Shahryar
(eigentlich Akhlaq Muhammad Khan, * 1936)
Qual bei Tagesanbruch Tau auf kühlen Ästen noch immer verträumt Doch die Sonne lenkt ihren Streitwagen
In: Gelobt sei der Pfau. Indische Lyrik der Gegenwart. Hrsg. Alokeranjan Dasgupta. München: Schneekluth, 1986, S. 166
KAVITA SINHA
Kavita Sinha (Jahrgang 1932), indische Schriftstellerin (Bengali), Radioproduzentin und Feministin, gab 1966 die sehr populäre, täglich erscheinende Lyrikzeitung Dainik Kavita heraus
Nur wir beide Eben noch hunderttausend Lügen gesagt wir beide sechs Tassen Tee wir beide, sechs Tassen Tee und eben noch hunderttausend Lügen! Hunderttausend Lügen, sechs Tassen Tee und wir beide eben noch. Was kann draus werden? Was wird? Was hätte werden können? Was noch? Wie, hunderttausend Lügen und wir beide? Ohne die sechs Tassen Tee — Was noch? Oder wir beide, sechs Tassen Tee und hunderttausend Lügen sagen — was noch? Nein, nur hunderttausend Lügen nein, nur sechs Tassen Tee was noch? Was noch? Wie, nur wir beide? Hunderttausend Lügen nicht. Sechs Tassen Tee nicht. Noch nicht. Nur wir beide?
Aus: Alokeranjan Dasgupta (Hrsg.), Geliebt sei der Pfau. Indische Lyrik der Gegenwart. München: Schneekluth, 1986,. S. 30
Goethe
Will ich die Blumen des frühen, die Früchte des späteren Jahres, Will ich was reizt und entzückt, will ich was sättigt und nährt, Will ich den Himmel die Erde mit Einem Namen begreifen; Nenn ich Sakontala dich und so ist alles gesagt.
An F.H. Jacobi, Weimar, 1.6.1791
Erstdruck: Deutsche Monatsschrift 1791
Georg Forster hatte das indische Drama Sakontala (von Kalidasa) aus dem Englischen übersetzt und Goethe gesandt
Schah Abdul Karim von Bulrri
(Geboren 1636 Sind, gestorben 1694)
Am Fluß-Ufer lebend, sterben die Toren vor Durst – Sie schweigen voll Qual und ergreifen nicht den Moment.
Aus: Die schönsten Gedichte aus Pakistan und Indien. Islamische Lyrik aus tausend Jahren, herausgegeben von Annemarie Schimmel. München: C.H. Beck, 1996, S. 203
Man schlägt auf viererlei Art:
Mit dem Handrücken,
mit der ausgestreckten hohlen Hand,
mit der Faust,
mit der flachen Hand.
Die aus den Schlägen erwachsenden Schmerzen äußern sich in pfeifenden Wehlauten, deren man acht Abarten unterscheidet:
Den Laut „Him“,
das Donnern,
das Girren,
das Weinen,
den Laut „Phut“,
den Laut „Phat“,
den Laut „Sut“.
Außerdem gibt es noch bestimmte Ausrufe, Worte wie „Mutter!“, dann jene, welche „genug!“, „nein!“, Schmerz oder Lob bedeuten, dann den Schrei der Turteltaube, des Kuckucks, des Papageis, des Sperlings, des Flamingos, der Ente, den Ruf der Wachtel, das Summen der Biene. Alle diese Laute sind bei derartigen Anlässen zu verwenden.
Asien. Höhepunkte erotischer Literatur berühmter Autoren. Von Valmiki, Vatsyayana und vielen anderen Autoren aus schriftlicher und mündlicher Überlieferung. Mit einem Vorwort des Verlags. Gütersloh : Prisma-Verlag, 1980, S. 75
(Kamasutra, Zweiter Teil, Siebentes Kapitel)
Aus einer englischen Übersetzung
Moaning arises out of this, since it expresses pain, and moaning takes several forms. There are eight kinds of screaming: whimpering, groaning, babbling, crying, panting, shrieking, or sobbing. And there are various sounds that have meaning, such as ‚Mother!‘ ‚Stop!‘ ‚Let go!‘ ‚Enough!‘ As a major part of moaning she may use, according to her imagination, the cries of the dove, cuckoo, green pigeon, parrot, bee, nightingale, goose, duck, and partridge.
Und eine andere
Shamsher Bahadur Singh
Verhangener Himmel
Verzweifelt starr ich empor zum verhangenen Himmel:
Tief in das Wolkendickicht verkriecht sich der Mond;
Und von allen Seiten
Schleicht sich leise lachend die Nacht heran.
1951
Deutsch von Annemarie Bostroem
In: Seufzend streift der Wind durchs Land. Moderne Hindilyrik. Hrsg. Irene Zahra. Berlin: Volk und Welt, 1976, S. 78
Ganz unerwartet zieht die junge Frau den alten Gatten an den Haaren
zu sich, umarmt ihn heftig und küsst ihn: hierzu wird sie einen besondern
Grund haben.
Aus: Indische Sprüche, Sanskrit und Deutsch. Böhtlingk, Otto von [Hrsg.] Band 1: A-Na. St. Petersburg, 1863.
Qadi Qadan war ein Richter, qādi, in Sehwan im unteren Industal, wo er 1551 starb. Seine dōha, zweizeilige Verse im indischen Stil, gelten als erste Kunstform der Sindhi—Literatur. Sie sind von mystischer Erfahrung getönt.
Laß die Grammatik den Leuten! Ich studier’ den Geliebten, und eine einzige Letter les’ ich und les’ immer wieder. Würdest hunderttausend Bücher du studieren — Wisse eins: zum Liebsten wird dich das nicht führen!
Aus: Die schönsten Gedichte aus Pakistan und Indien. Islamische Lyrik aus tausend Jahren, herausgegeben von Annemarie Schimmel. München: C.H. Beck, 1996, S. 201
KAVITA SINHA
Kavita Sinha (Jahrgang 1932), indische Schriftstellerin (Bengali), Radioproduzentin und Feministin, gab 1966 die sehr populäre, täglich erscheinende Lyrikzeitung Dainik Kavita heraus
Eva an Gott
Ich wußte
als erste
einer Münze
oben und unten
sind Kopf und Adler
Ich wußte
als erste
Licht und Dunkelheit
sind beide
von Dir erschaffen
Ich wußte
als erste
zu gehorchen
und nicht zu gehorchen
ist ein und dasselbe
Ich berührte
als erste
den Baum
der Erkenntnis
ich biß als erste
in den leuchtenden Apfel
ja, das war ich
Ich begriff
als erste
unter Lachen
und Weinen
kann aus Deinem Antlitz
das Gesicht des Kindes
geschnitten werden
Ich begriff
als erste
herrlich ist es
gut im Laster
und verderbt in Reinheit
zu leben
Ich zerbrach
als erste
das Goldgeschmeide
nur so
aus Spaß
Denn
es gefiel mir nicht
Marionette
Deiner Hand
zu sein, während er
der arme Adam war
Ich stiftete,
die erste
Unruhe
auf Deiner Erde
jawohl, das war ich
Ich schuf
als erste
Himmel-und Hölle
als ich die Wand
zwischen Scham und Blöße
mit dem Feigenblatt
errichtete
Ich war
die erste
die mit Spiel und Schmerz
Deine Puppe aus eignem
Fleisch formen konnte
ich: la femme fatale
Mein Geliebter
mein Sklave
ich war
die erste
die erfuhr
was es bedeutet
vom Himmel
verbannt zu sein
Ich erlebte es
als erste
wie ein Mensch zu leben
und das Leben zu lieben
mehr als den Himmel
Aus: Alokeranjan Dasgupta (Hrsg.), Geliebt sei der Pfau. Indische Lyrik der Gegenwart. München: Schneekluth, 1986,. S. 30-33
A TELUGU WORLD
RāmarājabhŪsana (ein Dichter des 16. Jahrhunderts)
mahi mun vāg-anuśāsanundu srjiyimpan kundalîndrundu tan-
mahanīya-sthiti-mŪlamai niluva śrīnāthundu provan mahā-
mahulai somudu bhāskarundu vělayimpan sômpu vātillun ī
bahulândhrokti-maya-prapañcamuna tat-prāgalbhyam‘ Ūhiñceědan
Live the exuberance of language,
first created by the Maker of Speech.
A thousand tongues at the root,
moon and sun above,
God himself within:
a whole world inheres
in what Telugu says.
Aus: Narayana Rao, Velcheru, and David Shulman, translators, editors, and with an introduction by. Classical Telugu Poetry: An Anthology. Berkeley, Calif: University of California Press, c2002 2002. http://ark.cdlib.org/ark:/13030/kt096nc4c5/
Meine Übersetzung aus dem Englischen mit Anmerkungen aus der Anthologie von 2002:
Lebe die Fülle der Sprache,
vom Schöpfer der Rede erschaffen.
Eintausend Zungen an der Wurzel,
Mond und Sonne darüber,
Gott selbselbst inmitten:
eine ganze Welt steckt
in Telugus Rede.
Ich bilde mir keineswegs ein, aus der englischen Fassung dieses Gedicht zu verstehen. Aber es spricht mich an. Es verkörpert tatsächlich eine Telugu-Welt, eine zum Zeitpunkt seiner Niederschrift schon 500 Jahre alte Literatur mit viel weiter zurückreichenden Wurzeln in der Sanskrittradition. Ich bin kein Anhänger der Meinung, Poesie sei nur dann „echte“ Poesie, wenn sie nicht erklärt werden muß. Man kann das für Teile der Gegenwartsliteratur gelten lassen (ich sage Teile, weil ich nicht vergesse, daß eine hochspezialisierte Kunst Spezialistenwissen und -können braucht, womit nicht literaturwissenschaftliches Wissen gemeint ist – eher im Sinne von Brechts Bestreben, aus dem kleinen Kreis der Kenner einen großen Kreis der Kenner zu machen. Schnee von gestern, leider.).
Ohne Erklärungen werden wir in den Kunstwerken entfernter Räume und Zeiten immer nur uns selber finden. Das ist okay, man kann mit ein wenig Übung seinen Spaß an Haikus und Minneliedern haben. Aber wenn ich mehr als mich darin sehen und daraus verstehen will, brauche ich Erklärungen. Was ich aus den Anmerkungen in der Quelle verstanden habe, vermittelt eine Ahnung, was jener ferne RāmarājabhŪsana aus Südindien im Sinn hatte und warum heutige Teluguleser es schätzen mögen.
Dieses Gedicht feiere eine lebendige und kontinuierliche literarische Überlieferung der Andhra in Südostindien. Der Dichter, der in einer Zeit intensiver Kreativität lebte, verweise auf einen ganzen vorliegenden Kanon. Jeder Dichter, der genannt oder auf den angespielt wird, sei paronomastisch (durch Zusammenstellung lautlich gleicher oder ähnlicher Wörter oder Wörter von gleicher Herkunft) mit einem Gott gleichgesetzt.
Zuerst Vāg-anuśāsanundu, der „Schöpfer der Rede“ (identisch mit Brahma im klassischen Hindu). Er hat die Göttin Vāc (Sprache oder Rede) sowohl erschaffen als auch geehelicht. In der Telugutradition ist das aber auch der Titel, der dem ersten Dichter Nannaya verliehen wurde, er lebte im 11. Jahrhundert. Wie der Gott die Sprache, so erschuf der erste Dichter die Dichtung und den poetischen Stil.
Die tausend Zungen gehören der Schlange Kundalîndrundu-ādiśesa, die die Welt auf ihren tausend Hauben* die Welt trägt. ādiśesa deutet auch auf den großen Sanskritgrammatiker Patañjali, Autor eines berühmten religiösen Kommentars.
Für weitere Spuren ein Auszug aus dem zitieren Werk:
After the creation of speech itself, one needs grammar at the root of language. But the same title applies to the second great Telugu poet, Tikkana, who is said to have performed a sacrifice known as kundali (thus explaining his title here). The moon, Soma, is probably Nācana Somanātha, the author of the Telugu [Uttara-]harivamśamu (fourteenth century).
[3] The original title was probably Harivamśamu; later generations prefixed Uttara- to distinguish his work from Ěrrāpragada’s Harivamśamu.
Bhāskara, the sun, is Hulakki Bhāskara, who produced a Telugu Rāmāyana (late thirteenth to early fourteenth centuries). And God himself, the Lord of Prosperity, is śrīnātha, the fourteenth-century poet who revolutionized Telugu taste. Together, and also no doubt accompanied by other, unnamed poets, these figures created and maintained— in the eyes of the poet who sang this verse—an entire universe, rich with life and feeling, fashioned in and by language. And it is to this language, imagined as a goddess, that the poet pays tribute.
Eine Teluguwelt in wenig Zeilen.
Lioba Happel
(* 7. Februar 1957 in Aschaffenburg)
«Ist mein Fräulein traurig
soll sie sich zum Teufel scheren»
zwei mal zwei ist sieben fünf acht
drei mal drei alle viere
jedenfalls war ich heut nacht im park
jedenfalls gibt’s da wilde tiere
der erste ein herzog der zweite am geigen
der dritte ein tanzbär der vierte leibeigen
jedenfalls lieber gott vielen dank
da blühte auch einmal ein blümlein
da kannste mal sehen was übrig bleibt
bei tage im hellen mondenschein
der fünfte ein henker der sechste dort hängt er
der siebte ein schwein der achte ganz rein
jedenfalls hab ich den neunten vergessen
der neunte hat alle aufgefressen
und die blume ist schwarz und die sonne ist rot
und gold ist aus dreck und die liebe tut not
zwei augen sah ich den himmel durchqueren
«soll sie sich zum teufel scheren»
jedenfalls war ich heut nacht im park
jedenfalls gibt’s da wilde tiere
zwei mal zwei ist sieben fünf acht
drei mal drei alle viere
Lioba Happel aus: Aus einer Zeit des Umbruchs, in Zwischen den Zeilen 11 (1998) S. 60f
Aus einem Essay über Dichtung im gleichen Heft:
Begriffe sind kleine Gemeinheiten, sie wiegen dich in Sicherheit, bis es dir die Welt zerschlägt.
A.a.O. S. 69
Marie Luise Kaschnitz (1901-1974)
Zuweilen
Zuweilen schläft auch der Dichter
Der alte Verderber der Feste
Ausgezählt hat er sich selber
Gesunken ins Sterntalergras.
Schnellwachsender Traum überspinnt ihm
Die spähenden Augen
Auf seiner Schreibhand
Begatten sich Schmetterlinge
Seine Sturmvögel plappern wie Spatzen
Das liebliche Immer-schon-da.
Aus: Marie Luise Kaschnitz: Überallnie. Ausgewählte Gedichte 1928-1965. München: dtv, 1995 (2., neu durchges. Aufl. – 1. 1969), S. 245
Henriette Hardenberg
Eigentlich Margarete Rosenberg (* 5. Februar 1894 in Berlin; † 26. Oktober 1993 in London), expressionistische Dichterin
Frühling
Birkenweißes Bein,
Liebeslandschaft,
Hüften,
Ihr Blumenbalkon,
Zart und verwildert,
Vollduftender Märzbecher,
Du Mann,
Den ich liebe!
Aus: Henriette Hardenberg: Südliches Herz. Nachgelassene Dichtungen. Hrsg. Hartmut Vollmer. Zürich: Arche, 1994, S. 32
Henriette Hardenberg veröffentlichte ab 1913 Lyrik und Prosa in expressionistischen Zeitschriften (Die Aktion, Die Weißen Blätter). 1916-1930 verheiratet mit dem Dichter Alfred Wolfenstein. Befreundet und bekannt mit Reinhard Sorge, Else Lasker-Schüler, Claire Goll, Alfred Lichtenstein, Franz Pfemfert, Rainer Maria Rilke und vielen anderen. 1937 gelingt ihr die Flucht vor den Nazis, sie geht nach London, wird britische Staatsbürgerin und stirbt 1993 in London.
in der häuslichen Winterlandschaft trittst du auf dem Ergometer fortwährend die Zeit unter dir weg
Hansjürgen Bulkowski
Louise Bogan
(* 11. August 1897 in Livermore Falls, Maine; † 4. Februar 1970 in New York City), US-amerikanische Dichterin und Literaturkritikerin
Morgen 1. Die grünblauen Eier der Rotdrossel Haben die Komplementärfarbe Zur rosenroten Brust der Rotdrossel — Ist es eine Vision des Auges, ein Entschluß im Blut, Was das Lieben und Schützen diesen Vögeln in Erinnerung ruft? 2. Die kluge und beinahe planvolle Ranke der Winde, Die den Rosenzweig als Stütze für ihren spiralförmigen Aufstieg erwählte, Vermeidet erfolgreich alle Bis auf die kleineren Dornen.
Aus: Sehen heißt ändern. Dreißig amerikanische Dichterinnen des 20. Jahrhunderts. Eine zweisprachige Anthologie. Hrsg., übertragen u. m.e. Nachwort von Jürgen Brôcan. München: Stiftung Lyrik Kabinett, 2006, S.31
Weitere deutsche Übersetzungen hier

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