Gibt es so etwas wie den positiven Kehrwert eines Schlages ins Gesicht? Wenn ja, dann erfuhr man ihn beim «Fest arabischer Poesie», welches die Tagung der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung eröffnete. Machmud Darwish, der zur «Stimme Palästinas» erhobene, in der gesamten arabischen Welt hoch verehrte Dichter, Darwish, der Unnahbare, in der Frage des Nahostkonflikts als unversöhnlich Geltende, tritt als Erster vors Publikum, beginnt seine Lesung mit einem Gedicht, betitelt «Frieden». Auch im zweiten vorgetragenen Text kehrt das Wort siebenfach wieder; in einem weiteren Gedicht klingt die imaginäre Rede an den «Feind» elegisch, ohne Schärfe. Mehr noch als der grosse Name machte dies Darwishs Auftritt zum Ereignis. …
[Der Syrer Adel] Karasholi, der seit gut vierzig Jahren in Deutschland lebt, schreibt auf Deutsch wie auf Arabisch – und eine Lyrik, die, noch indem sie am Dazwischensein leidet, von beiden Seiten einseh- und einfühlbar ist. Dass aber Verständlichkeit nicht allein von solcher Nähe zu Deutschland abhängt, bewiesen die sinnlichen Verse der Syrerin Salwa an-Neimi so gut wie die subtile Verschränkung von Bildern und Ideen in Texten des aus Bahrain stammenden Qassim Haddad. / Angela Schader, NZZ 27.10.03
In early 1860, a poetry fan from London called James Hipkins wrote to Dr. Wing, the superintendent of the Northampton General Lunatic Asylum, inquiring after the welfare of one of the inmates, the nature poet John Clare. The sixty-six-year-old poet’s reply is one of the last things he wrote:
March 8th 1860
Dear Sir
I am in a Madhouse & quite forget your Name or who you are you must excuse me for I have nothing to commu[n]icate or tell of & why I am shutup I dont know I have nothing to say so I conclude
yours respectfully
John Clare
Clare had been in the asylum for eighteen years, having previously spent four years in a private asylum in Essex. He had not once seen his wife in that time; three of his seven surviving children had died; his work had fallen into neglect, and his reputation, such as it was, focussed on his status as a peasant and as a lunatic. Jonathan Bate, in his biography, “John Clare” (Farrar, Straus & Giroux; $40), says of the Hipkins letter that “this is a voice not of madness but of quiet despair.” I’m not sure that he’s right—not caring whom you’re writing to or why you’re in a madhouse would be despair; not knowing is surely closer to insanity—but a reader can feel, and like, Bate’s empathy with Clare, his willingness to imagine the texture of his plight. / John Lanchester, The New Yorker 27.10.03
Hier ein in der Anstalt geschriebenes Gedicht des Dichters:
I am: yet what I am none cares or knows
My friends forsake me like a memory lost,
I am the self-consumer of my woes–
They rise and vanish in oblivious host,
Like shadows in love’s frenzied, stifled throes–
And yet I am, and live–like vapors tossed
Into the nothingness of scorn and noise,
Into the living sea of waking dreams,
Where there is neither sense of life or joys,
But the vast shipwreck of my life’s esteems;
Even the dearest, that I love the best,
Are strange–nay, rather stranger than the rest.
I long for scenes, where man hath never trod,
A place where woman never smiled or wept–
There to abide with my Creator, God,
And sleep as I in childhood sweetly slept,
Untroubling, and untroubled where I lie,
The grass below–above the vaulted sky.
Hier können Sie das Gedicht in drei verschiedenen Audioversionen hören (Realplayer).
In seiner Berliner Anthologie kommentiert Rolf Schneider ein Gedicht des (West-)Berliners Michael Wildenhain über den (Ost-)Berliner Bahnhof Ostkreuz und den dortigen, ehemaligen Zentralviehhof:
Das von Wildenhain evozierte Gebiet des Zentralviehhofs, einer Schlachtfabrik für viele Generationen von Berliner Metzgern, wurde inzwischen durch andere, weniger blutige Kommerzbauten substituiert. Was bleibt, stiften die Dichter. Wildenhain wird die Erinnerung an das einst hier vergossene Tierblut nicht los. Es färbt noch die Gefühle der Liebe metaphorisch ein. / Berliner Morgenpost 26.10.03
In der gleichen Reihe am 12.10.03 das Gedicht „Blick vom Funkturm“ (1931) des verschollenen Autors August Brücher. Und am 2.11.03: Hartmut Schmale, Gedichte liegen nicht auf der Straße.
(Jahrgang 1929) gehört zu der zarten Handvoll Autoren, die dem lesenden Volk immer wieder Ohrwürmer schenken: „Bleib erschütterbar und widersteh“, „In meinen Kopf passen viele Widersprüche“, „Die schönsten Verse der Menschen/ Na finden Sie schon einen Reim/ Das sind die Gottfried Bennschen/ Hirn, Lernäischer Schleim“/ so ungefähr schreibt die Ostseezeitung über eine bevorstehende Lesung von Rühmkorf und Grass im Greifswalder Dom, Mittwoch, 26.10.03
In der NZZ vom 25.10.03 interpretiert Gernot Böhme Gottfried Benns Gedicht „Nur zwei Dinge“ – im Lichte Nietzsches:
Vor fünfzig Jahren hat Gottfried Benn ein Gedicht veröffentlicht, das man als die entmythologisierte Version von Goethes «Urworte. Orphisch» ansehen kann. Hier wie dort geht es um das menschliche Leben als einen Reifungsprozess und um die Konstellationen, in denen es sich vollzieht. Beide Dichter waren zur Zeit der Abfassung etwa in demselben Alter – Goethe 68, Benn 65 Jahre alt -, und sie sind einander in der herben Klarheit ihrer Altersweisheit durchaus verwandt. Was jedoch zwischen ihnen steht, ist Nietzsche und dessen radikale Zertrümmerung jeder Metaphysik.
Außerdem: Bernhard Dotzler betrachtet die nun abgeschlossene Benn-Werkausgabe:
Gottfried Benn: Sämtliche Werke. Stuttgarter Ausgabe. Bände VII/1 und VII/2, hrsg. v. Holger Hof. Klett-Cotta-Verlag, Stuttgart 2003. Je 687 S., Fr. 110.- (Subskriptionspreis).
Joachim Dyck / Holger Hof / Peter Krause (Hrsg.): Benn- Jahrbuch 1/2003. Klett-Cotta-Verlag, Stuttgart 2003. 265 S., Fr. 41.40.
Jan Bürger (Hrsg.): Ich bin nicht innerlich. Annäherungen an Gottfried Benn. Klett-Cotta-Verlag, Stuttgart 2003. 234 S., Fr. 26.40.
Erst vor ein paar Wochen fiel mir Uli Beckers Asphalthaikusammlung „Fallende Groschen“ in die Hände, ein Bändchen, das schon 1993 bei Maro erschien, in der von Armin Abmeier herausgegebenen Reihe „Die tollen Bücher“, prachtvoll illustriert von Henning Wagenbreth. Ob mich das vor zehn Jahren gepackt hätte, vermag ich nicht zu sagen, jetzt aber schnappte mich das Buch mit Macht. So schön huiii…! geht das los: „Um den Schlaf gebracht/ bin ich sowieso, Berlin -/ Augen auf und durch!“ … Fast hätte ich schon vergessen, dass ich in einer richtigen Stadt lebe; Uli Beckers Siebzehnsilber bringen Berlin auf den Punkt und schenken mir die Großstadt zurück. / Wiglaf Droste, taz/ die wahrheit vom 24.10.03
Mirana Zuschke schreibt in Sorbisch und in Deutsch. Mittlerweile hat sie einen eigenen Lyrikband veröffentlicht („Jaskrawe jasle“, Domowina-Verlag, Bautzen 2000) und ist mit ihren Gedichten in Anthologien und Zeitschriften vertreten. Die sorbische Sprache ist für sie die weitaus poetischere und klangvollere. „Im Sorbischen finden sich Laute, die noch zusätzlich zur Klangmelodie beitragen. Ich kann wesentlich mehr Nuancen ausdrücken, als ich das im Deutschen könnte“, beschreibt sie den Unterschied beider Sprachen. / Sächsische Zeitung 18.10.03
Lesetipp: Santera pantera, Lyrik aus Sorabia. Hrsg.: Roza Domascyna, Edition Thanhäuser, Ottensheim 2003, 124 Seiten, Broschur, ISBN 3-900986-53-3 (in sorbischer und deutscher Sprache).
In the beginning there was Beat. Jack Kerouac’s On the Road, Allen Ginsberg’s Howl, William Burroughs’s Naked Lunch. Here were writers who took the same words everyone else had at the time and used them in new ways, much like the bebop jazz players of the ’40s who had the same notes at their disposal on their saxophones and trumpets and pianos but played the music as if it was a different form altogether. The Beats wrote like those jazz guys played, and were about pushing the boundaries and not accepting the status quo. Kerouac defined the Beat generation as „a swinging group of new American men intent on joy“. / Sydney Morning Herald 18.10.03
46 Werke von berühmten Künstlern aus der ganzen Welt, die zu diesen Variationen ihre Bilder zeichneten, präsentiert seit Mittwoch das Institut Francais. In Zusammenarbeit mit der Buchhandlung Nicaise in Paris wurde es ermöglicht, diese zu Raymond Queneaus 100. Geburtstages konzipierte Ausstellung an die Warnow zu holen. [d.h. nach Rostock!].
Nicole Otto, Direktorin des Institut Francais, und Dr. Béatrice Gonzales-Vangell vom Institut für Romanistik betonten, dass diese Ausstellung erst zum zweiten Mal in Deutschland zu sehen sei. Raymond Queneau (1903 – 1977) arbeitete nach seinem Studium in Paris (1938) beim Verlag Gallimard, der auch das Buch „Stilübungen“ veröffentlichte. Die literarischen Tätigkeiten von Raymond Queneau umfassten nicht nur Romane und Gedichte, sondern auch Filmdialoge und Lieder. Zudem entwickelte er eine neue Schreibweise, die „neo francais“. Mit dieser Schreibweise wollte er weg von der Grammatik, hin zur Freude und Freiheit an der Sprache. Die „Stilübungen“, deren Idee nach einem Konzert (1947) entstand, beruhen ebenso auf das „neo francais“. Der Leser wird aufgefordert mitzuspielen und Dialoge mit den Werken zu führen. Mit Titeln wie „Traum“, „Vulgär“ oder „Botanisch“ schreibt Raymond Queneau in diesem Buch , „der Stil ist die Wirklichkeit“.
Noch bis zum 11. November zeigt das Institut Francais in der Stephanstraße 7 diese Ausstellung. / Ostsee-Zeitung, Rostock, 18.10.03
Hans Christophs Buch über Walter Höllerers Gedicht „Der lag besonders mühelos am Rand“, FAZ 18.10.03
Rolf Schneiders Berliner Anthologie: Karl Wilhelm Ramler, An die Stadt Berlin (Morgenpost 18.10.03)
Ein Lehrer hat ein unbekanntes Gedicht von Roald Dahl entdeckt, meldet der Independent vom 18.10.03.
. ..frei:
„Blindly punchin‘ at the blind / breathin‘ heavy / stutterin‘ / an‘ blowin‘ up/ where t‘ go / what is it that’s exactly wrong / who t‘ picket? / who t‘ fight. Auf deutsch heißt das dann: „Ich tapp ne fremde Straße runter, seh / die Häuser schwer verrammelt wie / Tresor / blind baller ich mit bloße Hände / an irgend so ’ne Jalousie / schwer keuchend / stammel ich und stotter / dann brüllt was aus mir raus: / Wo lang? / Was läuft verkehrt?/ Wen anknalln? Welchen nassen Sack / mit Spottgesängen niedersingen? / Und welche Killer in die Knie zwingen? / Wie zeigen wir’s dem etablierten Pack?“
Bei Shakespeare hätte er das nicht gewagt, gesteht Biermann, aber dieser Text Dylans sei so unverschämt jung, da fühlt man sich an die eigene Aufmüpfigkeit erinnert und hat dazu viel eigenen Trotz beizusteuern.
Bob Dylan war damals 24, heute klänge manches bei ihm sicher auch anders. Leider kann man ihn nicht fragen, was er von Biermanns „Transportarbeit am Text“ hält. Dazu müsste jemand alles wieder mühsam zurückübersetzen. Biermann jedenfalls hält Dylan für den größten Dichter Amerikas in unserer Zeit. / Hamburger Abendblatt 17.10.03
Hamburger haben´s auch nicht schlecht: Gerade gastiert Dylan in Hamburg, und Wolf Biermann liest Dylan im Schauspielhaus am 23. Oktober 2003, 20 Uhr.
„Eleven Outlined Epitaphs / Elf Entwürfe für meinen Grabspruch“, Kiepenheuer & Witsch. 16,90 Euro
Rezension aus dem Rheinischen Merkur vom 9.10.03 / Hier ein Gespräch des Spiegel (13.10.03) mit dem Übersetzer:
SPIEGEL: Trotzdem noch mal: Wie kommen Sie dazu, dem Dichter Dylan viele Zeilen hinzuzufügen und ihm Worte unterzuschieben wie „Apokalypse“, „Panik“, „Menschheit“, „Weltgeschichte“, die allesamt im Original nicht vorkommen?
Biermann: Das habe ich ihm reingeschoben, wie man einem alten Mütterchen vor der Grenze ein Pfund Kaffee in den Korb schiebt und ihn nach der Grenze wieder zurückklaut.
SPIEGEL: Hätten Sie sich solche Frechheiten auch mit Shakespeare erlaubt?
Biermann: Nein.
SPIEGEL: Warum dann bei Dylan, den Sie doch so hoch schätzen, dass Sie sogar den Literatur-Nobelpreis für ihn fordern?
Biermann: Weil es sich bei diesem Text um ein Frühwerk handelt. Das hat Dylan, ohne Übertreibung, rausgerotzt. Es ist die Antrittsrede eines Dichters, mit der ganzen Unverschämtheit des Anfängers. Sehr amerikanisch, das heißt intelligent und unverfroren, schnappt sich ein junger Mann frech den Tod – und dichtet, am Anfang seines Lebens, seinen Grabspruch. Und die Pointe dieses etwas langen Spruchs: Er kulminiert in dem besten Zitat, das man aus dem alten Europa beziehen kann – in den Zeilen des großen Engländers John Donne aus dem 17. Jahrhundert, wo sich die berühmten Worte finden: „Kein Mensch ist eine Insel für sich selbst …“
SPIEGEL: Und sogar Bertolt Brecht kommt bei Dylan vor – ohne Ihre Nachhilfe.
(Hier ein Spiegel-Bericht über Dylans Hamburger Konzert)
Ach, Mutter, / Ach! Ein junger, sehr schöner Mann / Hat mich verspottet, / Mich Arme! // Hé ééé! Kééé, kééé, kééé, ééé!« Solche Verse traditioneller Lyrik (hier aus Kamerun) muss man hören, sehen, man muss sie beim Vortrag riechen, schmecken – Lesen ist lediglich schwacher Ersatz. Poesie spielt im öffentlichen Leben des dunklen Erdteils bis heute eine viel größere Rolle als wir es gewohnt sind. Schön, dass die Vielfalt der Stimmen und Stile nach längerer Zeit wieder einmal gebündelt wurde: in einer Anthologie afrikanischer Liebeslyrik. … Ein grundlegendes Problem ihrer verdienstvollen Sammlung haben die Autoren selbst benannt: Übertragen wurden fast nur die in drei Welt- und Kolonialsprachen vorliegenden Texte. Was aber wäre Afrikas Poesie ohne die orale Tradition der Stammessprachen? / Benjamin Jakob, ND 17.10.03
Antilopenmond. Liebesgedichte aus Afrika. Aus dem Englischen von Thomas Brückner. Aus dem Französischen von Sigrid Groß. Aus dem Portugiesischen von Inés Koebel. Peter Hammer Verlag. 188 Seiten, gebunden, 17,90 Euro.
Wer in der Reichweite von Bern wohnt, kann in der kommenden Woche beim Festival «afrique noir» (23. Okt. – 2. Nov.) Polit-Rap, Film, Popmusik, Poetry-Performance, Rauminstallationen u.v.a. erleben. / Bieler Tagblatt 18.10.03
Josef Winkler hält Christine Lavant für die größere Dichterin. Er liest Lavant-Gedichte lieber als jene von Bachmann, weil „sie die komplizierteren, unheimlicheren, metaphorischeren sind“. / Die Kleine Zeitung (Österreich, read here) druckt diese u.a. kontroverse Autorenäußerungen anläßlich des 30. Todestages von Ingeborg Bachmann. / 17.10.03
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