Über eine neue Anthologie von DDR-Lyrik schreibt Ronald Pohl im Standard vom 26.9. Ich verstehe nicht alles, und nicht alles, was ich verstehe, entspricht auch meiner Meinung – wie dem sei, Zitat:
Wenn man während der Gründungsjahre allerlei anverdauten Rilke liest, so kann man sich immerhin auf das späterhin Geglückte freuen: Der von Heinz Ludwig Arnold und Hermann Korte unter Zuhilfenahme emsigen Studentenfleißes edierte Band geht streng chronologisch und in Wahrheit gar nicht qualitätsheischend vor. Wolf Biermann, den sie 1976 hinauswarfen, wusste schon tief in den Sechzigern: „Die Gegenwart … ist mir der bittre Anfang nur, schreit / Nach Veränderung …“
Gedichte aber, die nur der Vorgriff auf letztlich paradiesische Verhältnisse sind, können gar nicht „glücken“ . Sie sind authentischer Ausdruck von Mängeln, die es zu überwinden gilt. Man kann hellauf lachen: „Moskau!! Wie frei das klingt, / wie das jubelt und singt …“ , dichtete Kurt Huhn in den 1950ern. Andere wieder glaubten feststellen zu müssen: „In Bonn hat Deutschland aufgehört zu sein …“ . Der Witz liegt in der Nennung des Autors: Rudolf Bahro durchlebte wenige Jahre später ein lupenreines Dissidentenschicksal.
Es gibt freilich Verse aus der Feder Volker Brauns („Sächsische Dichterschule“ ), die – mit einem unmodernen Wort gesprochen – schlechthin inkommensurabel sind, die bleiben werden. Nur im Gelingen – wie späterhin auch bei Papenfuß-Gorek oder Grünbein – wird deutlich, dass gesellschaftliche Bewegungen auch dann, wenn sie ins Abseits drängen, Energien freisetzen. Die Dichter benützen diese; sie wissen die Wiedervereinigung dann auch kaum zu schätzen. Gesagt, wie es wirklich war – das haben jeweils nur sie.
„Lyrik der DDR“ . Anthologie, herausgegeben von Heinz Ludwig Arnold und Hermann Korte. € 24,95 / 450 Seiten. S. Fischer, Frankfurt am Main 2009
Wie kommt es, dass Erich Arendt außerhalb eines kleinen Kreises von Kennern, die ihn mit dem berühmten Paul Celan auf eine Stufe stellen, unbekannt geblieben ist? / fragt Manfred Jäger im Deutschlandradio
Kleine Form | Fr 25. + Sa 26.9. um 20 Uhr im F40-Studio
Haha-istische Konzeptverwerfung mit zwei Figuranten, als beliebige Projektionsflächen dienend.
McKinsey rät zum Einstellen des Spielbetriebes, um die Kosten zu minimieren. Deswegen stellen wir die Frage: Was kostet eine Stunde Theater – Licht, Heizung, Miete, Kalorienverbrauch der Darsteller? Und, wie können wir es schaffen, Sie am billigsten zu unterhalten? Wir spielen nicht mehr, sondern liefern Ihnen nur noch die Konzepte.
Es treten auf (konzeptionell): Veronica Verriss, Armin Müller Strahl, Tom Gruß, Nicole Kidmän u.v.a. Konzeptionalisten: Roland Strehlke, Torsten Holzapfel, Bühne: vorhanden, Licht: gedimmt, Musik: GEMA-freies Vogelgezwitscher sowie das Hintergrundrauschen der defekten Klospülung, Heizung: aus
Foto: Thomas Janke TICKETS: 5,-
Theater Thikwa, F40, Fidicinstr. 40, 10965 Berlin-Kreuzberg
F40 ist barrierefrei
U6 Platz der Luftbrücke, Bus 104, Bus 248, N6, N7
Sonderpreise: Gruppen ab 10 Besuchern zahlen pro Karte 1 Euro weniger.
Wer einen Berlinpass vorlegt, kann für alle Vorstellungen ein 3-Euro-Kulturticket erwerben.
Neue Reservierungs-Telefonnummer: 69 50 50 922, tickets@thikwa.de
Harry Hoerler ist bei Berlin geboren. Bei Berlin auf Deutsch-Neuguinea, einem palmenumsäumten Hafennest in der ehemaligen deutschen Südseekolonie. Im roten Hawaiihemd unterm schwarzen Anzug, die grauen Locken dunkel gefärbt, erinnert Hoerler an einen Zirkusdirektor; und auch seine Sprache stiftet Verwirrung: „Ganse Welt is ferik“, sagt er und lächelt philosophisch. „Ferik“ ist die Welt, „verrückt“, wenn man wie Hoerler zu den letzten 100 Sprechern der einzigen deutschbasierten Kreolsprache gehört und die übrigen Sprecher über verschiedene Inseln verstreut leben; „ferik“, wenn man sein Unserdeutsch nur noch mit Blumen und Schmetterlingen spricht. Auch die Erzählerin, Yvette Coetzee, führt auf der Bühne eigentlich einen Dauermonolog – wären da nicht die Audio- und Videoeinspielungen, Schatten und Objekte, Kreidegemälde und -animationen, mit denen sie sich die Abwesenden als Dialogpartner herbeiholt. Als Grundlage für ihr „dokumentarisches Südseemärchen“ hat Regisseurin Unger im letzten Jahr zehn der letzten Unserdeutsch-Sprecher auf Papua-Neuguinea besucht und interviewt. / taz 21.9.
„Wir erleben ein Massaker in diesem Land der Utopien. Der Regierungschef braucht sich nur zu erkälten, und schon müssen die Massen mit ihm niesen.“
So beginnt das Gedicht, in dem der chinesische Dichter Liao Yiwu im Juni 1989 seinem Entsetzen über das Blutbad auf dem Platz des Himmlischen Friedens Luft machte. Mit bebender Stimme trug er es seinen Freunden vor, die es auf Kassetten und Videos verbreiteten. Bei Chinas traumatisierten Studenten genoss „Massaker“ bald Kultstatus, wofür Liao mit vier Jahren Haft und Folter bezahlen musste.
Zwanzig Jahre später hat die Kommunistische Partei dem Schriftsteller noch immer nicht verziehen und verbietet ihm deshalb, in Deutschland am Rahmenprogramm der Frankfurter Buchmesse teilzunehmen. Das Berliner „Haus der Kulturen der Welt“ hat den 50-Jährigen für den 10. Oktober zu einer Podiumsdiskussion zum Thema „China schreiben“ eingeladen, doch am Mittwoch teilten die Sicherheitsbehörden Liao nach eigenen Angaben mit, dass er nicht ausreisen dürfe. / Bernhard Bartsch, FR 24.9.
»Tolú«, seine Gedichte aus Kolumbien, »Feuerhalm», schließlich »Entgrenzen« (seine Altersgedichte), waren immer nur einem kleinen Kreis von Lesern wichtig, aber die konnten sie nicht vorstellen, ohne sie zu leben. Und wieder war es der Rostocker Hinstorff Verlag und sein Führungsduo Kurt Batt und Konrad Reich, die dem Befeindeten – wie so vielen anderen im Zentrum der Kulturpolitik Beargwöhnten, von Fühmann, Plenzdorf, Fries bis Jurek Becker – eine Verlagsheimat boten.
Spanien an der Ostsee? Das Meer war für Arendt Metapher für Glanz und Abgründigkeit aller Sehnsüchte. Bei Hinstorff erschien dann 1968 der umfangreiche Band »Aus fünf Jahrzehnten. Gedichte von Erich Arendt«, mit einem Essay von Heinz Czechowski, später dann auch »Spanien-Akte Arendt«.
Was fasziniert an seiner Sprache, die ihn zu einem der wichtigsten deutschen Lyriker des 20. Jahrhunderts machte? Dass er sich den Eros der Worte von niemandem, keiner Ideologie, keinem guten politischen oder moralischen Zweck je abhandeln ließ, von kommerziellen Zwecken gar nicht zu reden. Arendt war auf hinreißende Weise kryptisch, gemessen an herrschenden Uniformitäten geradezu elitär, man musste sich mühen, in seine Wortwelten, die einen inneren Traumlogik folgen, einzudringen – und da war man immer nur ein kurzer, wenn auch reichlich beschenkter Gast. In dem Gedicht »Abseitshell« lese ich: »Wort / alt wie das Meer / sterblich / mit mir // daß sichtbar / sein Pulsschlag / mach hautlos / fest das Gedicht // fern sind die Schüsse / mauernarbend«. / Gunnar Decker, ND 25.9.
Vor Monaten, am 4. April starb der Kieler Dichter Klavki im Alter von 36 Jahren. Die Nachricht kam nicht zu mir. Erst jetzt erhielt ich die Todesnachricht in einem Artikel der Kieler Nachrichten vom 7.4., den mir Ron Winkler zuschickt. Obwohl ich Texte von ihm auf CD hören konnte, findet sich keine Nachricht über ihn im L&Poe-Archiv – das bedeutet, daß ich trotz ausgedehnter Recherchen keine Nachrichten gefunden habe; und daß zu meinem bundes- und weltweiten Korrespondentennetz niemand aus Kiel oder z.B. Rostock (wo er ein Stipendium bekam) gehört. Hier die nachgetragene Meldung:
Sein Markenzeichen aus dieser Zeit, die grüne Trainingsjacke, sein „Slam-Kostüm“, legte Oliver Eufinger bald darauf ab, aber das Mikro nicht aus der Hand. Seine ersten Bücher waren folgerichtig zwei Hörbücher (erschienen bei assembleART.com) sowie immer wieder Klangmontagen aus seinem stetig wachsenden, ja wuchernden Fundus hunderter Gedichte und lyrischer Prosa. Er blieb einer, der die Sprache aus der Schrift befreien wollte, vom bloß geschriebenen zum geschrienen Wort.
Zusammen mit dem Künstler Marcus Meyer erfand er „Schrift im Land“, riesige Leuchtbuchstaben, die an der Autobahn nach Kiel, dann auch im Rahmen der Kulturaktionen gegen den G8-Gipfel in Heiligendamm die Nacht buchstäblich poetisch erhellten. Es folgten die Projekte „Take a Poem“, aphoristische Gedichte und Wortsplitter auf kleinen Kärtchen, zum Mitnehmen ausgelegt in Kneipen oder einfach irgendwo „liegen gelassen“, und „Poesie im Alltag“, rund 300 Texttafeln, mit denen er im Oktober 2008 die Kiel-Linie zur Lesemeile machte. / Jörg Meyer, Kieler Nachrichten 7.4.
4.+6.10.09
4.Poemie-Tour „I AM STILL NOTHING BUT (A)LIVE“ (Wien 2009)
Tom de Toys
„…wer denkt, löst auf, hebt auf, katastrophiert, demoliert, zersetzt, denn Denken ist folgerichtig die konsequente Auflösung aller Begriffe (…) das heißt, über mich selbst und über Leichen von Philosophien geh’n, über die ganze Literatur, über die ganze Wissenschaft, über die ganze Geschichte, über alles…“ (Thomas Bernhard, in: „Ansprache bei der Verleihung des Georg-Büchner-Preises“, 1970)
Literatur die leuchtet
Während des gesamten Oktobers 2009 laufen von Tom de Toys u.a. die beiden legendären Gedichte „SKANDAL“ (auf der uep-CD+DVD „Das Wort ist ein Virus in der Automatik der Städte“ vertont & verfilmt; Label: schaltkreis) und „INFLATION“ (im Kultbuch „Von Acid nach Adlon und zurück“ auszughaft hörbar und vollständig auf der DR2-Bandseite) sowie ein brandneues bis dahin unveröffentlichtes als elektronische Laufschrift in Endlosschleife vor dem Café FLEX am Donau-Ufer über die sogenannte LICHTZEILE (Konzept: Christine Böhler), die seit März 1996 besteht: zuerst am Museumsquartier, seit Herbst 1996 im Flex, seit Dezember 1998 auch im Internet. Die Lichtzeile ist eine 9m lange elektronische LED- Anzeigetafel und ein Ticker im WWW. Eine Leuchtschrift als „öffentlicher Drucker“…
Parallel dazu steht De Toys außerdem vorort live on stage im Rahmen seiner zweiten Wiener Mini-POEMiE-Tour: beginnend am 4.10. im Café ANNO, gleich im Anschluß daran am 6.10. mit zwei nicht minder berühmt-berüchtigten Wiener Kollegen in der ARENA als Exklusiv-Trio – und weitere Vorlese-Events sind noch in Planung…
TOUR-START: Sonntag, 4.10.09 @ „ALSO“
„NOTHING BUT (A)LIVE“
Tom de Toys performt und improvisiert seine Live-Lyrik…
c/o Cafe Anno, Lerchenfelderstr. 132, 1080 Wien
Beginn 20h – Eintritt frei
U6 Thaliastraße, 46 Schottenfeldgasse
Bisherige Lesungen im „ALSO“- ARCHIV
Kontakt: Andreas Plammer & Judith Purkarthofer
Dienstag, 6.10.09 @ „BEISL“ in der „ARENA“ (Saisoneröffnung)
„NiCHTS! NiEMAND! NiRGENDS! NiE!“
WARUM TEXTE HÖRBAR SIND…
Exklusive 3er-Poesie-Performance von Tom de Toys (Berlin: www.DeToys.de) mit melamar & Thomas Havlik (beide Wien)
Baumgasse 80, 1030 Wien
Entstehung der LICHTZEILE
1993, bei dem Festival „wörter brauchen keine seiten“ schrieben Elfriede Jelinek, Bodo Hell, Ferdinand Schmatz und Werner Kofler Texte für die digitale Leuchtwand am Westbahnhof.
1995 hat Literatur + Medien beim Österreichschwerpunkt der Frankfurter Buchmesse dieses einfache Konzept des „öffentlichen Druckers“ fortgeführt: im Österreichpavillon und im Hauptbahnhof Frankfurt. Im März 1996 wurde die Lichtzeile im Rahmen des Festivals „Literatur im März / word up“ am Wiener Museumsquartier installiert.
Im November 1996 ist die Lichtzeile nach acht Monaten Dauerbetrieb übersiedelt: die Leuchtschrift hängt nun im Flex, Österreichs größtem unabhängigen Jugend- und Kulturzentrum, das mit hunderten Besuchern in der Woche eine große „Leserschaft“ bietet. Auf der Außenfassade des Flex steht sie zusätzlich den Spaziergängern am Donaukanal zur Verfügung.
Seit November 1998 kann die Lichtzeile auch über das WWW beschrieben und gelesen werden. Die Internet Lichtzeile wurde im Rahmen des Pegasus Literaturwettbewerbs (veranstaltet von IBM, Die Zeit und Radio Bremen) im ZKM Karlsruhe präsentiert.
Die Lichtzeile ist 100% Linux betrieben.
In der vierten, vollständig überarbeiteten und um ein langes Nachwort ergänzten zweibändigen Auflage ist die Studie «Pfeile gegen die Sonne» erschienen, die Thomas Collmer dem 1971 im Alter von 27 Jahren verstorbenen Doors-Sänger und Dichter Jim Morrison gewidmet hat. Collmer beherrscht die Kunst des Kontexte explizierenden Essays; das bewies er bereits mit Arbeiten über Hegel, Marx, Poe, B. Traven, Ploog u. a. m. Nun legt er mit dem beinahe 1000-seitigen Textgarten das Gründlichste vor, was je über die Gedichte und Songtexte des Doors-Barden geschrieben worden ist; allein das 50-seitige «Literaturverzeichnis (inklusive Tonträger)» erweist sich als wahre Fundgrube. / NZZ 24.9.
Thomas Collmer: Pfeile gegen die Sonne / Der Dichter Jim Morrison. Maro-Verlag, Augsburg 2009. 2 Bde., illustriert. 963 S., Fr. 64.–
Jürgen Becker spricht über Leben und Schreiben in der Kölner Bucht. Es ist ein Vorwort zu seinem Lyrik-Band. Der Schriftsteller erzählt von dem Sommer, in dem er ein erstes Buch schrieb und nennt das Rheinland ein magnetisches Feld namens Heimat:
Dort, wo der Verfasser steht und hinab auf die Ebene schaut, befindet sich ein topographisch genau fixierbarer Punkt, in der Nähe eines Lokals namens „Schöne Aussicht“. Die Eigentümerin hat ihm einmal erzählt, dass oft, in den Nächten ihrer Kindheit, der westliche Horizont rot war, und wie sie, aus den Fenstern des Gehöfts, die Stadt hat brennen sehen. Damals, im Sommer 1963, schrieb ich an meinem ersten Buch, den ein Jahr darauf erschienenen „Feldern“. Darin befindet sich eine Passage, in der die auf einem Messtischblatt ermittelte topographische Position den Blickpunkt bezeichnet, von dem aus der Verfasser die Dimensionen der Kölner Bucht wahrzunehmen und sprachlich zu erfassen versucht. Es war ein erster Versuch, in einem collagehaft geschriebenen Text eine Landschaft abzubilden, die selber, aus ferner Anhöhe gesehen, die Gestalt einer Collage hat: in ihren Gegensätzen, im Nebeneinander und Ineinander von Bestandteilen, die zwischen den Ausläufern der großen Städte einen widersprüchlichen Zusammenhang bilden, alte Dorfreste und neue Ballungsräume, Ackerflächen und Betonpisten, Waldgebiete und Hochhausgruppen, Bergbauhalden, Baggerseen, Flussverläufe, Gemüseplantagen und Gewerbeflächen, Pappelreihen und Überlandleitungen, Rübenfelder und Raffinerien, Gutshöfe und Verbrauchermärkte, Gewächshäuser, Feldscheunen, Kirchtürme, Wiesenwege, Obstgärten, und inmitten die weitgeschwungenen Bögen des Rheins.
J. Becker: Schnee in den Ardennen (Ein Buch für die Stadt)
Sonderausgabe „Buch für die Stadt 2009“
Ein neues Werk, eine weitere Expedition: Das „Buch für die Stadt“ 2009 hält den Lesern einen Spiegel vor, in dem ein jeder sich selbst, seine Erfahrungen und Geschichten erkennen wird.
Broschur, 186 Seiten, 6,95 Euro
Eine poetische Festschrift für den grossen österreichischen Dichter
Nur zwei Annäherungsweisen scheinen die Jandlschen Gedichte zu verbieten – die parodistische und die imitative. Versuche dieser Art werden denn auch tunlichst unterlassen, und es bleibt im Wesentlichen bei extrapolierenden Lektüren und poetischen Fort- oder Umschreibungen.
Letztere führen in eindrücklicher Vielfalt die Techniken vor Augen, die zur Herstellung von «Gedichtgedichten» (Oskar Pastior) eingesetzt werden können, von Gedichten mithin, die aus bereits vorliegenden andern Gedichten neu entstehen durch die Manipulation einzelner Formelemente oder den strukturellen Umbau ihrer Gesamtanlage. Vorrangig sind dabei die Verfahren des Ersetzens oder Vertauschens bestimmter Elemente, der Varianten- oder Reihenbildung, aber auch der Kontamination und der Elimination. In solcherart abgeleiteten Textgebilden kann die Vorlage mehr oder minder deutlich durchscheinen, etwa dort, wo eine Jandlsche Schlusszeile («kein publikum zu fürchten, zu erhoffen») anagrammatisch zur Anfangszeile eines Folgegedichts verformt und verdichtet wird: «hoffürcht in jandlgsumm»; oder wenn in einem vorliegenden Gedicht das lyrische Ich in die dritte Person und die dritte Person wiederum in die erste umgeschrieben wird, so dass für die Verse «hin ich trat falls der / blieb wo er stand als ich / zu ihm trat . . . » nun voraussehbar steht: «hin er trat falls ich / wo ich stand als er / zu mir trat . . .». / Felix Philipp Ingold, NZZ 23.9.
«von Jandl weg auf Jandl zu». 47 Begegnungen und Überlegungen. Herausgegeben von Reinhard Urbach. Czernin-Verlag, Wien 2009. 102 S.
Ein gewisser Alexander von Bormann behauptete, meinen Gedichtband gelesen zu haben. Und das, obwohl der Band eben erst erschienen war. Das waren Geschwindigkeiten … Westgeschwindigkeiten.
„Jetzt wirst Du berühmt“, sprach mein Freund und trank mein Bier gleich mit. Wer derart edle Post aus dem Westen bekam, war für Ostbiere ohnehin verloren.
Nun, mit der Berühmtheit war das so eine Sache. Wer mit Gedichten berühmt wird, hat auch etwas falsch gemacht. Doch innerhalb von drei Jahren – eine für Ostblockverhältnisse atemberaubende Geschwindigkeit – war ich in Amsterdam. / Thomas Rosenlöcher, DLF 22.9.
Auch die 1986 in Berlin geborene, aber in Ramallah aufgewachsene Palästinenserin Dalia Taha vermeidet Stellungnahmen, doch die, die in ihren Texten leben, kommen ohne die Toten nicht aus: „Da sitzen wir beide,/ wie zwei Fenster, die sich auf das, was/ jenseits liegt, auftun“ beginnt ein Gedicht voller Metaphern, und wechselt sofort die Stimmung: „Keinen Platz gab es, / in dessen Schatten wir uns im Staub / hätten flüchten können.“ Bald merkt man: das „wir“, das angesprochen wird, gibt es nicht mehr: „Ich steige aus unserem Bild aus, / wie wir da sitzen vor dem weiten Horizont.“ Die andere Person, von der die Rede ist, ist tot: „ich laufe / zu mir und von mir weg, neben einer Gartenmauer / laufe ich, und in mir fallen/ die Blüten, die / auf deinem Grab / wuchsen. Ich laufe, damit meine Schritte auf dem Gehweg / blau werden / und ein Wind den Zipfel einer Ahnung festhält.“
Taha las in der Nacht der Arabischen Poesie, zusammen mit elf Kollegen, vor dem Alten Museum, das all den unterschiedlichen Färbungen und Tonlagen des Arabischen, dem die Musik eines Gedichts traditionell wichtig ist, mit seiner klassizistischen Fassade ein imposantes Gegenüber bot. Auf deutsch sind viele der gelesenen Gedichte in einer Sondernummer der Zeitschrift „Lisan“ enthalten, die seit drei Jahren von Basel aus versucht, arabische Poesie hierzulande bekannt zu machen. / HANS-PETER KUNISCH, SZ 17.9.
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