157. War Shakespeare schwul?

Dies fordert von selbst zu der Frage heraus: War Shakespeare „es“? Tatsächlich hat es nicht an Versuchen der Schwulen gefehlt, ihn als einen der Ihren zu reklamieren, und das ist ja nur verständlich: Die Entdeckung, dass nicht nur der große Marcel, der große Walt, der große Oscar, sondern auch der große Will dazugehörte, wäre so etwas wie ein Hauptgewinn in der Lebensliteraturlotterie.

Allerdings gibt es da eine unüberwindliche Schwierigkeit. Diese Schwierigkeit ist das 20. Sonett: Die Natur, schreibt der Dichter dort, habe seinem jungen Freund das Gesicht und das sanfte Herz einer Frau gegeben, und so sei es sein Schicksal, dass sich die ganze Welt in ihn verliebe. Doch dann, so Shakespeare weiter, habe sich die Natur selbst in ihr Geschöpf verliebt – und aus Eifersucht, damit er für den Dichter unbrauchbar werde, habe sie ihm ein Ding zuviel angehängt, das ihn in erotischer Hinsicht leider nur noch für die Damenwelt interessant mache: „But since she pricked thee out for women’s pleasure, / Mine be thy love, and thy love’s use their treasure.“ Das Wort „prick’d“ hatte auch für Ohren des elisabethanischen Zeitalters schon jenen anrüchigen Klang, den man noch heute heraushört. „She prick’d you out“ heißt also „sie hat dich ausgewählt“, gleichzeitig ist der „prick“ aber der Schwanz – so elegant und obszön in einem Wort zu sein, das schafft nur Shakespeare.

Wir klappen den Aktendeckel mit einem durchaus abschließenden Knall zu und sagen: Der Dichter war nicht schwul. Jedenfalls wenn Worte noch etwas gelten und Texte eine Bedeutung haben. Eine andere Frage ist indessen, welche biografischen Erlebnisse wohl den Sonetten zugrunde liegen: Auf welchen Namen hörte, bitte schön, die dunkle Lady, die gelegentlich mit Shakespeare ins Bett ging, obwohl er alt und klapprig und sie ein feuriges junges Ding war? Handelte es sich bei ihr um eine sefardische Jüdin, die ihren Glauben im England des 17. Jahrhunderts nur heimlich praktizieren durfte, hat sie dem Dichter als Vorbild für die Jessica in „The Merchant of Venice“ gedient?

Verfasser von Kitschromanen dürfen sich nach Herzenslust die Finger wund schreiben. Der Literarhistoriker kann dagegen nur bedauernd die Achseln zucken. Das grundsätzliche Problem ist, dass zwischen Shakespeare und uns ein verzerrendes Prisma liegt: die Epoche der Romantik. Durch dieses Prisma können wir Gedichte eigentlich nur noch als autobiografische Zeugnisse lesen: wie Seiten eines gereimten Tagebuches. Zu Shakespeares Zeit gab es diese Form der grübelnden Selbsterforschung aber noch gar nicht. In Autobiografien hielt man seine Taten und Meinungen für die Nachwelt fest; in den tiefen Brunnen der dunklen Psyche stieg man nicht hinunter. Lyrik diente damals keineswegs der spontanen Herzensergießung, eher war sie ein strenges Formenspiel, das der intelligenten Unterhaltung diente. / Hannes Stein, Die Welt 28.10.


3 Comments on “157. War Shakespeare schwul?

  1. Das ist ein an Informationen sehr mangelhafter Text. Homesexuellen per se zu unterstellen einen Dichter für sich „beanspruchen“ zu wollen ist sehr kurzsichtig und impliziert, dass „Schwule“ wie es in diesem grauenhaften Text so heißt sich lediglich über ihre Sexualität definieren. Wie dem auch sei, darüber hinaus beweist der Text nichts. Ixh hoffe niemand nimmt das hier für voll. Historiker nehmen bis eute eine bisexualität des Lyrikers an. Eine eindeutige aussage kann nicht getroffen werden. Lesen Sie lieber den Wikipedia Artikel.

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  2. der text behauptet m.e. keineswegs, daß homosexuelle sich „lediglich über ihre sexualität definieren“. ob man das wort schwul benutzt, ist vielleicht geschmackssache, jedenfalls ist es heute nicht mehr ausschließlich diskriminierend, ähnlich wie auch das englische gay. der text von hannes stein will auch nicht beweisen oder widerlegen, daß shakespeare homosexuell war, er handelt von etwas anderem.

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