49. Entdeckungsgeschichten

Noch einmal Rotbuch

Im Gespräch mit der FR (27.2.) sagte der ehemalige Rotbuch-Lektor F.C. Delius auch:

In kaum einem anderen Verlag wurden, im Verhältnis zur Titelzahl, so viele Autoren entdeckt und erfolgreich: Peter Schneider, Aras Ören, Heiner Müller, Thomas Brasch, Peter-Paul Zahl, Karl Mickel, Stefan Schütz, Bodo Morshäuser, dazu Autoren, die von anderen Verlagen kamen, wie Helga Novak, Christian Geißler, Jürgen Theobaldy. Und nach meiner Zeit Herta Müller, Libuse Monikova, Richard Wagner, Emine Özdamar, Birgit Vanderbeke, und das sind noch lange nicht alle. Die Autoren waren das Programm.

Ich überlege. „Entdeckt“ scheint sich da auf den (west-)deutschen Buchmarkt zu beziehen. Der ist natürlich wichtig, auch für die Autoren. Ich, zum Beispiel, habe von den genannten Autoren Peter Schneider und Peter-Paul Zahl in Rotbuch-Bändchen entdeckt. Die kursierten im Freundeskreis, und manche (Kurt Bartsch, Adolf Endler, Sascha Anderson fallen mir ein) las ich per Fernleihe im Lesesaal der Universitätsbibliothek Greifswald oder in den großen Bibliotheken in Leipzig und Berlin. Heiner Müller, Karl Mickel waren natürlich längst bekannt und über den Status von Geheimtips hinaus, bevor sie bei Rotbuch erschienen. Die entdeckte ich in Büchern (Mitteldeutscher Verlag, Reclam Leipzig, Henschel) und Zeitschriften (Sinn und Form, Theater der Zeit). F.C. Delius entdeckte ich in einem Band beim Aufbau Verlag. Erst in den 90er Jahren konnte ich seine Bücher von Rotbuch oder Rowohlt kaufen. Erstaunt las ich da ein Gedicht, das nicht nur im Titel (Hofgeschrei), sondern auch im Text nahezu wörtlich mit einem Gedicht von Karl Mickel übereinstimmte. Insider-Scherz, Gruß über die Mauer, Plagiat? Ich weiß es nicht.

Herta Müller oder Richard Wagner wiederum konnte man in einer wunderbaren und zugleich sonderbaren schmalen, auf schlechtem Papier gedruckten Zeitschrift entdecken. Sie hieß „Neue Literatur“ und wurde vom Schriftstellerverband der Sozialistischen Republik Rumänien herausgegeben. Man konnte sie in großen Zeitschriftenläden kaufen und auch abonnieren. Wie so manche Abonnements endete auch dieses im Jahre 1990 (ich weiß nicht mehr, ob durch meine Nachlässigkeit?) Damals jedenfalls begann jedes Heft mit unsäglichen Elogen auf den Conducator Ceausescu. Unmittelbar daneben konnte man dann Prosa von Herta Müller oder Gedichte von Wagner, Bossert, Seiler, Hodjak, Samson, Lippet, Söllner oder Schlesak lesen. Ein wunderbares diebisches Lesevergnügen. Die Hefte von den Endsechziger Jahren bis 1990 liegen heute im Falladahaus in Greifswald und können auf Anfrage benutzt werden.

Wie sagte Willi Brandt (oder war es Thierse? Oder Herodot? Die Zeit vergeht!): „Laßt uns einander unsere Entdeckungsgeschichten erzählen.“

 

 

Statement der Literaturwerkstatt Berlin zum Artikel von Andreas Kilb in der FAZ vom 1.3.2007

Das poesiefestival berlin ist kein „regionales Ereignis“, sondern ein Festival mit internationaler Wirkung

Das poesiefestival berlin und das internationale literaturfestival berlin sind nicht miteinander vergleichbar

Eine Biennalisierung schadet beiden Festivals

Berlin glänzt durch seine Kreativität. Keine andere Stadt Deutschlands beherbergt so viele Künstler aller Sparten. Das Kulturleben Berlins erregt weltweit Aufmerksamkeit, die Marke „Made in Berlin“ steht international für experimentierfreudige Kultur. Ein Image, das sich auf Deutschland als Ganzes auswirkt.

Zu diesem Image tragen wesentlich zwei jährlich stattfindende Festivals bei: Das poesiefestival berlin und das internationale literaturfestival berlin. Der Bund hat – wie lange bekannt – die Biennalisierung der beiden Festivals vorgeschlagen. Das wäre für beide das Ende. Der Kontakt zu Publikum und Künstlern würde verloren gehen, die Festivals könnten nicht kontinuierlich arbeiten, Sponsoren würden abspringen etc. Andreas Kilb hat das in seinem Artikel in der FAZ vom 1.3.2007 richtig beschrieben. Die beiden Festivals jetzt gegeneinander auszuspielen, wie Kilb das tut, wird aber keinem der beiden gerecht und sägt auch für das internationale literaturfestival am Ast, auf dem es sitzt. Beide Festivals haben unterschiedliche Zielgruppen und Arbeitsweisen und vor allem: Ihre Inhalte sind nicht vergleichbar.

Während das internationale literaturfestival die verfügbaren großen Namen der Bestsellerlisten versammelt und dabei naturgemäß hauptsächlich auf Prosa setzt, bringt das poesiefestival berlin jedes Jahr eine Kunstform an ein großes Publikum, die sonst von der Öffentlichkeit wie vom Feuilleton wenig beachtet wird: Die Poesie. Eine Kunstform, die zwar nicht Massen anspricht wie Belletristik, aber zur wichtigen Hochkultur einer Nation gehört. Das poesiefestival berlin ist ein unverzichtbares Instrument innerhalb eines Gesamtkonzepts, das der Dichtung in unserem Land wieder zu mehr Geltung verhilft. Das poesiefestival berlin entwickelt dazu stetig aufs Neue innovative Formate und Präsentationsformen, die weltweit Nachahmer finden, wie z.B. den ZEBRA Poetry Film Award und das Präsentationsmedium des Festivals, lyrikline.org. Es lotet das Poetische als Sprachkunst aus und setzt es in Beziehung zu anderen Künsten. Das Festival ist multimedial und verknüpft Poesie und die anderen Künste: Tanz, Musik, Theater, Digitale Medien.. Damit ist es einzigartig in Deutschland und das größte in Europa. Es ist, im Gegensatz zum Prosafestival der Berliner Festspiele, kein „Abspiel“- sondern ein „arbeitendes“ Festival, ein Labor, in dem Sprachformen erforscht und weiter entwickelt werden: Über 60 Dichterinnen und Dichter aus Deutschland sind Dank des poesiefestival berlin erstmals im französisch-, spanisch-, keltischsprachigen Raum, in osteuropäischen Sprachen oder in Australien erschienen; und zwar in Buchform. Das gilt auch in der Umkehrung. Für hunderte Dichterinnen und Dichter ermöglichte das poesiefestival berlin erste Publikationen in deutscher Sprache. Produktionen des poesiefestival berlin aus dem Bereich Komposition, Text/Tanz, digitale Poesie treten nach dem Festival ihre Reisen zu Veranstaltern rings um den Globus an. Das poesiefestival berlin arbeitet mit den wichtigsten internationalen Dichtern zusammen, einige davon sind auf dem Festival zum ersten Mal in Deutschland aufgetreten. Mit dabei waren u.a. schon Büchner-Preisträger Elfriede [sic] Mayröcker, Volker Braun, Wolfgang Hilbig, und Durs Grünbein, Booker-Preisträger Ben Okri, Träger des Pasternak-Preises Gennadij Ajgi, die Songwriterin Laurie Anderson, Gewinner des Robert Kirsch-Preises Lawrence Ferlinghetti sowie Pulitzer-Preisträger Paul Muldoon.

lyrikline.org, Medium des Festivals, Grimme-Preis-prämiiert und mit UNO-Prädikat ausgezeichnet, zählt über 2 Millionen Besucher weltweit. Aktuell arbeiten Institutionen aus über 30 Ländern im Verbund der lyrikline.org aktiv mit.

Der ZEBRA Poetry Film Award, international außerordentlich erfolgreich, ist die weltgrößte Plattform und der wichtigste Wettbewerb für dieses neue Filmgenre und wird alle zwei Jahre im Rahmen des poesiefestival berlin vergeben.

In der Tat übernimmt das poesiefestival berlin gesamtstaatliche Aufgaben in der Vermittlung und Verbreitung von Poesie in zeitgenössischen künsteübergreifenden und medialen Formaten. Es ist erste Adresse bei Dichtern aus aller Welt. Das poesiefestival berlin ist zudem bestens vernetzt mit und in der „Staralliance“ der Poesie-Festivalmacher und erste Adresse bei Veranstaltern und Festivalmachern aus aller Welt, die regelmäßig an den vom poesiefetival berlin angebotenen Colloquien und Kursen zur Vermittlung zeitgenössischer Poesie teilnehmen. Das Festival hat es innerhalb kürzester Zeit geschafft, Dichtung in deutscher Sprache wieder international wahrnehmbar zu machen.

Hier regionalen Stellenwert zu entdecken, wie Herr Kilb das tut, ist nicht nur deplaziert, offenbar schlecht recherchiert und FAZ-unwürdig, es unterstellt auch den Jurys und Gremien der Kulturstiftung des Bundes und des Hauptstadtkulturfonds schlimmste Inkompetenz. Schließlich dürfen dort per Satzung nur Projekte mit gesamtstaatlichem Wirkungsrahmen gefördert werden.

Richtig ist, Bund und Land müssen endlich Entscheidungen treffen. Eine Biennalisierung beider Festivals wäre ein schlapper politischer Kompromiss, der entweder das Aus oder die tatsächliche Provinzialisierung beider Festivals zur Folge hätte.

Einer Bundeshauptstadt stehen beide Festivals gut an. Der Leiter der Literaturwerkstatt Berlin, Dr. Thomas Wohlfahrt, hat kürzlich dem Intendanten der Berliner Festspiele, Dr. Joachim Sartorius, vorgeschlagen, gegen den Gedanken der Biennalisierung der beiden Festivals gemeinsam aufzutreten. Die Antwort der Festspiele steht aus.

Boris Nitzsche

Presse- und Öffentlichkeitsarbeit

Literaturwerkstatt Berlin

Knaackstr. 97

10435 Berlin

Tel: [+49. 30] 48 52 45-24

Fax: [+49. 30] 48 52 45-30

e-mail: nitzsche@literaturwerkstatt.org

http://www.literaturwerkstatt.org

http://www.lyrikline.org

6. Czechowskis Autobiographie

Eins der stärksten beschreibt die Höhenzüge der Lößnitz bei Radebeul: „Sanft gehen wie Tiere die Berge neben dem Fluss.“ Es wurde zu einem Leitmotiv der sächsischen Nachkriegspoesie, Karl Mickel, Volker Braun zitieren es wie ein Markenzeichen. Einer meinte gar, dieser Czechowski-Vers werde der Einzige sein, der die Zeiten überdauert. Das ist untertrieben.  …
Seine Autobiographie spiegelt bis zur Schmerzgrenze sein Selbst und seine Beziehungen zu den Protagonisten der DDR-Lyrik. Die Reibereien mit der Zensur, die Stasi-Spitzeleien, aber auch die Misshelligkeiten untereinander werden bis ins Kleinste geschildert. Eitelkeiten, Wutausbrüche – am Ende ist Czechowski mit allen verstritten, am Zusammenbruch der DDR, den er herbeigesehnt hatte, zerbrochen, ein melancholischer Emerit [oder Eremit, MG?] im Geist der Haltlosigkeit und Entwurzelung. / JENS GRANDT, SZ 22.2.
HEINZ CZECHOWSKI: Die Pole der Erinnerung. Autobiographie. Grupello Verlag, Düsseldorf 2006. 282 S., 22,90 Euro.
In L&Poe: 2001 Nov; 2002 Mrz (Franz Hodjak wird Dresdner Stadtschreiber); Apr (Heinz Czechowski); Aug (Ein Quadratmeter im Gefängnis); 2004 Jun #42. Darstellung von Einzelheiten; Dez #25. Poem ohne Held; 2005 Feb #30. Czechowski 70; Apr #74. Bei Endlers Begegnungen; 2006 Jan #43. Dichter über Dresden / #50

26. Last Poet laureate

Mehr als 200 Zuhörer waren dabei, als Amiri Baraka in Oregon seine Gedichte vorlas und der Grammy-preisgekrönte Jazzmusiker David Murray Saxophon spielte.

Baraka hatte eine nationale Kontroverse ausgelöst mit einem Gedicht über den 11. September, in dem eine israelische Konspiration hinter dem Anschlag behauptet wird. „Wer wußte, daß das World Trade Center bombardiert werden würde? / Wer sagte 4000 israelischen (!) Arbeitern in den Zwillingstürmen / Daß sie an diesem Tag zuhaus bleiben sollten / Warum kam Sharon nicht?“, las Baraka zum Saxophonsound.

Der frühere Gouverneur von New Jersey Jim McGreevey hatte Baraka aufgefordert, sich für das Gedicht zu entschuldigen und von seinem Posten als Poet laureate zurückzutreten. Als Baraka sich weigerte, schaffte der Gouverneur den Posten des Poet laureate von New Jersey ab. „Unser dummer Gouverneur ernannte mich zum Poet laureate, und an diesem Punkt wurde klar, daß er Analphabet ist“, sagte Baraka. „Jetzt unterschreibe ich meine Briefe immer mit „Der letzte Poet laureate von New Jersey“, ‚just to piss them off'“. / Oregon Daily Emerald 22.2.

Baraka in L&Poe: 2002 Aug (Beat Rules); Okt (Somebody Blew Up America / Debatte um Amiri Baraka); Dez (Conspiracy theorist); 2005 Okt #24. The Living Beat; 2006 Aug #74. THE BEAT GOES ON; 2007 Jan #59. Last Poets & Baraka; Feb #68. Schwarze Geschichte

52. Die Freundschaft

In dem dunklen Meisterstück „Summertime in England“ schmachtet Van Morrison: „Hast du je von Wordsworth und Coleridge gehört, Baby?“ Aber im Radio hört man heute von ihm nur „Brown Eyed Girl“, weshalb nur Kenner wissen, daß „Van the Man“ sich von den Schriften von John Donne, William Blake, James Joyce, William Butler Yeats, T.S. Eliot, William Wordsworth oder Samuel Taylor Coleridge inspirieren läßt.

Der Biograph Adam Sisman scheint zu verstehen, daß es manche Persönlichkeiten der 60er Jahre dem modernen Leser leichter machen würden, diese beiden entfernten Figuren zu verstehen. Zu Beginn seines Buches betont er, daß Wordsworth und Coleridge „als Paar legendär wurden, wie Boswell und Johnson oder Lennon und McCartney“, und ihre Zeit beschreibt er als „kulturelle Revolution“.

Sisman geht das Wagnis ein, sich auf die kurze Zeit zu konzentrieren, als Wordsworth und Coleridge, damals in ihren Zwanzigerjahren, nahe Nachbarn bei Bristol waren und manchmal am selben Tisch saßen und schrieben und einander ihre Zeilen vorlasen. Zeilen, die der eine erdacht hatte, tauchten in Gedichten auf, die dem anderen zugeschrieben wurden. Das Schreiben ging ihnen so flüssig von der Hand, daß sie sich scherzhaft „der Konzern“ nannten, eine „kommerzielle Manufaktur“ zur Produktion von Versen. / Jonathan Kirsch, Los Angeles Times 11.2.2007

The Friendship: Wordsworth & Coleridge
Adam Sisman
Viking: 512 pp., $27.95

37. Betreten und Abtasten

Er wehrt sich gegen die Überinterpretation von Gedichten. In „Einführung in die Poesie“ heißt es etwa über das Genre im Allgemeinen: „Aber alles, was sie tun wollen, /ist, das Gedicht an einen Stuhl zu fesseln/und ihm ein Bekenntnis abzupressen. // Sie beginnen damit, es mit einem Schlauch zu schlagen,/um herauszufinden, was es wirklich meint.“ Stattdessen empfiehlt Collins den Lesern: „[…] betretet den Innenraum des Gedichts/und tastet die Wände nach einem Lichtschalter ab.“ Dieses Betreten und Abtasten ist in Collins Gedichten ein großer Genuss, denn trotz ihrer Klarheit und ihrer zum Teil angenehm unverschlüsselten Sprache eröffnen sie große Gedankenräume und geben die Möglichkeiten zum Sich-Verlieren und Weiterdenken.

Das Leben in Collins Gedichten ist „ein geladenes Gewehr,/welches dich anschaut mit einem gelben Auge.“ In ihrer Treffsicherheit und ihrem Gespür für den richtigen Moment kann man sogar die Gedichte selbst als ein solches Gewehr bezeichnen. / Katharina Bendixen, Kunststoff, Leipzig

Billy Collins: Schnee schaufeln mit Buddha. Ausgewählte Gedichte. Aus dem Amerikanischen von Ron Winkler. Edition Erata, Leipzig 2006. 12,95 Euro. 3-934015-82-4

In L&Poe: 2001 Jul # poet laureate named; 2001 Sep # Poet Laureate Billy Collins’s new greatest hits collection, “Sailing Alone Around the Room“; Okt # Popular Poetry?; 2002 Jan (A poem a day); Okt (The real thing in poetry); Nov (Poetry Hits the Jackpot); Dez (Über eine amerikanische dichtergestützte Werbekampagne); 2003 Jan (Die taz und Süddeutsche begutachten); Feb (US-Lyriker gegen Krieg); Jul (Kurznachrichten); 2004 Mai #12. Good Poems – Buch und Radioshow / #14. Drei preisgekrönte Dichter; Aug #24. Elitär und dunkel (und das ist gut so); Sep #16. Winterurlaub in Palm Beach; 2005 Okt #33. Bei den fabelhaften; Nov #3. Imaginativer Realist; 2006 Jan #28. Der Ärger mit Gedichten; Apr #1. PoetryFoundation.org / #4. Verrat an Elizabeth Bishop?; Apr #60. Neuer amerikanischer Kanon?; Mai #118. Ästhetik des Verlusts; Jul #8. Schlicht und geheimnisvoll; Jul #114. Edition Erata

30. Quirinus‘ Liebeskuß

Mauricio Kagel hat ein experimentelles Sonett des Barockdichters Quirinus Kuhlmann vertont. „RJB“ schreibt über die bei Winter & Winter erschienene CD in der SZ vom 5.1.:

Die Einsilbigkeit des Textes und die knappen Formulierungen der Musik gehen eine in ihren Bann ziehende, aber immer streng spröde Synthese ein und bauen in zunehmender Verdichtung der Musik eine Erwartungshaltung auf, die der Klangexperimentator Kagel und sein Dirigent Reinbert de Leeuw dann tatsächlich im letzten Drittel dieses in den Jahren 2000 und 2001 entstandenen 25-Minüters „Quirinus‘ Liebeskuss“ sinnlich zu befriedigen wissen. Wie? Das sei hier nicht verraten. Es genügt zu wissen, dass der Text von dem Visionär, Antiprotestanten und Religionsgründer Quirinus Kuhlmann (1651-1689) stammt, der die „Kühlmonarchie“ als Lehre entwickelte und in Moskau als Ketzer verbrannt wurde.

In L&Poe: 2001 Feb (Donnergrollen der Seel); 2002 Feb (Radio- und Fernsehtips)

59. Last Poets & Baraka

Featured together in a rare appearance, “The Last Poets,” the seminal spoken-word artists from the 1960s and writer “Amiri Baraka,” best known for his poetry and theatre, will headline the Smithsonian Anacostia Community Museum’s Annual Dr. Martin Luther King Jr. Program: “From Civil Rights to Black Power.” / Huliq 5.1.

Vgl. #48

Amiri Baraka in L&Poe: 2002 Aug (Beat Rules); Okt (Somebody Blew Up America); Dez (Conspiracy theorist); 2005 Okt #24. The Living Beat; 2006 Aug #74. THE BEAT GOES ON

Klassiker des 20. Jahrhunderts – ein deutscher Kanon

Von Bertram Reinecke (Leipzig)

„Deutschsprachige Lyriker des 20. Jahrhunderts“, ein gewichtiges Hardcover von fast 800 Seiten, verspricht „die Geschichte der Lyrik im letzten Jahrhundert“ nachzuzeichnen und zwar in „von international renommierten Literaturwissenschaftlern geschriebenen Portraits“. Das Buch eigne sich auch als Nachschlagewerk, verspricht der Klappentext. Ein deutscher Kanon von Weltgeltung, möchte man zuspitzen. Das fordert die Prüfung heraus, auch wenn diese einem eine eigene Version von Literaturgeschichte abnötigt, die, auf so wenig Seiten ausgebreitet, immer ein wenig wie eine schwerfällige Form von namedropping aussehen mag. Kritik an einem Kanon wird andrerseits immer möglich sein, sobald man andere Gesichtspunkte anlegt als die Herausgeber. Eine solche Kritik spricht also nicht unbedingt über qualitative Mängel des Werkes.

Was ist Kanon?

Zunächst wird sich eine solche Untersuchung vom Inhaltsverzeichnis inspirieren lassen. Anders als andere Anthologien, so ein erster Eindruck, nimmt es dies Sammelwerk ernst mit dem Jahrhundert. Das Zentrum des Kanons scheint nicht in die erste Jahrhunderthälfte verlagert, er tröpfelt auch nicht in der Gegenwart lediglich noch aus. Diejenigen, die ihr Gesamtwerk noch nicht ganz ausgeschritten haben, sind mit einem knappen Drittel etwa ebenso häufig vertreten wie jene, die im neunzehnten Jahrhundert geboren wurden. Freilich zum Zeitpunkt des Arbeitsbeginns am Band (2004) war keiner der verzeichneten Dichter mehr unter vierzig. Das ist vielleicht schwer zu vermeiden, wenn man eine Literaturgeschichte als eine Dichter- und nicht als Gedichtgeschichte anlegt. Überzeugende Texte mögen sich leicht finden, die poetische Puste eines Autors wird nicht immer am ersten Werkdrittel ablesbar sein. Hier wurde auf Sicherheit gespielt. Ebenso scheinen einige Dichter nicht ausschließlich um ihrer Gedichte willen Aufnahme gefunden zu haben, sondern weil sie daneben noch mit anderen Arbeiten überzeugen. (Jedenfalls schildern die Absätze über Hilbig, Lehmann und Born deren Gedichte aus respektvoller Distanz.) Auch hier: Dichtergeschichte ist nicht Dichtungsgeschichte.

Man könnte weiter grübeln, was den Herausgebern Peter Geist und Ursula Heukenkamp als Leitvorstellung vorschwebte, als sie zum Verfassen der neunundsechzig Portraits aufriefen: Das Gedicht ist ihnen eine ernste Sache. Ringelnatz und Morgenstern haben es zwar ins Buch geschafft, aber der eine wird (wie schon seit den Zwanzigern immer wieder) als ernster Dichter rehabilitiert und auch das Morgensternporträt beginnt mit dem bezeichnenden Halbsatz: „Als die meisten Rezensenten 20 Jahre nach den ersten Verrissen der Galgenlieder immer noch in den Tenor einfielen, Morgenstern präsentiere nur studentischen Bierulk…“ Lustbetonte Ansätze wie Gernhardt oder die Spoken-Word Bewegung fehlen ganz, auch wenn sich hier tiefere poetische Anliegen, wie die des (sagen wir Goethekenners) Michael Lentz, hätten schildern lassen. Dada, Konkrete Poesie, Wiener Kreis bleiben wie auch der Prenzlauer Berg in Gruppenkapitel verbannt, die ewige Fußnote am Literaturbetrieb. In diesen Bemerkungen mitausgesprochen ist die Tatsache, dass Gedichte vor allem etwas sind, was man in Büchern druckt. Sängerdichter fehlen ebenfalls.

Dagegen wird den oft als „hermetisch“ verunglimpften Dichtern besondere Aufmerksamkeit zuteil. Sorgfältig wird etwa im Arendt- oder Meisterkapitel unglücklichen Rezeptionsgeschichten nachgespürt.

Vorteilhaft für die Aufnahme in die Anthologie scheint eine östliche Herkunft. (Wenn ein gutes Drittel der Texte zur zweiten Jahrhunderthälfte sich mit Autoren aus dem ostdeutschen Literaturbetrieb beschäftigt, bedeutet das zumindest ein höheres Dichteraufkommen pro Kopf.) Das ließe sich rechtfertigen. Schließlich nahm die Lyrik in Ostdeutschland einen ungewöhnlich hohen Stellenwert im literarischen Diskurs ein. Ob allerdings alle Leser eine solche Diagnose teilen werden, bleibt abzuwarten.

Wie wird man kanonisch?

Vergleicht man das Inhaltsverzeichnis mit den im Vorwort niedergelegten Absichten, ist man überrascht: „Für die Lyrik galt schon immer, dass die meisten Anstöße von den jungen Dichtern ausgehen … Die jeweils junge Lyrik einzelner Jahrzehnte, wenn es denn Rebellion und Innovation gab, sollte und musste eingehend behandelt werden.“ Innovation war scheinbar nicht die Stärke des ausgehenden Jahrhunderts, vielleicht ist hier aber auch der germanistische Terminus „Junger Dichter“ gemeint, der sich auf Tote (wie die Expressionisten und Greßmann) oder Graumelierte bezieht: Gerade 100 von 761 Portraitseiten nehmen Dichter ein, die in der zweiten Jahrhunderthälfte geboren sind. Die Innovationen der unter vierzig Jährigen sind mit Schrott und Grünbein (nicht etwa Stolterfoht) vertreten. Man staune weiter: Die poetischen Innovationen eines Kolbe werden, was Textraum betrifft, ebenso hoch bewertet wie die eines Papenfuß, eines Faktor und eines Döring gemeinsam. Kolbes „Vineta“ ist sicher einer der schönsten Bände der Neunziger, aber modern? Versichern wir uns gleich seiner Innovationen: Zu Themen wie Vaterland und Liebe, erfahren wir im Beitrag von Michael Braun, habe er geschrieben. „Hymnische Strophen, Oden, Elegien, Tagelieder“. Mit Recht darf man da die bis weit in die Fünfziger zu den Großen der jüngeren Dichtung gerechneten Namen Weinheber und Rudolf Alexander Schröder im Band vermissen. „Wir entschieden uns, die Bedeutung eines Dichters und einer Dichterin an dem Einfluss auf andere Dichter und Dichterinnen zu messen oder doch wenigstens abzuschätzen.“ Celan nennt Rudolf Alexander Schröder als einen wichtigen Vorläufer (und Kolbe?). Weinheber kann als Großvater der neuen Mundartdichtung von Achleitner bis in die jüngste Vergangenheit gelten. „Die Herausgeber haben … die Auswahl auf Autoren begrenzt, die sich, mit welchem Resultat auch immer, mit der Moderne auseinandergesetzt haben.“ Die Absetzbewegung in einen schroffen Hyperklassizismus bei Schröder oder in Weinhebers paranoide Verklärung des Genieschicksals scheinen mir entschlossenere Auseinandersetzungen mit der Moderne zu signalisieren, als, sagen wir, die abgestandene Modernität eines frühen Grünbein. Grünbeins Innovationen werden etwa so hoch bewertet wie Heißenbüttel, Mon und Gomringer gemeinsam. Selbst wenn es stimmt, dass Grünbein sich nicht von Benn herschreibt, sondern ein genuin postmoderner Autor ist, ist das nicht gerechtfertigt. Nicht nur das Fahrrad wurde mehrmals erfunden: Die spärlichen Nachrichten über „Wahnsinn und Gesellschaft“ waren dazumal beim Blick ins Neue Deutschland intuitiv plausibel. Und so konnte jeder, der es wollte, sich aus der schon weniger raren belletristischen Bückware und den strukturalistischer geprägten materialistischen Ansätzen mit Hilfe von Leuten wie Nietzsche, Benjamin und Klemperer eine Postmoderne zusammenstückeln, die für den literarischen Hausgebrauch allemal tragfähig war. Spätestens seit Heiner Müller lässt sich solches Treiben auch nachweisen.

Das Falkner-Kapitel ist länger als das zur Wiener Gruppe… Unter solchen Vorgaben ächzt es im Gebälk der Artikelkonstruktion: Rühm und Achleitner diffundieren durch die Kapitelgrenzen und müssen hier wie dort in einem Teilkapitel abgehandelt werden. Wenn auch der kluge Bewahrer Rosenlöcher als Exponent der Moderne dasteht, kann man sich aus östlicher Perspektive nur wundern, warum Rainer Kirsch oder Kito Lorenc fehlen.

Was ist modern?

Aber vielleicht hilft ja eine im Vorwort aufgeführte Liste mit Textkriterien „von großer Allgemeingültigkeit“, die Auswahl zu durchschauen: „Dialogizität und Intertextualität, die Perforierung und Maskierung des lyrischen Ich, dunkle Metaphern, Nominalismus der lyrischen Rede, selbstreferentielle Bilder usw.“ werden als Kriterien für einen Modernebegriff angegeben, der leitend bei der Auswahl war. Ein Kriterium ist, anders als z.B. eine Metapher, etwas, dass eine Unterscheidung ermöglicht. Die hier genannten Kriterien sind zumindest schwer handhabbar. Am „Nominalismus der dichterischen Rede“ sei das verdeutlicht. In einer ersten Annäherung bedeutet es plausiblerweise, dass das Sprechen mehr tut, als eine in der Hinterhand behaltene Ontologie sinnenschön auszutuschen. Das Lehrgedicht stünde also auf der anderen Seite des Spektrums poetischer Möglichkeiten. Nun zeigt es sich, dass manchmal z.B. der Überschwang dichterischen Sprechens oder selbst der agitatorische Furor eines Sprechers, der um einen anders gearteten Hintergrund seines Publikums weiß, sich in Rede versteigt, die punktuell den ontologischen Rahmen dieses Sprechens durchschlägt. Für ersteres soll Brockes stehen, letzteres ließe sich nicht nur für die im Band verzeichneten Brecht und Tucholsky nachweisen, sondern schon in althochdeutschen Texten. Es sind sogar radikalere Versionen von Literaturgeschichte in Umlauf, die so verstandenen Nominalismus zu einem Kriterium von Dichtung überhaupt machen. Es mag richtig sein, dass Brockes, im Gegensatz zu Moderneren, seine Naturbetrachtungen noch in einen Rahmen einbettet, der herkömmliche Konventionen wieder bedient. Das löst das Problem aber nicht. Forderte man jedem Text in Gänze einen so verstandenen Nominalismus ab, müsste man eine Vorstellung von Werkeinheit zu Grunde legen, die eher vorromantisch zu nennen wäre.

Strenger gefasst geht ein nominalistisches Sprechen davon aus, dass der Leser auf die konkrete Abfolge eines Sprechens reagiert, um zu erfahren, was ein Gegenstand dieses Sprechens sein könnte, ohne auf das `Lexikon des Vorhandenen` zurückzugreifen. Nehmen wir eine Zeile aus einem im Band zitierten (prototypisch modernen?) Gedicht: „und nahm den Zwischenraum heraus“ Ein Zwischenraum ist hier, augenfällig anders als in jenem Lexikon, etwas zum Herausnehmen, daraus Häuser zu bauen, ein physischer Gegenstand? Das „und“ könnte aber auch eines der Simultanität sein, statt jenes der vom Lexikon suggerierten Mittel-Zweck-Relation? Herausnehmen könnte in einem Sinne funktionieren, den ein Nichtnominalist als „übertragen“ bezeichnet. Da kommen dann Sprachgebräuche wie „die Angst nehmen“ oder „sich etwas herausnehmen“ in den Sinn. Die erste Lesart würde durch ein Zuviel an Text verunsichert („heraus“) die zweite durch ein Zuwenig („sich“). Ein hochgradig tastend fragmentarisches, ambivalentes lyrisches Sprechen also…

So abstrus das Beispiel ist, zeigt es immerhin folgendes: nominalistische Lesarten können wie Stöpsel wirken. Der Witz eines Textes fällt in sich zusammen und der kann bei ernsteren Texten damit zu tun haben, Vorurteile über Vorhandenes entweder zu gebrauchen oder gegeneinander auszuspielen. Mindestens einige expressionistische Dichter hätten sich sicher gewundert, wenn sie erfahren hätten, dass sie gar nicht von ebenso extremen wie externen Wirklichkeiten wie Krieg und Apokalypse reden, sondern von Dingen, die, so müsste der Nominalist aus ihrer poetischen Rede schließen, so alltäglich sind wie Tische oder Augen.

Ähnlich wird sich „die Maskierung und Perforierung des lyrischen Ich“ nur schwer von Rollengedichten bzw. etwa den Inkongruenzen der lyrischen Gottesansprache von zerknirschten Protestanten absetzen lassen usw.

Der Ausweg besteht natürlich darin anzuerkennen, dass, wie hoch auch immer die Allgemeingültigkeit der Kriterien sein mag, diese doch nur jeweils Schnittmengen mit dem Begriff modern bilden, sodass erst ein Zusammentreffen mehrerer erlaubt, ein Gedicht modern zu nennen. Die Entscheidung, die Modernekriterien als offene Liste vorzulegen, spricht für eine solche Deutung. Dann freilich erweist sich ihr Geltungsbereich dennoch als zu hoch. Dialogizität, Intertextualität und die Maskierung des lyrischen Ichs finden sich (neben dunklen Metaphern im Frühwerk) auch beim protestantischen Lieddichter Jochen Klepper, während andrerseits solche Metaphern, ebenso wie selbstreferentielle Bilder allgemein nicht zu den Stärken der Verzeichneten Kästner, Tucholsky und Brechbühl gerechnet werden.

Der Rauswurf eines Gernhardt wird sich nach dem Gesagten auch kaum rechtfertigen lassen, da er zusätzlich zu Kleppers Verfahrensensemble sogar selbstreferentielle Bilder bietet. (Lediglich das etwas schwammige Kriterium „usw.“ bleibt also möglicherweise unerfüllt.) Man mag ihn für überschätzt halten, eine Binse, festzuhalten ist: Seine Tiefsinnverweigerung weist eine „invasive Sprachkritik mit destruktiver Heiterkeit“ auf, die das Vorwort vielleicht mit Blick auf Adolf Endler, Alfred Nolde oder Roald D`Enfer als wesentliches Mittel der Moderne benennt. Der über Blödelei hinaus systematische Zug dieser Gernhardtschen Anlage wird beim Nachschlagen im Band zur Weltausstellungslesung deutlich, wo Gernhardt zwar seine Gemeinsamkeit mit dem ebenfalls auf dem Lesepodium sitzenden Rühmkorf betont, seine mit dessen poetischem Bemühen konvergierenden langen Montagetexte aber zugunsten harmlosen Klamauks unterschlägt, wie er gleichfalls von der Strukturverwandtschaften einzelner seiner Texte mit denen Mayröckers niemals Aufhebens machte. Vom modernistischen Impuls her dürfte sich das immerhin mit Kunert vergleichen lassen. „Als die meisten Germanisten 20 Jahre nach den ersten Verrissen Gernhardts immer noch in den Tenor einfielen, Gernhardt präsentiere nur blödsinnigen studentischen Bierulk…“

Kann man sich zur Kanonisierung unter diesen Vorzeichen nicht entschließen, hätte man den Mut aufbringen können, exemplarisch wenigstens einen Robert Neumann zu verzeichnen. Er hat immerhin so verschiedenes dichterisches Bemühen wie Gernhardts und das eines Michael Lentz beeinflusst. Er erfüllt mithin „das sonst so zuverlässige Kriterium von Einfluss und Wirkung auf nachkommende Dichtergenerationen“, das für die jungen Dichter laut Vorwort nicht mehr zur Verfügung stand.

Das kann also nicht gegen eine Aufnahme von, sagen wir, Brigitte Oleschinski gesprochen haben. Damit fehlen mir jüngere Beispiele für die Herausgeberthese: „Augenfällig, dass zwischen Lyrik und bildenden Künsten, die beide gleichzeitig den atemberaubenden Aufbruch erlebten, eine vorher so nicht gekannte Verwandtschaft entstanden ist.“ Man darf grübeln, ob es ihren Körperperformances an anderem mangelt: „Lyrikerinnen stehen darin [auf der Höhe der Zeit zu stehen] den Lyrikern in nichts nach… Mehr noch, Dichterinnen haben bis heute einen bedeutenden Anteil am Sprachwandel.“

Welche Impulse liefert Dichtung (noch)?

Man hätte aber auch die sechs Jahre seit der Jahrhundertwende nutzen können, irgend etwas über „Einfluss und Wirkung auf nachkommende Dichtergenerationen“ herauszubringen, um das Urteil über die Jüngeren objektiver zu gestalten. Die „Auswahl, wo sie sich dem Ende des 20. Jahrhundert nähert …wird auf Kritik treffen“: Heute kann man wissen, dass Grünbein und Falkner meist von denen ins Feld geführt werden, die für moderneretardierende Momente einstehen. Man kann wissen, dass selbst Schrott Resonanzen auslöst, die in jungen Dichtern vor allem klassische Saiten zum Schwingen bringen. Mit seiner Selbststilisierung als unverstanden angefochtener Dichter und der Rehabilitierung der Kategorie der „poetischen Notwendigkeit“ schließt ein Falkner an ältere Modelle ebenso an, wie ein Wilhelm Lehmann, der mit seinen Äußerungen (etwa „Maß des Lobes“) in Bezug auf Huchel und seine Öffentlichkeit um eine Zurücknahme von Modernität bemüht war. Im Gegenzug erweist sich nach meinen Erfahrungen am deutschen Literaturinstitut (aber nicht nur dort) ein nicht mal im Register verzeichneter Lothar Klünner immer wieder als anschlussfähiger, was die Radikalisierung des poetischen Sprechens betrifft, als die verzeichneten Zech, Fried, Brechbühl, Meister, Kunert oder Krolow. Diese können, man mag es bedauern, als Klassiker im bösen Sinne des Wortes gelten.

Nicht um Modernität scheint es also in diesem Buch zu gehen, sondern um eine gemäßigte Moderne, deutlicher gesagt um eine Apologetik herrschenden Großdichtertums unter Besetzung des Modernediskurses. Alle Politiker sind demokratisch, alle guten Menschen Humanisten und alle großen Dichter modern, was in diesem Sinne auch vom mittleren Goethe gilt. Aufgezogen wird ein Hase und Igel Spiel. Am sicheren geschichtlichen Pol steht ein rigider Modernebegriff, am anderen Jahrhundertende die krude Faktizität des Herrschenden. Um des Spiels willen werden keine echten Kriterien für Modernität gegeben, sondern nur Winke, unter denen sich jeder lediglich ungefähr etwas vorstellt: „Nicht jeder Liedtext, nicht jedes Naturgedicht gehört zur Lyrik des zwanzigsten Jahrhunderts…“. Das mag mit Blick auf Naheliegendes wie Biermann noch plausibel sein, nicht aber für Rappoeten, deren Texte mitunter bspw. Heiner-Müller-Kenntnis beweisen. Sie können mit Sprache so neuartig umgehen, dass man an die Wucht der Opitzschen Versreform denkt. (Assonanz- und Schlagreimtechniken; eine Beschreibung der metrischen Neuerungen nur zu verstehen, verlangte Kenntnisse, die sich mit den üblichen germanistischen Einführungskursen gar nicht erlangen lassen.) Das Prädikat „modern“ bleibt Reformer Kolbe vorbehalten. Jeder Einzelfall, nach dem der Hase läuft, weist eine Zwischenstellung zwischen den Jahrhundertenden auf. Die Germanisten haben sich an beiden Enden in Scheinkriterien eingeigelt. Es reicht im Einzelnen ja schon, denjenigen zu marginalisieren, der eine Neuerung aufnimmt, um einem Dichter das Gastrecht im Kanon zu bestreiten. Heiner Müller fehlt natürlich, wie der nach Brecht vielleicht einflussreichste Lyriker Ostdeutschlands: Maurer.

Da kann man nur, getreu einer verbreiteten Sinnfigur der Moderne, ins Lager der Tradition wechseln und darauf verweisen, dass es einige sehr schroffe Züge der Modernetradition gibt, die für ein solches Spiel ausgeblendet werden müssen. So ist ein theoretischer Antihumanismus der Moderne verschwistert. Er findet sich bei Brecht, Benn oder Müller, obwohl er sich in der Lyrik als menschelnder Gattungsform nur mühselig ausprägte. Immerhin haben die französischen (Post-) Strukturalisten ihre antihumanistische Position in Auseinandersetzung auch mit moderner Dichtung gewonnen, während im vorliegenden Band nicht nur ein Falkner in seinem humanistischen Anliegen gewürdigt wird. Als weiterer Zug der Moderne sei noch die rücksichtslose Unerbittlichkeit des Tons genannt. Die Verunsicherung der Zeitgenossen zieht sich von George, Rudolf Borchardt und Dada, zu Manfred Peter Hein und Carlfriedrich Claus. Diese Unerbittlichkeit räumen Peter Geist und Ursula Heukenkamp ein, obwohl sie bei dem einen oder anderen verzeichneten Rumäniendeutschen oder Krolow sicher schwerer auszumachen ist, als bei manchem außer acht gelassenen.

Nein, Moderne als ästhetischer Begriff bleibt, sei es zu ihren Gunsten, sei es zu ihren Ungunsten, etwas, dass sich von der kruden Faktizität unserer poetischen Gegenwartsumstände absetzen lässt, auch wenn im Sprachgebrauch die Gegenwart immer modern ist.

Es verwirrt etwas, auf diese Mängel hinweisen zu müssen. Sind doch Ursula Heukenkamp wie auch Peter Geist in nicht allzu ferner Vergangenheit gerade für das Gegenteil bekannt geworden: für ihr behutsames wie stetiges Engagement gegen die Verkrustung der literarischen Verhältnisse. Aber vielleicht sind jene, die um der literarischen Gegenwart willen die Kämpfe um die Enthistorisierung einer Moderne mit ausgefochten haben, ebenso wie der in das Ergebnis dieser Kämpfe hineingeborene Rezensent befangen. Vielleicht kann einen relevanten Kanon nur erstellen, wer aus vergangenen Konflikten weiß: dies gilt`s zu behalten. Und so mag der Vorschlag eines Kanons immer ein rückgewandter Don Quichotismus sein, wie der Angriff auf solchen ein Kampf gegen Windmühlen, sodass alertere Kritiker lieber Respekt vorschützen um Distanz zu gewinnen. Vielleicht schreibt sich ein gewisser Traditionalismus auch jedem Kanon ein, der im Abendkleid germanistischer Wissenschaftlichkeit auftreten will. Wie auch immer. Man hätte sich das Vorwort weniger gleisnerisch gewünscht.

Wie schreibt man über Dichter?

Die einzelnen Beiträge sind oft gedrängt und faktenreich. Wo nicht, bieten sie in der Regel immerhin klare germanistische Fachprosa und Informationen, die auch dem Vorgebildeten nützlich sind. Man kann aber nicht sagen, dass der germanistischen Untugend, einfach Motive und Inhalte von Texten herzuerzählen, immer begegnet wurde. Sicher, so etwas erwarten viele (überforderte) Lehrer und Schüler. (Laut Klappe wendet sich das Buch auch an sie.) Diese Erwartung zu erfüllen bedeutet aber, einer Auffassung von Interpretation Vorschub zu leisten, die einen Blick in den Einzeltext scheut. Sie befördert die Haltung, Texte als eine Art Gefäß aufzufassen. In diesem Gefäß hält der Lyriker wichtige Botschaften versteckt, und die gilt es herauszuarbeiten, weil es der Lehrplan fordert. Keine Ahnung woher die Dichter ihre Wahrheit haben und warum sie sie immer verstecken müssen. Da schau ich doch lieber ins Lexikon…

Das betrifft einige Kapitel, bei Gertrud Kolmar ist es besonders deutlich, weil im Gegenzug Relevantes fehlt. Sollte es wirklich so sein, dass die Bildchen der Kaffee-Hag-Packungen nur die „äußeren Anregungen“ für Kolmars „Preußisches Wappenbuch“ abgaben? Steht nicht vielmehr eine bestimmte ästhetische Erfahrung mit diesen Bildern dahinter? Ließe sich über ihre rauen grammatischen Anschlüsse nichts Interessantes sagen?

Zu Ungunsten des Dichters fallen mir zum Kunertartikel keine solchen Nachfragen ein.

Aus anderem Grund ärgerlich ist das Hoddiskapitel. Der Text dümpelt in dünnem biografischem Material vor sich hin. Selbst die versuchte Umwertung des schmalen Gesamtwerkes hätte auf halb so vielen Seiten stattfinden können, die dann mühelos dem Expressionismuskapitel zuzuschlagen wären.

Ein Konstruktionsproblem weist auch der Becherartikel auf. Das eigene Kapitel scheint sich durch Bechers Wirken als Arbeiterdichter in den zwanziger Jahren zu rechtfertigen. „Die Exilgedichte erinnern ironischerweise in Stil und Ton an die Lyrik, die in Deutschland zwischen 1933 und 1945 geschrieben worden ist … Daraus wurde kein neuer Anfang … Zwar zeigen die Sammlungen aus den frühen Nachkriegsjahren … Betroffenheit und Trauer … Dieser Ansatz bricht ab.“ Das ist eine für die Gegenwart beruhigende Position. Liest man Bechers Sonette parallel zu Sitzungsprotokollen in Partei und Ministerium, fällt auf, wie sehr auch diese Texte von eigenen Betroffenheiten zeugen, wenn sie auch so geschrieben sind, dass sie sich klaglos systemkonform lesen lassen. Eine Strategie, der sich von Fall zu Fall ja viele Dichter, selbst ein so wenig verwandter wie Erich Arendt, bedienten. Wenn dichterische Strategien so wenig Aufhebens von sich machen, wird Gedichtedeuten eine beunruhigend paranoide Tätigkeit und über Lesarten schwerer Einigkeit möglich, als alle Arten von Lehrkörper das hoffen müssen.

Und dann wären noch Bechers Monstrositäten wie die Stalingedichte, oder sagen wir, Max Zimmering. „Kennst du den Ob? Kennst du den Jenisej?“ Warum lasten wir solche Monstrositäten, denen doch die Kriegsverherrlichung der Expressionisten in nichts nachsteht, ebenso wie die unfreiwillige Komik solcher Texte im einen Fall immer der Unfähigkeit der Autoren an, während wir bei den Expressionisten andere Ursachen suchen? Auch die Hurralyrik stand vor handgreiflichen neuen Problemen. Vermassung vielleicht apokalyptisch zu schildern ist das eine, wenn man aber zusätzlich diese Massen in aufeinanderbezogene Gruppen und Einzelpersonen auflösen und das lyrische Ich dazu anders positionieren will, hat das ästhetische Konsequenzen. Dass die Aufbaulyriker, im Stich gelassen durch Kulturpolitik, Kriegschaos und meinetwegen den eigenen Charakter, meist zu inadäquaten Mitteln Zuflucht suchten, sei zugestanden. Meint man es aber ernst damit, die Lyriker nach ihrem Einfluss auf andere zu bewerten, muss man sagen: Nicht nur einen Braun hätte es sonst so nicht gegeben.

Ungute Erinnerungen erweckt der Grünbeinartikel. Da gäbe es eine Gesetzlichkeit, erfahren wir. Diese hätte eine Bestimmung und zwar eine „erste, letzte und einzige“ Des weiteren orientiert „die oberste Instanz“ auf diese Gesetzlichkeit. Soweit so prätentiös aber noch verständlich. Aber in der näheren Bestimmung ringt es. (Ringt es im BGB?) und zwar ringt es ums Schreiben – na klar! Es geht schließlich um Grünbein. Genau genommen ringt es um Fortschreibung. Wer hier an das unscharfe Geschwafel denkt, das etwa Gundolfs Goethe zelebriert, liegt nicht verkehrt, nur dass in Thomas Irmers Essay die aristokratische Orientierung auf Künstlertum und Selbstentäußerung durch trendy Neurosprech ersetzt ist. Der Witz daran ist: Setzt man diese biologistischen Einstreuungen wieder ein, stellt sich bei unaufmerksamem Lesen sogar das Verstehenserlebnis ein. Dies rührt aber nicht daher, das der Satz Struktur gewonnen hätte, sondern daher, dass man die Mechanik der verwendeten Fachbegriffe gut genug kennt, um sie sinnvoll zueinander zu ordnen : „Die Hirnforschung relativierte die oberste Instanz als ein Zusammenspiel biochemischer Prozesse, die wiederum im Kontext der Evolutionsbiologie und der damit in Beziehung stehenden Soziobiologie auf eine Naturgesetzlichkeit orientierte, in deren erster, letzter und einziger Bestimmung genetische Codes um ihre Fortschreibung ringen.“ Dass der Rezensent hier nicht einen vereinzelten Lapsus aufs Korn nimmt, zeigen die weiteren Gewagtheiten dieses Satzes: Ein Biologe mag sich, nicht unter Fachkollegen vielleicht, aber sonst, dazu hinreißen lassen von DNA Sequenzen (nicht aber von Codes) zu sprechen die um Fortschreibung ringen, wohl wissend, dass er sich eines Antropomorphismus bedient. Die Codes der Informationstheorie hingegen ringen nicht, so viel sie sich auch fortschreiben.

Ebenso muß man sich unter der „obersten Instanz“ mehrere ziemlich unterschiedliche Dinge zugleich vorstellen, damit der Satz einen Sinn ergibt. Zunächst handelt es sich, es geht um Hirnforschung, also 1. um etwas wie ein Gehirn bzw. was da drin oder dran ist, was schon etwas anderes ist, 2. das Bewusstsein. Weiter handelt es sich aber nicht nur um ein einzelnes Hirn oder Bewusstsein sondern 3. Hirn bzw. 4. Bewusstsein überhaupt. (zu Gundolfs Zeiten hätte die Sprache es noch zugelassen, „Hirnheit“ oder „Hirnlichkeit“ und andere Possierlichkeiten dafür zu prägen.) Als wäre das noch nicht genug, geht es anscheinend auch um Forschungsparadigmen, „die oberste Instanz“ scheint so etwas wie 5. eine Leittheorie unter anderen Theorien zu sein. Wenn es so ist dass eine oberste Instanz auf eine Naturgesetzlichkeit orientiert, könnte ein als empirisch verschriener Wissenschaftler einwenden, muss es sich bei dieser obersten Instanz um 6. etwas wie Datensätze handeln. Das Paradox, von dem Irmer im nicht minder ambitionierten Folgesatz fabuliert, erweist sich damit als hausgemacht, durch mangelnde begriffliche Klarheit.

Czernin weist, mit Bezug auf Grünbein, im „Schreibheft“ darauf hin, dass es zur Erlangung von sprachlicher Präzision nicht ausreicht, einzelne Fachbegriffe ohne deren Kontext aus den Wissenschaftssprachen zu entlehnen. Irmer schätzt diesen Aufsatz nicht sehr. Mit Blick auf Czernins „Polemik“ stellt er fest: „Zugleich war ihre dogmatische Position nicht frei von geradezu reaktionären Einlassungen, was im zeitgenössischen Gedicht erlaubt sei und was nicht – oder wie dies stets über neue Grenzen zu springen habe.“ Auch hier bleibt etwas dunkel, was gemeint sein könnte. Wenn es mit den rechten Dingen wissenschaftlicher Lauterkeit zuginge, wäre diese These von Irmer mit Beispielen oder Zitaten belegt worden. Da dies nicht der Fall ist, lässt sich schwer widersprechen. Hingewiesen sei aber darauf, dass die Grundstruktur der Czerninschen Argumentation weniger darauf hinausläuft, was man darf oder nicht darf, als darauf, was man mit welchem poetischen Tun erreicht. (Sicher ein etwas pejorativer Unterton lässt sich nicht immer vermeiden, wenn man, wie Czernin es tut, Gemeinsamkeiten zwischen Grünbeingedichten und Schlagern offen legt, wenn man zu zeigen sucht, dass einem Schreiben Hierarchien von genuin poetischen oder nicht so poetischen Dingen-an-sich zu Grunde liegen, wenn man darauf verweist, dass ein Wort, bloß weil es in einem Gedicht steht und nicht in Prosa, weder mehr sagt noch unschuldiger wird, es sei denn, man verwendet es auch in anderen Verfahren. Selbst wer Anthropomorphisierungen und Genitivmetaphern als angejahrt empfindet, muss nicht gleich ein reaktionärer Moderner sein usw.) Irmer belässt es bei der globalen Watsche und kann sich, wie einst Gundolf, auf die Vorurteile seines Publikums verlassen, deren Kulturerlebnisse zu dem Bildungserlebnis verkommen sind, aus Texten das zu erahnen, was man längst schon weiß, ohne sich zu fragen, ob das, was da wiedererkannt wird, auch in irgend einem emphatischeren Sinn als Bildung zu bezeichnen wäre. Irmer muss Czernins Aufsatz dazu allerdings fälschlich in einen Zusammenhang mit der schroffen Modernität eines Heißenbüttel stellen. Irgendwas wird schon hängen bleiben. Das ist dann schon fast Journalismus unterste Schublade.

Als Argumente für Grünbeins (antitraditionalistische) Postmodernität kann Irmer neben dessen biologistischer Sentimentalität, und neben den poetologischen Aussagen (die Irmer zu recht relativiert) letztlich nur die reflektierte Abkehr Grünbeins von einer ambitionierten Moderne, wie der der konkreten Poesie anführen. Dies Argument gilt freilich auch uneingeschränkt für Peter Hacks.

Aber genug des Ringens mit Irmers genetischen Codes, deren mindestens typografische Fortschreibung ja gelungen ist. Fast hatte man sie schon für ausgestorben gehalten, aber Spielarten betagten Germanistenwelsches finden sich noch anderswo: “Um auf … spezifische Weise zu sehen, geht der Dichter auf die Position eines anderen Standpunkts oder besser Sehpunkts über: Er überschreitet Grenzen. Dieses poetische Sehen ist mehr als nur bloßes Hinschauen und Wahrnehmen, es erfasst die Dinge und Zusammenhänge in ihren Besonderheiten, ihren jeweils eigenwilligen unterirdischen Zuordnungen, Funktionen und Echoräumen. Das Naheliegende wird mit Entferntem und Verdecktem ins Verhältnis gesetzt. [u.s.w.]“ Was klingt wie aus dem Vorwort eines Staigerschülers zum Band „Meisterwerke der deutschen Dichtung“, soll uns irgend etwas Konkretes über Peter Waterhouse mitteilen. Er hat übrigens einen Gedichtband geschrieben, der „präzise und luzide“ Sprache enthält. Hätten Sie es gedacht? Auch andere Verfasser flüchten sich mitunter in wertende Le(e)hrformeln, etwa York Gothard Mix in Bezug auf Kirsten. Mit dem unterschiedlichen Stil der Lexikonbeiträge „hätten wir doch einen gewissen Beitrag zur sonst am Rande bleibenden Rezeption vorzulegen.“ meinen die Herausgeber dazu salomonisch.

Andere wollen weniger bewundert als vielmehr gelesen werden. Gelesen und bewundert, zumindest von Bruno H. Weder, wird Beat Brechbühl. Überflüssig wird den Beitrag finden, wer für die zarte (vermutlich unfreiwillige) Komik des Kapitels unzugänglich ist. Da werden Texte mit gängigen Themen in schlichten Verfahren vorgestellt, anschließend erklärt und gefeiert. Wer so rustikaler Nachhilfe im Leseverständnis bedarf, geht entweder noch lange zur Schule oder kann für die Lyrik als verloren gelten. Auch hat die Brechbühlgermanistik zum Thema „Einfluss und Wirkung auf die nachfolgenden Dichtergenerationen “ bei mir noch Lücken zu schließen. Bis dahin vermute ich, dass Brechbühl als Quotenschweizer in das vorliegende Werk eingegangen ist.

Dass die Mängel von Weders Artikel nicht (allein) in der Thematik liegen, beweist Sigrid Thielking. Sie hatte mit Erich Fried eine vergleichbare Aufgabe zu lösen. Sie bildet Fried im historischen Horizont ab. Dieser Horizont ist mit wenigen wohlgesetzten Strichen skizziert, so dass dafür Frieds Poetologie nicht aus den Augen verloren wird. Ihr gelingt es dabei, das ambivalente Verhältnis seiner Lyrik zu direkter Propaganda und seine Intertextualität herauszuarbeiten. Der Beitrag zeigt Liebe zum Gegenstand ohne Kritisches vorzuenthalten. Lediglich gegen Schluss gerät der hier mit etwas zu vielen Ausrufezeichen gesprenkelte Text etwas feierlich.

Fazit

Auch wenn das Werk unter falscher Flagge segelt: Es ist für Schule, Studium und Beruf nutzbringend, gerade weil es statt einer Moderne die Klassiker des Jahrhunderts abspiegelt. Gleichzeitig bildet es den Stand der (nicht nur) germanistischen Fachdebatte mit ihren je verschiedenen eingestandenen wie uneingestandenen Voraussetzungen ab. Es ist ihm Verbreitung, und in ein paar Jahren eine wohlfeile Taschenbuchausgabe zu wünschen.

„Was bleibt, dichtet Stifter“

Aus Anlaß des „Open Mike“ 2006

Von Bertram Reinecke

(Vgl. L&Poe 2006 Nov #31. Open Mike im Tief)

Gute Nachricht

Zunächst die gute Nachricht: Viele Zeitungen haben bemerkt, dass der Text von Luise Boege wenn vielleicht nicht das lang erwartete Meisterwerk, so doch ein gut Stück interessanter ist, als die Werke ihrer Mitgewinnerinnen. (Etwa Faz, SZ und FR sind deutlich am wohlwollendsten ihr gegenüber.) Da ist fast schon verzeihlich, dass immer wieder nur Kafka als Kronzeuge für eine solche Moderne herhalten muß und nicht hier zum Beispiel Eich. Für Kafka spricht im Text der Name Optophonet und eine Erzählerfigur, die einer ähnlich unnübersichtlichen Welt begegnet wie die Figuren Kafkas. Die oft gezogene Parallele Optophonet- Odradek mag etwas rüde anmuten, zeigt aber nur, dass Literatur eben auch über nahezu sinnfreie Lautschlüsse funktionieren kann. Ansonsten erinnern sowohl die explizite Selbstthematisierung der Sprache, als auch die quasierotischen Beziehungen der Protagonisten (sehr feminine Männerrollen) eher an die Maulwürfe. Und nicht zuletzt ist Boeges Text wie die Maulwürfe ein Stimmengewirr aus verschiedenen Sprachschichten. (Wenn man freilich Michael Lentz heraushören wollte, müßte man seinen Sprechhabitus kennen.) Soweit die gute Nachricht.

„Weniger Genügsamkeit“

Manches andere ist notorisch ohne Nachrichtenwert, weil es so selbstverständlich ist. Es sei aus aktuellem Anlass ins Gedächtnis gerufen: Wer auch nur annährend so intensiv Prosa schreibt wie Lyrik, der sendet Prosa zu den einschlägigen Wettbewerben, um seine Chancen nicht weiter zu minimieren. Von den achtzehn in diesem Jahr Eingeladenen kenne ich sechs, gleich vier davon ambitionierte Lyrikautoren, die in Berlin ihre Prosa vorstellten. Einen, der es umgekehrt mit Lyrik versucht obwohl er Prosa schreibt kenne ich nicht. (Von den nicht Eingeladenen gar nicht zu reden, das hat für die Öffentlichkeit ja scheinbar keinen Beweiswert.) Laut schildern wird ein junger Autor diese Situation freilich selten. Zu sehr schwebt das Mißtrauen über ihm, zwar technisch brillant zu schreiben, dabei aber nichts zu sagen zu wissen. So meint etwa Jana Hensel in der „Welt“ immer noch „… dass 20- jährige Deutsche noch nie auf so breitem Niveau so gut schreiben konnten wie heute, aber so wenig mitzuteilen haben wie nie zu vor.“ Da wird man sich als Jungautor hinter seinen Text stellen und nicht noch zusätzlich mit den weiteren Möglichkeiten angeben.

„Man möchte … weniger Genügsamkeit fordern, mehr Forderungen fordern, überhaupt etwas fordern“, formuliert die Faz schon am 5. 11. angesichts des ausgewogenen Rollenselbstverständnisses der jungen Schriftsteller. Auch Sabine Vogel bemängelt Bravheit, Strebsamkeit und Risikoscheu. Es wird Anspruchsdenken und das Formulieren von Ansprüchen gefordert. Wenn aber Ijoma Mangold in der SZ die Preisträgerinnen kurzerhand zu Mannequins erklärt, nur weil sie tun, was bei einem älteren Schriftsteller keine Silbe wert wäre (nämlich sich sicher auf der Bühne bewegen) und von Grazien unter Rivalitätsdruck fabuliert, wird man sich eine solche Forderung vielleicht überlegen. Soll bei solch medialem Zickenterror tatsächlich jemand den Mund aufmachen, vielleicht gar Kollegen oder Kritiker verbal angreifen? So viel Doofheit wird man vom nun wirklich schwächsten Glied im Literaturbetrieb denn doch nicht verlangen. Doofheit für eine Dreckarbeit, die man sich selber vielleicht nicht traut. „Kein Erzähler konnte sich als ernsthafter Favorit vom Feld der anderen absetzen.“ Das muß feige Indifferenz sein, denn so viel kritische Inkompetenz wird sich die angesehene FR nicht leisten, oder? Auch Jana Hensel in der „Welt“ will sich nicht die Finger schmutzig machen: „Diesmal nun präsentierte sich ein verstörend homogenes Feld, aus dem niemand hervorstach; aus dem aber auch niemand herausstach, was das eigentlich Erschreckende ist.“ Gleich achzehn Autoren werden mit einem Schlag für nicht satisfaktionsfähig erklärt.

Wertungsindustrie

Andere wünschen sich mehr zeitkritisches Engagement, wie Sabine Vogel und Herr Biller, die etwa Ausland, Migration, DDR und Internet-Sex vermissen. Lesen Sie Heines Wintermärchen (Caput eins reicht schon). Man weiß was man zu hören bekommt, wenn man etwas nur annähernd ähnliches heute (z.B. über Literaturkritiker?) schriebe. Politisch platt, zu pauschal, eine ganze Berufsgruppe so über einen Kamm zu scheren. Man kann das ja machen – aber nicht so. Das Problem: Der Kritiker erwartet nicht nur Zeitkritik, sondern auch noch eine, die mit der eigenen Meinung mindestens einigermaßen konvergiert. … Natürlich ziehen sich da die Autoren damals wie heute von solchen diffizilen Aufgaben zurück, ob bewußt oder mit uneingestandener Anpassung. Und was bleibt, dichtet Stifter. In der Liste der meistgenannten Vorbilder der Endrundenteilnehmer folgt nach dem Erstplazierten David Foster Wallace, neben Dostojevskij ein sehr deutsches Rudel von Autoren, denen ein je individueller Rückzug aus der Misere des Tages eigen ist: Bachmann, Aichinger, Mayröcker und eben Stifter.

Nimmt man die drei Punkte zusammen, stellt sich heraus, dass der Open Mike neben einer Bühne für junge Literaten auch etwas anderes ist: Eine Leistungsschau der deutschen Wertungsindustrie. Und irgendwie ist jeder bis rauf zu Herrn Biller gelangweilt. In der Regel wird das allerdings auf den Rücken der Autoren ausgetragen. Exemplarisch Jana Hensel, die, jüngst in den Betrieb hinaufgeklettert, die Leiter einfach umwerfen möchte. Sie fragt, „… ob deutsche Dichterzimmer vielleicht zu lange nach Talenten durchsucht wurden.“

Wie heißt es so schön bei Pericoli/Pirella: Einen jungen Schriftsteller „zu verreißen ist ein wahres Vergnügen, es macht den andern Spaß, es macht einem selber Spaß – und es kostet nichts.“

Lyrik-Trend?

Die Leistung der Kritk ist natürlich nur die eine Seite eines solchen Preisbetriebes, die andere sind die Juroren. Deswegen für hier noch ein Wort zur Lyrikauswahl von Daniela Seel. Alle drei von ihr gewählten Kandidaten lassen sich lesen, ohne dass einen diese zermürbende Trägheit befällt, die bei der Lektüre selbst hochklassiger Gegenwartsanthologien oft aufkommt. Zu ihren Auswahlprinzipien äußert sie: „Die Gedichte müssen mich selbst überzeugen. Und dann habe ich darauf geachtet, dass unterschiedliche Ansätze in die Endrunde kommen. Dass ich die drei so zusammenstelle, dass man eine Bandbreite von poetischen Möglichkeiten sieht.“ Nun ja, zweifellos kommt Jan Imgrund (in Berlin für einige der Überzeugendste) stärker von Redewendungen her, wärend bei Mathias Traxler Lautspiele über die Vokale sowie Sprünge zwischen verschiedenen Wortfeldern auffallen und Judith Zander einen abgeklärt vorsichtig rhythmisierten Ton präsentiert, der von der Naturlyrik des zwanzigsten Jahrhunderts ebenso weiß wie von Eliot. Eines fällt aber doch auf. Alle drei Lyriker scheinen ihre Gedichte aus dem Satz heraus zu entwickeln. Es gibt Fragmente, sogar Wortreihen, das eigentliche Bindemittel ist aber in jedem Falle die Satzgrammatik. Niemand, dem der Vers das Urphänomen der Lyrik ist, niemand, der seine Texte durch Arbeit am Wort gewinnt. Sollte es etwa so sein, dass es einen Trend gibt? Etwa derart: Nachdem der Vers verschlissen oder bewußt destruiert ist, stellen sich die Dichter nun dieselbe Aufgabe beim Satz? „Nein. Es war breit gefächert.“ sagt Daniela Seel, nach Tendenzen befragt. (Poetenladen) Dann scheint es doch so zu sein, dass sie zwar vielleicht einen guten, aber eindeutig profilierten und etwas rigiden Geschmack hätte. (Dieser läßt sich ja ins kookbooksprogram hinein verfolgen.) Dies soll keine Kritik sein, an einem solchem Profil kommt ein ernster Leser sicher schwer vorbei. Von Interesse ist das vor allem deshalb, weil es ein bezeichnendes Licht auf die Konstruktion des Berliner Preisvergabeverfahrens wirft. Eventuell ist es von Fall zu Fall ja eher nur eine hypothetische Möglichkeit, dass ein Text von seinen Verfahren her genau mit der Schnittmenge arbeitet, die sowohl einen Vorjuror überzeugt, als auch den Endrichter soweit hinter dem Ofen hervorlockt, dass der sich mit vielleicht zwei Gegenstimmen streitet. Die oft spröden Textblöcke, die Barbara Köhlers inneren Filter passieren, sehen ja zum Beispiel anders aus als die oft süffigen, oft hippen Texte, die das Idsteiner Lektorat erfolgreich durchlaufen.

14. Literaturförderung

Den ersten Literaturförderpreis des sächsischen Kunstministeriums erhält der Leipziger Autor Thomas Böhme, der nach Auffassung der Jury zu den herausragenden Dichtern der jüngeren** deutschsprachigen Lyrik gehört. Die Auszeichnung ist mit 5500 Euro verbunden. / FAZ 2.11.

** L&Poe gratuliert herzlich. Die folgende Anmerkung gilt nicht dem Autor, sondern dem Jurorenkreis. Wie viele Jahre der – zusammen oder im Schnitt – zählt, wird nicht mitgeteilt. Jünger als die Jury (oder zB als die vereehrte Ilse Aichinger) ist Thomas Böhme allemal. Insofern – aber auch nur insofern – stimmt das Attribut. Thomas Böhme gehört zu den herausragenden Autoren seiner Generation, der über Fünfzigjährigen, zu denen er seit 2005 gehört! (Aber man sage es nicht dem Ministerium, sonst streichen sie ihn noch von ihren Förderlisten!)

127. Lyrikförderung am Bodensee

Acht junge Kunstschaffende der Sparte Lyrik werden dieses Jahr von der Internationalen Bodensee-Konferenz (IBK) mit einer Gabe von je 10’000 Franken gefördert.

Die Verleihung findet am 23. November im Regierungsgebäude in Herisau statt.

In diesem Jahr werden folgende Kunstschaffende geehrt: Sabine Wen-Ching Wang aus Appenzell Ausserrhoden; Anna Maria Keller aus Appenzell Innerrhoden; Ralf Schlatter aus Schaffhausen; Evtichios Vamvas aus St. Gallen, Karin Fellener** und Andrea Heuser aus Bayern sowie Christine Langer und Nico Bleutge aus Baden-Württemberg. / Schweizer Fernsehen 24.10.

**) Ich vermute mal: Fellner

128. Lyrikförderung in der Schweiz

Das Migros-Kulturprozent lanciert ein neues Modell zur Förderung der Schweizer Literatur und insbesondere der Lyrik. Unterstützt werden Publikationen, Audio-CDs und Veranstaltungen. Die Lyrik-Förderung ist mit insgesamt Fr. 70’000.– dotiert.

Die neue Literaturförderung des Migros-Kulturprozent will … die Lyrik durch Beiträge an die Produktion und Verbreitung umfassend und substantiell unterstützen. Verlage, die qualitativ überzeugende Lyrikbände und -Audio-CDs von zeitgenössischen deutschsprachigen Schweizer Autorinnen und Autoren herausgeben, werden mit einem Produktionsbeitrag sowie zusätzlich mit einem Beitrag an das Autorenhonorar gefördert. Dazu erhalten überregional wichtige Lyrik-Veranstaltungen in der Deutschschweiz einen Förderbeitrag.

Die Lyrik-Förderung startet als Pilot in der Deutschschweiz. Es ist geplant, das Projekt auch in den anderen Sprachregionen der Schweiz durchzuführen. Die Förderbeiträge werden erstmals im Winter 2006 vergeben. Gesuche können ab sofort eingereicht werden. Reglemente und Antragsunterlagen können auf http://www.kulturprozent.ch (Förderung / Finanzierungsbeiträge) bezogen werden. /presseportal.ch

Weitere Informationen: Barbara Kreyenbühl, Leiterin Kommunikation, Direktion Kultur und Soziales, Migros-Genossenschafts-Bund, 01 277 20 79,barbara.kreyenbuehl@mgb.ch.

141. Steckbrief

Eine Anthologie moderner armenischer Lyrik unter dem Titel „Avis de Recherche“ (Steckbrief) ist in Frankreich erschienen. Die zweisprachige Anthologie enthält Beiträge von 20 Autoren aus Armenien und der Diaspora, die alle nach 1945 geboren wurden.

Wäre eine solche Anthologie vor 20 Jahren veröffentlicht worden, hätte vermutlich die Diasporalyrik Protest gegen den Genozid ausgedrückt, die aus Armenien dagegen optimistischen Patriotismus, oder sie wäre angefüllt mit Allegorien. Jetzt ist es umgekehrt.

Die Werke der Dichter aus Armenien sind sozialer, sie drücken Stimmungen von Verzweiflung und Unzufriedenheit aus, die früher von der sowjetischen Realität verursacht wurden und nun von den Auseinandersetzungen im unabhängigen Armenien. Gelegentlich verwenden sie Humor, wie in den Gedichten des ältesten Autors, des 61jährigen Howhannes Grigorjan. Der Buchtitel stammt von einem seiner Gedichte: der französische Ausdruck für „Wanted“. Darin schreibt er: „Am Ende des 20. Jahrhunderts um 16.15 Uhr / verließ das armenische Volk seine Heimat und kam nicht zurück…. / wer es sieht / melde es unverzüglich dem Parlament / das es für ein paar Tage braucht / für Neuwahlen“. … Die Diasporapoeten lieben Metaphern, innovative und persönliche, eine Lyrik asozialer Erfahrungen. Und wenn sie sich mit der Realität versöhnen, dann in Zusammenhang mit Armenien, wie in Vehanusch Tekjans Zeilen: „Mein Land ist traurig, denn ich bin nicht da.“ / Vahan Ishkhanyan, ArmeniaNow.com.

39. Poetik der Beziehung gesucht

Der Dichter Édouard Glissant aus Martinique rettete mit seiner Eröffnungsrede den – von den Vor-Eröffnungsreden der Offiziellen arg belasteten – Beginn des Internationalen Literaturfestivals Berlin, meint die taz vom 7.9.:

Ein „Lob der Unterschiedlichkeiten und der Differenz“ wollte Glissants Ansprache sein, und er trug dieses Lob der Unterschiedlichkeiten sitzend vor, mit einer Stimme, die brüchig war und die immer wieder verloren zu gehen drohte (am Tag drauf wurde bekannt, dass er nach dem Auftritt mit einem Schwächeanfall ins Krankenhaus gehen musste) -, aber die gerade dadurch eine Aufmerksamkeit forderte und auch erhielt, die nach den Grußworten vorher schon ganz unwahrscheinlich geworden war. In Édouard Glissants Rede war der vorher so heftig formulierte politische Anspruch des Literaturfestivals auf eine sehr zurückhaltende Art und Weise eingelöst – womöglich einfach dadurch, dass diese Rede so dicht war und dass sie trotz ihres poetischen Gehaltes ohne viel Worte auszukommen schien.

Einen Mangel an Schönheit in der Welt konstatierte Glissant, und er definierte die Schönheit ausgehend von der Spannung, die aus den Unterschiedlichkeiten und der Differenz resultiere. Dieses Bewusstsein für die Unterschiedlichkeiten ist nun bei Glissant ebenso politisch wie poetisch zu verstehen – und deshalb konnte er davon ausgehend auch ebenso auf die afrikanischen Einwanderer vor den Toren Spaniens und Europas zu sprechen kommen wie auf das Wesen der Kunst, die ein „Streben hin zur Realisierung der Menge an Differenzen auf der Welt“ sei. Eine „Politik der Beziehung“ forderte er ebenso wie eine „Poetik der Beziehung“ – allerdings müsse beides erst noch erfunden werden. Der Anspruch aber, den Glissant mit seiner Parallelisierung von Politik und Poetik formuliert, überzeugte schließlich weit mehr als die vollmundigen „Links von der Mitte“-Bekundungen von Ulrich Schreiber zuvor. / Anne Kraume