35. Richard Wagner, Einwanderer

Der 1987 aus Rumänien in die Bundesrepublik (die heftig darauf bestand, kein Einwanderungsland zu sein) eingewanderte Schriftsteller Richard Wagner berichtet in der NZZ vom 11.12. über seine Erfahrungen:

Wenn ich in Rumänien als Deutscher galt und es als Banater Schwabe in meinen eigenen Augen auch war, so wurde ich in Berlin ständig eines Besseren belehrt. Mal war ich Deutschrumäne, mal Rumäne, manchmal sogar rumänischer Schriftsteller. Gelegentlich wurde ich sogar nach meinem Übersetzer gefragt. Ab und zu versicherte man mir, dass es erstaunlich sei, dass ich in so kurzer Zeit so gut Deutsch gelernt hätte. Es waren die Jahre, in denen die Bundesrepublik mit den ersten grossen Aussiedlerströmen aus Osteuropa und der damals noch bestehenden Sowjetunion Gorbatschews konfrontiert wurde. Ein Land, das seinen Nationsbegriff verschämt versteckte, statt ihn endlich zu diskutieren, war plötzlich mit einer ethnisch begründeten Einwanderung konfrontiert.

Der Gedichtband „Mit Madonna in der Stadt“ erschien in der „Lyrikedition 2000“ (Leseprobe)
Ein paar Fotos aus Temeswarer Tagen (mit Herta Müller, William Totok, Horst Samson u.a.) auf der Homepage von Horst Samson
Hier ein Aufsatz von Roxana Nubert aus Temeswar über die Aktionsgruppe Banat (darin diverse Textproben, auch von Wagner, sowie ein kollektives Gedicht der Gruppe als Jandl-Remix)
Hier ein Gespräch mit Richard Wagner

38. Preis für Avantgarde

Die Entscheidung für Jelinek bedeutete – das erste Mal in der Geschichte des Literaturnobelpreises – eine Entscheidung für das literarische Prinzip der Avantgarde.

schreibt Ina Hartwig in der FR vom 10.12. und führt aus:

Man konnte also gespannt sein, was die Grande Dame in ihrer Nobelvorlesung sagen würde, und vor allem, wie sie es tun würde. Soviel steht fest: Sie machte ihrem Namen als Avantgardistin alle Ehre. „Im Abseits“ heißt der Textteppich, in dem das Thema „Ich und die Sprache“ in unendlich vielen, raffinierten wie absichtlich plumpen Wendungen variiert wird. Der Text ist zunächst zweierlei nicht: Er ist nicht explizit politisch, und er ist nicht obszön. Vielmehr hat Jelinek einen ihr gemäßen Lord-Chandos-Brief verfasst, in dem die Sprache sowohl als Qual als auch als Schutz abgeklopft wird. Sie, die Sprache, wird zum Statthalter, zum Hohlraum, der mit Bedeutung gefüllt, dann wieder von Bedeutung entsorgt wird. Der Herzschlag des Textes ist dieses Hin- und Her, und die Sprache nimmt dabei verschiedene Aggregatzustände an: Voll – leer. Tief – hohl. Wirklich – unwirklich. Erhaben – verblödet.

Diese Sprachkritik ist, natürlich, zugleich Kulturkritik. Denn wie kaum anders zu erwarten, berührt sie das diffizile Verhältnis zwischen dem Ich und den anderen. Während das Ich „im Abseits“ steht – dem einzig möglichen Ort der Dichtung -, gehen die anderen mit ihrer Handysprache, die sie nicht verstehen, aber sprechen, auf sicherem Weg und „kraulen“ die Sprache am Bauch, wie einen Schoßhund. Diese geschundene, ja hündische Sprache ist wie ein glibbriges, fettgefressenes, gefallsüchtiges, unterwürfiges und doch ungehorsames Etwas. Kein Wunder, dass das Ich sich einsam fühlt, zumal ein Herr Heidegger die Sprache gewissermaßen von oben her malträtiert, während Hölderlin und Celan schon verloren zu haben scheinen.

Die Nobelpreisrede im Text und als Video
In der BLZ vom 10.12. schreibt Julia Kospach über die Nobel-Kandidatenkür.

 

33. Jackson Mac Low

Der amerikanische Lyriker, Performancekünstler und Komponist Jackson Mac Low starb in New York im Alter von 82 Jahren. Er war Gründungsmitglied der Fluxus-Gruppe und arbeitete mit John Cage zusammen. Aus dem Nachruf der New York Times *) vom 10.12.:

„The sense of words as being primarily in a circumstance that’s limiting – sentencing them to sentences – he did not take kindly to that,“ the poet Robert Creeley said in a telephone interview yesterday.

Mr. Mac Low’s poems, like his musical compositions, did not so much blur the boundary between language and music as render it invisible. He prized words not simply for their meaning (he worked as an etymologist as a young man) but as movable fragments of pure sound.

24. Geistige Erneuerung statt Vorbeter

Der in der Türkei geborene Schriftsteller Zafer Senocak denkt in der Welt vom 8.12. über eine Erneuerung des Islam nach.

Auch in der islamischen Geschichte gibt es Vorbilder für einen neuen, emanzipatorischen Ansatz. So liegt beispielsweise die gesamte mystische Interpretation des Islam brach, wie ihn der einflußreiche Denker Mawlana Dschalaleddin Rumi im 13. Jahrhundert ausgearbeitet hat. Die deutsche Orientalistin Annemarie Schimmel hat diesem außergewöhnlichen Denker auch in deutscher Sprache ein Denkmal gesetzt. Übrigens hat diese mystische Tradition auch Musik und Poesie von eindringlicher Schönheit hervorgebracht. Auch die rationalistischen und metaphysischen Denkschulen Andalusiens, die von Denkern wie Ibn Rushd oder Ibn Arabi vertreten wurden, sind heute in Vergessenheit geraten. Dabei waren diese Denker auch bedeutende Inspirationsquellen für die europäische Renaissance. Im toleranten, geistig anregenden Klima des muslimisch beherrschten Spanien konnte sich auch das jüdische Denken relativ frei entfalten und Dichter wie Ibn Gabirol, Jehuda Halevi, dessen Werk von Franz Rosenzweig kongenial ins Deutsche übersetzt worden ist, oder den großen Philosophen Maimonides hervorbringen.

26. Hobby-Dichter nach Hartz IV

„Das soll wirklich keine SCHIKANE sein, aber der STEUERZAHLER kann schließlich nicht für Ihr PRIVATVERGNÜGEN aufkommen! Suchen Sie sich einen JOB und machen Sie Ihre KUNST dann in der FREIZEIT – und alles ist gut…“ [O-Ton-Zitat: Neue Sozialamtangestellte, Brave New Cologne, Sommer 2004]

 

Tom de Toys, 7.12.2004, 17-21 Uhr

 

KLEINER SKANDAL – WARUM WIR WEITERMACHEN („PRIVATVERGNÜGEN“ CONTRA „HYPNOTISCHER ZOMBIßMUS“)

 

Ich freue mich insofern sehr auf das 1.“verhartzte“ Jahr 2005 als daß ich zwar meinen Status als sogenannter „professioneller“ Künstler nach 11 Jahren mangels „voraussichtlichem Mindestjahreseinkommen“ (nach 3 unterbezahlten Jahren in Folge) bei der KSK (Künstlersozialkasse) kündigen mußte, aber dafür nun meine Berufung zum Hobby machen darf, was insofern fürchterlich absurd und pervers ist (und dadurch einen grotesk-satirischen Charakter annimmt), weil ich natürlich weiterhin gezwungen bin, zwischen 10 und 12 Stunden täglich zu ARBEITEN, um meine Beiträge für die anstehenden Projekte PROfessionell umzusetZen, obwohl es wohl auch zukünftig meist kein oder wenig Honorar (bzw. nur „Aufwandsentschädigungen“) geben wird. Seltsamerweise (an)erkennen unsere Politiker und andere wohlhabende Personenkreise offensichtlich so wenig den GESELLSCHAFTLICH GEMACHTEN (=erfundenen!) Zusammenhang zwischen AUFWAND & ARMUT „ihrer“ Künstler, daß es ihnen noch nicht einmal peinlich ist, sich mit den Erfindungen und Errungenschaften einiger „auserwählter“ Schein-Stellvertreter zu schmücken.

27. Geistige Gummibärchen: Kaschmirschal

Wer kann schon alle intellektuellen Medien verfolgen? Folgende poetische Kostbarkeit aus dem „Spiegel“ ist mir erst jetzt via „Morgenpost“ vom 8.12. zugefallen. (Obwohl – die „Morgenpost“ spricht in feiner Abstufung von „deutschen, eher intellektuellen Medien“). Die Stelle mag hier eingerückt werden, weil sie für den aktuellen Stand der eher intellektuellen Debatte in Deutschland nicht uncharakteristisch (wie soll ich sagen): scheint. Gespräch mit Elfriede Jelinek:

Berliner Morgenpost: Mit Verblüffung mußte man registrieren, wie oft Sie von deutschen, eher intellektuellen Medien attackiert wurden. Am seltsamsten im „Spiegel“, der Sie als „mal kreischende, mal gurrende Vertreterin des Kaschmirschal-Alpen-Antifaschismus“ bezeichnete. Könnte das Ihrer Meinung nach auch damit zu tun haben, daß Sie Frau, obendrein Österreicherin sind?

Elfriede Jelinek: Ich könnte mir nicht vorstellen, daß man einen Mann als einen mal kreischenden, mal gurrenden Vertreter des Kaschmirschal-Alpen-Antifaschismus bezeichnen würde. Obwohl Männer ja öfter Kaschmirschals tragen, angeblich sogar in Österreich. Ich besitze übrigens keinen.

Geistige Gummibärchen ist eine lose Folge zur Poesie des Medienspeak.

25. Poem ohne Held

In Bookforum Dez/Jan bespricht Marjorie Perloff eine neue Ausgabe der späten Lyrik von Anna Achmatowa. Hier eine Passage, die sich intensiv der Übersetzungskritik widmet:

In her preface, Anderson argues that the extant free-verse translations don’t do Poem Without a Hero justice. An exception, she remarks, is Thomas’s version, which keeps „Akhmatova’s exact meter while reducing the Poem’s end rhymes to assonances.“ By contrast, Anderson’s own translation keeps the „end rhymes . . . while using a meter compatible with, rather than the same as, Akhmatova’s.“ Is Anderson’s an improvement? Here is the candle-and-mirror ritual at the opening of „The Year Nineteen Thirteen“; first, in transliterated Russian:

 

Ya zazhgla zavetnye svechi,
Chtoby etot svetilsya vecher,
I s toboi, ko mne ne prishedshim,
Sorok pervyi vstrechayu god.

 

Literally, this reads, „I lit the precious candles, / So that the evening would be illuminated, / With you, who have not come to me, / the year ’41 I celebrate.“ Svechi („candles“) and vecher („evening“) rhyme approximately, with svetilsya („lit up“) producing an internal rhyme with both words. There is also much alliteration, as in zazhgla zavetnye. Part I is mostly written in rhyming tetrameter couplets, but lines 3 and 4 are an exception, the noun god („year“) standing apart from the second-person verb prishedshim above. Anderson renders the four lines (visually arranged in a step pattern) as follows:

 

I’ve set the cherished candles alight
To give enchantment to this night,
With you, the guest who didn’t arrive,
I planned to honor Forty-one’s birth.

 

Compare this to these three versions:

 

(1) I have lit my sacred candles,
One by one, and with your absent
Companionship I hallow
The coming forty-first year. (D. M. Thomas)

 

(2) I have lit my treasured candles,
one by one, to hallow this night.
With you, who do not come,
I wait the birth of the year. (Kunitz and Hayward)

 

(3) I have lit the sacred candles,
So that this evening might shine,
And with you, who have not come to me,
I will greet the forty-first year. (Hemschemeyer)

 

The most natural, colloquial version is Kunitz and Hayward’s, but their elimination of „forty-one,“ a necessary number in the poem, blurs its meaning. Thomas’s begins well, but the run-on second line, presumably designed so as to honor the meter, undercuts the straightforward syntax of the original. Hemschemeyer captures the poem’s tone more fully but gives little sense of the stanza’s sound structure. Still, I find all three translations more satisfactory than Anderson’s, whose singsong rhyming lines („alight“/“night“) neither convey the subtlety of Akhmatova’s sound–the move from svechi to svetilsya to vecher, and the emphasis on the nonrhyming god–nor respect the mystery associated with the „you“ who has not come. The words „guest“ and „arrive“ rationalize the situation, as does the word „birth“ in the final line.

Ich füge zwei deutsche Fassungen der gleichen Stelle an:

Heinz Czechowski:

Die heilig gehüteten Kerzen
Hab ich entzündet, und in ihrem Schein
Begrüß ich mit dir, der nicht gekommen
Das Jahr einundvierzig.

Alexander Nitzberg:

Ich entzünde die Zauberlichter,
so wird dieser Abend lichter,
um mit dir, auf den ich verzichte,
das Neue Jahr zu begehn –
Einundvierzig…

Der punktuelle Vergleich fällt nicht zu Gunsten Nitzbergs aus. Mag der identische (grammatische) Reim lichter/ lichter (den Nitzberg poetologisch rechtfertigt) und die Ausdehnung auf die nächste Strophe noch angehn – „auf den ich verzichte“ verdunkelt den Inhalt eher. Verzicht impliziert eine freie Entscheidung, die weder dem düsteren Ernst dieser Einleitung noch Achmatowas Position im Jahr 41 gerecht wird.

(Eine Frage, die man 200 Jahre nach Hölderlins experimentellen Pindar- und Sophoklesübersetzungen wohl auch stellen darf: ob sich die grammatischen Verhältnisse des Originals ins Deutsche herüberretten ließen, die dem Original Spannung geben mindestens ebensosehr wie Klang und Metrum.) Ich versuche es mit einer Wort-für-Wort-Übersetzung zu verdeutlichen:

Ich entzünde die geheiligten Lichter,
daß sich dieser erhelle, der Abend.
und mit dir, zu mir nicht Gekommnem,
das einundvierziger begrüße, das Jahr

Hölderlin, immerhin, wagte Pindar so zu übersetzen

Den in des wellenlosen Meeres Tiefe von Flöten
Bewegt hat liebenswürdig der Gesang

Erst diese Art zu übersetzen (sag ich) ermöglichte Hölderlins Kommentar, den ich in der Augustausgabe von L&Poe in anderem Kontext eingerückte hatte (Meldung 20).

23. Sündig, sinnlich, gut

Unter ihrem designierten Chefdirigenten Fabio Luisi zelebrierten die Symphoniker mit einer Hundertschaft von Vokalisten die sündige Sinnlichkeit Carl Orffs.

Dass der Münchner Komponist seine 1942 vollendeten „Catulli Carmina“ – zu Deutsch: „Gesänge des Catull“ – in der Originalsprache des römischen Dichters belassen hatte, dafür dürften ihm puritanische Konzertfreunde durchaus danken: In schweißnassem Latein offenbart sich da, dass der feingeistige Poet in amourösen Belangen nicht nur den weiblichen Intellekt vergötterte. Wie hier eben im Fall seiner „Lesbia“: Lüstern sind die Gedichte der Liaison, deren Verlust Catull eloquent beklagte.

Dass die zugehörige Partitur nur so vor erotischer Motorik dampft, wusste Fabio Luisi am Samstag mit dem Singverein und einer Handvoll Symphoniker herauszustellen: Stumm singend gab er einen Primus inter Pares, der antike Triebkraft in schneidigen Schalldruck transferierte. / Wiener Zeitung 7.12. 2004 [So poetisch, um nicht zu sagen brünstig, gehts durchaus weiter]

22. „LiEBE AM NACHMiTTAG – VERD!CHTET IN NEUKÖLLN“

Literaten des Künstlernetzes & Freunde werden laut und deutlich…

Jeannette Abée (nur für Hartgesottene…)
HEL ToussainT (nur für Übergebildete…)
Tom de Toys (exakt 10-jähriges Jubiläum der E.S.-Theorie)
Miss Tigra (Preview ihres bilingualen Debut-Gedichtbandes „AUGENBLICK“)

 

17 Uhr im Café „selig“ (Beginn: 17:30h, pünktlich!)
Herrfurthplatz 14, Schillerpromenade, Berlin

MEHR INFOS, FOTOS & LINKS ZU DEN AUTOREN:

http://knk.punapau.dyndns.org/publisher/site/knk/public/obj/page.php?obj=2831
&path=1,2,1143

21. Reines Gekritzel

Das Resultat ist „reines Gekritzel“, schrieb André Masson (1896-1987). Er war es, dem wir die Einführung der „écriture automatique“ in die Malerei verdanken, jener legendären Methode, das Bewusstsein – und damit Vernunft, Moral und Ästhetik – durch automatisches Schreiben und Zeichnen zu unterlaufen. „Die Vernunft durch die Verrücktheit zu ersetzen“, war das Ziel, wie Masson es bündig formulierte. Roland Barthes bemerkt dazu: „Damit die Schrift sich in ihrer eigenen Wahrheit (und nicht in ihrem instrumentalen Charakter) offenbart, ist es nötig, dass sie unlesbar ist.“ Es ging darum, sich von der Herrschaft der Ratio zu befreien und das Nichtbewusste zuzulassen, es ging um Freiheit. / FR 7.12.2004

Die Galerie, Grüneburgweg 123 in Frankfurt: bis 12. Februar, Mo.-Fr. 9-18, Sa. 10-14,

17. Pornografie und Lyrik

SEX scenes in fiction are a problem. Whether they’re rendered crudely and directly, through graphic close-ups and blunt four-letter words, or delivered elegantly and obliquely, through misty impressions and lofty euphemisms, most displays of literary lovemaking tend to make the reader’s flesh crawl. They feel like overcooked pornography, undercooked lyric poetry or — worst of all — some odd, jarring combination of the two. Only the juvenile and the information-starved actively seek out such passages; the mature and the experienced regard them as unavoidable ordeals. / aus einer Besprechung von WALTER KIRN, NYT October 31, 2004 zu

VILLAGES
By John Updike.
321 pp. Alfred A. Knopf. $25.

15. Gedichte, die man nicht versteht

Seit 30 Jahren gibt es die Literaturzeitschrift „orte“ – die älteste in der deutschsprachigen Schweiz. Das St. Galler Tagblatt sprach mit dem „Wirt und Verleger“ Werner Bucher:

Auch so genannt hermetische Gedichte finden Platz in «orte». «Das sind jene Gedichte, die man nicht versteht», erklärt Bucher schmunzelnd, «von einem richtig guten Gedicht versteht man nicht alles. Es steckt immer noch ein Geheimnis dahinter. Es ist eine ständige Gratwanderung», gibt der Herausgeber zu bedenken.

 

2. Zeitschrift „neue deutsche literatur“ eingestellt

Zu DDR-Zeiten hatte die Zeitschrift 12.000 Abonnenten. Nach der Wende gab es 3.000 Abos, zuletzt war die Zahl auf knapp 1.000 geschrumpft. Erst Anfang des Jahres hatten die Schwartzkopff Buchwerke Hamburg & Berlin die „neue deutsche literatur“ vom Aufbau- Verlag übernommen. Im Mai kam die zuletzt monatlich erschienene Zeitschrift erstmals in neuer Gestaltung heraus.

„Die ndl verschwindet jedoch nicht sang- und klanglos“, sagte [Langzeit-Herausgeber] Engler. Im Herbst 2005 erscheine eine rund 400-seitige Anthologie, die jährlich fortgesetzt werden soll. / Der Standard 2.12.

In der letzten Nummer (562 der Gesamtfolge): Gedichte von Gundula Sell, Jochen Kelter, Rainer Stolz, Susanne Stephan, Holdger Platta und Hans-Jürgen Heise und ein Aufsatz von Ulrich Schacht „Über die Poesie der Natur und ihr Erscheinen in der Natur-Poesie“

Nachtrag 2013: Sind diese Anthologien erschienen? M.G.

1. Sensation: Sappho-Gedicht entdeckt

Der Dezember [2004!] beginnt mit einer Sensation. Aus über zweieinhalb Jahrtausenden taucht ein Gedicht von Sappho auf:

Ein vor kurzem veröffentlichter Papyrustext vervollständigt endlich ein Gedicht aus dem vierten Buch der Lieder Sapphos. Ein Teil dieses Liedes war bereits auf einem anderen Papyrusfragment aus dem 3. Jahrhundert n. Chr. zutage gekommen, das in Oxyrhynchos in Mittelägypten gefunden und 1922 veröffentlicht worden war; es enthält allerdings nur die rechte Hälfte einer Schriftkolumne mit den Versenden, denen sich bisher kein zusammenhängender Sinn abgewinnen liess. Durch einen glücklichen Zufall hat sich nun ergeben, dass sich der neue Papyrustext, der aus einem Stück eines Mumiensarges aus Kartonage herausgelöst wurde und sich in der Sammlung des Instituts für Altertumskunde der Universität Köln befindet, teilweise mit zwölf der Versenden in dem schon seit langem bekannten Fragment aus Oxyrhynchos überschneidet. Der Kölner Papyrus ist etwa fünfhundert Jahre vor jenem geschrieben worden, zu Beginn des 3. Jahrhunderts v. Chr., wie die altertümlichen Buchstabenformen erkennen lassen. Damit ist er der älteste Textzeuge einer Buchrolle mit Gedichten der grossen Dichterin aus Lesbos.

Der neue Papyrus ergänzt jetzt den Text des Fragments aus Oxyrhynchos, dem er in den Zeilen, in denen sich die beiden Papyrustexte überschneiden, jeweils zwischen sechs und zehn Silben hinzufügt. / NZZ 1.12.

 

Dies die Prosa-Rekonstruktion:

Wieder, ihr Mädchen, bringe ich diese schönen Gaben der veilchengegürteten Musen, indem ich die gesangliebende, helltönende Leier zur Hand nehme Vertrocknen liess mir die Haut, die zart einst war, nun das Alter, Furchen sind darin, weiss wurden die Haare aus schwarzen. Schwer ist mir das Herz gemacht, die Knie tragen nicht, die doch einst leicht waren zu tanzen, jungen Rehen gleich. Aufseufzen muss ich oft – doch was könnte ich tun? Alterslos kann man als Mensch nicht werden. Denn wie man glaubte, dass einst den Tithonos die rosenarmige Eos, die wir unvernünftig nennen, bis ans Ende der Welt trug, dass sie ihn zum ewig jungen Bräutigam hätte, doch ihn ergriff dennoch das zitternde Alter, ihn, der vergeblich eine unsterbliche Gattin hielt, . . . er glaubt . . . möge verleihen. Ich aber liebe das Erlesene: oftmals hat diesen Glanz auch mir Liebe zur Sonne geschenkt, und das Schöne.

Und hier eine englische Übersetzung des bisher bekannten Fragments (jedenfalls vermute ich das!**) – das passendste Fragment, das ich bislang finden konnte – falls jemand Genaueres weiß: Mail!) durch Anne Carson, 2002 – ein Beispiel für ihre Poesie der aufregenden Klammern:

[In both the Greek originals and in her translations, Carson uses brackets to indicate missing or illegible material. For Carson, „brackets are exciting“ (p.xi), and in fact they do invite the reader to fill in the blanks more strongly than does the use of ellipses:]

]
]
] pity
] trembling
]
] flesh by now old age
] covers
] flies in pursuit
]
] noble
] taking
] sing to us
the one with violets in her lap
] mostly
] goes astray [#21; p.39]

**) meine Vermutung war falsch! genauere Angaben in Nachricht 39

19. Schillerstiftung preist Falkner und Laschen

Gerhard Falkner, Jahrgang 1951, stammt aus Schwabach und lebt jetzt in Weigendorf (Bayern) und Berlin. Bekannt ist er als Lyriker, hat aber auch Dramatik und Essays geschrieben und übersetzt. Außerdem gehörte er zu den Haupt-Juroren des diesjährigen Dresdner Lyrikpreises. Professor Dietger Pforte, Laudator der Schillerstiftung, würdigte die kunstvolle Sprache Falkners. Seine Gedichte, die scheinbar mit Leichtigkeit daherkämen, verlangten gleichwohl genaue Beschäftigung, nicht zuletzt die Kenntnis der Weltliteratur. „Er ist ein Autor, der sich in das literarische Traditionsgefüge einzureihen versteht und es gleichzeitig sprengt.“

Gregor Laschen, 1941 im vorpommerschen Ückermünde geboren, lebt heute in Utrecht (Niederlande) und im Bahnhof Rolandseck. Er ist nicht nur Lyriker und Prosa-Autor, auch einer der wichtigsten Literatur-Vermittler in Europa, wie Peter Hamm in seiner Laudatio darlegte. Laschen leitet seit 1988 das Projekt „Poesie der Nachbarn – Dichter übersetzen Dichter“. Das lasse in die entferntesten Winkel des literarischen Kontinents leuchten, so Hamm. Wie Laschen selbst eine Randexistenz führe, so kämen auch seine Gedichte vom „Rande des Verstummens“ her, ihr Kennzeichen sei ein „gebrochenes Pathos, an dem der Zweifel nagt“. Seine Gedichte – er las einige aus den Bänden „Jammerbugt-Notate“ (1995) und „Die Leuchttürme tun was sie können“ (2004) – stellen Landschaften vors innere Auge, in denen menschliche Seelenzustände zu Teilen dieser Landschaft werden. Ein Baum, Steine bekommen etwas Gleichnishaftes. „Bilder wie Notausgänge meines Lebens“ heißt es an einer Stelle. / Tomas Gärtner, Dresdner Neueste Nachrichten 6.11.