184. Liebesgedichte und Videolesung

Über die Leser anspruchsvoller Lyrik in Deutschland kursieren ohnehin nur Dunkelziffern.

Thomas Kling vermutete einmal, es könne sich höchstens um dreihundert handeln, während Hans Magnus Enzensberger ihre Zahl auf immerhin 1354 schätzte – aber das ist auch schon zwanzig Jahre her. Die Auflage der meisten Lyriktitel liegt bei 250 bis siebenhundert Exemplaren; Anthologien schaffen etwas mehr. …

Doch jetzt erscheint ein Liebesgedichtband, der das Zeug zum Volksbuch hat – und verdient hätte, eins zu werden: „Offene Unruh“ von Michael Lentz. Es gehört nicht in die Bibliotheken, sondern in jede Jackentasche. Dabei ist der Band eine Provokation, eine Anmaßung, ganz wie das Gefühl, um das es geht. Vor allem aber ist er ein eingelöstes Versprechen, ein erneuter Beweis der sich immer noch steigernden Gedankenschärfe und Ausdruckskraft seines fünfundvierzigjährigen Autors. Die Liebe lässt sich nicht beherrschen, die Sprache der Liebe schon: Das macht „Offene Unruh“ zu einem Werk, das diese Frühjahrssaison weit überdauern wird. …

Von heute an bis zum Erscheinen von „Offene Unruh“ am 11. März im S. Fischer Verlag präsentieren wir täglich eine neue Gedicht-Performance von Michael Lentz.

/ Felicitas von Lovenberg, FAZ 26.2.

183. Schlüsselroman

Ein früher Schlüsselroman der Beat-Generation konnte jetzt, nachdem alle Beteiligten tot sind, erscheinen: „Und die Nilpferde kochten in ihren Becken“, geschrieben 1945 von William S. Burroughs und Jack Kerouac. / FR 8.2.

Mehr: FAZ 19.2.

182. Alles gleichzeitig

Peter und Thomas Brasch starben im Juni und November 2001. „Die Männer der Familie Brasch waren nicht sehr kräftig“, sagt Katja Lange-Müller, „aber sie wollten in geradezu rasendem Aktionismus immer alles gleichzeitig machen.“ / FR 15.2.

181. Westerwelle und Goethe

Westerwelle, Goethe und andere schicken die deutsche Sprache in die Welt. Was soll daran schlecht sein? Die etwas angestrengte Form der Sprachwerbung vermochte Zweifel nicht zu zerstreuen. Schöner ist es, wenn die deutsche Sprache unerwartet ins Spiel kommt.

– Zur Erklärung reiche ich 3 Sätze aus dem FR-Artikel nach:

Guido Westerwelle war am Donnerstag der Eröffnungsredner einer Berliner Veranstaltung des Auswärtigen Amtes und diverser Mittlerorganisationen, bei der eine gemeinsame Kampagne für die deutsche Sprache vorgestellt wurde. Hässliche Worte wie Leistungsgerechtigkeit oder anstrengungsloser Wohlstand fielen nicht.

Und zur Versöhnung:

Der heiterste und wohl auch intelligenteste Vortrag stammte von der japanischen Schriftstellerin Yoko Tawada.

180. Geendlert, geerbt

Ob der wunderbare Titel „Vokalise geht einkaufen“ oder das Wort „höricht“ auf Oskar Pastior hinweisen, bleibt ungewiss, auch die „flughunde“ sind wohl eher metaphorische Fledermäuse als eine Hommage für Marcel Beyers gleichnamigen Roman*. Das autobiografischste Gedicht „wer anderen ein ei ins nest färbt“ ist Volker Braun gewidmet und beschreibt die Herkunft der 1958 in Gotha geborenen Schriftstellerin als einen „eher eng zu nennenden ort / in einer eher eng zu nennenden landschaft, die, von bergen umstellt, / am thüringer becken hing. mein nest war mir sicher, / nie hatte ich furcht, der vorrat wollte nicht reichen, und dass mir / die kleider schnell platzten aus den volkseigenen nähten, / war meine wie meiner mutter und großmutter absicht.“

Von den nicht passenden Kleidungsstücken sagt die Autorin, dass sie sie „manchmal erbte und färbte in kirsch oder braun“ und dass sie sie „endlerte und auftrug bis zum abmickeln“. Ja, so kommen die Dichter ins Nest. Farben sind sie und Tätigkeitswörter, Verbformen, wie wir sie von den entsprechenden Namensableitungen „gebennt“ und „gerilkt“ her schon länger kennen. Kathrin Schmidts Dichter-Verben sind aber neu, wie so vieles neu ist in diesem aufregenden Gedichtband. / HERBERT WIESNER, Die Welt 27.2.

Vgl. L&Poe 2010 Feb #155. Lust am Überfluss

*) Aber mit Verlaub, daß eine belesene Autorin die Wörter Vokalisen und Höricht verwendet und nicht an Pastior denkt, sollte man wohl ausschließen! – Das „wir“ in „wie wir sie schon länger kennen“ könnte man auch mal untersuchen. Ich würde eher sagen, sie schreibt sich in das Verweisungsnetz der  Sächsischen „Gruppe“, wie es hin und her ging. (Nicht anders übrigens als die, Gruppe oder nicht, Rudolph und Winkler und Falb und Popp und und und)

179. Werner Karma, Gebrauchstexter

Alles Rot heißt die neue Platte von Silly. Sie erscheint in drei Wochen. 14 Jahre nach dem Tod der Sängerin Tamara Danz hat sich die Band neu erfunden. Tamaras Männer, Uwe Hassbecker, Ritchie Barton und Jäcki Reznicek, wagen mit einer anderen Frau, mit Schauspielerin Anna Loos, ein zweites Debüt. Alle Texte auf dem neuen Album stammen von Werner Karma, so wie früher, als er Mont Klamott, Bataillon d’Amour oder So ’ne kleine Frau schrieb. Lieder, für die man die Band verehrte.

Werner Karma, geboren 1952 in Berlin, gehörte zu den wichtigsten Textern im Osten, er arbeitete für City, Veronika Fischer, Dirk Zöllner, Dirk Michaelis und schrieb alle Texte für Pension Volkmann. Gebrauchstexter nennt er sich, Dichter sei nicht das richtige Wort. Seine Reime brauchen einen Auftrag, sie brauchen Musik. / Marika Bent, Märkische Allgemeine 27.2.

Karmas Website: www.rockpoet.de. Das Silly-Album „Alles Rot“ erscheint am 19. März.

178. Irrtum

„Frau Auffermann irrt“, ruft Sascha Anderson in einem Essay zur Hegemann-Debatte:

Die Aussagen der Literaturkritik à la Verena Auffermann sind von einem grundsätzlichen Nicht-Wissen um die Probleme des sogenannten schöpferischen Prozesses geprägt: 1. Die Erfahrung des Schreibenden schließt das Wissen um das Nicht-Erfahrene ein. 2. Wer das Nicht-Erfahrene nur als Lücke begreift und die »Wissenslücken« mit mehr oder weniger kopierter Information zu schließen versucht, muss scheitern. 3. Wer beim Schreiben scheitert und es nicht merkt, liefert einen gescheiterten Text ab. 4. Heutzutage werden Verlagsverträge ja nicht für einen fertig abgelieferten, vielleicht noch zu lektorierenden Text aufgesetzt, sondern für Konzepte, Treatments, Stichproben, Ansätze, erste und zweite Kapitel; und dann muss alles sehr schnell gehen. Es bleibt keine Zeit, einen Text (wie sich selbst) ruhen zu lassen, das Verhältnis von Ich und Produkt zu reflektieren. 5. Es ist kein Sakrileg, das Material anderer zu verwenden. Dies gehört grundsätzlich zur Kunst. Auf einem anderen Blatt steht, die Illusion als Illusion kenntlich zu machen. / Sascha Anderson, ND 27.2.

177. Mawlîd-Gedichte

Der Begriff „Mawlîd“ bedeutet Geburt, Geburtsort und –zeit. Literarisch bezeichnet der Begriff hauptsächlich Werke, die sich mit der Geburt des Propheten Muhammad (saw), seinem Leben, Verhalten, Aussehen, seinen Wundern bis hin zu seinem Tod beschäftigen. Viele dieser Werke wurden mit der Absicht verschriftlicht, diese auf Feiern anlässlich der Geburt des Propheten Muhammad (saw) gemeinsam lesen zu können. …

In Mawlîd-Gedichten werden oft Themen bezüglich der Geburt des Propheten, sein Aufstieg in das Himmelreich (Mirâdsch) und sein Tod behandelt. Diese religiösen Schriften sind in einer einfachen Sprache abgefasst und an den einfachen Menschen gerichtet. In der türkischen Kultur tragen Mawlî-Gedichte eine besondere Bedeutung. Außer den in arabischer Sprache verfassten Mawlîd-Gedichten wurden auch Schriften in persischer, albanischer, kurdischer, bosnischer, tscherkesischer, und tartarischer Sprache, sowie auf Urdu und Swahili verfasst. …

Auf die Mawlîdsche Textgattung wurde in der türkischen Literatur besonders viel Wert gelegt. Der hauptsächliche Grund dafür liegt an dem ersten türkischen Mawlîd-Text „Vesîletü’n-Necât“ um 1409 von Süleyman Çelebi, der besonders beliebt war und gleichzeitig zur Ursache seiner Befreiung wurde. Das Mawlîd-Gedicht des Süleyman Çelebi ist in einer ausdrücklich einfachen und eindrucksvollen Sprache geschrieben. Dies führte dazu, dass daraufhin auch viele andere Mawlîd-Texte geschrieben wurden, allerdings schaffte es keiner Çelebi das Wasser zu reichen. In der türkischen Literatur sind mehr als 200 Mawlîd-Gedichte und ähnliche Texte zu finden. / Islamische Gemeinschaft Milli Görüș

176. Frauen-Farben

Vom 1. bis 6.3. findet in der Hauptstadt Benins, Cotonou, der 4. Internationale Salon der frankophonen Dichter in Benin (SIPOEF) statt. Er steht unter dem Motto „Frauen-Farben“ (Couleurs Femmes). / Afrique en ligne

175. Richtig

Schneider blätterte sich durch den Fußballteil und das Feuilleton der Süddeutschen Zeitung und ertappte sich, wie er einen Satz von Tobias Lehmkuhl, der einen Satz von Theodor W. Adorno drehte und wendete, aufmerksam las: Adorno hatte in der ursprünglichen Fassung von »Minima Moralia« nicht »Es gibt kein richtiges Leben im falschen« geschrieben, sondern »Es lässt sich privat nicht mehr richtig leben.« Lehmkuhl schreibt: »Adorno setzte also um der Wirkung willen ›richtig‹ an Stelle von ›privat‹, an der Sache aber ändert es nicht grundsätzlich etwas. Im Gegenteil, man kann aus heutiger Perspektive sogar sagen, dass Mittelmeiers Fund (des Originalzitats) den Satz nur noch näher an den Refrain von der Unmöglichkeit des Gedichts nach Auschwitz rückt. Nach Auschwitz ist eben auch die behagliche Sesselruhe dahin, in der ein Gedicht, das Auschwitz nicht eingedenk wäre, entstehen könnte.« / Max Dax, spex.de

174. Nicht im Elfenbeinturm

Sie leben und arbeiten in der Hauptstadt und schreiben vor allem Gedichte: Jan Wagner, Björn Kuhligk, Florian Voß und einige andere. Zu sehr sind sie als Lyriker Individualisten, als dass sich von einer neuen Berliner Dichterschule sprechen ließe. Und doch verbindet sie manches – auch Freundschaft. Gemeinsam treten sie bei Veranstaltungen auf, gemeinsam veröffentlichen sie Bücher oder geben welche heraus und widmen sich gegenseitig Gedichte.

Was sie verbindet, ist ein dezidiert neuer Ton. Diese Lyriker zwischen 30 und 40 schließen sich nicht im Elfenbeinturm der Dichtung ein und lassen sich auch nicht in die Ausnüchterungszelle aseptischer Arbeit am Sprachmaterial sperren. Mit wachem Kopf öffnen sie sich der Gegenwart. …

Mit „Kanon vor dem Verschwinden“ hat sich Tom Schulz in die vorderste Riege der jungen deutschsprachigen Lyrik geschrieben. / Hans-Dieter Fronz, Badische Zeitung 27.2.

Tom Schulz: Kanon vor dem Verschwinden. Gedichte, Berlin Verlag, Berlin 2009, 104 Seiten, 16,90 Euro.

173. Für die Schublade

Ariane Grundies war im vergangenen Sommer zwei Wochen als Stadtschreiber des Goethe-Instituts in Helsinki. Ende September veröffentlichte das Goethe-Institut ein Gespräch mit ihr. Ist schon eine Weile her, erst jetzt hat mich jemand darauf aufmerksam gemacht, aber interessant ist es vielleicht auch jetzt noch. Auszug:

Haben Sie selbst schriftstellerisch etwas von Ihrer Zeit in Helsinki mitgenommen?

Eine Sache war ungewöhnlich. Ich schreib’ sonst eigentlich kaum Gedichte. Aber in diesen zwei Wochen habe ich plötzlich sehr viele geschrieben. Ich habe keine Ahnung, warum. Aber es ging gut. Vielleicht habe ich auch einfach die Idee von Helsinki, dass man da gut Gedichte schreiben kann.

Mit einem der Gedichte haben Sie ja Ihren Blog abgeschlossen. Werden wir die anderen auch noch zu lesen bekommen?

Nein, die sind für meine Schublade*. Im Ernst: Ich weiß nicht, was aus diesen Gedichten wird. Erstmal nichts. Vielleicht kann ich sie mal meiner Oma zum Geburtstag schenken oder so.

*) Apropos, gerade hörte ich in einer Dokumentation zum Einsturz des Kölner Stadtarchivs, daß Günter Wallraff seinen Vorlaß an das Archiv gegeben habe, seine frühen Sachen, auch die Jugendlyrik, und man sagt ihm, das lag im Keller, da gab es kaum eine Chance.

172. „Das schaff ich nicht“

Nach 37 jahren verbreitung meiner gedichte muss ich nun dafuer ins gefaengnis:
fuer beschreiben des gehsteigs mit abwaschbarer farbe vorm wiener museumsquartier
wurde ich vom museumsquartier wegen schwerer sachbeschaedigung angezeigt:
Ich bekam 2 monate bedingt.

Da ich wegen gleicher taten heuer noch oft vor gericht stehe und weitere schuldsprueche zu erwarten sind, bedeutet es, dass ich bald lange haftstrafen absitzen muss.
Das schaff ich nicht. Das ueberlebe ich nicht.

helmut seethaler
A 1200 wien
Wasnergasse 43/8

http://www.hoffnung.at
0043 1 330 37 01
hseethaler@gmx.at

Solang ich noch da bin:
Weitere gedichte auch per post fuer
einen kleinen schein:
PSK 7 975 059

171. Oskar Pastior Preis für Oswald Egger

Der Dichter Oswald Egger erhält den mit 40.000 Euro dotierten Oskar Pastior Preis.

Für ihre Entscheidung gab die Oskar Pastior Stiftung, die den Preis in diesem Jahr zum ersten Mal vergibt, folgende Begründung:

„Die Oskar Pastior Stiftung verleiht den Oskar Pastior Preis 2010 Oswald Egger, der in seinem Werk die vielstimmigen Erscheinungs- und Wahrnehmungsformen von Welt in Sprache erkundet. Mit Spielwitz und Risikofreude macht er noch die entlegensten Vokabularien und Wortschätze zum Material seiner mathematisch-poetischen Versuchsanordnungen und treibt so die Traditionen experimentellen Schreibens voran.“

Verliehen wird der Preis am 28. Mai 2010 im Berliner Rathaus; die Laudatio hält der Lyriker Ulf Stolterfoht.

170. Printemps des Poètes, Berlin 10 – 08. bis 21. März 2010 in Wedding

Vom 08. bis 21. März 2010 laden die OrganisatorInnen und MitstreiterInnen von Printemps des Poètes, Berlin 10 zu einer poetischen Entdeckungsreise mit interdisziplinären und interaktiven Performances, Ausstellungen, Filmen und Workshops ein.

Die Motivation dabei ist, Dichter und Gedichte neu zu entdecken, die persönliche Beziehung zu Poesie zu erforschen und einen spielerischen Zugang zu Poesie in verschiedenen Sprachen zu schaffen.

Es gibt noch Aktionen zum Mitmachen (u.a. OkuPoems, The Poetry Twins im Rahmen von Poem Space Mobil…).

Wir freuen uns, Euch bei dieser Gelegenheit kennenzulernen, z.B. bei einer Veranstaltung oder im Wohnzimmer von Printemps des Poètes, Berlin10.

Herzliche Grüße und viel Spaß!

Catherine Launay und Nicola Caroli

Auftakt des Poesiefestes am Montag 08. März 2010
16.00 – Bücherbus an der Bibliothek am Luisenbad
Aktion für Kinder von ca. 6 bis 8 Jahre alt (im Rahmen von Poem Space Mobil)
Poesie- und Bilderbücher mit Ines Lucht (Fahrbibliothekarin)
Bibliothek am Luisenbad, Travemünder Str. 2

17.30 Bibliothek am Luisenbad, Puttensaal
A Poem Space in Berlin Film von Estelle Beauvais über Printemps des Poètes, Berlin09
Bibliothek am Luisenbad, Travemünder Str. 2

18.00 The Absence of Art
Vernissage In jedem Sinne des Wortes von The Absence of Art
Mit Dimitri Dragilew, Urszula Usakowska-Wolff, Donald Borkowski-Blaszczyk, Arezu Weitholz, Dorothee Neserke
The Absence of Art, Osloer Str. 105

19.00 Bibliothek am Luisenbad, Puttensaal
Performance Broken: Part I (preview) von Shannon Sullivan/ Performance Lab Berlin
Performancesolo über das Zerbrechen
Bibliothek am Luisenbad, Travemünder Str. 2

20.00 wortwedding
Vernissage Les Nourritures du feu Installation von Martine Saurel
Eröffnung des Wohnzimmers von Printemps des Poètes, Berlin10
wortwedding, Prinzenallee 59