Nicht regier- und kanonisierbar

Ein 800-Seiten-Band mit den zu Lebzeiten veröffentlichten Gedichten ist bereits erschienen. Ein ebenso voluminöser Band mit bislang unveröffentlichten Gedichten wird folgen, dazu zwei Erzählungsbände, einer in diesem Herbst. Nach Amanns Worten eine geradezu unfassbare Menge für eine Autorin aus bildungsfernsten Verhältnissen:

„Es ist ein Phänomen, dass eben jenseits der Vorstellung, dass bestimmte Bildungsvoraussetzungen, soziale Voraussetzungen, ästhetische Voraussetzungen (…) das sein müssen, (…) irgendwie den Beweis antritt, dass es so etwas wie eine Begabung gibt, die quer liegt zu all diesen Traditionen. (..) Natürlich hat ihr Ansatz was mit Trakl zu tun oder mit Rilke. Aber von heute auf morgen sind bei ihr Gedichte entstanden, die einfach fertig sind und makellos. Das finde ich das Faszinierende.“

(…)

Zum runden Geburtstag liegen nun neben einer Neuedition der Erzählung „Das Kind“ auch ein Band mit Texten und Gedichten zeitgenössischer Autoren zu Christine Lavant vor: „Drehe die Herzspindel weiter für mich. Christine Lavant zum 100.“ Friederike Mayröcker, Sibylle Lewitscharoff, Teresa Präauer, Ulf Stolterfoth – sie und viele andere mehr erweisen hier der Kärntner Dichterin ihre Reverenz und treten sozusagen in Kommunikation mit ihr, ihrer Poetik, ihren Bildern, dem Nachhall ihres von Mystik, Spiritualität, Gottesfurcht und Gotteshader, Märchen und ländlichem Naturerleben geprägten Werkes. Dieser Band offenbart die erstaunliche Tatsache, dass Lavant immer, obwohl sie mit ihren Büchern jahrzehntelang kaum präsent war, subkutan sozusagen, einen beachtlichen Einfluss auf andere Autoren ausübte. Thomas Bernhard gab 1988 bei Suhrkamp zwei Auswahlbände mit Lyrik der österreichischen Kollegin heraus. Und Thomas Kling begeisterte sich in einem viel zitierten Text für das, wie er schrieb, „kontrollierte Außersichsein“ der Lavant’schen Verse. (…)

Das Interessante an diesem Geburtstagsband, besonders an den Texten von Grünzweig, Rakusa, aber auch von Marlene Streeruwitz und Konstantin Ames ist vor allen Dingen, dass sie jeglicher Verklärung Christine Lavants entgegentreten. Ihr Lebensweg hat für Verklärungen jeglicher Art immer beste Voraussetzungen geboten: nur vier Jahre Volksschule, eine Existenz in unvorstellbarer Armut, geschlagen von schweren Krankheiten, eingeengt von einem 30 Jahre älteren, offensichtlich unerträglichen Ehemann, Selbstmordversuche, Aufenthalte in Nervenheilanstalten. In Österreich sah man in ihr lange Zeit so etwas wie ein dichtendes Strickliesel-Wunder mit katholischer Erdung. Aber die Lavant taugt weder zur Leidens-Ikone noch zur Heroine. Es ist eher die manchmal schwer erträgliche Zwiespältigkeit, die sie auszeichnet. So sei in ihrem Werk eben nicht nur das Aufbegehrende zu finden, sondern auch das sich willfährig fügende Opferlamm, so Grünzweig. Eine Sprache der Ausgrenzung sei ihr eigen gewesen, so Marlene Streeruwitz, weniger durch Reflexion geprägt als durch ein „Fühldenken“, das von der Vergeblichkeit auf Rettung wisse. Das Werk der Christine Lavant Werk ist eine Provokation. Aber gerade deshalb, so schreibt Konstantin Ames, stemmt es sich gegen „Regierbarkeit und Kanonisierbarkeit“. / Angela Gutzeit, DLF

Christine Lavant: Das Kind. Erzählung. Neuausgabe in der Originalhandschrift. Hrsg. Von Klaus Amann. Wallstein Verlag. 88 Seiten, 16,90 Euro.

„Drehe die Herzspindel weiter für mich“. Christine Lavant zum 100. Hrsg. von Klaus Amann, Fabjan Hafner und Doris Moser. Wallstein Verlag. 184 Seiten, 19,90 Euro.

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