Ganz und gar nicht amused zeigt sich Paul Jandl über die „Vergnügungsgedichte“ von Franzobel, NZZ 9.12.03
Franzobel: Luna Park. Vergnügungsgedichte. Zsolnay-Verlag, Wien 2003. 176 S., Fr. 31.20.
An old yellow tomcat
lies sleeping content,
he rumbles a heart
Ein Haiku aus dem Kurzweilschen Poesieautomaten. (s.u.). Ein Kommentar, Sydney Morning Herald 9.12.03 (To be or not to be, that is the qwerty. By Graeme Philipson)
«In dieser Poesie», so sagte Michael Krüger vor fast zwanzig Jahren in seiner Dankesrede bei der Entgegennahme des Peter-Huchel-Preises – und er meinte neben Huchels Gedichten auch namentlich jene von Ingeborg Bachmann oder Paul Celan -, «lebte ein Stück ältester Magie weiter, die sich gegenüber den herrscherlichen Ansprüchen von Aufklärung resistent verhielt: Der Text hatte nicht nur eine eigene Wirklichkeit, die mit meiner Wirklichkeit zunächst einmal nicht viel gemeinsam zu haben schien, sondern sollte (. . .) auch als Zauberspruch nachgesprochen werden, um die andere Wirklichkeit zu verwandeln – und zwar gegen jede Erfahrung.»
Wer möchte die älteste Magie, von der hier die Rede ist, in Frage stellen oder wer den Zauberspruch, der, so Michael Krüger, im Gedicht nachgesprochen werde. Aber soll man sich davon die Verwandlung der Wirklichkeit erhoffen und noch dazu «gegen jede Erfahrung»? Nicht genau wüsste man zu sagen, was in der Pointe dieses Satzes überwiegt, ob das Aufsässige oder nicht vielleicht doch eine zur Resignation neigende Melancholie. / Roman Bucheli, NZZ 9.12.03
Michael Krüger: Kurz vor dem Gewitter. Gedichte. Suhrkamp-Verlag, Frankfurt am Main 2003. 112 S., 16,90 EU.
Michael Krüger: Vorworte, Zwischenbemerkungen, Nachrufe. Ein (lückenhaftes) ABC. Sanssouci-Verlag, München 2003. 336 S., 17,90 EU
Vgl. Zeit Nr. 50 (Iris Radisch) / Schweriner Volkszeitung ca. 9.12.03
In Rolf Schneiders Berliner Anthologie (Morgenpost) am 7.12.03: Karl Philipp Moritz Sonnenaufgang über Berlin. Das Gedicht beginnt so:
Die Sonne, die den goldumsäumten Fächer
Des Morgenrots entfaltet hat,
Vergüldet nun mit ihrem Strahl die Dächer
Und grüßt mit Lächeln unsre Königsstadt.
Den Hauptteil des Bandes machen französische, italienische und englische Sonette, außerdem Sonette im Freemix (niemand, der in Zukunft noch über den „Autor als DJ“ faseln will, sollte das mehr in Unkenntnis von Allemanns metrischem Scratchen tun: „Krachschwatzen“ oder „Schwachkratzen“ lautet die Frage). Schließlich noch jambische Formen und ein paar kleine Gedichte. Es bleibt ein „Surren im Ohr“.
Woher nimmt Allemann das Vertrauen in seine lyrischen Implosionsformen? Es sind Formen poetischen Erinnerns. Und das bekommt hier eine ebenso vertrackte wie überaus genaue Lautgestalt, einen Sprachkörper. Der wirbelt und stolpert in seiner „Repetierbegehr“, als handelte es sich um ein Video von Bruce Nauman. / Guido Graf, Die Welt*) 6.12.03
Urs Allemann: schoen! schoen! Urs Engeler Editor, Weinheim. 72 S., 17 EUR
(Informationen und Texte auf der Verlagsseite)
Auden, Messiaen, Boulez, Rihm, Zimmermann, Stockhausen – sie berufen sich ebenso auf ihn wie Pissarro oder van Gogh. Das belegt die Modernität von Hector Berlioz. Man solle seine Farben hören, sie klängen wie Berlioz, sagt der Maler van Gogh zu seinen Bildern. In der Musik bleibt Berlioz eine Art Ur-Erfinder der Moderne. / Hermann Hofer, NZZ 6.12.03 über den Komponisten, der auch eine dichterische Begabung war.
Und Ernst Osterkamp schreibt über
Durs Grünbein
„Vom Schnee“
oder Descartes in Deutschland. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2003 ISBN 3518414550,
Gebunden 144 Seiten, 19,90 EUR
(Vgl. FR 26.11.03, SZ 8.11.03, Gert Scobel, Die Welt 7.12.03)
Harald Hartung, FAZ 6.12.03, bespricht:
Adam Zagajewski
„Die Wiesen von Burgund“
Ausgewählte Gedichte. Carl Hanser Verlag, München 2003 ISBN 3446203664,
Gebunden 176 Seiten, 15,90 EUR
Als Stefan George am 4. Dezember 1933 starb ein populärer Lyriker. Ein Jahr nach Georges Tod summierte sein Verleger Georg Bondi die Höhe der Auflagen von Georges Büchern und gelangte zu staunenswerten Zahlen: Von keinem der Georgeschen Gedichtbände waren weniger als 10 000 Exemplare gedruckt worden, und bei seinem erfolgreichsten Buch, dem „Jahr der Seele“, belief sich die Zahl sogar auf 31 000 Exemplare. Seinen Kommentar zum Weltkrieg, das große Gedicht „Der Krieg“, veröffentlichte George im Jahre 1917 als Flugschrift in nicht weniger als 6600 Exemplaren: eine Zahl, von der die von George verachteten Expressionisten allenfalls hätten träumen können. Am Ende seines Lebens scheint es auf dem Lyrikmarkt geradezu eine George-Überproduktion gegeben zu haben; jedenfalls finden sich im Dezember 1932 in der Literarischen Welt, der wichtigsten Literaturzeitschrift der Weimarer Republik, verschiedentlich Anzeigen von Buchhandlungen, die Werke Georges in „verlagsneuen Bänden“ zu stark herabgesetzten Preisen anboten. …
In seinem Vertrauen auf die lebensverändernde Kraft des autonomen Gedichts blieb George zeitlebens ein Erbe der deutschen Klassik und Romantik. In seiner Publikationspolitik, seiner Medienstrategie, seiner Selbstinszenierung gegenüber der Öffentlichkeit hingegen handelte er, wie die Auflagenziffern seiner Bücher zeigen, durch und durch modern. Noch in seinem Beharren darauf, jede Publikation aus seinem Kreis mit dem Zeichen der „Blätter für die Kunst“ zu versehen, gehorchte er der Logik der Warenästhetik, die auf Distinktionsgewinn durch ein Logo setzt, das auch dem Massenartikel Exklusivität zertifiziert. In hoc signo vincis: Wenn schon nicht das Neue Reich gewonnen wurde, so doch immerhin der Lyrikmarkt. / Ernst Osterkamp, SZ 4.12.03
… und die SZ. Die bringt zum Anlaß zwei weitere Beiträge:
George und Gundolf: Nachrichten von einem Treffen, das nicht stattgefunden haben sollte (Ulrich Raulff)
Wo Unsrer Frauen türme ragen: Stefan George und München (Jens Malte Fischer)
Vor nahezu einem halben Jahrhundert hat ein Freund bei Peter Rühmkorf „Schizographie“ festgestellt. Schizographie, erklärt Rühmkorf selbstironisch, meint zwei Schreibantriebe, die schwer auf einen Nenner zu bringen waren und sind: ein apokalyptisches Grundgefühl einerseits und ein aufklärerisches Bedürfnis andererseits. …
Vielleicht ist das ein Anzeichen fortgeschrittener Schizographie, eher jedoch eine Mischung aus Weisheit, Witz und Wehmut – und wohl auch ein Wissen um die Grenzen: „Dies Gedicht ist wie ein Ich, / vorläufig und verbesserlich / und zunächst ganz unbestimmt, / ob’s die nächste Kurve nimmt.“ / Hannoversche Allgemeine Zeitung 3.12.03
In diesem Herbst ist erschienen: „Funken fliegen zwischen Hut und Schuh. Lichtblicke, Schweifsterne, Donnerkeile“, hrsg. von Stefan Ulrich Meyer. DVA. 149 Seiten, 17,90 Euro.
schreibt Ezra Pound (The Independent ca. 3.12.03), aber Ossip Mandelstam [mit Majakowski, Jessenin, und und und] widerspricht:
Der Tod eines Künstlers … wirkt gleichsam als Quelle dieses Schaffens, als dessen teleologischer Grund“, schrieb Ossip Mandelstam 1916 nach dem Tod Skrjabins und formulierte damit den Mechanismus der Kanonisierung des Künstlers im kollektiven Gedächtnis der Nation. Ein Leben nach dem physischen Ableben gibt es nur, wenn man Klassiker wird. Die Zeilen Mandelstams wurden stets als Vorahnung des eigenen Schicksals oder als self-fulfilling prophecy gelesen. Tatsächlich war sein tragischer Lebensweg wie geschaffen für eine postume Mythologisierung. / FAZ 2.12.03
An den Thüringer Lyriker Walter Werner (der in DDR-Zeiten wohl zu Recht zu den wichtigen Autoren der „mittleren“ Generation gezählt wurde) erinnert eine Kurzbesprechung in der „Thüringer Allgemeinen“, ca. 2.12.03
Walter Werner: „Gewöhnliche Landschaft. Thüringische Gedichte“, quartus-Verlag, 8,90 Euro.
„Poet Personalities“ heisst eine neue Software, die dichten kann. Das Programm des amerikanischen KI-Propheten Ray Kurzweil kann Gedichte analysieren, dessen Stil lernen und ähnlich lautende Texte erzeugen. / news.ch 2.12.03
Download hier.
präsentierte das vierte Lyrik-Wochenende in Bern:
Während die ersten beiden dank ihrer Zugehörigkeit zur deutschsprachigen Minderheit Rumäniens hierzulande so heimisch wie geachtet sind, sprengte die in Bukarest lebende Autorin Nora Juga gänzlich unbekannte lyrische Tropfen ein. Sie schillerten surrealistisch, spiegelten die literarische Gegenwart grotesk verzerrt – und verwiesen in ihrer Fremdheit erst recht auf den Resonanzraum dieses wie des folgenden Lyrik- Abends. Denn nicht nur die abgründige Distanziertheit von Franz Hodjaks prosaischen Versen verdeutlichte sich im Kontrast, sondern auch die Nähe von Herta Müllers Gedicht-Collagen zur späten Tradition des rumänischen Surrealismus. Indem der Folgeabend dem rumänischen Dichter und Surrealisten Gellu Naum (1915-2003) gewidmet war, dessen eigenwilliges Werk Oskar Pastior und Herta Müller in einer Hommage lyrisch umspielten, weitete sich der Blick auf das so Nahe und doch so Ferne des rumänischen Literaturschaffens. / Sibylle Birrer, NZZ 1.12.03
Rumänisch kommt uns heute auch – offline of course – die FAZ. / 1.12.03 Karl-Markus Gauß bespricht Daniel Banulescus Buch:
Daniel Banulescu, Schrumpeln wirst du wirst eine exotische Frucht sein. Gedichte (rumänisch / deutsch)
Aus dem Rumänischen und mit einem Nachwort von Ernest Wichner
144 Seiten, 11 x 17 cm, tapeziert mit Schutzumschlag
Euro 12, SFR 20
ISBN 3-901118-51-9 / Reihe abrasch Nr. 5
edition per procura, Januar 2003.
Passend Perlentaucher: Post aus der Walachei (wenn auch lyrikfrei)
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