Stabwechsel im Internationalen Künstlerhaus Villa Concordia in Bamberg: Die erst 30-jährige Nora Gomringer hat hier künftig das Sagen. Sie ist damit die jüngste Leiterin einer staatlichen Kultureinrichtung in Bayern.
Der Wechsel könnte krasser kaum sein: Auf den 65-jährigen, distinguierten Kunstkenner Bernd Goldmann, der in Ruhestand geht, folgt die junge Wilde. »Punk und Aufstand» möchte sie zwar nicht gleich in das Haus bringen, aber doch mehr Bewegung und Offenheit. Dafür bekennt sich Nora Gomringer auch klipp und klar zum Event: »Ich sehe das zwar sehr gespalten, aber als Notwendigkeit.» …
Im Herbst kommt ihr neuer Lyrik-Band heraus. Als lesende Autorin, Poetry-Slam-Künstlerin und Rezitatorin hatte sie bislang einen vollen Terminkalender, der sie quer durch die Lande führte. »Das werde ich künftig nur noch nebenher und am Feierabend machen», sagt sie. / Hilpoltsteiner Zeitung
Bevor der jüdische Staat Israel – mit weitreichenden Folgen für die Region – gegründet wurde gab es zionistische Visionäre, meist Europäer, die nach 1948 weltbekannt wurden und zu deren Ehren Straßen, Plätze und sogar Städte in Israel benannt wurden, allen voran Theodor Herzl. Einer, der selbst in Vergessenheit geriet, aber eigentlich ein primus inter pares war, ist Naphtali Herz Imber.
Er wurde 1856 als Sohn frommer Juden in Galizien geboren. Nach einer behüteten Kindheit, in der er schon früh die traditionellen, jüdischen Lehren kennenlernte, machte er sich auf den Weg, die Welt zu erkunden. Nichts hielt ihn mehr im Kaiserreich Österreich-Ungarn. Nach dem Tod des Vaters und antisemitischer Übergriffe in seinem Dorf bereiste er den gesamten Balkan sowie Europa – und schrieb dort das Gedicht Tikvatenu (zu dt.: Unsere Hoffnung) –, danach zog es ihn nach Konstantinopel. …
Er galt als notorischer Herzensbrecher, Trinker und Lebemann, der alle im Dorf mit seinen Liedern und Texten unterhielt – besonders mit einem Gedicht: Tikvatenu. Als er den Text vortrug, war ein Bauer so begeistert von dem Text, dass er eine passende Melodie dazu schrieb – damit war der Grundstein für die Hymne des Staates Israel gelegt. … 1948, als David Ben Gurion den Staat Israel ausrief, wurde sein Text – leicht verändert – zur Hymne des Staates Israel erklärt. / Dominik Nicolas Peters,
… aber es gibt Menschen, die sagen, die „Neue Zürcher Zeitung“ war früher einmal besser. Ich glaube das nicht und kann es auch beweisen: „Über den Asphalt / läuft ein Bach. Früher / hätte ich gesagt: So läuft das Leben. / Sag ich heut nicht mehr. / Früher hätte ich den Vers-/fluss weiterlaufen lassen. / Jetzt lass ich den Vers so, / wie er ist.“
Tonnen von Zeitungen werden von so einem Gedicht aufgewogen. Und wer druckt es? Die „Neue Zürcher Zeitung“. Der Autor heißt Michail Kukin und es ist aus dem Russischen übersetzt von Kay Borowsky. Ich zitierte das Gedicht, um in der „Presse“ mahnend an die „Neue Zürcher Zeitung“ zu erinnern und weil darin vom Schreiben die Rede ist: Den Dichter Kukin hat eine Müdigkeit erfasst, aber er gibt nicht auf. Früher, da hätte er … Na und, jetzt hat er’s doch schon mit den ersten zwei Zeilen, dann braucht er nur noch hinzuzufügen, dass er früher aus dem Bach einen Fluss gemacht hätte, jetzt lässt er den Bach Bach sein – und schon steht seine gegenwärtige Lyrik. / Franz Schuh, Die Presse 13.3.
Geduldig von Song zu Song lesend, zweifelt man nicht daran, dass Sting die Poesie liebt. Und vor allem auf den ambitionierten Solo-Platten hat es auch am nötigen Minne-Eifer, am Ringen um Bild und Gedanken nicht gefehlt. Allerdings ließ sich die zuständige Muse nur höchst selten zu einem inspirierenden Kuss verleiten. Und wenn der späte Sting in einer pseudophilosophischen Sentenz mit letzten Weisheiten kämpft, sehnt man sich fast nach den schlichten Formeln der frühen Platten zurück. Natürlich findet sich gelegentlich die eine oder andere schöne Zeile. Bestechend schön ist: „The evening spreads itself against the sky“ / „Der Abend ausgestreckt am Himmelsstrich“. Dieser Vers stammt – Sting verheimlicht es seinem über die vorliegende Sammlung gebeugten Fan durchaus nicht! – von T. S. Eliot. / GEORG KLEIN, SZ 5.3.
STING: Die Songs. Aus dem Englischen von Manfred Allié. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2010. 500 Seiten, 22,95 Euro.
WINTER OHNE LEUCHTANZEIGE, DU
Hast an einem Sonntag mit dem Jonglieren
Angefangen, mit drei Mandarinen, mit
Drei noch nach einer Woche in Silberfolie
Eingewickelten, auf dem Sofa verstreuten,
Jeweils bis zum Scheitelpunkt hochgeworfenen, mit
Den Fingerspitzen nach innen durch das
Gesichtsfeld parallel etwas näher zum
Körper wieder herangewunkenen, leichter
Aufgefangenen als hochgeworfenen,
Liegengebliebenen Mandarinen.
/ Thomas Kunst, Leipzig
Nadja Küchenmeisters tritt in ihrem ersten Gedichtband als eine einzigartige lyrische Stimme auf, die sanft und gelassen klingt, obwohl sie mitten aus dem Fegefeuer zwischen Liebe und Tod zu kommen scheint. Seit Ingeborg Bachmann hat niemand mehr ein Du, sich selbst oder den Leser so intensiv fragend angeredet. Sanft tönen die Sprachmelodien der 1981 in Berlin geborenen Schriftstellerin. Die ewigen Themen Willkommen und Abschied, Vergänglichkeit und Einsamkeit laufen als Signaturen, Echos und Spiegelungen zwischen den Zeilen mit. Sie grundieren auch die Verse, in denen von häuslichen Szenen, einem Gewitter oder Aufenthalten in Berlin, Potsdam oder Edenkoben die Rede ist. Wind, Luft, Schatten und Licht strömen anders als in der Moderne durch Nadja Küchenmeisters poetische Räume. …
Permanente Grenzverschiebungen zwischen Sprachbildern, ein unerschöpflicher Vorrat an Klängen wie Binnenreime, Assonanzen, Alliterationen und kaum merklich unterwanderte Versmaße lassen immer neue Perspektiven aufscheinen. / Dorothea von Törne, Die Welt 13.3.
ALLE LICHTER.
Von Nadja Küchenmeister. Schöffling, Frankfurt/M. 104 S., 16, 90 Euro.
Außerdem in dieser Rezension:
ZUNDER.
Von Ulrike Almut Sandig. Connewitzer Verlagsbuchhandlung, Leipzig. 72 S., 12 Euro.
AUS DER KÖLNER BUCHT.
Von Jürgen Becker. Suhrkamp, Frankfurt/M. 104 S., 5 Euro.
An Hoheliedern auf die Lyrik von Ulrike Almut Sandig fehlt es nicht, und doch scheint es, dass kaum einer ihre Strophen tatsächlich verstanden hat. Zu hermetisch, zu mysteriös kamen die Verse daher. Bang fürchtete man deshalb, dass die gefeierte Autorin das Verrätseln als Hypothek auch ihrem Prosadebüt aufbürden würde. / Ulf Heise, Märkische Allgemeine 13.3.
31. Grammatik der Sprachen von Babel 148 Besuche
53. EEE-Teil 4: “RE:RE:RE:ÜBERWANDLER-SCHNEE VON ÜBERGESTERN” 79 Besuche
10. Und was ist politische Lyrik? 74 Besuche
44. Stipendium für Röhnert 51 Besuche
22. Habemus Bubim 25 Besuche
56. Dichter-Gespräch 23 Besuche
17. Raoul Schrott stellt ägyptische Gedichte vor 12 Besuche
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Der Verleger René Rougerie, der 1948 den Lyrikverlag Rougerie gründete, starb vergangene Nacht in Lorient ( Bretagne). Er war 84 Jahre alt. In seinem Verlag erschienen die größten französischen Dichter, von Boris Vian bis Max Jacob, René-Guy Cadou, Xavier Grall oder Joe Bousquet. Er hielt sich in Lorient auf, weil er Exemplare eines seiner letzten Bücher anlieferte, Saint-Pol-Roux: „Litanies de la mer“.
In seinem „Freiheits-Manifest“ schrieb er: „Ich verlegte alles, was ich liebte. Dabei nahm ich mir auch das Recht auf Irrtum. Auf Verweigerung aller Etiketten. Sich von keinem System einnehmen lassen. Fähig sein, eine lyrische Poesie ebenso zu lieben wie eine dichte, in der jedes Wort schwer wiegt.“ / Le Figaro 12.3.
Wie die erste Ausgabe der Anthologie „Lyrik von Jetzt“ dokumentiert auch Nummer zwei einen Generationswechsel. Fünfzig überwiegend neue Beiträger, die um 1975 herum geboren wurden, wurden in Zeitschriften, Miniverlagen, Szenespielstätten und auf Lesebühnen entdeckt. Da jeder der Auserwählten mit vier Gedichten vertreten ist, lassen sich Eigenart und Repertoire ansatzweise erkennen. Der Anteil der reinen „Performer“ und Pop-Poeten, die sich vor Jahren noch das „coole“ Gedicht aus der Lunge röhrten, ist merklich reduziert. Was auf den ersten Blick wie ein editorisches Sammelsurium mit Chaospotenzial wirkt, präsentiert auf den zweiten die Vitalität und Vielfalt der Lyrikszene der heute Dreißig- bis Vierzigjährigen. …
Ob extrem absurde lyrische Ichs wie bei Ann Cotton [Cotten!], deren ungewöhnliche Sonette sich Suhrkamp gesichert hat, oder rüpelhaft-witzige Spaßvogel-Gesten wie bei Herbert Hindringer – langweilig ist es nirgends. „Lyrik von Jetzt“ widerlegt alle Aussagen über schwindende lyrische Subjektivität oder verlorenes Formbewusstsein der Jungen und belebt kräftig den Diskurs über zeitgemäßes Dichten. Im quicklebendigen Hexenkessel braut sich Neues anders als gedacht zusammen. / Dorothea von Törne, Die Welt 12.3.
LYRIK VON JETZT. ZWEI.
Hrsg. v. Björn Kuligk u. Jan Wagner. Berlin Verlag, Berlin. 288 S., 19,90 Euro.
Und hier erleben wir Robert Gernhardt als Äquilibristen auf dem Hochseil über unseren Köpfen: Wird er ins Albern-Triviale abstürzen? Nein! Denn, so Gernhardt verschmitzt, manchmal muss man einen Fund einfach nur so lange liegen lassen, bis sich ein sinntragendes Gedicht um den zarten Reimkern herum bildet. Das kann lange dauern, etwa beim wahrlich herausfordernden Fragment: „Werd ich nicht nach Tarif bezahlt, wird ab sofort naiv gemalt!“. Singulär betrachtet, ist das ein hochda[da]istisches Fragment ohne tieferen Sinn, doch Robert Gernhardt fand nach zwanzig Jahren Reifezeit die Geschichte drum herum – als ihm Picasso und sein Galerist vorm dichterischen Auge erschien:
O-Ton Gernhardt
Sehr geehrter Kunsthändler Kahnweiler, schreibt Picasso.
Wir hatten einen Deal gemacht,
der hat bis jetzt nicht viel gebracht.
Erst hab ich blau in blau gemalt,
Sie haben äußerst mau gezahlt.
Dann hab ich’s mit Rosé versucht,
doch nichts im Portmonnaie verbucht.
[…]
Werd ich nicht nach Tarif bezahlt,
wird ab sofort naiv gemalt.
[…]
(c) Nachlass Robert Gernhardt, durch Agentur Schlück.
/ Florian Felix Weyh, DLF 11.3.
Robert Gernhardt: „Über einige Erfahrungen beim Verfassen von Gedichten“
Vortrag mit Lesung
1 DVD, Quartino Verlag, 45 Minuten
Kathrin Schmidt ist in der Prosa wie in der Lyrik zuhause. Sie teilt das Entweder-Oder der berühmten Amerikanerin Emily Dickinson nicht, die vor rund 150 Jahren bekannte: „Ich wohne in der Möglichkeit/ Und nicht im Prosahaus/ An Fenstern reich und heller/ Mit Türen ein und aus“.
Dennoch scheint sie mit ihrem Gedicht „ein aus“ daran anzuknüpfen. Es spielt – wie andere Verse des neuen Bandes – mit Möglichkeiten der Sprache, mit doppelten Böden, Sprechbildern und Klängen. / Dorothea von Törne, Märkische Allgemeine
Die Rezensentin erhält auf der Leipziger Buchmesse den Alfred-Kerr-Preis für Literaturkritik 2010.
Falbs virtuose Bildsprache erzeugt Kurzschlüsse, deren erratische Konfrontation plötzlich bekannte Formeln wie „porentief rein“ bloßstellt vor der intensiven Lesehaltung, dem gebannten Blick. Die Funktion dieser Lyrik als semantischer Hebebühne, auf die die Narrheit der Welt gestellt wird, soll nicht davon ablenken, dass diese Bühne selbst fein gebaut ist. Viele Bilder und Bildreihen sind schlagend, decken sich selbst wie Kurantmünzen. Zuweilen verdichtet sich das zur Sentenz, in moralischer Tradition: „du vermisst die bestände, indem du sie abfischst.“ Aber da bleibt eine Crux. Politisierte Lyrik hat solches Hindeuten als Aufgabe: Das spielt sich im Bereich inhaltlicher, weil realpolitischer Stringenz ab, nicht vorrangig im genuin lyrischen Kurant. Die „Weltsprache der modernen Lyrik“, so hat es auch hier den Anschein, misst (mit Lichtenberg zu reden) als kostbarer Spazierstock ab, wo sie als politische Nadel stechen wollte und sollte. / Tobias Roth, Berliner Literaturkritik, 5.3.
FALB, DANIEL: Bancor. Kookbooks, Idstein / Berlin 2009. 64 S., 19,90 €.
Wahrscheinlich gibt es mehr isländische Dichter als Isländer, sicherlich aber haben die Isländer mehr Schulden als Dichter. 93 Prozent haben jetzt den Vertrag über die Rückzahlung britischer und niederländischer Kredite abgelehnt. Die vielen wollen nicht bluten für das Pokerspiel der wenigen. In der Edda, der ältesten Dichtung Islands, heißt es: „Die Gabe will stets Vergeltung. / besser nicht gezahlt / als zu viel getilgt.“ / Die Zeit 10, S. 1
Zu den bedrückendsten Lese-Erfahrungen, die das vergangene Jahrhundert bereithält, gehören die Begeisterungsschreie, mit denen die Schleppenträger des deutschen Geistes den Ausbruch des Ersten Weltkriegs begrüßt haben. Inständig beteten Dichter und Denker zu Gott, damit er den Feind im deutschen Kugelhagel verrecken lasse. In anderthalb Jahren, bis Ende 1915, entstanden 235 Bände mit Kriegslyrik, anderthalb Millionen Kriegsgedichte, 800 Bände Kriegsliteratur und tausend veröffentlichte Kirchenpredigten, in denen Christenmenschen aller Glaubensrichtungen dem »großen Krieg« in nomine christi den Segen gaben.
Unter den Großdichtern, die vom Schreibtisch aus zu den Waffen riefen, gehörte auch der für seine Empfindsamkeit gerühmte Thomas Mann. / Thomas Assheuer, Die Zeit 10
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