47. Außerhalb der Messe

Auf der Frankfurter Buchmesse ist die Lyrik noch nicht einmal Nischenprodukt, sondern quasi nicht existent. Mit Gedichten lässt sich kein Geld machen, auf der Frankfurter Messe geht es aber genau darum. Das Fachpublikum interessiert sich nur für die Businessclass der Literatur. Ein paar finnische Verse werden zwar vorgetragen, ein paar indonesische, aber das ist Lyrik für Touristen, ein Spiel mit dem Fremden – ähnlich wie die computergenerierten Gedichte im Zelt des Gastlands.

(…) gerade dort, im Orange Peel, diesem kleinen Club im Bahnhofsviertel, haut es einen vom Barhocker, wenn auf der Bühne plötzlich einer von Bäumen spricht, „die flache Hüte in die Nacht tragen“. Einer, der sich „Straßennamen für Trümmer“ wünscht und warnt: Wenn ein „Motorrad durch den Kopf fährt“, ist das „gefährlich für unsere Artisten“. Ansgar Riedißer, Jahrgang ’98, scheint sich dazu entschieden zu haben, die pubertäre Phase der Dichterei einfach zu überspringen und gleich da anzufangen, wo es ernst wird. Sirka Elspaß, drei Jahre und einige Schreibworkshops älter, macht dann dort weiter, wo es weh tut: „Manchmal sind Sachen am Leben, für die ich nichts kann. Zum Beispiel ein Mädchen, das sich mit Wimperntusche einen Hitlerbart malt“.

(…) Tom Bresemann liest Gedichte, die zunächst ganz alltäglich daherkommen, dann aber bekannte Redewendungen verfremden und auf den Kopf stellen. „Punk kommt von Pünktlichkeit“ heißt es bei ihm, oder „nur ein integrierter ist ein guter Indianer“. Bresemann entlarvt immer wieder den von Stadt- und Dorfbewohnern zur Schau getragenen Individualismus als Teil des Mainstreams, oder die Fremdenfeindlichkeit hinter den Häkelgardinen. / Lea Beiermann, FAZ

8 Comments on “47. Außerhalb der Messe

  1. Lieber Tom, nach diesem Werk kann Dir das Zungensperma ewiger Jünglinge/Schüler und das Gemeckere von kleinbürgerlich-graphomanen Tourettetussen und Germanienspezialisten (innen) egal sein. Finalement des boches ont un Lied! Sie haben Wagner und Nietzsche und Kling verbrochen, das ist nun alles mit „arbeiten und wohnen im denkmal“ wieder gutgemacht. Und das ist schon nicht unschön. 😎 Wer das nicht bewundern kann, der ist kapital tot.

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  2. ich weiß nicht, wie sinnvoll oder richtig es ist, sturgeons gesetz, das sich ja, soweit ich das verstehe, auf kunsterzeugnisse bezieht, auf menschen auszuweiten. ich bin normalerweise da mit anderen werkzeugen und kriterien unterwegs.

    es ist auch eher sehr zweifelhaft, ob dies gerade ein schrei nach mehr legislative und exekutive ist. da wird einem auch nur gesagt, was einen interessieren soll, und wenn man es dann doch nicht konsumieren will, hat man immerhin noch die schöne erklärung, dass der depp es halt nicht kapiert hat.

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  3. wenn 90% von allem crap ist (oder scheiße) dann gewiß auch von der lyrik, klar, „eine these könnte ja auch sein: warum lesen so wenig leute gedichte? weil so viele gedichte scheiße sind.“ da bräuchte man ziemlich viel legislative (was ist bessere lyrik? hölderlin, bresemann, sappho, sarah kirsch oder lieber rinck? ich freu mich schon auf die lyrikbundestagsdebatten!) und exekutive – lyrikpolizei, wenn man die leute mit guter lyrik besser machen wollte („besser, besser, besser, besser, besser, besser, besser“ ein heroischer trochäus von eddi endler)
    aber natürlich gilt das dann nicht nur für die gedichte und die dichter, sondern auch für die normalleser und normalnichtleser. wenn 90% der leute crap sind dann wollen die crappige lyrik. das viel gehörte argument daß mehr leute gedichte läsen wenn die gedichte besser wären steht mir bis hier. (die geste bleibt jetzt ungedruckt)

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  4. There are some literature initiatives on the margins in Frankfurt and other big book fairs, and some of it does have to do with poetry. Sometimes the country in focus presents itself with a poem right at the entrance, outside on a flag or something, that was New Zealand. Taiwan had a lot of poetry in 2009, against China. Der Artikel in der FAZ ist gut.

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