Krise des Buches

Alle reden von der Krise des Buches. Aber in Russland ist die Rettung in Wahrheit schon gelungen. Die Tiere haben die Macht in den Verlagen übernommen und das Marketing radikal modernisiert. Eine Satire von Wjatscheslaw Kuprijanow, Die Zeit 42 / 2003

40 000 Gedichte

Der 63-jährige Multikünstler Dmitrij Prigow lebt meistens in Moskau und veröffentlichte bislang ein Dutzend Bücher – seit 1989. Er ist also ein sehr junger Autor: so jung, dass sich sein über 30-jähriger Sohn grämt, weil sein Vater anscheinend nie erwachsen wird. Dmitrij Prigow hatte sich 1981 zum neuen Puschkin erklärt und mehr noch: Er war die sozialistische Selbstverpflichtung eingegangen, 20.000 Gedichte zu schreiben – bis zum Jahr 2000. Dieses Soll hat er zu 100 Prozent übererfüllt. Wladimir Kaminer kennt über fünfzig davon in- und auswendig – zum Beispiel dieses hier: „Es regnet wieder / Ich und die Spinne sitzen vor dem nassen Fenster / Und schauen in die Ferne / Dort aus dem Nebel taucht das gelobte Land auf / Ich lächele die Spinne an / Na, fliegen wir dorthin?! / Du weißt doch, sagt die Spinne / Dass ich nicht fliegen kann – nur krabbeln / Ach so, na dann krabbel weiter.“ / taz 8.10.03

Sächsischer Eros geballt

„Meine Nackademie“ heißt der Band, den die lyrischen unter den sächsischen Akademikern füllten. Und schon aus dem Titel ist zweierlei zu hören: eine typisch sächsische Portion Selbstironie – und das Thema des Bandes, das mit dem Untertitel „Liebesgedichte aus Sachsen“ nur angedeutet ist. Es geht um erotische Verse.

Herausgegeben haben das angenehm anzusehende und anzufassende Büchlein Richard Pietraß und Peter Gosse. Leute mit gutem Namen in der Dichtkunst, wie die anderen Mitstreiter auch: Volker Braun, Róza Domascyna, Elke Erb, Uwe Grüning, Wolfgang Hilbig, Bernd Jentzsch, Rainer Kirsch, Reiner Kunze, Kito Lorenc, Thomas Rosenlöcher, B. K. Tragelehn. / Gundula Sell, Sächsische Zeitung 7.10.03

Peter Gosse und Richard Pietraß (Hrsg.): Meine Nackademie. Liebesgedichte aus Sachsen, Mitteldeutscher Verlag, 18 Euro

Über das Buch (und Peter Gosse) schreibt Dieter Schlenstedt, ND 4.10.03

Peter Gosse: Neles Selen. 124S., Broschur, 10,50 EUR. Mitteldeutscher Verlag

Bester deutschsprachiger „Straßen-Poet“

Darmstadt/Frankfurt – Der Berliner Sebastian Krämer ist gestern in Darmstadt zum besten deutschsprachigen „Straßen-Poeten“ gekürt worden. Der 27 Jahre alte Entertainer verwies in der Endrunde des „7. German International Poetry Slam“ den 33 Jahre alten Bonner Michael Schönen auf den zweiten Platz. Krämer wiederholte damit seinen Erfolg von 2001. Insgesamt waren 76 „Slammer“ am Start. dpa 6.10.03

Bully (Berlin. Blücherstraße)

Achim Wagner: Bully (Berlin. Blücherstraße)
Rolf Schneiders Berliner Anthologie, Berl. Morgenpost 5. Oktober 2003

Klassisch oder volkstümlich

Arabic poetry is particularly embedded in the problem of tradition and innovation in a way that, for instance, the novel and the play are not. This is because these latter forms are new while poetry is the oldest literary form in the life of the Arabs.

There are always two kinds of poetry, one written in classical Arabic and one recited in colloquial. Throughout our history the two have gone hand in hand. The first produced poet laureates, the second produced popular singers. Popular poetry is a record of people’s moods; their pleasures, their sadness, their love, the expression of their dissatisfaction with the state of things — in short it is a record of daily life.

But this does not mean that classical poetry has become moribund. It has had, at times, moments of vitality. One such moment came in 1882 during the Orabi Revolt. It was an army revolt supported by peasants and among the officers were some poets whose poetry became the record of the revolt. Outbursts of this kind have kept classical poetry alive.

It is interesting that the 1952 Revolution gave rise to poetry written in colloquial. The major poet of that revolution was Salah Jahin, some of whose forceful poems were set to music and sung by Abdel-Halim Hafez. Others remained essential reference points in the history of revolution. Jahin’s was a salutary voice, the voice of the people rising abruptly from the prosaic tenor of dissident conversation to the dulcet tones of nationally oriented song. It was certainly a tribute to the vernacular, and an honour to its people. / Mursi Saad El-Din, Al Ahram 630, 5.10.03

Hier ein Essay von Nagib Mahfuz über das Verhältnis von Poesie und Prosa

Vorzüge der russischen Sprache

Da ist zum Beispiel die «freie Wortfolge». Sie ist zwar nicht absolut frei, erlaubt jedoch in einem Satz wie «Die Katze frisst die Maus» sechs Varianten der Wortstellung, in manch fünfgliedrigem Satz gar 120 Varianten und so weiter. Dies ist möglich dank einer komplizierten Grammatik, die den Zusammenhang der Wörter so klar definiert, dass man meistens sehr gut versteht, «wer wen frisst», egal, wie die Wörter im Satz durcheinander gewürfelt sind. Und durcheinander gewürfelt werden sie ununterbrochen – um inhaltliche Akzente zu setzen, um den Stil zu formen, den Rhythmus zu bilden, um Emotionen wie Wut, Staunen, Freude zu verstärken. Kurz, die «freie Wortfolge» ist ein bequemes Zusatzinstrument, der Sprache eine persönliche Färbung zu geben.

Für die gleiche Färbung der Wörter gibt es weitere Mittel: Präfixe und vor allem zahlreiche Suffixe «der subjektiven Einschätzung», welche beim Übersetzen in viele Sprachen zum «notorischen Diminutiv» werden. / Marina Rumjanzewa, NZZ 4.10.03 [Ein Fall für Klopstock!]

Enzyklopädische Ignoranz

Das heutige Russlandbild im Westen zeichnet sich durch eine fast enzyklopädische Ignoranz aus. Eine kürzlich durchgeführte Untersuchung in Deutschland führte zu folgenden Zahlen (für die übrigen europäischen Länder präsentieren sich die Verhältnisse wohl ähnlich): 43 Prozent der Befragten kannten keinen einzigen russischen Schriftsteller, 67 Prozent keinen Komponisten, 81 Prozent keinen Maler und 82 Prozent keinen Künstler. … Dabei geht vergessen, dass die russische Avantgardekunst (Malewitsch, Kandinsky) die Basis für die wichtigsten Kunstentwicklungen im 20. Jahrhundert gelegt hat, dass entscheidende Impulse für das westliche Ballett von russischen Tänzern gekommen sind und dass die moderne russische Lyrik (Zwetajewa, Mandelstam, Brodsky) einen Höhepunkt der Weltliteratur markiert.
/ Ulrich M. Schmid, NZZ 4.10.03

„Buch des Monats“

Die Darmstädter Jury hat die Mandelstam-Biographie von Ralph Dutli zum „Buch des Monats Oktober“ gewählt. Andreas Isenschmid schwärmte in der ZEIT: „Man ist über sechshundert Seiten von Dutlis schneller, muskulöser, warmer und farbiger Sprache gefangen.“ Am Samstag (4.10.03) stellt Iris Radisch in der Sendung „BücherBücher“ (HR, 21.55) die Biographie vor: „Sie liest sich wie ein Krimi, ist ein souveränes Plädoyer für die Sache der Dichtung und eine grosse Liebesgeschichte“, heisst es in einer Pressemitteilung des Senders. Ralph Dutli wird gemeinsam mit dem Literaturkritiker Helmut Böttiger in Frankfurt am 9. Oktober 2003 ab 20.00 Uhr im Hessischen Literaturforum im Mousonturm bei der Präsentation der Mandelstam-Biographie auftreten. / 4.10.03

Biografie, Leseproben etc. hier.
(Auch z.T. ausführliche Leseproben von Konstantin Kavafis, Gellu Naum, Marina Zwetejewa, Manfred Peter Hein usw.)

In der Zeit-Literaturbeilage 40/03 rezensiert Andreas Isenschmidt Dutlis Biografie

Normalisazija

Weiterhin beliebt und entsprechend gefragt ist die konventionelle, penibel gereimte, auf Alltagsthemen und Allerweltsgefühle eingestellte Gebrauchslyrik, die massenhaft in Zeitungen, Magazinen oder Almanachen abgelagert wird. Künstlerisch ernst zu nehmende, allenfalls experimentell agierende oder hermetisch beiseite sprechende Dichter – die Moskauer Gruppe der «Metaphysiker» um Gennadi Ajgi und Iwan Shdanow, die «Formalisten» um Sergei Birjukow und Sergei Sigei, die religiös imprägnierten «Gedankenlyriker» um Olga Sedakowa oder Jelena Schwarz – publizieren vorwiegend in Klein- und Selbstverlagen; nicht wenige von ihnen greifen auf die subversive Tradition des «Samisdat» zurück, stellen ihre Bücher in minimalen Auflagen – bald mit einfachsten Mitteln, bald mit höchstem bibliophilem Anspruch – eigenhändig her, um sie ausserhalb des Markts an Interessenten und Sympathisanten weiterzugeben. Ein aktuelles Beispiel für derartige verlegerische Selbsthilfe gibt Sergei Sigei, der sich von der russischen Literaturszene abgesetzt hat und nun in Madrid «nomadische» (russischsprachige) Buchwerke herstellt, die er unter dem Label seiner «Ediciones del Hebreo Errante» in privatem internationalem Kundenkreis persönlich anbietet und vertreibt. / Felix Philipp Ingold, NZZ 4.10.03

A Shropshire Lad

Harald Hartung zeigt in der FAZ vom 4.10.03 an, daß A.E. Housmans Hauptwerk jetzt zweisprachig auf Deutsch erschienen ist:

Hans Wipperfurth, der Übersetzer, verhehlt nicht die Schwierigkeiten seines Unternehmens. Das Knappe, Archaische des Originals, das zugleich schwerelos und luzid wirkt, ist nicht leicht in deutsche Verse und Reime zu bringen. …

Auch sonst klingt manches glatter, auch biederer als im Original, ohne daß man zu sagen wüßte, wie es besser zu machen sei. Wo Housman umstandlos konkret ist, formuliert sein Übersetzer eher philosophisch.

(Aber kein Problem: das Buch ist zweisprachig!)

A.E. Housman: Die „Shropshire Lad“-Gedichte. Englisch/ Deutsch. Mattes Verlag, Heidelberg 2003. 172 S., br., 16 €

Hier der Originaltext – und eine Leseprobe daraus:

A. E. Housman (1859–1936). A Shropshire Lad. 1896.

XLIX. Think no more, lad; laugh, be jolly

THINK no more, lad; laugh, be jolly:
Why should men make haste to die?
Empty heads and tongues a-talking
Make the rough road easy walking,
And the feather pate of folly
Bears the falling sky.

Oh, ’tis jesting, dancing, drinking
Spins the heavy world around.
If young hearts were not so clever,
Oh, they would be young for ever:
Think no more; ’tis only thinking
Lays lads underground.

Zum Nobelpreis für J.M. Coetzee

hier ein Auszug aus einem Essay Coetzees über Robert Walser (New York Review of Books, 17, Nov. 2000):

Was Walser a great writer? If one is reluctant to call him great, said Canetti, that is only because nothing could be more alien to him than greatness. In a late poem Walser wrote:

I would wish it on no one to be me.
Only I am capable of bearing myself.
To know so much, to have seen so much, and
To say nothing, just about nothing.

/ 2.10.03

Vom Klang der Lyrik

Neu im Berliner Zimmer: Vom Klang der Lyrik. Versuch einer Annäherung an das Sonett. Ein Essay von Rüdiger Heins. / 1.10.03

Popp / Wagner

Neu in Edit: Gedichte von Steffen Popp / Jan Wagner über die Kölner Reihe parasitenpresse. / 1.10.03

Nachdichten – francophon oder germanophon

Während die eine (frankophone) Fraktion mit fast demütiger Zurücknahme der eigenen Kreativität den Aspekt der Werktreue bzw. der übersetzerischen Genauigkeit betonte und entschieden für zweisprachige Ausgaben plädierte, gerierte sich die andere (germanophone) Fraktion als eigensinniges Enfant terrible: Er könne sich durchaus vorstellen, Übersetzungen zu publizieren, die mit dem Original kaum mehr etwas zu tun hätten, meinte z. B. der Basler Verleger Urs Engeler. Denn sein Verlag sei eigentlich gar kein Verlag, sondern ein «Sprachforschungsinstitut», so der bei Engeler übersetzende österreichische Lyriker Peter Waterhouse. Er verstehe Dichtung als performativ physischen Akt. Zu ihrer Übersetzung brauche man daher weniger die Meinung des Autors als vielmehr genügend Zeit und Ausdauer. / Sabine Haupt, NZZ 29.9.03