Carol Ann Duffy, Poet Laureate des Vereinigten Köngreichs, hat anlässlich der Verletzung des englischen Fußballspielers David Beckham das folgende Gedicht verfasst:
Achilles
Myth’s river – where his mother
dipped him, fished him, a
slippery golden boy flowed on,
his name on its lips.
Without him, it was prophesied,
they would not take Troy.
Women hid him, concealed him
in girls’ sarongs; days of
sweetmeats, spices, silver songs …
But when Odysseus came, with an
athlete’s build, a sword and a shield,
he followed him to the battlefield,
the crowd’s roar,
And it was sport, not war,
his charmed foot on the ball …
But then his heel, his heel, his heel …
Quelle: BBC News online vom 16. März http://news.bbc.co.uk/2/hi/8570282.stm
Zahlreiche Kommentare im Netz und in den Medien. Die SZ titelte: „Achilles-Verse“
In Griechenland, auf Reisen mit ihrer Freundin Irene Anfang der 1960er Jahre, notiert die nunmehr 28-jährige Susan Sontag: „Heute Abend (als sie am Hafen war) habe ich eine Stunde damit verbracht, zu masturbieren + mit einem Spiegel meine Möse zu betrachten. Als sie zurückkam, habe ich es ihr erzählt. ,Und, hast du irgendwas entdeckt?“, hat sie gefragt. ,Nein“, habe ich geantwortet.“ / SZ 20.3.
„Schönheit ohne Sinnlichkeit gleicht einer Brust, der die Brustwarze fehlt“ – so lautet das Motto, welches Gerald Zschorsch für seinen neuen Gedichtband gewählt hat. Es stammt von Ernst Jünger. Ludwig Reiners in seiner wohlanständigen Stilfibel fand diesen Vergleich „hart an der Grenze des Erträglichen“, aber gerade das mag Zschorsch bewogen haben, den Aphorismus für sich zu beanspruchen. Am Schluss kommt Ernst Jünger wieder zu Wort: „Schönheit, die Folge einer Verletzung. Im Absoluten gibt es sie nicht. Man würde in die Metaphysik des Schmerzes eintreten.“ Mit seinen neuen Gedichten bewegt sich der Dichter oft ganz hart an der Grenze dazu. …
„Wehweh / Ist eine Sprache von Kindern, / die noch nicht mündig sind. / Kleines Kind; großes Kind. / Wehweh ist auch ein Bild / von Versehrtheit. Ein Bild / kurz vorm Tod. / Wer wehweh sagt und hat, / ist in Not.“ / HANS-HERBERT RÄKEL, SZ 24.3.
GERALD ZSCHORSCH: Zur elften Stunde. Gedichte. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2009. 69 Seiten, 20,40 Euro.
Außerdem hat sich sido auch des, zugegeben sehr naheliegenden Vergleiches, von Rappern mit Dichtern bedient. Aufgrund der Popularität der jeweils verbreiteten Lyrik seien Rapper heute im Prinzip in einer ähnlicher Position wie damals ein Goethe.
„Goethe war ein Star zu seiner Zeit, weil es keinen anderen gab. Welcher Lyriker ist denn heute ein Star? Welche Lyriker werden für ihre Texte so starmäßig angesehen? Das sind wir. Hör dir mal die Texte von Samy Deluxe an! Die sind krass, das ist poetisch, das ist Lyrik. Und bei mir ist es dasselbe.
/ rap.de
Es sind wenige Grundwörter, „Schatten“, „Wind“, „Licht“ oder „Sonne“, die Chiellino wieder und wieder verwendet. Genitivmetaphern wie die „Wellen der Fremde“ oder die „Wechselstuben der Begierde“ stehen neben Sentenzen und bedeutungsheischenden Strophen, die wahllos Konkretes und Abstraktes vermischen: „Bereinigt von Erwartungen und Geboten, / Loyalitäten und Einbildungen, / unfähig zu lieben, zu urteilen, zu handeln / erschaudert der Kern, der mich ausmacht“. Bei so vielen Pathosformeln wollen die wenigen gelungenen Zeilen nicht recht trösten. Wie würde es der Autor selbst sagen: „Im Schatten deines warnenden Schauders / ernähre ich mich von Zweifeln“. NICO BLEUTGE, SZ 24.3.
GINO CHIELLINO: Landschaft aus Menschen und Tagen. Gedichte. Mit einer Selbstbetrachtung des Autors. Hanser Verlag, München 2010. 80 Seiten, 14,90 Euro.
Das Nasobem, von dem Morgenstern noch mit Recht dichtete: „Es steht noch nicht im Meyer und auch im Brockhaus nicht, es trat aus meiner Leyer zum ersten Mal ans Licht“, schaffte es bereits 1935 in die großen Lexika und wird als Erfindung des Dichters sogar bei Wikipedia gewürdigt.
Dass es es schwierig ist, die lautmalerischen Werke Morgensterns in andere Sprachen zu übersetzen, belegte Ihring mit dem Gruselett“, das auf Englisch zum „Scariboo“ wurde und dem „Mondschaf“, das auf Latein ein „Lunovis“ ist. Wenig zufrieden war der Vortragende mit der italienischen Version von „Das große Lalula“ bei dem sich die Übersetzungsleistung auf die Überschrift „La grande Lalula“ beschränke, im Übrigen den italienischen Lesern Buchstaben, wie K oder Ü zugemutet würden, die im Italienischen nicht vorkommen. / Klaus-J. Frahm, Gießener Anzeiger
In seiner Schrift „Was ist Surrealismus?“ hat Max Ernst seine Methode des radikalen Uminterpretierens von Bestehendem und Zufällig-Erzeugtem anschaulich erläutert: Es sind die Übergänge vom Bekannten ins Unbekannte und die Zwischenzustände zwischen dem Rätselhaften und dem Deutbaren, die ihn zum Weiterdenken und zum Gestalten animieren. In seinen kunstvollen Metamorphosen des Vorgefundenen sollen Bewusstes und Unbewusstes ineinander aufgehen. Die schönste poetische Metapher für diese Form des bildnerischen Transponierens hat wohl der Dichter René Crevel gefunden, als er Max Ernst den „Zauberer der kaum spürbaren Verrückungen“ nannte. / GOTTFRIED KNAPP, Süddeutsche Zeitung 20.3.
Max Ernst – „Albtraum und Befreiung“, in der Kunsthalle Würth in Schwäbisch Hall bis 2. Mai; im Museum der Moderne in Salzburg vom 12. Juni bis 3. Oktober. Info: 0791/946720. Der riesige Katalog (Swiridoff Verlag) kostet 45 Euro.
»Fahrtenschreiber« – ein Wort, in dem viel Technik und wenig Poesie zu stecken scheint. Doch weit gefehlt: José F. A. Olivers neuer gleichnamiger Gedichtband spiegelt Eindrücke für alle Sinne von Reisen durch Deutschland und Osteuropa wider.
Behandelte der Hausacher Lyriker mit seiner vorherigen Sammlung »Unterschlupf« noch Rückzug, Heimat und Geborgenheit, so setzt José F. A. Oliver nun einen Kontrast. »Die Gedichte erzählen von Augenblicken, die mich auf Reisen in den vergangenen drei Jahren berührt haben«, beschreibt der Autor sein 14. Buch. So lädt er auf einen Streifzug durch das ukrainische Czernowitz ein, Geburtsort von Paul Celan und Rose Ausländer. / Alexander Gehringer, Schwarzwälder Bote
Wie ich einem Kommentar entnehme, ist die erste Nummer der hier im Februar etwas skeptisch angekündigten Lyrikzeitschrift „Kaskaden“ nun erschienen und kann hier herunter geladen werden. Neben Unbekannten finden sich mit Lutz Steinbrück, Peter Ettl oder Christian Kreis auch Leute in der ersten Nummer, die schon von sich reden gemacht haben.
Poetik
II
Ich meinte
Worte seien leicht
wie Flaumfedern
glänzend wie Seide
rund wie die Knie von Mädchen
sorgenfrei wie Vogelgefieder
Ich meinte
gehorsam
folgten sie jedem Ruf
und man könnte Bilder aus ihnen bauen
deren Vieldeutigkeit
Reichtum in sich birgt
In meinem Leben gab es
Worte des Abschieds
und Worte des Hasses
und dann Worte der Liebe
Und dann sah ich
eingekratzt
in die Kerkermauer
Worte der Hoffnung
Alle waren sie
eindeutig
und zwischen ihnen weder
Symbol noch Metapher
nicht Periphrase noch Hyperbole
Aber in sich hatten sie
die Stärke des Urteils
und die Stärke des Wachstums
und sie besaßen die Stärke der Schöpfung. . .
Übertragen von Günter Kunert
In: Tadeusz Różewicz, Gesichter und Masken. Berlin: Volk und Welt 1969, S. 31f.
In seinen Liedern hat Hans Söllner Politiker und Polizisten beleidigt. Dafür musste er hohe Strafen zahlen. So lange, bis er es sich nicht mehr leisten konnte.
Söllner: Ich habe mich immer an einen Spruch vom Strauß gehalten: Wir sind Bayern, wir langen halt ein bissl härter hin! Das hab ich auch gemacht.
SZ: Und teuer dafür bezahlt.
Söllner: Und wie! Im Fall mit der Polizistin sollte ich 80 000 Euro zahlen.
/ SZ 19.3.
Hören Sie bei der BBC ein Gespräch mit der saudischen Lyrikerin Hissa Hilal, die vollverschleiert, aber mit unverschleierten Worten die Männerwelt herausfordert. Frau Hilal hat bereits Gedichte veröffentlicht und war Lyrikredakteurin der arabischen Tageszeitung al-Hayat. Ihr werden Chancen auf den 1,3-Millionen-Dollar-Lyrikpreis des Abu Dhabi-Fernsehens zugesprochen.
Vgl. L&Poe 2010 Mrz #120. Das Böse aus den Fatwas
Faktor kam 1978 von Prag nach Ost-Berlin und wurde neben Bert Papenfuß schnell zu einem Protagonisten (und Außenseiter) der Prenzlauer-Berg-Szene. Sein Alter ego Georg geistert schon lange durch Faktors verzerrt autobiographisch grundierte Bücher. Früher machte Georg sich Sorgen um seine Zukunft, und sein Autor kündigte an: „Alles, was die Gegenwart und die Vergangenheit von Georg betrifft, wird erst im nächsten Band zu finden sein. Detailliert, verräterisch, intim, erschöpfend.“ Das war nicht zu viel versprochen. / INSA WILKE, FR 18.3.
PHYCOMYCES
Der Biologe: Gelänge es, eure Instinkte zu messen, wir drehten am Schlüssel zum Leben.
Der Pilz: Vergebliche Mühe. Die Quanten, die meine Reaktionen regeln, umtanzen wie Flöhe eure Mechanik. Jetzt borgt euch Geduid bei den Dichtern. Jeder Vorstoß, den sie in unbewußtes Gelände tragen, belebt wieder euern Instinkt.
Der Dichter: Ging die Sicherheit auch ans Bewußtsein verloren, was uns an Ahnung von den Instinkten verblieb, kann den Schlüssel noch immer bewegen. Nachtklare Unschärfe erst macht ein Ganzes erkennbar und Sicht souverän.
In: Lothar Klünner, Diese Nacht aus deinem Fleisch. Gesammelte Gedichte. Berlin: Jeannne-Mammen-Gesellschaft 2000, S. 160.
Der Lyriker Wulf Kirsten bekommt in diesem Jahr den Cuxhavener Joachim-Ringelnatz-Preis. Der in Weimar lebende Künstler achte „wie Ringelnatz auch das Kleine, Unscheinbare“ heißt es in der Begründung. Zu der mit 15 000 Euro dotierten Auszeichnung gehört auch die Vergabe eines Nachwuchspreises. Für den benannte Wulf Kirsten den ebenfalls aus Weimar stammenden Musiker und Lyriker Christian Rosenau.
Quelle: Süddeutsche Zeitung
Nr.66, Samstag, den 20. März 2010 , Seite 16
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