101. Nicht bibelfest

Im viel zitierten »Hohelied der Liebe« heißt es: »Und wenn ich prophetisch reden könnte und wüsste alle Geheimnisse und alle Erkenntnis und hätte allen Glauben, so dass ich Berge versetzen könnte, und hätte die Liebe nicht, so wäre ich nichts.« (Bibelübersetzung Martin Luther, Neues Testament, Korinther 13). Wochenanzeiger München

Die Anfrage an den Sender Jerewan wird wie folgt beantwortet: Im Prinzip ja, aber erstens steht der Brief des Paulus an die Korinther nicht im Hohenlied des Alten, sondern im Neuen Testament der Bibel, zweitens gibt es deren zwei und das Zitat stammt aus dem ersten, Kapitel 13, und drittens hat Luther so übersetzt: „Und wenn ich weissagen künde /und wüste alle geheimnis / und alle erkenntnis / und hette allen glauben / also / das ich berge versetzte / und hette der liebe nicht / so were ich nichts.“ Aber schön ist es. [Und ich verstehe, warum Luther gegen alle Verfälscher der Schrift wütete, M.G.]

N.B. (vgl. Kommentare):

L&Poe entschuldigt sich für die offenbar mangelhafte theologische Bildung der Mitarbeiter vom Sender Jerewan, die durch 70 Jahre atheistischer Herrschaft entschuldigt sein mag. Und doch haben sie recht, was auch kein Wunder ist, weil die Armenier schon mehr als ein halbes Jahrtausend früher als die Germanen oder Slawen Christen waren. Denn weder die griechische noch ich bin sicher die armenische und gewiß nicht die Lutherbibel kennt die Bezeichnung Hoheslied oder Lied der Lieder für den Korintherbrief. Google dagegen findet sie leicht und verweist auf die deutsche Ausgabe von Wikipedia, in der es etwas ungenau heißt:

Das Hohelied der Liebe aus dem 13. Kapitel des 1. Korintherbriefes (1 Kor 13,1-13 EU) des Paulus von Tarsus ist ein Hymnus an die Liebe, wobei die eigentliche Beschreibung der Liebe in 13,4-8a erfolgt, von „Die Liebe ist langmütig“ bis zu „Die Liebe vergeht niemals“ (dazu noch 13,13: „die Liebe ist die größte“).

Ungenau in mehrfacher Hinsicht. Die Formulierung „das Hohelied aus dem 13. Kapitel“ klingt oder tut, als gäbe es darin ein solches. Das ist natürlich nicht der Fall. Es ist der Abschnitt eines Apostelbriefs. Bis mir jemand Gegenzitate bringt, behaupte ich, daß weder Aristoteles noch Luther einen Brief oder den Teil eines Briefs „Hymnus“ nennen würden noch gar „Hoheslied“ oder „Lied der Lieder“. Das widerspricht dem in den Worten steckenden Gattungsbegriff. Man kann sagen: Passagen des Korintherbriefs sind in hymnischem Ton geschrieben. (Hier greift meine Übersetzungskritik an den Bearbeitungen der Lutherbibel. Luthers Fassung ist poetisch, hier: hymnisch, die modernisierte Fassung ist zu sachlich, bürokratisch. Poetischer find ich da die Fassung der Einheitsübersetzung, Auszug unten.)

„Hohelied der Liebe“ ist auch aus dem Blickwinkel der Übersetzung falsch. Das griechische Wort ist Agape, das deutsche „Liebe“ ist nur eine Bedeutungsvariante. In der englischen King-James-Bibel wird es mit „charity“ wiedergegeben. Der Text des Briefs definiert ja gerade „Liebe“ in einem weiten Sinne – im Wortsinn gewiß auf Glaubensinhalte zielend, aber das Schöne an der (Original-)Sprache (die Rache der Sprache) ist doch, daß man sich nicht festlegen muß. Der Wein bei Hafis ist immer auch Wein, was auch immer die Exegeten uns sagen. Und die Liebe bei Paulus ist immer Barmherzigkeit und und… und Erotik. Und deshalb ist das Hohelied der Bibel ein Hymnus auf die Liebe in jeder Hinsicht, was auch immer die Theologen sagen.

Und der Korintherbrief enthält hymnische Passagen, und der Zeitungsschreiber darf ihn ein Hoheslied der Liebe nennen (wiewohl mir die Bezeichnung doppeltgemoppelt klingt, weil die Liebe im Wort Hoheslied schon mitgedacht ist). Und auch der Prediger kann das sagen, wenn es in seine Predigt paßt. In einem Lexikon mit dem Anspruch der Wikipedia aber sollte man es nicht so sagen. Da könnte man sagen: „Man hat das 13. Kapitel des 1. Korintherbriefs ein Hoheslied der Liebe genannt“ oder noch besser, man recherchiert erst, wer es (zuerst) so nannte.

Übrigens bestätigt sich hier wieder die Schwäche der deutschen Wikipedia gegen die englische. Klickt man nämlich von hier (Überschrift: „Hohelied der Liebe (1. Korinther 13)“) auf die englische Fassung, findet man die korrekte Überschrift: „1 Corinthians 13“. Dazu im Text eine ausführliche Erörterung des Begriffs agape und auch Genaueres über den historischen Kontext des Briefs. Dagegen fehlt die Benennung „song of songs“ (siehe auch hier).

Hier noch 1. Korinther aus der Einheitsübersetzung

Wenn ich in den Sprachen der Menschen und Engel redete, / hätte aber die Liebe nicht, / wäre ich dröhnendes Erz oder eine lärmende Pauke. Und wenn ich prophetisch reden könnte / und alle Geheimnisse wüsste / und alle Erkenntnis hätte; / wenn ich alle Glaubenskraft besäße / und Berge damit versetzen könnte, / hätte aber die Liebe nicht, / wäre ich nichts. Und wenn ich meine ganze Habe verschenkte / und wenn ich meinen Leib dem Feuer übergäbe, / hätte aber die Liebe nicht, / nützte es mir nichts.

Die Liebe ist langmütig, / die Liebe ist gütig. / Sie ereifert sich nicht, / sie prahlt nicht, / sie bläht sich nicht auf. Sie handelt nicht ungehörig, / sucht nicht ihren Vorteil, / lässt sich nicht zum Zorn reizen, / trägt das Böse nicht nach. Sie freut sich nicht über das Unrecht, / sondern freut sich an der Wahrheit. Sie erträgt alles, / glaubt alles, / hofft alles, / hält allem stand. Die Liebe hört niemals auf. /

Prophetisches Reden hat ein Ende, / Zungenrede verstummt, / Erkenntnis vergeht. Denn Stückwerk ist unser Erkennen, / Stückwerk unser prophetisches Reden; wenn aber das Vollendete kommt, / vergeht alles Stückwerk. Als ich ein Kind war, / redete ich wie ein Kind, / dachte wie ein Kind / und urteilte wie ein Kind. Als ich ein Mann wurde, / legte ich ab, was Kind an mir war. Jetzt schauen wir in einen Spiegel / und sehen nur rätselhafte Umrisse, / dann aber schauen wir von Angesicht zu Angesicht. Jetzt erkenne ich unvollkommen, / dann aber werde ich durch und durch erkennen, / so wie ich auch durch und durch erkannt worden bin. Für jetzt bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; / doch am größten unter ihnen ist die Liebe.

3 Comments on “101. Nicht bibelfest

    • autsch! ok. kann jemand zur aufklärung meiner und des pp. publikums sagen, von wem/ woher die benennung des korintherbríefes als hoheslied der liebe kommt? bin nurn bibelleser ohne theologische interessen. und wollte eigentlich primär auf die m.e. furchtbar modernisierte sog. „lutherbibel“ zielen (das beispiel geht fast noch, außer daß mich der wegfall des genitivs stört, aber es gibt viele schlimme beispiele, wo man sich fragt, warum man das noch lutherbibel nennt)

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