Vier Quartette neu übersetzt

Thomas Stearns Eliot, der gebürtige Amerikaner und geistige Brite, drohte seinen Ruf als einer der ganz großen Neuerer der Moderne zu verlieren, als die „Quartette“ zwischen 1936 und 1942 sukzessive erschienen: zu mystisch und vor allem zu katholisch erschien den Lesern dieser Zyklus aus vier Langgedichten, geradezu antimodern in seiner Grundhaltung.

Im Aufbau ähneln die „Quartette“ zwar Eliots avantgardistischem Meisterwerk „The Waste Land“. Doch anders als im kühnen Schlüsseltext der lyrischen Moderne, der vielstimmig zwischen Umgangssprache und hohem Ton, zwischen atemlosem Gerede und buddhistischer Rätselhaftigkeit schwingt, verzichtete der Dichter in seiner letzten großen lyrischen Arbeit auf Vielklang und hielt sich eine einzige Stimme. Es ist – suchend, sehnend, spottend, meditierend, resignierend – erkennbar die seine.

In der neuen Übertragung des Lyrikers Norbert Hummelt werden Eliots schwer zu entschlüsselnde Verse nun ein wenig zugänglicher. Hummelt sucht das Sprechbare und Klingende dieser Lyrik nahe am Original – und gibt damit der deutschen Fassung etwas zurück, das in älteren Übertragungen (wie der von Eva Hesse) zugunsten begrifflicher Setzungen eher zu kurz kam. / Katharina Döbler, DLR

T.S. Eliot: „Vier Quartette. Four Quartetts“
Aus dem Englischen von Norbert Hummelt
Suhrkamp, Berlin 2015
,
93 Seiten, 19,95 Euro

Aus böse verschuldeten Tönen dieser weiche / Weltenglitzer

Ihm ist etwas gelungen, woran viele passionierte Sprachspieler vor ihm gescheitert sind. Trotz der sehr strengen Vorgabe, die Palindrome bedeuten, hat Meyer stellenweise Gedichte von beachtlicher Poetizität verfasst. Novembertage, Restaurantimpressionen, Hormone – alles Texte, die den Leser nicht mit dem üblichen palindromesken Nonsens kujonieren, sondern mit thematischer Kohärenz überzeugen und überdies sogar stellenweise mächtig lyrische Power entfalten wie das Silbenpalindromgedicht Stefan George: »Aus böse verschuldeten Tönen dieser weiche / Weltenglitzer.« Das sind Verse über den Meister, die andere nicht einmal regelfrei hinbekämen! »Elegienobel«, »liberalklare Bildnisse«, »Gendarmspiegelung« – der Band ist voller großartiger Kreationen, die Titus Meyer findet und erfindet trotz und dank seines Prokrustesbetts.

(…) Und es ist große Kunst, die Meyer zeigt, groß und kompromisslos. In den Buchstabenpalindromen arbeitet er nicht bloß phonemisch, sondern streng graphemisch, das heißt er löst ein »ch« nicht auf in die kontextsensitiven Laute /x/ bzw. /ç/, sondern behandelt sie als Einzelbuchstaben. Damit nicht genug veredelt er seine Texte mitunter sogar mit klassischen Stilmitteln wie der Verswiederholung – und das in einem Buchstabenpalindromgedicht! Da haben berühmte Vorgänger noch gehofft, der Leser möge »so genaue nicht« hinsehen. / André Hatting, Risse H. 35

Titus Meyer: Meiner Buchstabeneuter Milchwuchtordnung, Leipzig: Reinecke & Voß, 2015, 88 S., 10,00 €.

Literarisches Greifswald (2)

Eine schwarze Phantasie aus Greifswald. Wolfgang Koeppen, der als junger Mann in Greifswald Kafka las, dann die Stadt verließ und Autor wurde. Im Alter erschrieb er sich eine Jugend:

Ich war Raskolnikow. Ich war einer aus den Dämonen. Der aus dem Kellerloch. Der aus dem Totenhaus. Ich hatte unterm Galgen gestanden. Der Bote war noch einmal gekommen. Begnadigt. Die Schlinge hing locker.
Ich zündete die Stadt an. Erdmanns Warenhaus brannte. Eine Fackel in der Nacht. Das Rathaus brannte. Meine Stammrolle verbrannte. Das war gut. In Flammen stand das Gericht. Ich öffnete das Gefängnis. Ich verteilte die Waren der Geschäfte an die Armen und die befreiten Gefangenen. Aus Buggenhagens Buchhandlung bekam jeder ein Buch. Das Geld der Sparkasse auf die Straße. Kinder spielten mit den Scheinen, formten Schiffchen, setzten sie in die Gosse.
Vielleicht liebte ich die Stadt. Ich stülpte sie um. Ich vernichtete ihre Ordnung. Ich störte die Feier.

Erdmanns Warenhaus
Erdmanns Warenhaus

Erdmanns Warenhaus steht an der Ecke des Markts, dem Rathaus gegenüber. In der DDR war es ein staatliches Warenhaus. Nach der Währungsunion war es nicht zu halten. In den 90er Jahren kam es zur Boddenbuchhandlung, später Weiland, heute Hugendubel.

Erstausgabe von Koeppens "Jugend"
Erstausgabe von Koeppens „Jugend“

Gestorben

1966 schrieb der algerische Dichter Djamel Amrani einen Artikel mit der Überschrift «Messaour Boulanouar, ein ländlicher Walt Whitman», in dem er das immense Talent seines Landsmanns und Kollegen hervorhob. Das Lob wog umso mehr, als es von einem großen Dichter stammte. Beide stammten aus der gleichen Stadt. Diese so besondere Stadt mit dem poetischen Namen Sour El Ghozlane (Gazellen-Bollwerk) brachte Autoren wie Djamel Amrani, Kaddour M’hamsadji, Areski Métref und Messaour Boulanouar hervor.

Messaour Boulanouar, der nie seine Heimatstadt verlassen hat, wo er 11. Februar 1933 geboren wurde, wurde dort am vergangenen Montag begraben. (…)

Die Lyrik, die heute so seltsam erscheint, war in seinen Augen ein Akt des Lebens. Wie er zu Tahar Djaout sagte: «Man wird nicht als Dichter geboren, man wird es durch den Kontakt mit der Welt, durch die Ablehnung alles dessen, was unserem Gewissen zuwider läuft.» (Messaour Boulanouar, Un printemps sur la route, par Tahar Djaout, in Algérie-Actualité, n° 797, 22-28 janvier 1981). / Ameziane Ferhani, El Watan

Poetopie

in deinen Nerven – angefüllt mit bedrohlichen Nachrichten – tobt schon der Krieg

Hansjürgen Bulkowski

Fünfzigtausend Anschläge

Liebe Dichterin, Lyrikerin, Poetin, Verseschmiedin*, 

Lieber Verseschmied, Poet, Lyriker, Dichter**,

die Auswahl- und Lektoratsclique, bestehend aus Katja Horn, Kristin Schulz, Clemens Schittko und mir***, hat alle eingereichten Texte gesichtet. 

Uns lagen ca. 700 Gedichte von etwas weniger als 100 Einsendern vor. Gedichte, die uns nicht zugesandt wurden, konnten leider nicht berücksichtigt werden.

Die Auslese wurde nun zu einem Band zusammengestellt, der da heißt:

Fünfzigtausend Anschläge
Schwarzbuch der Lyrik 2016
60 Gedichte von 39 Schreibenden.
Mit einer Titelgrafik von Joerg Waehner und einem Motto von Christine Sohn.
Mit Klappentexten von Marina Büttner und Christoph Bruckner sowie einem Einbandzitat von André Hatting.
Weitere Zitate von Theo Breuer, Peter Engel, David Hoffmann, Eric Ahrens, Herbert Hindringer, Lukas Palamar, Sofie Lichtenstein und Markus Prem.
Grußworte von Hans Magnus Enzensberger, Cindy aus Marzahn, Marcel Reich-Ranicki, Michael Braun und Johann Wolfgang von Goethe.

Gedichte von Gerd Adloff, Michael Arenz, Christoph Bruckner, Ann Cotten, Gerald Fiebig, Lütfiye Güzel, Jonis Hartmann, Katrin Heinau, Katja Horn, Lilly Jäckl, Angelika Janz, Alexander Krohn, Jan Kuhlbrodt, Gregor Kunz, Robert Mießner, Pega Mund, Niklas L. Niskate, Hermann Jan Ooster, Bert Papenfuß, Martin Piekar, Kai Pohl, Jannis Poptrandov, Bertram Reinecke, Clemens Schittko, Sigune Schnabel, Jürgen Schneider, Kristin Schulz, Christine Sohn, Michael Spyra, Lutz Steinbrück, Brigitte Struzyk, Su Tiqqun, HEL Toussaint, Tom de Toys, Joerg Waehner, A. J. Weigoni, Ralf S. Werder, Sebastian Wippermann.

Mit ergänzenden Beiträgen zur Entstehung des Schwarzbuchs.

Beteiligte Autoren erhalten ein Belegexemplar, weitere Exemplare mit Autorenrabatt

(Ladenpreis 16 Euro abzüglich 40 % = 9,60 Euro)

Vorbestellungen zum Subskriptionspreis von 12 Euro unter edk@pappelschnee.de.

i. A. d. Auswahl- und Lektoratsclique,

Kai Pohl

Fünfzigtausend Anschläge
Schwarzbuch der Lyrik 2016
1. Auflage 2016
Herausgegeben von der Epidemie der Künste zu Berlin am See
Erscheint im Verlag Distillery
Redaktion: Katja Horn, Kristin Schulz, Kai Pohl, Clemens Schittko
Titelgrafik: Joerg Waehner
Gestaltung und Satz: SkafA, Abt. Bornholmer Hütte
Druck: primeline print berlin
Bindung:  Reinhart & Wasser, Berlin
Französische Broschur, 132 Seiten, ca. 20 x 19 cm
ISBN 978-3-941330-40-5

*) Wo bleiben die Leserinnen?

**) Wo bleiben die Leser?

***) Kai Pohl

Dichter zum Tode verurteilt

In Saudi-Arabien wurde der palästinensischstämmige Dichter Ashraf Fayadh (35) wegen Beleidigung des Islam zum Tode verurteilt. Fayadh, ein führendes Mitglied der saudischen Kunstszene, der saudische Kunst in Großbritannien bekannt gemacht hat und 2013 eine Ausstellung in Venedig kuratierte, wurde zuerst im August 2013 von der Religionspolizei verhaftet. Er war angezeigt worden wegen Lästerung Allahs und des Propheten, Beleidigung Saudi-Arabiens und Verbreitung eines Gedichtbands, der den Atheismus verbreite. Er wurde auf Kaution freigelassen, aber am 1. Januar 2014 erneut verhaftet. Im Februar stand er vor Gericht, zwei Mitglieder der Religionspolizei (mutaween) warfen ihm öffentliche Gotteslästerung, Verbreitung von Atheismus bei Jugendlichen und unerlaubte Beziehungen zu Frauen vor. Fayadh bestritt die Vorwürfe, sagte, er sei ein frommer Moslem, die Frauen, deren Fotos man auf seinem Handy „entdeckt“ habe, seien befreundete Künstler, die Fotos stammten von der Kunstwoche in Jeddah. Das Gericht verdrehte seine Worte und behauptete, er hätte die Beziehung zu den Frauen zugegeben. Es verurteilte ihn zu 4 Jahren Haft und 800 Peitschenhieben.
Dann sagte man ihm, es würde einen neuen Prozeß mit anderen Richtern geben. Er konnte keinen Anwalt nehmen und der neue Richter sprach nicht einmal mit ihm, sondern teilte ihm nur das auf Todesstrafe geänderte Urteil mit. / David Batty, Guardian

Mehr:

  • Western ally Saudi Arabia sentenced a Palestinian poet to death for renouncing Islam, salon.com
  • Urteil wegen Glaubensabfalls. Lyriker in Saudi-Arabien zum Tode verurteilt, Neue Zürcher Zeitung

Anton-Wildgans-Preis für Barbara Hundegger

„Seit über einem halben Jahrhundert ist dieser Preis nun schon eine Tradition und ein Bekenntnis zugleich – zur Kunst, zur Literatur und zu ihrem Vermögen, uns neue Perspektiven und Einsichten zu eröffnen, sowie uns zu Veränderungen anzuspornen“, erklärte der Generalsekretär der Industriellenvereinigung (IV), Mag. Christoph Neumayer, Mittwochabend anlässlich der Verleihung des „Literaturpreises der Österreichischen Industrie – Anton Wildgans“ an Barbara Hundegger im Wiener Haus der Industrie. Die Autorin öffne mit ihren Werken seit fast 20 Jahren große Denkräume und erfülle damit eine „wesentliche Aufgabe von Kunst und Literatur für jede Gesellschaft. Auch wir weisen beständig auf die Notwendigkeit von Veränderungen in Wirtschaft, Politik und Gesellschaft hin. Das ist weder angenehm noch bequem – aber es ist notwendig“, zog Neumayer Parallelen zur Industrie.

„Barbara Hundegger schreibt eine in-medias-res-Literatur, die die Lesenden anpackt, so wie die Autorin die Welt mit ihren Texten anpackt. Ihre Texte konfrontieren uns mit der Realität – laden uns ein, die dialektische Denkweise der Autorin im Erkunden von Welt und Gesellschaft mitzugehen“, stellte die Schriftstellerin Barbara Neuwirth in ihrer Laudatio fest, bevor Barbara Hundegger ihre Auszeichnung entgegennahm. (…)

Die mit 15.000 Euro dotierte Auszeichnung wird bereits seit 1962 von einer unabhängigen Jury vergeben. Die Begründung der Jury – bestehend aus Prof. Marianne Gruber (Präsidentin der Österreichischen Gesellschaft für Literatur), Univ.-Prof. Dr. Johann Holzner (vorm. Leiter des Brenner-Archivs an der Universität Innsbruck) und Barbara Neuwirth (Schriftstellerin) – für die Auswahl der Schriftstellerin:
„Barbara Hundeggers hoch artifizielle Lyrik öffnet große Denkräume und leitet durch die Kunstfertigkeit des Dialogischen zu neuen Sichtweisen. Die dabei gestaltete Verbindung von Kunst, Politik und Emotion ist ein literarischer Kommentar zu unserer Welt, dessen kluge Feinheit und poetische Raffinesse faszinieren, überraschen und herausfordern.“

Der Anton-Wildgans-Preis geht jährlich an eine österreichische Schriftstellerin oder einen österreichischen Schriftsteller der jüngeren oder mittleren Generation, deren bzw. dessen „Schaffen die abschließende Krönung noch erwarten lässt“ und gehört zu den renommiertesten österreichischen Literaturpreisen. Unter den Preisträgerinnen und Preisträgern befinden sich eine Reihe von prominenten Autorinnen und Autoren der Zweiten Republik wie Ingeborg Bachmann, Thomas Bernhard, Michael Köhlmeier, Arno Geiger, Barbara Neuwirth, Sabine Gruber, Olga Flor und Norbert Gstrein. / buecher.at

Geist über Kunst

Moderation von Peter Geist zur Lesung von Thomas Kunst im Peter-Huchel-Haus am 17.11.

In diesem Jahr erlaubt sich der gerade 50 Jahre alt gewordene Thomas Kunst, den geneigten Leser mit gleich zwei neuen Büchern betören zu wollen, einer als „Roman“ deklarierten „Freie Folge“ und einem „best of“ seiner mehr als dreißigjährigen Lyrikproduktion. Beide Neuerscheinungen stehen heute im Zentrum unseres Interesses.

„Nenn es, wie du willst. Aber mach es / mit Liebe“ Dieser Vers aus einem meiner Lieblingsgedichte von Thomas Kunst, der „Nizeser Apathie“, dünkt mir Poetik in nuce, Leitfaden durch das Werk und Gebrauchsanleitung für das Lesen in einem zu sein. Ich erlaube mir deshalb, diesen Satz daufhin auseinanderzunehmen, in welcher Weise er das Oeuvre des Dichters anleuchtet:

a) “Nenn es”: Thomas Kunst ist ein Meister des Benennens. Seine rhetorischen und metaphorischen Figuren stützen sich vornehmlich auf Substantive und Substantivkonstruktionen. Haupt- und Dingworte nannte man man früher die Substantive, und fürwahr: Ähnlich wie in Michael Endes „Unendlicher Geschichte“ werden immerfort Dinge erschaffen, die, miteinander verbunden, Narrationsinseln bilden, dann Kontinente, Galaxien. Dabei fällt die Häufung von zwei Arten von Nennwörtern ins Auge: Zum einen sind es Worte, die möglichst genau bezeichnen können: Deutsche Jagdverordnungen, rumänische Geographie und Geschichte, Produktionsabläufe in einer Zuckerfabrik, grönländische Traditionen – ich staune über ein Detailwissen, das akribisch in die Texte gestreut wird. Zum anderen sind es Aromaworte oft exotischer Provenienz, Worte, die Musik sind, die leuchten oder schmecken, allen voran die Namen von Figuren, Briefadressaten oder angeredeten Dus in der lyrischen Rede.

b) „wie du willst“: Nie lässt Thomas Kunst den Leser /Hörer im Unklaren darüber, dass die Absicht des Benennungswerkes eine demiurgische ist. Wenn die narrativen Passagen und Bruchstücke unabdingbar für Verständnisreferentiale sind, so bilden sie gleichsam den Pflichtpart, dem die Kür als spielerisches Entgrenzungsgeschehen im Kunst-Lauf folgt. Deshalb setzt Kunst in der Prosa epipherische Warnzeichen als Wiederholungsfigur a la „X zu beschreiben, würde zu weit führen“ oder „und was weiß ich noch alles“ (S. 175). Denn hingelenkt werden soll auf die tollen Sprünge, Pirouetten, auf die waghalsigen Spiralen und anmutigen Gleitbewegungen, die vor den Augen des geneigten Lesers vollführt werden, Labsal, Leichtigkeit, Entzückung schenkend. Die „Freie Folge“ ermutigt zu freiem Folgen unglaublichster Kunst-Stücke eines „Sinnlichkeitsgauklers“ (Nachwort Gedichte)

c) „Aber mach es“: Kunstens Literatur ist eine, die ihr Gemachtsein nicht verbirgt, im Gegenteil. In „Freie Folge“ stellt er seine Handwerkszeuge in einer Offenheit aus, die jeden Gattungstheoretiker schier zur Verzweiflung bringen müsste: Genrebild und action-Passage, kursivierte Brieftexte, Escort-Anzeigen und Sonette, Litanei und Langgedicht werden munter verwirbelt, und natürlich ist der Leser angehalten, bei jedem Genrewechsel zu fragen, warum, warum macht er das? Ja, auch um das Machen selbst vorzuführen! Dann aber führt ein literaturgeschichtlicher Verweisungszweig unweigerlich zur „progressiven Universalpoesie“, in der sich die literarischen Gattungen gegenseitig durchdringen wie in die Gefilde der Philosophie, Ästhetik und spezialisierten Wissensgebiete mäandern. Kühne Gegenentwürfe zu einer durchrationalisierten, vertikal wie horizontal kleinteilig spezifizierten Lebens- und Arbeitswelt, wie sie Ende des 18. Jahrhunderts erstmals aufschien und im 21. Jahrhundert zur Scheinperfektion gebracht wurde, immerfort bedroht durch ihre Schattenseiten der Entfremdung von der Natur und dem anderen, von den Arbeitsinhalten und Sinngehalten menschlichen Tätigseins. Und wie Novalis´ Heinrich von Ofterdingen ist Thomas Kunst ein Sänger des Humanen, nur dass er statt mit der Leier mit der E-Gitarre zugange ist und um alle Modernisierungen der Sprachwerkzeuge weiß. Wie bei Novalis aber ist das gemacht ausgestellte Wortwerk immer auch ein Gegenentwurf zur Außenstellung des Menschen durch die instrumentalisierten Werkworte.

d) „mit Liebe“: Das Wort „Liebe“ ist das Zentralgestirn in Kunstens Poesie-Kosmos. Er selbst bekennt im Nachwort der vorliegenden Gedicht-Auswahl: „Aber man hat heute größere Chancen, vom Literaturbetrieb wertgeschätzt zu werden, wenn man bildungsgesättigte, traditionsbemühte, wissenschaftsanbiedernde und dechiffrierbare Themen verhandelt, als sein ganzes Leben lang nur Liebesgedichte und Tiergedichte zu schreiben. Ein Gedicht ist für mich ein Gedicht, wenn mich die gewöhnlichsten Dinge in ihm auf das Heftigste irritieren. Nüchternes Metapherngeflimmer in beruhigter Normalsprache, die blinkt.“ Ergänzt sei, dass die Tiergedichte vorzugsweise von Tieren im und am Meer handeln, also Wale, Robben und Hunde, dass die Minidramen der erfüllten oder verschmähten Liebe sich vorzugsweise ereignen in Hafenstädten, auf Inseln und am Meeresstrand.

Die Islams

Aus dem Interview, das Maike Albath mit dem syrisch-libanesischen Dichter Adonis führte:

Was sagen die arabischen Intellektuellen in Paris…?

Sie haben sich soldidarisch erklärt mit der französischen Bevölkerung … sie waren genauso betroffen wie alle anderen. Darf ich Ihnen eine Gegenfrage stellen: Warum hat Europa soviel Zeit in Anspruch genommen bis es aufgewacht ist und festgestellt hat, daß dieser Terror so fürchterlich ist…

Über „den“ Islam:

Es gibt nicht nur einen Islam … diese Islams von denen ich jetzt spreche sind nicht homogen, sie … unterscheiden sich in wesentlichen Punkten des Verstehens des Islam. Wenn ich jetzt nachforsche in der Geschichte des Islam, bin ich sehr erfreut, wenn ich feststelle, dass kein einziger großer Dichter dieser Geschichte überhaupt an Islam geglaubt hat. Denn der koranische Text war ja gegen die Dichter, und der Islam, der koranische Text, meine ich, hat diese Dichter einfach isoliert und gesagt, diese Dichter sind nicht in der Lage, die Wahrheit zu sagen. Aber die Dichter waren auch gegen den koranischen Text.“

Aus Sure 26 (Die Dichter):

Soll ich euch sagen, zu wem sich die Satane herabbegeben?

Zu den vermessenen, sündigen Lügnern.

Sie hören den Satanen zu, und die meisten von ihnen sind Lügner.

Den Dichtern folgen die Verführten.

Siehst du nicht, daß sie sich in allen Fächern (der Dichtkunst) herumtreiben,

und daß sie sagen, was sie nicht tun?

Quelle

Adonis widerspricht

Im Deutschlandradio Kultur äußerte sich Adonis zu der vorgebrachten Kritik von Navid Kermani, Stefan Weidner und Najem Wali an seiner Person. Er müsse zunächst feststellen, dass diese Kritiker seine Publikationen nicht gelesen hätten, kritisierte Adonis:

„Außerdem ist zu bedauern, dass diese Personen leider Positionen bezogen haben, die auf Unwissen begründet sind. Sie haben Entscheidungen getroffen, die sie nicht begründen können. Ich habe zwei Bücher geschrieben, in arabischer und in französischer Sprache. Diese sollen bitte diese zwei Bücher lesen.“

Adonis verwies außerdem auf drei Zeitungsartikel, in denen seine Positionen deutlich werden würden. Er habe schon früher von der „religiösen Militarisierung“ gesprochen und davor gewarnt, dass ein solches Phänomen sowohl im Iran als auch in der ganzen arabischen Welt entstehen könnte:

„Deswegen schäme ich mich für die Personen, die Sie soeben erwähnt haben. Dass sie eine Position beziehen, ohne zum Beispiel diese drei Artikel gelesen zu haben. Deswegen sage ich, dass ihre Position, ihr Standpunkt auf der Basis des Unwissens und der Lüge beruht.“ 

Der Schriftsteller ging auch auf die politische Lage in seinem Heimatland Syrien ein. Sie beinhalte mehr als nur das Regime und die Opposition:

„Die Situation in Syrien ist eine Auseinandersetzung internationaler Mächte. Und ich bin gegen das Regime und gegen die Opposition. Das sind einfach zwei Gesichter einer Münze. Keiner von denen hat irgendetwas Fortschrittliches vorzuweisen. Keine der beiden Seiten spricht von einer laizistischen, zivilisierten Gesellschaft. Und keiner von ihnen setzt sich dafür ein, dass die Frau emanzipiert wird.

Wenn der Westen in der arabischen Welt Demokratien durchsetzen und unterstützen wolle, müsse er auch dafür sorgen, dass das Volk entscheiden könne, wer Präsident werde und welche Form ein Regime haben könne, forderte Adonis:

„Denn einen Präsidenten zum Beispiel mit Gewalt zu vertreiben und einen Präsidenten mit Gewalt an die Macht zu hofieren – das ist genau das, was manche Regime in der arabischen Welt tun. Das ist kein Respekt. Das ist keine Demokratie. Und das ist kein Respekt vor Menschen und ihre Rechte. Es ist leider eine andere Form von Willkürlichkeit.“   

/ Der Dichter Adonis im Gespräch mit Maike Albath, DLR

„Weiterschreiben“

Die Berner Lyrikerin Andrea Maria Keller erschafft mit wenigen Worten vielschichtige Klangräume. Am Mittwoch erhält sie für ihre Funde ein «Weiterschreiben»-Stipendium.

Die Preisfeier «Weiterschreiben» fand am Mittwochabend um 20 Uhr in der Aula des Progr in Bern statt.

Der Bund schreibt u.a. über die wortschatzkarten der Autorin:

Das Sprachbergwerk der Andrea Maria Keller wartet aber noch mit anderen Funden auf: Ihre listigen Wortneuschöpfungen, die den geistigen Nährwert einer «vorstellungskraftsbrühe» aufweisen und die verspielt-subversive Seite dieser Lyrikerin ins schönste Licht rücken.

«Mich hat damals eine veritable Wortspielsucht ergriffen», sagt die Autorin, «ich sammelte Hunderte von Wörtern und Kombinationen, und konnte gar nicht mehr aufhören.» Sie zwang sich dann zur Beschränkung: Unter dem Titel «tagesdiebesgut» hat sie im vergangenen Jahr eine Box mit 99 «wortschatzkarten» veröffentlicht. Auf jeder Karte steht ein Wort, je eine Zusammensetzung zweier an sich bekannter, unspektakulärer Wörter, die fusioniert mitunter explosive semantische Energien freilegen: Da prallen Kraftfelder aufeinander, neue Bedeutungsebenen werden geschaffen, der Leser verlässt vertrautes Denkterrain und macht sich auf, unbekannte Vorstellungswelten zu erkunden. Da werden Neuschöpfungen in ein anderes Land geschmuggelt, wo sie sich vielleicht langsam in den Köpfen einnisten, allmählich in den Sprachgebrauch übergehen und eines Tages sogar die Wahrnehmung der Wirklichkeit verändern werden – man darf gespannt sein, wann eine Wortkreation von Andrea Maria Keller erstmals im Duden auftauchen wird.

Die «Weiterschreiben«-Stipendien der Literaturkommission der Stadt Bern gehen in diesem Jahr an Dagny Gioulami, Andrea Maria Keller, Reto Finger und an den Verein Buchowski. Mit den Stipendien will die Kommission Autoren ermutigen, ihre Arbeit weiterzuführen.

Sie verleiht die mit je 10’000 Franken dotierten Stipendien aber auch an Literaturvermittler. Der Verein Buchowski ist laut einer Mitteilung der städtischen Präsidialdirektion in den letzten Jahren mit vielen Initiativen zur Leseförderung in Erscheinung getreten und wird deshalb geehrt. / Der Bund

Voice of the refugee crisis

Poet Warsan Shire is the new voice of the refugee crisis.

Like Jean Jullien’s Paris peace sign, screengrabs of Shire’s poems are exploding across the social mediaverse, as users look for ways to express grief over the Syrian refugee crisis and, more recently, the Paris attacks.

Born in Kenya in 1988 to Somali parents, Shire moved to London when she was one. She writes about the immigrant experience in a spare, accessible style reminiscent of Martin Niemoller’s “First They Came For…”, which became popular in the decade after World War II.

While Shire has received major awards and accolades, including the Young Poet Laureate of London in 2014, she is very much a poet of the digital age. She has popular Twitter and Tumblr profiles where she posts her work. In the New Yorker, Alexis Okeowo said her poetry “will surface in one of your social media feeds and often be exactly what you needed to read, or what you didn’t know that you needed to read, at that moment.” / Mikaela Lefrak, The New Republic

Notes on Post-Conceptual Poetry

FELIX BERNSTEIN’S debut essay collection, Notes on Post-Conceptual Poetry, is not what you would expect from a 23-year-old, Brooklyn-based writer and artist. This is not a book of cosmopolitan post-internet lyric poetry. Instead, Notes begins with a long essay (including an appendix and footnotes) that mockingly critiques the various trends in American experimental poetry since the 2000s, charting the Conceptual Poetry scene that has revolved around Kenneth Goldsmith, Christian Bök, Craig Dworkin, Vanessa Place, Caroline Bergvall, Kim Rosenfeld, and Rob Fitterman.

Born in 1992, Bernstein swerves in and out of the scenes he discusses, the millennial conditions he diagnoses, and the “new sincerity” he critiques. His own self-suspicion flippantly resists the notion of network building that his father, Charles Bernstein, so neatly perfected with his original publication of the journal L=A=N=G=U=A=G=E in the 1970s (and then later with his institutional curatorial projects — the Electronic Poetry Center and PennSound). His attitude puts him at odds with some of his peers. Bernstein takes to task those urbane poets who, in his view, attempt to update the New York School and pledge allegiance to coterie and art in the name of queerness and subversion. Yet he self-consciously makes these same moves himself. / Cassandra Seltman, Los Angeles Review of Books

Brouheidig

„Brouheidig verkleama / head se fast so o, / ois ob koana mehr woaß, / wos des hoaßt/ und grad a so,/ ois obs as / no nia gem hod.“ Ist nicht schlimm, wenn Sie zu den Leuten gehören, die mit den ersten zwei Wörtern nichts anfangen können. Vielleicht kennen Sie „brouheidig“ auch schon aus Marcus H. Rosenmüllers Kinofilm „Räuber Kneißl“. Da kommt das seltsame Dialektwort nämlich in einer kurzen Szene vor. Sonst nirgends, auch nicht in Andreas Schmellers Bayerischem Wörterbuch.

Kann es auch nicht, weil Rosenmüller „brouheidig“ einfach erfunden hat. Das Wort sei ihm so passend wie kein anderes erschienen, sagte er einmal. Und dass er hoffe, das Wort werde überleben, auch wenn er in ferner Zukunft vergessen sei. Um letzteres zu sichern, hat er es vermutlich unter dem Titel „Vom Aussterm bedroht“ in seinem neuen Gedichtband wieder eingebaut, übrigens in einem der ganz wenigen Dialektgedichte in „Samuel Knotterbeck“ (Lichtung Verlag). / Süddeutsche Zeitung 11.11. S. 50