63. Der Heintje-Effekt

Ein Artikel von Florian Kessler in der „Zeit“ #4 vom 16.1. erregt seit gestern die Gemüter in sozialen Netzwerken und auch schon auf virtuellem Zeitungspapier (der Artikel ist noch nicht im Netz). Hier zwei Auszüge:

Es muss nicht schaden, wenn junge Schriftsteller gelegentlich Alkohol trinken, und ebenso wenig muss es schaden, wenn sie das gemeinsam verrichten. Sehr wohl aber kann es den eigenen Glauben an die deutschsprachige Gegenwartsliteratur ramponieren, muss man ihnen dabei zusehen. Denn nüchterner als etwa auf dem letzten Berliner Open Mike im November nippte noch keine Autorengeneration an ihrem Bier. Präsentierten die Kandidaten bei diesem wichtigsten literarischen Nachwuchswettbewerb auf der Bühne vielfach gesellschaftlich interessierte Stoffe, so spielte derlei Bemühtes für die Palavergesellschaft während der Pausen keine Rolle. Wie mit Klemmbrett, Hosenanzug und angezogener Handbremse referierten hier zwanzigjährige Jungautoren über die Marktchancen einzelner Bekannter, großkalibrige Verlegerwechsel und das Termingeschäft ihres eigenen Debüts.

Jede Bildungsreisen-Rentnergruppe im Berliner Ensemble unterhält sich inhaltlich angeregter als die jungen Schriftsteller dieses Landes. (…)

(…)

»Wir lebten alle vom Rundfunk«, hieß es einst über die Gruppe 47. »Wir leben alle von unseren Familien«, müsste man heute sagen. Oft schon ist zwar behauptet worden, das heutige Schriftsteller-Berufsbild sei aus dem Preis- und Stipendienwesen zu erklären. Dabei muss man es sich offensichtlich erst einmal leisten können, überhaupt erfolgreich prekärer Autor zu werden. Das gilt schon rein finanziell, mögliche Notfallüberweisungen der Bürgereltern erlauben eben ein ganz anderes Heranschreiben an glorreiche Stadtschreiberposten.

Das gilt aber vor allem auch habituell: In einem starren kulturellen Milieu, in dem Debütantenruhm besonders durch einige wenige Literaturredakteure und die mit ihnen identischen preisvergebenden Juroren erzeugt wird, bewährt es sich am allermeisten, so richtig dazuzugehören und ebenso geschmeidig professionell wie die gentlemen of the jury zu sein. Das ist der Heintje-Effekt der deutschen Literatur: Immer jüngere Autoren verhalten sich immer braver immer älter.

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