Alt-Wiener Erinnerungen

Andreas Okopenko

(* 15. März 1930 in Košice (Tschechoslowakei); † 27. Juni 2010 in Wien)

Alt-Wiener Erinnerungen

Eintausendsiebenhundertsechsundachtzig,
dreißig Jahre also nach Einführung der Speiseschokolade,
wurde — wie ich zum Frühstück in einer Zeitung, einer guten, las —
ein Mensch gerädert.

Sie flochten ihn auf das Rad,
wie man einen Striezel flicht
oder Zöpfe.
Erst brachen ihm die Knochen
nach der Reihe,
ganz ohne einen anatomischen Fehler,
dann das Gesicht
und der Kopf zuletzt.

Die Leute durften zuschauen:
Sie nahmen ’s Schatzerl
oder Kind und Kegel
mit zu diesem Volksfest
und das goldene in Wien beheimatete Herz.

Schon draußen,
wo der Gang zur Hinrichtung seinen Anfang nahm,
drängte sich alt und jung,
das Vorspiel zu sehen,
das die Zeitung spaßig beschrieb wie folgt:
Der Delinquent bekommt in regelmäßigen Abständen
während seines Weges den
Zwick.

Er brüllt auf, die Leutln wiehern, die Sonne lacht und schon der nächste
Zwick.
Dazwischen, um die Schmerzen zu betäuben,
die sonst leicht die Hinrichtung ersparen könnten,
was einem so unsparsamen Volk nicht gelegen ist,
ein Heftpflaster, ein schmerzstillendes mit Opium, und dann der nächste
Zwick.

Ein Zwick ist der Biß  einer Zange,
einer auf Rot vorgewärmten,
in den unbekleideten Körper,
was, wenn es oft genug geschieht,
Clown-artige Bewegungen des Betroffenen hervorruft,
umso kostbarer in einer Zeit,
die noch keine Theaterschulen kennt.

Ich weiß nicht, warum ich nach dieser Stelle,
die ich zum Frühstück im Unterhaltungsteil einer Zeitung, einer guten, fand,
die Lektüre nicht fortsetzte;
steht doch die Zeitung nicht auf dem Index der verbotenen,
sondern hat im Gegenteil vollkommen einwandfrei gegen jene Einspruch erhoben,
die niederen Trieben das Wort reden;
auch da  wir uns nicht versuchen lassen sollen,
die jahrhundertealte Tradition aufzugeben, die uns Kultur bedeute,
ist — freilich in einer anderen Spalte —
drin gestanden.

Aus: Verlassener Horizong. österreichische Lyrik aus vier Jahrzehnten. Hrsg. Hugo Huppert und Roland Linkas. Berlin: Volk und Welt, 1980, S. 299f

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