Ich bin der Welt abhanden gekommen

Friedrich Rückert

(* 16. Mai 1788 in Schweinfurt; † 31. Januar 1866 in Neuses)

Ich bin der Welt abhanden gekommen,
  Mit der ich sonst viele Zeit verdorben.
  Sie hat so lange nichts von mir vernommen,
  Sie mag wohl glauben, ich sei gestorben.
Es ist mir auch gar nichts daran gelegen,
  Ob sie mich für gestorben hält.
  Ich kann auch gar nichts sagen dagegen,
  Denn wirklich bin ich gestorben der Welt.
Ich bin gestorben dem Weltgewimmel,
  Und ruh' in einem stillen Gebiet.
  Ich leb' in mir und meinem Himmel,
  In meinem Lieben in meinem Lied!

 

Hätten wir Augen in unserem Kopf

Emily Dickinson

(* 10. Dezember 1830 in Amherst, Massachusetts; † 15. Mai 1886 ebenda)

1310

Had we our senses
But perhaps ‚tis well they’re not at Home
So intimate with Madness
He’s liable with them

Had we the eyes within our Head –
How well that we are Blind –
We could not look opon the Earth –
So utterly unmoved –

Hätten wir unsere Sinne
Aber vielleicht ist es gut, dass sie außer Haus sind
So nah am Wahnsinn
Ist er für sie verantwortlich

Hätten wir Augen in unserem Kopf –
Wie gut, dass wir Blinde sind –
Unser Blick könnte nicht schweifen auf Erden –
So gänzlich unbewegt –

Deutsch von Wolfgang Schlenker. Aus: Emily Dickinson, Biene und Klee. 51 Shorter Poems, ausgewählt und übersetzt von Wolfgang Schlenker. Basel und WQeil am Rhein: Urs Engeler, 2008, S. 62f

Schmerzgedächtnis

Volker Braun

SCHMERZGEDÄCHTNIS

Es war eine erste Berührung,
                            ich scheute zurück
Wie ein Füllen. Von ihrem Hals, oder war es
Die Wange, ich weiß es nicht mehr, der Mund

Gut, ich gebe den Kuß zu. Niemand sah uns
Den Kuß, aus dem, warum, nichts folgte
Es waren normale Zeiten, angstlos zeigte man
Das nackte Gesicht. Es ist so lange her, dreißig, drei Jahre
Ich sehe noch genau ihr helles dünnes Kleid, aufgeknöpft
Von meinen Händen. Ich fuhr zurück, eine Scheu
In Kindertagen im Körper
                        bewahrt

Ihre Nüstern zitterten noch, sie hielt mich fest
Auf dem Steinweg, ich trabte hinab. Jetzt in den Zeiten der Pest
Wir trügen Masken, beide
Fest über Nase und Mund, der gehauchte
Kuß zungen- und zahnlos zärtlich
                                mit vorsichtshalber
Auch geschlossenen Augen. Es wäre leicht.

Aus: Volker Braun, Große Fuge. Berlin: Suhrkamp, 2021, S. 22

Husselwussel

Paul Ernst

(* 7. März 1866 in Elbingerode (Harz); † 13. Mai 1933 in Sankt Georgen an der Stiefing, Steiermark)

Husselwussel

12.

Du bist mein kleiner Irrwisch Husselwussel,
Und wunderst dich über den Wilden auf den
  Tabakspacketen von Steinbömer & Lubinus. 
Er hat bloss einen Blätterschurz und grosse
  Ohrringe, 
Und raucht ganz mörderlich; 
Und wenn du unartig bist, dann kommt der
  Gerichtsdiener, 
Und sperrt dich in das Gefängnis, 
Da drin ist blos ein Brot und ein Krug mit Wasser, 
Und dann ein Krug für die Thränen.

Aus: Paul Ernst, Polymeter. Gedichte. Hrsg. Ralf Gnosa. Leipzig: Reinecke & Voß, 2016, S. 45

Mit dem Verlernen der Welt Beschäftigte

Nelly Sachs

(* 10. Dezember 1891 in Schöneberg, † 12. Mai 1970 in Stockholm)

Du
in der Nacht
mit dem Verlernen der Welt Beschäftigte
von weit weit her
dein Finger die Eisgrotte bemalte
mit der singenden Landkarte eines verborgenen Meeres
das sammelte in der Muschel deines Ohres die Noten
Brücken-Bausteine
von Hier nach Dort
diese haargenaue Aufgabe
deren Lösung
den Sterbenden mitgegeben wird.

Aus: Das Buch der Nelly Sachs. Hrsg. Bengt Holmqvist. Frankfurt/Main: Suhrkamp, 1968, S. 266

Sie kamen

Rose Ausländer

(* 11. Mai 1901 in Czernowitz, Österreich-Ungarn, heute Ukraine; † 3. Januar 1988 in Düsseldorf)

Damit kein Licht uns liebe

Sie kamen
mit scharfen Fahnen und Pistolen
schossen alle Sterne und den Mond ab
damit kein Licht uns bliebe
damit kein Licht uns liebe

Da begruben wir die Sonne
Es war eine unendliche Sonnenfinsternis

nach 1957

Aus: Rose Ausländer: Die Sichel mäht die Zeit zu Heu. Gedichte 1957–1965, S. Fischer Verlag, Frankfurt a.M. 1985

Mehr darüber

Vom Schwätzen im Chor

Ein Jahr der runden Jubiläen. Heute vor 500 Jahren starb Sebastian Brant. Dafür ein Stück aus seinem Narrenschiff.

Sebastian Brant (oder Brandt, geboren 1457 oder 1458 in Straßburg; gestorben 10. Mai 1521 ebenda)

XCI.

[172] Im Chor* gar mancher Narr auch steht,
Der unnütz schwätzt und hilft und räth,
Deß Wagen und Schiff vom Land bald geht.

Fünf geistliche Herren gemüthlich schwatzend neben einem Leiterwagen; am Gestade ein Schiff.

Vom Schwätzen im Chor.

Viel Schwätzer rathen durch das Jahr
In Kirche und in Chor fürwahr,
Wie sie zurichten Schiff und Karren
Um drin gen Narragon zu fahren;
Dort spricht man von dem wälschen Kriege,
Hier lugt man, daß man tüchtig lüge
Und etwas Neues bring‘ zur Bahn.
So wird die Mett‘ gefangen an,
So geht’s oft bis die Vesper schlägt.
Viel kommen nur von Geiz bewegt
Und weil man Geld gibt** in dem Chor,
Sonst blieben fern sie nach wie vor.
Es wär‘ auch Manchem gut fürwahr,
Er blieb daheim das ganze Jahr
Oder nähm‘ zum Gänsemarkt den Lauf
Und schlüg‘ die Klapperbank*** dort auf,
Als daß er in der Kirche will
Sich irren und noch andre viel.
Was er sonst nicht verrichten kann,
Das schlägt er in der Kirche an,
Wie er ausrüste Schiff und Geschirr,
Und bringt viel neue Mär‘ herfür,
Hat großen Fleiß und ernste Geberd‘,
Damit das Schiff nicht wendig† werd‘;[173]
Er ging gern aus dem Chor spazieren,
Daß er den Wagen recht möcht schmieren.
Von denen darf ich gar nicht drucken,
Die in den Chor nur grade gucken
Und zeigen sich zum Präsentiren
Und suchen wieder bald die Thüren.
Das scheint Gebet andächtig und gut,
Wenn man solche Dinge verrichten thut
Und Pfründen zu verdienen wähnt,
Wenn man dem Roraffen zugähnt.

Aus: Brant, Sebastian: Das Narrenschiff. Leipzig [1877], S. 172-174.

Kommentare aus der Neuausgabe 2006:

*) Im Chor der Kirche waren die Sitze der Geistlichen.
**) Gemeint ist wohl die Auszahlung von Pfründen (Präsenzgeldern).
***) klapper benckly und genßmerckt sind volkstümliche Wendungen, die das Schwatzen und Schnattern kennzeichnen.
†} D. h. nicht aufgehalten werde und umkehre.
††) Eine bewegliche, komische Figur, die sich unter der Orgel im Straßburger Münster befand und als Wahrzeichen der Stadt galt. Der Name hängt zusammen mit nd, rôren – brüllen, plärren.

Hier bei Zeno.org

Aktuelle Ausgabe, durchgesehen und kommentiert: Sebastian Brant. Das Narrenschiff.  Übertragen von H. A. Junghans. Durchgesehen und mit Anmerkungen sowie einem Nachwort herausgegeben von Hans-Dieter Mähl. Stuttgart: Reclam, 2006 und öfter

Das narren schyff .

X C I . von schwetzē  jm chor .


Im chor gar mancher nar ouch statt
Der vnnütz schwetzt / vnd hilfft / vnd ratt
Das schiff vnd wag / von land bald gat

von schwetzē jm chor.

Vil standt jnn kirchen / vnd jm chor
Die schwetzen / rotten durch das jor
Wie sye zůrichten schiff / vnd karr
Das man gon Narragonyen far
Do seyt man von dem welschen krieg
Do lůgt man / das man redlich lieg
Vnd ettwas nüws bring vff die ban
Als wurt die mettin gefangen an
Vnd wert dick zů der vesper zyt
Vil kæmen nit / tryb nit der gydt
Vnd das man gelt geb jn dem chor
Sunst weren sy on die kirch vil jor
Es wer besser vnd weger eym
Er blyb gantz über all do heym
Vnd richt das klapper benckly zů
Vnd synen genßmerckt anderßwo
Dann das er jnn der kyrchen will
Sich jrren / vnd sunst ander vil
Was mancher nit vßrichten kan
Das schlecht er jn der kyrchen an
Wie er vffrüst schyff vnd geschyr
Vnd bring vil nüwer mer har für
Vnd hat groß flyß / vnd ernstlich geberd
Do mit das schyff nit wendig werd
Er ging ee vß dem chor spatzieren
Das er den wagen recht mœcht schmirē
Aber von den dar ich nit drucken
Die jnn den chor alleyn důnt gucken
Vnd zeygen sich mitt presentieren
Treffen doch bald wyder die tűren
Das ist andechtig gebett / vnd gůt
Do man sollich ding vßrichten thůt
Do werden pfründen wol verdient
So man dem roraffen zů gyent

Quelle des Originaltexts und der Grafik:: Bibliotheca Augustana

dabei seh ich die kondensstreifen gern

Johannes Poethen

(* 13. September 1928 in Wickrath; † 9. Mai 2001 in Stuttgart)

Es gibt weniger vögel steht in der zeitung
und rentiere kannst du nicht mehr essen

dabei seh ich die kondensstreifen gern
so quer durch alles durch
manchmal rosa

die leute sind ja auch schrecklich verwöhnt

man muß es am ende nehmen
wies kommt.

Aus: 24 postkarten in memoriam günter eich. In: Johannes Poethen, Wer hält mir die Himmelsleiter. Gedichte 1981-1987. Karlsruhe: Braun, 1988S. 106

Wider die Anagrammatisten

Johann von Besser

(* 8. Mai 1654 in Frauenburg, Kurland, heute Saldus in Lettland; † 10. Februar 1729 in Leipzig)

Wider diejenigen, die so gerne die Worte versetzen, oder Anagrammata machen; aus dem Frantzösischen des Mr. Colletet.

Was hat doch auf dem Helicon,
Ein Anagrammatist davon:
Daß er der Wörter Ordnung stöhret?
Nichts, denn daß er den Kopf sich stöhrt,
Und wie die Wörter er verkehrt,
So sein Gehirn sich mit verkehret.

Aus: Des Herrn von B. Schrifften, Beydes in gebundener und ungebundener Rede; So viel man derer, theils aus ihrem ehemaligen Drucke, theils auch aus guter Freunde schrifftlichen Communcation, zusammen bringen können
/ Besser, Johann von. – Electronic ed.. – Leipzig : Gleditsch, 1711, S. 484

Und die Vorlage:

Guillaume Colletet

(* 12. März 1598 in Paris; † 19. Februar 1659 ebenda)

Ménage, sans comparaison,
J’aimerais mieux tirer l’oison,
Et même tirer à la rame,
Que d’aller chercher la raison,
Dans les replis d’une anagramme.
Cet exercice monacal
Ne trouve son point vertical
Que dans une tête blessée;
Sur le Parnasse nous tenons
Que tous ces renverseurs de noms
Ont la cervelle renversée.

Colletet, à Ménage.

Erich Fried zum 100.

Gestern war nicht nur der 150. Geburtstag Christian Morgensterns, sondern auch der 100. des Dichters Erich Fried. Von ihm heute ein Gedicht.

Erich Fried

(* 6. Mai 1921 in Wien; † 22. November 1988 in Baden-Baden)

Zeitenge

Was war
ist uns Wahrheit

Was wird
das verwirrt uns

Was ist
ist Isthmus

zwischen dem Meer
und dem Nichtmehr

Aus: Erich Fried, Von Bis nach Seit. Gedichte aus den Jahren 1945-1958. Frankfurt/Main: S. Fischer, 1985, S. 56

Christian Morgenstern zum 150.

Christian Morgenstern

(* 6. Mai 1871 in München; † 31. März 1914 in Untermais, Tirol)

(Siehe auch Morgensternfest)

Aus: Alle Galgenlieder von Christian Morgenstern, 1.-20. Tsd., Bruno Cassirer: Berlin 1932, S. 271

Gastkommentar

„Wer kein Vollidiot ist, schätzt dies Gedichtgespenstchen unseres großen Christian Morgenstern. Indiz: Franz Mon, zweiter Jubilar des heutigen Tages, hat es ausgewählt für die einzige nicht friedeske Gedichtesammlung: Antianthologie.“ (Ames vonʼer – was sonst – Sprachfraxion)

Die Vokalen

Clemens Brentano

(* 9. September 1778 in Ehrenbreitstein / Koblenz; † 28. Juli 1842 in Aschaffenburg)

Im ABC die Consonanten
Sind unter den stummen Gesellen verstanden,
Die 5 Dolmetscher sind die Vokalen
Ich kann sie sprechen, ich kann sie malen,
Und läßt mir Gott den Wunsch gelingen,
So sollen sie mich zu Ehren bringen.

Aus: Henning Boëtius, Der andere Brentano. Nie veröffentlichte Gedichte. 130 Jahre Literatur-Skandal. Frankfurt/Main: Eichborn, 1985, S. 55

Fakten und Vermutungen zum Autor

Botanik

Wilhelm Lehmann

(* 4. Mai 1882 in Puerto Cabello, Venezuela; † 17. November 1968 in Eckernförde)

Botanik des Dichters

Goethen raste sie im Blut.
Ist das nicht gefährlich?
„Mischest du Botanik ein,
Bitte, Dichter, spärlich!“

Wer so überlegen rät
Klassisch inspiriert,
Seinem Goethe hat er erst
Goethe wegkastriert.

Hüte dich vor Einsamkeit
als der schlimmsten Droge,
Schlimmer noch, Naturgefühls
Ganz verfluchtem Soge.

Allzu schneller Zauberei
Darf man sich nicht fügen.
Götter, Feen griffbereit,
Das sind leere Lügen.

Stets Natur? Das macht mich toll.
Darf die große Mutter nie
Ihren Sohn verdrießen,
Ihrer strahlenden Magie
Er sich nie verschließen?
Zu viel Licht, zu wenig Schatten!
Mehr Befremden, mehr Ermatten
Will das dichterische Soll.

Siedle doch zu besserm Nutz
Auf polierter Straße,
Balancier ins Gleichgewicht
Der gewohnten Maße.

Fast dreihundert Seiten lang
Spricht Natur. Zu viel!
Sittliche Geselligkeit
Mangelt deinem Spiel.

Duckt sich unter diesem Rat
Meiner Verse Liebestat?
Leider gibst du ihn zu spät,
Alter Mann ist der Poet,
Doch auch wär er wieder jung,
Nicht gelobt er Besserung.

Arme Verse, seid getrost,
Ihm nicht recht geheuer.
Tut nur immer, was ihr tut!
Wenn ihr solchen Leser bost
Eines andern andrem Mut
Bleibt ihr weiter teuer.

Aus: Wilhelm Lehmann, Gesammelte Werke in acht Bänden. Bd. 1: Sämtliche Gedichte. Hrsg. Hans Dieter Schäfer. Stuttgart: Klett-Cotta, 1982, S. 375f

Shakespeare 18

Kollektivübersetzung

Zum heutigen 405. Todestag William Shakespeares (jedenfalls nach dem gregorianischen Kalender) ein Experiment und ernstes Spiel. Sonett 18 des Meisters hier mit der Erstveröffentlichung einer kollektiven Fassung von 14 Übersetzern. Aus Shakespeares Englisch in mehr oder weniger unser, mehr oder weniger Deutsch übersetzt. Die Leserin wird finden*, dass einzelne Zeilen in verschiedene deutsche Mundarten übersetzt sind: Sächsisch, Berlinisch und Kanak Sprak. Eine Zeile ist gar nicht Deutsch, sondern Jiddisch, aber für Leser des Deutschen mit wenig Mühe verständlich. Das Deutsch reicht vom 19. bis zum 21. Jahrhundert.
Das entstandene Produkt ist ein Spiel, aber keinesfalls parodistisch. Zwar klingt die Verwendung des Sächsischen und Berlinischen in unseren Ohren eher lustig, aber das muss ja nicht so bleiben, die Sprache ist im Fluss, auch die Sprache der Literatur.
Da der Herausgeber dieser Zeitung nicht mitgedichtet hat, ist das Lob erlaubt: ich finde diese kollektive Version schöner als viele, die ich schon gelesen habe, auch solche von be- und gerühmten Dichtern, ich sage nicht die schönste, aber schöner als die von Stefan George oder Karl Kraus allemal. Georges Nach-Dichtungen sind zum Beispiel von zweifelhaftem Ruhm, weder getreu noch sonderlich schön. Sein Beitrag zu dieser Kollektivübersetzung aber ist tadellos (finden Sie ihn heraus?). Unsere Übersetzung ist streng in Versmaß (jambische Zehnsilber) und Reimschema. Sie hat durchweg „männliche“ Reime – während die Mehrzahl der Übersetzungen ins Deutsche zwischen männlichen und weiblichen abwechseln. Der Inhalt ist so getreu übertragen, wie es geht – dem Geist nach, nicht den Buchstaben. Der zeilenweise Wechsel der Stilebenen parodiert nicht, sondern frischt die Sprache auf. Beteiligt waren – nicht in der Reihenfolge des Auftretens, sondern in alphabetischer Folge: Abraham Asen, Stefan George, Paula Ginkgo (Pseud.), Wilhelm Jordan, Kerim Köstebek (Pseud.), Karl Lachmann, E. F. G. O. von der Malsburg, Alexander Neidhardt, Hansi Palme (Pseud.), Terese Robinson, Susanne Steuer, Ludwig Tieck, Frank Viehweg, Hannchen Walter (Pseud.).
Entnommen habe ich alle Zeilen dem wunderschönen Band „…lesen, wie krass schön du bist konkret“. William Shakespeare, Sonett 18, vermittelt durch deutsche Übersetzer. Dozwil/Schweiz: EDITION SIGNAThUR, 2003.

Die Zeilen sind der Quelle ohne Umstellungen entnommen mit Angleichung der Groß- und Kleinschreibung (auch beim jiddischen Text, der keine Großschreibung kennt) und der Zeichensetzung am Ende der Zeilen. Außerdem wurde im jiddischen Text die Transkription im Wort sumer (in der Quelle zumer) an die deutsche Aussprache angepasst.
Erklärung der jiddischen Wörter: eibik = ewig; wet = wird, sumer = Sommer. Die Typographie (keine Leerzeile, Einrückung der letzten zwei Verse) wurde an das englische Original angepasst. Ich hoffe und wünsche, dass sich niemand ärgern , sondern wo möglich Spaß haben möge.

*) Der Leser wahrscheinlich auch

Aus: Sonnets and Poems. By William Shakespeare. London: Sands & Co., 1898, S. 18 (Pocket Falstaff Edition)
Ein Sommertag ist kein Vergleich mit dir,
denn deine Dembradur, de schwangt nisch su.
Wie ick in Mai noch unta 'n Linden frier,
schnell geht des Sommers Pacht dem Ende zu.
Zu heiß scheint oft das Aug am Himmelszelt
und oft hüllt Dunkel seine goldne Spur.
Jedwedes Schön vor seinem Schein verfällt
im Zufallsspiel, im Wechsel der Natur.
Doch eibik leben wet dain Sumers Pracht,
dein Schönes sei vor dem Verlust gefeit.
Nie rühmt sich Tod, du gehst in seiner Macht.
In ewigen Reimen strahlst du durch die Zeit.
  Solang die Welt noch sieht, noch Atem weht,
  sie lesen, wie krass schön du bist konkret.

Sind wir nicht geplagte Wesen?

Novalis

(* 2. Mai 1772 auf Schloss Oberwiederstedt; † 25. März 1801 in Weißenfels)

Sind wir nicht geplagte Wesen?
Ist nicht unser Los betrübt?
Nur zu Zwang und Not erlesen
In Verstellung nur geübt,
Dürfen selbst nicht unsre Klagen
Sich aus unserm Busen wagen.

Allem was die Eltern sprechen,
Widerspricht das volle Herz.
Die verbotne Frucht zu brechen
Fühlen wir der Sehnsucht Schmerz;
Möchten gern die süßen Knaben
Fest an unserm Herzen haben.

Wäre dies zu denken Sünde?
Zollfrei sind Gedanken doch.
Was bleibt einem armen Kinde
Außer süßen Träumen noch?
Will man sie auch gern verbannen,
Nimmer ziehen sie von dannen.

Wenn wir auch des Abends beten,
Schreckt uns doch die Einsamkeit,
Und zu unsern Küssen treten
Sehnsucht und Gefälligkeit.
Könnten wir wohl widerstreben
Alles, alles hinzugeben?

Unsre Reize zu verhüllen,
Schreibt die strenge Mutter vor.
Ach! was hilft der gute Willen,
Quellen sie nicht selbst empor?
Bei der Sehnsucht innrem Beben
Muß das beste Band sich geben.

Jede Neigung zu verschließen,
Hart und kalt zu sein, wie Stein,
Schöne Augen nicht zu grüßen,
Fleißig und allein zu sein,
Keiner Bitte nachzugeben:
Heißt das wohl ein Jugendleben?

Groß sind eines Mädchens Plagen,
Ihre Brust ist krank und wund,
Und zum Lohn für stille Klagen
Küßt sie noch ein welker Mund.
Wird denn nie das Blatt sich wenden
Und das Reich der Alten enden?

Die alten Leute und die Jünglinge lachten. Die Mädchen erröteten und lächelten abwärts.

Aus: Heinrich von Ofterdingen, 1. Teil, 6. Kapitel

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