Die von Alex Pehlemann begründete ehemalige Fanzine hat sich zu einer Zeitschrift für „Kulturelle Randstandsblicke und Involvierungsmomente“ gemausert, bei der Musik und Literatur inzwischen nahezu gleichstark vorkommen. Mitredakteur ist nunmehr Bert Papenfuß, der auch eines der literarischen Highlights beisteuerte: seine Berlin-Fassung des althochdeutschen Weltuntergangsgedichts „Muspilli“ ist zwar schon mehrfach gedruckt (ursprünglich im „Gegner“ 1/ 1999, dann im Beck-Lyrikjahrbuch). Hier aber ist dem Text eine CD beigefügt mit Weltuntergangsversionen von Tarwater & Tone Avenstroup, Rex Joswig, Column One, Underwater Agents und Joachim Klauer. Anhören! Und lesen (wer kann & mag: auch althochdeutsch)!
Das andere literarische Highlight: Marcel Beyers Poem „Don Cosmic“, featuring Friedrich Wilhelm Oelze, Gottfried Benn, Don et alii – nicht zuletzt mit langen Anmerkungen.
Sonst im Heft: Czeslaw Niemen, Johannes Ullmaier, Column One, Ernst Fuhrmann, Alexander Krohn, Rex Joswig i.t.p.
Heft (92 S.) und CD zusammen für ganze 5 EU bei
ZONIC c/o A. Pehlemann
Gützkower Str. 59
17489 Greifswald
Mail: zonic@wortwelt.org
Muspilli im Original und übersetzt von Bert Papenfuß
Hier der Anfang des Gedichts von Marcel Beyer:
Don Cosmic
I
Kingston, Jamaica. Was kannst du
erkennen: hier kam deine Mutter
zur Welt, hier brachte dein Ahn das
Familiengeschäft, den Bremer
Rumimport in Gang. Davon lebst
du. Vom Urwald, von der Masse aus
Saft. Alle Höllenyards, alle
Plantagen werden für dich bestellt.
Zucker. Im Hintergrund Musik,
der Pianist bleibt auf den schwarzen
Tasten, Dinah, ein Dauerton
fast, scharlach und violett, und Glut.
Naugarder Straße 14, 10409 Berlin (S-Bhf Greifswalder Str.)
DIE SIBIRISCHE ZELLE
Mittwoch, 6.10.2004
Das Auge ist frei in seinem Spalt (Kino in der Sibirischen Zelle):
COLOURS OF POMEGRANATES
von Sergej Paradschanow
UdSSR 1968 (armenische OF, engl. UT)
„Die Biographie des armenischen Dichters Aruthin Sajadin. Aber Paradschanow sucht mit Metaphern, Bildkompositionen das Universum des Dichters nachzuvollziehen, nicht sein Leben darzustellen. Eine symbolträchtige Reise durch dessen Poesie. Ein in Bewegung geratenes Gemälde, ein literarischer Film, der die gewohnte und filmtypische Struktur aufbricht.“
[Zitat negativeland]
Beginn: 21.00 Uhr (doors open at 8 p.m.)
Nicholas Lezards Neubesichtigung von TS Eliots poetischem Werk anläßlich der ersten (!) Paperbackausgabe im Guardian, 2.10.
The usual gap between hardback and paperback publication of a book is roughly one year. In this instance, though, the pause has been extended to 35 years. One knows that, under the guardianship of Valerie Eliot, the poet’s Nachlass has been as ferociously protected from the vulgar public as, say, the Garden of Eden. Even the recipe for Coca-Cola is more accessible.
The Complete Poems and Plays of TS Eliot (Faber, £12.99)
(„Not that „Complete“ is accurate any more, anyway, as the publication of his earlier verse, The Inventions of the March Hare, extends the canon. This book is a straight reprinting from the 1969 edition…“!)
**) Pardon – der Rezensent sagt „in the bath“
Der Ausgangspunkt war die Lektüre der Oden von Hölderlin, die mich immer begleitet hat. Es war mein Wunsch, so etwas selber zu machen, und ich habe dann begonnen, die Odenliteratur zu studieren. So bin ich von Hölderlin auf Klopstock und von Klopstock auf Horaz und die Sappho gekommen. In den alten Formen steckt ein riesiges Potenzial. Die Moderne war mit diesen Formen zu früh fertig. Wie kann man, habe ich mich gefragt, eine Ode, eine Elegie oder ein Sonett schreiben, ohne klassizistisch zu werden. Das heißt nicht jetzt auf einmal wieder so schreiben wie Hölderlin, sondern nach einer modernen, eigenen, zerrissenen Sprache suchen, die sich auf der Höhe der Jetztzeit befindet und sich mit den alten Gefäßen verbindet. Meine größenwahnsinnige Fantasie war es, dass sich die Moderne und die alten Formen aneinander regenerieren könnten, ohne jetzt alle Skrupel und jegliche Sprachskepsis über Bord zu werfen. Heute meint man ja, man könne ohne Skrupel und Sprachskepsis daherschreiben. Es kann auch in der Dichtung nicht so sein, dass man einfach die Moderne wegräumt und unbeschwert Sonette, Oden und Elegien schreibt, aber die antiken Formen und die Sprache der Jetztzeit könnten sich aneinander neu entzünden. // ff. Südtiroler Wochenmagazin
Das Dafürhalten im Ende
Wars das?
Ich sprach die Worte
wie Butterbrot.
Unterlegte dem Fett
das Ende,
umspähtes Reimen, meine Manie.
Ists das?
Mich verlegte
aufs Brett die Wende,
geblähtes Aller Anfang
ist Zeremonie!
a
Wirds das?
Ich verdorrte, bin wach
und war tot.
Mich bewegte das Zett,
als Nest und sein Restgelände,
ich verschmäh es bin es
und orte
vernähte Alphabethie.
Angelika Janz
(*1952)
aus: orten vernähte Alphabethie, Lyrik und Prosa,
Verlag Wiecker Bote, Greifswald 2002
die Autorin: geb. 1952 in Düsseldorf, Autorin/Bildende Künstlerin.
In den 80er Jahren ein paar Preise/Stipendien für Bild-und Wortsprache, Gründung der Jazzband TRILEMMA, Museumspädagogin. Publikationen, Hörspiele, zahlreiche Ausstellungen (Visuelle Poesie/BildtextArbeiten, Collagen) Aktionen und Performances seit 1979. Anfang 90er Übersiedlung in das Dorf Aschersleben/ Vorpommern. Gründung von Malzirkeln, Schreib-und Hörspielwerkstätten für Kinder, Aufbau und Koordination von 14 Jugendclubs im ländlichen Raum, Auszeichnung „Engagierte Frau 1998 des Landkreises Uecker-Randow“. Seit Übersiedlung in M-V mit wenigen Ausnahmen hartnäckig als Autorin/Bild. Künstlerin ignoriert. Kulturorganisatorin für Internationale und Innovative Festivals in Ostdeutschland. Nach einer schweren seltenen Krankheit allmählich genesend. In den 70er Jahren mehrere Bücher/Leporellos im Selbstverlag. 1979 Der Inbegriff, Erzählungen Sassafras-Verlag Krefeld 1989 Selbander (mit U.M.-Weitmar und zwei nachgestellten Alexandrinern von Ludwig Harig), Edition Howeg, Zürich 1991 Corridor, Fragmentgedichte, Verlag Scherrer & Schmidt, Köln 1995 Ein interessantes Frühstück das im Trend zu liegen gehen lernt, Fragmentgedichte von Deut zu Deutung, experimentelle Texte, Herausg. von Karl Riha u.a., Siegen 1996 „Schräge Intention“, edition ch, Herausg. Franzobel, Wien 2002 „orten vernähte alphabetien“, Lyrik und Prosa, Verlag Wiecker Bote, Greifswald 2002 Anthologie Poetische Sprachspiele vom Mittelalter bis zur Gegenwart, Herausg.Klaus Peter Dencker, Reclam Stuttgart 2003 Illustration des Lyrikbandes „Glosy, obrazy i sny“ von Wojciech Gawlowski, Stowarzyszenie Pisarzy Polskich, Poznan In Vorbereitung: Essaysammlung: „In Scheindemokratien“ Arbeit an einer Poetologie zum Fragmentgedicht
Für Interessenten: http://www.pom-lit.de/lyrikzeitung/dokujanz.html
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Lyrikmail – die tägliche Dosis Poesie –
wird verabreicht durch Gregor Koall info@lyrikmail.de
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Der Dichterkosmopolit will die Landschaften seines Ursprungs keineswegs verleugnen. »Aber ich lege Wert darauf, nicht als Lyriker angesehen zu werden, der die Heimattümelei der Vertriebenenverbände mitbetreibt.« / Hannes Würtz, ND 18.8.2004 über
Hans-Jürgen Heise: Am Mischpult der Sinne. Ausgewählte Schriften. Wallstein, 365 S., Leinen, 29 EUR.
Vor 200 Jahren schrieb William Wordsworth sein bedeutendstes Gedicht: The Prelude. Aber es wurde erst nach seinem Tod veröffentlicht und erst im 20. Jahrhundert verstanden. Wordsworth hatte Erkenntnisse Freuds vorweggenommen, schreibt ein online Ungenannter im Independent vom 17.8. 2004:
The Prelude was a revolution in literature. No poet had previously documented the results of such sustained and intense self-analysis. Of course, he was not the first to write about his feelings – that had been going on since time immemorial – but he was the first to take the human psyche as his principal theme. It is what makes him our contemporary.
Duncan Wu’s ‚Wordsworth: an inner life‘ is published by Blackwell (£19.99)
Endlich ist bewegung in die sache gekommen. Die taz vom 12.8. 2004 schreitet zur radikaleren tat:
Liebe leserInnen,
die taz erscheint heute in kleinschreibung. Selbstverständlich haben hier nach wie vor die inhalte des geschriebenen priorität vor sprachregelungen. Aber wir möchten die debatte um die rücknahme der rechtschreibreform auch mal um einen konstruktiven beitrag bereichern. Es ist zwar schön, dass sich Springer und Spiegel um die „nachfolgenden generationen“ in Deutschland sorgen: zurückgehen ist aber konservativer kulturkampf, wir gehen lieber nach vorn. / Mehr.
Hier äußerungen von h.c. artmann und elfriede jelinek. Verboten geht gleich noch weiter: von recht- zu gnubierhcsskniL
In seiner Kolumne Poet´s Choice stellt Edward Hirsch (Washington Post 8.8.) Gedichte der kanadischen Dichterin P.K. Page vor:
Page has the expansive descriptive powers of a writer who caresses the world. At times she reminds me of the English poet Charles Tomlinson, who has made a lifework out of affirming that „seeing is believing.“ Like Tomlinson, Page is also a graphic artist and brings a strong visual sensibility to her writings. For her, the analogy between poetry and painting is exact and exacting:
Just as the painter must, from two make three or conjure light, build pigments layer on layer to form an artefact, so I must probe
with measuring mind and eye to mix a blue
mainly composed of air.
Nachdem nun endlich! zwei beherzte Männer zur Rettung der Republik sowie zur Tat schritten und fortan wenigstens in ihren privaten Zeitungen zur klassischen deutschen Rechtschreibung zurückkehren, will L&P auch nicht abseits stehen. Haben wir doch ohnehin (wem ist es aufgefallen?) außer in fremdsprachigen Texten und Zitaten stets die uns weiland beigebrachte Dudenorthographie bewahrt. Aber nun klassisch: das ist radikal, das ist kühn! Freilich bleiben ein paar Details zu regeln. Als Denk- und wmgl. Entscheidungshilfe stellt L&P ein paar klassische deutsche Gedichte aus verschiedenen Epochen zusammen. Prosit! bzw.: Möge es den Fachleuten nützen! Möge es die Laien erfreuen! Oder wie der Dichter sagt: seht an pfaffen, seht an leien, wie daz allez vert.
Bertolt Brecht 1951:
Auf einen chinesischen Theewurzellöwen
Die Schlechten fürchten deine Klaue.
Die Guten freuen sich deiner Grazie.
Derlei
Hörte ich gern
Von meinem Vers
Arno Holz 1904:
Er brohbt erst sein Säyten-Spihl.
Qwodlibet.
Dreyssig Jahre / Krieg / dein Grauß
Gott sey Danck / die Zeit ging auß /
Teutschland pflantzt sich wihder Aehren;
seine Zweytracht stieg zu Grab /
unter nichts wie Freuden-Zähren
warff es seine Waffen ab!
Mars / dein Morden
schnob fürbey /
deiner Horden
sind wir frey!
Statt wo sonst blohß Kugen flögen /
Wölben sich die Friedens-Bögen!
Himmel / Heu und Haberstroh /
bey sothanen Dingen
sollt mir da mein Mongpopo
nicht für Freuden springen?
Sollt ich murrisch und aigrirt
hindterm Ofen sizzen /
itzt / wo alles qwinqwelirt /
daß die Funcken sprizzen?
Nein / von meinem muntren Rohr
reiß ich jeden Drauer-Flohr /
bey Konfäkkt und Wein
will ich lustig seyn!
Süssestes Kathringen /
sing in mein Zythringen!
Mit Flöten und mit Leyren
wollen wir dihß feyren:
Die Fenster haben wihder Scheiben /
weil die Leutnamts Kühe dreiben!
Jeder so in Dorff wie Stadt
Küsst sich itzt an Seiner satt /
keiner mehr Bedäncken drägt /
daß ihn wo ein Schnapp-Hahn schlägt!
Vor so fegten durch die Gassen
blohß Cardaunen und Carcassen /
vor so schmetterten und krehten
blohß die Wekk- und Schrekk-Corneten /
vor so kunt man kaum für Rauffen
Grüzz-Worst frässen / Dünn-Bier sauffen!
Itzt so stopfft man sich den Magen
mit Behagen!
Itzt so blahsen uns die Zincken
blohß zum Drincken!
Itzt so übt man früh wie spaht
waß schon Zeus mit Leden dhat!
Ich finde würcklich dihse Zeit
von außgesuchter Schmakkbahrkeit!
alternativ von Arno Holz:
Tlicktlacktlucktönn! Schuw em rönn!
Plödderiplarsch! Aewer quarsch! Plödderiplär! Aewer Quär!
Op m Stohl! Anne Eer!
Drömmeldidrank! Aewre Bank! Drommeldidrett! Aewert Bett!
Drömmeldidrickjeck! Rönn ön n Spickspeck!
Tscharktscheräktschönn! Dor geit nich rönn!
Tscherktscheräktschut! Dor geit blot rut!
Tscharktscheräktscho! Glik bito! Tscharktscheräcktschi! Dicht derbi!
Plinkeplinkeplengel! Wat n Stengel! Tinketlinketlengel! Wat n Schwengel!
Binkeblinkeblengel! Wat n Bengel! Tschäckteräcktschief! Stat de stief!
Tschittscheretschönn! Lat em sönn! Plittschereplönn! Drönn is drönn!
Friedrich Hölderlin 1805:
Vom Delphin
Den in des wellenlosen Meeres Tiefe von Flöten
Bewegt hat liebenswürdig der Gesang.
Der Gesang der Natur, in der Witterung der Musen, wenn über Blüthen die Wolken, wie Floken, hängen, und über dem Schmelz von goldenen Blumen. Um diese Zeit giebt jedes Wesen seinen Ton an, seine Treue, die Art, wie eines in sich selbst zusammenhängt. Nur der Unterschied der Arten macht dann die Trennung in der Natur, daß also alles mehr Gesang und reine Stimme ist, als Accent des Bedürfnisses oder auf der anderen Seite Sprache.
Es ist das wellenlose Meer, wo der bewegliche Fisch die Pfeife der Tritonen, das Echo des Wachstums in den waichen Pflanzen des Wassers fühlt.
Christian Wernicke 1697:
Auf den Thrax
Thrax denckt wer hochdeutsch spricht / der müß notwendig lügen/
Daß / der so höflich ist / ihn suche zu betrügen;
Er denckt, daß die Bescheidenheit
Der Feigheit Zeichen sey / und giebet keinem nach;
Er glaubet, es besteh die deutsche Redlichkeit
Jn Grobheit / und in Nieder Sächscher Sprach.
Martin Luther 1526:
Jesaia dem propheten das geschach,
das er ym geyst den herren sitzen sach
auff eynem hohen thron ynn hellem glantz,
seines kleides saum den kor fullet gantz.
Es stunden zween seraph bey yhm daran.
Sechs flugel sach er eynen ydern han,
mit zwen verbargen sie yhr antlitz klar,
mit zwen bedeckten sie die fusse gar,
und mit den andern zwen sie flogen frey,
gen ander ruffen sie mit grossem schrey:
Heylig ist Gott der herre zebaoth.
Heilig ist Gott der herre zebaoth.
Heilig ist Gott der herre zebaoth.
Sein ehr die gantze welt erfullet hat;
von dem schrei zittert schwel und balcken gar,
das haus auch gantz vol rauchs und nebel war.
In der aktuellen Lyrik scheint wieder eine neue Reiselust aufzukommen: Autoren wie Thomas Kling, Marcel Beyer oder Oswald Egger nehmen ihre Leser mit in die Bretagne, nach Osteuropa, in die USA oder den Jemen. In diese Reihe fügt sich auch der österreichische Autor Ferdinand Schmatz mit seinem neuen Gedichtband tokyo, echo ein. Er enthält zum größten Teil Texte, die durch Schmatz‘ Aufenthalte in Tokio und St. Petersburg inspiriert wurden, aber auch Zeugnisse von einer ganz anderen Art der Reise: im letzten Drittel dieses Gedichtbands finden sich Ausflüge in andere Textwelten, von der Bibel über Franz Kafka bis zu Paul Celan. /Carsten Schwedes, Titel-Magazin
Ferdinand Schmatz: tokyo, echo oder wir bauen den schacht zu babel, weiter.
Haymon Verlag, Innsbruck – Wien 2004;
Gebunden.144 Seiten. 17,90 ?
ISBN 3-85218-451-7
Leserbrief zu Nr. 62/ Juli 2004 – faz-meldung:
»Es fehlte bisher nur einer, und das war Luis Cernuda. Von allen anderen großen Lyrikern aus der spanischen Generation von 1927, einschließlich der Vorläufer Antonio Machado und Juan Ramón Jiménez, lagen Buchveröffentlichungen in deutscher Sprache vor.«
juan ramón und Machado als vorläufer der 27er … klar, auf jeden fall, so wie george und trakl auch irgendwie vorläufer von celan, eich, huchel, bachmann, aichinger & co. sind, irgendwie.
»Von Luis Cernuda gab es nur einzelne Gedichte auf deutsch in Anthologien und ein 1978 in Leipzig erschienenes Auswahlbändchen, vor allem der frühen Gedichte, das außerhalb der DDR kaum bekannt wurde.«
von gerardo diego gab und gibt es bislang nur ein in berlin erschienenes auswahlbändchen
Titel/Stichwort : Gedichte [span. u. dt.] Versos
Freitext1953/81 : Illustr.: Peter Kuckei. (Übers. v. Bernward Vesper-Triangel.) (Berlin: Studio Neue Literatur 1964). 89 S. 4 (8)(Studio-Bibliothek. 2.)
(aus dem katalog der bayerischen staatsbibliothek)
–, welches wohl weder außer- noch innerhalb der ddr besonders bekannt wurde. diego hatte aber nicht nur als herausgeber der anthologie »Poesía española contemporánea« entscheidenden einfluss auf die konstituierung der 27er, sondern war und ist mit seinen bänden »Manual de espumas« und »Versos humanos« und weiteren einer der großen des silbernen zeitalters (dass er sehr alt wurde und natürlich auch dies und das weniger extrem-aufregende geschrieben hat, ist ein anderer punkt, der aber für viele gilt).
wie gesagt, zur info und als willkommener anlass, Ihnen für Ihre site zu danken.
axel sanjosé
Lieber Axel Sanjosé,
vielen Dank für Ihre Mail! Tatsächlich fehlt dieser Band bisher in meiner Bibliothek. Von Diego, der 1896 in Santander geboren wurde und 1927 zu den Initiatoren der großen Góngoraausstellung in Madrid zählte, finde ich nur ein paar Texte in den Anthologien „das bist du mensch. Kleine Anthologie moderner Weltlyrik“ (Hartfrid Voss Verlag 1963) und „Poetas españoles. La generacion del 27. Spanische Dichter. Die Generation von 1927“ (dtv 1980). Und eine kleine Spur nach Leipzig und Greifswald: Im Greifswalder Verlag kunstleutekunst erschien der Gedichtband „Chlebnikov am Meer. Gedichte und Gedichtgedichte“ von Bertram Reinecke, der zur Zeit in Leipzig studiert. Darin gibt es eine Diego-Übersetzung – unten das Original und die deutsche Fassung von Reinecke.
Freundlich nächtliche Grüße
Michael Gratz
Gerardo Diego
Insomnio
Tú y tu desnudo sueño. No lo sabes.
Duermes. No. No lo sabes. Yo en desvelo,
y tú, inocente, duermes bajo el cielo.
Tú por tu sueño y por el mar las naves.
En cárceles de espacio, aéreas llaves
te me encierran, recluyen, roban. Hielo
cristal de aire en mil hojas. No. No hay vuelo
que alce hasta ti las alas de mis aves.
Saber que duermes tú, cierta, segura
—cauce fiel de abandono, línea pura—,
tan cerca de mis brazos maniatados.
Qué pavorosa esclavitud de isleño,
yo insomne, loco, en los acantilados,
las naves por el mar, tú por tu sueño.
(De «Alondra de verdad»)
Schlaflos
Nach S. Diego, Insomnio
Du und dein entblößter Schlaf. Du weißt nicht.
Du schläfst. Nein, du weißt es nicht. Ich zerwache
und du, schuldlos, schläfst den Himmel gering.
Du durch deinen Schlaf und durchs Meer die Schiffe.
Verschloßne, in nichtige Fernekerker
du mir Geraubte. – Spiegel von Luft, kalt
auf tausend Fluren – Nein. Der meiner Vögel
Schwingen hebt zu dir, es gibt den Flug nicht.
Ich weiß, du schläfst, Unbestimmte, gewiß
– Aufgabe Treuer Abfluß, reine Linie –
so nah dem Mut meiner gebundnen Hand
welch verzagte Knechtschaft des Insulaners
ich irre, schlaflos, bei den Steilhängen
durchs Meer die Schiffe, du durch deinen Schlaf.
Angelika Janz:
Das Werk!
Weh, wer sich selber
blüht:
Das hat wie dein Sinn
für das Falten Gestalten
geklungen:
geh, wenns dich selber
flieht.
Hoch das Kinn,
das Veralten ist
nur dem Verwalten
entsprungen!
Wie hat das geklungen,
als Gewinn,
der sich zieht,
durchdrungen von kalten,
geleckten Mustern
der Zungen
hochriß Gelingen,
und was galten dir
Willen, Abschied und Biß?
Versteh, wer bemüht
sich verzieht –
im Stillen – der sieht.
12/96
In der Leipziger Volkszeitung vom 12.6. erinnert sich der Lyriker Heinz Czechowski an seine Zeit am Leipziger Literaturinstitut:
1955 wurde ich von der Arbeitsgemeinschaft junger Autoren zum Studium an das Literaturinstitut empfohlen. Obwohl ich mich mit Gedichten beworben hatte, versteifte ich mich während eines Aufnahmegesprächs zu der Ansicht, Lyriker hätten als Schriftsteller keine Daseinsberechtigung. Ein heftig Zigarre rauchender Herr im Affenhautpullover war amüsiert. Ich berief mich auf Brechts Theorie vom Gebrauchswert des Gedichts. Ich weiß nicht mehr, wie die Sache ausging, jedenfalls wurde meine Bewerbung akzeptiert und ich zur eigenen Überraschung Student am Institut für Literatur auf der Tauchnitzstraße. Unterschlupf fand ich bei Mutter Selle auf der Eutritzscher Straße. Mutter Selle hatte vor mir schon Karl-Heinz Jakobs beherbergt. Von den Veranstaltungen des Literaturinstitutes sind heute nur noch die Lyrikseminare Georg Maurers, des Herrn im Affenhautpullover, erwähnenswert.
Maurer war es auch, der uns den Zugang zur Moderne öffnete. Seine vergleichende Methode überzeugte nicht durch Überredung, sondern durch die Darstellung von Einzelheiten, welche die Literaturgeschichte von der Sappho bis zu Kurt Schwitters überliefert hatte. Während wir Adepten uns noch in Sicherheit wiegten und mit Diskussionen die Kneipen frequentierten, zog sich über unseren Köpfen ein Gewitter zusammen, dessen Folgen vor allem den begabten, jedoch unglücklichen Werner Bräunig erreichten. Er wurde zum Alkoholiker und starb jung in Halle-Neustadt. In der ausgezeichneten Bibliothek des Institutes, eingerichtet von einem sachkundigen Bibliothekar, der die DDR gerade verlassen hatte, lasen wir viel von dem, was in der DDR unerwünscht war: Joyce, Karl Kraus‘ „Fackel“, Ezra Pound, Broch. Gedichtbände von Enzensberger oder der Bachmann, illegal eingeschmuggelt, machten die Runde. Im berühmten Hörsaal 40 der Uni versammelte Hans Mayer westdeutsche Berühmtheiten. Ernst Bloch sah man im Haus der DSF, wo frühe Filme aufgeführt wurden. Man wurde das Gefühl nicht los, dass es noch ein anderes Leipzig gab.
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