema in der Gegenwartslyrik ist Natur und Naturgeschichte – auch eines der Schwerpunktthemen in Münster. So nimmt Esther Kinsky (mit ihrem Roman „Am Fluss“ auf der Longlist des Deutschen Buchpreises) die Vegetation einer Landschaft zum Ausgangspunkt für ausgedehnte lyrische Streifzüge. Heinrich Detering, renommierter Literaturwissenschaftler aus Göttingen, holt Welt und Geschichte in den Vers. Maja Haderlap wendet sich der politisch registrierten Landschaft zu. Wie auch Daniela Danz, die sich der Chiffre „V“ wie Vaterland widmet und fragt, was Europa, was die Gesellschaft zusammenhält. Mit klugem Witz betrachtet der junge polnische Lyriker Tadeusz Dąbrowski die Welt. Strengen formalen Regeln unterwirft der Leipziger Thomas Kunst die Sprache, wenn er Geschichten in komplexen Sonettenkränzen erzählt. Der Leipziger – zugleich als Gitarrist in der improvisierten Musik zuhause – schreibt intensive Gedichte, erotische Liebesgeschichten, Zeilen vom Leben und vom Scheitern, die unter die Haut gehen.
Auf eine persönliche und lebensnahe Vermittlung für Lyrik setzen auch die Schullesungen. Viele Dichter kommen in die Klassenzimmer. Sie sind nicht nur in den Oberstufen zu Gast, sondern innerhalb des Angebotes „Kulturrucksack“ auch bei den 10- bis 14-Jährigen.
Kartenvorverkauf im Theater Münster, Telefon 59 09 100. Ein ausführliches Programmheft gibt es in der Münster Information, Stadthaus 1; www.lyrikertreffen.muenster.de
Ihre Gedichte schreiben Naturgeschichte: Die Lyrikerin Silke Scheuermann. Foto: Kirsten BucherSeine Gedichte wirken leicht und beschwingt: Tadeusz Dabrowski liest beim Lyrikertreffen in Münster. Foto: Renata DabrowskiSeine Werke sind musikalisch inspiriert: Der Autor und Gitarrist Thomas Kunst. Foto: Mayjia Gille
Als erste las Özlem Özgül Dündar, Mitgewinnerin des Wolfgang-Weyrauch-Förderpreises 2015: „Wenn der Verstand das Gespräch verlässt“ – und zwar in München – darauf wurde hingewiesen – mit neuem Vortragsstil. Einem, der die enge Bindung an die schriftlich gestaltete Korsettform unterläuft und damit ein wenig auch die Laudatio in Darmstadt („Beschädigung des Subjekts durch eine beschädigte Sprache“), also ohne Hervorhebung ihrer Kürzel im Text und ohne Zeilenzäsur. Später im Gespräch soll sie noch einmal intonieren, als sei hier Darmstadt (nur mit den Initialkürzeln u und n für „und“ und „nicht“, was zu Brüchen und Synkopen führt und dem Text gerade beim U – aus dem Bauch heraus – körperliches Empfinden zumischt, wie im 18. Jahrhundert das „Oh“).
2
Nach Dündar, trat die zweite Gewinnerin des Wolfgang-Weihrauch-Förderpreises diskret lächelnd ans Stehpult, Anja Kampmann. Döring erwähnte zuvor ihre ausgezeichnete Versarbeit, ihren fein gesponnenen „Gedichtkörper des Landschaftsgedichts“, doch auch die „Angst, die sich nicht ausspricht, aber anspricht“.
Wie schon zuvor Dündar, outriert auch sie ein bisschen, zwar nicht laut, vielleicht ist es auch nur das dämonisch tiefe Licht der Leselampe, rötlich widerstrahlend, eher versonnen, dafür Geheimnisse provozierend.
3
Döring moderierte als Höhepunkt des Abends nun den Gewinner des Leonce- und Lena- Preises, David Krause, nicht ohne zuvor noch allgemein zu ergänzen, dass sich im Laufe der letzten zehn Jahre eine beinah heimliche, aber wesentliche Änderung in der Lyrik und im Rezeptionswillen vollzogen habe, denn es gebe „keine aufgeregten lyrischen Jungdichter mehr – sie beherrschen den Vortrag.“ Was Krause betrifft, erwähnte er eine schmerzvolle Sehnsucht, die das Bedauern festhalte – und seine „sprachgesungene Selbstsuche“, und was selten sei, dass ein Poet seine Gedichte auswendig vortrage.
Auf mich wirkte Krause, wenn auch nicht optisch und vielleicht unsicherer, eher so, wie ich mir einen jungen Walt Whitman vorstelle denn einen Rolf Dieter Brinkmann, allerdings ohne den globalen Anspruch des Amerikaners. Aber zum Teil ebenso mantrisch.
… dann geht es in den Gedichten, fast sozialistisch anmutend, in gleichförmiger Kleinschreibung weiter nach Hohenschönhausen in die DDR-Vergangenheit. Das wird mit ‘in die grüne Linde geht mir keiner’ aufgerufen, indem einerseits die FDJ in einem der Gedichte benannt wird, andererseits mit der grünen Linde das Bezirkswappen Hohenschönhausens in der Zeit von 1987-1993 aufgerufen wird. … Und ich bin noch immer ein bisschen ratlos und meine obige Strukturerkenntnis alles andere als zwangsläufig. / Tim König, booknerds.de
Tom Bresemann arbeiten und wohnen im denkmal luxbooks ISBN: 978-3-939557-58-6
Nach zwölf Jahren lyrischer Abstinenz legt der 1965 geborene, mittlerweile in Dresden lebende Marcel Beyer mit „Graphit“ wieder einen Gedichtband vor. Mit Verweis auf die mitunter kaum zu entwirrende Polyphonie seiner meist in Quartetten, also Vierzeilern verfassten, mitunter zu Zyklen verklammerten Gedichte heißt es im Klappentext: „Solche Mehrstimmigkeit ist für Marcel Beyer das einzig wirksame Gegengift gegen den ganzen monolithischen, den fanatischen, den faschistischen und chauvinistischen Schwachsinn in der Poesie und das Reden darüber.“
Das ist starker Tobak für die Einführung in einen Gedichtband, und man fragt sich, wer solche starken Verbalinjurien und in welcher Absicht aussendet. Wer sich der Sinn suchenden Beyerschen Vielstimmigkeit beim Schreiben entzöge, wäre bereits „fanatisch“, „faschistisch“ und „chauvinistisch“? Mir scheint, da wird mit populistischem Sprachkanonen auf Spatzen geschossen.
Und welches Ziel steckt wohl dahinter? Soll da etwa ein Autor von vornherein über alle ideologischen Grabenkämpfe erhoben und auf dem Altar der hohen Kunst kanonisiert werden? Das wäre dann sehr deutsch. (…) / Jochen Kelter, Südkurier
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