Ein biografischer Roman über das Leben des Dichters Ivan Blatny ist mit dem wichtigsten tschechischen Buchpreis ausgezeichnet worden. Das teilten die Veranstalter des Preises «Magnesia Litera» am Mittwoch mit. Der Autor Martin Reiner zeichnet in «Der Dichter» (übersetzter Titel) das tragische Schicksal des Tschechen zwischen Exil und Wahnsinn nach. Der Preis ist mit umgerechnet 7300 Euro dotiert.
Nachdem Blatny 1948 ins Exil nach England gegangen war, wurden seine Gedichte in der sozialistischen Tschechoslowakei verboten. Der Flüchtling litt an Angst vor Verfolgung und verbrachte Jahrzehnte vereinsamt in britischen Heilanstalten. Erst 1977 publizierte Blatny wieder, nachdem eine Krankenschwester die Gedichte ihres Patienten an einen Exil-Verlag geschickt hatte. / europeonline
The most famous version of Wordworth’s “I Wandered Lonely as a Cloud,” or “Daffodils”—that landmark of English Romanticism, a pedagogical perennial that’s inspired thousands of stock photos of daffodil fields—turns two hundred this year. Most of us remember it fondly; some do not. “I am sure it is a great poem,” one YouTube commenter wrote in response to a spoken rendition, “but every ten-year-old Indian is tortured and tormented by [it] … As a kid I remember I had to memorize pages dissecting this poem, but one question always remained—What the hell is a daffodil? No Indian kid ever laid eyes on that flower.” / Dan Piepenbring, The Paris Review

#goldendaffodils, #wordsworth, #indiankids
I Wandered Lonely as a Cloud
BY WILLIAM WORDSWORTH
I wandered lonely as a cloud
That floats on high o’er vales and hills,
When all at once I saw a crowd,
A host, of golden daffodils;
Beside the lake, beneath the trees,
Fluttering and dancing in the breeze.
Continuous as the stars that shine
And twinkle on the milky way,
They stretched in never-ending line
Along the margin of a bay:
Ten thousand saw I at a glance,
Tossing their heads in sprightly dance.
The waves beside them danced; but they
Out-did the sparkling waves in glee:
A poet could not but be gay,
In such a jocund company:
I gazed—and gazed—but little thought
What wealth the show to me had brought:
For oft, when on my couch I lie
In vacant or in pensive mood,
They flash upon that inward eye
Which is the bliss of solitude;
And then my heart with pleasure fills,
And dances with the daffodils.
Ostern ist vorbei, aber klingt das nicht festlich? Lyrik ist erstanden, alles wird gut:
Lyrik gilt manchen als schwer zugänglich; im deutschsprachigen Raum wirkte das Genre über Jahrzehnte stagnierend, vegetierend, gar tot. Doch in letzter Zeit scheint das Gedicht ein Comeback zu feiern. Lyrik wird wieder stärker nachgefragt, auch die Verlage zeigen vermehrt Interesse, zuletzt wurde in Leipzig der Buchpreis an einen Lyriker, Jan Wagner, verliehen.
So kündigt der ORF ein Gespräch mit Verena Stauffer an.
#wiedergeburtderlyrik
Seit sich das Feuilleton mit Straßenrap beschäftigt, Politiker öffentlich mit Rappern kommunizieren und HipHop Einzug in die Mainstreamkultur hält, stellen sich immer mehr und—vor allem—immer größere Fragen zu der Kunst des Rap. Zum Beispiel: Wie qualitativ hochwertig sind die Lyrics der Deutschrapper? Ist Haftbefehl wirklich ein Meisterdichter? Könnte Kollegah Goethe im Faustkampf besiegen? Und: Kann ein neuer Teil CCN die Welt retten? Fragen über Fragen. Wir versuchten Antworten zu finden, indem wir einen Experten heranziehen, da wir es so im Journalismus-Studium und bei Jan Böhmermann gelernt haben.
Um herauszufinden, wie lyrisch gehaltvoll ein Haftbefehl-Text tatsächlich ist und wie beeindruckend die Reime von Kollegah sein können, haben wir das Urteil eines objektiven Außenstehenden gesucht und einen mehr als fähigen Experten gefunden, der sich bereitwillig mit den Texten unserer Lieblingsrapper auseinandergesetzt hat: Professor Doktor Sven Hanuschek ist Publizist und Professor am Institut für deutsche Philologie der Ludwig-Maximilians-Universität München und kennt sich ganz hervorragend mit Literatur und deutscher Sprache aus. Wir haben ihm zwar vorher verboten, die Songs anzuhören, aber sein 13-jähriger Sohn hat ihm verraten, dass er selbst Kollegah großartig und Haftbefehl unerträglich findet. Trotzdem ist Professor Hanuschek in unserem Skypegespräch unvoreingenommen und professionell an die Analyse herangegangen: Lesen Sie hier
It’s National Poetry Month and You Haven’t Read a Single Poem Yet, Have You?
I don’t know many people who like poetry, though I do know a good number of people who read. Poetry remains rarefied and uninviting—or is the better word unappealing?—which is why I suspect National Poetry Month consistently passes uncelebrated and unacknowledged in the lives of most Americans. Poetry is the country music to those who might otherwise fancy themselves readers of everything, the form of writing almost all otherwise enthusiastic readers (of fiction and history and short stories and essays…) are excused for eschewing.
(…)
In honor of National Poetry Month, then, here are some poems that might inspire non-poetry readers to reconsider their abstinence. My only criteria for inclusion: the poem had to be written by a living American, and it had to be good. There’s no pressure to “get” anything about a certain poem and no quiz about symbolism or syllables at the end. This is purely for pleasure, not for points.
Thomas Sayers Ellis’s “All Their Stanzas Look Alike”
Yusef Komunyakaa’s “Facing It”
EJ Koh’s “To My Mother Kneeling In The Cactus Garden”
Steve Roggenbuck’s “Somewhere in the Bottom of the Rain”
Eileen Myles “Peanut Butter”
Marie Howe’s “What The Living Do”
Stephen Dobyn’s “How To Like It”
Denice Frohman’s “Dear Straight People”
Yoko Ono’s “End Piece” (auf der Seite unten)
/ Charlotte Shane, The New Republic
In 1996 the Academy of American Poets dubbed April National Poetry Month to celebrate the richness of American poetry. In its honor, here are 20 black American poets who have shown brilliance in their art and service to the community. Poets include: Gwendolyn Brooks, Langston Hughes, Audre Lorde, Rita Dove, Lucille Clifton, Derek Walcott, Maya Angelou and Angelina Weld Grimké.
Wir haben es nicht mit Vergewisserungskunst zu tun, nicht mit der Fülle an der pseudosouveränen Rechenschaftspoesie der Bob-Dylan-Fan-Generation (männliche, weiße Europäer, geb. 1960-70). Wir sind von der Stimmung her irgendwo nun zwischen Inside Llewyn Davis (2013) und A Serious Man (2009).
Die produktive Energie aus den Gedichten von »Ich im Bus im Bauch des Wals« zeigt, dass Ulrich Koch am Ende des Tunnels angekommen ist und Licht mitgebracht hat von dorther aus der Düsternis für die Nacht, die nun vor ihm liegt.
»Sanft wie Berge gingen alle Vergleiche
neben der Rede. Schwarze
Berge, über die das Licht stieg und
fiel. Ich schnorrte Gold.(…)
/ Paul-Henri Campbell, Fixpoetry
Ulrich Koch: Ich im Bus im Bauch des Wals
Edition Azur, 2015
Die Puppe ausgeschlachtet. Die Liebe mit künstlichen Augen. Auf Herrchens Knie die laue Schnauze.
Felix Philipp Ingold
Paulus Böhmer ist der Dichter der großen Worte und der langen Rede. Im Grunde sind all seine Langgedichte Ausschnitte aus einem einzigen Gedicht, das, wenn es nur möglich wäre, das gesamte Universum vom kleinsten Kleinen bis zur Unendlichkeit umfassen würde. Jedes seiner Gedichte will die ganze sprachlich fassbare Welt festhalten, jedes einzelne Wort reckt und streckt sich lustvoll der Gesamtsprache entgegen. Böhmers Gedichte fangen irgendwo an und hören irgendwo auf, aber das ist nur ihrer unausweichlichen Verhaftetheit in der Zeit geschuldet. Sie zielen immer auf alles, sind Rausch, orgiastische Feier des Daseins, des Lebens und des Sterbens, Gebete ohne Gott, die im Überschwang auch mit einem „Amen“ oder einem schlichten „Ja“ enden können, weil sie nun mal enden müssen. (…)
Das ist in einem kleinen Band mit zwei Langgedichten nachzulesen, die zwar beide schon einmal vor 15 Jahren erschienen sind, jetzt aber als komplementäre Teile eines Ganzen beieinander stehen und die Methode Böhmers deutlich werden lassen. / Jörg Magenau, Süddeutsche Zeitung
Paulus Böhmer: Wer ich bin. Gedichte. Edition Faust, Frankfurt am Main 2014. 56 Seiten, 16 Euro.
Die ukrainisch-deutsche Schriftstellerin und Bachmann-Preisträgerin Katja Petrowskaja erinnert sich an den ukrainischen Nationaldichter Taras Schewtschenko.
Ich möchte Ihnen ein Gedicht vom Taras Schewtschenko vorlesen. Als ich Anfang Januar in Kiew gewesen bin und all die feiernden Menschen sah, habe ich oft an die Verzweiflung Schewtschenkos gedacht. Er gilt als der ukrainische Nationaldichter. Es sagt sich so einfach: „Nationaldichter“.
Man kennt Goethe, Byron, Puschkin. Schewtschenko war der einzige in dieser Reihe, der als Leibeigener geboren wurde. Von Kindheit an war er hochbegabt und sein „Besitzer“ hat ihm die Möglichkeit gegeben, Malerei zu erlernen, dabei war Schewtschenko buchstäblich ein Sklave im russischen Imperium des neunzehnten Jahrhunderts.
Es waren der russische Dichter Wassilij Schukowskij und der Maler Karl Brullow, die Schewtschenko freigekauft haben. Er hat aber politische Gedichte gegen den Zaren verfasst und wurde dafür zum Strafdienst in der zaristischen Arme verurteilt. Sein ganzes Leben lang hat er Prosa und Tagebücher auf Russisch geschrieben und Gedichte auf Ukrainisch.
Wir mussten in der Schule viele Freiheitsgedichte von ihm auswendig lernen, ich mochte sie nicht und habe für mich ein anderes ausgesucht. Es war eines der tragischsten Gedichte des Bandes „Kobsar“ und nun erinnert mich dieses Gedicht an „Sonett Nummer 66“ von William Shakespeare: „tired will all these for restfull death I cry.“
Vielleicht ist es die unpathetische ukrainische Variante dieser Verzweiflung. Schewtschenko schrieb das Gedicht 1860 in Sankt Petersburg kurz von seinem Tod. Es geht um die vollkommene Einsamkeit eines Menschen, der am Ende seines Lebens steht, auf nichts mehr wartet, niemanden mehr hat, an keinen Frühling mehr glaubt, an kein Wiedersehen mit seiner Heimat, nicht einmal daran, dass die Hoffnung wiederkehrt. / DLR
An dieser Stelle zünde ich mir eine Zigarette an und lese ein wenig Monika Rinck, um mich nicht so schmutzig zu fühlen.
Zitat aus einem langen Kommentar von Yevgeniy Breyger zu allem was Spaß macht, nee, geht nicht, weh tut – ach lesen Sie selbst (bei Fixpoetry)!
Ein Wortkommentar
Thomas Kling:
sapphozuschreibun‘. nachtvorgang
………………………………………….. ab-
gesackt, hinab, ist schon der mond
und di pleiaden. mitte schon, nacht-
rinne stunde. als eine: muß ich schlafn
(für Ute Langanky)
aus: Thomas Kling: morsch. Gedichte. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1996, S. 67
sapphozuschreibun‘: kling verwendet radikale kleinschreibung und elemente einer privatorthographie. hier „di“ für die, die elision des e in schlafn und das weglassen des g in zuschreibung. ich nehms als performativen akt: gleich das erste wort sagt: dies ist mein reich, hier gelten meine regeln. performativ auch darin, daß man beim vortragen verunsichert wird. wie soll man das aussprechen? auf jeden fall anders als in prosa: soll man. inhaltlich bezieht sich sapphozuschreibung wohl auf die diskussion in der forschung um die echtheit des fragments. ist es von sappho oder wird es ihr nur zugeschrieben? aber zugleich eröffnet es klings poetischen akt. ich, der deutsche dichter, schreibe sappho etwas zu.
nachtvorgang: ist als zweiter teil des titels die inhaltsabgabe, ganz sachlich. der titel ist wie ein schild, auf dem steht: „achtung, hier schreibe ich sappho etwas zu, es handelt von einem nachtvorgang“
abgesackt: die aufteilung auf 2 verse betont den fragmentcharakter. gleichzeitig wieder performatives: herausforderung für vorleser. man kann es nicht wie prosa runterrasseln. soll man vielleicht singen? keine schlechte idee. kling hat gelegentlich auf die verwandtschaft zwischen lyrik und oper hingewiesen. das wort absacken ist umgangssprachlich für sinken, untergehen, auch trinken, chillen. in „schriftsprache“ kann man das wort nicht verwenden. (ansage: meine oper ist keine klassische, sondern eine moderne. hier wird gesungen, aber nicht belcanto!) auch die verdopplung:
abgesackt, hinab: geht in diese richtung. gemeint ist ja nur: der mond ist schon untergegangen.
mitte schon, nacht-/ rinne stunde: es ist mitternacht. schon spät (die zeit vergeht!). die aufteilung gabs schon im originaltext: „mitte der / nacht, die zeit vergeht“ kling verschiebt das enjambement auf den zweiten teil, eigentlich verunklart / „verfälscht“ er den text, es ist ja ein alter text in einer fremden, toten sprache. vielleicht schwer verständlich, vielleicht schwer lesbar; es ist auch nicht sapphos manuskript, sondern eine viel spätere abschrift, die vielleicht durch schreibfehler korrumpiert ist? kling instrumentiert die unsicherheiten, indem er eine eigene „deutung“ schafft (wir erinnern uns, es ist keine übersetzung, sondern eine „zuschreibun‘ „). das gedicht scheint zu stottern, alles wird zweimal gesagt, unsicher, zögerlich gesprochen. 1. der mond ist schon abgesackt / hinab 2. mitte, nacht-/rinne durch das „falsche“ enjambement wird eine doppellesbarkeit erzeugt. erste lesart die hier schon angedeutete: nachtrinne, rinne = Furche, Graben, Grube, Vertiefung. die mitternacht als furche zwischen 2 tagen. zweite: erst danach bemerkt man, daß „rinne stunde“ auch anders gelesen werden kann. es ist jetzt das verb „rinnen“ = fließen, wegsickern, verschwinden, verstreichen. rinne! (imperativ). die zweite lesart also: vergehe (endlich), stunde! es ist ein nachtvorgang. schlaflosigkeit: die kanadische dichterin anne carson, die auch altphilologin ist, übersetzt sapphos fragment 168B so: Moon has set and Pleiades: middle night, the hour goes by, alone I lie. die schlaflosigkeit der (weiblichen) sprecherin hat mit ihrer einsamkeit zu tun, mit ihrem alleinsein, sagt uns der schluß. kling führt das erzwungene alleinsein explizit ein, „muß“ ich schlafn.
als eine: ist nicht „korrektes“ deutsch. der doppelpunkt bei kling erzwingt eine denkpause, wieder verunsicherung des lesers (und ebenso des vorlesers: den doppelpunkt mitsprechen durch stimmführung und mimik). als eine: eine was? als einsame frau
(Michael Gratz)
Als wir den Plan (Dirk Uwe Hansens Idee, ich ließ mich zum Mittun überreden) für die Anthologie faßten, war ich neugierig und zugleich skeptisch. Klar, jeder kennt den Namen Sappho und das Fragment mit Mond und Pleiaden. Aber reicht das für produktiven dichterischen Umgang? Es gibt viele Übersetzungen, aber wer sind die Leser? – 2010 hatten 2 jüngere Dichter, Ann Cotten und Roman Graf, auf zusammen fast 10 Seiten ihre Paraphrasen des Pleiadenfragments veröffentlicht. Und dann gab es die berühmte „Sapphozuschreibung“ von Thomas Kling (1996): ab-gesackt, hinab, ist schon der mond und di pleiaden. mitte schon, nacht- rinne stunde. als eine: muß ich schlafn (für Ute Langanky) Aber ob sich das verlängern ließ? Vielleicht war das Material ausgeschöpft? Wir veröffentlichten einen Aufruf: call for poems:
Wir besitzen fast nichts mehr von ihrer Dichtung und wissen noch weniger von ihrem Leben. Und doch: Sappho lässt die Dichterinnen und Dichter, Leserinnen und Leser nicht los. Vielleicht, weil es so verführerisch ist, die Lücken, die die Überlieferung in ihr Werk gerissen hat, zu füllen; vielleicht auch, weil das Wenige, das wir lesen können, so überwältigend schön ist, dass man sich seiner immer wieder vergewissern will; es schafft sich jede Zeit ihre Sappho. Wir möchten gern wissen, welche Sappho unsere Sappho ist. Deswegen planen wir eine Anthologie mit Gedichten, die ihren Ausgang von Sapphos Poesie nehmen; um sie zu vervollständigen, ihr ein Eigenes entgegenzusetzen, sie zu verstehen, mißzuverstehen, umzudeuten, weiterzugeben, was auch immer Ihr wollt / Sie wollen.
Dem fügten wir einige Beispiele zu, die oben eingerückte Fassung von Thomas Kling z.B. oder von Anne Carson: Moon has set and Pleiades: middle night, the hour goes by, alone I lie. und von Ann Cotten: … Es regnet. Es gibt Plejaden. Es gibt mich. Man schläft. … Dann warteten wir ein halbes Jahr, und dann, allmählich, kamen so viele Texte, daß wir auswählen konnten. Besonders viele zu dem Mond-Pleiaden-Fragment, das schon seit über 200 Jahren deutsche Dichter fasziniert. Aber wir wollten keine Mondgedicht-Anthologie. Und es geschah das Wunderbare: viele Dichterinnen und Dichter aus dem gesamten deutschsprachigen Raum schickten uns ihre Sappho-Gedichte. Männer und Frauen, Jüngere und Ältere, eher traditionell „lyrische“ ebenso wie eher „experimentelle“, man verzeihe die Hilfsbegriffe. Unsere Sappho-Anthologie wurde fast zu einer Inventur gegenwärtiger Schreibweisen. Es macht mir immer wieder und noch immer Spaß, wenn ich darin lese.
Michael Gratz
Muse, die zehnte. Antworten auf Sappho von Mytilene. Hrsg. von Michael Gratz und Dirk Uwe Hansen. Dt./altgriech. Greifswald (freiraum-verlag) 2014. 150 Seiten. 14,95 Euro.
Als Schwarzwaldandalusier ist José F. A. Oliver in den deutschen Literaturbetrieb eingegangen – spätestens seitdem 2007 sein Essayband „Mein andalusisches Schwarzwalddorf“ erschienen war. Dieser Titel könnte auch über seinem eben erschienenen jüngsten Prosawerk stehen – doch „Fremdenzimmer“ ist ein viel hintergründigerer, spielerischerer und poetischerer Titel für die elf Essays, die der kleine, aber sehr feine Weissbooks Verlag herausgebracht hat. José F. A. Oliver, ein Lyriker von Graden, lebt seit seiner Geburt im Jahr 1961 in Hausach, einer Gemeinde in der Nähe von Offenburg: Durch das von Oliver ins Leben gerufene Festival Hausacher LeseLenz hat die Kleinstadt einen Namen und ein Gesicht weit über die Region hinaus bekommen.
Man kann vielleicht sagen, dass der Hausacher LeseLenz das Ergebnis einer gelungenen Integration ist. Oliver, Sohn eines 1960 aus Malaga in den Schwarzwald eingewanderten Gastarbeiterehepaares, hat in seinem ländlichen Umfeld nicht nur Spanisch und Deutsch, sondern auch die alemannische Mundart gelernt – und sein poetisches Sprechen ist von diesem kleinen sprachlichen Grenzverkehr sicht- und vor allem hörbar beeinflusst – vielleicht sogar noch mehr: geboren. (…)
Emma Viktoria Welle ist es offenbar auch gewesen, die den kleinen José mit dem Alemannisch so vertraut machte, dass er sich Gedanken darüber machen musste, wie man „Heibere“ – auf Hochdeutsch: „Heidelbeeren“ – ins Spanische übersetzen kann. Und natürlich springen jemandem, der in der Familie eine andere Sprache spricht als seine Freunde, Wörter wie das schöne „wunderfitzig“ (für „neugierig“) ins Ohr. Die Sprachsituation im Haus seiner Kindheit bringt Oliver so auf den Punkt: „Im ersten Stock wurde alemannisch gesprochen, also annähernd deutsch, und im zweiten andalusisch, also annähernd spanisch.“ Nur ein paar Treppenstufen: Und aus dem weiblichen („la Luna“) wurde ein männlicher Mond. / Bettina Schulze, Badische Zeitung
José F. A. Oliver: Fremdenzimmer. Essays. Verlag Weissbooks, Frankfurt am Main 2015. 118 Seiten, 16,90 Euro.
Lesungen: Der Autor liest am 19. April um 11 Uhr in der Rainhofscheune Kirchzarten und am 25. April um 18 Uhr in der Freiburger Buchhandlung Jos Fritz im Rahmen ihres 40-jährigen Jubiläums.
Bei Booknerds ein Interview mit Tom Bresemann – „Alles zu Pegida, mittelmäßigsten Gedichten, der Szene, dem Teilen der Bewegung. Claudia Roth, Jan Wagner, Jesus, Ton Steine Scherben, Luther, Brinkmann, Kaiser Bismarck Porträts, Putin, Merkel, NSU, und nicht be- sondern glückendes Schreiben, die Stones, linke Wichser“. Auszug:
Wenn man denkt, es gibt etwas wie mündige Leser und ich will ihnen mündige Gedichte anbieten, dann kann ich nicht so tun, als wüsste ich mehr als sie. Gerade wenn man sich mit ethisch, moralisch oder sogar juristisch bewertbaren Dingen beschäftigt, kann es im Gedicht nicht darum gehen, jemandem zu sagen: “Schau mal, das ist gut, das ist böse; gut, dass ich’s dir sage, wenn du es selber nicht schnallst.” Auch nicht: „Schau mal wie toll der Tisch ist und wie toll man ihn jetzt durch mein Gedicht anfassen kann.“ Sondern lass uns mal darüber reden, wie wir reden, wie wir kategorisieren und wo unsere Sinne zusammenlaufen. Jetzt kannst du natürlich sagen „die Sinne sind der Quell, wer will uns damit locken?“ – Aber das ist ja sowieso alles Jesus-Kram, ein Jesus-Propaganda-Gedicht.
(…)
Die Rezeption und Produktion meiner Gedichte sind demokratische Vorgänge. Und daraus entstehen Gedichte, die in undemokratischen Ländern zensiert werden könnten. Etwa Sachen wie: “Ich will auf gar keinen Fall wie ein Schwuler diskriminiert werden.” Oder: “Jeder kennt einen Antisemiten, den er mag”. Eine Zensurbehörde funktioniert ja so, dass es drei Fälle gibt: Jemand äußert sich negativ zu etwas, zu dem er es nicht sollte. Jemand äußert sich positiv. Oder jemand äußert sich so, dass man es nicht versteht. Und nur der positive Fall ist für diese Behörde ok.
Aber wenn jemand sich zwischen negativ und positiv äußert, ist das auf eine viel schwierigere Art nicht ok, weil man nicht weiß, ob es eine Art von Subversion hat. Aber: Das bestärkt eine Rezeptionshaltung, die Dinge grundsätzlich in Frage stellen möchte, die bei jedem Inhalt sagt: ‘Aha, ok, ich schau mir das noch einmal von einer anderen Seite an. Und von noch einer anderen Seite.’ Und ich lese es drei, vier, fünf Mal. So zu schreiben und so zu lesen schult eine Art von kritischem Bewusstsein, welche nur in einer demokratischen Gesellschaft Platz hat. Und deshalb würde ich sagen, dass meine Gedichte demokratische Gedichte sind.
Würdest du sagen, dass es eine Art Zensur in einer demokratischen Kultur gibt?
In Bezug auf Gedichte schönerweise nicht. Wir leben ja jetzt nach einer neuen Zeitrechnung, zwei Tage nach Beginn der Wagner-Ära. Jetzt finden alle Lyrik wichtig, weil Jan Wagner den Buchpreis gewonnen hat. Jetzt gibt es einen Markt dafür. Aber ich weiß nicht, ob es stimmt, dass wir jetzt in einer neuen Zeit leben. Die Zeit vorher war dadurch bestimmt, dass man Lyriker einfach machen ließ. Weil es ja eh keiner liest, und es keinen interessiert. Jeder Lyriker in Deutschland findet früher oder später einen Verlag, der seinen Scheiß druckt; weil es nicht viel kostet.
Keiner von uns will 10.000 € Vorschuss haben. Lyriker sind meist die, die selber Verlage gründen und sich spätestens mit dem fünften oder zehnten Buch selber verlegen. Und das Schöne an der Lyrik-Szene in Deutschland und Berlin der letzten zehn Jahre ist, dass es etwas für alle ist, dass du die mittelmäßigsten, langweiligsten und beschissensten Gedichte schreiben kannst, aber es trotzdem ein Publikum dafür gibt. Und das ist nicht einmal unbedingt kleiner als das von Jan Wagner oder irgendwem anders. Das ist ein komplettes Feld von: Alles geht.
(…)
Ich versuche mich, aus einem Jan-Wagner-Lawinenthema rauszuhalten. Aber meine These ist: Dieser Hype zementiert nur, was sowieso schon common sense ist. Würden jetzt die großen Verlage wieder ihre Lyrik-Reihen aufnehmen, die sie in den letzten Jahren alle eingestellt haben, dann würden die Freaks trotzdem nicht häufiger verlegt werden. Sondern die Naturlyriker, die Poesie, die poetisch sein will, die sagt: ‘guck mal her, ich bin ein Gedicht.’
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