141. Wie hat George unser Land geprägt?

Im FAZ- Gespräch Ulrich Raulff:

Zunächst passiert da etwas, das ich als nachholende Normalität beschreiben würde. Wir haben zwanzig, dreißig Jahre lang erlebt, dass alle paar Jahre eine neue Geschichte der Frankfurter Schule herauskam. Dieses linksliberale Stratum unserer Ideen und Geistesgeschichte, unserer bundesrepublikanischen Formationsgeschichte ist bis auf den Grund erforscht worden. Besenrein ausgeforscht. Auf der rechten oder konservativen Seite dagegen herrschte immer ein angenehmes Halbdunkel. Man wusste, es gibt da auch ähnlich virulente Orte. Plettenberg im Falle von Carl Schmitt. Dann Wilflingen – im Süden gibt es dieses Heidegger-Jünger-Netz, das über Ernst Klett und Klostermann, die Verleger, mit dem George-Netz verknüpft ist. Hans Grimm hatte im Norden seine „Lippoldsberger Dichtertage“. Und es gibt das Netz um Arnold Gehlen. Das war alles sehr wenig erforscht, und jetzt ändert sich das. Auch Münster und die Schule von Joachim Ritter sind in diesem Zusammenhang zu erwähnen. Mit anderen Worten, jetzt wird die konservative Seite stärker beforscht, erweist sich auch langfristig als interessanter – weil vermutlich doch der interessantere Teil der Geistesgeschichte sich auf dieser Seite abgespielt hat. Auf diese Entwicklung habe ich lange gewartet, und immer noch fehlt da vieles. Dass nun George plötzlich so interessant geworden ist, kann man aber nicht nur aus seiner Leistung als Lyriker erklären, sondern es begreift sich dann doch wirkungsgeschichtlich über den Kreis . . .

. . . den Kreis zwischen Bendlerblock mit Stauffenberg, der am Sterbebett Georges die Totenwache hielt, und dem Wilhelmstraßenprozess mit dem Angeklagten Ernst von Weizsäcker, der den Kranz des Deutschen Reiches am Grab niederlegt.

Das sind die entscheidenden Daten. Das „kleine schmutzige Geheimnis“, also die Sexgeschichten, hingegen erklärt wenig.

Und keiner redet mehr von Robert E. Norton und seiner George-Kreis-Monographie . . .

Die „Zeit“ brachte kürzlich einen Artikel von Robert Norton, in dem er nachweisen wollte, dass von George nur Wege in die geistige Knechtschaft führten und damit in den Geist des Nazitums und eben keine Wege in den Widerstand oder zum Einsatz für die Unterdrückten. Aber George war so ambivalent und hat mit solchem Fleiß darauf geachtet, die Ambivalenz zu wahren, um im entscheidenden Moment sagen zu können: Das ist das Gemeinte. Man kann ihn für alles in Anspruch nehmen, für Akte des Widerstands, aber auch für Akte der Knechtung und der Selbstknechtung.

140. Auszeichnung

Der irakische Lyriker Saâdi Youssef erhielt in Rabat den internationalen Lyrikpreis Argana, der vom „Beit Achiîr“ (Haus der Poesie) Marokkos verliehen wird.
Während der Zeremonie las der Autor im Beisein namhafter Vertreter der Kultur und Politik einige seiner Gedichte vor, begleitet von der Musik des irakischen Komponisten Nacer Chama. /  Biladi (Marokko)

139. Hohepriesterin der russischen Lyrik

Was für eine Herausforderung, Ihnen Anna Achmatowa ans Herz zu legen!
Wenn Sie russophil sind, werden Sie sie anbeten. Wenn Sie ein Herz haben, das schlägt, werden Sie sie anbeten, wenn Sie in Ihrem Leben ein geliebtes Wesen verloren haben, wird sie Ihre Gallionsfigur werden…
AA verkörpert also auf wunderbare Weise den Schmerz, den Widerstand gegen die Diktatur und einen absoluten Willen, trotz alledem zu leben. So sehr, daß man von ihrem Werk nur „Requiem“ kennt, das Ende der Dreißigerjahre verfaßt wurde für Millionen kleiner Leute, die in den großen stalinistischen „Säuberungen“ Angehörige verloren.
Dieser Text wird als geheime Waffe von Hand zu Hand weitergegeben. Er wird ein Volk trösten und elektrisieren, das den mäandrischen  Launen Stalins ausgeliefert ist.
Er wird in Rußland offiziell erst in den 80er Jahren veröffentlicht!!!
Ihr Werk reicht von der Erneuerung der russischen Lyrik bis zur Zeugenschaft des Schmerzes der Welt.
Immer nannte man sie „Renegat“, Verderber der Jugend, reaktionär, morbide, depressiv, masochistisch, doch nie konnte die Macht sie unterwerfen. Nur ihr Renommé rettete sie vor dem Gulag. / pointscommun.com


138. Ohne Filter

„Altern muss ich, aber sterben würde ich lieber nicht.“ Heißt es – bar jeder Naivität – in einem der Gedichte, die an Geburtstagen entstehen. In einem anderen: „Meine Haut … hängt lose, wellig, wie Dünen auf dem Mars.“ In „Darmspiegelung“ betrachtet er, „wie der eigene Dickdarm sich gelassen vorbeischlängelt“. Noch bedrohlicher als die physische Malaise des Alterns kommt eine Angst vor Verlust des Handwerkzeugs, der Sprache. „Bleibt bei mir Wörter, bleibt noch ein bisschen.“ Doch Gewissheit reift. „Anscheinend hat der Tod das Tor gefunden, durch das er eintreten wird: meine Lungen.“

Da ist kein Erzählerfilter zwischengeschoben, kein Medium, das eigenes Empfinden stellvertretert. Es ist John Updike, entblößt, der fühlt: „innen bin ich matt, am Ertrinken“. Todesbangigkeit und Klarsicht, Betroffensein und auch Ironisieren, tja ein Kokettieren, mit dem unabwendbaren Urteil – das Unvereinbare zu vereinen, ist, was hier Literatur werden lässt.  / Roland Gutsch, Nordkurier

John Updike: Endpunkt und andere Gedichte. Rowohlt Verlag, Reinbek. 109 Seiten, 19,90 Euro. ISBN 978-3-498-06888-2.

137. Monika Rincks Begriffsstudio

supplement zur augustliste         stand oktober (25) 2009

2865    das innere näschen des umlaut-kosmos‘ (kösmös)
2866    sültkrumpli
2867    blitze im wurmloch
2868    das blutgretschen
2869    herrenbravoismus
2870    live-frottage (mit nitro)
2871    die in nitro getauchte muse
2872    wolke in der verzimpertheit
2873    orientkörbchen
2874    logos hinterm ofen hervor
2875    spannhang eichern
2876    kraft eines rasters
2877    häppchenweise, rücken handverlebt
2878    drei-steine-restaurant in der westdeutschen pampe
2879    ein sehr begabter amateur
2880    das minzmäulchen
2881    den schwutz nungen
2882    die welt als ingenieursproblem
2883    majestät den mosaiken
2884    zahlen, demut und geschmack
2885    beim thema der verlorenen stolen
2886    haariges kuscheltierchen asien, freches frettchen europa
2887    metaphernsalatbar
2888    ein schwerer haydn-hund im stockwerk über mir
2889    toben in der wörtlichen herberge
2890    rachezug der nähe
2891    die hexen vom wolford-stand
2892    an die grenzen der gitarre

mit freundlichen grüßen
mrinck

136. Lyrikline-Festwoche

Die Berliner Festwoche der Lyrikline findet auf mehreren Bühnen statt. Der Eintritt ist bis auf die Abschlussveranstaltung frei. Anmeldungen sind aber erwünscht. Infos: www.lyrikline.org

Mo, 26. 10, 19.30 Uhr, Palais der Kulturbrauerei. Passwort: Poesie. Mit Leobogang Mashile (Südafrika) und Monika Rinck (Deutschland). Geschlossene Festveranstaltung mit Horst Köhler.

Di, 27. 10., 18.30 Uhr, Griechische Kulturstiftung. Griechenland: Der Knall der Zeit. – 20 Uhr, Nordische Botschaften, Felleshus. Nord Nordost: Ein nordisch-baltischer Abend. Anmeldung unter info@nordischebotschaften.org.

Mi, 28.10., 18 Uhr, Kroatische Botschaft. Kroatien: Im Spiegel der Wörter. Anmeldung: 030/219 15514. – 20 Uhr, Botschaft des Königreichs der Niederlande. Flandern/Niederlande: Poesie unterm Meeresspiegel. Eintritt frei. Anmeldung: bln-pcz@minbuza.nl

Do, 29. 10., 18 Uhr, Slowakisches Institut. Slowakei: Elektromagnetische Liebe. – 20 Uhr, Literaturwerkstatt. Katalonien/Québec: Lyrik mit Eigensinn.

Fr, 30. 10., 17 Uhr, Botschaft der Republik Mazedonien. Makedonien: An den Grenzen der Lyrik. – 18.30 Uhr, Botschaft der Republik Slowenien. Die Magie slowenischer Dichtung. – 20 Uhr, Instituto Cervantes. Argentinien/Italien. Transeurope Hotel & Argentinian Visions. – 22 Uhr, Literaturwerkstatt. Die lange Nacht der jungen rumänischen Lyrik.

Sa, 31. 10, 20 Uhr, Tape Club. World Wide Poetry. Eintritt 4/3€.

LIVE STREAM of the final anniversary event!!!

Follow the closing ceremony on Oct 31 at 8pm CET via live video stream on our lyrikline.org blog

With the poets: Nicole Brossard (Québec), Babangoni wawa Chisale (Malawi), Elke Erb (Germany), Claudia Keelan (USA), Nikola Madzirov (Macedonia), Thomas Möhlmann (Netherlands), Remi Raji (Nigeria), Daniel Samoilovich (Argentina), Lutz Seiler (Germany)

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135. Preis für Natascha Wodin

Für ihren Roman „Nachtgeschwister“ erhält die Berliner Autorin Natascha Wodin den Brüder-Grimm-Literaturpreis 2009 der Stadt Hanau. Schon 1989 wurde Wodin mit diesem Preis für ihren Roman „Einmal lebt ich“ ausgezeichnet. Erstmals wird damit der Preis ein zweites Mal an die gleiche Autorin vergeben. Eine weitere Neuerung bezieht sich auf den Inhalt des Romans: Zum ersten Mal stellt ein ausgezeichnetes Buch eine direkte Verbindung zur Stadt Hanau her. Gleichzeitig hängen diese Bezüge mit dem Brüder-Grimm-Literaturpreis selbst zusammen. Dieser mit 10 000 Euro dotierte Preis wird seit dem Jahr 1983 von der Stadt Hanau alle zwei Jahre verliehen. Die erste Auszeichnung ging an den damals ostdeutschen Schriftsteller Wolfgang Hilbig, der bei der Preisverleihung erstmals bundesdeutschen Boden betrat. / Luise Glaser-Lotz, FAZ 24.10.


134. Hertas Akte

„Ich habe alles chronologisch geordnet“, sagt Richard Wagner. „Das hier ist das Deckblatt von Hertas Akte. Hier sehen Sie den operativen Vorgang mit der Registriernummer und dem Decknamen, ,Cristina‘. Hier steht das Datum, wann die Akte eröffnet wurde: am 8. März 1983. Und das hier ist besonders interessant: Dieser Stempel besagt, dass Hertas Akte am 16. August 1993 auf Mikrofilm übertragen wurde. Da gab es die Securitate aber längst nicht mehr.“ …

Herta Müller und Richard Wagner haben Rumänien 1987 verlassen. Wenig später, nach der Erschießung Ceauescus und dem Zusammenbruch seines Terrorregimes, ging auch mancher Mitarbeiter der Securitate in den Westen. Nicht nur „Sursa“, die Quelle, lebt heute in Deutschland, sondern auch der Oberstleutnant, der für Richard Wagner zuständig war: „Es hat eine Zeit gegeben, da wusste dieser Mann mehr über mein Leben als ich selbst.“ Heute weiß Richard Wagner mehr über die Securitate, als die Öffentlichkeit in Rumänien oder in Deutschland darüber hören möchte. Dass der Nobelpreis für Herta Müller daran viel ändern wird, ist nicht sehr wahrscheinlich. / Hubert Spiegel, FAZ

133. Junge Literatur in Österreich

Überzeugend verknüpft Hanno Millesi (Jg. 1966) Momentaufnahmen aus dem Leben seines Erzählers mit dem Tod von Künstlern, die durch Unfälle starben oder freiwillig aus dem Leben schieden. Lisa Spalt setzt sich in ihrem spielerischen und gleichzeitig dichten Text Loop mit der „Poetik der Reproduktion“ auseinander. Die Lyrik-Beiträge von Judith Pfeifer (Jg. 1975) und Robert Kleindienst (Jg. 1975) überzeugen weniger, was an der Auswahl der Gedichte liegen mag. Breit hingegen ist der Autorenpool der Anthologie. Neben noch neuen Namen wie Bernhard Strobel und Cornelia Travnicek präsentiert der Band auch schon feuilletonbekannte Autoren wie Anna Kim, Ann Cotten, Andrea Grill oder Paul Divjak.

Wie die in den letzten Jahren erschienenen Anthologien Zum Glück gibt’s Österreich, Swiss Made und Zeitzonen (für Deutschland) bietet auch die zeichensetzung einen guten Überblick – repräsentativ kann und will sie nicht sein. Ein gelungener Versuch, „die Einsamen mit der Poesie und das Kollektiv der Einsamkeit besser zu verknüpfen“, sind sie allemal. / Stefan Gmünder, ALBUM – DER STANDARD 24./25./26.09.2009

Regina Hilber, Thomas Ballhausen, Barbara Zwiefelhofer (Hrsg.), “ …zeichensetzung. zeilensprünge. Junge Literatur in Österreich“ . € 18,-/192 Seiten. Luftschacht, Wien 2009

Hinweis:
Der besprochene Band wird am 28.10. um 19 Uhr im Wiener Literaturhaus (Zieglergasse 26 a)präsentiert. Es lesen Andrea Grill, Hanno Millesi und Bernhard Strobel. Der Eintritt ist frei.

132. Leonore Kandel

Lenore Kandel hing bei den Beat poets herum, Jack Kerouac verewigte sie, sie schrieb ein Buch mit Liebesgedichten, die als obszön verboten und von der Polizei beschlagnahmt wurden, sie glaubte an eine kommunale Lebensweise, anarchisches Straßentheater, Bauchtanz und alles Schöne.
Die Dichterin, eins der Glanzlichter der berühmten San Franciscoer Gegenkultur der 60er Jahre, starb am 18.10. in ihrer Stadt. Sie war 77 Jahre alt, zwei Wochen vor ihrem Tod wurde Lungenkrebs diagnostiziert.

In Kerouacs Roman „Big Sur“ von 1962 ist sie als Romana Swartz porträtiert, eine „große rumänische Monsterschönheit“. / San Francisco Chronicle 22.10.

Mehr: The Divine Animal / Three Poems /

Texte u.a. in Karl O. Paetels „Beat“ (1962), in Jörg Schröders „März“ und in Ralf-Rainer Rygullas „Fuck you! Underground Poems. Untergrund Gedichte“ (1968)

Lenore Kandel
Das Liebesbuch / Wortalchemie
Stadtlichter Presse, Berlin 2005
ISBN-10 3936271240
ISBN-13 9783936271249
Paperback, 173 Seiten, 14,00 EUR

131. Qualtig

Pastiors sprachspielerische Gedichte sind keine Leselyrik. Ihr Sinn oder Unsinn erfüllt sich erst im Vortrag: Befreit von korsettierender Grammatik und Semantik und im Fluss von Wortmalereien, Silben- und Lautvertauschungen verliert sich mehr und mehr der Bedeutungsgehalt der Worte, werden Buchstaben zu reinem Klang. Das ist Lyrik wie geschaffen für das Sprecherensemble der Akademie für gesprochenes Wort, das sich im Stuttgarter Kunstmuseum dem Werk Pastiors näherte. Professionell artikuliert, rhythmisiert und vorsichtig inszeniert verwandelten sich Pastiors Verse in Sprachmusik. Etwa im Gedicht „Wer kommt denn da so morgenschön?“, in dem sich die Worte so lange um sich selbst drehen, bis nur noch ein kurzes „Mörg“ übrigbleibt. …

Im spannend aufgebauten Programm tauchten auch Pastiors poetische Brüder und Schwestern im Geiste auf, etwa Ernst Jandl, Gertrude Stein oder Franz Mon. Vielleicht der Höhepunkt des Abends: Raymond Que­neaus virtuos variierendes Poem über einen langhalsigen Mann, der in der Pariser U-Bahn verhaltensauffällig wird. Hier konnte das siebenköpfige Ensemble seine Bühnenpräsenz und vor allem seine Kunstfertigkeit in fein nuancierendem Sprechen am raffiniertesten zur Geltung bringen. Schön auch die unterschiedlichsten Übersetzungen eines Gedichts von Velimir Chlebnikov, die zeigten, wie schwierig es ist, experimentelle Lyrik in eine andere Sprache zu übertragen: Aus „Wem bloß erzählchen“ in Paul Celans Eindeutschung wurde bei Jandl „wem-klein wem-klein erzählich-klein“ und bei Pastior „wie die kleine ach wie qualtig“. …

Die Existenz der Akademie für gesprochenes Wort – eine jener Institutionen, die für unverwechselbare Farben im Stuttgarter Kulturleben sorgen – ist von den Sparplänen der Kulturbürgermeisterin Susanne Eisenmann akut bedroht. / Verena Großkreutz, Eßlinger Zeitung

130. Gedicht im Kopf

Langweilige, eigentlich nervtötende Meetings machten ihn zum Lyriker. Da arbeitete der schottische Autor John Burnside noch als Programmierer, unablässig damit beschäftigt Computerbefehle zu erteilen und endlose Zahlenreihen zu analysieren, wie er dem Publikum bei seiner jüngsten Lesung im Literaturhaus erzählte. Ein Job, der einerseits seinen Lebensunterhalt sicherte, ihm aber noch genug Raum ließ, in seinem Kopf Sätze abzuwägen und in Form zu bringen: „Um einen Roman zu schreiben, müssen Sie eine Küche mit sich herumtragen; für ein Gedicht reicht eine Brotdose.“ …

„Wenn Sie mir jetzt einen Stift und ein Blatt Papier hinlegen und ich soll mich hinsetzen und ein Gedicht schreiben, dann wird das nichts. Wenn ich aber einen Spaziergang mache, stehen die Chancen gut, dass ich mit einem Gedicht im Kopf zurückkehre.“ /  Frank Keil, Die Welt 23.10.


129. „Gegenwartsliteratur…

… halte ich für uninteressant“

erklärt  Marcel Reich-Ranicki allen Cicero-Lesern. Ich gehörte bisher nicht dazu, und warum sollte sich das ändern? Wer es aber genauer wissen will, erhält folgende Information:

Professor Marcel Reich-Ranicki ist Deutschlands Literaturpapst. 2006 legt er den vollständigen Kanon der Deutschen Literatur vor

Viel Spaß damit! (Ich selbst bin ja nicht katholisch, will sagen: wir haben den Papst abgeschafft. In Greifswald zum Beispiel etwas später, 1531, aber das ist ja auch schon eine Weile her.) Oder im Ernst ein Definitionsversuch: Cicero-Leser sind Menschen, denen man solche „Informationen“ anbietet.

Geistige Gummibärchen: sind eine gelegentliche Kolumne zur Poesie des Medienspeak

128. Gedicht

WIR REDEN NICHT MEHR VIEL, WIR ZÄHLEN ZÜGE
Am Telefon, du chattest nebenbei,
Die Gegenseite hat die Hände frei,
Ich wiederhole mich dabei, ich lüge,

Daß es mir gar nichts ausmacht, dich zu hören,
Wie du dich aufteilst zwischen zwei Systemen,
Mir zuhörst, schreibst, nur von dir Abstand nehmen:
Das könnte ich nicht, ohne dich zu stören.

Die Traurigkeit ersetze ich durch Leere,
Verlassenheit dürch übertriebene Tage,
Die Angst durch Herbstgefühl und Apathie.

Wenn ich dir jetzt am Telefon erkläre:
Ich reparier die Igelwaschanlage,
Verstehst du deinen Bildschirm sicher nie.

/ Thomas Kunst

127. Neu: „manuskripte“ und „Lichtungen“

Ein gewohnt breites, literarisches Spektrum decken die „manuskripte“ in Nummer 185 ab. So findet sich etwa „das Alpland und feine Ohr“, eine in Arbeit befindliche Prosaschrift von Friederike Mayröcker. Günter Brus steuerte neben Lyrik auch das Titelbild der aktuellen Ausgabe bei. Die bulgarische Dichterin Tzveta Sofronieva „korrespondiert mit Kappus“.

www.manuskripte.at

Die „Lichtungen“ bleiben auch in Ausgabe 119 ihrer Linie treu und halten den Fokus auf internationale Literaturszenen sowie die Förderung junger Autoren. Aktuell wurde der Schwerpunkt auf Ungarn und Lyrik aus Polen gelegt. Autoren wie László Márton, Tadeusz Dąbrowski und Krzysztof Kuczkowski werden im Original wie in der deutschen Übersetzung auf die Bühne gebeten. Die „neuen Namen“ der österreichischen Szene gemahnen uns „leise“ (Barbara Zehmann) vom „Zeitalter des Wassermannes“ (Martina Klein) zu sprechen. Und dank Brigitte Pölzls Essay finden wir uns gar noch „Unterm Zwetschkenbaum mit Foucault“ ein.

/ CARL-MICHAEL DRACK, Kleine Zeitung