Haiti ist eins der wenigen Länder, wo die Lyrik eine wichtige Gattung ist. Die Haitianer rezitieren freiwillig lange Gedichte auswendig, unzählige Dichter gibt es. Einer von ihnen, James Noël, würdigt sie durch eine Anthologie zeitgenössischer haitianischer Lyrik (bei Seuil), die 73 Autoren umfaßt. Muriel Maalouf sprach mit ihm für RFI beim Festival des Quatre chemins in Port-au-Prince.
Ausschreibung: Zwei vierwöchige Stifter-Stipendien für bayerische Autoren in Oberplan, Frühjahr und Herbst 2016. Bewerbungsschluss: 1. Januar 2016
Der Adalbert Stifter Verein vergibt in Zusammenarbeit mit Kulturallmende München im Jahr 2016 zwei weitere Aufenthaltsstipendien von jeweils vier Wochen im Geburtsort Adalbert Stifters in Oberplan/Horní Planá, Südböhmen, das erste für Frühjahr 2016 (April/Mai), das zweite für Herbst 2016 (Oktober/November). Zur Verfügung steht ein Appartement, 200 Meter von Stifters Geburtshaus entfernt. Die Stipendiaten haben die Möglichkeit, sich vier Wochen lang von dem Genius Loci inspirieren zu lassen und zu schreiben. Gegenleistung: eine öffentliche Lesung in Südböhmen und ein Beitrag (Erzählung, Gedichte, Tagebuchnotizen) für einen Sammelband, der im Herbst 2018 mit Texten aller Stipendiaten erscheinen soll.
Jeder Stipendiat erhält ein Honorar von 1.000 € sowie Reisekosten und Verpflegungsgeld. Bewerben können sich (gern auch jüngere) Autorinnen und Autoren, die ihren Wohnsitz in Bayern haben oder längere Zeit in Bayern gelebt haben. Erforderliche Unterlagen: Lebenslauf, Publikationsliste, Arbeitsprobe (4-5 Seiten Prosa, bzw. 4-5 Gedichte) sowie eine Schilderung des Arbeitsvorhabens für das Stipendium.
Einsendung via Post oder Mail bis spätestens 1.1.2016 an Dr. Peter Becher, Adalbert Stifter Verein Hochstr. 8, 81669 München becher@stifterverein.de Die Auswahl erfolgt Ende Januar 2016 durch eine Jury.
Ein Projekt des Adalbert Stifter Vereins in Zusammenarbeit mit Kulturallmende München und dem Adalbert Stifter Zentrum Oberplan. Gefördert durch die Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien und die Bayerische Staatskanzlei.
Dichtung soll ein Instrument der Wahrheitsfindung sein und nicht eines des Vertuschens.
Rainer René Mueller, POEMES – POETRA, Ausgewählte Gedichte 1981–2013, herausgegeben und mit einem Nachwort versehen von Dieter M. Gräf
http://roughbooks.ch/roughbook034/rainer_rene_mueller/poemes_poetra.html
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Das neuste Heft der „Mütze“ bringt neue Texte von Sam Riviere, Elke Erb und Christian Filips, der außerdem Gedichte von Kenneth Patchen übersetzt hat. Den Hauptteil nimmt ein Aufsatz von Jean Daive ein: Man muss das Herz von Rimbaud waschen.
Seit Jahrzehnten lebt der Lyriker Said im deutschen Exil. Doch sein Herz hängt noch immer an Iran, dem Ort seiner Kindheit. Er bilanziert: Europa bedeutet nicht nur Freiheit, sondern auch Einsamkeit.
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Als Jugendlicher verlässt er Iran im Jahr 1965, um in Deutschland zu studieren. Aus dem Ausland engagiert er sich in der Oppositionsbewegung gegen den Schah. Im Zuge der Revolution im Jahr 1979 kehrt er nach 14 Jahren erstmals zurück nach Iran, sieht sich jedoch wenige Wochen später gezwungen, das Land erneut zu verlassen. Er schreibt: «Die Machthaber wechseln, der Terror bleibt.» Nach der Rückkehr an den Ort der Kindheit und Jugend verfasst er den Gedichtband «Wo ich sterbe, ist meine Fremde».
(…)
In der Generation Saids spaltet die Frage nach der Rückkehr, nebst anderem, die iranische Diaspora in zwei Lager: in jene, die gegenüber dem Regime in Teheran Reue zeigen oder ihm gar Spitzeldienste erweisen, und jene, die Haltung bewahren und dafür das Exil ertragen. Letztere, wie Said, nehmen viel Einsamkeit in Kauf. In seinem Gedicht «Im Exil» beschreibt er dieses Gefühl der Ausweglosigkeit: «Wie ein Goldfisch / im klaren Glas / mit trübem Wasser / spiele ich blaues Mittelmeer / und pflege meinen Hechtkult. / Manchmal nur / küsse ich den Wasserspiegel / und behaupte, / dass ich lebe.» / Nina Fargahi, Neue Zürcher Zeitung
Der Basler Lyrikpreis 2016 geht an den Dichter, Herausgeber und Übersetzer Ron Winkler. Die Jury würdigt Ron Winkler für sein konsequentes, eigenwilliges lyrisches Schreiben. Seine Gedichte rütteln auf erquickende Weise an unserer Wahrnehmung von Welt und von Sprache. Gleichzeitig durchzieht die Gedichte eine humorvolle sprachspielerische Experimentierlust.
Die Preisverleihung findet im Rahmen des 13. Internationalen Lyrikfestivals Basel am Samstag, 30. Januar 2016 um 18:30 Uhr im Literaturhaus Basel statt.
(…)
Mit dem Basler Lyrikpreis zeichnen Lyrikerinnen und Lyriker von der Basler Lyrikgruppe (dieses Jahr Rudolf Bussmann, Ingrid Fichtner, Wolfram Malte Fues, Claudia Gabler, Rolf Hermann und Kathy Zarnegin) jährlich das Werk einer Kollegin oder eines Kollegen aus. Der Preis wird ausdrücklich an Dichterinnen und Dichter verliehen, deren Schreiben sich durch Innovationskraft auszeichnet und durch den Mut zu konsequentem eigenwilligen und eigensinnigen Arbeiten mit Sprache. Er soll dazu beitragen, herausragende Stimmen einer breiteren Öffentlichkeit bekanntzumachen. Der Basler Lyrikpreis ist dank der freundlichen Unterstützung der GGG mit Fr. 10’000.– dotiert und wird einmal jährlich während des Internationalen Lyrikfestivals Basel verliehen. Frühere Preisträger waren u.a. José F. A. Oliver (2015), Anja Utler (2014), Elisabeth Wandeler-Deck (2013) und Klaus Merz (2012).
Das Basler Lyrikfestival findet vom 29.-31. Januar 2016 im Literaturhaus Basel statt. (…) Ein Schwerpunkt ist dieses Jahr der jüdischen Lyrik gewidmet. Zu Gast werden 2016 u.a. Ulla Hahn, Joachim Sartorius, Michael Fehr, Daniela Seel, Mirko Bonné, Max Czollek, Thilo Krause, Mati Shemoelof und Adi Keissar sein. / buchmarkt.de
The poet Andrew McMillan has won the 2015 Guardian first book award with his elegantly poised and intimate collection of poems, Physical.
McMillan is the first poet to win the £10,000 prize since it began in 1999, replacing the Guardian fiction prize with an award open to debuts of any genre. / Guardian
Im Berliner Untergrund ist ein neues Magazin anzuzeigen: Saufen aktuell. Ein poetisches Fachblatt für moderne Trinker. Deren Aufmerksamkeitsspanne ist begrenzt, weshalb die abgedruckten Texte ungefähr so lang sind wie diese Meldung. Das mit dem Fachblatt ist wörtlich zu nehmen: Saufen aktuell ist ein beidseitig bedrucktes Din-A-3-Blatt mit leporelloartig auffaltbaren 13 Seiten. Am wahrsten und anrührendsten ist die Miniaturausgabe eines Ginsbergschen Langedichtes: »Abends in der Kneipe« von Clemens Schittko. Hier ein Auszug: »bei lauter werdender Musik / anfangen zu brüllen / den Anderen ins Ohr brüllen / und weiterfeiern / hoch die Tassen / obwohl es nichts zu feiern gibt / und betrunken sein / einen sitzen haben / den Kanal voll haben / einen Zacken in der Krone haben / zu tief in den Becher geschaut haben / oder einfach nur dicht sein / und Dinge sehen, / die es nicht gibt / von einer Arbeiterklasse träumen, / die irgendwann die Revolution macht / vom Kommunismus träumen / vom Anarchismus träumen / von der klassenlosen Gesellschaft / von einer Räterepublik / und wieder trinken / nachladen / tanken / sich zuschütten / sich abfüllen«: Im Impressum steht: »Einzelpreis: 1 Eule bzw. 1 Bier. Kein Abo, kein Vertrieb, keine Portokasse«. Vielleicht steckt Ihnen jemand ein Exemplar zu, im Tresenland. Wäre schön. / junge Welt
Die Kölner Dichterin Anne Dorn, die heute 90 Jahre alt wird, ist erst spät mit Gedichten an die Öffentlichkeit getreten. 1925 in Wachau bei Dresden geboren, erlebte sie als Zwanzigjährige den Schock der Trennung von ihren Eltern, die im Osten Deutschlands zurückblieben, während sie selbst ein neues Leben in Herford in Westfalen begann. 1969 ließ sie sich in Köln nieder. Sie wurde als Autorin von Rundfunk- und Fernsehbeiträgen für den WDR bekannt, ab den sechziger Jahren entstanden auch die ersten Gedichte. Erst im Alter von 86 Jahren veröffentlichte sie 2011 ihr lyrisches Debüt, den Band „Wetterleuchten“, eine balladeske Poesie, die der Umgangssprache eine eigene Musikalität abgewinnt. Nun legt sie mit „Jakobsleiter“ ihren zweiten Gedichtband vor.
Diese Vermählungsphantasie mit dem Göttlichen korrespondiert in den Gedichten mit einer Art Schöpfungsehrfurcht, mit einer Lobpreisung alles Kreatürlichen. Im Gedicht „Leiser Schrei“ legt Anne Dorn ein Bekenntnis zu dieser poetischen Naturverehrung ab, und macht deutlich, dass sie weiß, dass sie mit ihrer Art von Dichtung im Gegensatz steht zur Sprachskepsis ihrer Dichterkollegen.
Leiser Schrei
Ich will euch ein Gedicht von Veilchen machen,
weil ihr glaubt, dass das nicht mehr geht
und die Veilchen abgegrast und poetisch gefressen sind:
Veilchen der Ferne, von fern her,
aus der Zeit der Zöpfe und lehmigen Stiefel.
Ich hatte niemals zierliche Schuhe und seidene Kissen,
aber am Wiesenhang Veilchen
und Spinnwebräder zwischen zerbrochenen Jalousien.
Wenn ich mit dem Schaukelbrett in die Äste der Linde flog,
sah ich die grünblauen Eier im Nest der Amsel.
Ihr glaubt nicht, wie fest die Blumen
und die Gelege der Vögel sind:
Wie die Glieder der Bronzekette im Hafen von Karthago,
so fest schließt sich ein Ding der Liebe ans andere. / Michael Braun, WDR 3
DLF Büchermarkt: Aus dem literarischen Leben. Das Kritikergespräch mit Michael Braun und Insa Wilke über neue Lyrik:
Anne Dorn: Jakobsleiter
(poetenladen)
Jürgen Nendza: Mikadogeäst
(poetenladen)
Anne Dorn
Jakobsleiter
Gedichte
Poetenladen, Leipzig 2015
88 Seiten
Carolin Callies die 35 Jahre junge Lyrikerin, hat den Thaddäus Troll Preis der baden-württembergischen Autoren gewonnen… Natürlich hätte sie damit rechnen können, denn diesen Preis erhalten nur Autorinnen und Autoren, die zuvor schon Stipendiaten des Verbands deutscher Schriftsteller in Baden-Württemberg waren. Aber dass ihr Debut-Band „Fünf Sinne und nur ein Besteckkasten“ so überzeugte, das hat sie nun doch überrascht.
(…) Viel Phantasie, Witz, Lust am Wort, Lust am Rhythmus und am schrägen Denken – das ist es, was die neue Thaddäus Troll Preisträgerin auszeichnet. / Annette Lennartz, SWR 2
Info: Zu erleben ist Carolin Callies am 1.12. 2015 in Esslingen (Literaturtage), am 3.12. 2015 in Heidelberg, (Karlstorbahnhof) mit ihrem Band „Fünf Sinne und nur ein Besteckkasten“, erschienen bei Schöffling & Co, 19.50€. Der Thaddäus-Troll-Preis wird am 30. November 2015 In Stuttgart vergeben.
Ein Abend mit Lesungen von Natalia Azarova (Text) und Hendrik Jackson (Text und Bild), unter Teilnahme von Petr Kolpakov (Musik).
Sonntag, 29.11. 20:00 Uhr
Es sind zwei Premieren:
Außerdem präsentiert Hendrik Jackson im Bild, Video und mit neuen Texten seine aktuellen Eindrücke aus Sibirien! Die Bilder für die Sound-Foto-Collagen stammen vom Fotografen Heinrich Voelkel.
Geöffnet ab 20:00 Uhr, Beginn 20:30 Uhr.
Eintritt 5 EUR
Hendrik Jackson wurde 1971 geboren, aufgewachsen in Münster/Westfalen, studierte an der HU-Berlin Filmwissenschaft, Philosophie und Slawistik. Er lebt als Lyriker und Übersetzer in Berlin, ist Mitinitiator von Lesungen und Aktionen z.B. www.parlandopark.wordpress.com, sowie als Herausgeber verantwortlich für www.lyrikkritik.de. Jackson wurde in zahlreiche Sprachen übersetzt. Er erhielt unter anderem das Rolf-Dieter-Brinkmann-Stipendium, den Wolfgang-Weyrauch-Preis beim Leoce-und-Lena-Wettbewerb, den Förderpreis der GWK Münster und den Förderpreis Literatur des BDI (2006), sowie den Förderpreis zum Hölderlin-Preis der Stadt Homburg (2008) und das Stipendium des Berliner Senats (2013).
ausland – Territory for experimental music, performance and art
Lychener Str. 60, 10437 Berlin-Prenzlauer Berg
Lyrik im ausland
Alexander Filyuta & Tobias Herold
www.ausland-berlin.de/lyrik-im-ausland
https://de-de.facebook.com/LyrikImAusland
In ihrer Rede zur Verleihung des Weilheimer Literaturpreises 2015, dem zentralen Text ihres Prosabandes, vergleicht Nora Gomringer ihrer beider literarischen Modernitätsbegriffe und kommt zu einem überraschenden Ergebnis: «Jetzt, mit 35, ist mir vollkommen klar, wie reaktionär und konservativ mein Welt- und Gedankenkonstrukt ist im Vergleich zu dem meiner Eltern.» Und einige Sätze zuvor: «Vielleicht ist lediglich die Art, wie ich schreibe, rebellisch, wenn man es in Bezug setzt zu den klaren, konzentrierten Texten des Vaters. Ich bin viel barocker, ausholender im dichterischen Gestus. Ich bin dazu recht laut.»
Wer sich indes ihr Libretto «Drei fliegende Minuten» genauer anschaut, der findet dann doch ein Gedicht, das in seiner monochromen Textur aus der Schule der konkreten Poesie stammen könnte. Das «kleine Lied vom Wenn» präsentiert zeilenweise einen Konditionalsatz, der in eine Tautologie übergeht. Schöner hätte es auch Eugen Gomringer nicht formulieren können: «Wenn ich gross bin, bin ich gross / Wenn ich klug bin, bin ich klug / Wenn ich reich bin, bin ich reich / Wenn ich dich find, find ich dich / Wenn ich alt werd, werd ich alt / Wenn ich tot bin, bin ich tot». / Michael Braun, NZZ
Nora Gomringer: ach du je. Sprechtexte. Verlag Der gesunde Menschenversand, Edition spoken script, Luzern 2015. 160 S., Fr. 25.90. Nora Gomringer: Ich bin doch nicht hier, um Sie zu amüsieren. Texte & Reden. Verlag Voland & Quist, Dresden 2015. 176 S., Fr. 23.90. Nora Gomringer tritt gemeinsam mit Najem Wali und Peter Bichsel auf im literarischen NZZ-Podium «‹Die Welt retten› – Ein Abend über das Erzählen». Die Veranstaltung findet am Donnerstag, 26. November, um 18 Uhr 30 im Schauspielhaus Zürich statt.
Es lässt sich, zusammengefasst, einiges über dieses schmale Bändchen sagen, viel mehr aber mit ihm. Filips‘ „Scheiße-Engel“ gehört noch in diese Ordnung von Gedichtbänden, die in den siebziger und achtziger Jahren viel häufiger gewesen zu sein scheinen: Lyrik, die sich als Teil geisteswissenschaftlicher Diskurse versteht; Lyrik nicht so sehr als „Teil“ von Akademia, sondern vielmehr als „Organelle“, die das Weltanschauungs- und Gefühls-Plankton zwischen Akademia und Kunst-/Kneipen-/Schlafzimmer-Welt hin- und her-schaufelt; Lyrik, für die ein anderer Katalog an Gewissheiten gilt als im frühen einundzwanzigsten Jahrhundert sonst üblich.
Nehmen wir den „Scheiße-Engel“ als (mehr oder minder) heiteres Supplement zu (mehr oder minder) anstrengenden Lacan-Lektüren; oder sagen wir überhaupt gleich: Als mögliche Sammlung „lyrischer Schautafeln“, um rein diskursive Abhandlungen postfreudianischer kritischer Psychoanalyse ein wenig zu erden. / Stefan Schmitzer, Fixpoetry
Beim DLR gehts ja richtig zur Sache. Hier zu Judith Holofernes. Harsch? Gar kein Ausdruck:
Jeder noch so doofe Kalauer wird mitgenommen und in Knittelverse gequetscht. Selbstverständlich immer mit Endreim, mehr oder weniger zumindest. Die Autorin nimmt es nicht so genau: „nass“ – „Spaß“; „Nachbarn“ – „Krach gern“; „Schecks – Dreck“
Beim Gedicht Tuberkelhokko – eine Hühnerart – tut die Lektüre zum ersten Mal richtig weh:
„Machst nichts locker vom Hokko
Bist kein Rokko!“Das sind Schmerzen, die ein paar Seiten später bei der Heineverhunzung Schaf in einen Wutanfall münden:
„Denk ich an Deutschland in der Nacht
hab ich kaum je ein Schaf gebraucht
Eh jenes sich zum Sprung aufmacht
Bin ich schon in den Schlaf geschlaucht.“/ André Hatting, DLR
Judith Holofernes: Du bellst vor dem falschen Baum
Klett-Cotta (Tropen), Stuttgart 2015
104 Seiten. 17,95 Euro
Harsch das Urteil Gregor Dotzauers über die Gedichte Raoul Schrotts:
Die Gedichte, die darauf reagieren, sind oft nicht viel besser. Sie feiern das Diesseits mit syntaktisch braven Zeilenbrüchen in den Beschwernissen des Alltags, und sie sprechen durch die verschiedensten Rollen hindurch: vom Pizzabäcker bis zum Schlachter, von der Kassiererin bis zur einsamen Endvierzigerin. Das Problem ist auch, dass man in ihnen ständig den Dichter selbst hört, der krampfhaft zu sich in Distanz treten will – und doch nicht über Preziositäten hinauskommt:
„das carnet de passage unserer vorläufigen existenz
bietet für solch subjektive notizen den reim
der folgenden zu allem passenden sentenz: jeder tag ist eine reise * und in ihr bist du daheim“.Weisheiten fürs Poesiealbum, weit entfernt von einem poetischen Denken, wie es im 20. Jahrhundert etwa T.S. Eliot mit seinen von Norbert Hummelt gerade neu übersetzten „Vier Quartetten“ bis an seine Grenzen geführt hat.
Noch peinlicher wird es, wenn sich Schrott auf erotisches Terrain begibt:
„so dass nicht mehr zu spüren ist wo ich aufhöre
und sie beginnt * vögeln nachfliegen
in den spalt wie aus ihm wachsen * als felsföhre
aufgebogen an ihr: vögeln * verliegen“.Den Todesstoß versetzt solchen Versen, sie unter Auskostung ihrer forcierten Endreime einmal laut vor sich hinzurappen. So metrisch vage und in der Länge unrhythmisch schwankend, wie sie sind, klingen sie wie bildungsüberhöhter Poetry Slam.
Raoul Schrott kann nicht nichts. Er kann soviel, dass er seinen Mangel an Originalität unter einer blitzenden Metaphernfirnis so elegant versteckt, dass seine Rezensenten ihn bisher todernst genommen haben.
Raoul Schrott: Die Kunst an nichts zu glauben. Gedichte
Carl Hanser Verlag, München 2015
168 Seiten, 17,90 Euro
Das deutsche PEN-Zentrum unterstützt und wiederholt die Forderung des Internationalen PEN, des Englischen PEN und des amerikanischen PEN-Zentrums nach der sofortigen Freilassung des palästinensischen Lyrikers Ashraf Fayadh, der wegen seines angeblichen “Abfalls vom muslimischen Glauben” in Saudi-Arabien zum Tode verurteilt wurde. Die Entscheidung der saudischen Justizbehörden muss umgehend zurückgenommen werden.
Der PEN ist entsetzt über die Nachricht, dass Ashraf Fayadh, Dichter und Mitglied der britisch-saudischen Kunstorganisation “Edge of Arabia”, zum Tode verurteilt wurde. Berichten zufolge wurde Ashraf Fayadh in einem Wiederaufnahmeverfahren nun zum Tode verurteilt, nachdem zunächst im Mai 2014 eine Strafe von vier Jahren Gefängnis und 800 Peitschenhieben verhängt worden war.
Erstmals war Fayadh im August 2013 verhaftet worden im Zusammenhang mit seiner Gedichtsammlung Instructions Within. Er wurde auf Kaution freigelassen, aber im Januar 2014 erneut verhaftet. Man warf ihm “Atheismus und Verbreitung von zerstörerischem Gedankengut in der Gesellschaft” vor, im Mai 2014 wurde er dann verurteilt. Die Ablehnung seines Berufungsantrags führte letztlich zu dem Wiederaufnahmeverfahren, das vor rund einer Woche abgeschlossen wurde. Wie der Guardian berichtet, ist Fayadh “absolut schockiert” über die Strafe. Er sagte: “Ich habe nichts getan, das den Tod verdient. / PEN
PEN urges the Saudi authorities to desist from punishing individuals for the peaceful exercise of their right to freedom of expression. Other cases of particular concern to PEN include the liberal blogger Raif Badawi, winner of the 2015 PEN Pinter Prize for an International Writer of Courage, and his lawyer and brother-in-law Waleed Abulkhair. Badawi has been sentenced to ten years in prison and 1000 lashes, while Abulkhair is serving a 15-year prison sentence. English PEN continues to hold regular vigils for Badawi and Abulkhair outside the Saudi Embassy in London; we are also asking members of the public to pledge to protest in the event that Badawi is flogged again. / http://www.englishpen.org/campaigns/pled…
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