96. Zungen-Gedicht

In der Textgalerie, Freitag 9/2004, stellt Michael Braun ein Zungen-Gedicht von Henning Ziebritzki vor:

Henning Ziebritzki, dessen frühe Gedichte eine stark intertextuelle Tendenz aufwiesen und sich an Zitaten und Theoremen poetischer Vorbilder inspirierten, hat in Die Zunge zu einer dezidiert gegenständlichen, dem sinnlichen Detail verpflichteten Dichtung zurückgefunden. Das genaue, fast überscharfe Hinsehen auf eine konkrete Einzelheit gebiert hier ein Ungeheuer: die allmächtige Zunge.

95. Wem gehört Adorno?

Da die Copyright-Sache auch Lyrikseiten im WWW betrifft, hier ein Verweis auf einen Vorgang, der Adorno und Reemtsma betrifft:

Die Hamburger Stiftung zur Förderung von Wissenschaft und Kultur hat den Erlass eines Haftbefehls gegen den Betreiber einer subkulturellen Bücher-Site beantragt. Auslöser des mit harten Bandagen geführten Rechtsstreits war das Auftauchen zweier Texte von Theodor W. Adorno auf der Site textz.com. Die Werke „Jargon der Eigentlichkeit“ und „Anti-Semitism and Fascist Propaganda“ standen in der subkulturellen Online-Bücherecke monatelang zum freien Download zur Verfügung. Die Stiftung, die Jan Philipp Reemtsma ins Leben gerufen hat, sah sich dadurch in den Verwertungsrechten verletzt, die sie für beide Texte innehat. Sebastian Lütgert, der Administrator der Untergrund-Site, steht mit einem Bein im Gefängnis.

Hier ein Vorschlag Lütgerts an Reemtsma (hier english).

/ Februar 2004

94. Welt*)-Nonsens-Serie

am 27.2.04: Eugen Gomringer: rund; am 26.2.04: Gerhard Rühm, sonett.

93. Neue palästinensische Lyrik

Der Witz und die Leichtigkeit, mit denen der 1950 geborene Walid Khazendar diese stürmische Liebe beschwört, sind die absolute Ausnahme im Kontext der Liebeslyrik und (wohl begreiflicherweise) eine in dieser Anthologie eher selten angeschlagene Note. Die Dichterin Zuheir Abu Sha’ib lässt immerhin einen «leichtsinnigen Mond» für einen Augenblick aus dem Dunkel unter ihrem Mantel entwischen; aufs ironisch Verknappte und gelegentlich Paradoxe setzt Hassan Sari, der auch die literarische Existenz von ganz unten her ins Auge fasst: «Nur der Abfalleimer / Liest das Manuskript unserer Erbärmlichkeit / Und lacht über unsern in der Presse publizierten / Geflickten Ekel!»

Diese Skepsis gegenüber dem dichterischen Wort, die sich dem Stellenwert (und dem gelegentlich damit verbundenen Pathos) der arabischen Lyriktradition entgegenstemmt, wird auch anderweitig laut: am rabiatesten wohl bei Aimen Kamil Ighbaraya, der in drei Absätzen ein höchst perfides Verhältnis zwischen Dichter, Werk und Publikum beschwört:

Wenn ein Dichter stirbt und seine Worte sind noch nicht gestorben Dann bestraft ihn Schlagt sein Buch auf und lest es ihm vor Rührt ihn zu Tränen und raubt ihm die Stimme Vertreibt ihn aus den Dichtungen und foltert ihn … / Angela Schader, NZZ 28.2.04

Khalid al-Maaly (Hg.): Nach dem letzten Himmel. Neue palästinensische Lyrik. Aus dem Arabischen von Khalid al- Maaly und Heribert Becker. Kirsten-Gutke-Verlag, Köln 2003. 397 S., Euro 20.-.

Einen Überblick über die zeitgenössische palästinensische Literatur, der auch vor 1950 geborene Autorinnen und Autoren sowie Prosatexte einschliesst, vermittelt ein Doppelheft (No. 15/16) der auf Englisch erscheinenden Literaturzeitschrift Banipal. Erhältlich bei Banipal, PO Box 22300, London W13 8ZQ, United Kingdom. Tel. 0044 020 8568 9747, Fax 0044 020 8568 8509, Email: editor@banipal.co.uk. Preis £ 12.-.
Weitere Informationen und eine Leseprobe auf der Verlagsseite

In der gleichen Ausgabe: Ein Gedicht des irakischen Lyrikers Sa´adi Yussuf, der in Jordanien, Syrien und Großbritannien lebt.

92. Menschliches Elend

In der Frankfurter Anthologie (FAZ 28.2.04) stellt Michael Krüger das Gedicht „Menschliches Elend“ von Andreas Gryphius vor.

Hier das Gedicht (den Kommentar müssen Sie sich selber schreiben; oder FAZ kaufen?).

91. Gryphius (Meine Anthologie)

Hier (meine Anthologie) ein anderes Gedicht von Gryphius, das sich mir gerade aufdrängen will (Fazdank):

Andreas Gryphius

Die Hölle

Ach! und weh!
Mord! Zetter! Jammer! Angst! Creutz! Marter! Würme! Plagen.
Pech! Folter! Hencker! Flamm! Stanck! Geister! Kälte! Zagen!
Ach vergeh!

Tieff‘ und Höh‘!
Meer! Hügel! Berge! Felß! wer kan die Pein ertragen?
Schluck abgrund! ach schluck‘ eyn! die nichts denn ewig klagen.
Je und Eh!

Schreckliche Geister der tunckelen hölen / Ihr die ihr martert und Marter erduldet
Kan denn der ewigen Ewigkeit Feuer / nimmermehr büssen dis was ihr verschuldet?
O grausamm‘ Angst / stets sterben sonder sterben.

Diß ist die Flamme der grimmigen Rache / die der erhitzete Zorn angeblasen:
Hier ist der Fluch der unendlichen Strasse; hier ist das immerdar wachsende rasen:
O Mensch! Verdirb / umb hier nicht zuverderben.

Ein experimentelles Sonett (das Sonett war, in Deutschland, noch relativ neu, wenige Jahre vor Gryphius´ Geburt 1616 eingeführt). Statt des originalen Versmaßes der Italiener, des jambischen Zehnsilbers, benutzten die Deutschen nach dem Vorbild Opitzens (der die Erfindung Ernst Schwabe von der Heyde klaute) den französischen Alexandriner (einen sechshebigen Jambus mit Mittelzäsur). In diesem Sonett benutzen nur die Binnenverse der Quartette den Alexandriner – und zwar in einer Weise, die den im Deutschen ohnehin spröden Vers bis ins Extrem streckt durch die bloße Aufzählung unverbundener Substantive. Wenn man das Versmaß (das oben angegebene Sonett „Menschliches Elende“ gibt ein reguläreres Beispiel) nicht im Ohr hat, kann man es kaum sprechen bzw. hören. Es geht, wenn man nach dem vierten Wort der „Aufzählungsverse“ eine Pause macht.
Die dreisilbigen (und auch – drei von vier – dreiwortigen) Rahmenverse der Quartette geben eine Atempause beim lauten Lesen – wenn sie nicht auch einen Inhalt hätten! Schwer zu sprechen auch sie.
In den Terzetten brüsker Wechsel zu wieder zwei ganz anderen Versmaßen. Beide Terzette werden von zwei achthebigen Daktylen eingeleitet – bei Beibehaltung der Zweischenkligkeit durch Mittelzäsur. Diese Verse malen die Schrecknisse des Höllenfeuers aus – bei gleichzeitiger Leichtigkeit des Sprechens (dieses Gedicht sollte man laut lesen!). Der sehr lange Vers deutet zart (ha!) auf die Ewigkeit der Verdammnis. Gibt es kein Entrinnen? Auch hier ist es das Versmaß, das die Botschaft enthält. Die ausschreitenden Ansätze der Terzette werden jeweils von einer viel kürzeren Zeile unterbrochen. Das Schriftbild täuscht – diese Verse sind in Silben halb so lang wie die daktylischen. Zweimal 22 gefolgt von einmal 11 Silben. Und das ganze noch einmal.
Die Elfsilbler der Terzette sind wieder jambisch – aber zusätzlich gespannt durch eine feste Zäsur nach der vierten Silbe. Diese Spielart des fünfhebigen Jambus nennt sich sprechend Gemeinvers (vers commun).
Die Zäsur verkürzt die Antwort auf die Langzeilen radikal: Die Viersilbler stemmen sich gegen die Höllenpein der daktylischen Langzeilen. Vier gegen 22: O grausam Angst! – O Mensch! Verdirb! Im ersten Terzett geschieht der Einspruch noch rein formal. Die in sich unterteilte kurze Zeile „erlöst“ für einen Augenblick von der Gewißheit des unbefristeten Höllenfeuers. Ein Paradox drückt die Vergeblichkeit des Einspruchs aus: Stet sterben sonder sterben. Wo nur der Tod Erlösung gewährte, wird er versagt – denn tot ist man dann schon.
Die letzte Zeile des Sonetts verschärft das Paradox noch: Verdirb – um nicht zu verderben! Da der Mensch angesprochen wird – womöglich das Gedicht laut liest – muß er noch leben. Die Verdammnis war bloß eindringlich imaginiert. Jetzt bist du an der Reihe! Kehre um! sagen die vielen Kehren des Gedichts.

Spannungen beherrschen das Gedicht – auf jeder Ebene: zwischen Zeile und Zeile, Wort und Silbe, Metrum und Rhythmus, Halbvers und Halbvers etc. – zusätzlich zu den „üblichen“ inhaltlichen Spannungen zwischen den Teilen des Sonetts. Die Formspielerei kehrt nur die inhaltlichen Spannungen (den Inhalt!) nach außen. Von wegen Formalismus! Für Gryphius, den Protestanten, war das Gedicht eine geistliche Übung, die Form kein Spiel. Protestantische Exerzitien. (Die machen es mit avantgardistischer Poesie!) Das Gedicht verkündet dir: es liegt an dir.

Thomas Kling, den ich sehr schätze, hält Gryphius für einen Vorläufer unserer Betroffenheitsdichter der 70er, 80er Jahre. Wie irrt er sich hier! (Das Wasserzeichen der Poesie, XLIV!) Betroffenheit, die ganz aus Form besteht, ist gar keine. Umso eindringlicher betriffts uns. Wenn wirs lesen! Laut! Exercitium.

Ich schließe die Betrachtung sanft mit Andreas  Thalmayrs zweiter Reduktionsstufe eines Gryphiussonetts:

Vberschrifft**)


Ihr jrr´t
    jrrthumb: jrrthum

wahn









      Ihr jrr´t                                        Ihr jrr´t
Ihr jrr´t                                        Ihr jrr´t
               jhr

jrren

Das Wasserzeichen der Poesie oder Die Kunst und das Vergnügen, Gedichte zu lesen. In hundertvierundsechzig Spielarten vorgestellt von Andreas Thalmayr. Greno 1985

**) Muß ich wirklich hinzufügen, daß die Vberschrifft nicht Kling meint?

/ Februar 2004

90. Elitärer Gegenklassiker

Unter Rühmkorfs Namen versammeln sich der linke Patriot, der menschenfreundliche Pessimist und gelenkig parodierende Gegenklassiker, der auf keiner Hochzeit tanzt, auf der er sich nicht amüsiert und zumeist aufgeräumt, gelegentlich auch gallig oder mit Leidensmiene die gesellig einladende Frohnatur spielt. Aber seine Kunst ist das Erbstück eines elitären Harmoniesystems, das sich von Walter von der Vogelweide und Klopstock herleitet. / Sibylle Cramer, NZZ 21.2.04

Peter Rühmkorf: Funken fliegen zwischen Hut und Schuh. Lichtblicke, Schweifsterne, Donnerkeile. Ausgewählt und herausgegeben von Stefan Ulrich Meyer. Deutsche Verlags-Anstalt, München 2003. 149 S., Fr. 31.90

89. Nochmal Quevedo:

Illusionslos und sarkastisch zeichnet Quevedo sein Selbstporträt als «Nachtgeborener – denn die Sonne / scheute sich, mich anzublicken . . . / Löwe gab mir Fieberhitze, / vom Skorpion hab ich die Zunge . . .», Der Argentinier Borges hatte Quevedo schon in seinen Jugendjahren in Spanien für sich entdeckt und ihn in seinen frühen Essaysammlungen als Lehrmeister in Sachen Stil gewürdigt. Für ihn bestand die einzigartige Sprachkunst Don Franciscos in ihrem kurzen und intensiven Rhythmus des Denkens, dem Sperrfeuer von Einzelbeobachtungen aus seiner Wortkanone; er war ihm schlichtweg der «erste Artifex der hispanischen Sprache und Literatur». / Thomas Sträter, NZZ 25.2.04
–> 27 / L&P 9.2.04

88. Scots Makar

Das haben die alten Briten gut gemacht: daß sie den griechischen „Poeten“ mit „Makar“ übersetzten: Macher (Hans Sachs läßt grüßen: Schuhmacher. Liedermacher. Versmacher). Die zum Tiefsinn strebenden Deutschen wählten den „Dichter“ (der „irgendwie“ nicht immer ganz „dicht“ ist? Jedenfalls was Höheres als ein Schuster.)
Offenbar hat das Wort zwar nicht im Englischen, aber im Schottischen überlebt – und wird jetzt gar zum nationalen Symbol:

Spätestens am 16. Februar muss es jedermann klar geworden sein, wie sehr den Schotten ihre Autonomie am Herzen liegt, brach doch das Land an diesem Tag mit einer 336-jährigen Tradition und bestellte seinen eigenen Hofdichter. Dieses unbezahlte Amt eines Scots Makar – der Begriff stammt aus dem 15. Jahrhundert – wurde mit dem 74-jährigen Edwin Morgan besetzt und soll laut den Worten des ersten schottischen Ministers, Jack McConnell, die nationale Identität und das nationale Selbstbewusstsein stärken helfen. Die Reaktion in England? Er fühle sich in keiner Weise bedrängt, sagte der seit 1999 als Poet Laureate der Königin amtierende Andrew Motion – schliesslich ernenne Ihre Majestät nur einen Hofdichter. Dass jetzt Wales nicht hinter Schottland zurückstehen will, war zu erwarten; für den Posten eines walisischen Poet Laureate sollen denn auch bereits Grahame Davies, Menna Elfyn, Gillian Clarke, Tony Curtis und Robert Minhinnick im Gespräch sein.

Bemerkenswert ist immerhin, dass Andrew Motion seit seiner Berufung nie ein schottisches oder ein walisisches Ereignis besungen hat – und dass der Hofdichter immer ein Engländer, also nie ein Schotte, Waliser oder Ire war. Bemerkenswert ist weiter auch, dass, seit John Dryden im Jahr 1668 zum Poet Laureate ernannt und dafür alljährlich mit einem Fass Kanarienwein entlöhnt wurde, diese Würde stets Männersache war. So wurde, als 1892 Tennyson starb und vielen Christina Rossetti für die Nachfolge richtig schien, das Amt zwei Jahre lang nicht besetzt – eine Dichterin passte eben nicht zur dem Königshaus genehmen, fast mythischen Vorstellung von der Lyrik als einem von Mann zu Mann weitergereichten, heiligen Kelch. Dann, 1894, war auch Christina Rossetti tot – und die Sache der Männer gerettet. Ob jetzt die Waliser dieser Tradition endlich einen Stoss versetzen werden? Im oben genannten Quintett sind immerhin zwei Frauen; eine davon, Menna Elfyn, schreibt in der englischen und in der walisischen Sprache. / Georges Waser, NZZ 23.2.04

87. Rückgrat zeigen

… »Es konnte, es durfte nicht sein, daß in der Deutschen Demokratischen Republik Gedichte publik wurden,die das Volk aufwiegeln konnten«. Als Beispiel mag Reinigs auch im heutigen Deutschland wieder brauchbares Gedicht »Hört weg!« dienen, dessen erste Strophe lautet: »kein wort mehr soll von aufbau sein / kein wort mehr von arbeit und altersrente / hört weg – ihr helden – ich rede allein / für asoziale elemente.« Den Schreibtisch im Märkischen Museum habe Reinig beim Weggang jedoch »ordentlich verlassen«: Als einzigen Gruß hinterließ sie ein Röntgenbild ihrer Wirbelsäule. »Der aufrechte Gang ist ihr inzwischen verwehrt. Aber nicht, weil sie damals im Osten oder dann im Westen zuviel gebuckelt hätte, sondern weil sie an Morbus Bechterew erkrankt ist und – der Leiden nicht genug – 1971 einen Unfall hatte, der ihre schon geplagte Wirbelsäule traf«, so Kulessa. / Dirk Ruder, junge Welt 24.2.04

Christa Reinig, die 1964 die DDR verließ, hatte gute Gedichte geschrieben, wurde aber fast nicht gedruckt. Seit ihrem Wohnungswechsel hat sie auch anderes geschrieben, etwa dies:

»Wenn wir aber Menschen wären oder sein wollen, sollten Männer die Sprache der Frauen gründlich erlernen, wie die Frauen seit eh und je und von Kindheit an die Sprache der Männer erlernen müssen.«

Zitieren wir noch mal Kulessa:

»Reinig hat sich nie schrecken lassen, nicht von den Staatsorganen der DDR … nicht von den westlichen Medien, nicht von ihrer Krankheit … und auch nicht von der Frauenbewegung.

Und natürlich Reinig:

HÖRT WEG!

kein wort soll mehr von aufbau sein
kein wort mehr von arbeit und altersrente **)
hört weg – ihr helden – ich rede allein
für asoziale elemente

für arbeiter die nicht mehr arbeiten wollen
für die stromer und wüsten matrosen
für die sträflinge und heimatlosen
für die zigeuner und träumer und liebestollen

für huren in häusern mit schwülen ampeln
für selbstmörder aus zerstörungslust
und für die betrunknen die unbewußt
ein stück von einem stern zertrampeln

ich rede wie die irren reden
für mich allein und für die andern blinden
für alle die in diesem leben
nicht mehr nach hause finden

**) Und bitte auch nicht Praxisgebühr!

86. Johannes Kühn

Noch mal junge (Lyrik-)Welt: Ebenfalls am 24.2.04 schreibt Jürgen Lentes über Johannes Kühn, der den Hölderlinpreis 2004 erhält. –> 47 / L&P 15.2.04

»Wie schee roosarood der es! / Der schdeijt off wie e Wonner, / o lant wie e Wonner. / Sej Leijt em Korf / derfe nedd schloffe, / on se wolle ach nedd, / se welle vill seihe vom Land / vo uuwen eronner.«

* Johannes Kühn, Ein Ende zur rechten Zeit. Mit einem Nachwort von Wilhelm Genazino, Hanser, München 2004, 144 Seiten, 14,90 Euro

85. Nonsensgedicht

Auch eine Trunkenheit? Die [alte?] Welt vom 24.2.04 riskiert ein Nonsensgedicht: Gedicht in Bi-Sprache. Im Netz verschweigt sie den Autor. Es ist Joachim Ringelnatz. Ibich habibebi dibich … sobi liebib.

84. Trunkenheit des Leibs oder der Seele?

Von Trunkenheit ist allerorts die Rede bei Rumi, dem Gründer des Ordens der tanzenden Derwische, doch die Trunkenheit des Leibes bedeutet nichts gegen die Trunkenheit der mystischen Seele. „Im Kelch, den ich ergreife, ist Wein von lauterem Lichte.“ Trunken vom Lichte Gottes, entdeckt der Sänger auch in den reizvollsten irdischen Erscheinungen kaum mehr als symbolische Surrogate des Überirdischen. Man hat die mystische Tradition gern zum Nachweis einer diesseitigen, daseinsfrohen, ja freizügigen Strömung im Islam herangezogen. Liest man Rumis Gedichte in Bürgels Ausgabe, dann wird diese Vermutung nicht unbedingt bestätigt. Man ist geneigt, das erotische Sehnen oder Verlangen als Deckfigur eines umfassenderen, nämlich religiösen Verlangens aufzufassen. Doch dieser Schein könnte auch trügen. / Christoph Bartmann, SZ 23.2.04

DSCHLAALUDDIN RUMI: Gedichte aus dem Diwan. Ausgewählt, aus dem Persischen übertragen und erläutert von Johann Christoph Bürgel. Verlag C. H. Beck, München 2003. 144 S., 19, 90 Euro.

83. Die Macht der Zahlen

Passend zu Nr. 74:

Am Anfang war das Wort? Nein, am Anfang war die Zahl, ist man geneigt zu glauben, wenn man die geniale Ausstellung durchwandert, die den Verstand und die Sinne gleichermaßen anspricht. Viele Zahlen haben, im Christentum wie im Judentum, eine religiöse Bedeutung. Gleichwohl spielen in „10 + 5 = Gott. Die Macht der Zeichen“ Buchstaben eine nicht minder wichtige Rolle. Jeder Buchstabe des hebräischen Alphabets ist mit einer Zahl verbunden. Die Rechnung im Titel der Ausstellung geht folgendermaßen auf: Der Buchstabe für Zehn ist Jod, der für Fünf ist He. Jod He ist zugleich der auf zwei Buchstaben verkürzte Name Gottes.

Auch die Ausstellung über „Die Macht der Zeichen“ bewahrt sich eine geheimnisvolle Aura. Je mehr Informationen man erhält, desto mehr will man erfahren. Ganz nach der jüdischen Tradition: Danach ist derjenige am ärmsten dran, der nicht zu fragen versteht. / Uwe Sauerwein, Berliner Morgenpost 25.2.04

Jüdisches Museum, Lindenstr. 9-14, Kreuzberg. Tel.: 25 99 33 00. Bis 27. Juni, Di – So, 10 – 20 Uhr, Mo, 10 – 22 Uhr. Katalog 24,90 Euro

Mehr:
SZ 28.2.04 (in der Ausstellung, erfährt man, erweist sich die beklemmende Berechtigung des düsteren Blicks von Edmond Jabès (Nr. 74): da ist davon die Rede, daß die Ausstellung, „im Blick auf Göttingen um 1900, das notwendige Dementi der angeblich „jüdischen Mathematik“, die für Formalismus und Mengenlehre verantwortlich sei“ leiste.

taz 28.2.04

Die „Jüdische Allgemeine“ vom 26.2. druckt zwei Taxte aus dem Katalog über „Ziffern und Zeichen in der jüdischen Lehre“.

82. 1968 kein Jahr für Gedichte?

Der Lyriker Steffen Jacobs wurde 1968 geboren. Das war kein Jahr für Gedichte. Wer von den ästhetischen Richtern damals noch die Produktion solcher Frivolitäten gestattete, der forderte, ein Gedicht dürfe nicht wie ein Gedicht aussehen. Alles, was Europas Kultur an Versmaßen, Rhythmen, Strophen, Reimen (oder dem Verbot derselben) zusammengetragen hatte, um die poetische von der prosaischen Rede zu unterscheiden, wurde vom Tisch gefegt. Das klassische Gedicht war nur noch in zwei Nischen anzutreffen: die eine war von den humoristischen Formalisten bewohnt, die andere von den kabarettistischen Kommunisten.
Als Steffen Jacobs zwanzig war, war der Kampf um die Form des Gedichtes ausgekämpft. Die Humoristen und die Kommunisten hatten gesiegt. Sonette und Terzinen, Hexameter und spanische Trochäen waren zurückgekehrt, als hätte es Paul Celan und Erich Fried nie gegeben. / Martin Mosebach, Die Welt 21.2.04

Steffen Jacobs: Angebot freundlicher Übernahme. Zweitausendeins, Hamburg. 128 S., 16,90 EUR.

Gedichte von 1968: Ingeborg Bachmann: Enigma; Paul Celan: weißgeräusche, gebündelt; Volker von Törne: auf dem boden des grundgesetzes; Rolf-Dieter Brinkmann: Selbstbild im Supermarkt; Elke Erb: Das Flachland vor Leipzig; Ernst Jandl: Florians Eltern; Kurt Bartsch: Chausseestraße 125; Max Hölzer: Der Tag an dem mein Freund Johannes Bobrowski gestorben ist; Günter Eich: Abgelegene Gehöfte; Max Bense: Wahrnehmungen; Reinhard Lettau: Wie entsteht ein Gedicht (Der Dichter Peter Rühmkorf); Erich Jansen: Bukarester Elegie; Wulf Kirsten: Landgasthof; Günter Kunert: Berühmtes Subjekt; Reiner Kunze: Sensible Wege; Volker Braun: Regierungserlaß; Inge Müller: Gammler… dies nur mal als schneller Rundumblick. Kein Jahr für Gedichte? Auch wenn das aus jedem Proseminar und jedem Feuilleton-Rundumblick tönt, könnte man dazu übergehen, die Bücher und Zeitschriften des Jahres selber zu lesen. Ein gutes Jahr für Gedichte! Mit Brecht: Weite und Vielfalt! (Wenn Steffen Jacobs auf dies Klischee-Argument angewiesen wär, es sähe trübe aus!)
Für mich war 1968 ein Anfang in Sachen Lyrik: und was für einer! In diesem Jahr erschienen (neben den Heften bzw. Bänden von Bernd Jentzschs Poesiealbum und der Weißen Reihe von Volk und Welt) die Anthologien „Welch Wort in die Kälte gerufen. Die Judenverfolgung des Dritten Reiches im deutschen Gedicht“; „Saison für Lyrik. Neue Gedichte von siebzehn Autoren“; „Menschheitsdämmerung“ (bei Reclam Leipzig für 2,50 M, schülerkompatibel) … Stoff genug, Labyrinth genug für ein Leben.