66. p0es1s

In der NZZ vom 19.2.04 schreibt Sieglinde Geisel über Digitale Poesie: p0es1s

p0es1s. Digitale Poesie. Bis 4. April im Kulturforum Potsdamer Platz, Berlin (www.p0es1s.net). Als Begleitpublikation ist im Hatje-Cantz-Verlag das Buch «p0es1s. Ästhetik digitaler Poesie» erschienen, 336 S., Euro 25.-.

Mehr: Alexander Kluy, FR 21.2.04

65. La Ta’tadhir ‚Amma Fa’alt

Das neue Buch des palästinensischen Dichters Mahmud Darwisch La Ta’tadhir ‚Amma Fa’alt (Don’t Apologise for what you Did), is in many ways also a return for Darwish to poetry as poetry, schreibt Al-Ahram Nr. 678.

/ Februar 2004

64. „Fassade“ der arabischen Literatur

Der ägyptische Literaturnobelpreisträger Nagib Machfus befürchtet, dass der Auftritt der arabischen Welt als Gastland der Frankfurter Buchmesse zur Propaganda-Veranstaltung staatlicher Organe werden könnte. Die Buchmesse verwehrt sich gegen jegliche Zensurmaßnahmen.

Frankfurt/Main/Kairo – Die Arabische Liga, die für die arabische Beteiligung verantwortlich ist, werde von den einzelnen Staaten unter Druck gesetzt, so Machfus. Sie soll in Frankfurt vom 6. bis 10. Oktober 2004 nur eine staatlich sanktionierte „Fassade“ der arabischen Literatur präsentieren, schrieb der 92-Jährige in einem am Donnerstag veröffentlichten Kommentar der ägyptischen Wochenzeitung „Al-Ahram Weekly“. / Spiegel.de

Der Originalartikel hier (Al-Ahram 678). Auszug:

But it is well known that Arab governments maintain facades that seldom reflect the reality of life in their countries, and I fear that it will be the figures who constitute these facades that will represent the Arab world at this important event.

63. Antikriegstexte

Ausgewählte Antikriegstexte von Tom de Toys jetzt auf den Seiten

—> http://www.versalia.de/profil/index.php?id=114 [WER SAH LIA?]

oder hier:
—> http://www.anti-literatur.de/gaeste/tomdetoys.php

Demnächst gedruckt: WARTEXTS bei „Wienzeile“

62. Goethe nicht kompatibel (fka Die Goethepächter)

Es wurden keine mit Ihrer Suchanfrage – goethepächter – passenden Dokumente gefunden.
Es wurden keine Seiten mit „goethepächter“ gefunden. Meinten Sie: gutspächter ? Fragt Google. Okay, Leute, hier isses:

Sie haben aus Goethes Werk einen Werkhof gemacht für die schwer erziehbare Nation. Sie schalten darin wie Gouvernanten. Wie wenig Liebe zum Heutigen spür ich in ihrem Gehabe.
Sie haben sein Erbe gepachtet, und bleiben darin sitzen. Sie haben seine Schwellen gebohnert – aber wagen sich nicht mehr darüber. Sie leben mit seinen Büchern so, als würden die Bücher schon leben. Sie haben so mit ihnen zu tun, als hätten sie nichts mit sich zu tun.
Während wir, auf den Wiesen der öffentlichen Landschaft, mit ihm unsre Späße treiben. Sie sind neue Aristikraten; wir sind seine alten Freunde.
1968

(Volker Braun, in: Es genügt nicht die einfache Wahrheit. Notate. Reclam Leipzig 1975. Tatsächlich, das war vor 29 Jahren im fernen Land DDR: Das Land, das ferne, das sich seine Dichter verschwieg, wenns ging. Ging aber nicht immer. – Gilt aber immer.)

/ Februar 2004

61. Niemen nicht kompatibel

Dziwny jest ten swiat — seltsam ist diese Welt: am vergangenen Samstag [geschrieben am 24.1.04!, vgl. L&P 01/2004] starb Czeslaw Niemen im Alter von 65 Jahren, einer der großen europäischen Sänger, ein König des Souls. Was bleibt uns anderes übrig, als sein Meisterwerk „bema pamieci obny rapsod“ aufzulegen und trüben Gedanken nachzuhängen. „Nicht kompatibel für den Westen“ war die „Ode to Venus“, die Niemen und die Gruppa SBB für die CBS aufnahmen. Nun kommt Polen im Westen an und man wird es als Lichtblick feiern können. Wieviel der guten, der aufregenden Popmusik ist überhaupt noch kompatibel in Zeiten, in denen Katja Ebstein als Entdeckung gefeiert wird? Ist es an der Zeit, auf die Rückkehr der Spinner zu hoffen? Oder muss man das Gesülze mit und über Air ertragen, die nicht nur Lost in Translation sind? Oh Venus, Venus, Venus singt Niemen am Ende seiner Predigt für Marlene Dietrich, während wir uns mit Pepsi auf den Superbowl vorbereiten, zu dem Britney, Pink und Beyoncé mit Schwertern aufmarschieren werden, das alte Hammergirl von Apple vergessen machend.

(schreibt ein „Jimmy“ hier; man kann nicht genug klagen, ja. Ale Niemen nie zyje.]

Dziwny jest ten kraj, fürwahr:

Die Musik auf der Scheibe „Sonderbar ist die Welt“ ist eine Provokation dem kommunistischen Regime gegenüber, und natürlich auch die bunten, grellen Klamotten, die Niemen und seine Bandmitglieder nicht nur auf der Bühne tragen, sondern auch im grauen sozialistischen Alltag. Niemen entwickelt sich zum Staatsfeind Nr. 1. Die staatliche Kulturbehörde denunziert ihn, aber sie lässt ihn gewähren. / MDR Niemen-Seite

60. Chiffren der Wehmut und Sehnsucht

Über Franz Schuberts Vertonung von Gedichten und Liedern des pommerschen Pfarrers und Dichters Ludwig Gotthard Kosegarten (1758-1818) spricht der Musikwissenschaftler Dr. Peter Tenhaef am Donnerstag, dem 19.2.04, um 20.00 Uhr im Greifswalder Falladahaus, Steinstraße 58/59. Kosegarten, der auch Professor an der Universität Greifswald war, machte u.a. den Maler Caspar David Friedrich auf die Naturschönheit der Insel Rügen aufmerksam. Bei der Bücherverbrennung der Studenten beim Burschenschaftsfest auf der Wartburg im Oktober 1817 waren unter 23 „undeutschen“ verbrannten Büchern auch drei von Kosegarten. (Wer von Schubert vertont und von „Turnvater Jahns“ Gefolgsleuten verbrannt wurde, kann nicht ganz uninteressant sein!)
Unter den von Schubert vertonten Texten Kosegartens ist auch diese asklepiadeische Ode mit positiver Mitte und etwas brutaler Coda:

An Rosa (II)

Rosa, denkst du an mich? Innig gedenk´ ich dein.
Durch den grünlichen Wald schimmert das Abendroth.
Und die Wipfel der Tannen
Regt das Säuseln des Ewigen.

Rosa, wärest du hier, säh´ ich in´s Abendroth
Deine Wangen getaucht, säh ich vom Abendhauch
Deine Locken geringelt
Edle Seele, mir wäre wohl!

Lieber lehn‘ ich an dir, als an der Einsamkeit
Trautem Busen. Mir klingt süsser der Flötenton
Deiner klagenden Stimme,
als das Säuseln im Tannenhain.

Jedes leisere Weh‘, Jedes verschwieg’ne Ach,
Das den Busen mir presst, haucht‘ ich dir öfter aus,
Schöpfe freieren Odem,
klomm heroischer felsenan.

Nie soll darum ein Freund meiner holdseligen
Rosa mangeln, und nie Milderung ihrem Gram!
Nie sei trostlos ihr Leiden,
ihre Urne nie blumenleer!

Komponiert 19.10.1815, D 316
Hörbuch: „Mit Ludwig T. Kosegarten nach Rügen“

Kosegarten kam 1792 als Pfarrer auf die Insel Rügen. Neben Naturbeschreibungen erzählt Kosegarten auch vom Alltag der Inselbewohner und ihrer Ausbeutung durch die französischen Besatzer, denen sie Bouillon, Wein und Kaffee liefern sollten. Eine „schöne Entdeckung für alle Rügen-Reisenden“, meint Rolf Michaelis, Die Zeit 8.6.2000.

„Mit Ludwig Theobul Kosegarten nach Rügen.“
Kassette. 1792. Lesung mit Musik

Audio Verlag, Berlin 2000, ISBN 3898130738
Kassette, 0 Seiten, 32,95 DM

[ Klappentext ]
Gelesen von Siegfried W. Kernen. Musik: Traugott M. Eberwein „Sinfonie Nr. 3, Es-Dur, op. 84“. 52 Seiten (Booklet). Mit diesem Briefroman begründete Ludwig Theobul Kosegarten (1758-1818) die Legende Rügen, die heute neue Blüten treibt. Der literarisch äußerst betriebsame Pastor, der in ausgiebigem Briefwechsel mit Herder und Goethe, Schiller und Caspar David Friedrich stand, schuf dazu eine Kunstfigur. Sein fiktiver Held aus gutem Hause schildert seine wahrhaft platonische Liebe zu der berühmten Insel, die er nach und nach für sich entdeckt. Er beschreibt einen katastrophalen Schiffbruch an der Küste des Vorpommerschen Eilands, geht mit den Fischern auf Heringsfang, erlebt eine Dorfhochzeit und erwandert Kap Arkona und die Stubbenkammer. Kosegarten selbst kam 1792 als Pastor nach Rügen.

59. Tödliche Verse

Der seit 1994 in einem französischen Gefängnis einsitzende Terrorist Ilich Ramírez Sánchez, genannt Carlos, lässt demnächst von ihm eigenhändig geschmiedete Terrorgedichte veröffentlichen. Wie die französische Tageszeitung Le Figaro am Mittwoch berichtete, schmachtet der Venezolaner gern seine Rechtsanwältin Isabelle Coutant-Peyre in Versform an. Und seine Anwältin, die ihn daraufhin prompt heiratete, hat nun nichts Besseres zu tun, als die Gedichte in ihrer Anfang März erscheinenden Autobiografie zu veröffentlichen. Man weiß gar nicht, wen man von den beiden mehr bedauern soll, wenn man die Schmalzverse liest: „Erschüttert vom tiefen, fließenden, tellurischen Verlangen, deine Berge und deine Täler zu erkunden, sie zu streicheln, zu küssen, anzuknabbern, bis zur pyrotechnischen Explosion, andauernd, ekstatisch …“ – und so weiter, fließt dem Terrorpoeten das Herz über die Zunge. Wenn Gedichte töten könnten, Carlos hätte die tödlichste Kitschwaffe der Welt erfunden. / taz 19.2.04

58. Vivien Rose

Über einen amerikanischen Preis für die Badenerin Vivien Rose, die nach einer schweren Erkrankung Gedichte zu schreiben begann, berichtet die Badische Zeitung, 19.2.04*)

57. Internationaler Frauentag

Der „Internationalen Frauentag“, in der DDR obligatorisch in allen Betrieben, Kindergärten und sogar Familien gefeiert, wurde nach der Wiedervereinigung nicht abgewickelt, sondern wird heute im Westen unseres Vaterlandes begangen, wie ich im Hamburger Abendblatt Raum Harburg am 16.2.04 lese:

Am Internationalen Frauentag, Montag, 8. März, gibt es in der Salzhausener Dörpschün ab 19.30 Uhr ein Fest von Frauen für Frauen. Donata Höffer ist (mit Ulrike Herzog, Percussion) mit Lyrik und Liedern zum Thema „Uns blüht die Hölle, feurige Schwestern“ zu erleben.

56. Ich habe die Nacht

„Nacht gibt es. Unkaputtbare Menschen / gibt es nicht. Vergebung von Rache / gibt es nicht. Vertrauen gibt es nicht. / Zukunft gibt es nicht. Das Paradies treibt / Schreie aus der Brust, Fliegen zur Wunde.“ Das Gedicht kann daran nichts ändern, aber es übt seine eigene Macht aus, wenn es die richtigen Worte**) gefunden hat. / Hans-Herbert Räkel, SZ 16.2.04, bespricht

JOACHIM SARTORIUS: Ich habe die Nacht. Gedichte. DuMont Verlag, Köln 2003. 86 Seiten, 17,90 Euro.

**) unkaputtbar

55. The English/Americans hit b(l)ack (zu Nr. 39)

Poetry Daily bringt einen Essay (aus der Zeitschrift West Branch) von Dorothy Barresi über schwarzen Humor und Poesie.

And then there is the great, deadpan Alan Dugan, whose „Love Song: I and Thou“ uses the interlocking metaphors of carpentry and crucifixion to characterize marriage:

God damned it. This is hell,
but I planned it, I sawed it,
I nailed it, and I
will live in it until it kills me.
I can nail my left palm
to the left-hand crosspiece but
I can’t do everything myself.
I need a hand to nail the right,
a help, a love, a you, a wife.

/ Februar 2004

54. Reetika Vazirani

Über Leben und Sterben der jungen Dichterin Reetika Vazirani berichtet Paula Span, Washington Post*) 15.2.04

Seven of us.

Six survive.

— from „Quiet Death in a Red Closet“

53. Peinlich

Über einen lästigen, peinlichen… (troublesome) sowie schottischen Dichter schreibt der Guardian am 14.2.04:

The Revolutionary Art of the Future: Rediscovered Poems by Hugh MacDiarmid, edited by John Manson et al 79pp, Carcanet, £6.95

Probe aus einem während des Weltkriegs geschriebenen Gedicht mit dem Titel The German Bombers:

The leprous swine in London town
And their Anglo-Scots accomplices
Are, as they always have been,
Scotland’s only enemies.

Auch der schottische Kult um Robert Burns**) bekommt sein Fett:
One of Scotland’s most bourgeois inventions, in his view, was the cult of Burns, a writer with whom MacDiarmid was often impatient: „There was Mohammed and Plato and Shakespeare and Dante, / And Spinoza and Hegel – ‚but I’ll tell you flat‘ / Cried J G Smith, wine and spirit merchant of Milngavie / ‚A man’s a man for a‘ that’***).“

**) L&P 04/2003, 01/2004

52. Love´s Labour Trost

Bewegende, trauernde Liebesgedichte von Jane Mayhall in Edward Hirsch´s Kolumne Poet´s Choice, Washington Post*) 15.2.04

She is left alone, unguarded and inconsolable. „I am the slave of my ardor, nobody/ knows your quality as I, who/ sprang to your need,“ she recalls in one poem. „Our joy was Eden,“ she concludes in another. „But when you died, it was insane.// And nature didn’t save us.“ The only anodyne is ardent creative work, the solace of making art, of defying time.