171. Anthropotechniken

Sloterdijks Buch behandelt die Anthropotechniken, die Übungserfahrungen der modernen Gesellschaften, heraufgeleitet von Buddha und Sokrates, den großen Alten. Ein Orchester, vollbesetzt mit Asketen, Artisten, allesamt verkleidet als Dichter wie Kafka oder Philosophen wie Nietzsche, und Wittgenstein musiziert eine prachtvolle Symphonie, deren Anfangs- und Schlussakkord beginnt und endet: Du musst dein Leben ändern.

Das wirft einen aus dem Schaukelstuhl. Es ist doch wahr: Heraus aus den selbst konstruierten Apparaturen der Routine im Denken und Handeln. Die Goiserer angezogen, und hinauf auf den Monte Improbable. Scharfer Wind, ungewisser Verlauf. Doch allein der Gedanke labt.

ÜBUNG (Für Peter Sloterdijk):
Wer das Unmögliche / Nicht will / Dem wird das Mögliche / Unmöglich. ■

/ Robert Schindel, Die Presse 29.8.

170. Rilke-Briefe

Schreibblockade und Seelenqualen nach dem Kriegsdienst: In mehr als 50 Briefen an Dichterkollegin Hertha König offenbarte Rilke seine „verletztliche“ Seite. Die Texte aus den Jahren von 1914 bis 1921 sind nun erschienen. / Die Presse 29.10.

169. außer.dem Nummer 16

…  ist da! Mit vielen prosaischen, experimentellen und lyrische Beiträgen …

… 2 Heftpräsentationen in München und Darmstadt:

– am Sonntag, 01. November in München, 17 Uhr Café GAP. Es lesen: Eric Giebel (Darmstadt), Carola Gruber (München), Michael Hüttenberger (Stedesdorf/Ostfriesland), Stefan Leichsenring (München), Danilo Pockrandt (Halle), Frank Schmitter (München), Lutz Steinbrück (Berlin).

– am Mittwoch, 04. November in Darmstadt, 20 Uhr Lesebühne Literaturhaus. Es lesen: Natalia Carvajal (Frankfurt a. M.), Eric Giebel (Darmstadt), George Goodman (Darmstadt), Michael Hüttenberger (Stedesdorf/Ostfriesland), Magdalena Jagelke (Frankfurt a. M.), Tobias Roth (Berlin).

168. Gedanken eines Übersetzers

Das Interesse an Übersetzungen der Werke italienischer Autoren bei österreichischen Verlagen ist gering. Vor allem Lyrik hat keine Chance. Hat doch nicht einmal die von Österreichern verfasste Lyrik eine Chance, sich auf dem hiesigen Büchermarkt zu behaupten. Veröffentlicht wird fremdsprachige Lyrik zumeist nur, wenn ein namhafter Übersetzer „dahinter“ ist und wenn die Publikation durch Subventionen und Preise zur Gänze finanziert ist. Umgekehrt ist es aber nicht anders. Ich habe in italienischen Verlagen bisher sechs Bücher veröffentlicht – keines dieser Bücher hätte erscheinen können, wenn sie nicht von österreichischen öffentlichen und privaten Stellen finanziert worden wären. …

Das konstatierte wechselseitige Desinteresse, das sich – wie etwa in Triest – bis zur Indolenz steigert, macht die Existenz – zumindest die materielle – eines Autors schwer, der, wie ich, Gelegenheit hatte, länger in einem anderen Land zu leben und dem es ein Bedürfnis ist, zwischen den Sprachen und Kulturen zu vermitteln.

2. Exkurs. Es ist paradox: Die österreichische Literatur des ausgehenden 20. und beginnenden 21. Jahrhunderts ist – in meinen Augen – vor allem ein Produkt der österreichischen Germanistik und der Medien. Autoren, deren Bücher, die oft weit unter dem literarischen Niveau des 19. Jahrhunderts bleiben, sich aber mit gängigen Themen befassen, von den Medien prompt zu „Bestsellern“ gemacht werden, wie auch Autoren, deren oft komplexe, avantgardistische, experimentelle Werke zwar unlesbar, aber für die Behandlung in germanistischen Seminaren geeignet sind, erfahren eine öffentliche Förderung, die in einer Gesellschaft, der an der Literatur nachweislich wenig liegt, beispiellos ist.

Österreichische Autoren können nur überleben, indem sie entweder erst gar nicht versuchen, vom Ertrag ihres Schreibens zu leben, oder einen Verlag in Deutschland finden – oder durch staatliche und private Preise und Stipendien. Die Listen der Empfänger eines Staats- oder Projektstipendiums, die jedes Jahr vergeben werden, beweisen freilich den notorischen Nepotismus dieses Förderungssystems. Ende des Exkurses.

/ Hans Raimund, Die Presse 31.10.

167. Die Schweiz

Gynter Mödder, Bergheim/Erft            1942

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Gefunden in: Versnetze_zwei. Deutschsprachige Lyrik der Gegenwart. Hg. v. Axel Kutsch. Weilerswist: Verlag Ralf Liebe 2009, S. 193

Beim Lesen dieses Gedichts hatte ich die Idee, mein erstes größeres Netzprojekt wiederzubeleben. Bevor ich vor fast 10 Jahren auf die Idee kam, Lyriknachrichten zusammenzustellen, hab ich ein paar Jahre lang eine private Anthologie im WWW zusammengestellt. Der Plan war, nach keinem Plan vorzugehen, sondern mich in der täglichen Arbeit, täglichen Lektüre von einem Gedicht so treffen zu lassen, daß es von allein in die Anthologie drängt, und darauf zu hoffen, daß der Fortgang der Zeit und meiner Lesepraxis mit der Zeit ein Ganzes ergäben. Die tägliche Redaktion der Lyrikzeitung verdrängte die Arbeit an der Anthologie. Jetzt sehe ich gute Chancen, mit der Blogtechnik die Struktur der Anthologie in die Zeitung zu integrieren. Mal sehn, wos hingeht bzw ml shn ws hnght.


Meine Anthologie: Wortfest

166. Egon Ammann zum Tode Fritz Vogelgsangs

Liebhaber der Poesie

Eine bedeutende Übersetzer-Persönlichkeit ist tot, ein unbeirrbarer Liebhaber der Poesie, ein Homme de Lettres, ein weiser schwäbischer Buddha, einstmals unverzagter Toscani- und Toscanelli-Raucher – und wer die schwarzen Dinger kennt, weiß, dass dies die besondere Eigenheit des Rauchers unterstrich: Fritz Vogelgsang. Am 22. Oktober ist er wenige Monate vor seinem 80. Geburtstag in seinem spanischen Refugium Chiva de Morella in der Provinz Castelló verstorben. Seine Asche wurde, so sein Wunsch, in den Hügeln um sein geliebtes Dorf verstreut.

Was er für die spanisch- und katalanischsprachige Literatur im deutschen Sprachraum unternommen hat, ist eine einzigartige Leistung. Nicht nur, dass er uns schon früh, in den 60er und 70er Jahren, das Werk Pablo Nerudas und Octavio Paz´ vermittelt hat. Wo es um seine geliebte Poesie ging, war er als einer der ersten mit starken Übersetzungen zur Stelle.

Wir haben uns Ende der 80er Jahre in seinem schwäbischen Pfarrhaus, das er mit seiner Familie in Markgröningen bewohnte, kennengelernt, und was ein Besuch von höchstens zwei Stunden werden sollte, weitete sich über acht Stunden bis in die Nacht hinein aus, treulich umsorgt mit Tee und Essen von seiner fürsorglichen Gattin. Damals haben zwei Begeisterte die großen Ausgaben miteinander besprochen, die sie zusammen in Angriff nehmen wollten: César Vallejo und Antonio Machado. Vallejo war der eigentliche Anlass meines Besuchs. Der Philologe Vogelgsang wies auf die Schwierigkeiten für die Übertragung der Arbeiten von Vallejo hin. Wie soll man z.B. die Vokabel „Trilce“ übersetzen? Wie die indigenistischen Einstreuungen in die Texte, die sich vordergründig sehr spanisch geben, aber von hinterhältiger semantisch-ideomatischer Tiefe sind? Und über die Stunden haben wir gut und gerne die spanischsprachige Poesie des vergangenen Jahrhunderts miteinander besprochen, wobei unversehens Machado im Vordergrund stand.

In diesem Spätsommer hat Fritz Vogelgsang die Arbeit am fünften und letzten Band der Machado-Ausgabe abgeschlossen, womit erstmals das Gesamtwerk des bedeutendsten spanischen Dichters des vergangenen Jahrhunderts in vollständiger deutscher Übersetzung vorliegt, die Gedichtbücher zweisprachig, die Prosa, das Gedankenbuch „Juan de Mairena“ etwa, einsprachig deutsch. Zu jedem Band hat er ausführliche Essays verfasst, die die Texte vertiefen, Bezüge aufzeigen und über die Vorlage in die kulturgeschichtlichen Referenzen hinausweisen.

/ Egon Ammann, FR 30.10.

165. Eigensinn und Betrieb

ÜBER DEN WIDERSTAND

Der Schriftsteller He-hei (Eckardt Henscheid) hielt es für verwerflich, Literaturpreise anzunehmen, während sein Kollege Ge-ga (Robert Gernhardt) nichts dabei fand. „Indem du dich mit dem Literaturbetrieb gemein machst, stärkst du ihn“, sagte He-hei. „Indem ich ihm Geld entziehe, schwäche ich ihn“, hielt Ge-ga entgegen. „Indem du einen Preis annimmst, gibst du zu verstehen, welches dein Preis ist“, fügte He-hei hinzu. „Indem ich jedweden Preis annehme, ganz gleich, wie hoch er dotiert ist, signalisiere ich, wie gleichgültig mir der jeweilige Preis und das mit ihm verbundene Geld sind“, erwiderte Ge-ga. „Indem du es zuläßt, daß dein guter Name mit so etwas Fragwürdigem in Verbindung gebracht werden darf, wie es ein Preis ist, schwächst du bei jenen Jüngeren, die zu dir aufblicken, den Sinn für Richtig und Falsch und damit ihren Widerstand gegen den Literaturbetrieb“, mahnte He-hei. „Indem ich ein schlechtes Beispiel gebe, schwäche ich lediglich ihre Bereitschaft, zu jemandem aufzublicken“, versetzte Ge-ga. „Damit aber stärke ich ihren Eigensinn, die wichtigste Voraussetzung dafür, jedwedem Betrieb Widerstand entgegenzusetzen“.

Mehr dergleichen hier

164. Benjamin Fondane, rumänisch-französischer Avantgardepoet und Philosoph, in Auschwitz ermordet

Benjamin Wechsler (sein ursprünglicher Name) emigrierte aus Jassy (Moldau, Rumänien) nach Paris, 1923, im Alter von 25 Jahren. Er trug den Künstlernamen Fondoianu (nach einem Gut in der Heimat seiner Großeltern) und franzisierte ihn zu „Fondane“. Im Alter von 14 Jahren hatte er erste Gedichte veröffentlicht. In Rumänien gründete er das Theater Insula zusammen mit seiner Schwester, die Schauspielerin war, und seinem Schwager, der später Direktor des Théâtre des Champs-Elysées wurde. Die rumänische Zeitschrift Integral schickte ihn als Korrespondenten nach Frankreich.
In Paris hatte er Umgang mit der dadaistischen und surrealistischen Avantgarde. Aber Letztere enttäuschen ihn, er steht surrealistischen Randfiguren nahe wie dem Fotografen Man Ray, der seine Filmgedichte (ciné-poèmes) illustriert, dem Dichter Joë Bousquet und dem Maler Victor Brauner, der ebenfalls aus Rumänien stammte. Er arbeitete für den Film, schrieb Essays über Baudelaire und Rimbaud und war zugleich Lyriker und Philosoph. Heute kennt man ihn vor allem als Dichter, der in seinen Gedichtbänden  “Ulysse” (1933), “Titanic” (1937), “Le mal des fantômes” und “L’exode” (die beiden letzten postum) Ulysses in die Figur des wandernden Juden transformierte. Er wurde zusammen mit seiner Schwester in Auschwitz ermordet. In der Pariser Shoah-Gedenkstätte erinnert eine Ausstellung an sein Leben und Schaffen. / La boite à sortie 30.10.

(der Artikel ist mit Fondane-Porträts von Man Ray und Victor Brauner aus der Ausstellung illustriert!)

“Benjamin Fondane, poète, essayiste, cinéaste et philosophe“, jusqu’au 31 janvier, Mémorial de la Shoah, tljs sauf samedi 10h-18h, 17, rue Geoffroy l’Asnier, Paris 4e, m° Saint-Paul ou Pont Marie, entrée livre. Visites guidées gratuites les 5 novembre, 19 novembre, et 17 décembre à 19h30.


163. „Tage der Poesie“ in Würselen: Dichtung in vielen Facetten

Deutschlandweite Premiere des „Deutschen Lyrikkalenders 2010“ zum Auftakt des Festivals am 6. November

Zum mittlerweile neunten Mal öffnet das Kulturzentrum „Altes Rathaus Würselen“ (Kaiserstraße 36, 52146 Würselen) in diesen Wochen seine Pforten für die „Tage der Poesie“. Die seit 2001 alljährlich wiederkehrende Veranstaltungsreihe genießt inzwischen weit überregionales Ansehen. Und dies mit gutem Grund, wie auch das in der kommenden Woche beginnende Programm zeigt: Zahlreiche bemerkenswerte Autoren konnten für die Lesungen verpflichtet werden, sodass sich Kulturfreunde auf ein besonderes Literaturvergnügen freuen dürfen.

Den Auftakt bildet auch in diesem Jahr eine bundesweite Literatur-Premiere, die, wie bereits in den letzten beiden Jahren, große Beachtung finden dürfte. Der „Deutsche Lyrikkalender 2010“ wird in der Eröffnungs-Lesung am Freitag, 6. 11, 20 Uhr, erstmals öffentlich einem Publikum vorgestellt. Auch die jüngste Ausgabe des Kalenders enthält wieder eine bemerkenswerte Auswahl deutschsprachiger Poesie aller Epochen: ein Spektrum, das kreuz und quer durch die Jahrhunderte von Rose Ausländer bis zu Walther von der Vogelweide und von Bettina von Arnim bis zu Uljana Wolf führt. Heiteres ist dabei so wenig ausgespart wie die poetische Tiefgründigkeit. An diesem Premiere-Abend werden mit Manfred Enzensperger, Klára Hurková, Hartwig Mauritz, Frank Milautzcki, Frank Schablewski, Christoph Wenzel u.a. renommierte Dichterinnen und Dichter, die in der neuen Ausgabe selbst vertreten sind, neben den eigenen Versen ihre ganz persönliche Gedicht-Auswahl aus dem Kalender lesen, sodass diese Veranstaltung ein ganz besonderes, unverwechselbares „Best-of“ deutscher Dichtung bieten wird – sozusagen aus erster Hand.

Die zweite Lesung des diesjährigen Festivals ist der internationalen Literatur gewidmet: Mit Youssuf Amine Elalamy konnte für Sonntag, den 22.11. (20 Uhr) ein nordafrikanischer Autor verpflichtet werden, der mit seinem preisgekrönten Roman „Gestrandet“ zurzeit auf Lesereise durch Deutschland ist.  Nachdem das Werk, das eindringlich vom Schicksal afrikanischer Flüchtlinge erzählt, zunächst in seinem Heimatland für Furore sorgte und sein Autor damit zum neuen Stern der nordafrikanischen Literatur avancierte, hat nunmehr auch die deutsche Übersetzung für einiges Aufsehen in den Feuilletons gesorgt. Bei der Würselener Lesung präsentiert der Autor den französischen Originaltext, während die deutsche Übersetzung von Donata Kinzelbach, der deutschen Verlegerin des Romans, gelesen wird.

Weiter geht es am Samstag,  5. Dezember, 20 Uhr,  mit einer Lesung, die den „Jahrestagen großer deutscher Dichter“ gewidmet ist. Am darauffolgenden Sonntag,  6. 12. , 20 Uhr, liest die in Berlin lebende Lyrikerin Rosemarie Zens aus ihren Werken. – Am Freitag, 11.12., 20 Uhr, folgt eine Lesung mit den Lyrikern Jürgen Nendza, Amir Shaheen und Gerrit Wustmann, die die jüngst erschienene und poetisch sehr reichhaltige Anthologie „Versnetze_zwei“ präsentieren. Dabei wird auch der Herausgeber, Axel Kutsch, mitwirken.

Zum Abschluss der diesjährigen „Tage der Poesie“ wird am Samstag, 12.12., 20 Uhr, Norbert Scheuer aus seinem Roman „Überm Rauschen“ lesen. Spätestens seit der in diesem Jahr erfolgten Nominierung zum „Deutschen Buchpreis“ darf Scheuer zu den vorzüglichsten Erzählern der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur gezählt werden.  Die Lesung wird musikalisch kongenial begleitet durch den virtuosen Multi-Instrumentalisten Harald Claßen, sodass die Besucher an diesem Abend ein literarisch-musikalisches Gesamtkunstwerk in höchst sinnlicher Qualität genießen können.

Literatur in vielen Facetten bietet also das diesjährige Programm, das wie in jedem Jahr von dem Lyriker und Prosa-Autor Christoph Leisten organisiert wird. Nicht nur bei Freunden der Lyrik dürfte das Programm auf großes Interesse stoßen: Auch der poetischen Erzählkunst wird ein gebührlicher Raum gewährt.

Der Eintritt zu alles Veranstaltungen ist frei; um einen freiwilligen Kostenbeitrag wird gebeten. – Das Gesamtprogramm der „Tage der Poesie“ ist detailliert im Internet anzusehen: www.tage-der-poesie.de.  Weiterführende Informationen auf Anfrage: info@christoph-leisten.de

162. Open Mic – No. 11

Montag | 02.11.2009 | 21:00 Uhr | Lesebühne | Eintritt frei
Greifswald, Koeppenhaus

Es ist wieder soweit.
Die legendäre Lesebühne lädt alle Skribenten ein, ihre Texte, Gedichte, Lieder, Abhandlungen und überhaupt alles, was einer kreativen literarischen Feder entspringt, dem Publikum im Café Koeppen zu präsentieren.
Es darf gesungen, musiziert, rezitiert und gelesen werden. Alle, die sich „trauen“, dürfen ran an das Mikrofon.

Das Orga-Team der Lesebühne „Treibhaus“ wie auch die Besucher freuen sich über vielfältige und originelle Beiträge.
Wer Lust hat, teilzunehmen, meldet sich bitte direkt vorher bei den Moderatoren oder unter: open.mic.greifswald@googlemail.com.
Jeder Micler erhält ein Freigetränk!
In Zusammenarbeit mit dem AStA der Universität Greifswald und StuThe.

161. Es geht weiter

Urs Engeler teilt auf seiner Website mit:

Auf der Seite der Frankfurter Rundschau steht zu lesen, dass der Verlag Urs Engeler Editor die «Programmarbeit» einstelle. Im Gespräch mit Ina Hartwig sage ich dagegen: «Ich mache nicht zu. Aber ich werde deutlich weniger Bücher machen in den nächsten Jahren.» Das Gespräch fand im Sommer statt, im Herbst sieht es bereits wieder etwas besser aus: Es werden auch 2010 neue Bücher von Autoren des Verlages im Verlag von Urs Engeler erscheinen. Das Säen der Saat geht weiter.

160. The Big Read 2010/2011

The Big Read is accepting applications from nonprofit organizations to conduct month-long, community-wide reads between September 2010 and June 2011. Organizations selected to participate in The Big Read will receive a grant ranging from $2,500 to $20,000, access to online training resources, educational and promotional materials, inclusion of your organization and activities on The Big Read website, and the prestige of participating in a highly visible national program. Approximately 75 organizations from across the country will be selected by a panel of experts.
To download the Guidelines & Application Instructions visit The Big Read website.
The Big Read is a program of the National Endowment for the Arts in cooperation with Arts Midwest.

159. Georg-Trakl-Preis für Lyrik an Michael Donhauser

Der Georg-Trakl-Preis für Lyrik 2009 geht an den Schriftsteller Michael Donhauser. Der in Liechtenstein geborene Österreicher wird die Auszeichnung, die vom Kunstministerium und dem Land Salzburg vergeben wird und mit 7.500 Euro dotiert ist, am 4. November erhalten. Den mit 3.000 Euro dotierten Georg Trakl-Förderungspreis erhält heuer der 1963 geborene Michael Burgholzer.

„Michael Donhausers Gedichte ruhen als archaischer Fels in der Poesielandschaft und entfalten einen eigenständigen Reiz unabhängig von jeglichen Moden“, heißt es in der Begründung der Jury. „Sein reiches poetisches Universum entfaltet sich paradoxerweise aus einem Minimum an Sprache, seine Verse leben von auf den Kern reduzierten und präzis-sparsam eingesetzten Worten.“ Seinem Mut „zu einer auf das wesentliche eingedampften Sprache in einer Zeit, die vorwiegend von Überfülle, Überschuss und Superlative lebt, gehört der Respekt der Jury.“

Der Georg-Trakl-Preis wird seit 1952 jeweils zu runden oder halbrunden Geburts- und Todestagen des Salzburger Lyrikers Georg Trakl (1887-1914) vergeben, also vier Mal pro Dekade. / Kleine Zeitung 29.10.

158. Latinale 2009 – mobiles lateinamerikanisches Poesiefestival

Zum vierten Mal präsentiert die Latinale vom 31. Oktober bis 6. November die spannende Lyrikszene Lateinamerikas mit einer Reihe von Veranstaltungen, die Berlin als besonderen Ort literarischer Bewegungen feiern. 9 junge Dichter_innen aus sechs lateinamerikanischen Ländern stellen ihre poetischen Werke in Lesungen, Performances, Gesprächen und Workshops vor. Zudem finden auch eine Fotografieausstellung, Filmvorführungen und Musik statt.

Vom 31. Oktober bis 6. November geht das mobile lateinamerikanische Poesiefestival Latinale auf seine vierte Tour. Dieses Jahr treffen die junge Autor_innen aus Argentinien, Bolivien, Chile, Kuba, Mexiko und Uruguay im öffentlichen Raum und in diversen kulturellen Einrichtungen zusammen, um die neuesten Tendenzen der lateinamerikanischen Lyrik in Berlin vorzustellen.

Unter dem Titel Gitterverse! Mauerlos Poesie? setzen die Dichter_innen der diesjährigen Latinale ihren Blick auf ein kontinental übergreifendes Thema, die Überschreitung der Mauer, in diesem Fall mittels der Poesie. Unter dem Motto Poesie zieht Kreise werden poetische Werke in Bewegung gesetzt, u. a. in Form einer Ringbahnlesung mit den lateinamerikanischen Autor_innen und auch deutschen Poeten, der alle Berliner Poesiebegeisterten folgen können.

Die Latinale 2009 überschreitet weitere Grenzen, in dem Poesie nicht nur in Wort, sondern auch in Bild, Musik, Performance und Film präsentiert wird. Ergänzt werden die Lesungen im Instituto Cervantes mit der Vorführung von Poesiefilmen Augen auf! Vers trifft Leinwand und der Ausstellung Latinale leuchtet, die Fotografien der bisherigen Latinale-Gästen zeigt.

Darüber hinaus gibt es einen Übersetzungsworkshop, in dem die Dichter_innen mit Studenten der FU Berlin gemeinsam deutsche Versionen ihrer Gedichte erarbeiten und Probleme der Übersetzung erörtern. Weiterhin finden im Literaturhaus Lettrétage und im Ibero-Amerikanischen Institut Poesiegespräche zwischen den verschiedenen Autor_innen, Verlagen, Übersetzer_innen und einem begeisterten Publikum statt.

Das vollständige Programm, Biographien der Dichter_innen der Latinale 2009 und weitere Informationen zum Festival finden Sie im Anhang. Zusätzliche Informationen unter www.cervantes.de und http://latinale.blogsport.de.

Latinale

Programmübersicht:

Sa, 31. 10, 14-17Uhr
Übersetzungsworkshop mit Gästen der Latinale an dem Lateinamerika Institut der FU Berlin
So, 1.11, 13 Uhr
Ringbahn-Lesung
Mo, 2. 11, 19 Uhr
Gesprächsrunde im Ibero-Amerikanischen Institut Berlin
TrasLados: ¿Somos todos del mismo barrio?
Mi, 4.11, 20 Uhr
Lesung im Lettrétage
Junge Lyrik aus Lateinamerika
Do, 5.11, 19:30 Uhr
Lesung im Instituto Cervantes Berlin
Gitterverse! Mauerlos Poesie?
Ausstellung: Latinale leuchtet
Fr, 6.11, 19:30 Uhr
Lesung im Instituto Cervantes Berlin
Poesie zieht Kreise
Poetryfilms: Augen auf! Vers trifft Leinwand

Eine Veranstaltung des Instituto Cervantes in Zusammenarbeit mit dem Ibero-Amerikanischen Institut, dem Lateinamerika Institut der Freien Universität Berlin, dem Literaturhaus Lettrétage sowie den Botschaften Argentiniens, Chiles, Mexikos und Uruguays.

157. War Shakespeare schwul?

Dies fordert von selbst zu der Frage heraus: War Shakespeare „es“? Tatsächlich hat es nicht an Versuchen der Schwulen gefehlt, ihn als einen der Ihren zu reklamieren, und das ist ja nur verständlich: Die Entdeckung, dass nicht nur der große Marcel, der große Walt, der große Oscar, sondern auch der große Will dazugehörte, wäre so etwas wie ein Hauptgewinn in der Lebensliteraturlotterie.

Allerdings gibt es da eine unüberwindliche Schwierigkeit. Diese Schwierigkeit ist das 20. Sonett: Die Natur, schreibt der Dichter dort, habe seinem jungen Freund das Gesicht und das sanfte Herz einer Frau gegeben, und so sei es sein Schicksal, dass sich die ganze Welt in ihn verliebe. Doch dann, so Shakespeare weiter, habe sich die Natur selbst in ihr Geschöpf verliebt – und aus Eifersucht, damit er für den Dichter unbrauchbar werde, habe sie ihm ein Ding zuviel angehängt, das ihn in erotischer Hinsicht leider nur noch für die Damenwelt interessant mache: „But since she pricked thee out for women’s pleasure, / Mine be thy love, and thy love’s use their treasure.“ Das Wort „prick’d“ hatte auch für Ohren des elisabethanischen Zeitalters schon jenen anrüchigen Klang, den man noch heute heraushört. „She prick’d you out“ heißt also „sie hat dich ausgewählt“, gleichzeitig ist der „prick“ aber der Schwanz – so elegant und obszön in einem Wort zu sein, das schafft nur Shakespeare.

Wir klappen den Aktendeckel mit einem durchaus abschließenden Knall zu und sagen: Der Dichter war nicht schwul. Jedenfalls wenn Worte noch etwas gelten und Texte eine Bedeutung haben. Eine andere Frage ist indessen, welche biografischen Erlebnisse wohl den Sonetten zugrunde liegen: Auf welchen Namen hörte, bitte schön, die dunkle Lady, die gelegentlich mit Shakespeare ins Bett ging, obwohl er alt und klapprig und sie ein feuriges junges Ding war? Handelte es sich bei ihr um eine sefardische Jüdin, die ihren Glauben im England des 17. Jahrhunderts nur heimlich praktizieren durfte, hat sie dem Dichter als Vorbild für die Jessica in „The Merchant of Venice“ gedient?

Verfasser von Kitschromanen dürfen sich nach Herzenslust die Finger wund schreiben. Der Literarhistoriker kann dagegen nur bedauernd die Achseln zucken. Das grundsätzliche Problem ist, dass zwischen Shakespeare und uns ein verzerrendes Prisma liegt: die Epoche der Romantik. Durch dieses Prisma können wir Gedichte eigentlich nur noch als autobiografische Zeugnisse lesen: wie Seiten eines gereimten Tagebuches. Zu Shakespeares Zeit gab es diese Form der grübelnden Selbsterforschung aber noch gar nicht. In Autobiografien hielt man seine Taten und Meinungen für die Nachwelt fest; in den tiefen Brunnen der dunklen Psyche stieg man nicht hinunter. Lyrik diente damals keineswegs der spontanen Herzensergießung, eher war sie ein strenges Formenspiel, das der intelligenten Unterhaltung diente. / Hannes Stein, Die Welt 28.10.