75. Die Brücke

1926 haben Freunde geholfen, seinen ersten Gedichtband „White Building“ herauszubringen. Er kann auf lobende, kompetente Worte von Allen Tate und Waldo Frank verweisen:

Seit Whitman ist kein so originelles, so tiefgründiges und – vor allem – kein so wichtiges poetisches Versprechen auf der amerikanischen Szene erschienen.

Die „Weißen Häuser“ werden Jahrzehnte nach Cranes Tod den Literaturwissen – schaftlern James Miller, Karl Shapiro und Bernice Slote von der Universität Nebraska genügen, ihn neben Walt Whitman und Dylan Thomas zu stellen. Die Professoren prägen für deren Dichtung den Begriff „Life poetry“.

„Life poetry“ macht die Aussage eines Gedichts zu einem Erlebnis, das sich nicht vor langer Zeit einmal abgespielt hat und aus dem das Gedicht nachträglich die Schlussfolgerung zieht; sondern das Erlebnis findet im Gedicht selbst statt, und der Erlebende ist der Dichter-Protagonist und an zweiter Stelle der Leser.

(…)

Der Kritiker Harold Bloom nennt Crane „ einen Propheten des amerikanischen Orphismus“.
Dennoch: Die von Crane erfundene „lyrische Kurzschrift“ verunsichert auf den ersten Blick. Wie zum Beispiel sollte man allein schon die ersten vier Zeilen dechiffrieren?

Crane

To Brooklyn Bridge

How many dawns, chill from his rippling rest
The seagulls wings shall dip and pivot him,
Shedding white rings oft tumults, building high
Over the chained bay waters Liberty –

Wie viele Morgen, durchfroren nach ihrer Riffel-Rast,
tauchen der Möwen Flügel ein und um sie drehen,
verbreiten weiße Wirbelringe, dass hoch erbaut
überm Wasserjoch der Bucht die Freiheit –

1. Sprecher

Der Begriff „dechiffrieren“ ist beim Spät-Werk Cranes durchaus angebracht. Klaus Reichert nennt Indizien dafür, warum – im Gegensatz zu Pound, Eliot oder Hemingway – Cranes Hauptwerk so spät, sieht man einmal von seinem spora- dischen Auftauchen in Zeitschriften wie „Akzente“ oder in Anthologien ab,
den deutschen Sprachraum erreicht hat, und er auch heute noch als Geheimtipp gilt.

/ DLR

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