Vom Schweizer unterscheidet der Schweizer sich

Urs Allemann

Gedicht vom Schweizer

Vom Schweizer unterscheidet der Schweizer sich dadurch
daß er ein Schweizer ist nicht fünf Schweizer nicht vier
nicht drei Schweizer nicht zwei Schweizer nicht keiner
sondern ein Schweizer einer nichts als eins ein Schweizer

Aus: Was sind das für Zeiten. Deutschsprachige Gedichte der achtziger Jahre. Hsg. Hans Bender. Frankfurt/Main: Fischer Taschenbuchverlag, 1990, S. 190

Tantalus, füll deinen Becher

Edith Södergran

Tantalus, füll deinen Becher

Sind das Gedichte? Nein, es sind Fetzen, Flicken,
 Schnipsel des Alltags.
 Tantalus, füll deinen Becher.
 Unmöglichkeit, Unmöglichkeit.
 Sterbend einst werf ich den Kranz von meinen Locken
   in deine ewige Leere.

Aus dem Schwedischen von Brigitte Struzyk

Aus: Edith Södergran: Klauenspur. Gedichte und Briefe. Leipzig: Reclam, 1990, S. 64

Nicht Gedicht. Klauenspur.

Edith Södergran

Edith Irene Södergran (* 4. April 1892 in Sankt Petersburg; † 24. Juni 1923 in Raivola/Karelien, damals Finnland, heute Rußland), finnlandschwedische Dichterin

Beschluß

Ich bin ein sehr reifer Mensch,
 doch kennt mich niemand.
 Meine Freunde machen sich von mir ein falsches Bild.
 Ich bin nicht zahm.
 Ich habe die Zahmheit in meinen Adlerklauen geprüft
  und kenne sie wohl.
O Adler, welche Süße in deiner Schwingen Flug!
 Wirst du schweigen wie alles? 
 Willst du vielleicht dichten? Du wirst nie mehr dichten.
 Jedes Gedicht wird die Zerreißung eines Gedichtes sein, 
 nicht Gedicht. Klauenspur.

Aus dem Schwedischen von Karl Kern

Aus: Edith Södergran: Klauenspur. Gedichte und Briefe. Leipzig: Reclam, 1990, S. 68

Faksmile aus ebd. S. 69

Im Walde von Katyn

  1. April 1940: Beginn des Massakers von Katyn, bei dem tausende polnische Offiziere und Intellektuelle hingerichtet und im Walde von Katyn verscharrt werden. Erst 1990 gab die sowjetische Führung die sowjetische Verantwortung für das Verbrechen zu.

Friederike Mayröcker

IM WALDE VON KATYN
im Walde von Katyn
dort wo die Vöglein sangen
im Wald von Katyn
im Wald von Katyn
da sangen die Vöglein alle
(and the chariot swung the chariot
over the mediterranean sea swung over the sea)
im Walde von Katyn
im Walde von Katyn
dort wo die Vöglein sangen
im Wald von Katyn
da sangen die Vöglein alle
and the chariot swung the chariot
over the sea

Wiedersehen mit Berlin

Mascha Kaléko

Wiedersehen mit Berlin

Berlin, im März. Die erste Deutschlandreise,
Seit man vor tausend Jahren mich verbannt.
Ich seh die Stadt auf eine neue Weise,
So mit dem Fremdenführer in der Hand.
Der Himmel bläut. Die Föhren lauschen leise.
In Steglitz sprach mich gestern eine Meise
Im Schloßpark an. Die hatte mich erkannt.

Und wieder wecken mich Berliner Spatzen!
Ich liebe diesen märkisch-kessen Ton.
Hör ich sie morgens an mein Fenster kratzen,
Am Ku-Damm in der Gartenhauspension,
Komm ich beglückt, nach alter Tradition,
Ganz so wie damals mit besagten Spatzen
Mein Tagespensum durchzuschwatzen.

Es ostert schon. Grün treibt die Zimmerlinde.
Wies heut im Grunewald nach Frühjahr roch!
Ein erster Specht beklopft die Birkenrinde.
Nun pfeift der Ostwind aus dem letzten Loch.
Und alles fragt, wie ich Berlin denn finde?
– Wie ich es finde? Ach, ich such es noch!

Ich such es heftig unter den Ruinen
Der Menschheit und der Stuckarchitektur.
Berlinert einer: ‚Ick bejrüße Ihnen!‘,
Glaub ich mich fast dem Damals auf der Spur.
Doch diese neue Härte in den Mienen –
Berlin, wo bliebst du? Ja, wo bliebst du nur?

Auf meinem Herzen geh‘ ich durch die Straßen,
Wo oft nichts steht als nur ein Straßenschild.
In mir, dem Fremdling, lebt das alte Bild
Der Stadt, die so viel Tausende vergaßen.
Ich wandle wie durch einen Traum
Durch dieser Landschaft Zeit und Raum.
Und mir wird so ich-weiß-nicht-wie
Vor Heimweh nach den Temps perdus

Berlin im Frühling. Und Berlin im Schnee.
Mein erster Versband in den Bücherläden.
Die Freunde vom Romanischen Café.
Wie vieles seh ich, das ich nicht mehr seh!
Wie laut ‚Pompejis‘ Steine zu mir reden!
Wir schluckten beide unsre Medizin,
Pompeji ohne Pomp. Bonjour, Berlin

Mein federäugiger Liebling!

Friederike Mayröcker

MEIN FEDERÄUGIGER LIEBLING!
mein schellenfüsziges Erkerschlöszchen!
meine wunderschöne Osterblume
wie sehr du mich verlassen hast
und jetzt musz ich um dich weinen

weisze Osterblume
kleiner Ostermond
fernes Springwasser meines Herzens
fünfzehntes Schlüsselchen meiner Not
lebwohl ins Frühlingsgrün!

Aus: Friederike Mayröcker: Gesammelte Gedichte. Frankfurt/Main: 2004, S. 32

Entstanden vermutlich zwischen 1950 und 1955

Ankunft im Regen

Anna Krommer

(* 31. März 1924 in Dolný Kubín, Tschechoslowakei), deutschsprachige Schriftstellerin mit US-amerikanischer Staatsangehörigkeit)

Aus: Ankunft im Regen

Ich kam von fern in diese tiefe Nacht,
Trag als Gepäck des ganzen Lebens Last,
Kam ungebeten, bin bei keinem Gast,
Und habe keinem etwas mitgebracht.

Der Regen hüllt mich ein in graue Tränen.
Rund ist nur Nacht. Verblaßte Lichter schwimmen
Durch eines Windes trübsinniges Stöhnen,
Und greifen hohl ans Herz mir und verrinnen.

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Heut roth und morgen todt

Luise Hensel

(* 30. März 1798 in Linum, Mark Brandenburg; † 18. Dezember 1876 in Paderborn)

Unbegreiflich

Sie rechnen viel und zählen,
Und Eins ist doch nur noth.
Sie sorgen stets und quälen
Sich nur um’s Erdenbrod.
Sie schaffen, tauschen, wählen,
Und bald doch kommt der Tod,
Der ihre Güter stehlen,
Vernichten wird – o Noth!
Drum laßt das Sorgen, Quälen
Und denkt an’s Himmelsbrod.
Habt kurze Zeit zum Wählen:
Heut roth und morgen todt.
So laßt das Rechnen, Zählen,
Begreift: »Nur Eins ist noth,«
Und denkt an eure Seelen
Und denkt an Gott und Tod.

Aus: Louise Hensel: Lieder. Paderborn 1879 (4. Aufl.), S. 125f

Bettelsong

Jo Mihaly

(eigentlich: Elfriede Steckel, Geburtsname: Elfriede Alice Kuhr; * 25. April 1902 in Schneidemühl; † 29. März 1989 in Seeshaupt, Bayern), Tänzerin, Schauspielerin, Schriftstellerin

Bettelsong

Ach quatsch mich nicht an, Mensch
Mit deinem Sermon
lehr du mich die Welt verstehn!
Wat weisst denn du
nu schon davon
wat es heisst, betteln zu jehn!
„Das is keene Arbeit”, hör ich dir sagen
Nu – sag´s schon! Ich kann eine Menge vertragen
ich bin ja so vieles jewohnt!

Aber vor den Türen stehn, betteln jehn
Nacken beugen, Treppen steigen
1. Stock, 2. Stock, 3. Stock, 4. Stock
Immer höher, höher rauf
Eines Tages, da hängste dir auf!

Wat is denn das Leben? Asyl und Spital!
jeboren, jestorben, verjessen.
Und der Hunger, mein Sohn, is manchmal fatal,
und du kriegst nich das mind’ste zu fressen.
„Ach bitt schön, Madam, eine Kleinigkeit!”
aber solche Leute, die haben nie Zeit
das musst du zu allererst wissen.

Aber vor den Türen stehn, betteln jehn
Nacken beugen, Treppen steigen
2. Stock, 2. Stock, 3. Stock, 4. Stock
Immer höher, höher rauf
Eines Tages, da hängste dir auf!

Da fehlt denn das Kleingeld
oder Madam is nich da
oder „der Herr is nich zu Hause…
(is nämlich alles nich wahr!)
Und vor Schwäche knicken die Beine dir weg…
Eines Tages, da liegste im Dreck

Ich hab schon ´ne Übung im Türensystem
ich kenne die Klinken-Gesichter
ich brauche die Herrschaften jarnich zu sehn
ich rieche schon det Jelichter.
Und was so ein Haus alles in sich birgt!
Mich hat schon manchmal das Kotzen jewürgt
viel heftiger als der Hunger.

Und vor diesen Türen stehn, betteln jehn
Nacken beugen, Demut zeigen
1. Stock, 2. Stock, 3. Stock, 4. Stock
immer und ewig dieselbe Not -:
Steine statt Brot!

Aber einmal kommt es dann
anders, mein Sohn!
Verlier nich das bisschen Mut
Was wissen denn alle,
die satt sind, davon
wie wohl uns der Hunger tut!
Und hat uns das Leben um manches beschissen:
was betteln… was Nacken beugen müssen…!

Wir sind so Menschen wie jene sind!
Wir haben das nich zu vergessen!
Wir sind nich faul, aber wir sind auch nich blind,
an ihrer Verblendung gemessen!
Und gibt man dir wieder statt Brot einen Stein
sag ,,Danke!” und steck ihn für später ein -:
du wirst ihn mal brauchen müssen!

Dann gibt es kein
Vor-den-Türen-stehn,
kann einer neben
dem andern gehn.
Im 1. Stock, 2. Stock, 3. Stock, 4. Stock
macht kein Dünkel sich breit.
Das ist unsere Zeit!

Aus: Der Kunde. Zeit- und Streitschrift der Vagabunden, Heft 5/6, 2. Jg., 1929

Selbst den Untergang

Amanda Aizpuriete

(* 28. März 1956 in Jūrmala, Lettland)

Selbst den Untergang nicht erflehn –,
Wie Centimes Sekunden scheppern,
hufspurbittres Sumpfwasser
keine Verwandlung mir bringt.

Mit Fäusten schlag ich den Brustkorb
der Zeit. Aderngedröhn bis endlich
der Friedensbote kommt, ein Bluthund –
die Knie mir zu lecken.

Deutsch von Manfred Peter Hein

An einen Baum am Spalier

Sophie Mereau-Brentano

(* 27.03.1770, † 31.10.1806)

An einen Baum am Spalier

Armer Baum! – an deiner kalten Mauer
festgebunden, stehst du traurig da,
fühlest kaum den Zephyr, der mit süßem Schauer
in den Blättern freier Bäume weilt
und bey deinen leicht vorübereilt.
O! dein Anblick geht mir nah!
und die bilderreiche Phantasie
stellt mit ihrer flüchtigen Magie
eine menschliche Gestalt schnell vor mich hin,
die, auf ewig von dem freien Sinn
der Natur entfernt, ein fremder Drang
auch wie dich in steife Formen zwang.

Aus: Sophie Mereau-Brentano: Ein Glück, das keine Wirklichkeit umspannt: Gedichte und Erzählungen herausgegeben und kommentiert von Katharina von Hammerstein.
München: Deutscher Taschenbuch Verlag 1997

Da verwandelte sich Rilke

 

Aus: Melanie Katz: Silent Syntax. Gedichte. Wiesenburg: hochroth, 2018

Wie die Sennerin aus der Fenchelheide

Heute etwas Spanisches. Ich danke Àxel Sanjosé für die Übersetzung (unter dem Original).

Iñigo López de Mendoza, Marquis de Santillana y Conde del Real de Manzanares (* 19. August 1398 in Carrión de los Condes, Palencia; † 25. März 1458 in Guadalajara)

Serranilla VI

 
Marqués de Santillana
Serranilla VI

Moça tan fermosa
non ví en la frontera,
como una vaquera
de la Finojosa.

Faziendo la vía
del Calatraveño
a Santa María,
vençido del sueño,
por tierra fragosa
perdí la carrera,
do ví la vaquera
de la Finojosa.

En un verde prado
de rosas e flores,
guardando ganado
con otros pastores,
la ví tan graciosa,
que apenas creyera
que fuese vaquera
de la Finojosa.

Non creo las rosas
de la primavera
sean tan fermosas
nin de tal manera;
fablando sin glosa,
si antes supiera
de aquella vaquera
de la Finojosa.

Non tanto mirara
su mucha beldad,
porque me dexara
en mi libertad.
Mas dixe: »Donosa
(por saber quién era),
¿aquella vaquera
de la Finojosa? …«

Bien como riendo,
dixo: »Bien vengades,
que ya bien entiendo
lo que demandades:
non es desseosa
de amar, nin lo espera,
aquessa vaquera
de la Finojosa.«


Eine Maid so schön
sah ich nie im Grenzland
wie die Sennerin
aus der Fenchelheide.

Wandernd auf dem Wege
der von Calatrava
nach Santa Maria,
übermannt vom Schlafe
im dichten Gestrüpp
verlor ich die Richtung
– sah die Sennerin
aus der Fenchelheide.

Dort auf grüner Wiese
mit Rosen und Blumen
die Herde wohl hütend
mit anderen Hirten,
sah ich sie so reizend
da glaubte ich kaum,
dass sie Hirtin sei
aus der Fenchelheide.

Ich glaub nicht, dass Rosen
im Frühling so sind,
von so großer Schönheit
und von solcher Art.
Ich sag’s rundheraus:
Hätt’ ich schon gewusst
von der Sennerin
aus der Fenchelheide,

ich hätt’ nicht so lange
geschaut ihre Schönheit,
auf dass sie mich ließe
wohl in meiner Freiheit.
Doch sprach ich: »Oh Schöne,
(zu hör’n, wer sie sei)
Jene Sennerin
aus der Fenchelheide …?«

Fast als ob sie lachte,
sprach sie: »Seid willkommen!
Ich verstehe bestens,
was Euer Begehr ist:
Nicht verlangt zu lieben
hofft auch nicht darauf,
diese Sennerin
aus der Fenchelheide.«

[Übertragung: Àxel Sanjosé]

Homo sapiens

Richard Leising

(* 24. März 1934 in Chemnitz; † 20. Mai 1997 in Berlin)

Homo sapiens

Der Mensch lebt nicht vom Brot allein
Er will auch sein Rettich und Eisbein.

Unsertäglichbrot genügt ihm nich
Er schreit nach seinem Brotaufstrich.

Von der Wiege bis zum Sarg
Einmal in der Woche Quark.

Mein Herr, wie wollen Sie Ihr Ei?
Mein Herr, ich will zwei.

Der Mensch braucht seine Freunde schier
Da schuf der Mensch Bier.

Käse muss auch sein
Der Mensch lebt nicht vom Brot allein.

Er braucht zum Leben Ideale
Aale.

Zu einem richtigen Arbeiterstaat
Gehört ein richtiger Kartoffelsalat.

Der Mensch lebt nicht vom Brot allein
Es müßte ganz schnell Kommunismus sein.

(1975)

Aus: Deutsch in einem anderen Land. Die DDR (1949-1990) in Gedichten. Berlin: Theater der Freien Volksbühne. Edition Hentrich, 1990, S. 80

Abenteuer der deutschen Grammatik

Yoko Tawada

Die japanisch-deutsche Schriftstellerin wurde am 23. März 1960 geboren.

4 Seiten aus: Yōko Tawada: Abenteuer der deutschen Grammatik. Gedichte. Tübingen: konkursbuch Verlag Claudia Gehrke, 2010