7. Euphorisch

Der Band versammelt ausgewählte Gedichte aus den seit langem vergriffenen Gedichtveröffentlichungen „Dich noch und“ und „Das neue Leben“ sowie eine große Zahl neuer Gedichte.

„Dichtung, alle Dichtung“, schreibt Michael Donhauser, „hat ihren Grund, sofern es einen Grund gibt, in der Euphorie!“ Ob Birnbaum, Berberitze, die Spur zweier Spaziergänger im Gras, die Liebe einer Frau: „Der sinnliche Aspekt in meiner Arbeit ist für mich zentral“, sagt Michael Donhauser, und das ausgewogene Verhältnis von Ekstase und Nüchternheit. / Ö1 1.9.


9. César Vallejo, Perus Barde

Die schöne Übersetzung eines großen Dichters der Moderne meldet der Philadelphia Inquirer vom 26.8.:
Was für ein Jahr war 1922. In diesem Jahr erschien T.S. Eliots Gedicht „The Waste Land“, ebenso James Joyces „Ulysses“ und  Jean Toomers „Cane“. Was auch immer man unter „Moderne“ (Modernismus) versteht: 1922 war einer ihrer (seiner) Gipfel.
Im gleichen Jahr veröffentlichte ein Dichter aus Peru ein Buch mit dem Titel „Trilce“ – ohne jede Resonanz zuhause oder in der Welt. Zu anders, zu weitreichend.
Die letzten 85 Jahre haben hinlänglich erwiesen, daß´“Trilce“ verdient, zu den originellsten und erstaunlichsten Werken der Literatur des 20. Jahrhunderts gezählt zu werden. Sein Autor, César Vallejo (1892-1938), hob sich auch von den peruanischen Dichtern ab – er war indianischer Abstammung mit zwei Großmüttern aus dem Andenvolk der Chimú. Heute hat er einen angestammten Platz u nter den besten Dichtern des Jahrhunderts. Und jetzt haben wir diese spektakuläre Ausgabe seiner sämtlichen Gedichte, herausgegeben und ebenso spektakulär übersetzt von dem Dichter Clayton Eshleman. Ein unschätzbarer Dichter, bald erhebend, bald unverständlich, bald unnachahmlich.
Es gibt vier Vallejos, vier Poesien. / John Timpane

The Complete Poetry
A Bilingual Edition
By César Vallejo
Translated by Clayton Eshleman
University of California Press
717 pp. $49.95

In L&Poe: 2006 Nov #133. Gräber; 2007 Mrz #136. César Vallejo komplett

23. Hombroich : Poesie

Vom 11. bis 15. Juli 2007 findet auf der Raketenstation Hombroich (Neuss, NRW) das erste Colloquium für Poesie statt. Elf – unter den ästhetisch interessanten und relevanten – bedeutsame deutschsprachige Lyriker und Autoren treffen sich in einem informellen Forum zu Grundlagenfragen im poetischen Tun. Dezidiert außerhalb geläufiger Übereinkünfte und Gemeinplätze darüber, was das Gedicht betrifft, soll hier das „Projekt der Poesie“ frei von saisonaler Wahrnehmung und medialen Einschätzungen innerhalb des Betriebsgefüges literarischer Öffentlichkeit überdacht und fortgesetzt werden. Teilnehmer sind: Urs Allemann, Franz Josef Czernin, Michael Donhauser, Oswald Egger, Brigitta Falkner, Barbara Köhler, Benedikt Ledebur, Thomas Schestag, Ferdinand Schmatz, Farhad Showgi, Ulf Stolterfoht u.a.
Eine okkasionelle, öffentliche Lesung aller Teilnehmer findet am Samstag, dem 14. Juli 2007 um 19 Uhr statt, ebenso werden die poetologischen Beiträge – unter dem programmatischen Titel Das böhmische Dorf – in Buchform erscheinen.
Das böhmische Dorf. Gemeinnützige Gesellschaft für Literatur & Kunst
Museum Insel Hombroich / Raketenstation
41472 N

116. Vom Berliner…

Poesiefestival berichtet Gregor Dotzauer, Tagesspiegel 28.6.:

Ja, dass Gedichte so frei zwischen den Sprachen hin und her wandern wie beim abendlichen „Versschmuggel“, wäre in Montréal kaum vorstellbar: vom Englischen ins Deutsche, vom Deutschen ins Französische. Eine Polyphonie, die Ken Babstock aus Toronto noch dadurch steigerte, dass sein von Lutz Seiler übersetztes Gedicht „The World’s Hub“ (Die Radnabe der Welt) aus seinem jüngsten Gedichtband „Airstream Land Yacht“ (Anansi) wiederum die Überschreibung eines italienischen Poems von Pier Paolo Pasolini war. Der 1970 in Neufundland geborene Babstock, der als größtes Talent der kanadischen Lyrik in den letzten Jahren gilt, nahm dafür Seilers über die Berliner Fußballplätze segelndes Argonautengedicht „die fussinauten“ mit nach Hause.


81. NAHBELL-LYRIKPREIS AN TEXTHÖLLE

AUS DEM TEXT DER GLÜCKWUNSCH-URKUNDE: „Für die außerordentlich unbestechliche Zeitgeistresistenz des permanenten Gesamtwerkprozesses unabhängig von etablierten Trends und aktuellen Stilen des Literaturbetriebes verleiht das G&GN-Institut  am 21. Juni 2007 Dr. Treznok (www.texthoelle.de/treznok.php) den 8.NAHBELLPREIS. Das Institut für Ganz & GarNix gratuliert und wünscht weiterhin alle Authentizität bei der freien lyrischen Arbeit. gez. Sebastian Nutzlos (Vorsitzender) & Samuel Lépo (Pressechef)“ – Da die finanziellen Engpässe seit der Konkursmeldung des G&GN-Institutes noch nicht behoben werden konnten, kann kein Festakt ausgerichtet und die Urkunde nur per Post zugestellt werden. Auch fand sich bis heute noch immer kein PRIVATER MÄZEN für das anvisierte Preisgeld von über 10 Millionen Euro pro Kopf, das dazu dienen soll, den Preisträgern zu ermöglichen, LEBENSLÄNGLICH SOUVERÄN AUTONOM SOZIALE POETISCHE PROJEKTE ZU REALISIEREN, ohne die Energien ihres dichterisches Genies permanent im Überlebenskampf zu verschwenden. Bisher konnte darum noch keiner der bisherigen Preisträger (darunter z.B. stan lafleur & HEL ToussainT) die Summe in Empfang nehmen. Das G&GN-Institut will mit dem Nahbellpreis auf den Skandal aufmerkam machen, daß besonders Deutschland gerne als „Land der Dichter und Denker“ dargestellt wird, aber die wahren Genies in Wirklichkeit vom Establishment (auch in Schweden) meist komplett ignoriert werden, da sie sich traditionell den jeweils aktuellen Trends & Massenmedienhysterien entziehen, auf die sich das literarisch interessierte Volk von Großkonzernen konditionieren läßt (vgl. dazu die Analyse der Inflation des Popbegriffes hin zur Popperliteratur im Kultbuch „Von Acid nach Adlon und zurück“ von Johannes Ullmaier).

Vgl. L&Poe 2004 Jun #70. Nahbellpreis an Alex Nitsche; 2005 Jun #84. Lyriknahbellpreis an Angelika Janz; 2005 Jun #87. Nahbeller?; 2005 Jun #91. 333333; 2006 Sep #13. Eigenbrödler und harte Kost: HEL mal wieder live

 

86. „das Alphabet ist ein Knast!“

Ach, Majakowski, Chlebnikov. Charms, wer ist das?

Wer noch keine eigene Sprache hat, oder den eigenen Schwurbeleien noch nicht soviel Vertrauen schenken wollte, konnte gestern „im Institut“, in der Wächterstraßenvilla neben dem amerikanischen Konsulat, vis-à-vis der Hochschule für Grafik und Buchkunst zwei gut gebauten Stimmen, der von Valeri Scherstjanoi und der von Michael Lentz mit wahrhaftem Hochgenuss, lächelnd oder grölend zuhören. Ich bin der russischen Sprache leider nicht mächtig, aber das war mal gerade Wurscht. Buchstabe, Laut, das weibliche Genital, traumatisierte Passanten mit Äxten im Kopf, Leuten, denen es um ihre Stimmen und deren Einsatz geht (FÜR ein Publikum, das bereit war mitzugehen, und mitging) nicht darum Eitelkeiten oder Missverständnisse zu pflegen, hat bei mir eine sehr deutliche Spur hinterlassen. Jandl schon länger und O. Pastior seit noch nicht so langem sind futsch, aber es gibt zum Glück noch Kronzeugen der Lautpoesie. Wie das klingt. Anders: Es gibt Lesungen, da geht man pflichtschuldig hin, und dann solche, da sollte man gewesen sein, weil es was bringt. Und wenn einen später dann der Blues vollständig eingeholt hat, so mit vierzig vielleicht schon, und einem nix besseres einfällt als seine Autobiographie „Wie ich´s zu was brachte“ zu schreiben, dann wird man sich gerne an die Anekdoten, die Scherstjanoi auf die Versammelten regnen ließ, nach seiner sehr zufriedenstellenden schweißtreibenden schamanten Performance, erinnern.

/ Konstantin Ames, Leipzig

Scherstjanoi in L&Poe: 2001 Mrz # Drei Stunden Lyrik im ZDF; 2002 Sep # Über die Nacht der Literatur; 2003 Okt # Nossackpreis an Endler; 2005 Sep #48. Schrift. Zeichen. Geste.; 2005 Nov #65. Literatur und Strom; 2006 Jul #55. »Vokabelkrieger«

63. Die Katalanen

(genau wie die Valencianer oder Mallorquiner) sind Zweisprachler, sie gehören der spanischen ebenso wie der katalanischen Welt an. Der Katalanisch schreibende Poet Pere Gimferrer veröffentlichte seine ersten Gedichtbände auf Spanisch, Eduardo Mendoza schreibt seine Romane auf Spanisch und seine Theaterstücke auf Katalanisch, der Spanisch schreibende Javier Cercas übersetzt die Bücher Quim Monzós aus dem Katalanischen ins Spanische, und die Mallorquinerin Carme Riera schreibt ihre Romane gleichzeitig auf Katalanisch und auf Spanisch – „wenn ich mich betrüge, betrüge ich mich selbst“, sagt sie.

Die Zweisprachigkeit ist ein Geschenk, aber eines, das nicht allen Katalanen willkommen ist. Die in Katalonien dominierenden Nationalisten halten Spanien im schlimmsten Fall für eine Besatzungsmacht, im besten Fall für einen ungemütlichen Nachbarn, dem man misstraut, mit dem man sich jedoch gut stellt. Spanisch ist eine Weltsprache, also nützlich, aber das Katalanische ist aus nationalistischer Sicht unumstößlich. Darum wird in Schule und Universität auf Katalanisch gelehrt, der behördliche Schriftverkehr auf Katalanisch abgewickelt und jeder Laden mit Geldbuße bedroht, der seine Waren nicht auf Katalanisch auszeichnet.

/ Martin Dahms, FR 13.6.

Axel Sanjosé schreibt:

ein erster blick auf die vielerwartete liste zeigt mir, dass die katalanische lyrik in frankfurt gut vertreten sein wird. hier die im ersten schnelldurchlauf gefundenen autorinnen und autoren, die in erster linie oder mindestens in gleichem maße als lyriker/innen bekannt sind:

Sebastià Alzamora, Enric Casasses, David Castillo, Narcís Comadira, Feliu Formosa, Manuel Forcano, Pere Gimferrer, Joan Margarit, Miquel de Palol, Francesc Parcerisas, Teresa Pascual, Perejaume, Arnau Pons, Ponç Pons, Albert Roig, Màrius Sampere, Enric Sòria.

was nicht heißt, dass ich ein paar übersehen haben könnte und dass natürlich viele andere auch noch den einen oder anderen gedichtband geschrieben haben. außerdem ist die offizielle liste noch nicht vollständig …

herzlich.axel sanjosé

(Danke! Michael Gratz)

53. Das zweite Wunder Andalusiens

Die bei uns noch kaum erschlossene Welt der großen jüdischen Dichtung des islamischen und christlichen Spanien zwischen 950 und 1492 präsentiert eine Anthologie von Peter Cole. Harold Bloom stellt sie in der New York Review ofBooks, Volume 54, Number 11 · June 28, 2007, vor:

Im Zentrum von Coles Anthologie stehen große Dichter nach jedem Standard: Shmu’el HaNagid, Shelomo Ibn Gabirol, Moshe Ibn Ezra, Yehuda HaLevi—alle aus dem muslimischen Spanien (circa 950 – 1140) — und Avraham Ibn Ezra, Yehuda Alharizi und Todros Abulafia, die im christlichen Spanien und der Provence lebten (circa 1140–1452). Diese sieben Dichter sind den Dichtern der spanischen Renaissance ebenbürtig, wie Garcilaso de la Vega, Fray Luis de León und San Juan de la Cruz. Luis de León stammte übrigens aus einer Konvertitenfamilie (Juden, die 1492 vor die Wahl gestellt wurden, zu konvertieren oder zu fliehen). Er gab die mystische Prosa der Heiligen Teresa von Ávila heraus. Teresa selbst, zum Teil jüdischer Abstammung, mußte eine Untersuchung der Inquisition erdulden, während Luis de León vier Jahre eingesperrt wurde,

Wäre er nur zwei Generationen früher geboren, er wäre einer der kanonischen jüdischen Dichter Spaniens geworden. …

Die außergewöhnliche Wiedergeburt einer großen jüdischen Dichtung bei den andalusischen Juden, die Peter Cole so brilliant präsentiert, muß teilweise als Antwort auf ihre komplexe sprachliche Situation gewertet werden. Im römischen Spanien war ihre Alltagssprache hauptsächlich Latein mit einigen Resten des Aramäischen, nicht Hebräisch. Im muslimischen Spanien nahmen sie größtenteils das Arabische an, die internationale Lingua franca. Zur selben Zeit entwickelte sich ein modifiziertes Latein, genannt Romanisch, zum Altkastilischen weiter, das die Hauptsprache des christlichen Spanien wurde, einschließlich der dort lebenden sephardischen Juden; in der Diaspora nach der Vertreibung des Juden 1492 wurde es Ladino genannt (ein Wort für Latein). Im muslimischen Spanien wurde das Arabische fast überall zur Sprache der Juden, ebenso Wissenschafts- wie Alltagssprache. Ohne die arabische Lyrik und ihre Traditionen hätte es die hebräischen Dichter Spaniens nicht gegeben. Eine Art Judäo-Arabisch, geschrieben mit hebräischen Buchstaben, wurde zum universalen jüdischen Verständigungsmittel – außer in der Lyrik, die auf Hebräisch geschrieben wurde.

The Dream of the Poem: Hebrew Poetry from Muslim and Christian Spain, 950–1492
translated, edited, and with an introduction by Peter Cole
Princeton University Press, 548 pp., $50.00; $19.95 (paper)

 

Schmuel (Samuel) HaNagid ist ein Kapitel in Raoul Schrotts Anthologie „Die Erfindung der Poesie“ gewidmet. Die Anthologie „Das Wunder von al-Andalus. Die schönsten Gedichte aus dem maurischen Spanien“ von Georg Bossong, C. H. Beck, München 2005, enthält auch hebräische Dichter.

Al-Andalus in L&Poe: 2002 Jul # Poet´s Choice; 2004 Dez #24. Geistige Erneuerung statt Vorbeter; 2004 Dez #53. Wie Frauen im Islam dichten; 2005 Mrz#77. Meddebs Palimpseste; 2005 Mai #32. Arabische und hebräische Lyrik aus Spanien; 2005 Jul #74. Das Wunder von al-Andalus;2005 Aug #12. Algerischer Malhoun-Dichter gestorben; 2005 Sep #51. A Muh a Muh; 2005 Sep #116. Zajal;2006 Feb #56. Leider kannte keiner; 2007 Mrz #57. Meister Eckhart & Al-Andalus; 2007 Mrz #73. Auch Marrakesch

37. Klangwunder, Ausdrucksanthropologie

Thomas Poiss preist Anja Utlers jüngsten Lyrikband als Klangwunder an, das man unbedingt „laut lesen“ sollte, um es ganz genießen zu können. Wie schon in ihrem Lyrik-Debüt entfalte die Autorin eine „Anthropologie des Ausdrucks“, sie spiele mit Rhythmus, Klang und Zeichensetzung, ohne sich jedoch darin zu verlieren, lobt der Rezensent. / FAZ 10.5.2007, referiert bei Perlentaucher

38. Romantiker und Chronist des Untergangs

Jizchak Katzenelson wurde 1886 in Weißrußland geboren. Er lebte in Lodz und veröffentlichte schon früh – ab 1904 – seine ersten Gedichte in Warschau. Er schrieb in zwei Sprachen, Jiddisch und Hebräisch. Sehr bald wurde er auch als Prosa- und Stückeschreiber bekannt. 1910 übernahm er die Schule seines Vaters, die er bis 1939 leitete. Dann kam er für drei Jahre in das Warschauer Ghetto. Nach der Vernichtung des Ghettos durch die Deutschen kam er in ein Lager für bekannte Persönlichkeiten in Vittel. Im April 1944 wurde er nach Auschwitz deportiert und gleich nach der Ankunft ermordet…

Seine musikalischen und romantischen Texte inspirierten zahlreiche Melodien, die in der jiddischen Welt so populär wurden, daß man die Herkunft der Texte vergaß. Als romantischer Dichter übersetzte er auch gern und widmete viele Jahre seines Lebens der Übertragung Heines ins Jiddische. Er führte die Themen, Bilder und Stimmungen der Romantik in seine beiden Sprachen ein: die Schönheit der Natur und ihre Gleichgültigkeit dem Menschen gegenüber, die meditative Einsamkeit, Glück und Unglück der Liebe, den Reiz des Unbekannten, die Erinnerung, die in vielfachen Formen auftritt, bald bitter, bald betörend.

In drei versiegelten Flaschen, vergraben beim Ausgang, in einer Spalte im sechsten Pfosten, unter einem Baum, überdauerte sein „Gesang vom ausgerotteten jüdischen Volk“ und wurde erst 1984 vollständig veröffentlicht. / François Xavier, Le Mague 10.5.2007

Yitskhok Katzenelson, Le Chant du peuple juif assassiné, traduit du yiddish par Batia Baum, présenté par Rachel Ertel, Zulma, mars 2007, 157 p. – 9,50 EU

In L&Poe: 2004 Jun #46. Katzenelson/ Biermanns Denkmal in Worten; 2004 Sep #90. Trogt zikh a gezang; 2005 Jan #89. „Weh mir“; 2006 Mrz #22. Nizza Thobis neue CD „Jiddisch is gor nischt asoj schwer“; 2007 Feb #48. Endlich auf Deutsch

30. Poesie graphisch – Skandinavische Lyrik auf Bodoniblättern

Im Rahmen des Festivals Nordischer Klang in Greifswald

Universitätsbibliothek Greifswald

Ausstellung „Poesie grafisch“

Der Schweizer Lyriker, Romancier, Verleger, Drucker, Graphiker und obsessive Lustleser Beat Brechbühl gibt seit vielen Jahren seine „Bodoniblätter“ heraus, benannt nach dem Gestalter einer Schrift, die seinen Namen trägt. Brechbühl kennt sich in der Weltliteratur, auch gerade in der skandinavischen Literatur hervorragend aus. Unter den Graphik-Lyrik-Blättern, die er mit Bleisatz und Handpresse höchstpersönlich gestaltet und herstellt, finden sich schon lange Gedichte von Georg Johannesen, Einari Vuorela, Nils Aslak Valkeapää und Jan Erik Vold. Als Auftragswerk des Nordischen Klangs entwarf, setzte und druckte Brechbühl jetzt weitere Graphikblätter mit Gedichten von u.a. Gunnar Ekelöf, Tomas Tranströmer, Klaus Rifbjerg, Inger Christensen und Tarjei Vesaas. Entstanden ist so eine wunderschöne und repräsentative Anthologie skandinavischer Lyrik im Format 50×70. Die einfachen graphischen Gestaltungsmittel, Farben und Schrifttypen, mit denen Brechbühl jedes Blatt zu einer Überraschung werden läßt, betonen das Materielle, die Schriftlichkeit der Lyrik und geben ihr einen exklusiven Rahmen, der sie neu erfahrbar macht.

Als Kleinverleger erhält Brechbühl für seine Graphikblätter und die sorgfältig gestalteten und hergestellten Bücher immer wieder höchstes Kritikerlob und öfter mal Preise für das schönste Buch des Jahres. Als Handpressendrucker arbeitet er „mit giftigem Blei, mit Farben, die man nicht essen soll und Waschmitteln, die man leicht mit Tee verwechselt“. Er darf kein kalkulierender Geschäftsmann sein – deshalb wohl die abgewehrte Versuchung, Farben zu essen und Waschmittel zu trinken. Die skandinavischen Lyriker, die Brechbühl auf Bodoniblättern verewigt hat, sind auf eine kongeniale Künstlernatur getroffen.

Von jedem Blatt gibt es 33 nummerierte und signierte Exemplare, die zum Kauf angeboten werden. Brechbühl wird bei der Eröffnung der Ausstellung in der Universitätsbibliothek anwesend sein.

Außerdem u.a.:

Donnerstag 10.5.

14.00 Uhr – Nordisches Institut

Vortrag: „Der Liederdichter Alf Prøysen“

von Knut Imerslund (Distriktshochschule Hedmark/Hamar) N auf Norwegisch

Sonntag 13.5.

20.00 Uhr – Theater

Kari Bremnes N

Exklusivkonzert der faszinierenden, norwegischen Songpoetin

59. Wordsworth-Rap

10.4.2007

200 Jahre danach kann man das Gedicht über „Daffodils“ (Osterglocken) von William Wordsworth als Popvideo gerappt hören bzw. sehen. / Guardian 11.4.

Hier der Anfang in beiden Fassungen:

The original:

 

I wandered lonely as a cloud
That floats on high o’er vales and hills,
When all at once I saw a crowd,
A host, of golden daffodils;
Beside the lake, beneath the trees,
Fluttering and dancing in the breeze.

 

The rap:

 

I wandered lonely along as if I was a cloud
That floats on high over vales and hills
When all at once I looked down and saw a crowd
And in my path there was a host of golden daffodils
so Check it!
The kind of sight that puts your mind at ease
I saw beside the lake and beneath the trees …

 

The rap can be heard on www.golakes.co.uk/wordsworthrap

Wordsworth in L&Poe: 2001 Mrz # Osterglocken (Golden daffodils); 2001 Mrz # Largely through the mediation of Coleridge; 2001 Jul; 2002 Apr # William Blake; 2002 Sep # Wordsworth was in town; 2004 Mrz #62. Massen-Simultanlesung; 2004 Apr #55. Nächtliches Abenteuer eines werdenden Dichters; 2004 Aug #49. Prelude zu Freud; 2005 Feb #68. ANNE WINTERS is a nature poet; 2005 Mai #44. Wenn Amerikaner Sonette schreiben; 2005 Mai #100. Fußnotenpflicht für Lyrik; 2006 Mrz #119. Was wir zuerst gelesen; 2006 Jul #107. Bum-bum-bum bum-bum…; 2006 Dez #35. Gotisch, zweideutig, amoralisch; 2007 Feb #52. Die Freundschaft; 2007 Mrz #120. Sturm (im Wasserglas?) der US-amerikanischen Lyrik; 2007 Apr #28. Gaga for Brecht; 2007 Apr #45. Über das Verhältnis von Autobiographie und Lyrik

132. Armenier und Dichter

In La Rochelle gibt es nicht viele Armenier, aber die Gemeinschaft der Poeten ist gut vertreten, schreibt Rémy Prin bei Yevrobatsi („Armenier Europas, Bürger der Welt“). Vor allem gibt es «das Volk der Poeten. Für mich ist Grigor von Narek Franzose und Apollinaire Armenier », sagt Howhannes Grigorian, armenischer Lyriker, bei einer Veranstaltung zum „Frühling der Dichter“ in La Rochelle.

136. César Vallejo komplett

Die erste vollständige Übersetzung des peruanischen Dichters César Vallejo (1892-1938) erschien in einer zweisprachigen Ausgabe Spanisch-Englisch in der University of California Press. Vallejo wird manchmal der schwierigste moderne Dichter in spanischer Sprache genannt und fast immer einer der besten neben Lorca und Neruda. Es sei daher eines der wichtigsten Bücher dieses Jahres. Mario Vargas Llosa schreibt in seinem Vorwort, Vallejos Werk habe „einen nicht auf reine Vernunft reduzierbaren Kern, ein geheimes Herz, das sich allen Anstrengungen entzieht, die das rationale Begreifen unternimmt, es richtig zu verstehen.“ Das erkläre, warum der Übersetzer Eshelman ein halbes Jahrhundert dafür brauchte. Sein Nachwort wird diejenigen schockieren, die glauben, Übersetzen sei eine kaltblütige akademische Übung.  / Buffalo News 25.3.

“Complete Poetry of Cesar Vallejo” Bilingual edition edited and translated by Clayton Eshelman (University of California Press, 716 pages, $49.95).

Außerdem in der Sammelbesprechung: Carl Dennis / Conversation Pieces: Poems That Talk to Other Poems / Kenneth Koch
Auf Deutsch lieferbar:

César Vallejo
Werke I – IV
Gedichte (spanisch / deutsch)
(übersetzt von Curt Meyer-Clason,
hrsg., mit Anmerkungen und einem Nachwort von Alberto Perez-Amador)
zus. 4 Abb., zus. 1525 S., geb., m. Lesebändchen, 2000
ISBN 3-89086-809-6 ISBN 3890868096
80 EU

In L&Poe 2006 Nov #133. Gräber

95. Koloniale Lebenslüge Frankophonie?

44 französischsprachige Schriftsteller, darunter Tahar Ben Jelloun, Édouard Glissant, Jean-Marie Gustave Le Clézio, Erik Orsenna und Jean Rouaud, haben in der Literaturbeilage von Le Monde am 16.3. ein Manifest gegen die französische Lebenslüge der Frankophonie veröffentlicht. Sie wollen nicht länger als Exoten am Rande gesehen werden. Titel ihres Manifests: „Für eine „Weltliteratur“ auf Französisch“. Es beginnt so:

Später wird man vielleicht von einem historischen Augenblick sprechen: Der Prix Goncourt, der Grand Prix du roman (Große Romanpreis) der Académie française, der Renaudot, der Fémina und der Goncourt des lycéens (Goncourt-Preis der Gymnasiasten) gingen im letzten Herbst an Autoren, die nicht in Frankreich leben. Einfacher Zufall, der ausnahmsweise Talente aus der „Peripherie“ traf, bevor der Fluß in sein Bett zurückfließt? Wir denken im Gegenteil: kopernikanische Revolution.

Die Idee einer Weltliteratur auf Französisch liege in der Luft, schreibt Radio Canada. Im letzten November sprachen der Franzose Jean Rouaud und der Franko-Kongolese Alain Mabanckou bei einer Veranstaltung in Bamako, Mali über das Thema. Jean Rouaud schrieb: „Die französische Sprache hat die Insel der Stadt verlassen, um einen Archipel zu bilden.“

JOHANNES WILLMS berichtet in der SZ vom 17.3.

Zum Vergleich verweisen sie auf die glücklichen „Kinder des einstigen britischen Imperiums“, die sich längst einen legitimen Platz in der englischsprachigen Literatur erobert hätten, eine Feststellung, die sich kaum bestreiten lässt. Fragt sich also durchaus zu recht, warum den auf Französisch schreibenden Autoren aus Afrika, aus Haiti oder von den Antillen bislang nicht das nämliche Glück beschieden ist wie jenen. Die naheliegende Antwort, die von den Autoren des Manifests gegeben wird, stellt das Konzept der „Francophonie“ in Frage. Niemand, so heißt es, spreche oder schreibe „francophon“, alle bedienten sich lediglich des Französischen als Sprache, um die Erfahrungen und Farben ihres je eigenen kulturellen Seins und Erlebens auszudrücken. Die „Francophonie“ aber sei der zähe Zuckerguss, der alle Unterschiede verkleistere und damit der restlichen Welt die Existenz der Kultur und Sprache eines bloß virtuellen Landes vorgaukele.

Deshalb gelte es, die Fesseln der „Francophonie“, dieses letzten kolonialen Betrugs aufzusprengen, damit endlich das Französische als eine Weltliteratursprache ins Leben treten, Künstler und Erzähler dem noch immer Unbekannten in der Welt eine Stimme und ein Gesicht geben können.

Frankophonie in L&Poe: 2005 Jun #44. Unsichtbare Literatur; Jun #101. Doppelsprache; Jul #17. Poésie congolaise; Aug #68. Über die frankophonen Literaturen; Nov #51. Kateb Yacine: ein Leben, eine Legende; 2006 Feb #82. Senghor-Jahr; Mrz #20. „Adelf“ und afrikanische Spiritualität; Mrz #97. Es gibt sie immer noch; Dez #47. Senghor 1