„Zeugnis ablegen und den Opfern eine Stimme geben“

Man vergisst, dass soziale Veränderungen wie die Französische Revolution auch das gesamte literarische System veränderten. Wer finanzierte von nun an Poesie? Wer verbreitete, wer las sie? Der Hofadel? Die Bourgeoisie? Und was ist mit der Russischen Revolution, die ganz neue Formen politischer Loyalität von Dichtern verlangte? Welchen Zielen nützt, was jemand schreibt? Wer zahlt die Rechnung? Die Antwort darauf ist so kompliziert geworden, dass es verlockend scheint, zu behaupten, der Dichter nütze nur sich selbst: „la poésie pour la poésie“ – Poesie sei nicht politisch.

Angesichts der Globalisierung wollen Dichter auch von Menschen am anderen Ende der Welt verstanden werden. Sie besingen nicht mehr die Amsel oder den Bussard, sondern den „Vogel“; nicht mehr die Pappel oder den Mangobaum, sondern den „Baum“. Alles, was ortsgebunden war und den Dichter mit seiner Community verband – Poiesis in der und für die Polis –, wird nicht selten im Namen einer geschichtlichen wie geografischen Neutralität aus den Gedichten verbannt. Die Ideologie der Zeitlosigkeit vereint mit der einer Ortlosigkeit. Man schreibt nicht für seine Zeitgenossen, sondern für eine imaginäre Zukunft. In meinen Augen ist ein Text politisch, der sich seiner Zeit und seines – lebenden – Publikums bewusst ist. Gegen die Verbrechen, die sich zu Füßen von Benjamins Engel anhäufen, hat Poesie vielleicht nur diese Funktion: Zeugnis abzulegen und den Opfern eine Stimme zu geben. Und dann ist da noch die geschichtliche Flexibilität von Poesie: Die Gedichte Catulls bringen uns die Römische Republik nahe und haben uns heute noch etwas zu sagen. Dabei schrieb Catull über seine Polis und seine Zeit.

Ricardo Domeneck, aus einem Beitrag bei der Freitag

Ricardo Domeneck, Dichter, lebt in São Paulo und Berlin
Übersetzung aus dem Portugiesischen von Odile Kennel

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